So muss man es machen

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Michael Langenberger über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Das erste Lob gehört dem Generalintendanten der Düsseldorfer Oper. Prof. Christoph Meyer vertraut die Inszenierung dieses großen Werkes Philipp Westerbarkei an, ein Eigengewächs der Düsseldorfer Oper. Der wiederum kooperiert mit Tatjana Ivschina, verantwortlich für Bühne und Kostüme, im besten Sinne wie ein Start-Up in agiler Arbeitsweise, indem beide Ihr Know-How so verzahnen, das ein grandioses Bühnenwerk entsteht. Wer sehen will, welche Special-Effects eine renovierungsbedürftige Operntechnik in der Lage ist zu liefern, der sollte sich diese Oper ansehen und genießen.

Es sind diese Lichteffekte, die beispielsweise Luiza Fatyol als Juliette im silbern glitzernden Kleid zu einem grandiosen Auftritt erheben oder die Bühne in Sekundenschnelle zu einem Kirchenraum wandeln. Oder habe Sie schon einmal minutenlangen Regen auf der Bühne erlebt? Ja, es war wirklich nasser Regen. So ist dann auch ein steinerner Fels eben nicht nur Bühnenbild, sondern hilft auch bei der Visualisierung der bizarren Formen von Gewitterblitzen.

Immer wieder mal erscheinen Maria Sauckel-Plock und Egor Reider als ihr jeweils jüngeres Ich von Roméo und Juliette. Man hört – intoniert – deren Herzen höher schlagen. Die beiden zwar nicht singend, doch als blutjunge Mimen, die Liebe und Verrücktheiten junger, frischer Verliebter verkörpernd, quasi pantomimisch darstellend. So geht das Schauspiel vor dem abgesenkten Vorhang während des Bühnenumbaus kurzweilig weiter, hält den Zuschauer emotional gefangen und löst sich fließend, schauspielerisch im folgenden Bühnenbild wieder auf.

Übrigens, wer einmal einen riesigen Chor tanzen sehen will oder ebenso viele Anregungen zu fantasievollen Kleidern und Kostümen, wie der Chor Mitglieder hat, sehen will, sollte die vielen unterschiedlichen Auftritte des Chors nicht versäumen.

Gerade zu Beginn verbinde ich mit dem Auftritt des Chors einige Szenen mit Leonard Bernsteins “West Side Story”. Wenn dieses Musical damals als die moderne Form des Dramas Romeo und Julia galt, dann haben wir jetzt bei der Premiere von „Roméo et Juliette“ die Fusion von spektakulärem Opern-Schauspiel mit highly sophisticated Animation gesehen.

War das jetzt z.B. auch die Bewerbung der Oper Düsseldorf für einen Opernhaus-Neubau auf Weltniveau? In Zeiten, wo Opernhaus-Neubau zur bloßen Auseinandersetzung auf Standort und Geld reduziert wird, ist es gerade jetzt wichtig mit dem oft gespielten Stück „Roméo et Juliette“ durch performative Leistung zu glänzen, auch Grenzen auszutesten. Denn welches Opernhaus kann schon mit einem Sänger (und Tänzer-) Ensemble glänzen, das selbst bei komplexen Besetzungen, nahezu alle Rollen selbst besetzen kann und damit gleichzeitig Talentschmiede der internationalen Opern- und Ballettwelt ist? Welches Opernhaus ermöglicht eigenen, jungen Talenten die Verantwortung für Regie und Ausstattung zu übernehmen? Welch anderes Opernhaus liefert in steter Regelmäßigkeit Award-Qualitäten ab? Hätte es ein solches Opernhaus nicht auch verdient, mit perfekter Technik – einschließlich der für Liveübertragungen – den Rest der Welt an seinen Ideenreichtum und moderner Arbeits- und Management-Leistung teilhaben zu lassen?

Opernscouts 2018 / 2019

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt: Auf Standard und Latein folgten Salsa und Modern Contemporary Dance im Tanzhaus NRW, wo er auch an öffentlichen Performances mit Profis und Laien mitwirkte. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze.

 

 

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Quintessenz der Liebesgeschichte

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Hilli Hassemer über die Premiere von „Roméo et Juliette“

love is a losing game

erscheint in Leuchtschrift  (nach einem tollen Song von Amy Winehouse), als Quintessenz der Liebesgeschichte zwischen Roméo und Juliette.

Um es vorweg zu nehmen, Juliette verliert zwar auch irgendwie das Spiel, aber sie stirbt nicht. Nach dem Motto der Stadtmusikanten „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“  entscheidet sie sich für das Leben und dies dann eben mit dem ungeliebten
Paris.
Luiza Fatyol und Ovidiu Purcel, als Roméo und Juliette glänzen gesanglich und es ist ergötzend, den beiden zu lauschen. Genauso beglückt mich der Opernchor, der zudem noch Tanzeinlagen zum Besten gibt, welche schweißtreibendes
Training erahnen lassen.
Maria Boikos Auftritte als Stéphano, so kurz sie sind, finde ich sehr stark. Sie groovt in hippen schlaksigen Bewegungen über die Bühne und überrascht mich aus dieser Lässigkeit heraus umso mehr mit ihrer wunderbaren Stimme.
Auf die Düsseldorfer Sänger und Musiker ist einfach Verlass, denke ich immer wieder, nicht ohne Stolz.
Ein Lob an das Licht! Dramatisch gut beleuchtet, sind besonders die großen Chor-Tanzszenen. Die singenden Akteure sind mit rot-grün Spots angestrahlt und man möchte eigentlich an diesen 2-Kanal Licht-Stellen eine 3 D Brille zu Hand haben, um die räumliche Tiefenwirkung noch zu verstärken.
Mich strapazieren die Szenen, in denen Juliette auf rätselhafte Stuhlstapeltürme klettern und aus überhöhter Position ihre Arien singen muss. Sicher sind diese Gebilde gut fixiert und stabiler, als sie aussehen, aber was ist, wenn es Juliette schwindelt oder sich ihr langes Kleid verfängt oder … meine Sorge um die Sängerin überwiegt und überschattet den Genuss der musikalischen Darbietung.
Was die Inszenierung betrifft, so spricht Westerbarkei für mich in Rätseln. Da gibt es dieses jüngere stumme alter Ego Roméo-und-Juliette Paar, welches von Szene zu Szene auftaucht und sich in übertriebenen Gesten liebt und rauft und liebt und rauft. Sind sie ein Traum, oder vielleicht die echten und
zeitgenössischen Romeo und Julia Akteure?
Dann die seltsame Grotte im Hintergrund, – auch als Kletterfelsen für gewagte Stunts genutzt, – sie ist der Hort für eine an Lourdes erinnernde Muttergottes Statue. Sie leuchtet still und irgendwie religiös und erschließt sich mir nicht. Die schwarzwelligen Bühnenelemente in den letzten Akten, sind sie Meeresküste?
Nachtschattengewächse?
Zum Kern aber: die Verbundenheit, diese weltberühmte tragische große LIEBE zwischen den beiden Hauptdarstellern, die sich gegen ihre Familien, gegen die Gesellschaft und den Rest der Welt stellen, – sie erschließt sich mir aus diesem Spiel nicht. Auch bei den innigen Liebesarien agieren die beiden auf Distanz, – besonders, wenn Julia auf einem ihrer, bereits erwähnten,  Stuhltürme steht, kniet, sich windet (und ich Blut und Wasser schwitze) .

So ist es fast eine logische Konsequenz, dass Juliette ihrem fernen Roméo nicht in den Tod folgt.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Hessemer_Hilli_Foto2_Andreas_EndermannHilli Hassemer
Bildende Künstlerin

Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Klassische und auch Opernmusik sind elementare Einflüsse in ihrer Arbeit. Das erste Jahr als Opernscout hat sie mit heller Freude erlebt. Die Vielfalt und Qualität der Düsseldorfer Opern und Ballettkultur zu erleben, war für sie eine neu prägende Seh- und Hörschule. Eine Sinn-schärfende Bereicherung, die sie nicht mehr missen möchte. So freut sie sich auf die zweite Spielzeit, auf die neuen Ballett und Opernwelten, die sich ihr eröffnen werden und für die sie Worte finden muss. Der Bleistift ist gespitzt….

 

Liebt Juliette ihren Roméo wirklich?

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Susanne Bunka über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Ein musikalisch wunderbarer Abend mit tollen Stimmen; besonders Ovidiu Purcel mit seinem strahlenden, mühelosen Sopran hat mich begeistert. Auch Luiza Fatyol als Juliette und Bogdan Talos in der Rolle des Bruder Laurent
überzeugten stimmlich!
Der Chor sang wunderbar; das Orchester tat, was es tuen soll…..es begleitete Solisten und Chorsänger professionell wohlklingend.
Das Bühnenbild erschien zeitweise deprimierend dunkel, aber das passte zum wirklich nicht lustigen Thema…..ein liebendes Paar darf nicht zueinander finden, denn dies würde alten, festgezurrten Regeln und Bestimmungen widersprechen.
Philipp Westerbarkei hat in dieser Inszenierung mehr das Verlogene, Patriachaische, Konservative der Gesellschaft herausgestellt, als die Liebesgeschichte selbst……denn liebt Juliette ihren Roméo wirklich? Oder ist er mehr eine Option ihrem goldenen Käfig zu entfliehen.
In dieser Aufführung scheint Roméo der große und einzige wirkliche Verlierer zu sein; seine Liebe erscheint echt und tief….er ist ja auch derjenige, der am Ende stirbt. Juliette entscheidet sich doch für ihren Käfig und folgt Paris; diese Möglichkeit scheint doch angenehmer zu sein als der Tod. Sie ist halt doch die Tochter ihres „Dandyvaters“ und Anhängerin des opulenten, angenehmen Lebens; einen Versuch war es aber wohl wert…..
Ein wenig verwirrend erschien mir das „verliebte Paar“, das stimmlos seine verspielte, jugendliche Zuneigung zeigte. Waren es die Protagonisten in ihrer Jugend oder Wunschträume, die nicht ausgelebt werden durften? Für mich waren sie überflüssig!
Überflüssig erschien mir auch das Stuhlkonstrukt, auf dem Juliette mehrmals akrobatisch bewundernswert singen musste. Dass es ggfs. der berühmte Balkon sein sollte, wurde mir erst später klar; ein italienischer Brauch, Bräute auf Stühle zu stellen, existiert auch. Ich hätte auf diesen „Nervenkitzel“ verzichten können.

Romeo und Julia sind hier also nicht nur das liebende, sich nacheinander verzehrende Paar, sondern zwei Menschen, die versuchen, bestmöglich ihr Leben zu leben, auch auf die Gefahr hin, durch Egoismus zu verletzen.

Bunka_Susanne_Foto2_Andreas_EndermannSusanne Bunka
Inhaberin des Angercafés in Urdenbach

Vor drei Jahren hat sich die ehemalige Kinderkrankenschwester Susanne Bunka einen Traum erfüllt: Zusammen mit ihrer Tochter betreibt sie das Angercafé in Urdenbach – ein Treffpunkt für alle Generationen, in dem auch Lesungen und kleine Konzerte und Chorproben stattfinden. Sie liebt die großen Opernklassiker, ist gleichermaßen offen für zeitgenössisches Musiktheater und Ballett und freut sich darauf, Ihre Eindrücke auch in ihrer zweiten Spielzeit als Opernscout im Gespräch zu vertiefen.

Was für ein Schauspiel-Spektakel, zu lyrischer Musik!

Romeo_et_Juliette_01_FOTO_Hans_Joerg_MichelHubert Kolb über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Die erste große Arbeit des Jung-Regisseurs Philipp Westerbarkei, zusammen mit Tatjana Ivschina (Bühne und Kostüme): Sie wollen es uns zeigen: so gehört eine alte Oper auf modern! Abgesehen von einigen Übertreibungen der Regiearbeit war es ein Abend, der in Erinnerung bleibt.
Zum Vorspiel gibt es gleich eine Ballett-artige Choreographie für den Chor, das bedurfte sicher einiger Übung. Dann teilt er sich sinnbildhaft in die beiden feindlichen Familien auf. Die Emotion wird durch leisen Herzschlag aus Lautsprechern zwischen den Bildern verstärkt, wie auch durch eine stumm tanzende, eher Shakespeare entsprechende junge Version des Liebespaares. Fast immer sind alle Protagonisten in Bewegung, oder singen im Dunkeln hinter der Festgesellschaft in Glitzerkostümen. Mal rauchen viele auf der Bühne. Spezielle Lichteffekte. Es gibt so vieles Ungewohntes auf der Bühne zu sehen, manches verpasst man, da oft mehrere Handlungen an verschiedenen Orten der Bühne parallel laufen, manches versteht man nicht. Eine tolle Idee, das Brautkleid der Juliette als scheintoter Körper wirken zu lassen, während Juliette als Geist im Hintergrund der Bühne die Vorgänge beobachtet. Man bleibt wach, um nichts zu verpassen.

Für mich unbefriedigend war der gewollt ungewöhnliche Schluss: Juliette überlebt (oder ist es ihr Geist?) und vermählt sich mit dem zuvor abgelehnten Grafen Pâris. Der tote Roméo bleibt als letztlich Betrogener zurück. So ist das Leben…

Die Musik ist lyrisch-schön. Roméo (Ovidiu Purcel) und Juliette (Luiza Fatyol) sind am Anfang etwas laut-hart in der Stimme, dann setzt sich aber der italienische Schmelz beim Tenor und das Lyrische beim Sopran herrlich durch. Mehrere weitere Stimmen waren überzeugend, einige aber nicht. Gegenüber der Probe bei der Opernwerkstatt hatte der Dirigent David Crescenzi die Düsseldorfer Symphoniker wesentlich besser im Griff.

Vielleicht sollte ich eine weitere Vorführung besuchen, um noch mehr von dieser Inszenierung wahrzunehmen.

Kolb_Hubert_Foto_Andreas_EndermannDr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt

 

 

 

 

Roméo stirbt ohne Juliette

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Jenny Ritter über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Ein tolles Bühnenbild mit sehr stimmiger Beleuchtung, wunderschöne Kostüme, herrliche Bilder, eine dynamische Inszenierung – doch der Schluss war dann doch für mich unverständlich: Juliette verlässt mit Paris die Bühne, nachdem Roméo ganz für sich alleine gestorben ist. Verwundert hat mich auch der „Balkon“, den ich als solches gar nicht erkannt habe, da er aus Stühlen bestand und kunstvoll
aufgebaut wurde.
Interessant waren die Szenen, die Roméo et Juliette als „double“ darstellten und die Kennenlernphase  darstellten. Gesanglich war die Liebe ja schon nach zwei Worten entflammt, doch das „Spiel“ der „Kinder“ (sie waren ja erst 15 Jahre) war dann doch erfrischend.
„Love is a losing game“ wird zum Schluss behauptet, doch scheinbar nur für Roméo, der alleine stirbt ohne Juliette.
Die Musik ist wunderbar und auch wieder von den Düsys wunderbar gespielt. Diese Inszenierung ist auf jeden Fall sehens- und hörenswert.

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Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin

Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und freut sich diesen als Opernscout in Düsseldorf abschließen zu können.

Eine zeitgenössische Oper – und trotzdem nette Unterhaltung

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Hubert Kolb über Anno Schreiers „Schade, dass sie eine Hure war“

Anno Schreiers Auftragswerk „Schade, dass sie eine Hure war“ für die Deutsche Oper am Rhein wurde hier uraufgeführt, und ich sah die 4. Vorstellung. Die Besonderheit war, dass die Hauptfigur der Annabella gleich zweimal auf der Bühne stand. Einmal war es Lavinia Dames, die ihre Rolle herrlich spielte, aber wegen einer Kehlkopfentzündung stimmlos den Mund zum Text bewegte. Und einmal war es Elena Fink, die in kürzester Zeit die Partie lernte und sie am Rande der Bühne stehend vom Blatt sang.

In einem Vorgespräch sagte der Komponist, Opern seien zur Unterhaltung dar – also keine schrill/schief/unharmonisch abschreckende Musik, sondern ein Feuerwerk unterschiedlicher aber gefälliger Musikstile, die zum Teil relativ abrupt wechselten. Das erinnerte mich sehr an die musikalische Begleitung von Stummfilmen.

Ähnlich der Dramatik vieler Stummfilme war auch das Geschehen auf der Bühne eine Abfolge von „Sex and Crime“ (so nannte es die Chefdramaturgin) – Handlungen mit zum Teil derber Sprache und auch etwas Komik. Das erinnert ein bisschen an Shakespeare (der Autor John Ford lebte in Shakespeares Spätphase), aber es ist eine flache Geschichte – die große Tiefe und Wahrheit von Shakespeares Texten fehlt.

Für meinen Genuss nachteilig war die Art des Gesanges, ein oft eher unmelodischer Sprechgesang. Zwar nannte Dirigent Lukas Beikircher die Tonfolgen der Arien und Duette kantabel, doch ergaben sich daraus keine Melodien, die haften bleiben.

Fazit: Eine erstaunlich abwechslungsreiche gefällige Unterhaltung auf der Bühne, aber eine Geschichte ohne Tiefgang. Erinnern werde ich die hervorragend lautmalerische Unterstützung des Geschehens durch das Orchester – wie in einem Stummfilm.

Kolb_Hubert_Foto_Andreas_EndermannDr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt

Und über allem flog der Fliegenpilz

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Hilli Hassemer und Benedikt Stahl in einem Dialog über die Premiere von Anno Schreiers „Schade, dass sie eine Hure war“

Operncollage

BS: Ja, liebe Hilli, das war ein Opernabend, was? Ganz ungewöhnlich. Zunächst der etwas verdrehte Titel, dann ein bisschen Vorabstudium der Zusammenhänge. Das alte Libretto von John Ford, einem Zeitgenossen Shakespeares, der mit seiner Geschichte der unmöglichen Geschwisterliebe ein noch viel älteres Thema erzählt und dann der noch sehr junge Komponist Anno Schreier, der jetzt und soviel ich weiß im Auftrag der Oper, dieses lebendige Spiel ersonnen hat. Beinahe karnevalistische Züge hatte das mitunter, eine Art Collage aus unterschiedlichen Zeitepochen und Stilen. Das zieht sich durch, vom Bühnenbild über die Kostüme bis hin zu den Musikzitaten, von denen man immer mal wieder meint, das ein oder andere längst zu kennen.

Am meisten fasziniert mich das subtile Spiel mit Innen und Aussen. Besonders die Bühne. Der Blick hinter die Kulissen der aufgeklappten Häuserfassaden und damit zugleich der Einblick in menschliche Abgründe, die im Normalfall durch Mauern und Vorhänge geschützt sind. Die äußeren Erscheinungen trügen, Giftiges verbirgt sich selbst noch hinter den fröhlichsten Kostümen und Farben. Ein Spiel aus Gegensätzen, ein Stück Stadt mit all ihren Schönheiten und Brüchen, die das Leben bereit hält. Wie hat’s Dir denn gefallen?

HH: Mir war ja etwas bang vor der Musik. Ich dachte mir, solch ein junger und begabter Komponist wird sicher sehr radikal meine doch gängigen Hörgewohnheiten ins Hadern bringen.. Das tat er auch, aber eben anders als erwartet. Was er gebrochen hat, war eine altvertraute Stringenz. Auf immer wieder kehrenden Themen, wie man sie aus anderen älteren Opern kennt, verzichtet er. Doch ging mir die Musik ein, ich konnte ihren Sprüngen folgen, war sie in ihren Zitaten und Brüchen, Versatzstücken sehr lebensnah und voller Humor. Der Anno Schreier hat ins Volle gegriffen, in jeder Hinsicht. Mir ging es wie Dir, Benedikt, dass mich die Bühne sehr erfreut hat. Eine Bühne? Eigentlich waren es viele und jedes Paar hatte seine eigene Bühne, wie im Leben! Jeder hatte sein Motiv, seinen Hintergrund: der Westenwagen, die historische Kulisse Parmas, der Fliegenpilzbalkon oder dieser kühle Bauhaus-Flachbau aus einem amerikanischen Filmset herausgebrochen. Und das dann alles ineinander verschachtelt, auf der nach hinten offenen Bühne der Düsseldorfer Oper. Man konnte ihr so richtig in die Eingeweiden kucken. Wie Du sagst: In die Abgründe. Der Bühne und der Menschen.  Und über allem flog der Fliegenpilz.

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Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin

Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Klassische und auch Opernmusik sind elementare Einflüsse in ihrer Arbeit. Das erste Jahr als Opernscout hat sie mit heller Freude erlebt. Die Vielfalt und Qualität der Düsseldorfer Opern und Ballettkultur zu erleben, war für sie eine neu prägende Seh- und Hörschule. Eine Sinn-schärfende Bereicherung, die sie nicht mehr missen möchte. So freut sie sich auf die zweite Spielzeit, auf die neuen Ballett und Opernwelten, die sich ihr eröffnen werden und für die sie Worte finden muss. Der Bleistift ist gespitzt….

Stahl_Benedikt_Foto2_Andreas_EndermannBenedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit: Wie Bild, Musik und Darstellung hier zusammen wirken, fasziniert ihn. Als interdisziplinär denkender Grenzgänger ist er auch an der Alanus Hochschule Bonn-Alfter tätig: Was  Architektur mit Schauspiel, Wirtschaft mit Kunst zu hat – diese Fragestellungen interessieren ihn auch in der Lehre. Nicht nur die Oberfläche, sondern die spannenden Zusammenhänge will er nun als Scout für Oper und Ballett entdecken.