Geschlossene Spiele – ein absurdes Handlungsballett mit doch überraschend viel Realitätsbezug

Charlotte Kaup über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Schön, wenn auch noch ungewohnt, nach so langer Zeit endlich wieder ohne weite Abstände im Zuschauerraum zu sitzen und noch dazu von einem ebenfalls ungewöhnlichen, klugen und aufrührenden Stück überrascht zu werden!

Bisher stand ich Handlungsballetten – zumindest in klassischer Form – eher mit einer gewissen Skepsis gegenüber. Der Ballettabend von Demis Volpi hat mich jedoch wirklich begeistert!
Das Stück nach der Vorlage von Julio Cortázar erzählt keine konkrete Geschichte, sondern zeigt überspitzte Charakterstudien der agierenden, eher zufällig aufeinandertreffenden Personen, für die Volpi eine jeweils individuelle, bildreiche Bewegungssprache entwickelt. Obwohl sich alles in einem Raum abspielt, kommt es zunächst zu wenig Interaktion zwischen den verschiedenen Charakteren und so betrachten wir Zuschauer viele sich parallel ereignende, einsam tragische Lebensausschnitte. Zuletzt kommt es jedoch, aufgrund einer kollektiv als ungerecht empfundenen Entscheidung, trotz aller Unterschiede zur Kooperation.
Im Zusammenspiel mit musikalischen und akustischen Fragmenten und einem sehr liebevollen, detailreichen Bühnenbild schafft Volpi eine melancholisch bedrohliche Atmosphäre mit zugleich vielen lustig- bis bitter zynischen Momenten.
Für uns Rezipienten bleibt viel Raum für Interpretation – so mag man das Stück sowohl auf die argentinische Geschichte, insbesondere die Epoche der Militärdiktatur, als auch auf (immer) aktuelle Fragen nach Gerechtigkeit und Entscheidungsmacht beziehen.
In jedem Fall wird man neben hervorragender Unterhaltung angeregt, sich mit persönlichen Assoziationen auseinanderzusetzen.

Besonders positiv hervorzuheben ist die Leistung sämtlicher Tänzer, welchen in diesem Stück neben dem Tanz auch einiges an schauspielerischer Qualität abverlangt wurde.
Für einen Ballettabend hätte ich mir insgesamt vielleicht noch etwas mehr Tanz gewünscht, aber dafür gibt es sicher noch Gelegenheit im Rahmen anderer Stücke.

Vielen Dank für diesen Abend voller Absurdität, Witz und Tragik. Ich freue mich auf mehr!

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Bevor die junge Ärztin ihre Stelle in Mönchengladbach antrat, war sie als Ballettlehrerin im Hochschulsport tätig. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires. Durch ihre Teilnahme am Opernscout-Projekt entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für die Oper. Vor allem gefällt ihr als Scout die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

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