„Ein unvergesslicher und sehr lohnender Ballettabend!“

Sassa von Roehl über die Premiere „One and others“

Nach dem Ballettabend „One and Others“ bleibt vor allem das letzte Stück, „Salt Womb“ choreographiert von der 1971 geborenen Israelin Sharon Eydal, im Kopf und im Körper des Zuschauers. Die harten Rhythmen erinnern an das Stampfen einer alten Dampflokomotive oder an Hammerschläge in einem Stahlwerk. Die pulsierenden, lauten Techno-Töne übertragen sich sogar auf den eignen Herzschlag. Diese körperliche Erfahrung verstärkt das Erleben der athletisch extrem anspruchsvollen Tanzdarbietung, die mich ganz in den Bann zieht. Man fühlt sich beinahe als Teil des Ensembles. Die rauschhaften Bewegungen der Gruppe, die sich mal zusammen und dann wieder auseinanderzieht erinnert an einen Fisch- oder Kaulquappenschwarm. Die Tänzer scheinen sich fast traceartig zu bewegen. Ästhetik und Erschrecken liegen nahe zusammen, wenn sich plötzlich Einzelne zuckend hervortun, um sich dann doch wieder in die repetitive Disziplin der Gruppe einzuordnen. Ein solch intensives Stück, das mich die Anstrengung der Künstler beinahe selbst körperlich mitwahrnehmen lässt, habe ich noch nie erlebt. Das Publikum ist ebenso begeistert und belohnt die harte Körperarbeit mit tosendem Applaus.

Auch das mittlere Stück von Ballettdirektor Volpi, das dem Abend den Namen gibt, rührt emotional an. Doch es vermittelt eine vollkommen andere Stimmung. Die Musik, hauptsächlich von Streichern, besonders von Celli getragen und mit Kehlkopfgesängen kanadischer Inuit, wirkt traurig und schwermütig. Der Gazevorhang hinter dem die Paare agieren, hat den Effekt eines Weichzeichners und sorgt für eine nahezu mystische, märchenhafte Anmutung, wozu der elegante Spitzentanz der Tänzerinnen gut passt. Fünf Paare erzählen tänzerisch Geschichten über Beziehungen, über das aufeinander-zu und voneinander-weg Bewegen. Gegen Ende werben drei Männer um eine Frau, ziehen sie hin und her, was beinahe schon unangenehm wird, bis sie sich für einen entscheidet und ein herrlicher Pas de deux folgt. Man ist versöhnt und bezaubert!

Der Beginn des Abends kommt dagegen mit der live gespielten Klaviermusik von György Ligeti kühler daher. Auch bei Christopher Wheeldons „Polyphonia“ geht es um Paarkonstellationen, die in zehn Miniaturen kunstvoll zelebriert werden. Sehr minimalistisch in Kostüm und Bühnenbild zeigen die Tänzer und Tänzerinnen beeindruckende geometrische Figuren, die Balance und Schwerkraft herausfordern. 

Die Auswahl und die die Abfolge der so unterschiedlichen Interpretationen des Themas „Einzelner und Gruppe“ hätte nicht besser sein können. Es ergab sich eine enorme Steigerung an Spannung. Ein unvergesslicher und sehr lohnender Ballettabend!

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als Kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Als Fan von Martin Schläpfer ist sie Opernscout geworden. Mit großem Interesse und Freude an der Reflexion widmet sie sich jetzt auch den Opernproduktionen. Gespannt startet sie nun in ihre zweite Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

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