So hat sich modernes Ballett entwickelt – aufregend!

Hubert Kolb über die Premiere „One and others“

Mit den drei gezeigten Choreographien konnte man die aktuelle Entwicklung des Balletts mitverfolgen – auf höchstem Niveau, das war spannend.

Es begann mit dem modernen Klassiker von Christopher Wheeldon „Polyphonia“ (Jahr 2001). Das Stück hat mich innerlich nicht berührt. Klassische Ballettschritte modern angereichert, ästhetisch eindrucksvolle geometrisch orientierte Bewegungen, ich dachte an Bauhaus. Aber: Da war keine Seele im Tanz, keine Beziehung zwischen den Tanzenden wahrnehmbar, viele stationäre Tanzphasen mit Drehungen und Hebungen. Die Klaviermusikstücke von Ligeti wirkten dazu etwas hart. Nur das erste und letzte Stück hatten tollen Rhythmus. Dazu waren alle vier Paare auf der Bühne und eroberten den Raum mit schnellen Schritten und originellen Armbewegungen. Beim ersten Stück gab es dazu einen Schattenwurf der Bewegungen auf die Rückwand der Bühne, das war genial.

Als Demis Volpi – Fan war sein Stück „One and Others“ (Jahr 2015) für mich der Höhepunkt. Seele in der Musik von Hatzis und in den Bewegungen der fünf Paare, klassische Ballettschritte weiterentwickelt zu einem Ausdruckstanz, auch ganz langsame Bewegungen waren erlaubt und vermittelten Emotionen. Die Annäherung, das Werben, das Auf und Ab der Beziehungen wurden in vielen „modernen“ Bewegungen und Hebefiguren deutlich. Großartig war dann der Pas de deux von Lara Delfino und Dukin Seo. Irgendwie war es nur noch ein gemeinsamer Körper, der in dynamischen oder langsamen Bewegungen Innigkeit vermittelte, man dachte an einen platonischen Liebesakt. Ein spannender Bogen umfasste das ganze Stück, sodass ich verblüfft war, wieviel Zeit vergangen war. Der Beifall war groß.

Die andere aktuell-moderne Entwicklung des Balletts ist der komplette Verzicht auf klassisch anmutende Ballettschritte, hier bei der Choreographie von Sharon Eyal aus dem Jahre 2016, „Salt Womb“. Die knallhart stampfende Technomusik von Lichtig hatte ihre Entsprechung in maschinenartigen synchronen oft langsamen Bewegungen der 17 Tanzenden, von denen manchmal ein oder zwei eine Art Vortänzer:in war:en. Auch wenn der Rhythmus der Musik wie bei Techno üblich das Publikum und auch mich gefangen nahm, blieb das Geschehen auf der Bühne ohne Widerhall in mir. Nur eine Formation, als alle eng gedrängt im Kreis standen und die Arme nach oben streckten, beeindruckt mich. Dem starken Beifall konnte ich mich nicht anschließen.

Insgesamt bot der Abend eine tolle Erfahrung der Möglichkeiten des aktuellen Balletts!

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen.

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