Orpheus in der Unterwelt – Qualitätsklamauk

Michael Langenberger über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Keine Frage, was uns die Akteure, egal ob Sänger, Ballett, Chor boten, war feinste Präzisionsarbeit. Die Idee der Barrie Kosky Inszenierung, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Stück zieht: Alle Sprechpassagen der Sänger durch einen Synchronsprecher zu präsentieren. Diese Aufgabe übernimmt Max Hopp, der nicht nur die Texte aller Sänger, egal ob Frau ob Mann spricht, sondern auch noch Geräusche wie quietschende Türen oder einzelne Schritte vertont und damit großes Amüsement im Publikum auslöst. Alles muss und ist bis in kleinste Detail “getimt”, damit die gesprochenen Mundbewegungen der stimmlosen Sänger genau zum Text von Max Hopp passen. Eine richtig gute Idee, die Mitspielern und Publikum sichtlich Spaß macht. Dadurch entwickelt sich auf der Bühne eine Eigendynamik, die die Musik gewissermaßen auf das Notwendige reduziert.

Natürlich tun die Bühnenbilder, unglaublich kreative Kostüme und eben nicht zu vergessen Chor- und Balletteinlagen in bekannt bester Qualität ein Übriges für das Bühnenspektakel.
Wie eben auch beim Essen, isst man von allem zu viel, gibt es irgendwann Bauchweh. Das war für mich der Zeitpunkt, wo der Synchronsprecher Max Hopp in die Rolle des “John Styx” stieg und anfing zu singen. Gewissermaßen konsequent wäre m.E z.B. gewesen, wenn ein Opernsänger die Gesangspassagen von “John Styx” synchron gesungen hätte. Doch so hatte ich den Eindruck, als ob die gesamte Inszenierung um die Person Max Hopp herum konstruiert worden wäre. Ich glaube, damit hängt auch zusammen, dass es dem Stück an dramaturgischer Dynamik fehlte. Immer Vollgas. Kann man machen, ist aber nicht meins. 

Ein besonderes Lob gebührt dieses Mal der Opernorganisation; die mehrfachen Corona bedingten Verschiebungen, verbunden mit all dem Aufwand, der um uns Zuschauer notwendig war, perfekt gemanagt. Chapeau!
Engagierter Applaus für das Stück wechselte zu tosendem Applaus, als ein Banner mit dem ’Schriftzug “Peace” auf Regenbogenflagge nach vorne gehalten wurde. Es wird mir klar, welcher Luxus es ist, dass wir in einer Vorstellung sitzen und uns über Kleinigkeiten auslassen, während in Europa Krieg ist.

Ganz persönlich würde ich mir so sehr wünschen, wenn gerade die Künstler, egal welcher Nationalität, mit aller künstlerischer Freiheit den Frieden vorleben.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

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