Ein Ballettabend für Alt und Jung

Michael Langenberger zur Premiere „One and others“

Nach langer Zeit mal wieder ein Ballettabend gestaltet von drei unterschiedlichen Choreographen. Alleine die Abwechslung in der Saisonplanung der Deutschen Oper am Rhein solcher Ballettabende mit ebenso schönen Handlungsballett-Abenden (wie z.B. “GESCHLOSSENE SPIELE” und “DER NUSSKNACKER”) finde ich vielfältig und reizvoll. 

Dieses Mal standen drei Stücke auf dem Plan, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. „POLYPHONIA“ von Christopher Wheeldon besticht in seiner Gesamtkomposition. Wobei hier ausdrücklich der Begriff Komposition in besonderer Weise zutrifft. Es werden nämlich zehn einzelne Klavierstücke von György Ligeti, die ursprünglich wohl nichts miteinander zu tun hatten, zusammengestellt, wobei die tänzerische Darbietung durch ihre Einfühlsamkeit alles so sehr miteinander verbindet, dass ein äußert harmonisches Klang-/Tanzerlebnis entsteht. Sparsames Bühnenbild und wenige äußerst geschickt eingesetzte Lichteffekte unterstützen die dem Stück eigene Micropolyphonie. Die Musikstücke alleine hätte ich wohl als anstrengend empfunden, doch vertanzt war es einfach stimmig und schön. Ein besonderes Lob gilt hier auch Susanna Kadzhoyan und Eduardo Boetchat am Flügel.
Demis Volpi choreographiert in der dem Abend den Titel gebenden Geschichte „ONE AND OTHERS“ die Musik “The Awakening” von Christos Hatzis, bestehend aus einem Streichquartett und einer zusätzlichen Soundebene aus Geräuschen und zusätzlich dem Kehlkopfgesang von Inuits aus Kanada. Tänzerisch wird uns eine Geschichte mit fünf Paaren erzählt, die sich die ganze Breite und Tiefe der Bühne nutzend, in einer ambivalenten Zugehörigkeit zueinander bewegen. Doch im Mittelpunkt steht Lara Delfino als eine Frau, die zwischen den Männern der anderen Paare im wahrsten Sinne hin und her gerissen, gezogen, geschoben und umgarnt wird, um sich am Ende zu emanzipieren. Wie wir es bei Choreographien von Demis Volpi mittlerweile gewohnt sind, lässt er die Akteure zumeist aufeinander bezogen zueinander bewegen. Die individuellen Gesichtszüge jeder Person lassen sich so wenig identifizieren, dass dadurch wieder die Tänzer als Ganzes und weniger die einzelne Person wirken. Das schlichte Bühnenbild zusammen mit der schummrigen Beleuchtung schaffen darüber hinaus eine Nähe zum Publikum.
Richtig heftig wird es im dritten Stück “SALT WOMB”. Heftig vor allem für die Tänzer, die sich zu dem kurzgetakteten, kräftigen Bass-Rhythmus in ebenso kurzgetakteten, oft stampfenden Dauerbewegungen auf der Bühne in sehr konfrontativer Weise dem Publikum gegenüberstehend bewegen. Ein wenig erinnert es mich an den zeremoniellen Tanz der neuseeländischen Nationalmannschaft im Rugby, die ihrerseits ähnliche Bewegungsformen vor Anpfiff eines jeden Spiels zelebrieren. Nur eben nicht so lange wie die 17 Balletttänzer und vor allem nicht mit so vielen individuellen, solistischen Bewegungsvariationen. Ursprünglich war die Choreographie für 9 Personen angelegt. Hier in Düsseldorf sind es 17 – ein wirkmächtiger “Tanzblock“. Weil die Musik kaum melodiöse Varianten zur Orientierung für die Tänzer ausweist, muss jede kleinste solistische Einlage von Anbeginn exakt mitgezählt werden, um den Einsatz nicht zu verpassen. D.h. aus dem stampfenden Block aller Akteure stechen hier und da mal vorne, mal hinten, mal links, mal rechts oder in der Mitte einzelne Bewegungsmuster hervor. Das Auge sucht immerzu nach der nächsten Aktion.

Nach rund 2o Minuten schweigen die Bässe und der kurzen Stille folgt tosender Beifall des Publikums. Was mich in dieser Heftigkeit dann doch etwas überrascht hat. Denn ich hätte nicht gedacht, dass diese knappe halbe Stunde, die genau so auch auf dem Dancefloor der edelsten Clubs gepasst hätte und bejubelt worden wäre, auch die betagteren Ballettbesucher im wahrsten Sinne des Wortes aus den Stühlen reißt.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s