Unbedingt sehenswert!

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Tristan und Isolde“

Wagneropern sind immer ein Wagnis: meist sehr lang, episch im Text und irgendwo zwischen wirr und fantastisch in der inhaltlichen Anlage… vermutlich gibt es daher wenig zwischen Wagnerfetischist und Wagnergegner… jetzt stand im Theater Duisburg die Premiere von Tristan und Isolde auf dem Programm, ein „5-Stunden-Wagnis“, das sich für mich als Gewinn herausgestellt hat.

Die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Axel Kober waren gut aufgelegt, hier und da hätte man sich bei der Lautstärke vielleicht etwas mehr Zurückhaltung gewünscht, um der einen oder anderen Stimme mehr Vordergrund zu gönnen.
Alexandra Petersamer, die auch in der konzertanten Götterdämmerung von 2019 schon in Brünnhildes Rolle glänzte, war auch hier stimmlich ohne Frage der Star des Abends. Nicht nur ihr volumenreicher und wandelbarer Sopran hat restlos überzeugt, auch  ihre Rolle als Isolde hat sie zwischen Liebestollheit, Wut, Enttäuschung und Hoffnung wunderbar ausdrucksvoll ausgefüllt. Daniel Frank hat die fordernde Tristan-Partie an ihrer Seite gut und solide gesungen und gespielt, konnte aber an Stimmkraft und Bühnenpräsenz nicht ganz aus dem Schatten der Isolde heraustreten.
Beeindruckend, also stimmlich gut besetzt, waren für mich auch die Rollen der Brangäne (Katarzyna Kuncio) und König Marke (Hans-Peter König). Überhaupt war es ein einheitlich hohes Stimmniveau – das machte das Zuhören genussvoll und  kurzweilig.
Auch das Auge kam auf seine Kosten: es war viel Bühnenmaschinerie im Einsatz: ein doppelter Boden teilte die Bühne in der Vertikale aus und schuf mehrere Ebenen für die Schauplätze – trotzdem waren es wenige und reduzierte „Bühnenbilder“ und Requisiten, die aber völlig ausreichten, um die Umstände und Vorgänge anzudeuten – Und vor allem viel Raum ließen für den eigentlichen Fokus der Oper: das Innenleben der Liebenden, die wirre Gefühlswelt, die extremen Emotionen im Verlauf dieser komplizierten Liebe. Um diese noch deutlicher hervorzuheben, gab es eine äußerst wirkungsvolle dramaturgische Idee: eine kleine fünfköpfige Instrumentalgruppe aus Streichern und Englischhorn spielte nicht im Orchestergraben, sondern wurde jeweils passend zur Szene unmittelbar neben den Sängern  positioniert – dieser Effekt ließ Stimmen und Ensemblemusik klanglich verschmelzen und unterstrich die Handlung, meist den inneren Konflikt, umso mehr.

So entstand insgesamt ein schlanker,  reduzierter Wagner, der aber alles Wesentliche in den Vordergrund rückt und den Blick freigibt auf den Kern der Sache… nicht nur für Wagnerfans  unbedingt sehenswert, finde ich!

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

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