„Ein beeindruckender Ballettabend“

Helma Kremer über die Premiere „One and others“

Der Abend verspricht spannend zu werden: Unter dem Titel „One and Others“ präsentiert das Ballett am Rhein drei aktuelle Werke von drei verschiedenen Choreograph*innen zu wiederum sehr unterschiedlicher zeitgenössischer Musik.

Das erste Stück „Polyphonia“ des britischen Choreographen Christopher Wheeldon ist, wie ich dem Programmheft entnehme, ein Jugendwerk aus seiner abstrakten, neoklassischen Anfangszeit. In 10 kurzen Episoden verhandeln fünf Paare Konstellationen des Miteinanders, Anfang und Abschluss bilden vier Duos. Ich habe zunächst Schwierigkeiten, einzusteigen. Die Musik, ein Klaviersolo von György Ligeti, wirkt auf mich sperrig und sehr abstrakt. In den Bann zieht mich dann jedoch die tänzerische Präzision, mit der die schier atemberaubenden akrobatischen Leistungen entfaltet werden. So etwas habe ich im Ballett noch nie gesehen. Die Tänzer*innen stellen höchst komplizierte geometrische Figuren dar. Zunehmend wird die anfangs kalte Präzision dann  von spielerischen Elementen durchbrochen, so dass auch der Humor nicht zu kurz kommt. Damit ist das Eis gebrochen.

Das zweite Stück, das dem Ballett-Abend seinen Namen gibt, ist „One and Others“ von Demis Volpi. Auch hier geht es um das Miteinander von Individuen, nun in diversen Konstellationen. Männer und Frauen sind gleich gekleidet, so dass die Geschlechter-Trennung beinahe aufgehoben wird. Im Zusammenspiel mit der kalten Beleuchtung und den leicht nebelartigen Effekten, die die Umrisse der Tänzer*innen verschwimmen lassen, entwickelt sich eine sehr „cleane“ Atmosphäre, ähnlich der in einem Science-Fiction-Film. Dazu leisten auch die edlen Kostüme in einer blau-metallischen Farbe ihren Beitrag. Diese kühle Szenerie  steht in spannenden Widerspruch zur Musik des kanadisch-griechischen Komponisten Christos Hatzis, die mich von Beginn an sehr berührt. Das Streichquartett wird mit Sound-Einspielungen von Kehlkopfgesängen kanadischer Inuit untermalt sowie mit Geräuschen von Lokomotiven. Diese beiden Elemente verweisen bereits auf das dritte Stück. (Das fällt mir aber erst beim Schreiben auf.)

Schon nach diesem zweiten Stück, fällt der dramatische Spannungsbogen und die – auch musikalische Steigerung – der Dynamik vom ersten zum zweiten Stück auf, die sich auch in Größe und Konstellation des Ballett-Corps zeigt. Ihren Höhepunkt erfährt diese Steigerung im dritten Stück. Die Musik setzt so unvermittelt und tosend ein, dass ich das Gefühl habe, von einer Dampflok überfahren zu werden. Zu den elektronischen Beats von Ori Lichtik, die immer wieder von Sirenen-Geheul und Schüssen unterbrochen werden, bewegt, man könnte auch sagen, wälzt sich eine Gruppe von 17 Tänzern. Trotz der gleichen Tanzbewegungen wirkt das Ganze nicht wie ein Mit-, sondern wie ein Nebeneinander. Einzelne Individuen unternehmen den Versuch, auszubrechen, aber sie werden entweder isoliert oder wieder eingefangen. Zuckende Körper suggerieren eine Atmosphäre von Gewalt, Folter oder Krieg. Dabei deuten sowohl Rhythmen als auch Bewegungen auf rituelle Tänze indigener Völker, nur eben hier pervertiert. „Gleichstellung“ und „Fremdbestimmung“ sind die Begriffe, die mir dazu einfallen. Bei aller Finsternis entfaltet dieses Stück einen Sog, dem sich keiner entziehen kann.

Begeisterter Applaus und Standing Ovations für die Künstler*innen. Einer der beeindruckendsten Ballett-Abende, die ich bisher erleben durfte. Er wird lange nachwirken.

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt Düsseldorf.

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