„Was für ein Abend!“

Markus Wendel über die Premiere „One and others“

Wow, was für ein Abend

Wenn es einen roten Faden gibt, der sich durch die Spielzeiten der Deutschen Oper am Rhein zieht, ist es wohl diese Feststellung: Die größten Überraschungen bietet anscheinend immer das Ballett. So auch am vergangenen Samstag zur Premiere von „One and Others“.

Ganz leise und intim geht es los. In „Polyphonia“ werden zehn Tänze gezeigt, begleitet von einer Pianistin. Berührt bin ich von der Wärme und dem Wohlklang der Musik. Erst später – am Ende des Abends – wird mir klar, dass dieses tänzerisch etwas kühl und technisch wirkende Stück mit Bedacht gewählt wurde und einen guten Gegenpol setzt zum Rest des Abends.

Mitreißend wird es zum zweiten und titelgebenden Stück in der Choreographie von Demis Volpi. Es passt einfach alles. Spannung, Bildsprache, Tanz – wirklich herausragend. Das um die Kehlkopfgesänge kanadischer Inuit ergänzte Streichquartett trägt die Szene mit der Anmutung eines Film-Soundtracks. Auch die Geräusche fahrender Lokomotiven werden in die Klanglandschaften eingebettet. In den vom Licht geschaffenen Räumen suchen und finden sich die Tänzerinnen und Tänzer. Alles im Wandel zwischen Geborgenheit, Verlust und einer Suche nach Orientierung. Erschaffen wird eine solch unmittelbare Emotionalität, die mich bis hin zu tiefster Traurigkeit einiges durchleben lässt. In die Pause gehe ich ergriffen und nachdenklich. Und überaus dankbar.

Mit „Salt Womb“ wird es wirklich krass. Wie der Schlag eines Herzens pulsiert die Musik. Die extreme Lautstärke der Elektro-Sounds bringt die Lautsprecher des Saals an ihre Grenzen und ist körperlich spürbar. Für die Darstellung an der Deutschen Oper am Rhein wurde das ursprüngliche Ensemble auf 17 Tänzerinnen und Tänzer erweitert. Im Vordergrund steht die absolute Dynamik der Gruppe. Hart und bis zur völligen Verausgabung. Der umherfliegende Schweiß und die Beleuchtung erschaffen Atmosphären zwischen dem Berliner Berghain und dem Innern eines Stahlwerks. Eine unfassbare Performance.

Beide Daumen hoch – absolut empfehlenswert!

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

„Tanz in den unterschiedlichsten Möglichkeiten und Facetten“

Charlotte Kaup über die Premiere „One and others“

Mit „One and Others“ zeigt das Ballett am Rhein einen vielseitigen beeindruckenden Ballettabend, der den Tänzer*innen sowohl körperlich als auch mental eine große Wandelbarkeit abverlangt.

Eröffnet wird der Abend von Christopher Wheeldons „Polyphonia“, einem abstrakten Stück, das vor allem auf klassischen Bewegungen in geometrischen Kompositionen basiert. Inhaltlich scheint es kein festes Thema zu geben – alle Konzentration liegt auf dem Tanz und der Musik, auf Dynamiken und Fluss ohne eindeutige nachhallende Melodie oder emotionale Aufladung. Ich finde es genial, das Stück übt eine hypnotisierende Wirkung auf mich aus. Sowohl der Bühnenraum als auch die Kostüme sind sehr schlicht gehalten und so genieße ich pure Kraft und Linien von Klang und Bewegung. Einzig das Lächeln in den Gesichtern der Tänzer*innen wirkt auf mich zeitweise etwas irritierend. Ein neutraler Ausdruck hätte für meinen Geschmack noch etwas besser zu dem Stück gepasst. Dennoch ein fantastischer Auftakt.

Es folgt das Stück „One and Others“ von Demis Volpi, das dem Abend seinen Namen verleiht. Im Gegensatz zum ersten Stück kreiert Volpi sowohl durch die Musikauswahl (Streichmusik mit Inuit-Gesängen auf stampfenden Maschinengeräuschen) als auch durch die Bewegungssprache einen bildhaften, emotionalen Ausdruck. Mit meist klassischen Bewegungen entstehen kleine Handlungssequenzen, diskret verschleiert hinter einem feinen Netz und in kaltes Licht getaucht. Die Szenen erinnern an gefangene Fische, Vögel oder Robben und an Überleben in einer rauen Welt. Als Zuschauer beobachtet man eine fremd anmutende Szenerie, die doch bis zuletzt ihren eigenen geheimnisvollen Regeln unterliegt. Die Musik ist spannend und kraftvoll und in einigen Sequenzen vielleicht auch etwas theatralisch. Insgesamt ein sehr fein abgestimmtes Werk.

Das letzte Stück „Salt Womb“ von Sharon Eyal besticht durch die Kraft und den Rausch der Gruppe. Musik und Choreografie sind repetitiv, rhythmisch, voller Energie und Anstrengung. Die Bewegungen sind nicht elegant oder grazil, sondern schwer, instinktiv und animalisch. Die Bühne wird zur Höhle, zur Wüste, zur Feuerstelle. Eyal packt uns Zuschauer und nimmt uns mit auf einen pulsierenden Trip voller Ekstase.

Ein abwechslungsreicher und gleichzeitig runder Tanzabend, der die Freude an Bewegung in ihren unterschiedlichen Möglichkeiten und Facetten zelebriert und für jeden Geschmack und jede Stimmung etwas bereithält.

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Vor kurzem hat die junge Ärztin eine Stelle in Mönchen Gladbach angetreten. Vorher arbeitete sie einige Jahre als Ballettlehrerin beim Hochschulsport. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und ist sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires.
Bezüglich der Oper ist sie ein Neuling, möchte dies aber gerne ändern und freut sich deshalb auf eine weitere Zeit als Scout und die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

„Ein beeindruckender Ballettabend“

Helma Kremer über die Premiere „One and others“

Der Abend verspricht spannend zu werden: Unter dem Titel „One and Others“ präsentiert das Ballett am Rhein drei aktuelle Werke von drei verschiedenen Choreograph*innen zu wiederum sehr unterschiedlicher zeitgenössischer Musik.

Das erste Stück „Polyphonia“ des britischen Choreographen Christopher Wheeldon ist, wie ich dem Programmheft entnehme, ein Jugendwerk aus seiner abstrakten, neoklassischen Anfangszeit. In 10 kurzen Episoden verhandeln fünf Paare Konstellationen des Miteinanders, Anfang und Abschluss bilden vier Duos. Ich habe zunächst Schwierigkeiten, einzusteigen. Die Musik, ein Klaviersolo von György Ligeti, wirkt auf mich sperrig und sehr abstrakt. In den Bann zieht mich dann jedoch die tänzerische Präzision, mit der die schier atemberaubenden akrobatischen Leistungen entfaltet werden. So etwas habe ich im Ballett noch nie gesehen. Die Tänzer*innen stellen höchst komplizierte geometrische Figuren dar. Zunehmend wird die anfangs kalte Präzision dann  von spielerischen Elementen durchbrochen, so dass auch der Humor nicht zu kurz kommt. Damit ist das Eis gebrochen.

Das zweite Stück, das dem Ballett-Abend seinen Namen gibt, ist „One and Others“ von Demis Volpi. Auch hier geht es um das Miteinander von Individuen, nun in diversen Konstellationen. Männer und Frauen sind gleich gekleidet, so dass die Geschlechter-Trennung beinahe aufgehoben wird. Im Zusammenspiel mit der kalten Beleuchtung und den leicht nebelartigen Effekten, die die Umrisse der Tänzer*innen verschwimmen lassen, entwickelt sich eine sehr „cleane“ Atmosphäre, ähnlich der in einem Science-Fiction-Film. Dazu leisten auch die edlen Kostüme in einer blau-metallischen Farbe ihren Beitrag. Diese kühle Szenerie  steht in spannenden Widerspruch zur Musik des kanadisch-griechischen Komponisten Christos Hatzis, die mich von Beginn an sehr berührt. Das Streichquartett wird mit Sound-Einspielungen von Kehlkopfgesängen kanadischer Inuit untermalt sowie mit Geräuschen von Lokomotiven. Diese beiden Elemente verweisen bereits auf das dritte Stück. (Das fällt mir aber erst beim Schreiben auf.)

Schon nach diesem zweiten Stück, fällt der dramatische Spannungsbogen und die – auch musikalische Steigerung – der Dynamik vom ersten zum zweiten Stück auf, die sich auch in Größe und Konstellation des Ballett-Corps zeigt. Ihren Höhepunkt erfährt diese Steigerung im dritten Stück. Die Musik setzt so unvermittelt und tosend ein, dass ich das Gefühl habe, von einer Dampflok überfahren zu werden. Zu den elektronischen Beats von Ori Lichtik, die immer wieder von Sirenen-Geheul und Schüssen unterbrochen werden, bewegt, man könnte auch sagen, wälzt sich eine Gruppe von 17 Tänzern. Trotz der gleichen Tanzbewegungen wirkt das Ganze nicht wie ein Mit-, sondern wie ein Nebeneinander. Einzelne Individuen unternehmen den Versuch, auszubrechen, aber sie werden entweder isoliert oder wieder eingefangen. Zuckende Körper suggerieren eine Atmosphäre von Gewalt, Folter oder Krieg. Dabei deuten sowohl Rhythmen als auch Bewegungen auf rituelle Tänze indigener Völker, nur eben hier pervertiert. „Gleichstellung“ und „Fremdbestimmung“ sind die Begriffe, die mir dazu einfallen. Bei aller Finsternis entfaltet dieses Stück einen Sog, dem sich keiner entziehen kann.

Begeisterter Applaus und Standing Ovations für die Künstler*innen. Einer der beeindruckendsten Ballett-Abende, die ich bisher erleben durfte. Er wird lange nachwirken.

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt Düsseldorf.

„One and others“

Karolina Wais über die Premiere „One and others“

POLYPHONIA

Der Abend fängt gut mit einem Klavierspiel an, zudem vier Paare tanzen. Sie werden auf eine Art und Weise beleuchtet, so dass die Tänzer*innen vervielfacht wirken. Damit spiegeln sie die Polyphonie, also Vielstimmigkeit der Musik klug wider. Das letzte Tanzstück greift die Vielstimmigkeit mit scheinbar unbeabsichtigten Verzögerungen im Tanz auf. Die Kostüme und das Bühnenbild sind sehr schlicht gehalten, ich kann mich also vollkommen auf die Musik und den Tanz konzentrieren. Die insgesamt zehn Stücke in unterschiedlichen Formationen, mal in stoischer Haltung, mal mit viel Leichtigkeit, stets mit Präzision sind schön anzuschauen. Ein wunderbarer Einstieg in diesen Abend.

ONE AND OTHERS

Demis Volpi hat wieder ein wunderbares Stück geschaffen. Die Balletttänzer*innen tanzen scheinbar im Nebel, das schafft eine mystische Atmosphäre. Die Kostüme sind sehr schlicht in leichten Blautönen gehalten. Es wird Spitze getanzt und mit den Spitzenschuhen ein Rhythmus erzeugt, dieser Augenblick gefällt mir besonders. Ich mag auch das Zusammenspiel Lara Delfinos mit den Tänzern, sie wird zwischen ihnen gereicht, verliert sich dabei aber nie. Das Stück wird von einem Pas de deux von Lara Delfino und Dukin Seo perfekt vollendet. Sie verschmelzen förmlich ineinander.

SALT WOMB

Kraft! Bewegung! Stark! Das ist heute mein Höhepunkt des Abends. Es fängt mit lauter maschineller Techno Musik an, die Tänzer*innen bewegen sich wie in Trance um einen Tänzer. Die Bühne wird erstmal im warmen Licht getaucht. Das Gesamtbild, das dadurch entsteht, ist grandios, stark und sehr kraftvoll. Die Formation schaukelt sich in gleichmäßigen, fast tranceähnlichen kleinen Bewegungen ins Extreme. Das Stück, ursprünglich für neun Tänzer*innen inszeniert, wird für das Ballett am Rhein um acht weitere Tänzer*innen ergänzt und das ist einfach atemberaubend, weil es dadurch an noch mehr Kraft gewinnt. Die Musik ist so laut, dass ich sie körperlich spüren kann, mitwippen kann. Die Bewegungen sind mechanisch wiederholend, die Monotonie dieser Bewegungen wird aber immer wieder durch neue Transformationen unterbrochen. Sie kommen von innen heraus und sind offensichtlich so anstrengend, dass die Körper vor Schweiß glänzen, salzig werden. Die Tänzer*innen bilden zusammen einen Körper, der pulsiert. Es ist hypnotisierend und lässt mich mitfühlen. Ich will es nochmal sehen und erleben.

Vielen Dank für diesen starken Abend!

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

„Ein unvergesslicher und sehr lohnender Ballettabend!“

Sassa von Roehl über die Premiere „One and others“

Nach dem Ballettabend „One and Others“ bleibt vor allem das letzte Stück, „Salt Womb“ choreographiert von der 1971 geborenen Israelin Sharon Eydal, im Kopf und im Körper des Zuschauers. Die harten Rhythmen erinnern an das Stampfen einer alten Dampflokomotive oder an Hammerschläge in einem Stahlwerk. Die pulsierenden, lauten Techno-Töne übertragen sich sogar auf den eignen Herzschlag. Diese körperliche Erfahrung verstärkt das Erleben der athletisch extrem anspruchsvollen Tanzdarbietung, die mich ganz in den Bann zieht. Man fühlt sich beinahe als Teil des Ensembles. Die rauschhaften Bewegungen der Gruppe, die sich mal zusammen und dann wieder auseinanderzieht erinnert an einen Fisch- oder Kaulquappenschwarm. Die Tänzer scheinen sich fast traceartig zu bewegen. Ästhetik und Erschrecken liegen nahe zusammen, wenn sich plötzlich Einzelne zuckend hervortun, um sich dann doch wieder in die repetitive Disziplin der Gruppe einzuordnen. Ein solch intensives Stück, das mich die Anstrengung der Künstler beinahe selbst körperlich mitwahrnehmen lässt, habe ich noch nie erlebt. Das Publikum ist ebenso begeistert und belohnt die harte Körperarbeit mit tosendem Applaus.

Auch das mittlere Stück von Ballettdirektor Volpi, das dem Abend den Namen gibt, rührt emotional an. Doch es vermittelt eine vollkommen andere Stimmung. Die Musik, hauptsächlich von Streichern, besonders von Celli getragen und mit Kehlkopfgesängen kanadischer Inuit, wirkt traurig und schwermütig. Der Gazevorhang hinter dem die Paare agieren, hat den Effekt eines Weichzeichners und sorgt für eine nahezu mystische, märchenhafte Anmutung, wozu der elegante Spitzentanz der Tänzerinnen gut passt. Fünf Paare erzählen tänzerisch Geschichten über Beziehungen, über das aufeinander-zu und voneinander-weg Bewegen. Gegen Ende werben drei Männer um eine Frau, ziehen sie hin und her, was beinahe schon unangenehm wird, bis sie sich für einen entscheidet und ein herrlicher Pas de deux folgt. Man ist versöhnt und bezaubert!

Der Beginn des Abends kommt dagegen mit der live gespielten Klaviermusik von György Ligeti kühler daher. Auch bei Christopher Wheeldons „Polyphonia“ geht es um Paarkonstellationen, die in zehn Miniaturen kunstvoll zelebriert werden. Sehr minimalistisch in Kostüm und Bühnenbild zeigen die Tänzer und Tänzerinnen beeindruckende geometrische Figuren, die Balance und Schwerkraft herausfordern. 

Die Auswahl und die die Abfolge der so unterschiedlichen Interpretationen des Themas „Einzelner und Gruppe“ hätte nicht besser sein können. Es ergab sich eine enorme Steigerung an Spannung. Ein unvergesslicher und sehr lohnender Ballettabend!

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als Kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Als Fan von Martin Schläpfer ist sie Opernscout geworden. Mit großem Interesse und Freude an der Reflexion widmet sie sich jetzt auch den Opernproduktionen. Gespannt startet sie nun in ihre zweite Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

So hat sich modernes Ballett entwickelt – aufregend!

Hubert Kolb über die Premiere „One and others“

Mit den drei gezeigten Choreographien konnte man die aktuelle Entwicklung des Balletts mitverfolgen – auf höchstem Niveau, das war spannend.

Es begann mit dem modernen Klassiker von Christopher Wheeldon „Polyphonia“ (Jahr 2001). Das Stück hat mich innerlich nicht berührt. Klassische Ballettschritte modern angereichert, ästhetisch eindrucksvolle geometrisch orientierte Bewegungen, ich dachte an Bauhaus. Aber: Da war keine Seele im Tanz, keine Beziehung zwischen den Tanzenden wahrnehmbar, viele stationäre Tanzphasen mit Drehungen und Hebungen. Die Klaviermusikstücke von Ligeti wirkten dazu etwas hart. Nur das erste und letzte Stück hatten tollen Rhythmus. Dazu waren alle vier Paare auf der Bühne und eroberten den Raum mit schnellen Schritten und originellen Armbewegungen. Beim ersten Stück gab es dazu einen Schattenwurf der Bewegungen auf die Rückwand der Bühne, das war genial.

Als Demis Volpi – Fan war sein Stück „One and Others“ (Jahr 2015) für mich der Höhepunkt. Seele in der Musik von Hatzis und in den Bewegungen der fünf Paare, klassische Ballettschritte weiterentwickelt zu einem Ausdruckstanz, auch ganz langsame Bewegungen waren erlaubt und vermittelten Emotionen. Die Annäherung, das Werben, das Auf und Ab der Beziehungen wurden in vielen „modernen“ Bewegungen und Hebefiguren deutlich. Großartig war dann der Pas de deux von Lara Delfino und Dukin Seo. Irgendwie war es nur noch ein gemeinsamer Körper, der in dynamischen oder langsamen Bewegungen Innigkeit vermittelte, man dachte an einen platonischen Liebesakt. Ein spannender Bogen umfasste das ganze Stück, sodass ich verblüfft war, wieviel Zeit vergangen war. Der Beifall war groß.

Die andere aktuell-moderne Entwicklung des Balletts ist der komplette Verzicht auf klassisch anmutende Ballettschritte, hier bei der Choreographie von Sharon Eyal aus dem Jahre 2016, „Salt Womb“. Die knallhart stampfende Technomusik von Lichtig hatte ihre Entsprechung in maschinenartigen synchronen oft langsamen Bewegungen der 17 Tanzenden, von denen manchmal ein oder zwei eine Art Vortänzer:in war:en. Auch wenn der Rhythmus der Musik wie bei Techno üblich das Publikum und auch mich gefangen nahm, blieb das Geschehen auf der Bühne ohne Widerhall in mir. Nur eine Formation, als alle eng gedrängt im Kreis standen und die Arme nach oben streckten, beeindruckt mich. Dem starken Beifall konnte ich mich nicht anschließen.

Insgesamt bot der Abend eine tolle Erfahrung der Möglichkeiten des aktuellen Balletts!

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen.

„Ein spannender und sehr inspirierender Ballettabend“

Stefanie Hüber über die Premiere „One and others“

Die Premiere des Ballettabends mit 3 unterschiedlichen Choreographien umfasste eine grosse Spannbreite dessen, was Ballett heutzutage zu präsentieren und vermitteln vermag

Das 1. Stück namens „Polyphonia“ wurde von einem Pianisten begleitet. Die zehn Klavierstücke des Komponisten György Ligeti sind teilweise sehr dissonant. Es befinden sich dabei zwischen 2 und 8 Tänzern auf der Bühne, die vor allem klassische Ballettfiguren zeigen. Sowohl Bühnenbild als auch Kostüme sind sehr schlicht gehalten und vermitteln Stringenz und Minimalismus. Gut getanzt, jedoch meines Erachtens nicht perfekt. Es war schön anzusehen, hat mich allerdings nicht wirklich berührt.

Das 2. Stück war eine Choreographie von Demis Volpi. So wie alles von ihm bisher gesehene hat es mich sehr beeindruckt. Die dazu abgespielte Musik war ein Kammermusikstück für Streicher und erinnerte teilweise an Filmmusik. Vor allem die Cellosoli berührten mich sehr und unterstrichen die schwermütige Stimmung der Darbietung, welche sich thematisch mit der zunehmenden Suizidrate der Inuits in Kanada auseinandersetzt. Nebst der Musik gab es eingespielte Klopfgeräusche und Kehlkopfgesänge, die den archaischen Charakter unterstrichen und in krassem Widerspruch dazu standen, dass sehr viel auf Spitze getanzt wurde, was für mich wiederum für die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit stand. Vor der Bühne hing ein dünner Gazevorhang, was man auf den 1. Blick nicht sah, und das  Bühnenbild und die Tänzer leicht verschwommen erscheinen ließ. Auch das war eine großartige Lösung ,den vergänglichen, schwindenden Charakter der Atmosphäre zu unterstreichen. Der Tanz war voller Emotion und stand dadurch für mich im krassen Gegensatz zu „Polyphonia“.

Stück Nr. 3 hieß „Salt Womb“. 17 Tänzer bewegten sich meist synchron zu harter maschinenartiger Musik. Manchmal durchbrach einer der Tänzer die Synchronizität durch ein Solo, welches jedoch in der Enge der Menge stattfand, aus beispielsweise zuckenden oder wurmförmigen Bewegungen bestand, und mitnichten den befreienden Charakter hatte, den man häufig mit Soli assoziiert. Das Stück wurde ursprünglich für das „Netherlands Dance Thatre“ geschrieben. Ich habe schon einige Aufführungen diese in Den Haag ansässigen Tanzkompanie besucht und war immer beeindruckt vom deren Können und Kreativität. „Salt Womb“ war meines Erachtens wie gemacht für sie, aber auch das Ballettensemble der Deutschen Oper am Rhein performte großartig und riss fast das komplette Publikum nach dem letzten Schlussklang ekstatisch klatschend aus den Stühlen.

Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Ein Ballettabend für Alt und Jung

Michael Langenberger zur Premiere „One and others“

Nach langer Zeit mal wieder ein Ballettabend gestaltet von drei unterschiedlichen Choreographen. Alleine die Abwechslung in der Saisonplanung der Deutschen Oper am Rhein solcher Ballettabende mit ebenso schönen Handlungsballett-Abenden (wie z.B. “GESCHLOSSENE SPIELE” und “DER NUSSKNACKER”) finde ich vielfältig und reizvoll. 

Dieses Mal standen drei Stücke auf dem Plan, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. „POLYPHONIA“ von Christopher Wheeldon besticht in seiner Gesamtkomposition. Wobei hier ausdrücklich der Begriff Komposition in besonderer Weise zutrifft. Es werden nämlich zehn einzelne Klavierstücke von György Ligeti, die ursprünglich wohl nichts miteinander zu tun hatten, zusammengestellt, wobei die tänzerische Darbietung durch ihre Einfühlsamkeit alles so sehr miteinander verbindet, dass ein äußert harmonisches Klang-/Tanzerlebnis entsteht. Sparsames Bühnenbild und wenige äußerst geschickt eingesetzte Lichteffekte unterstützen die dem Stück eigene Micropolyphonie. Die Musikstücke alleine hätte ich wohl als anstrengend empfunden, doch vertanzt war es einfach stimmig und schön. Ein besonderes Lob gilt hier auch Susanna Kadzhoyan und Eduardo Boetchat am Flügel.
Demis Volpi choreographiert in der dem Abend den Titel gebenden Geschichte „ONE AND OTHERS“ die Musik “The Awakening” von Christos Hatzis, bestehend aus einem Streichquartett und einer zusätzlichen Soundebene aus Geräuschen und zusätzlich dem Kehlkopfgesang von Inuits aus Kanada. Tänzerisch wird uns eine Geschichte mit fünf Paaren erzählt, die sich die ganze Breite und Tiefe der Bühne nutzend, in einer ambivalenten Zugehörigkeit zueinander bewegen. Doch im Mittelpunkt steht Lara Delfino als eine Frau, die zwischen den Männern der anderen Paare im wahrsten Sinne hin und her gerissen, gezogen, geschoben und umgarnt wird, um sich am Ende zu emanzipieren. Wie wir es bei Choreographien von Demis Volpi mittlerweile gewohnt sind, lässt er die Akteure zumeist aufeinander bezogen zueinander bewegen. Die individuellen Gesichtszüge jeder Person lassen sich so wenig identifizieren, dass dadurch wieder die Tänzer als Ganzes und weniger die einzelne Person wirken. Das schlichte Bühnenbild zusammen mit der schummrigen Beleuchtung schaffen darüber hinaus eine Nähe zum Publikum.
Richtig heftig wird es im dritten Stück “SALT WOMB”. Heftig vor allem für die Tänzer, die sich zu dem kurzgetakteten, kräftigen Bass-Rhythmus in ebenso kurzgetakteten, oft stampfenden Dauerbewegungen auf der Bühne in sehr konfrontativer Weise dem Publikum gegenüberstehend bewegen. Ein wenig erinnert es mich an den zeremoniellen Tanz der neuseeländischen Nationalmannschaft im Rugby, die ihrerseits ähnliche Bewegungsformen vor Anpfiff eines jeden Spiels zelebrieren. Nur eben nicht so lange wie die 17 Balletttänzer und vor allem nicht mit so vielen individuellen, solistischen Bewegungsvariationen. Ursprünglich war die Choreographie für 9 Personen angelegt. Hier in Düsseldorf sind es 17 – ein wirkmächtiger “Tanzblock“. Weil die Musik kaum melodiöse Varianten zur Orientierung für die Tänzer ausweist, muss jede kleinste solistische Einlage von Anbeginn exakt mitgezählt werden, um den Einsatz nicht zu verpassen. D.h. aus dem stampfenden Block aller Akteure stechen hier und da mal vorne, mal hinten, mal links, mal rechts oder in der Mitte einzelne Bewegungsmuster hervor. Das Auge sucht immerzu nach der nächsten Aktion.

Nach rund 2o Minuten schweigen die Bässe und der kurzen Stille folgt tosender Beifall des Publikums. Was mich in dieser Heftigkeit dann doch etwas überrascht hat. Denn ich hätte nicht gedacht, dass diese knappe halbe Stunde, die genau so auch auf dem Dancefloor der edelsten Clubs gepasst hätte und bejubelt worden wäre, auch die betagteren Ballettbesucher im wahrsten Sinne des Wortes aus den Stühlen reißt.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Mal für 2 Akte in eine andere Welt getaucht

Sandra Christmann über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Schon in den ersten Minuten, denen ich voller Vorfreude auf den Olymp und aller Tragödie, die zu erwarten war, entgegensah, wurde klar, dass wir hier eine Inszenierung out of the box zu erwarten haben, und ein bisschen hatte ich noch Sorge, dass wir von großem Klamauk und Trash erschlagen werden.

Es zeichnete sich sehr schnell ab, dass nicht nur Max Hopp, hier als John Styx, Großes vollbringen wird. Wie ungewöhnlich die Synchronisation der Hauptfiguren, wenn sie nicht singen, was für eine unfassbare, auf den Punkt, perfekte dargestellte Leistung, und zwar aller Protagonisten.  Mimik, Lippen, Haltung alles perfekt getimed. Eurydike, wunderbar gesungen, liebe Elena Sancho Pereg, großartig gespielt, alle Facetten der Frivolität und ihrer wunderschönen Stimme ausgeschöpft…
Und dann: die Bienchen, das Ballett. Es gehört eine große Idee, Feinsinn und eine tolle Inszenierung und Scharfsinn dazu, um durch Choreographie und Kostüm, wirklich jede und jeden im Publikum zum Lachen zu bringen. Wenn die Groteske kippt, ein wenig wie in der commedia del arte, und man in tiefster Seele so unfassbar erheitert wird, das dadurch nochmal eine ganz neue Welt aufgemacht wird, dann hat Barrie Kosky uns mit seiner Inszenierung nicht nur alle eingefangen, sondern uns auch etwas geschenkt. Und ich meine alle. Neben mir saß ein entzückendes älteres Paar, die Dame legte ihre Hand auf meinen Arm und sagte: „Ist das nicht herrlich?“

Und das schon mal vorab: in diesen Zeiten, wo wir nur einige Kilometer entfernt den Krieg vor der Türe haben, wo wir seit nunmehr 2 Jahren von einer Pandemie mitgenommen werden, die uns ja nun auch unser kulturelles Leben so dezimiert hat, dass wir weit entfernt sind von Heiterkeit und lautem Lachen. Also in diesen Zeiten einmal so rausgeholt zu werden aus der Realität und in eine Welt einzutauchen, die uns musikalisch, schauspielerisch, tänzerisch und auch sprachlich mit einer frivolen, grotesken, aber auch meisterlichen Inszenierung, alles andere vergessen lässt – das ist ein wunderbares Erlebnis und ich bin dankbar für Lug, Betrug, Begierde, Komik und sensationelle Kostüme. Victoria Behr überrascht in jeder Szene. Ihre Kostüme sind so divers, so pompös, so erotisch, dass alleine diese schon eine neue Welt aufmachen. Zugegeben, war bei den pinken Svarowski Genitalien, die geschlechterunabhängig ihre Zuordnung fanden, mein Schmunzeln ein wenig unterkühlt, aber die Kreationen von Frau Behr sind herausragend.
Der gesamte erste Akt war in allen Punkten brillant. Tatsächlich scheint es, als ginge die wunderbare Musik von Jacques Offenbach unter, aber ich entscheide mich dafür, dass sie so perfekt in die Inszenierung eingebunden ist, dass das große Gesamte aufgeht und wirkt. Der zweite Akt überrascht noch mehr mit einem fantastischen Bühnenbild von Rufus Diwiszus, überhaupt ist auch das Bühnenbild eine Welt für sich. Tatsächlich läuft der zweite Akt aus dem Ruder und das mal ohne Wertung. Superlative der Frivolität, phantastische, hinreißende Choreografien, überhaupt ist das Tanzensemble nicht nur tänzerisch sondern auch spielerisch so grandios, dass sie den Chor mit ihrer Leistung spielend auffangen, sodass manchmal gar nicht klar ist, wer ist Chor, wer ist Tanz.

Alle Disziplinen sind so ineinander verzahnt, dass ich nur sagen kann, dass auch der Gesang aller beteiligten hervorragend ist. Natürlich ist Euridike der Augen- und Ohrenstern, und ein bißchen ragen doch gesanglich die Frauen heraus. Alles in Allem: sehr sehenswert und ein Erfrischung fürs Gemüt, für den Humor, für alle Sinne. Das Abschlussbild spricht uns aus der Seele: Das Ensemble hält eine regenbogenfarbige Peace Fahne hoch. Es gab schon vorher Standing Ovations, aber da standen dann auch die letzten auf. Kultur vereint. Kultur ist politisch. Und wir brauchen Kultur!

Sandra Christmann
Managerin in der Filmproduktion, Kulturmanagerin

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie ist aktuell bei e+p films als Head of Growth tätig. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Orpheus in der Unterwelt

Karolina Wais über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Die Operette beginnt mit der Erklärung der Öffentlichen Meinung, dargestellt von Susan Maclean, deren Moralvorstellungen allerdings von Max Hopp für das Publikum übersetzt werden mussten. So erfährt der Zuschauer von Anfang an welchen Stellenwert die Öffentliche Meinung in der Inszenierung hat. Die männlichen Protagonisten geben im Laufe des Stücks der Öffentlichen Meinung nach, aus Angst ihre Reputation zu verlieren.

Die Operette setzt sich aus zwei Akten und vier Bildern zusammen. Die ersten drei Bilder haben ihren Ursprung in einer völligen Langeweile, die aber für den Zuschauer gar nicht langweilig dargestellt wird, ob Eurydike und Orpheus in ihrer Ehe, Jupiter im Olymp oder Eurydike bei Pluto in der Unterwelt. Diese Langeweile dauert aber nicht lange an, sie ist ein Sprungbrett in drei bunte, witzige und schrille Akte.
Die Opernsänger*innen, der Chor, die Tänzer*innen geben dabei stets ein stimmiges Bild ab, es ist eine Wonne dem zuzuschauen. Alle sind aufeinander abgestimmt und geben eine Glanzleistung ab. Elena Sancho Pereg imponiert mir sehr in ihrer Rolle als Eurydike, weil sie die Stärke von Eurydike sehr gut verkörpert. Das Bühnenbild gefällt mir sehr, es ist wandelbar und ganz und gar nicht langweilig. Die Kostüme sind sehr aufwendig gearbeitet, so es entsteht zum Beispiel im zweiten Akt visuell eine pastellfarbene Revolte. Das vierte Bild im zweiten Akt endet mit einem imposanten Fest. Die Fülle, die das Stück über auf der Bühne entsteht, lässt allerdings die Musik etwas verblassen. Es ist kaum eine Pause da, die es zulässt die Augen zu schließen, um die Musik zu erfahren, aus Angst das Geschehen auf der Bühne zu verpassen.

Mir gefällt die Idee, dass Max Hopp die Sprechpartien aller Sänger übernimmt. Das ist ein sehr kluger Schachzug, der sehr viele witzige Momente geschehen lässt. Das gefällt mir so sehr, dass es mich irritiert, als Max Hopp im dritten Bild John Styx, den Fährmann des Todes, verkörpert.

Das Stück erhält einen langen, stehenden Applaus und das völlig zu Recht. Insgesamt ist die Inszenierung sehr sehens/- und erlebenswert.

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

Orpheus und Eurydike

Stefanie Hüber über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Die Premiere von „Orpheus in der Unterwelt“endete mit einem frenetischen Applaus- kein Wunder, denn sowohl die musikalische, als auch die optische Leistung waren in dieser düsteren, unsicheren Zeit Balsam für die Seele.

An diesem Abend hatte ich zum 1. Mal meinen Mann als Begleitung dabei. Es kostete mich einige Überredungskünste, ihn dazu zu bewegen, mich zu begleiten, lag doch sein letzter Opernbesuch schon einige Jährchen zurück und war ihm aufgrund einer sehr konventionellen, verstaubten Aufführung in keiner positiven Erinnerung geblieben. Doch ich überzeugte ihn mit dem Argument, dass Barrie Kosky für seine außergewöhnlichen Inszenierungen bekannt wäre, und was soll ich sagen? Mein Gatte war begeistert!!!! Besonders Max Hopp als Sprecher aller Rollen und Synchronisator sämtlicher Geräusche hat ihn schwer begeistert. Da die Operette auf französisch gesungen wurde, war diese Form der Synchronisation ins Deutsche tatsächlich eine brillante Lösung.

Für meinen Form von Humor drohte das Ganze durch überzogene Wiederholungen zwar irgendwann ins Klamaukige abzurutschen, aber es gab sooo viele witzige und originelle Momente, dass das nicht weiter schlimm war. Es tat einfach gut, mal wieder lauthals hinter der Maske Tränen zu lachen! Die Handlung lief dynamisch und präzise ab wie ein Uhrwerk, es war keine Sekunde langweilig. Die Komposition Offenbachs ist wunderschön, und weist phasenweise sehr auf Einflüsse Mozarts hin. Es gibt viele Holzbläsersoli ,die erdend auf die abwechslungsreiche Musik wirken. Dem Spiel der Düsseldorfer Symphonikern fehlte mir für meinen Geschmack manchmal der Pep, und sie spielte stellenweise auch zu leise. Die Bühnenbilder waren wunderschön und originell, ebenso die Kostüme, alles mit viel Liebe fürs Detail, wie z.B. Jupiters Adiletten.

Wahrscheinlich wird mich mein Mann beim nächsten Mal wieder begleiten…

Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Rasantes Tempo, großartiger Humor

Markus Wendel über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Eins wird mir am vergangenen Premierenabend sehr schnell klar: die Musik von Jacques Offenbach wird nicht unbedingt eine Hauptrolle spielen in der Neuinszenierung von „Orpheus in der Unterwelt“ – von der Deutschen Oper am Rhein vertrauensvoll in die Hände gelegt von Barrie Kosky.

Dieser löst scheinbar jede Bremse und hat vornehmlich eins im Sinn – große und kurzweilige Unterhaltung. Es wird gekreischt und geschrien, ist dabei verrückt, sexistisch und streckenweise völlig enthemmt. Die Personenregie ist so lebendig, dass man hiermit problemlos mehrere Veranstaltungen bestücken könnte. Die perfekt einstudierten Choreographien sind geprägt von feinem, oft auch völlig übertriebenen Humor – bis hin zum absolut Grotesken. Unterstützung liefern einige wirklich unfassbare Kostüme. Viele Zuschauende hält es vor allem in der ersten Hälfte kaum auf den Sitzen vor Lachen, meine Person eingeschlossen.
Das Ensemble agiert so geschlossen wie ich es selten gesehen habe. Solisten, Chor und Tänzer/innen verschmelzen förmlich miteinander, so gut ist das Zusammenspiel. Darüber hinaus ist wirklich jede Rolle passend und glaubwürdig besetzt. Die Spielfreude ist allen deutlich anzusehen. Aber kein Wunder, in dieser Inszenierung darf sich ordentlich ausgetobt werden.

Ein wahrer Geniestreich gelingt Barrie Kosky damit, dass er die Figur des John Styx, großartig gespielt von Max Hopp, in einer Art Meta-Ebene die Dialoge (und Geräusche) der anderen Personen übernehmen lässt. Allein für dieses großartige Schauspiel möchte ich eine unbedingte Empfehlung aussprechen. Ein unfassbarer Abend. Nie habe ich mehr gelacht in der Düsseldorfer Oper. Und selten habe ich es so wert geschätzt, privilegiert zu sein und diesen unbeschwerten Abend genießen zu können – gerade in diesen Tagen keine Selbstverständlichkeit. Zum Applaus hat auch das Ensemble eine klare Botschaft: PEACE.

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Orpheus in der Unterwelt – Qualitätsklamauk

Michael Langenberger über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Keine Frage, was uns die Akteure, egal ob Sänger, Ballett, Chor boten, war feinste Präzisionsarbeit. Die Idee der Barrie Kosky Inszenierung, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Stück zieht: Alle Sprechpassagen der Sänger durch einen Synchronsprecher zu präsentieren. Diese Aufgabe übernimmt Max Hopp, der nicht nur die Texte aller Sänger, egal ob Frau ob Mann spricht, sondern auch noch Geräusche wie quietschende Türen oder einzelne Schritte vertont und damit großes Amüsement im Publikum auslöst. Alles muss und ist bis in kleinste Detail “getimt”, damit die gesprochenen Mundbewegungen der stimmlosen Sänger genau zum Text von Max Hopp passen. Eine richtig gute Idee, die Mitspielern und Publikum sichtlich Spaß macht. Dadurch entwickelt sich auf der Bühne eine Eigendynamik, die die Musik gewissermaßen auf das Notwendige reduziert.

Natürlich tun die Bühnenbilder, unglaublich kreative Kostüme und eben nicht zu vergessen Chor- und Balletteinlagen in bekannt bester Qualität ein Übriges für das Bühnenspektakel.
Wie eben auch beim Essen, isst man von allem zu viel, gibt es irgendwann Bauchweh. Das war für mich der Zeitpunkt, wo der Synchronsprecher Max Hopp in die Rolle des “John Styx” stieg und anfing zu singen. Gewissermaßen konsequent wäre m.E z.B. gewesen, wenn ein Opernsänger die Gesangspassagen von “John Styx” synchron gesungen hätte. Doch so hatte ich den Eindruck, als ob die gesamte Inszenierung um die Person Max Hopp herum konstruiert worden wäre. Ich glaube, damit hängt auch zusammen, dass es dem Stück an dramaturgischer Dynamik fehlte. Immer Vollgas. Kann man machen, ist aber nicht meins. 

Ein besonderes Lob gebührt dieses Mal der Opernorganisation; die mehrfachen Corona bedingten Verschiebungen, verbunden mit all dem Aufwand, der um uns Zuschauer notwendig war, perfekt gemanagt. Chapeau!
Engagierter Applaus für das Stück wechselte zu tosendem Applaus, als ein Banner mit dem ’Schriftzug “Peace” auf Regenbogenflagge nach vorne gehalten wurde. Es wird mir klar, welcher Luxus es ist, dass wir in einer Vorstellung sitzen und uns über Kleinigkeiten auslassen, während in Europa Krieg ist.

Ganz persönlich würde ich mir so sehr wünschen, wenn gerade die Künstler, egal welcher Nationalität, mit aller künstlerischer Freiheit den Frieden vorleben.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Eine originelle rasante Show, mit etwas musikalischer Unterstützung

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Nach mehrfach verschobenen Terminen endlich die Premiere von Barrie Koskys Version der „weltweit ersten Operette“. Das Stück hatte als Koproduktion schon bei den Salzburger Festspielen und in der Komischen Oper Berlin Begeisterung im Publikum ausgelöst. So war es auch hier.

Trotz allen Vergnügens ob der fast endlosen Folge von originellen oder auch platten (dann Sex-betonten) Gags auf der Bühne blieb meine Reaktion zwiespältig. Wo blieb Jacques Offenbachs Werk als musikalisches Kunststück, es ist ja doch weitaus mehr als schmissiger Cancan mit hochfliegenden Röcken? Aber auch Koskys unglaublich erfolgreiche Inszenierung der Zauberflöte als auf eine Wand projizierter Comic mit Gesang sprach mich nicht an.
Das Gesamtkonzept mit einem Sprecher (Max Hopp), der alle Texte für die Protagonisten und Protagonistinnen mit verschiedenen Stimmen sprach und Körperbewegungen mit lustigen Geräuschen synchronisierte, war höchst originell und erheiterte uns alle. Viele der Tänze von Chor und Tänzern in überzeugenden Kostümen waren mitreißend, wobei simulierte Kopulationsszenen und zwischen den Beinen montierte männliche Pseudo-Geschlechtsteile doch zu deftiger Humor waren.

Die Choreographie war bis ins kleinste Detail einstudiert und Alle auf der Bühne waren sichtlich mit Spaß dabei, und ihre Begeisterung schwappte über ins Publikum. Insbesondere die Spielfreude von Elena Sancho Pereg als Eurydike war eine Augenweide. Das von Kosky modifizierte Ende war eine sinnvolle Verbeugung vor dem aktuellen Zeitgeist. Eurydike weigert sich, als Gespielin Gott Jupiter oder Ehemann Orpheus aus der Unterwelt zu folgen, oder dem Unterwelt-Chef Pluto weiter zu Diensten zu sein. Sie hat sich emanzipiert und will als Bacchantin ihr eigenständiges gutes Leben in der Unterwelt genießen. Dass diese errungene Eigenständigkeit mit einem angehefteten übergroßen männlichen Gemächt symbolisiert wurde, fand ich misslungen.

Unsere Wahrnehmung, dass wir in ernsten Zeiten Vergnügungen erleben, wurde durch die Präsentation eines großen regenbogenfarbigen Tuchs mit der Aufschrift PEACE beim Schlussapplaus besänftigt. Danke.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen.

„Ein besonderes Opernerlebnis!“

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Katja Kabanova“

Ein besonderes Opernerlebnis, das berührt, nachklingt, begeistert und gemischte Gefühle heraufbeschwört… so könnte man die Aufführung von Leoš Janáčeks Oper Katja Kabanova beschreiben, die jetzt im Theater Duisburg  Premiere feierte. Die Regisseurin Tatjana Gürbaca hat den ernsten und bedrückenden Stoff (Der auf dem Schauspiel „Das Gewitter“ von Alexander Ostrowsky beruht), und eher selten auf der Bühne zu erleben ist, klug und zeitgemäß inszeniert. Katja, unglücklich verheiratet mit einem charakterschwachen Mann, lebt mit ihm und ihrer eifersüchtigen und kleingeistigen Schwiegermutter unter einem Dach in einer Kleinstadt an der Wolga – weder dort noch unter der grausamen Knute der Hausherrin will und kann sie leben. In der  Abwesenheit ihres Mannes lebt sie eine Affäre, die ihr solche Skrupel bereitet, dass sie nicht nur alles öffentlich gesteht, sondern ihrem Leben schließlich ein Ende setzt.

Das optisch  ansprechende und vielseitige Bühnenbild, das im  Guckkasten-Prinzip einen großen Vordergrund und einen kleineren, entfernteren Hintergrund kombiniert, eröffnet viele Möglichkeiten, die Szenerie in diverse Schauplätze wie Haus der Kabanovs, Kirche, Garten, Flussufer zu verlegen, ohne einen einzigen Umbau.
Der Boden des Guckkastens ist eine große nach vorn abfallende Schräge – auch das symbolisch zu verstehen? Überhaupt wird gekonnt mit viel Symbolik gearbeitet, was dem Zuschauer viel Raum für eigene Interpretationen lässt. Gelungen sind auch die Kostüme, die das Volkstümliche  betonen und dennoch mit etwas modischem Look in diese Zeit passen.

Der Zuhörer mag mit gemischten Erwartungen in eine Oper in tschechischer Sprache gehen: er wird keinesfalls enttäuscht! Zwar führen die Obertitel durch das Geschehen, aber die SängerInnen des Abends besitzen allesamt eine so große stimmliche und mimische Ausdruckskraft, dass alle Sehnsüchte, Trauer, Boshaftigkeiten, Ängste, also alle Gefühlswirren durch hörbar und sichtbar werden…
Katja selbst ist mit Sopranistin Sylvia Hamvasi perfekt besetzt, Anna Harvey als Varvara ist ihr ebenbürtig. Zwei „starke Frauen“ im Stück mit zwei ebenso starken und schönen Stimmen. Daniel Frank hat eine passende klangvolle Tenorstimme für den Gebliebten Boris. Und Sami Luttinen gibt überzeugend den ganovenhaften Trunkenbold Dikoj. Die Duisburger Philharmoniker unter Axel Kober bilden dazu eine ebenso solide wie unentbehrliche musikalische Grundlage – untermalend und nicht überdeckend mischten sich Stimmen und Instrumente schön ausbalanciert. Wichtig ist das, ist doch Janáčeks Musik auf das Notwendigste reduziert: seine Musik zeichnet die Gefühlslage nach, spiegelt Angst oder Freude, lässt das Gewitter, Verzweiflung oder freudige Erregung lautmalerisch aufleben. Harmonisch modern und zukunftsweisend ohne dissonant zu sein: großartig!

Unbedingt anhören und –sehen!

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

„Sehens- und unbedingt hörenswert!“

Dagmar Ohlwein über die Premiere „Katja Kabanova“

Das war ein weiterer sehr gelungener Opernabend für mich als Duisburger Opernscout. Immer wieder bereichernd ist der wunderbare Austausch mit den anderen Opernscouts im Anschluss an die jeweilige Premierenaufführung.

Die Arbeit der Regisseurin, Tatjana Gürbaca, an der für mich unbekannten und erstmalig erlebten Oper von Leos Janacek ist großartig. Ihr, zusammen mit den Protagonisten, Bühnen-und  Kostümgestaltern ist die Inszenierung außergewöhnlich gut gelungen.
Die schauspielerische und sängerische Leistung von Sylvia Hamvasi hebt sich in meinen Augen als sehr hohe Kunst hervor. Von Anfang an gelingt es ihr, die Rolle als eine Frau, gefangen in einer engen dörflichen Gemeinschaft und einer fast unmenschlichen Familie mit großer Überzeugungskraft darzustellen. Ihre Verzweiflung, ihr „einfrieren“ in der Kälte ihrer Familie ist nahezu spürbar, auf jeden Fall hörbar. Ihre Sehnsucht nach Liebe und Freiheit findet Ausdruck in: „Warum fliegen Menschen nicht? Und was für Träume ich träumte, was für Träume.“ 1. Akt., hinreißend vorgetragen.
Boris Grigorjewitsch, dargestellt von Daniel Frank ist für mich stimmlich und schauspielerisch die perfekte Besetzung von Katjas Liebhaber. Im ersten Moment erscheint dieser Liebhaber samt Kleidung und Frisur gewöhnungsbedürftig. Könnte aber in meinen Augen nicht besser besetzt werden, großartig. Nicht unerwähnt, weil auch hier erkennbar vollkommen aufgehend in ihren jeweiligen Rollen, empfand ich die Kabanicha, die böse Schwiegermutter von Katja, dargestellt von Eva Urbanova und desgleichen ihres schmerzenreichen „Muttersöhnchens“, Tichon Kabanov. Varvara, die Pflegetochter im Hause Kabanow, ist ein Gegenwicht zur ausweglosen, verzweifelten und hilflosen Stimmung des gesamten Werkes und ihrer Darsteller von L. Janaceks. Anna Harvey begeisterte mich mit ihrer Leichtigkeit und Unvoreingenommenheit während der gesamten Vorstellung.

Perfekt abgerundet wurde dieser Opernabend einmal mehr von den exzellenten Duisburger Philharmonikern unter Axel Kober. Danke für dieses und andere großartige Musikerlebnisse.

Zum Schluss gebührt dem Bühnenbild von Henrik Ahr ein großes Lob. In meinen Augen eine perfekte Bühne mit zahlreichen Ergänzungen und Verstärkungen der gesamten Stimmung dieser sehenswerten und unbedingt hörenswerten Oper.

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin im Ruhestand nimmt sich Zeit für Kultur. Als Jugendliche lebte sie „direkt um die Ecke“ des Theaters Duisburg und hatte so schon immer viel Kontakt zur Kunst. Die Saison 2021/22 ist bereits ihre dritte Spielzeit als Opern- und Ballettscout.

Stadtreise mit Bach

Benedikt Stahl über die Premiere „Weihnachtsoratorium“ – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Kennen Sie das nicht auch? Man unternimmt einen Kurzausflug übers Wochenende in eine große, spannende Stadt, vielleicht Rom oder New York und ist gespannt auf die vorab studierten und vertrauten Bilder. Vor Ort jedoch erscheinen sie komplett anders. Das unablässige Hupen, Grollen und Fauchen der Autoschlangen, das Mischmasch der vielen unterschiedlichen Gerüche, Menschenmengen, die durch die Straßen drängen, Lichter, Farben, das Ein- und Ausatmen. Alles ist laut, von allem gibt es viel zu viel und die Nächte sind in der Tat durchwacht.

Da kann es passieren, dass sich der eigentliche Reisegenuss erst im Nachgang und zuhause in gewohnter, ruhiger Umgebung einstellt. Aus dem schrillen, bunten Treiben formt die wählerische Erinnerung eine eindrucksvolle Gedankenmalerei, die einen mit allem Gezeter versöhnt und die Beziehung zu dieser Stadt auf eine besondere Weise prägt.

Irgendwie so ähnlich geht es mir mit der Inszenierung des Weihnachtsoratoriums in der Düsseldorfer Oper. Das bekannte Bachwerk übernimmt dabei die Rolle der vertrauten Bilder und die Reiselust ist groß! Dann passiert das, womit ich nicht gerechnet hatte: das dichte Gedränge auf der Bühne, die Klangraserei und die viel zu vielen Gleichzeitigkeiten laufen einander den Rang ab. Es zischt, es schreit, es blitzt, es jauchzt! Als wäre es ein abgestimmter Teil der Regie, zückt die Dame vor mir ständig ihr Smartphone um alles festzuhalten (als wenn das ginge) und stören laut plappernde Nachbarn, die wahrscheinlich nur den falschen Zug genommen haben. Eigentlich kaum auszuhalten, wären da nicht die wunderbare Musik und wirklich prachtvoll ausgeleuchtete Bühnenbilder mit zauberhaft aufeinander abgestimmten Kostümfarben. Wenn ich zwischendurch die Augen ein wenig zusammenkneife und die Störgeräusche einfach überhöre, wird daraus eine erinnerungswürdige Gesamtkomposition, die eine Reise wert ist! Am besten aber mit leichtem Gepäck, ohne zu viele Vorstellungen im Kopf und dazu bereit, mindestens eine Nacht nicht schlafen zu können. Ist ja auch viel zu aufregend, was da geschah…

Benedikt Stahl

Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle Komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

Tradition trifft Moderne – absolut gelungen?

Karolina Wais über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Ich muss zugeben, dass ich die moderne Umsetzung des Weihnachtsoratoriums erstmal auf mich wirken lassen musste, um die schönen und gelungenen Feinheiten zu erkennen.

Wenn ich an Weihnachten denke, denke ich an Gemütlichkeit, Düfte und an Lichter, welche die Dunkelheit erhellen – ich romantisiere Weihnachten total inklusive der Frohen Botschaft, die die Liebe und Harmonie in uns Allen entstehen lassen kann. Ich habe also eher eine romantische Inszenierung erwartet. Diese ist aber absolut schmerzfrei in unseren Alltag geholt worden, inkl. eines Toilettenganges in einer Bar.
Das Bühnenbild ist überraschend modern, die kreierten Räume beweglich. Der Chor ist komplett in die Inszenierung integriert, was mir sehr gefällt. Ich liebe es, wenn der Chor sichtbar und nicht nur hörbar ist. Einzelne Sänger werden von einzelnen Musikern auf der Bühne begleitet, was für zauberhafte und einzigartige Momente sorgt.

Wer offen für neue Ideen ist, insbesondere bei einem Stück wie dem Weihnachtsoratorium und absolut guter Musik, sowie hervorragendem Gesang lauschen will, sollte diese Oper sehen und hören. Zumal die Inszenierung in unseren Alltag und in diese Zeit zu adaptieren absolut mutig ist, weil eben nicht romantisch und verkitscht.
Und darum geht es ja eigentlich, dass wir in diesen unseren modernen Alltag einen Weg finden die Frohe Botschaft, die Liebe zu leben.

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Schöne Momente, aber wenig Weihnachtsstimmung

Charlotte Kaup über die Premiere „Weihnachtsoratorium“

Etwas müde und ratlos hat es mich zurückgelassen, dieses Düsseldorfer Weihnachtsoratorium und so fällt es mir nicht leicht, meine Eindrücke in Worte zu fassen. Das fast dreistündige Werk erzählt die Weihnachtsgeschichte – eine bekannte Handlung, die alljährlich rituell rezitiert wird. Bachs Oratorium, eine Abfolge von Chorälen, Bibeltexten und Lobgesängen, sticht denn auch weniger durch Handlung als durch musikalische Gestaltung hervor.

Insofern hat sich die Oper am Rhein Großes vorgenommen: ein Vokalwerk mit spirituellem Charakter soll den Erzählgewohnheiten der Gegenwart angepasst werden.
In einem raffinierten rotierenden Bühnenbild werden viele kleine Episoden erzählt. Zahlreiche Klischeecharaktere versuchen, die großen Fragen unserer Zeit anzureißen, ohne dabei die Musik aus dem Fokus zu verlieren. Das Ganze ist garniert mit teils drastisch expliziten Bildern. In poppigen Farben wird auf der Bühne geboren und gestorben und natürlich opernhaft gestritten und vertragen. Das Bühnengeschehen kontrastiert die gleichförmig repetitiven und abstrakt sakralen Texte des Oratoriums und es entsteht gelegentlich gar Situationskomik. Es ist ein aufwändiger und auch mutiger Umsetzungsversuch bei dem die vielen Mitwirkenden – ob Solisten oder Chormitglieder – hingebungsvoll ihre individuellen Rollen interpretieren.

Meinen persönlichen Geschmack trifft die Inszenierung eher nicht. Ich empfinde sie als zu wuselig, ablenkend von den Feinheiten und der Erhabenheit der Musik und trotz allem Drama eher oberflächlich. Teile der zweiten Hälfte verbringe ich deshalb mit geschlossenen Augen, um mich mehr auf die Musik zu konzentrieren. Hier gibt es einige wunderbare Passagen von Klarinette und Oboe, welche dem Stück wieder etwas Zartheit verleihen. Musikalisch herausragend sind außerdem Countertenor Terry Wey – mit der „Schlafe“-Arie ein Höhepunkt des Abends, die Sopranistin Anke Krabbe und die Tenöre Andrés Sulbarán und Cornel Frey.

Mein Gesamtfazit: Ein Abend mit schönen Momenten, musikalischen Highlights und überwältigendem schauspielerischen Engagement aller Mitwirkenden aber auch einigen Längen und eher wenig besinnlicher Weihnachtsstimmung.

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Bevor die junge Ärztin ihre Stelle in Mönchengladbach antrat, war sie als Ballettlehrerin im Hochschulsport tätig. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires. Durch ihre Teilnahme am Opernscout-Projekt entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für die Oper. Vor allem gefällt ihr als Scout die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Dekonstruktion – und dann…?

Helma Kremer über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach ist mir seit meiner Kindheit vertraut: Meine Mutter sang im Madrigalchor Neuss und ich erinnere mich an wundervolle Bach’sche Weihnachtsoratorien im Kloster Knechtssteden unter der Leitung des unvergessenen Bernd Kronen. Nun also eine szenische Umsetzung. „Die zentrale Frage dieser Aufführung lautet Von was wollen wir erlöst werden und wie?“ lese ich in der Vorankündigung. Sie ist „ein Ergebnis des Nachdenkens, welche Stücke das Publikum gerade braucht.“ Zur Vorbereitung werfe ich sicherheitshalber einen Blick in Wikipedia, denn: Die Musik ist mir zwar vertraut, aber ich bin alles andere als eine Bach-Expertin oder gar eine wirkliche Kennerin des Werks. „Das Weihnachtsoratorium ist ein sechsteiliges Oratorium für Soli, gemischten Chor und Orchester von Johann Sebastian Bach. Feierliche Eröffnungs- und Schlusschöre, die Vertonung der neutestamentlichen Weihnachtsgeschichte in den Rezitativen, eingestreute Weihnachtschoräle und Arien der Gesangssolisten prägen das Oratorium.“ Die neutestamentliche Weihnachtsgeschichte kenne ich ebenfalls nur in groben Zügen. Das ist einer der Momente, in denen ich mir wünsche, ich hätte mehr auf meinen Vater gehört („Die fundierte Kenntnis der Bibel ist ein Muss für Geisteswissenschaftler.“)

Anfangs fällt es mir leicht, die Handlung nachzuvollziehen: Christi Geburt wird in das Hier und Jetzt einer Stadtgesellschaft verlegt. Was danach folgt, ist sind dann wohl Antworten auf die Frage: Von was wollen wir erlöst werden und wie? Vieles bleibt für mich verwirrend. Würde ich die Texte besser kennen, könnte ich wenigstens die Unterschiede zur zeitgenössischen Interpretation (besser) ausmachen. Offensichtlich bin ich nicht genug „im Thema“ und hätte mich besser vorbereiten sollen. Die Botschaft ist – zunächst –  trotzdem klar. Wir erleben eine Dekonstruktion, die die Audience zwingt, sich von vertrauten und liebgewordenen Heiligtümern zu verabschieden. Und was dann?

Das versöhnliche und positive Ende kann man sicher mit Humor nehmen… Zumindest vermag das offenbar fast jeder im Publikum, außer mir. Ich fühle mich auf den Arm genommen. Die zahlreichen Schilder, die alle um dasselbe kreisen „All you need is love!“ verärgern mich, statt mich zu erheitern. Dieses Fazit erscheint mir allzu platt. Genauer gesagt: Der Komplexität eines solchen Werkes nicht angemessen und auch insgesamt zu leicht, als dass es den durch die zeitgenössische Interpretation aufgetanen Abgründen wirklich etwas entgegensetzen könnte. Ein solches Ende erwarte ich in einem Film wie „Love actually“, dort ist es auch vollkommen in Ordnung. Aber hier? Wenn schon Dekonstruktion, dann bitte richtig, denke ich mir. Dann sollte man der Audience auch zumuten, den Scherbenhaufen auszuhalten, den man angerichtet hat. Denn nur dann wirkt eine solche Inszenierung meines Erachtens auch nach.

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt.

Große Erwartungen

Markus Wendel über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Bei und nach dieser Vorstellung habe ich etwas erlebt, was mir in dieser Form noch nicht passiert war in der Düsseldorfer Oper. Ich habe mich geärgert. Und zwar richtig. Geärgert über eine Inszenierung und eine immer wiederkehrende Frage: wer um Himmels Willen konnte so etwas zulassen?

Das Bach’sche Weihnachtsoratorium ist schon ein Schwergewicht in der Musikgeschichte. Teile davon kenne ich seit vielen Jahren. Und ich war wirklich neugierig, welche Form von Inszenierung man diesem andächtigen und christlichen Werk angedeihen lassen würde. Leider war es genau dies, wozu ich keinen Zugang finden konnte.
Dabei war die Musik wirklich großartig! Axel Kober ist in gewohnt zügigem Tempo durch die Partitur, der er damit eine wahre Frischzellenkur einverleibt hat. Die Düsseldorfer Symphoniker haben so klar und akzentuiert musiziert, dass ich auch in Reihe 13 das Gefühl hatte, direkt am Orchestergraben zu sitzen. Der Chor hatte eine Durchschlagskraft, die wahrscheinlich noch die eine oder andere geschlossene Tür hat überwinden können. Und auch die insgesamt vierzehn Solistinnen und Solisten haben haben mich auf voller Linie überzeugt.
Die Inszenierung und die zum Bach’schen Werk hinzugefügten Textpassagen klammere ich dennoch aus, ich möchte wirklich keinem auf die Füße treten. Bilder und Videos kann man sich auf der Seite der Rheinoper anschauen. Kunst hat viele Gesichter und am Ende werde ich nicht böse sein, weil mich mal etwas nicht erreicht hat.

Ein paar Tage später schreibe ich nun diesen Text. Und der Abend der Vorstellung hat mich immer noch nicht ganz losgelassen. Wenn ich die Augen schließe, höre ich noch immer die Musik. Und mit dieser ist da ein Gefühl. Ganz warm und vertraut. Weihnachten steht vor der Tür.

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

„Eine wunderschöne Einstimmung auf die Weihnachtszeit“

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Der Nussknacker“ in Duisburg

Peter Tschaikowskys „Nussknacker“ ist ein Klassiker zur Weihnachtszeit… die romantische Traumwelt Claras am Heiligabend basiert auf Alexandre Dumas‘ Version der Geschichte „Nussknacker und Mäusekönig“ von E.T.A. Hoffmann und erlebte am 18. Dezember 1892 seine Uraufführung. Am 17. Dezember 2021 durfte Demis Volpis Nussknacker nun in Duisburg Premiere feiern: dabei entführt federführend der Chef der Ballettcompagnie (jedoch in Zusammenarbeit mit drei weiteren jungen Choreographen*innen, die auch einzelne Nummern in Szene gesetzt haben) in die wunderschöne romantisch-zauberhafte Märchengeschichte des Nussknackers.

Gleich zu Beginn wird der Zuschauer durch die Silhouetten hinter einer großen transparenten Flügeltür Zeuge eifriger Vorbereitungen auf den Heiligen Abend im Hintergrund der Bühne, die Clara und ihr Bruder ungeduldig mit Spielen vor dieser Tür im Vordergrund überbrücken. Als endlich die große Wohnzimmertür den Blick freigibt, tritt man ein in die bunte, trubelige und fröhliche Atmosphäre des Weihnachtsabends der Familie und fühlt sich gleich zuhause inmitten der schönen Kulissen, der freudig beschäftigten Familienmitglieder, des riesigen Tannenbaums… Beinahe mit dem Durchblättern eines klassisch und üppig illustrierten Märchenbuchs zu vergleichen ist dann das Eintauchen in die romantische Geschichte: der Patenonkel bringt Clara den Nussknacker als Geschenk mit, das Mädchen ist nachhaltig fasziniert. Es zieht sie nächtlich wieder ins Wohnzimmer zu ihrem Geschenk und sie erlebt gemeinsam mit ihrem seltsamen Gefährten die abenteuerlichen Traumepisoden mit Schneeflocken, Cupcakes, tanzenden Blumen und glitzernden Lichterketten. Diese einzelnen Episoden sind faszinierend umgesetzt von vier jungen Choreographen aus den Reihen der Compagnie und gänzlich passend in das Gesamtwerk eingeflochten.

Aufwendigste Kostüme wie riesenhafte Röcke und vor allem kunstvoller Kopfschmuck der süßen Zuckertörtchen, ebenso der weiß-kristallinen Schneeflocken und der üppigen Blumen, realistisch gestaltete Mäuseköpfe und –Füße u.v.m. geben dem Auge ständig neue beeindruckende Impulse. Es fehlt auch nicht an humorigem Augenzwinkern, wenn z.B. die große Cupcake-„Mutter“ ihre Törtchen mit einem riesenhaften Kochlöffel probiert und ein ängstliches Cupcake-Kind davor zu fliehen versucht. Ein wunderschöner Moment auch, wenn schwarz gekleidete Tänzer auf dunkler Bühne ihre Mützen aus Lichterketten ein- und ausschalten und schöne Bilder mit  überraschenden Lichtspielen entstehen lassen.

Dieser Abend lebt von seinem Facettenreichtum – im Tanz, bei den Kostümen, den Kulissen, dem Licht: abwechslungsreich, variabel,  „traumhaft“ – er entführt ein bisschen in die Welt der Phantasie und ist  eine wunderschöne Einstimmung auf die Weihnachtszeit!

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Krippenspiel mit Aufforderung zum Aufbruch

Michael Langenberger über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Ich musste dieses Mal schon länger darüber nachdenken, was ich schreibe. Denn was uns als szenische Umsetzung des Bach’schen Weihnachtsoratoriums in Form einer ausgewachsenen Oper gezeigt wurde, ist mit wenigen Worten schwer zu beschreiben. 

Die erste Hälfte stellt uns die Frage: Was wäre, wenn sich die berühmte Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium hier und heute in unserer urbanen, hyperbeschleunigten Stadt wiederholen würde? Wie würden wir ihn empfangen und wie begegnen wir ihm…
Das kubisch geschlossene Bühnenbild konfrontiert uns mit der Distanz unserer Lebensverhältnisse zueinander, identifiziert Partikularinteressen.

Das alles ist für die Besucher, die als Benchmark ausschließlich das gediegene, hochehrwürdige Meisterwerk von Karl Richter aus dem heimischen Plattenschrank dagegenhalten, vielleicht schwer zu ertragen. Denn die musikalische Interpretation folgt z.B. in Geschwindigkeit und Rhythmik eher dem Bühnenspiel als dem Klischee. Doch bekommt das Bach’sche Werk genau deshalb auch einen neuen Ausdruck, eine angemessene Frische. Entgegen starr stehenden Chören entwickelt der Chor durch seine nahezu ständige Präsents als singende Mimen auf der Bühne, auch aus den Körperbewegungen heraus, gesangliche Dynamik, die Axel Kober am Pult durch sein Dirigat auch zulässt. Teilweise sind Musiker der Düsseldorfer Symphoniker in kammerorchestralen Zusammensetzungen auf der Bühne statt im Graben und damit tief ins Geschehen eingebettet. Womit wir dann auch schon in der zweiten Hälfte wären.
Hier bin ich überwältigt von dem was ich unter großer Bühnen- bzw. Opernkunst verstehe: Die Umsetzung der gegenwärtigen Situation und Bedürfnisse, Fragestellungen und Lösungsoptionen als intellektuelles Angebot an die Zuschauer ohne Moralin gehobenen Zeigefinger. Das geschlossene Bühnenbild der ersten Hälfe weicht einer dreidimensionalen offenen Durchdringung der Gesellschaft. Lässt alle möglichen Facetten des Lebens zeitgleich und ebenso richtig wie falsch zu, so wie eben unser reales Leben heute ist. Dadurch werden zeitgleich verschiedenste Ängste und Nöte, Versäumnisse und Disruptionen angeboten. Jeder Zuschauer wird intuitiv und individuell die Geschichten erkennen, die ihn betreffen. Unmöglich emotional allem gleichzeitig zu folgen. Doch das ist überhaupt nicht schlimm. Denn letztlich fordert uns das neu erschaffene Opernwerk auf, nicht in weihnachtlicher Demut und untertäniger Passivität zu versinken, sondern selbst aktiv zu werden und Grenzen zu sprengen – ganz im besten positiven und mitmenschlichen Sinne aller Religionen, Altersgruppen, Herkünfte etc.

Und seien wir mal ehrlich – und auch bitte diejenigen, die den Maßstab an der sakralen Darbietung anlegen: Nur selten wird das Gesamtwerk an einem Abend aufgeführt. Wenn doch, dann geht man meist trotz Bach-Meisterwerk erschöpft nach Hause. Die Opernaufführung hingegen ist so kurzweilig, dass die Zeit verfliegt und es danach jede Menge zu reflektieren und besprechen gibt. J.S. Bach, ja auch bekannt als flexibel und experimentierfreudig, wäre sicherlich sehr mit diesem Opern-Meisterwerk einverstanden gewesen.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

„Eine bezaubernde Aufführung des Nussknacker-Balletts“

Dagmar Ohlwein über die Premiere „Der Nussknacker“ in Duisburg

Was für eine bezaubernde, verzaubernde Aufführung des Nussknacker Balletts; das war ein Abend im Duisburger Stadttheater, der nach meiner Meinung seinesgleichen sucht und mir eine wunderschöne weihnachtliche Einstimmung beschert hat.


Das Märchenballett „Der Nussknacker“ wird schon seit 1892 in der Vorweihnachtszeit in zahlreichen Theatern aufgeführt. Die Inszenierung von Demis Volpi und jungen ChoreographInnen begeisterte mich mit hervorragenden TänzerInnen, überaus phantasiereichen herrlichen Kostümen, einem wunderbar ideenreichen Bühnenbild.
Katharina Schlipf, so ist mein Eindruck, hat mit viel Liebe zum Detail, Sinn für Komik und großer Lust und Freude daran gearbeitet.
Paula Alves als Clara stellte in ihrem Tanz mit ihrer Leichtigkeit und Körpersprache perfekt die Verwandlung eines noch gerade spielenden Kindes zu einer Jugendlichen, die sich das erste Mal verliebt, dar. Ihre Liebe, in der Nussknacker-Rolle, auf hohem Niveau vertanzt von Gustavo Carvalho, war ideal besetzt. Ihm gelang die Darstellung eines hölzernen, kantigeckigen, Nüsse knackenden Kerls hin zu einem beweglichen Menschen ideal. Neben allen anderen hoch zu lobenden TänzerInnen gefiel mir außergewöhnlich gut der Tanz von Fritz, Claras Bruder. Evan L´Hirondelle überzeugte mich mit seiner tänzerisch kraftstrotzenden übermütigen Darstellung eines frechen Bruders. Ein großes Kompliment an alle Protagonisten, die Mitglieder der Familie Silberhaus, die Schneeflockenkönigin und ihre BegleiterInnen, die TänzerInnen des Blumenwalzers, der Lichterkette und der Cupcakes. Zu noch weiteren Glanz-und Höhepunkten gehörten für mich an diesem Abend der „spanische Tanz“ choreographiert von Neshama Nashman und der „Tanz der Mäuse“ vom Duo Nutrospektif. In meinen Augen sind die zusätzlichen jungen ChoreographInnen eine Bereicherung für das begeisternde von Demis Volpi choreographierte und inszenierte Nussknacker-Ballett.

Ein rundherum gelungener Abend, der bei mir noch weihnachtlich beschwingt nachklingt.

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin im Ruhestand nimmt sich Zeit für Kultur. Als Jugendliche lebte sie „direkt um die Ecke“ des Theaters Duisburg und hatte so schon immer viel Kontakt zur Kunst. Sie freut sich auf ein weiteres Jahr als Duisburger Opernscout.

Ein mutiges Konzept gibt neue Perspektiven

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Das Weihnachtsoratorium szenisch zu begleiten, und dann kein klassisches Krippenspiel o.Ä., sondern eine Übertragung in heutige Zeit – das ist mutig und bleibt längerfristig in Erinnerung, auch wenn nicht alles gelungen war.

Maria und Joseph suchen überall anklopfend last minute in einer anonymen Großstadt (schöne Bauhaus-Kulisse auf Drehbühne) ein Zimmer für die Geburt des kleinen Babys. Die hilfsbereiten Gastgeber sehen in dem Kind etwas Besonderes und bald sind viele Menschen in der Stadt unterwegs, um das Kind zu besehen. Die Sehnsucht nach Sinn und Erlösung, nach einem neuen Lebensinhalt wird deutlich. Das Ganze entgleitet in Reliquienverehrung und Geschäftemacherei. Und doch führt diese Gesellschaftskritik an Ende zu einer Lösung, zur alles bewältigenden Liebe, für die zum Schluss eine Demo mit Slogans auf Pappschildern einen parodistisch fröhlichen Ausklang bereitete.
In diese Szenerie bauten die Regisseurin und mehrere Mitwirkende eine große Zahl von kleinen symbolträchtigen Handlungen ein, zum Teil parallel laufend. Mir gelang es nicht, alle Vorgänge zu entschlüsseln, und manche der Ereignisse wirkten eher befremdlich, wie zum Beispiel das Öffnen einer Toilettentür, hinter der sich ein Bauarbeiter erleichterte und dem eine Rolle Toilettenpapier zugeworfen wurde.

Trotz allem: Respekt für dieses mutige Konzept!

Axel Kober präsentierte einen prall-vitalen Bach ohne große Differenzierung und mit hohem Tempo. Der laute Hall in einer Kirche sollte vielleicht nachgeahmt werden. Meiner mehr puristisch-transparenten Vorstellung der Bachmusik wurden nur die Abschnitte gerecht, während derer ein Streichquartett oder Solisten auf der Bühne musizierten. Trotz der überwiegend überzeugenden Stimmen gab es immer wieder Schwierigkeiten, im Takt der Musik zu bleiben. Ein Höhepunkt war einmal mehr die Leistung des Opernchores, der im zweiten Teil ohne Pause auf der Bühne hervorragend schauspielerte und durchgehend auswendig singen musste. Der musikalische Glanzpunkt schließlich war der Countertenor Terry Wey, dessen mit zartem klaren Klang gesungenen Arien eine zu Bach passende Ohrenweide waren.

Fazit: Das traditionelle Weihnachtsoratorium szenisch an unsere Lebenskultur und Lebensprobleme angepasst. Wenn das nicht zu kontroversen Reaktionen führte, wäre es langweilig.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

„Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Dr. Sassa von Roehl über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Ich kann mich als absoluten Bach-Fan bezeichnen. Wenn immer ich eine schwierige Aufgabe am Schreibtisch zu erledigen habe, höre ich dazu Musik von Bach. Seine Musik vermag es, wie keine andere meine Gedanken zu ordnen und zu strukturieren. Auch das Weihnachtsoratorium darf in keinem Jahr fehlen. Jeden Dezember lausche ich gerührt und andächtig mit meiner Familie dem erhabenen Werk und verlasse die Kirche in feierlicher und verzückter Stimmung. Auch zur Bescherung am Weihnachtsabend gehört das Oratorium dazu. Das Video auf der Seite der Deutschen Oper am Rhein versetzte mich in ähnlich Stimmung und ich war voller Vorfreude auf die Aufführung.

Doch die Übertragung des Geschehens von Christi Geburt in die profane Alltagssituation einer Stadtgesellschaft verlangte mir erst einmal einiges ab. Ich fühlte mich an das hastige, laute, enge und ziemlich unangenehme Treiben in der Düsseldorfer Altstadt erinnert, vor dem ich gerade mit ganz anderen Erwartungen ins Opernhaus geflohen war. Ich hatte große Schwierigkeiten mich auf das bunte, turbulente und für mich manchmal unverständliche Geschehen einzulassen. Getragen von den wunderbar vertrauten Melodien und den schönen Stimmen begann ich darüber nachzudenken, wie vielfältig die Reaktion auf die Nachricht des Erlösers auch heute wäre und wie relevant sie zu jeder Zeit ist. Und so konnte ich den Ansatz der „Szenen einer schlaflosen Nacht“ langsam nachvollziehen und in die Hoffnung auf eine bessere Welt einstimmen.

Kein Abend in der gewohnten Komfortzone des Weihnachtsoratoriums, aber spannend, mit sehr relevanten Denkanstößen und langanhaltenden Nachwirkungen.

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“.  Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

„Psychologisches Kammerspiel mit großer Wirkung“

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Ad absurdum“

Ad Absurdum… bis zur Sinnlosigkeit – eigentlich ist es die beste Idee überhaupt, absurdes Theater ins Ballett zu „übersetzen“, bleibt doch die Sprache absurder Theaterstücke als Mittel der Verständigung zweitrangig bzw. gänzlich untergeordnet. Stattdessen werden Orte ohne konkrete Zuordnung und Zeitlosigkeit in Szene gesetzt. Da ist es doch naheliegend, das Ballett als Ausdrucksform zu nutzen und das gelingt in den beiden Balletten, die in Duisburg am 17.11. Premiere feiern konnten, aufs Beste.

Eugène Ionescos „The lesson“ ist in seiner Bildhaftigkeit noch ein bisschen konkreter als die „Kahle Sängerin“: man wird Zeuge einer Ballettstunde eines verschroben-zwielichtigen Ballettlehrers und seiner jungen euphorischen Schülerin, deren tänzerische Überlegenheit und geistige Freiheit ihn zunehmend wütend und übergriffig machen und die er schließlich aus unkontrollierter Triebhaftigkeit erwürgt. Die Pianistin äußert zwar ihr Missfallen an seinem Tun, hilft aber dann bei der Beseitigung der Leiche… In der bedrohlich anmutenden Umgebung eines lichtarmen Ballett-Kellers, dessen vergilbte Oberlichter noch mit Vorhängen verdunkelt werden, wirken diese drei denkbar kontrastreichen Charaktere beinahe manisch in ihrem Verhalten, psychopathisch und in ihrem unkontrollierten Treiben regelrecht beängstigend. Die kranke Atmosphäre gipfelt schließlich in dem Mord an der Tänzerin – diese Entwicklung bis dahin ist großartig getanzt und gleichzeitig in einer fast statischen Dramaturgie packend in Szene gesetzt. Man sieht als Zuschauer die Katastrophe nahen und ist dennoch entsetzt, als es am Ende tatsächlich dazu kommt… Und noch einmal genauso entsetzt über die Folgenlosigkeit der Tat, vor allem da am Schluss die nächste Tanzschülerin bereits vor der Tür auf ihre Ballettstunde wartet… ein kleines psychologisches Kammerspiel mit großer Wirkung.

In einer ebenso unkonkreten und zeitlosen Welt bewegt sich das Ballett „Die kahle Sängerin“, ebenso ein Werk Ionescos „absurder“ Gedankenwelt. Diesmal dient das leblos-langweilige und von Konformität geprägte Eigenheim des Ehepaars Smith als Schauplatz. Mrs. Smith wird über die schleichend wachsende Erkenntnis, in welch spießig-eintöniger Welt sie lebt, immer verrückter und tanzt/bewegt sich mit wahnsinniger Geste… das Leben zieht ohne nähere Wahrnehmung am Ehepaar vorbei, belanglose Besuche von austauschbaren Personen führen Mrs. Smith die Leere in ihrem Leben nochmal deutlicher vor Augen. Was für eine kluge und effektvolle Idee, das Besucher-Ehepaar „Martins“ beliebig zu vervielfachen. Bei aller Mühe, mit karierten Hosen und knallig orangefarbenen Rollkragenpullovern Eindruck zu machen, bleiben sie eben doch völlig „gesichtslos“ und unspezifisch in ihrer Persönlichkeit.    Der  Besuch eines riesenhaften silbrig futuristisch gekleideten Feuerwehrmannes löst dagegen gleich ekstatische Reaktionen bei Mrs. aus… was womöglich entscheidend dazu beiträgt, dass sie  am Ende in beeindruckendem Wahn das beige Papier von den Wänden reißt und das „Leben draußen“, die „Welt außerhalb ihrer vier Wände“ sieht und erstmals wirklich wahrnimmt – und sie zum finalen Zusammenbruch bringt. Diese Geschichte ist so bildgewaltig inszeniert, in ein plakativ langweiliges und gleichzeitig mit pfiffigen und humorvoll eingesetzten Details (Tür, Kronleuchter) ausgestattetes Bühnenbild platziert und von den Tänzern in assoziative passende Kostüme gekleidet so kantig und unkonventionell vertanzt… das ist richtig stark. Dass die Musik mit der Handlung aufs Feinste verschmolzen ist, wird dabei beinahe zur Nebensache, trägt aber auch zu dem vollends stimmigen und fesselnden Eindruck dieses Abends bei. Sehr lohnend: Unbedingt ansehen!


Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Großartig, berauschend, wunderschön.

Sandra Christmann über die Premiere „Der Nussknacker“

OMG – Großartig, berauschend, wunderschön.

Alice und der Nussknacker im Wunderland besuchen zusammen mit Charlie aus der Schokoladenfabrik Dali.

Es ist ja kein Geheimnis, dass ich ein Fan der ersten Stunde von Demis Volpi bin. Das Ballett der Deutschen Oper am Rhein macht mich einfach immer glücklich!

Ich muss jetzt aber einfach mit den Kostümen beginnen.
Liebe Katharina Schlipf: ich bewundere Sie! Sie sind ein Ausnahmetalent.
Und wieder zeigt sich, dass die Gesamtkomposition einer jeden Inszenierung eine große Kunst ist und alle einzelnen Komponenten so relevant für den absoluten Genuss und die Freude sind.
Schon von der ersten Sekunde an war ich von der Klarheit und Schönheit der Kostüme begeistert, das weiße Kleid von Clara, das schwarze der Mutter “Haute Couture „ at it’s best– ich wünschte es wäre meins. Auftakt Bühnenbild und Kostüme haben hoch angesetzt und halten nicht nur das Niveau sondern steigern sich wie ein schönes Crescendo durch die gesamte Inszenierung.
Auch das Kostüm von Drosselmeier, perfekt, er erinnert sehr stark an Jonny Depp in der Schokoladenfabrik.
Und dann die Ratten, Hollywoodreif. Die Köpfe, die Arme und Beine – ein künstlerisches Highlight. Und, oh mein Gott, die Cupcakes. Und die Torte. Grandios. Die Schneeflocken bezaubernd.
Hinzu kommt das perfekte Bühnenbild. Insbesondere die mechanischen Türen, sehr surrealistisch, Dalimäßig.

Diese Nussknacker Inszenierung ist bezaubernd und auf den Punkt gebracht. Al dente. Eine schöne, junge Chroreographie, ich hätte mir noch mehr Modern Dance Passagen gewünscht, aber das schmälert nicht die hervorragende tänzerische Leistung.
In vielen Balletten ist die Konzentration doch auf der Prima Ballerina, in dieser Inszenierung schafft es Volpi mit seinen Choreographien jedes Talent in den Mittelpunkt zu stellen. Alle Tänzerinnen und Tänzer sind so unique.
Natürlich der Nussknacker, Orazio Di Bella, aber auch die Haushaltshilfe, Futaba Ishizaki, oder Tante Zuckermund getanzt von Charlotte Kragh, sie alle ziehen die Zuschauer:innen in ihren Bann.

Diese Nußknackerinszenierung entführt uns auf allen Ebenen in eine berauschende, sinnliche und berührende, erheiternde Welt und ist reiner Genuß!!!

Sandra Christmann
Managerin in der Filmproduktion, Kulturmanagerin

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie ist aktuell bei e+p films als Head of Growth tätig. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Der Nussknacker – ein zauberhafter Ballettabend

Charlotte Kaup über die Premiere „Der Nussknacker“

Mit Vorfreude aber auch leichten Bedenken sah ich der Premiere des Nussknackers entgegen, insbesondere da mein Freund, welcher mich an diesem Abend begleiten sollte, klassische Ballettstücke und Rollenbilder mit besonders kritischem Auge betrachtet. Unsere Erwartungen wurden im positiven Sinne mehr als übertroffen.

Schon von der ersten Minute an war ich begeistert vom voluminösen Klang des endlich wieder voll besetzten Orchesters. Marie Jacquot dirigiert die bekannten Melodien mit viel Schwung und Leichtigkeit und lässt eine magisch vorweihnachtliche Stimmung aufkommen. An diesem Ballettabend passt einfach alles – angefangen vom kreativen Bühnenbild und den opulenten Kostümen bis hin zu der unglaublichen Energie der Tänzerinnen und Tänzer. Volpi haucht seiner Inszenierung eine große Portion Frische ein und bleibt gleichzeitig nah an der klassischen Vorlage. Auch streut er gekonnt Witz und Ironie, er spielt mit den Erwartungen und Rollen des klassischen Balletts. Man erkennt einen sympathischen Humor in vielen kleinen Szenen, der weder klamaukig noch überheblich ist und den feierlichen Charakter des Stückes gekonnt erhält.
In den Hauptrollen überzeugten Emilia Peredo Aguirre als anmutige Clara, Dukin Seo als Drosselmeier und Orazio di Bella als Nussknacker. Alle drei zeigen großartige Technik und viel Strahlkraft. Eventuell wären hier weitere, choreografisch noch anspruchsvollere Soli oder Duette möglich gewesen – in jedem Fall hätte ich gerne noch länger zugesehen.
Ein besonderes Highlight waren außerdem die Divertissements im zweiten Akt, welche von verschiedenen Choreografen gestaltet wurden und das Bewegungsrepertoire mit mehreren modernen Handschriften ergänzten.

Mein Fazit: Selten habe ich die Oper im Rhein so beseelt verlassen. Ich hoffe, dass es einem großen Publikum und insbesondere vielen Kindern ermöglicht wird dieses Stück zu sehen und Zugang zu dieser wunderbaren Kunstform zu finden.

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Bevor die junge Ärztin ihre Stelle in Mönchengladbach antrat, war sie als Ballettlehrerin im Hochschulsport tätig. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires. Durch ihre Teilnahme am Opernscout-Projekt entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für die Oper. Vor allem gefällt ihr als Scout die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Unbedingt sehenswert!

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Tristan und Isolde“

Wagneropern sind immer ein Wagnis: meist sehr lang, episch im Text und irgendwo zwischen wirr und fantastisch in der inhaltlichen Anlage… vermutlich gibt es daher wenig zwischen Wagnerfetischist und Wagnergegner… jetzt stand im Theater Duisburg die Premiere von Tristan und Isolde auf dem Programm, ein „5-Stunden-Wagnis“, das sich für mich als Gewinn herausgestellt hat.

Die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Axel Kober waren gut aufgelegt, hier und da hätte man sich bei der Lautstärke vielleicht etwas mehr Zurückhaltung gewünscht, um der einen oder anderen Stimme mehr Vordergrund zu gönnen.
Alexandra Petersamer, die auch in der konzertanten Götterdämmerung von 2019 schon in Brünnhildes Rolle glänzte, war auch hier stimmlich ohne Frage der Star des Abends. Nicht nur ihr volumenreicher und wandelbarer Sopran hat restlos überzeugt, auch  ihre Rolle als Isolde hat sie zwischen Liebestollheit, Wut, Enttäuschung und Hoffnung wunderbar ausdrucksvoll ausgefüllt. Daniel Frank hat die fordernde Tristan-Partie an ihrer Seite gut und solide gesungen und gespielt, konnte aber an Stimmkraft und Bühnenpräsenz nicht ganz aus dem Schatten der Isolde heraustreten.
Beeindruckend, also stimmlich gut besetzt, waren für mich auch die Rollen der Brangäne (Katarzyna Kuncio) und König Marke (Hans-Peter König). Überhaupt war es ein einheitlich hohes Stimmniveau – das machte das Zuhören genussvoll und  kurzweilig.
Auch das Auge kam auf seine Kosten: es war viel Bühnenmaschinerie im Einsatz: ein doppelter Boden teilte die Bühne in der Vertikale aus und schuf mehrere Ebenen für die Schauplätze – trotzdem waren es wenige und reduzierte „Bühnenbilder“ und Requisiten, die aber völlig ausreichten, um die Umstände und Vorgänge anzudeuten – Und vor allem viel Raum ließen für den eigentlichen Fokus der Oper: das Innenleben der Liebenden, die wirre Gefühlswelt, die extremen Emotionen im Verlauf dieser komplizierten Liebe. Um diese noch deutlicher hervorzuheben, gab es eine äußerst wirkungsvolle dramaturgische Idee: eine kleine fünfköpfige Instrumentalgruppe aus Streichern und Englischhorn spielte nicht im Orchestergraben, sondern wurde jeweils passend zur Szene unmittelbar neben den Sängern  positioniert – dieser Effekt ließ Stimmen und Ensemblemusik klanglich verschmelzen und unterstrich die Handlung, meist den inneren Konflikt, umso mehr.

So entstand insgesamt ein schlanker,  reduzierter Wagner, der aber alles Wesentliche in den Vordergrund rückt und den Blick freigibt auf den Kern der Sache… nicht nur für Wagnerfans  unbedingt sehenswert, finde ich!

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.