Gisela Miller-Kipp über b.26

 Wechselbad der Tanz- und Gefühlswelten

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Mit b.26 serviert Martin Schläpfer eine außerordentlich spannungsreiche Trilogie – die drei Ballettstücke liegen stilistisch und zeitlich weit, nämlich mehr als anderthalb Jahrhunderte auseinander.

Das erste Stück: „Bournonville Divertissement“, drei Ballettsätze aus den Jahren 1842 und 1858 von August Bournonville (seines Zeichens königlich-dänischer Ballettdirektor), ist hochromantisch-folkloristisches, ganz und gar altklassisches Ballett. Es wird putzmunter getanzt, die Herren im neapolitanischen Gewams, die Damen in viel bonbonfarbenem Tüll mit Glitzerleibchen. Das ist bildhübsch anzusehen, langweilte mich aber auf die Dauer. Es folgt doch spannungslos Tanz auf Tänzchen, natürlich, um Ballettkunst vorzuführen; in der Binnenerzählung geht es freilich um Liebelei und Volksvergnügen – überaus üblich. Das neckische Getue dabei und das festgefrorene Lächeln solcher Aufführung gehen mir ziemlich auf den Keks. Wenig prickelnd fand ich auch die Bühne, bestehend einzig aus einem azurblauen Hintergrundprospekt – schon klar: der Himmel über Italien. Etwas Lichtzauber etwa hätte mir besser gefallen. – Die Düsseldorfer Symphoniker (unter Axel Kober) spielten das Ganze burschikos, ja auch mit kurkonzerthaftem ‚Schmackes‘ herunter; das munterte auf. Und so wurden hier die von Schläpfer ansonsten ja nicht gerade verwöhnten Liebhaber dieser Ballettkunst sicher gut bedient. – Was mir noch auffiel: kleine Asynchronitäten zwischen den Tänzern sowie zwischen Tänzern und Orchester – es wurde nicht so spitzenmäßig sicher getanzt, wie man es von der preisgekrönten Kompagnie inzwischen erwartet. Fremdes Bewegungsterrain? oder Lampenfieber? oder beides?

Dann aber das zweite Stück: ein fulminanter Kontrast, ein Absturz geradezu in eine völlig andere Tanz- und Gefühlswelt: „Dark Elegies“ von Antony Tudor (1937) auf die „Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler und Friedrich Rückert (Verse). Hier zelebriert eine Gemeinschaft, auch im solistischen Einzelfalle, Trauer und Klage, Gebet und Andacht, stürzt sich in Zorn und Aufbegehren, ja Aufschrei (akustisch), ergibt sich in Wehmut und Resignation. All diese seelisch-emotionalen Zustände werden auf- und vorgeführt in einer singulären ästhetischen Einheit von Tanz, Gesang (Bariton: Dmitri Vargin) und Musik – die Düsseldorfer Symphoniker spielten sensibel getragen, insbesondere in den Holzbläsern – sowie von Bühne – ein nachtschwarzer Hintergrundprospekt mit weißen Schäfchenwolken – und Kostüm: neutraler Anzug bei den Herren, sanft-schwingende Hänger in gedeckten delikaten Farben bei den Damen. – Dieses Ballett ging mir nach im doppelten Sinne des Wortes. Und so erkläre ich mir auch die auffälligen Lücken im Parkett nach diesem Stück: Hier waren Zuschauer, Zuhörer so betroffen, vielleicht aus persönlichem Erleben, dass es damit für sie gut war. Große Ballettkunst kann das.

Das dritte Stück: „One“, Terence Kohlers Choreographie (2015/16) der 1. Sinfonie von Johannes Brahms, eine Auftragsarbeit für die Deutsche Oper am Rhein, ist ein faszinierender Kraftakt aus hochmodernen Körperkonstellationen und Bewegungsmustern. Er ist, wenn man so will, ein einziges Ringen und Kämpfen: Menschen in tarnfleckigen Jerseys ringen mit sich und gegeneinander – dabei, natürlich, auch Mann gegen Frau – und gegen „höhere“ Mächte oder Gewalten – Naturgewalten, Krieg, körperliche Gewalt. Sie kämpfen und stürzen, stützen und drangsalieren sich, sie bilden ein Heer von Versehrten, irren umher, rennen gegen irgendetwas an bzw. versuchen auszubrechen; sie bewegen sich maschinell, zappeln wie elektrisiert – stehen also unter Strom – und einmal stehen sie auch leibhaftig im Regen: Sie schlurfen in Hoodies und mit hochgezogenen Schultern herum. Das alles passiert von Spotlights punktuiert (Licht: Franz-Xaver Schaffer) auf kongenialer Bühne (Verena Hämmerlein): einem Gewalt- oder Kraftraum aus zum Teil raumhohen granitgrauen mächtigen und sich verschiebenden Quadern – alles zusammen ein ungemein assoziationsreiches Bedrohungsszenario. Dazu musizieren die Düsseldorfer Symphoniker pastos, der 3. Satz wird freilich graziös genommen („un poco allegretto e grazioso“), und so tanzt ihn auch die Solistin (Yuko Kato). Sie schmiegt sich förmlich in die Musik, sie tanzt frei um sich selbst und im Bühnenraum – sehr schön, quasi zum Stein erweichen, und tatsächlich: Es öffnen sich Lichtspalten zwischen den Quadern! Sie schließen danach aber wieder zusammen, ein Quader wird zur Kletterwand (Free-Climbing), an der sich eine Frau, nunmehr vergeblich um Aufstieg, um Flucht bemüht (präzis bis in jeden Muskel: Marlúcia do Amaral).

Das Non-Plus-Ultra brachte für mich der 4. Satz. Sein Leitmotiv ist ein seinerzeit überall gesungenes patriotisches Volkslied aus der studentischen Freiheitsbewegung des 19. Jahrhundert – mit ihm wurde übrigens die erste Sitzung des ersten Deutschen Bundestages 1949 eröffnet! Ich habe es noch im Musikunterricht gelernt; heute scheint das weitgehend unbekannt, so auch dem Programmheft zu b.26. Deshalb hier einmal die Textzeilen: „Ich hab mich ergeben, mit Herz und mit Hand/Dir Land voll Lieb‘ und Leben, mein deutsches Vaterland“! Davon schwelgt die Musik mit elegischem Pathos und, sei das historische Melodiezitat dem Choreographen nun bekannt oder unbekannt, der Tanz ist eine in Stimmung und Tempo überzeugend mitnehmende Umsetzung dieses sinfonischen Satzes. Zuletzt wird eine Leiter an die Quaderwand gestellt und gemessenen Schrittes steigt die ganze Kompagnie ‚Mann für Mann‘ hinauf und hinaus – in Freie. Toll!

Man kann sich mithin in b.26 an altklassischem Spitzentanz erfreuen, man kann sich elegisch bewegen und man kann sich von supermodernen und innovativen Tanzmustern faszinieren lassen – also: hingehen!

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Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

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Jan van de Weyer über b.26

Drei Tanzepochen

Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburg b.26 One   ch.: Terence Kohler
Zur Eröffnung der neuen Spielzeit erwartet der Zuschauer des Ballett am Rhein ein abwechslungsreicher ‚Dreiteiler‘ aus drei unterschiedlichen Tanzepochen.
Auftakt bildet ein heiterer und lebhafter Bournonville von 1842.
Bei „Bournonville Divertissement“ wird gesprungen und zwar viel gesprungen- und hoch.
Faszinierend was für eine energiegeladene Lebensfreude die Tänzerinnen und Tänzer bei dieser körperlichen Höchstleistung transportieren. Dies wird durch das weite Ausbreiten der Arme unterstrichen. Es handelt sich um eine ausgelassene feiernde Gruppe, die Tänzerinnen mit bonbonfarbenen weit ausladenden Tutus, die Männer mit volkstümlich anmutenden Trachten. So wird sich auf der Bühne geneckt, geflirtet und man taucht in eine heitere und spielerische Tanzwelt voller Leichtigkeit ein.
Schauplatz ist das Blumenfest in Genzano, das alljährlich zu Fronleichnam in der Nähe von Rom stattfindet. August Bournonville hegte eine große Leidenschaft und Romantik für Italien. Musikalisch fühlte ich mich zeitweise an Johannes Strauss erinnert und als bei den Tänzern die Tamburine zum Einsatz kommen erlebt das Stück seinen Höhepunkt.
Das zweite Stück stellt eine wunderbare Symbiose aus drei verschiedenen Kunstformen dar- der Poesie, der Musik und dem Tanz. So schuf Mahler die tief ergreifenden „Kindertotenlieder“ zu den Texten von Friedrich Rückert, dessen beide Kinder an Scharlach starben. Antony Tudor transportierte das Thema von Verlust, Trauer und Schmerz mit „Dark Elegies“ in den Tanz. Das Bühnenbild sowie die Kostüme sind pur und schlicht gehalten, so dass der Fokus auf den kreisenden Bewegungen und starken Gesten der Tänzer liegt. Sehr stark das pas de deux von Marcos Menha und Virginia Segarra Vidal indem deutlich wird, dass man sich der Trauer nicht entziehen kann und dass der Schmerz gefühlt werden will. Dieses Momentum wird durch eine archaische und rituelle Bewegungssprache deutlich in deren Sog der Zuschauer hineingezogen wird.
Abschluss bildet das zeitgenössische Werk „One“ von Terence Kohler, das von der überwältigenden Musik von Johannes Brahms getragen wird. Eindrucksvoll die energiegeladenen Hebefiguren der Tänzer, die im ersten Satz viel Spannung aufbauen. Trotz des erkennbaren Potentials fällt die Intensität im weiteren Verlauf des Stückes ab, so dass die Choreographie unentschieden wirkt. Tänzerisch hervorragend die Leistung von Yuko Kato, die immer wieder mit Ihrem feinsinnigen Tanz überrascht.

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Jan van de Weyer
Bildhauer

„Was Martin Schläpfer hier bewirkt, ist ein Traum“, sagt Jan van de Weyer, der als kleiner Junge selbst Ballett getanzt hat und heute mit einer Tänzerin der Compagnie liiert ist. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte, arbeitete viele Jahre als Physiotherapeut und ist heute als Bildhauer mit eigenem Atelier in Düsseldorf tätig. Die Beschäftigung mit der Oper hat ihn in seiner ersten Spielzeit als Scout dazu inspiriert, Musiktheater in einem größeren Kontext zu betrachten – gern auch im Austausch mit Freunden und Bekannten.

Isabell Boyer über b.26

Eine Reise durch die Zeit

Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburg b.26 Dark Elegies  ch.: Antony Tudor

Am Freitag legte das Ballettensemble unter Martin Schläpfer mit dem Dreiergespann „Bournonville Divertissement“, „Dark Elegies“ und „One“ den Grundstein für die kommende Ballettsaison des Balletts am Rhein. Die Zusammenstellung der drei Stücke ermöglichte dem Zuschauer eine Zeitreise, die die verschiedensten Blickwinkel des Tanzes beleuchtet und die Mentalität der Kunst zu ihrer jeweiligen Entstehungszeit widerspiegelt.

Begonnen mit August Bournonvilles ‚Bournonville Divertissement‘ gelangen farbenfroh gekleidete Tänzer und Tänzerinnen auf die Bühne. Beschwingt und mit dem wohl strahlendsten Lächeln auf den Lippen, das man sich vorstellen kann, nehmen sie die Bühne für sich ein und leiten den Zuschauer in eine Szenerie von Leichtigkeit und guter Laune. Sofort brachte mich dies zum Schmunzeln. Die fröhliche, perfekt ausgetanzte Art dieses Stücks wirkt in unserer Gegenwart wie etwas Parodistisches, was durch kleine schauspielerische Nuancen in dieser Darbietung nur unterstrichen wird. Erst, als nach den Soli der einzelnen Tänzer etwas Bewegung in die gesamte Gruppe kommt, indem Tamburine und ein Schal zum Tanzen und Feiern genutzt werden, bin ich erneut gefesselt. Der neue, mitreißende Rhythmus lässt einen noch einmal genauer hinsehen und somit mehr genießen, als zuvor. Besonders kommen hierbei auch die bunten, bauschigen Kleider der Tänzerinnen zur Geltung, die sich mit jedem Sprung und jeder Pirouette weich und fließend mitbewegen. Definitiv schön mitanzusehen.

Anschließend entführt uns „Dark Elegies“ von Antony Tudor in die Zeit der Klage und Trauer Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit den Kindertotenliedern Mahlers, hier hervorragend gesungen von Bariton Dmitri Vargin, werden dem Zuschauer die Stadien der Trauer näher gebracht, die in jedem der 5 Totenlieder von jeweils einem der Protagonisten verkörpert werden. Der Zuschauer kann Trauer und Isolation erkennen, Aggressivität und Verzweiflung, den Kampf gegen den Verlust. Doch auch, wenn die Gefühle noch so stark sind, kehrt man immer wieder in den Strudel zurück, der einen zum Ursprung seiner Gefühle zurückbringt. Eine tragische Begebenheit, die die gesamte Gesellschaft um einen herum zu fesseln scheint. Dieses Stück hat mich sehr zum Nachdenken gebracht und in seiner Einzigartigkeit mitgerissen. Die Bewegungen standen im klaren Kontrast zum ersten Stück, da sie eher gen Boden tendierten und schmerzhaft wirkten. Immer wieder kämpften sich die Tänzer frei, um letztendlich wieder vom „Strudel“, einer wirbelnden Kreisformation der Mittänzer, eingefangen zu werden. Wahrlich beeindruckend und definitiv wert, sich einmal genauer mit der Thematik zu befassen.

Zuletzt bringt „One“ eine futuristische, wilde, ungestüme Geschichte von Entwicklung und Ausbruch auf die Bühne. Charakteristisch ist hier der einzigartige Einsatz von Licht und Schatten, sowie von Bühnenbild und Größe des nahezu gesamten Ensembles, das sich mit für mich neuen und ungewohnten Bewegungsabfolgen über die Bühne bewegt. Hier wird besonders auf die vielen Möglichkeiten des Tanzes geachtet, außerdem wird zweimal bewusst die vierte Wand, also die Wand zwischen Bühne und Zuschauer, durchbrochen, indem die Tänzer direkten Augenkontakt mit dem Publikum herstellen. Variation bringt auch die Verwendung einer Kletterwand im Tanz, die den beschwerlichen Weg über die steinernen Gipfel zur anderen Seite verkörpert. Mir hat dieses Stück gut gefallen, allerdings hätte ich mir für die letzte Etappe ein wenig mehr schauspielerische Interaktion unter den Akteuren gewünscht, als sie einer nach dem anderen in die Freiheit entkommen sind. So sehr man die Musik auch genießen kann, ein wenig Action hätte in diesem Moment den Augenblick des Ausbruchs wesentlich besser und dramatischer in Szene gesetzt.

Insgesamt ergab b.26 eine sehr angenehme und interessante Gruppierung, die ich aufgrund ihrer starken Kontraste sehr empfehlenswert finde. Das Prinzip der künstlerisch-tänzerischen Zeitreise gefällt mir sehr gut. Es schenkt dem Zuschauer die Möglichkeit, mitzuverfolgen, wie sehr sich unsere Dimensionen innerhalb der Jahrhunderte verändert haben und dass es sich lohnt, den Blick auch für unsere Vergangenheit, nicht nur für die Gegenwart, zu öffnen.

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Isabell Boyer
Studentin

Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.

Max Ohagen über b.26

Fröhlichkeit, Trauer und Kampf: die Garanten für eine Gelungene Ballettpremiere

Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburgb.26 Dark Elegies  ch.: Antony Tudor„Bournonville Divertissement“: Beflügelt, zart und jugendlich kommen die Figuren bei August Bournonville geflogen, als pastellfarbene Leichtigkeit des ausklingenden Sommers. Die Tänzerinnen mit ihren Röcken, wie sich drehende Papierschirmchen auf Kugeln von prickelndem Champagner-Sorbet. Umgarnt von den Tänzern, die mich an wirbelnde Champagnerbubbles erinnern. Ein Ballettstück erfrischend und genussvoll für die Sinne.
„Dark Elegies“: Schmerzhaft, traurig und modern erwischt mich das Ballettstück von Antony Tudor. Das Ensemble wie verzweifelte, tanzende Blätter in einem aufkommenden Herbststurm.
Untermalt von den Liedern Gustav Mahlers für Bariton und Orchester. Ein Trommelwirbel der Gefühle, was unter die Haut geht.
„One“: Energiegeladen, stark und utopisch. Ich fühle mich wie in einem Science-Fiction-Film auf einem grauen Planeten. Ein Kämpfen und Ringen im Ballettstück von Terence Kohler nimmt mich fasziniert in den Bann. Jeder Mensch hat seine ganz eigene Art eine Leiter hochzusteigen, die Mauern zu überwinden. Jeder ist etwas ganz Besonderes in seiner Bewegung im Fluss der Zeit.
Ein erlebenswertes Gesamtwerk, geschaffen von allen Beteiligten eingeschlossen des Publikums. Es war grandios.

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Max Ohagen
Inhaber der Keramik-Werkstatt „Manufattura“

„Ich bin berauscht und fange an zu lieben.“ So fasst Max Ohagen seine erste Saison als Opern- und Ballettscout zusammen. Während die Kunden seiner „Manufattura“ „Keramik selbst bemalen“, erzählt der Architektur- und Kunstliebhaber ihnen von seinen aktuellen Opern- und Balletterlebnissen – jedenfalls dann, wenn er seinen Laden früh genug verlassen konnte, um pünktlich im Opernhaus zu sein. Offen und neugierig auf das Zusammenspiel von Musik, darstellender und visueller Kunst gibt er gern seine Eindrücke und Empfehlungen weiter.

Susanne Freyling-Hein über b.26

Ein facettenreicher Ballettabend

Am vergangenen Freitag konnten wir einen facettenreichen Ballett-Abend erleben, der in der b.-Reihe aber nicht mein Favorit ist.

Der Abend umspannt Ballett von Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute und zeigt das Facettenreichtum der Entwicklung.

,,Bournonville Divertissement“ zeigt vom ersten Augenblick an eine unbeschwerte, folkloristische Szene.
Die Tänzerinnen und Tänzer zeigen vor blauer Kulisse fröhlich und unbeschwert, was sie können und kokettieren gegenüber dem anderen Geschlecht.
Nach einer Zeit nehmen die Tänzer Tamburine hinzu, reichen diese von Hand zu Hand und steigern somit die Dynamik auf der Bühne, Paare finden sich.
Dieses erste Stück ist schön anzusehen und sicher großartig getanzt, bietet aber wenig Tiefe.

„Dark Elegies“ ist mein Höhepunkt in der Trilogie. Im Gegensatz zum ersten Stück ist die Stimmung düster, das Bühnenbild dunkel und wie wolkenverhangen.
Überraschend ist der auf der Bühne sitzende Bariton, der die „Kindertotenlieder“ nahezu regungslos, in sich versunken vorträgt.
Die Tänzer tragen Ihre Trauer, Ihr Entsetzen über Ihren Verlust und die Nicht-Entrinnbarkeit mit einer beeindruckenden, düsteren Ästhetik zur Schau.

„One“ weckt in mir die Hoffnung auf eine positivere und dynamische Wendung des Abends, fängt jedoch ebenfalls mit einem Schreckensbild an.
Die Tänzerin, die das Stück eröffnet, erzittert am ganzen Körper angesichts der Monolithblöcke, die die Bühne umrahmen und ihr eine beeindruckende Tiefe geben.
Das Stück überrascht mit tollen Bildern, insbesondere wenn die komplette Kompanie auf der Bühne ist, sowie beim beeindruckenden Solo von Yuko Kato.
Allerdings zieht sich das Stück in die Länge und ergibt für mich keinen richtigen Zusammenhang.

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Susanne Freyling-Hein
Senior Retail Development Manager bei L’oréal

Obwohl Susanne Freyling-Hein seit ihrer Kindheit Klavier spielt und sich sehr für Ausstellungen und Industriekultur interessiert, waren Oper und Ballett bis zu Beginn der letzten Spielzeit Neuland für sie. Begeistert hat sie vor allem Martin Schläpfers Ballett am Rhein. Sie schätzt den gemeinsamen Austausch, weil er den eigenen Eindrücken andere Sichtweisen gegenüber stellt. Und wenn Freunde oder Kollegen ihren Empfehlungen folgen, macht sie das durchaus ein bisschen stolz.

Uwe Schwäch über b.26

Ein Abend künstlerischer Inspiration

Das Ballett „Bournonville Divertissement“ von August Bournonville ist ein Klassiker aus längst vergangener Zeit. In seiner Inszenierung im Rahmen von b.26 erfährt es eine wohltuende Balance aus traditioneller und moderner Prägung. Getanzt wird klassisch, also mit hoher Spitze, eleganten Drehungen und dynamischen Sprüngen. Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich im Reigen, der Charakter ist leicht, stimmungsvoll und fröhlich. Auch das puristisch gestaltete himmelblaue Bühnenbild und die bonbonfarbenen wehenden Kleider der Tänzerinnen prägen dieses Bild. Kurzum ein Fest für das Auge.

Dabei ist die Leichtigkeit und Gefälligkeit zugleich die Schwäche des Stücks. Trotz des Bewegungsreichtums wird der Zuschauer nicht bewegt, es fehlt das durchdringende Momentum von Inspiration und Leidenschaft. Erst im zweiten Teil erfolgt eine stimmungsvollere Aktivierung durch den Einsatz von Tamburinen. Nun wirken auch die Tänzer gelöster und verbreiten mehr Esprit. Die folkloristisch angehauchte romantische Musik rundet den Ballettklassiker durch eine stimmungsvolle Instrumentierung der Streicher und Bläser harmonisch ab.

Wie nahe Fröhlichkeit und Tristesse beieinander liegen, zeigt das zweite Ballettstück des Abends. „Dark Elegies“ von Antony Tudor nutzt die musikalisch komponierte Theatralik von Gustav Mahlers „Kindertotenliedern“. Auch hier sehen wir eine Art Volkstanz, dieses Mal jedoch gezeichnet von filigraner Einfühlsamkeit und angstvoller Stille. Die Symbiose von Musik und Tanz wird durch den Bariton Dmitri Vargin intensiviert, der sich neben den Tänzern auf der Bühne befindet. Die Musik durchdringt den Zuschauer voller Sanftmut und die Instrumentierung besticht mit einem fokussierten Klangbild.

Der Tanz ist geprägt von überragender Intimität, er vermittelt Verlust, Trauer und Sehnsucht. Die Tänzerinnen und Tänzer brillieren mit ungesehener und technisch anspruchsvoller Bewegungsvielfalt. Eingebettet ist die Inszenierung in ein von Wolken gezeichnetes Bühnenbild, das mit dezenten Lichteinfällen die Dunkelheit und Traurigkeit des Stückes unterstreicht. Und auch die Kostüme fügen sich in diesen Duktus ein, so dass sich insgesamt ein sehr holistisch choreographiertes,  herausragendes Ballett vorgestellt hat.

Die Vielfältigkeit dieses Ballettabends komplettiert das dritte Stück „One“ von Terence Kohler. Gleich zu Beginn Tanz in Hülle und Fülle mit modernsten Elementen – ein Rausch der Sinne. Der Zuschauer erlebt Tanz im Strudel der Gefühle von stürmisch, virtuos und artistisch bis zu hingebungsvoll und bisweilen zärtlich.

Das mit grauen Säulen erschaffene Bühnenbild ziert archaische Opulenz, in der sich bisweilen fast die gesamte Kompanie des Ballettensembles zeigt. Auch hier begegnet der Zuschauer ungesehenen Bewegungsformen, die in unterschiedlichen Sequenzen höchst ausdrucksvoll getanzt werden. Besonders eindrucksvoll ist der Tanz von Mitgliedern der männlichen Kompanie, die voller Anmut und Leidenschaft in weiten Hosen und nackten Oberkörpern in Phantasiebilder eintauchen. Wie auch im ersten Stück erleidet „One“ einen Bruch – dieses Mal negativ – als die Tänzer nacheinander eine Leiter erklimmen und über eine Säulenwand verschwinden. Nur der wunderbar vom Orchester interpretierten Sinfonie Nr. 1 von Johannes Brahms ist es zu verdanken, dass der Zuschauer hier nicht aussteigt. Der Spannungsbogen geht an dieser Stelle verloren, auch wenn sich am Ende mit der Ankündigung filigraner Lichtstrahlen die Säulen öffnen und die Tänzer wieder zurückkehren.

Es bleibt die Erinnerung an einen weiteren von epochaler Vielfalt und großer künstlerischer Inspiration geprägten Ballettabend, den man nicht verpassen sollte.

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Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter

Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

Khatuna Ehlen über b.26

Leichtigkeit, Trauer und Spannung

Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburgb.26 One   ch.: Terence KohlerLeicht, luftig, romantisch, nett anzuschauen ist das „Bournonville Divertissement“ von August Bournonville, aber man sollte hier keine Tiefgründigkeit oder Wirbel der Gefühle erwarten. Mit einer Leichtigkeit werden hier das Werben der Paare und klassische Geschlechterspielchen dargestellt. Beim Betrachten ging mir ein Gedanke nicht aus dem Kopf: völlig sorglose, glückliche „Dorfjugend“ sucht sich gegenseitig. Das Stück war mit der starken tänzerischen Leistung, mit den schönen Kostümen, Farben und mit der Musik gut abgestimmtem Tanz angenehm anzusehen. Man konnte sich wunderbar ablenken, sich von der dargebotenen Sorglosigkeit gut tragen lassen. Aber es blieb bis zum Schluss eine freundliche schöne Oberflächlichkeit.
Nach dem ich mir alle drei Stücke angesehen habe, konnte ich sagen – Dark Elegies“ von Antony Tudor  war der Höhepunkt des Abends. Eine sehr positive Überraschung war der Bariton, was man beim Ballett nicht unbedingt erwartet. Ein zu dem Tanz und Gesang wunderbar passendes Bühnenbild und Lichtspiel. Ein tiefgründiger Tanz, Melancholie pur, die Suche nach einer Erlösung aus der Trauer, nach sich selbst, nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft…
„One“ von Terence Kohler startete atemberaubend: absolut packende Licht- und Schatteneffekte, ein modernes Bühnenbild, körperbetonte Kostüme, ein Wahnsinnstanz (wie aus der Zukunft oder von einem anderen Planeten), Stärke und Schwäche, Kraft und Verletzlichkeit, Aktion ohne Ende. Aber leider baute die Spannung zum Schluss hin rapide ab, es kam eine lange „Leiter-Szene“, die zwar mit einer wunderschönen Musik begleitet wurde, aber tänzerisch passierte einfach nichts mehr. Ich blieb mit der aufgebauten Spannung emotional bei der Leiter stehen und hielt eine zerlegte Begeisterung in der Hand.

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Khatuna Ehlen
Sozialarbeiterin

Sicher war es ein großer Schritt, mit 20 Jahren die Heimat Georgien zu verlassen, um in Deutschland zu studieren und heute als Sozialarbeiterin in der Familienhilfe der Landeshauptstadt Düsseldorf zu arbeiten. Ein kleiner dagegen, die Einladung zum Projekt „erlebte Oper…erlebter Tanz…“ anzunehmen und Opernscout zu werden. Nach ihrer ersten Spielzeit als Opernscout ist sie glücklich, weiter als Scout aktiv sein zu dürfen. Bisher sind die Aufführungen des Balletts am Rhein ihr klarer Favorit im Spielplan, so dass sie sich auch in der neuen Spielzeit auf mitreißende Choreographien freut.