„Psychologisches Kammerspiel mit großer Wirkung“

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Ad absurdum“

Ad Absurdum… bis zur Sinnlosigkeit – eigentlich ist es die beste Idee überhaupt, absurdes Theater ins Ballett zu „übersetzen“, bleibt doch die Sprache absurder Theaterstücke als Mittel der Verständigung zweitrangig bzw. gänzlich untergeordnet. Stattdessen werden Orte ohne konkrete Zuordnung und Zeitlosigkeit in Szene gesetzt. Da ist es doch naheliegend, das Ballett als Ausdrucksform zu nutzen und das gelingt in den beiden Balletten, die in Duisburg am 17.11. Premiere feiern konnten, aufs Beste.

Eugène Ionescos „The lesson“ ist in seiner Bildhaftigkeit noch ein bisschen konkreter als die „Kahle Sängerin“: man wird Zeuge einer Ballettstunde eines verschroben-zwielichtigen Ballettlehrers und seiner jungen euphorischen Schülerin, deren tänzerische Überlegenheit und geistige Freiheit ihn zunehmend wütend und übergriffig machen und die er schließlich aus unkontrollierter Triebhaftigkeit erwürgt. Die Pianistin äußert zwar ihr Missfallen an seinem Tun, hilft aber dann bei der Beseitigung der Leiche… In der bedrohlich anmutenden Umgebung eines lichtarmen Ballett-Kellers, dessen vergilbte Oberlichter noch mit Vorhängen verdunkelt werden, wirken diese drei denkbar kontrastreichen Charaktere beinahe manisch in ihrem Verhalten, psychopathisch und in ihrem unkontrollierten Treiben regelrecht beängstigend. Die kranke Atmosphäre gipfelt schließlich in dem Mord an der Tänzerin – diese Entwicklung bis dahin ist großartig getanzt und gleichzeitig in einer fast statischen Dramaturgie packend in Szene gesetzt. Man sieht als Zuschauer die Katastrophe nahen und ist dennoch entsetzt, als es am Ende tatsächlich dazu kommt… Und noch einmal genauso entsetzt über die Folgenlosigkeit der Tat, vor allem da am Schluss die nächste Tanzschülerin bereits vor der Tür auf ihre Ballettstunde wartet… ein kleines psychologisches Kammerspiel mit großer Wirkung.

In einer ebenso unkonkreten und zeitlosen Welt bewegt sich das Ballett „Die kahle Sängerin“, ebenso ein Werk Ionescos „absurder“ Gedankenwelt. Diesmal dient das leblos-langweilige und von Konformität geprägte Eigenheim des Ehepaars Smith als Schauplatz. Mrs. Smith wird über die schleichend wachsende Erkenntnis, in welch spießig-eintöniger Welt sie lebt, immer verrückter und tanzt/bewegt sich mit wahnsinniger Geste… das Leben zieht ohne nähere Wahrnehmung am Ehepaar vorbei, belanglose Besuche von austauschbaren Personen führen Mrs. Smith die Leere in ihrem Leben nochmal deutlicher vor Augen. Was für eine kluge und effektvolle Idee, das Besucher-Ehepaar „Martins“ beliebig zu vervielfachen. Bei aller Mühe, mit karierten Hosen und knallig orangefarbenen Rollkragenpullovern Eindruck zu machen, bleiben sie eben doch völlig „gesichtslos“ und unspezifisch in ihrer Persönlichkeit.    Der  Besuch eines riesenhaften silbrig futuristisch gekleideten Feuerwehrmannes löst dagegen gleich ekstatische Reaktionen bei Mrs. aus… was womöglich entscheidend dazu beiträgt, dass sie  am Ende in beeindruckendem Wahn das beige Papier von den Wänden reißt und das „Leben draußen“, die „Welt außerhalb ihrer vier Wände“ sieht und erstmals wirklich wahrnimmt – und sie zum finalen Zusammenbruch bringt. Diese Geschichte ist so bildgewaltig inszeniert, in ein plakativ langweiliges und gleichzeitig mit pfiffigen und humorvoll eingesetzten Details (Tür, Kronleuchter) ausgestattetes Bühnenbild platziert und von den Tänzern in assoziative passende Kostüme gekleidet so kantig und unkonventionell vertanzt… das ist richtig stark. Dass die Musik mit der Handlung aufs Feinste verschmolzen ist, wird dabei beinahe zur Nebensache, trägt aber auch zu dem vollends stimmigen und fesselnden Eindruck dieses Abends bei. Sehr lohnend: Unbedingt ansehen!


Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

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