Psychedelic-Trip durch Raum und Zeit

Jürgen Ingenhaag über die Premiere „Tristan und Isolde“

Isoldes Liebestod ist zweifellos der Höhepunkt eines fünf-stündigen Abends.

Wenn Alexandra Petersamer als Isolde von Erlösung singt und sich allmählich die leere Bühne mit Orchestermusikern füllt, bleibt kein Auge trocken. Man ist überwältigt und sprachlos. Eine weitere Gänsehaut jagt mir nach dem langen Schlussapplaus unser Gang durchs Theater zur Nachbesprechung ein. Vorbei an der großen Bühne begegnen unserer Opernscout-Gruppe viele Künstler und Bühnentechniker – Menschen aus Fleisch und Blut, die ein wirkliches und lebendiges Musiktheater erst möglich machen. Ich empfinde Respekt und Dankbarkeit.
Großer Dank geht an die Rheinoper, die in der verrückten Zeit einer nicht enden wollenden Pandemie das Experiment wagt, ein Werk von Richard Wagner aufzuführen. Eberhard Kloke dünnte die Partitur aus ohne sie zu entstellen. Ein direkter Vergleich ist schwer möglich, denn wie oft hört man schon den „Tristan“? Auf der Bühne spielen ein Streichquartett und ein Englischhorn eine wichtige Rolle. Fernab des Orchestergrabens klingt das sehr intim. Überhaupt muss es ja nicht immer laut sein, oder? Aber als das Liebespaar im zweiten Aufzug kein Ende seiner Träumereien finden will, steht es am Morgen einer lautstarken Bläsergruppe gegenüber. Wer wünscht sich schon, so unsanft geweckt zu werden?!
„Den ich hassen will, kann ich lieben.“ Das trifft auf Isolde im ersten Aufzug zu. „Liebe macht blind und krank“ (– und manch einer stirbt an gebrochenem Herzen). Das ist Tristan im dritten Aufzug. Daniel Frank überrascht spätestens hier mit seiner wohlklingenden Tenorstimme, die sich anfangs gegen seine Partnerin schwerer behaupten konnte. Der Komponist Richard Wagner hat sich mit diesem Werk von seiner verbotenen Liebe zu Frau Mathilde Wesendonck selbst therapiert. Der Regisseur Dorian Dreher hat uns in einer außergewöhnlichen unblutigen Inszenierung dieses Psychodrama vor Augen geführt.

Lassen wir uns darauf ein, genießen wir die Droge Wagner und folgen einem Psychedelic-Trip durch Raum und Zeit!

Jürgen Ingenhaag
Fachkraft für Arbeitssicherheit

Als Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert Jürgen Ingenhaag klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Als Opernscout versteht er sich als „Botschafter für das Theater Duisburg“. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge“. Seine Leidenschaft für Rock- und Popmusik hat ihn nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden.

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