Wieder Ballett! Demis Volpi präsentiert ein Handlungsballett

Hubert Kolb über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Nach der Beschränkung unseres Lebens auf einen engen Kreis erleben wir wieder Fast-Normalität in Sachen Kultur – ein großartiges Gefühl!
Bisher kannte ich kein „Handlungsballett“. Ich nahm eine Kunstform war, bei der in fast pantomimischer Tanzweise das gesprochene Wort einer Handlung in Körperbewegung ausgedrückt wird. Da die Fixierung durch den Text fehlt, ergibt sich eine viel breitere und individuell unterschiedliche Wahrnehmung.
Es war ein spannender Abend, auch wenn die oft überwältigende Wirkung eines auf Emotionen und abstrakte Vorstellungen zielenden Balletts fehlte. Das glich Demis Volpi mit seinem Team in eindrucksvoller Weise durch eine Vielschichtigkeit des Geschehens in einem alt-ehrwürdigen aber einfachen Restaurant (tolles Bühnenbild, gutes Licht!) und durch eine kaum komplett wahrnehmbare Zahl von Regieeinfällen aus.
Die Charakterunterschiede zwischen den einzelnen Restaurantbesuchern (Buenos Aires in Zeiten eines totalitären Regimes) wurden perfekt in individuelle Körper- bzw. Tanzbewegungen übersetzt. Die Überzeichnung war komödiantenhaft wie bei den argentinischen Kellnern, mit spiritueller Note wie bei dem Schachspieler und Personenlenker, oder beklemmend bei dem ein Todesurteil zu verantwortenden Richter. Ebenso dienten die Kostüme sowie unterschiedliche Musikstücke oder auch Stille zur Zeichnung der Charaktere.
Die dazugehörigen Körper- bzw. Tanzbewegungen bedienten sich des vollen Spektrums vom klassischen Ballett über originelle „moderne“ Tanzformen bis zu unmenschlich abgehackten Gesten beim Richter. Sein erster Solo-„Tanz“ in kompletter Stille war beklemmend. Eine großartige Leistung des Choreographen.
Die vielen kleinen Regieeinfälle waren wegen der parallelen Handlungen im Restaurantsaal gar nicht vollständig zu würdigen. Besonders gefiel mir, dass der wilde Tanz der jungen „Revoluzzer“ in den Tanz eines Clowns (?) überging, dass der hochfliegende Rock der zur Ballerina umgekleideten amerikanischen Touristin so sehr den hochfliegenden Rockschößen des komplett weißen Schachspielers glich, und dass Sisyphos in Gestalt eines immer vergeblich Koffer-aufgebenden Mannes eine weitere Wahrheit auf die Bühne brachte.

Fazit: Danke, dass ein Stück Kultur wieder Normalität wurde! Die Vielschichtigkeit und der Detailreichtum dieses Handlungsballetts fordert die Zuschauenden heraus und dürfte zu individuell unterschiedlich wahrgenommenen Bildern führen.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

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