Demis Volpi lässt jetzt sogar die Türen tanzen…

Michael Langenberger über die Premiere „Der Nussknacker“

und die Mäuse, Schneeflocken, Blumen, Lichterkette, Cupcakes, natürlich auch die quirlige Familie – und natürlich die Titelfigur: DER NUSSKNACKER.

Der erste Akt bettet uns in das weihnachtliche Familienfest der Stahlbaums ein. Geschäftiges Treiben von Eltern, Kindern und Verwandten. Das Reale dabei, die körpersprachliche Rolle einer jeden Figur, gewiss etwas klischeehaft tanzend, doch vielleicht gerade deshalb, weil wir uns in verschiedensten Rollen selbst wiedererkennen – für uns als Zuschauer so leicht zugänglich.
Die Kinder tanzen Gummitwist und stillen ihre Neugier – es geht über Stühle und Tische. Die Erwachsenen reagieren mit abgestufter Wichtigkeit und Strenge. Natürlich darf ein Familienfoto nicht fehlen. Alleine die Aufstellungen und Posen dazu… exzeptionell!
Dann die Bescherung. Tochter Clara bekommt den hölzernen Nussknacker geschenkt, der in der Stille der Nacht (als ferngesteuerte Figur) plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Clara, die heimlich aufgestanden in der Nacht, dann plötzlich der menschgewordenen Figur begegnet, beginnt leichtfüßig die tänzerische Annäherung zu dem unbeholfen und sich geradezu hölzern bewegenden Nussknacker.

Schon bis hier hin ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus. Unglaublich viele Details im Bühnenbild, die tänzerische Aufteilung der gesamten Bühne, die z.T. heimeligen Lichteffekte – als Zuschauer ist man im Geschehen regelrecht gefangen. Schon zur Pause gibt es tosenden Applaus und die Sehnsucht darauf, dass es im zweiten Teil so weiter gehen möge.
Doch im zweiten Akt geht es dann erst mal so richtig los! In einem Feuerwerk verschiedener Tänzergruppen – s.g. Divertissements – begleiten Clara dabei, aus dem staksigen Nussknacker einen ebenbürtig anmutig tanzenden Partner zu machen. Jedes Divertissement hält spezifische Überraschungen bereit, wie z.B. die Schneeflocken, die verträumt säuselnd zu Boden gehen oder den Nachtlichtern (nur auf dem Kopf getragene Lichterketten, die die ansonsten ganz schwarz gekleideten Tänzer nahezu unsichtbar halten), die aus dem Nichts heraus erscheinen und wieder verschwinden und dazwischen eine Art Choreografie beleuchteter Köpfe darbieten. Dabei, wie auch mit dem Tanz der Blumen, der ausschließlich die Bewegungswirkung der Gruppe und nicht das herausstellen einzelner Tänzer im Sinne hat, reißen uns die Akteure geradezu ins Entzücken.
Neben den Ideen und der Umsetzung der tänzerisch choreografischen Meisterleistung verdienen sich die Akteure hinter den Kulissen mit einer, wenn man so will choreografischen Meisterleistung eines unglaublich dynamischen Bühnenbildes und der dazugehörigen Lichtkunst ein großes Kompliment. Ob die ferngesteuerten Mäuse oder die mittanzenden Türen – das Bühnenbild spielt dynamisch mit. Subtil – man merkt es anfangs kaum – und gleichzeitig clever lassen die unterschiedlichen Größen der Türen, je mit unterschiedlich hoch angebrachten Türklinken die Tänzer auf der Bühne entsprechend ihrer Rolle als eher groß bzw. klein erscheinen. Die ganze Trickkiste der perspektivischen Bühnenbau-Künste.

Alles wäre nichts, wenn nicht die jetzt wieder vollständig besetzten Düsseldorfer Symphoniker unter der musikalischen Leitung von Marie Jacquot Tschaikowskys Klangwerk so frisch und mit großer Leichtigkeit aufgespielt hätten.
Wen wundert es dann, dass allen Akteuren mit tosendem Beifall, Standing-Ovation und Bravo-Rufen allen Akteuren für diesen großartigen Ballettabend gedankt wurde?

Ich persönlich denke jedes Mal nach einer Premiere seit Demis Volpis Einführung in das Amt des Ballettdirektors und Chefchoreografen: Mehr geht nicht! Doch mit jeder nächsten Premiere werde ich erneut von dem Ideenreichtum, aber auch seinem künstlerischen Mut und Können überrascht, wie er uns Publikum mit seiner Compagnie verzaubert – …setzt Demis Volpi immer noch eins drauf! Aus meiner Sicht schafft er neue Dimensionen des Balletttanzes – oder besser, er zieht alle Register in Sachen Balletttanzstile und verbindet diese. Das macht seine Idee von Tanz und Ballett auch zugänglich für Junge und Jüngste und wegen seiner Vielfalt reizvoll für das tanzerfahrene Publikum. Ich meine: Das ist ein neuer Maßstab für Ballett. So geht Ballett heute!

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

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