Maren Jackwerth über b.31

Einem Märchen entrückt

Trilogie: Martin Schläpfers „Obelisco“, dann „Adadgio Hammerklavier“ von Hans van Manen und zuletzt erlebten wir auf der Bühne von den Choreographen Sol Leon und Paul Lightfoot „Sh-Boom“.
Wieder einmal zeigt Schläpfer zur Musik von Marla Glenn, Mozart und Schubert, was seine Tanzgruppe leisten kann, einmal tanzt Marlúcia do Amaral sieben Minuten auf Spitze, federleicht und doch schmerzerfüllt?
Es gibt Soli, so von Marcus Pei, der feingliedrig seine Bewegungen einsetzt, im Paartanz offenbaren Yuko Kato und Friedrich Pohl ihr Können, indem sie auf extrahohen Absätzen sich leichtfüßig zu „Chambre separée“ aus dem Opernball von Richard Heuberger bewegen.
Van Manen lässt zu Beethovens B-Dur Sonate Nr. 29 tanzen: perfekt abgestimmte Choreographie spiegeln eine Leichtigkeit wider bis ins Unendliche. In weiße, wehende, glitzernde Kleidchen erscheinen die Damen und ein männlicher Tänzer ist der Prinz. Ein Ballett einem Märchen entrückt.
Und „Sh-Boom“ wiederum zeigt Tänzer bei schwungvoller Musik der 20er Jahre, wie am Broadway. Ein Konfettiregen kommt urplötzlich und reißt die Zuschauer mit. Und dennoch ist irgendetwas uneins, die Tänzer versuchen oberflächlich bei der Sache zu bleiben, obwohl die Musik mitunter stoppt. Ein Spiegelbild der Gesellschaft, wo nur oberflächlich alles glänzt und schimmert?

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Maren Jackwerth
Anwältin
Die in Düsseldorf ansässige Rechtsanwältin, Mediatorin und Stiftungsmanagerin betreibt eine Kanzlei an der Königsallee und entwickelt Kommunikationslösungen im Bereich Corporate Social Responsibility und Kunst. Um das soziale Engagement von Unternehmen mit dem der gemeinnützigen Organisationen zu verbinden, hat Maren Jackwerth das Rheinische Stifterforum gegründet. Bildungsförderung auch im kulturellen Bereich ist ein Schwerpunkt des Netzwerks.

Kathrin Pilger über b.31

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburgb.31  SH-Boom  ch.: Lightfoot/Leon
Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg b.31 SH-Boom ch.: Lightfoot/Leon

Auf die Spitze getrieben

In seinem jüngsten Meisterwerk hat Martin Schläpfer in gewohnter Qualität erneut drei ganz unterschiedliche Stoffe verwoben: Den Auftakt des Abends machte das Stück „Obelisco“, eine „eigene Wiederaufnahme“ von 2007, damals für das ballettmainz choreografiert, hier jedoch in gänzlich neuem Gewand präsentiert. Zu einem musikalischen Stilmix, wie er gewagter nicht sein könnte (von Marla Glen bis Wolfgang Amadeus Mozart), bewegen sich die Tänzerinnen und Tänzer mit teils großen Gesten. Die Geschlechter sind optisch nur schwer zu unterscheiden, tragen doch Männer und Frauen identische Kostüme. Das Ganze wird auf die Spitze getrieben angesichts der in hochhackigen Damenschuhen tanzenden Männer.
Das zweite Stück, „Adagio Hammerklavier“, ein Klassiker von Hans van Manen, führt den Zuschauer vermeintlich zurück in die Welt des klassischen Balletts. Drei Paare, die Damen in hellblauen Tüllkleidern und mit Spitzenschuhen, die Herren in gerippten Leggings, die an winterliche Unterhosen erinnern, und mit freiem Oberkörper schweben gleichsam über die Bühne. Dazu erklingt das Adagio aus Beethovens Hammerklaviersonate in ungewohnter, pointiert bedächtiger Langsamkeit. Fast fühlt man sich an Filmaufnahmen in Zeitlupe erinnert; das Zuschauen ist sehr entspannt.
Völlig anders, nämlich eine eher angespannte Aufmerksamkeit erzeugend, ist die Wirkung des dritten Stückes, „SH-BOOM!“ der am Nederlands Dans Theater tätigen Choreografen Sol León und Paul Lightfoot. Zu Beginn ist nur ein Mann im schwarzen Anzug im Scheinwerferlicht am Rand der Bühne zu sehen. Im immer gleichen Muster vollführt er Schritte, vor und zurück. Dabei lächelt er gekünstelt aus seinem weiß geschminkten Gesicht. Später ist die Bühne gefüllt mit Menschen in merkwürdiger Kleidung: Die Damen tragen uniformähnliche braune Kleider; einige Herren treten in Unterwäsche mit Kniestrümpfen auf, bei anderen gibt es noch ein offenes Hemd mit Krawatte, gleichsam Reste menschlicher Zivilisation. Die Szenerie gipfelt in einer männlichen Nacktszene, die überraschenderweise nicht platt, sondern witzig daherkommt. Beschwingend untermalt wird das Geschehen auf der Bühne von Liebesliedern der 1920er bis 50er Jahre.
Insgesamt ist b.31 in der interessanten Zusammenstellung eine sehr gelungene Neuinterpretation bewährter Ballettchoreografien. Der Abend war durchgehend unterhaltsam und ist  daher auch für Balletteinsteiger sehr empfehlenswert!

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11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Kathrin Pilger
Landesarchiv NRW Duisburg
Kathrin Pilger ist Dezernatsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecherin beim Landesarchiv NRW in Duisburg. Sie hat großes Interesse an Kunst und Kultur, Oper und Ballett früher aber nur selten besucht. Seit sie beides als Opernscout begleitet, ist sie begeistert von beiden Genres. Einen Abend im Ballett oder in der Oper empfindet sie als erlebnisreich und spannend und oft ist sie auch emotional von der Musik und der Ästhetik des Tanzes berührt. Dieses Gefühl von Glück möchte sie an andere Menschen weitergeben.

Jessica Gerhold über b.31

Ein Traum

Mein Gefühl: Die beeindruckenste Ballettaufführung die ich in meinem Leben gesehen habe.
Was wird mir unvergessen bleiben?  Da  Fingerschnipsen zu Beginn von „Obelisco“ , Gitarre und Mundharmonika, ausgedrückt durch Körper, die sich im gemeinsamen Tanz grazil miteinander bewegen, unabhängig ob auf Plateau oder Spitze, ob gemeinsam oder für sich. Wahnsinnig spannend zu betrachten – und mitreißend!
Meine Impressionen des zweiten Stückes:  Ein zartfühliges Tanzen in weißen,  wehenden, zurückhaltendend glitzernden Kleidchen und ein Tänzer, der wie ein eleganter männlicher weißer Schwanenprinz auf mich wirkte. Ein Ballett wie aus einem Märchen.
Das dritte Stück bleibt mir durch seine grotesken komischen Elemente in Erinnerung, die den Zuschauer in ständiges Erstaunen halten, untermalt mit Musik der revolutionären schwungvollen 20er Jahre. Fast kam ich mir wie am Broadway vor.
Mein Traum: Diese Aufführung gehört auf eine Weltbühne. Meine Lieblingsstadt New York wäre gerade richtig dafür und ich sitze im Publikum und spüre immer noch den  wahnsinnigen Stolz, dass so etwas Großartiges „bei mir um die Ecke“ entstehen konnte.
Insgesamt ist die Inszenierung ein Traum, in dem das Publikum mit einbezogen wird und dies mit großer Freude aufnimmt, ausgedrückt z.B. durch den Konfettiregen der positive erstaunte Ausrufe auslöst und Hände die nach den Papierstreifen beglückt greifen. Ein verzücktes beglückendes Gefühl verbreitet sich im Saal und die Ahnung, dass kein Zuschauer diesen geschützten Raum des Träumens verlassen möchte, um raus in die Realität zu müssen.
Ich glaube Herr Schläpfer hat mich!

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Jessica Gerhold
Gymnasiallehrerin
Jessica Gerhold ist gebürtige Duisburgerin und arbeitet als Gymnasiallehrerin. Von jeher hat sie sich für das Theater interessiert.  Bei ihrer Berufung zum Opernscout war sie eher skeptisch, ob sich ihre bisher eher distanzierte Haltung zu Oper und Ballett verändern würde. Nach ihrer ersten Spielzeit sind die Zweifel verflogen. Sie ist stolz auf das, was in ihrer Heimatstadt geleistet wird und hofft, dass sich zukünftig viel mehr Menschen von der Leistung der Künstler live faszinieren lassen.

Birgit Idelberger über b.31

Was für ein Erlebnis!

Von der ersten bis zur letzten Minute wurde Großartiges geboten, was ich versuche nun in Worte zu fassen. Das Entscheidende des Abends jedoch kann man nicht erklären und geschieht einfach, nämlich, dass man berührt wird und das Herz öffnet.
Zu Recht gab es viele Vorhänge und standing ovations für die Künstler.
Wie gewohnt war der Abend als Trilogie angelegt. Ein Modell, das an allen Ballettabenden bisher erfolgreich war und für große Abwechslung sorgt. So auch dieses Mal und insbesondere in der Abfolge der Stücke höchst gelungen.
„Obelisco“, die Suche nach Mitte von Martin Schläpfer begann genial furios zu Musik von Marla Glenn und endete nach Sequenzen zu Mozart und Schubert musikalisch schließlich bei der Operette, dem „Chambre separée“ aus dem Opernball von Richard Heuberger.
In sieben Sequenzen wurden auf unterschiedlichste Weise Menschen auf ihrer Suche zur Mitte vorgestellt. Cool und modern, minimalistisch energiegeladen, schön und traurig, stürmisch und melancholisch anmutend und zu jedem Zeitpunkt höchste Tanzkunst aller Beteiligten. In manchen Momenten blitzt die Erkenntnis auf, dass das mit scheinbarer Leichtigkeit Dargebotene doch eine Form größter Akrobatik bedeutet, doch die Ausdruckstärke lässt keinen Raum für dererlei Gedanken und man versinkt wie mit einem guten Buch.
Das zweite Werk „Adagio Hammerklavier“ von Hans van Manen zu Musik von Ludwig van Beethoven lässt drei Paare vor sanft flatternden Falten eines Vorhanges erleben. Auch die Kostüme der Tänzerinnen fließen und flattern zu ihren Bewegungen im Hin und Her miteinander und auseinander. Man sucht sich, findet sich irgendwie und geht wieder fort. Ein sehr beeindruckendes auf Weniges und Langsamkeit reduziertes Werk, das leichte Sentimentalität zurücklässt.
Auch hiernach bedarf es einer Pause, die Zeit für Neues lässt.
Sol León und Paul Lightfoot entwarfen ein Ballett, in dem das fragile Gefüge der Gesellschaft dargestellt und entlarvt wird. Dies geschieht durch Übersteigerung von Handlungsabläufen und übertriebenem Humor. So findet dieser kein Ventil im Lachen, sondern verwirrt und macht ratlos. Unter einer künstlichen und anfälligen Oberfläche einer glamourösen Gesellschaft trifft der Mensch auf Gleichgültigkeit und Sinnlosigkeit.
Daraus scheint es kein Entrinnen zu geben und stürzt den Menschen in Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit.
Dies alles wird mit großem Schwung und Dynamik präsentiert und findet seinen absurden Höhepunkt im Konfettiregen.
Grandios!

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Birgit Idelberger
Frauenärztin
Birgit Idelberger ist in Duisburg aufgewachsen und seit 10 Jahren als Frauenärztin in Duisburg-Walsum niedergelassen. Sie geht gern ins Kino und besucht Kunstausstellungen, doch Bezug zum Theater hatte sie kaum – zur Oper schon gar nicht. Das ist jetzt anders: Offen und neugierig ließ sie sich auf ihre erste Saison als Opernscout ein. Auch ohne Theatererfahrung empfindet sie die Opern- und Ballettabende als persönliche Bereicherung und positive Erfahrung. Sie hofft, dass viele Menschen durch die Kommentare der Scouts neugierig werden und den Weg ins Theater finden.

Heike Stehr über b.31

Das Leben ist ein Traum

Die Ballettpremiere b.31 stand auf dem Programm des neuen Abends als Scout und zugegebenermaßen freute ich mich ganz besonders auf diese, auf die Ballettcompagnie der Deutschen Oper am Rhein, auf das Erzählen mittels Tanz, Körper, Bewegung, Dynamik und die Geschichten in den Bildern, die dabei gezeichnet werden.

Das erste Stück des dreiteiligen Abends lässt uns eintauchen in Martin Schläpfers Reich aus Poesie, Geheimnis und Vielfalt. Wie in einer Collage setzt Schläpfer ein spannungsreiches Bild aus sieben heterogenen Musiken zusammen von Marla Glenn bis Mozart, von mir-vertraut bis mir-ganz-neu und nennt es „Obelisco“. Doch „in Stein gemeißelt“ ist hier gar nichts. Nicht einmal das Stück selbst, das 2007 für das ballettmainz entstand und nun 10 Jahre später neu einstudiert und grundsätzlich überarbeitet wurde. Martin Schläpfer sagte dazu selbst im Interview: “ … man muss die Glut wieder entfachen, damit eine Arbeit leuchtet … Man muss jede Kreation wieder neu texten. Man arbeitet mit andern Tänzern, anderem Licht, anderer Bühne. Das ist fast mehr Arbeit als eine neue Choreografie.“ Und diese Arbeit mit den Tänzern der Deutschen Oper am Rhein ergibt eine Kreation, die überzeugt und in den Bann zieht. So verschieden wie die Musiken sind die Tanzereignisse, besonders berühren mich die beiden Solotänze. Marcus Pei tanzt eindrücklich zu Schuberts „Du bist die Ruh“ und Marlúcia di Amaral zeigt 7 Minuten Spitzentanz bewegt-bewegend zu „Anâgâmin“ von Giacinto Scelsi. Hinterlegt sind alle Stücke von einem sparsamen Bühnenbild, verbunden durch verschiedene Kostüme aus dem gleichen Spitzenstoff, auf dem das Licht mit tanzt, und durchzogen von der virtuosen Bewegungskunst der Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie.

Nach der ersten Pause erklingt das Adagio aus Beethovens Sonate Nr. 29 für das Hammerklavier in einer extrem langsamen Einspielung von Christoph Eschenbach. Und das, was Hans van Manen 1973 tänzerisch dazu kreierte, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Balanceakt, ein Tanz am Rande des Gleichgewichts … als ob sich ein Pendel immer wieder ganz langsam zum Umkehrpunkt bewegt und dort gleichsam anzuhalten scheint … so fühlen sich in mir die Bewegungen der Tänzer an, voller Virtuosität und Behutsamkeit. Drei Paare tanzen auf Spitzenschuhen, gemeinsam, in Gruppen und jedes seinen eigenen Pas des deux, das ist bestechend schön und tief berührend. Im Hintergrund wellt sich ein blass blaues Tuch im Luftzug, fragil und melancholisch wie der Tanz, und mit dem Hin und Her des Pendels zieht in mir die vollkommene Ruhe ein. Eigentlich möchte ich jetzt genau da bleiben.

Aber nach einer weiteren Pause folgt ja noch „SH-BOOM!“ von Sol León und Paul Lightfoot. Das Stück irritiert mich zunächst mit fratzenhafter Ironie und slapstickhaftem übertriebenem Humor. Populäre Hits der 20er bis 50er Jahre reißen mich aus meinem klassischem Ballettzauber und wollen mich mit schmissiger Musik in eine ganz andere Richtung des Tanzens locken. Mit vielfältigen tänzerischen Mitteln bei hohem Tempo und gleichzeitiger Präzision und Genauigkeit der Bewegungen agiert die Compagnie in diesem „Revuetheater“. Spätestens in dem Moment, in dem vier Tänzerinnen in vier Lichtkegeln synchron tanzen, packt mich dann auch das letzte Stück des Abends mit seiner Lebendigkeit und Energie. „Life could be a dream“ versprechen der titelgebende Song des Stücksund die kleinen Zettelchen, die zum Finale auf uns hinab flattern. Aber warum nur steht das in Konjunktiv, frage ich mich … Das Leben ist ein Traum, wenn man einen solchen Ballettabend erleben darf.

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Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.

Martin Breil über b.31

„Life could be a dream“  oder  „lebst Du noch ?“

Drei Bilder, die gegensätzlicher nicht sein könnten und doch ein Ganzes. So könnte man die Premiere von b.31 im Theater Duisburg zusammenfassen.
In seiner Choreographie „Obelisco“ führt Martin Schläpfer seinem Publikum die Diversität des Menschen, der Musik und des Balletts vor Augen. In sieben Szenen präsentiert er gegensätzlichste Gangarten, sei es auf Plateausohlen, High Heels oder Zehenspitzen und zu unterschiedlichsten Musikstilen. Bewegen wir uns nicht trotzdem alle auf dem gleichen Planeten und rotieren um eine gemeinsame (Erd-)Achse, die einem Obelisken gleicht? Abwechslungsreich und spannend ist das und macht vor Konventionen keinen Halt.
„Adagio Hammerklavier“ des Altmeisters Hans van Manen ist eine Verbeugung vor der Schönheit. Drei in gazegleichen Kostüme gehüllte Paare bewegen sich zu einer von Christoph Eschenbach extrem entschleunigten Interpretation von Beethovens Meisterwerk, dem Adagio der „Großen Sonate für das Hammerklavier Nr. 29 B-Dur op.106“. Im Hintergrund nur ein, in schier unendlicher Kontinuität, wellenförmig wogendes Tuch als Bühnenbild. Intimer und andächtiger geht es kaum. Die totale Reduzierung der Ausdrucksmittel auf das Wesentliche versetzt mich in Andacht. Die Ästhetik der Bewegungen ist kaum zu fassen, einfach traumhaft.
Der Traum vom Erfolg auf den Brettern, die die Welt bedeuten, bringt so manchen zur Herausgabe seines letzten Hemdes. So zu erleben bei „Sh Boom!“, dem letzten Teil des Abends. Mit bitterer Ironie führen uns Sol Leon & Paul Lightfoot in unterschiedlichen Revuenummern den Glanz und Glamour der Unterhaltungsindustrie vor Augen. Deren Faszination beruht allerdings in der Regel auf dem Schweiß und der Hingabe der Künstler. Eine ganz andere Form der Traumdeutung im Vergleich zu den vorher gezeigten Bildern. Peppig und skurril endet der Abend im Konfettiregen.
Wieder einmal beglückt Martin Schläpfer sein Publikum mit einem spannenden, abwechslungsreichen Ballettprogramm, das, wie ich meine, wegen seiner Zusammenstellung zu den eindrucksvollsten seiner Produktionen an der DOR zählt.

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Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

Ralf Kreiten über b.31

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg
b.31  Obelisco  c.: Martin Schläpfer

Begeisternder Ballettabend – Tanz zwischen Spaß, Schönheit und Slapstick

b.31 nennt Martin Schläpfer den neuen dreiteiligen Ballettabend, der am Samstag in Duisburg eine begeisternde Premiere feierte.
In Teil eins zeigt Martin Schläpfer seine 2007er Choreographie aus Mainz, allerdings frisch überarbeitet. Da stampfen drei Paare in glänzenden Plateaustiefeln wie auf einem Laufsteg, dann sucht ein Paar die Balance und geht an die Dehnungsgrenzen. Ein bedrückend beeindruckendes Solo, sieben Minuten auf Spitze, verlangt von Marlúcia do Amaral höchste Perfektion und Konzentration – Bravo. Zum Schluss noch ein Pas de deux zum „Opernball“ auf schwarzen Highheels.
Beim Tanz um den imaginären Obelisken stehen Füße und Schuhe im Mittelpunkt der sieben kleinen Szenen. Geht es also um den Kontakt zur Erde, zur Welt, und wie wir damit umgehen? Auf jeden Fall bringt Schläpfer seine Tänzer, begleitet von einem unorthodoxen Musikmix (an diesem Abend aus der Konserve), an den Rand des Möglichen.
Ballett zum Zurücklehnen und Genießen folgt in Teil zwei. Die Choreographie von Hans van Manen aus 1973 zu Beethovens „Adagio Hammerklavier“ ist sehr langsam, harmonisch und von betörender Schönheit, wenn die drei Paare, die Männer in weißen Hosen mit freiem Oberkörper und glitzernden Ketten, die Frauen in wehenden Kleidern, in ihren Bewegungen gleichsam über die Bühne fließen. Auf der schwarzen Bühne unterstreicht das im Hintergrund in gleichmäßigen Wellen wehende weiße Tuch diese Leichtigkeit des Tanzes.
Ein Traum von einem Ballett.
Slapstick und Klamauk, bestimmen den dritten Teil, „Sh-Boom“, von Sol León und Paul Lightfoot. Wir werden zurückversetzt in die Zeiten einer Revue aus den 20er / 30er Jahren. Seien es der mechanisch grinsende Clown, die beiden Tänzer mit der affektierten „Sprechrolle“, vermeintliche Nummerngirls oder die Herren, die ihre Hosen verloren haben und in Feinripp weiter agieren; dies ist alles ein herrlicher Spaß, mit immer wieder perfekt tanzenden Solisten.
Insgesamt große Kunst und große Unterhaltung, die auch den weniger ballettbegeisterten Zuschauer mitnimmt.

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OpernscoutsRalf KreitenRalf Kreiten
Abteilungsleiter Sparkasse Krefeld
Schon vor 30 Jahren hat Ralf Kreiten über ein Theaterabo seine Liebe für die klassische Musik, besonders für die Oper, entdeckt. Seit 4 Jahren Duisburger, genießt er jetzt das kulturelle Angebot der Stadt, insbesondere die Aufführungen der Deutschen Oper am Rhein. Über seine Tätigkeit als Opernscout bekommt er jetzt auch einen Zugang zum Ballett, oft ist er sogar sehr begeistert. Diese Erfahrung gibt er gerne an andere Duisburger weiter, um vielleicht auch deren Interesse zu wecken Neues zu entdecken.

Christoph Grätz über b.31

Was für ein traumhafter Abend!

Waren Sie schon mal in Venedig? Wer die Lagunenstadt mit dem Fotoapparat durchstreift, ist schnell überfordert von der Menge und Vielfalt lohnender Motive. Du gehst über eine kleine Brücke oder in einen Hauseingang und könntest von jeder Perspektive wieder zig Aufnahmen machen. Ein ganz ähnliches Gefühl hatte ich bei b.31. Ständig neue Perspektiven, Ideen und Eindrücke. Getanzte Vielfalt – von lässiger Leichtigkeit und Tempo beim Stück „Sh Boom! Life could be a Dream“ bis tiefgründig zelebrierter Langsamkeit bei „Obelisco“.

„Sh Boom“ des Choreographen-Duos Sol León und Paul Lightfoot verbindet höchste tänzerische Präzision mit lässigem Slapstick. Der Zuschauer wird kaum gewahr, dass hier wirklich alles bis ins kleinste Detail einstudiert ist. Ganz schön großartig, was die Compagnie hier abliefert: Eine mit viel Humor vorgetragene Parodie auf das Leben als eine große Show – „Life could be a Dream“ eben. Reduziertes Bühnenbild, effektvolle Lichtregie und eine kleine Überraschung am Ende der Choreographie machen diesen dritten Teil des Abends zu einem sinnlichen Erlebnis.

Sozusagen als Kontergewicht zu dieser Leichtigkeit hat Martin Schläpfer seine Choreographie „Obelisco“ an den Anfang des Abends gesetzt. Eröffnet wird die siebenteilige Regiearbeit zu einem souligen Song von Marla Glen „Travel“. Und wie eine Reise kam mir auch der weitere Verlauf dieser Choreographie vor, deren Teile musikalisch höchst unterschiedlich waren. Diese Choreographie verdankt ihren Namen wohl der an Geräusche erinnernden Tondichtung von Salvatore Sciarrino „il tempo con l´obelisco“. Darauf tanzten Eric White und Marlúcia do Amaral ein atemberaubendes Pas de deux, in der sie Langsamkeit wie in einer surrealen Unterwasserwelt in Slow-Motion zelebrierten. Schläpfer wählte für andere Passagen ein romatisches Lied von Franz Schubert, Klassisches von Mozart und Scarlatti sowie das experimentelle „Anâgâmin“ von Giacinto Scelsi. Auf dieses Stück zeigt Marlúcia do Amaral fast sieben Minuten zeitgenössischen Spitzentanz, spektakulär und vielleicht die größte tänzerische Leistung des Abends. Den Abschluss bildete schließlich die Operettenklamotte „der Opernball“ von Richard Heuberger zu der Yuko Kato und Friedrich Pohl ein hinreißendes Duo auf hohen Hacken tanzten. Für mich war „Obelisco“ der stärkste Part des Abends, zumal die Unterschiedlichkeit der Musik hier durch wiederkehrende Bewegungen perfekt eingefangen wurde und so dieser Arbeit bei aller Variation zu einer inneren Geschlossenheit verhalf.

Die größte konzeptionelle Geschlossenheit bot die zweite Choreographie des Abends „Adagio Hammerklavier“ von Hans van Manen. Der geschlossene Eindruck war sicher auch der Tatsache geschuldet, dass van Manen als musikalische Grundlage für die drei Pas de deux ein einziges Musikstück gewählt hat, eine Aufnahme der „großen Sonate für das Hammerklavier“ von Beethoven. Der Pianist Christoph Eschenbach lotet durch extreme Verlangsamung die Grenzen des Adagios aus. Großartig, wie hier die sechs Mitglieder der Compagnie durch Gefühl und Präzision diese Langsamkeit in Bewegung umsetzen. Im Hintergrund auf der Bühne flattert ein großes weißes Tuch im Seitenwind, leicht bläulich beleuchtet. Dieser Effekt harmoniert mit den schlichten weißen Kostümen der drei tanzenden Paare.

Die Compagnie hat an diesem Abend eindrucksvoll gezeigt, wie vielfältig moderner Tanz ist. Das Publikum war begeistert, der Scout auch.

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Christoph Grätz
arbeitet für die Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik. Als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er in seiner Arbeit zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Als Scout entdeckt er nun Oper und Ballett und freut sich, etwas davon mitteilen zu dürfen.

Susanne Freyling-Hein über b.31

Facettenreich

b.31 war ein fantastischer Ballettabend – der Ohrwurm aus SH-BOOM verfolgt mich immer noch.
Das erste Stück „Obelisco“ ist in 7 Abschnitte mit 7 unterschiedlichen Musikstücken gegliedert, somit entsteht für den Zuschauer eine klare Struktur.
Zu jedem Musikstück verändert sich der Tanz, dabei werden unglaublich viele Facetten gezeigt- von Plateau-Schuhen, über einen endlos-Spitzentanz bis zu einem pas des deux in Highheels – unisex.
Das zweite Stück „Adagio Hammerklavier“ ist ein klassisches Ballett, aber überhaupt nicht angestaubt und kitschig, sondern frisch und leicht mit einem bemerkenswert schlichten, dennoch wirkendem Bühnenbild.
Das dritte Stück „SH-BOOM“ wirkt am stärksten nach – auf den ersten Blick eine fast übertrieben gut gelaunte Tanz-Revue mit wirklich witzigen Szenen. Auf den zweiten Blick stellt sich die Frage, was sich hinter der überschäumenden Fassade verbirgt – somit erhält das Stück Tiefe und Spannung.
b.31 ist für mich das bisher stärkste und facettenreichste Ballett, was ich in Düsseldorf gesehen habe, daher kann ich einen Besuch nur weiterempfehlen!

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Susanne Freyling-Hein
Senior Retail Development Manager bei L’oréal
Obwohl Susanne Freyling-Hein seit ihrer Kindheit Klavier spielt und sich sehr für Ausstellungen und Industriekultur interessiert, waren Oper und Ballett bis zu Beginn der letzten Spielzeit Neuland für sie. Begeistert hat sie vor allem Martin Schläpfers Ballett am Rhein. Sie schätzt den gemeinsamen Austausch, weil er den eigenen Eindrücken andere Sichtweisen gegenüber stellt. Und wenn Freunde oder Kollegen ihren Empfehlungen folgen, macht sie das durchaus ein bisschen stolz.

Jan van de Weyer über b.31

Entschleunigung

Der Abend beginnt mit einer atemberaubenden Wiederaufnahme von Martin Schläpfers „Obelisco“, das er 2007 für das Ballett Mainz kreierte. Tänzerisch und musikalisch ist es ein Stück voller  Diversität und Überraschungen. So reicht die Musik von Mozart, Scarlatti, Heuberger, Schubert, Sciarrino bis zu Marla Glenn und bringt auf wunderbare Weise die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Tänzer zum Ausdruck. Schläpfer zeichnet seinen einzigartigen Kosmos, sowohl aus einer beeindruckenden Physikalität, also auch mit einer Leichtigkeit, die er durch seine ungeheure Abstraktionsfähigkeit generiert. So besteht „Obelisco“ wie ein monumentales Relikt aus vergangenen Zeiten fest verwurzelt in der Erde, vertikal aufstrebend als Maß der Weltordnung. Doch genau dieses Moment wird gebrochen durch die zahlreichen fallenden Momente, die überzeugend durch die Tänzer des Ballett am Rhein verkörpert werden, und bricht auf diese Weise mit dem Monumentalem. Nachhaltig bewegend sowohl das grandiose Solo des jungen Amerikaners Marcus Pei, der durch seine technische Brillianz und Authentizität heraussticht, also auch die Leistung von Friedrich Pohl mit Yuko Kato auf schwarzen Lackstilettos.
Dicht gefolgt von Martin Schläpfer- Hans van Manen mit „Adagio Hammerklavier“ aus Beethovens Spätwerk, das seine Uraufführung 1973 in Amsterdam erlebte. Auf der Bühne begegnen sich drei Paare, wobei die Männer mit Ihren nackten Oberkörpern selbstbewusst und dominant wirken, zeigen sich die Frauen in Ihren zarten weißen Kleidern eher fragil und verletzlich. Die Kulisse beschreibt ein wehender Seidenvorhang im Hintergrund der Bühne. Von der Tanzsprache und Bewegungswelt sind es klassische Bewegungen und Gesten. Thematisch kreist es um Themen wie Partnerschaft, Kommunikation und unsere Sehnsüchte. Ein wunderbares Stück, das zur Entschleunigung in unserem schnelllebigem Zeitalter einlädt. Den Abschluss von diesem abwechslungsreichen Ballettabend gestalten die Spanierin Sol León aus Cordoba und der Brite Paul Lightfoot mit „SH- BOOM!“ nach der Musik von der Band „The Chords“ aus dem Jahr 1954.
So schallt es “Life could be a dream..“ in den Zuschauersaal und die Tänzer verkörpern auf eine leidenschaftliche und spielerische Weise die unterschiedlichen Kulturen und Momente, die auf der Bühne zu erleben sind. Überzeugend bei diesem Werk zum einen die schauspielerische Leistung der Tänzer, sowie die Idee der Wandlungsfähigkeit eines Stücks, da es sich seit 1994 kontinuierlich in einem Status des ‚work in progress‘ befindet.

Weitere Informationen zu b.31

Jan van de Weyer
Bildhauer
„Was Martin Schläpfer hier bewirkt, ist ein Traum“, sagt Jan van de Weyer, der als kleiner Junge selbst Ballett getanzt hat und heute mit einer Tänzerin der Compagnie liiert ist. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte, arbeitete viele Jahre als Physiotherapeut und ist heute als Bildhauer mit eigenem Atelier in Düsseldorf tätig. Die Beschäftigung mit der Oper hat ihn in seiner ersten Spielzeit als Scout dazu inspiriert, Musiktheater in einem größeren Kontext zu betrachten – gern auch im Austausch mit Freunden und Bekannten.

Gisela Miller-Kipp über b.31

„Life could be a dream“ – mit diesem Ballett allemal

b.31 ist für mich eine der gelungensten, weil auch ausgewogensten Ballettvorstellungen der Deutschen Oper am Rhein – alle drei Stücke sind grundverschieden, aber einander ebenbürtig an tänzerischem Können, choreographischer Raffinesse und Musikalität. Die Musik wird durchgängig eingespielt, dabei schwankte und schepperte der Ton gelegentlich, die Soli aber klangen brillant. – Das erste Stück: „Obelisco“, von Martin Schläpfer 2007 für das ballettmainz geschrieben, ist hier neu einstudiert. Es präsentiert Bewegungsstudien in sieben musikalisch grundverschieden markierten Nummern. Zwei davon faszinierten mich besonders: eine Vorführung in Zeitlupe auf „il tempo con l’obelisco“ von Salvatore Sciarrino, die einen (zu)sehen lässt, wie Bewegung aus der Körpermitte heraus entsteht, grandios getanzt, allen voran von Marlúcia do Amaral. Absolut „spitzenmäßig“ tanzt sie auch in einem weiteren Stück, einem Solo, das Gangarten vorführt, dabei sieben Minuten ohne abzusetzen in Linien auf der Spitze – nicht zu fassen! –, ein Bravourakt, der symbolisch mit abgeknickten Füßen endet. Noch ein weiteres Solo beeindruckte mich sehr: eine Choreographie von Schuberts wehmütiger Sopranarie „Du bist die Ruh‘“, mit vollendeter Körperbeherrschung kongenial getanzt (Marcus Pei) und dazu wunderbar gesungen (von wem?). – Zur meisterlichen Vorführung tragen auch Bühne und Kostüme bei (Thomas Ziegler). Die Bühne ist ein Halbdunkel mit lang herabhängenden schlanken Stäben, die matt glänzen und gelegentlich blitzend funkeln wie der durchsichtig-dunkle Bühnenhintergrund, passend dazu dunkelfarbig glitzernde Trikots und Kleidchen; sehr schön. – Ach ja, was ich noch bemerkenswert fand: die Plateaustiefel in schwarzem Lack, auf denen im ersten Stück, und die überaus hohen High-Heels ebenfalls in schwarzem Lack, auf denen von Tänzerin und Tänzer (Yuko Kato, Friedrich Pohl) im letzten Stück getanzt wurde, dort langsam und kontrolliert-elegant auf „Komm mit mir ins Chambre separée“. Das hatte großen Charme, und im Übrigen waren große Könner auf der Bühne – keine Standunsicherheit nirgends.
Das zweite Stück, „Adagio Hammerklavier“, choreographiert von Hans van Manen, ist ein elegisch-schön getanzter und wunderbar innig-verhalten gespielter Beethoven – Christoph Eschenbach, wie ich später erfuhr –, Musik und Tanz harmonieren also aufs Beste, ein klassischer van Manen eben; und wiederum tragen Bühne und Kostüme (Jean-Paul Vroo) das Ihrige dazu bei. Im Bühnenhintergrund bauscht und wellt sich unendlich fließend ein riesiges Tuch, ein optisches Faszinosum für sich, dazu die Damen in weißem Voile, die Herren in weißen Leggings – freilich gemahnte mich deren gerippte Machart etwas unpassend an lange Unterhosen. – Gegen den überbordenden Einfallsreichtum von „Obelisco“ fand ich das „Adagio“ zuerst wenig spannend, was sich aber zusehends ins Gegenteil wandelte.
Das dritte Stück, „SH-BOOM“ von Sol León und Paul Lightfoot, ist getanztes Vaudeville-Cabaret der 1920iger Jahre, Slapsticks inklusive – temporeich im schnellen Wechsel der Bewegungsmuster und Musikstücke, komisch und derb, amüsant und schräg, ironisch und leicht bitter, dahinter also durchaus auch ein wenig Ernst – insgesamt ein großer Spaß. Der fängt schon vor dem Vorhang an mit einem mechanischen Grinsemann in Endlosschleife (Rubén Cabaleiro Campo) und setzt sich gleich auf der Bühne fort, als Boris Randzio sich im schwarz-weißen Wandelanzug herumspreizt, während er in allen Stimmungslagen von zärtlich-süß bis verächtlich-hasserfüllt sich steigernd zwei Personen beim Namen ruft – „Marscha“ und „George“ – himmlisch. Auch die Kostüme sind eine Nummer für sich: Sie huldigen dem Schwarz-Weiß-Kontrast so, dass die Damen in fließenden schwarzen Kleidern, die Herren hingegen in weißer Unterwäsche Marke Schießer-Feinripp nebst weißen Kniestrümpfen tanzen, nachdem ihnen Anzug und Hemd verloren gingen, ja einmal tanzt einer ganz nackig herum, aber so geschickt und auch so dezent beleuchtet, dass nichts Geschamiges zu sehen ist, bis er sich zuletzt in seitlicher Pose einmal kurz am Zippedäus zipfelt – fand ich zum Schmunzeln. – Getanzt wird energisch-flott und überaus präzis. Dabei sah ich einige überraschende – mir neue – Figuren aus der Akrobatik. Am Ganzen hatte ich meine helle Freude und zum Schluss regnete es gar Glückszettelchen ins Publikum: „life could be a dream“ stand darauf. Wohl wahr, wenn Aufführungen wie diese es verschönern.

Weitere Informationen zu b.31

Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

Khatuna Ehlen über b.31

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburgb.31 Sh-Boom  ch.: Lightfoot/Leon

Ein inspirierender Abend

Alle drei Stücke waren hinreißend bis zum letzten Takt, der letzten Schrittfolge.
Überraschend war der Start – es ging unmittelbar los mit sieben unterschiedlichen, sich abwechselnden Musikstücken, schillernden Kostümen und einer belebenden frischen und auch poetischen Inszenierung.
Das zweite Stück glänzte in seinem Detail: drei Tanzpaare zu Beethovens Adagio Hammerklavier“ schwebten auf der Bühne in eher klassischem Stil – schwingend weißem Kleid die Tänzerinnen, die Tänzer mit stolzer nackter Brust. Die Details der Bewegung standen hier im Mittelpunkt des Tanzes.
Das dritte Stück begann mit einer witzigen Einlage, die an Slapstick erinnerte und setzte sich dann humorig und frech fort – ein Tanzgenuss der sofort den gesamten Opernraum einnahm zu großartige Rhythmen vergangener 1920 – 1940 Jahre – dem man sich nicht entziehen konnte.
Ein rund herum hervorragend inspirierender und nachhallender Abend.

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Khatuna Ehlen
Sozialarbeiterin
Sicher war es ein großer Schritt, mit 20 Jahren die Heimat Georgien zu verlassen, um in Deutschland zu studieren und heute als Sozialarbeiterin in der Familienhilfe der Landeshauptstadt Düsseldorf zu arbeiten. Ein kleiner dagegen, die Einladung zum Projekt „erlebte Oper…erlebter Tanz…“ anzunehmen und Opernscout zu werden. Nach ihrer ersten Spielzeit als Opernscout ist sie glücklich, weiter als Scout aktiv sein zu dürfen. Bisher sind die Aufführungen des Balletts am Rhein ihr klarer Favorit im Spielplan, so dass sie sich auch in der neuen Spielzeit auf mitreißende Choreographien freut.

Uwe Schwäch über b.31

Träume und Sehnsüchte

In „Obelisco“ bringt Martin Schläpfer das Publikum mit Miniaturtänzen zum Schwelgen und Staunen. Gleich zu Anfang eröffnet ein Tanz im Freestyle den Reigen schnell wechselnder Tanzsequenzen, von denen es insgesamt sieben zu sehen gibt. Alle weisen heterogene Tanzcharaktere auf und werden von Musik verschiedener Stilrichtungen und Epochen begleitet – von Mozart bis Marla Glen. Das ist nicht nur vielseitig und spannend, es vereinnahmt den Zuschauer mit einzigartigen Feinheiten virtuoser Bewegungskunst. Eingerahmt in ein puristisches Bühnenbild, das als Kulisse lediglich schwach illuminierte Hängefäden zeigt, liegt der Fokus bei den herausragenden Protagonisten, die sich mit Leidenschaft ihrem Tanz hingeben. Bestechend sind auch die verschiedenen phantasievollen Kostüme, die keck aber niemals übertrieben wirken. Und wer schon immer mal einen Balletttänzer auf High Heels sehen wollte, der wird nicht nur davon begeistert sein.
Adagio Hammerklavier in einer besonders langsam gespielten Beethoven-Interpretation von Christoph Eschenbach glänzt mit stilvoller klassischer Moderne. Drei Tanzpaare bewegen sich in diesem Ballett von Hans van Manen mit ausgesprochener Eleganz, Anmut und Stolz. Die Frauen wirken zart und unschuldig, die Männer kraftvoll und fordernd. Ihr Tanz in der Gruppe lässt Zuschaueraugen strahlen, denn jeder Schritt und jede Bewegung sind von perfekter Synchronität geprägt. Jedes einzelne Paar tanzt einen Pas de deux und wir erleben unterschiedliche Charaktere, denen es jeweils gelingt, den Bewegungszauber in Träume zu verwandeln. Auch hier der Blick auf eine pur gestaltete Bühne mit einem wehenden bläulichen Tuch, vor dem sich die Tänzerinnen in knielangen Tüllkleidern und die Tänzer in engen Hosen und nacktem Oberkörper mit schwebender Leichtigkeit sehnsuchtsvoll bewegen.
„SH-Boom!“ von Sol León & Paul Lightfoot begeistert mit Wohlfühltanz auf einer musikalischen Zeitreise. Der Zuschauer erlebt episodische Tanzeinlagen mit Revue-Charakter, die von stimmungsvoller amerikanischer Musik der 20er bis 50er Jahre begleitet werden. Die oftmals dunkle Bühne wird von Lichtkegeln erhellt und macht Raum für ein ungemein charmantes und humorvolles Tanzstück. Die Tänzerinnen in schwarzen Kleidern und hochgesteckter Dutt Frisur, die Männer in weißer Feinripp-Unterwäsche mit Kniestrümpfen. Dieser Kontrast spiegelt sich oberflächlich auch im Tanz wieder: Die Frauen eher streng und überlegen, die Männer eher belustigend und komisch. Doch der Schein trügt: Dahinter verbirgt sich mehr und am Ende überlegt sich jeder Zuschauer selbst, inwieweit diese stereotype Fassade aufrechterhalten werden kann. Beste Unterhaltung und Spannung sind dabei garantiert.

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Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

Georg Hess über b.31

Herausragendes Ballett

Samstag Abend, 19.30 Uhr, Premiere von b.31 in der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. Es wird dunkel, Stille tritt ein. Der Vorhang hebt sich und ich lasse mich von „Obelisco“, choreographiert von Martin Schläpfer, einfangen.
„Obelisco“ ist an diesem Abend die erste von drei Aufführungen, welche wiederum in sieben sehr unterschiedliche Teile angeordnet ist. So trifft ein impulsiver Popsong von Marla Glen auf klassische Musik von Schubert und Mozart und sogar auf einen langsamen Walzer. Auch die Stimmungen und Bewegungen der Tänzer wechseln über ungezwungen und angriffslustig zu ruhig und zeitlupenhaft bis zu aufreizend mit Travestieelementen. Der Wechsel der glitzernden (aber nie kitschigen) Kostüme sowie des Schuhwerks von Plateaustiefeletten über Ballettschuhe zu High Heels markieren die Übergänge. Es ist die Gesamtästhetik aus reduzierter Bühnen- und Lichtausstattung, den Kostümen und den Bewegungen der exzellenten Tänzer und Tänzerinnen, die mich begeistert.
Nach der Pause folgt „Adagio Hammerklavier“ der Choreographen-Ikone Hans van Manen. Zur Klaviermusik von Beethoven tanzen drei Paare vor einem großen und hellen, sich im Wind wellenartig bewegenden Tuch in weißen Kostümen das bereits vor über vierzig Jahren komponierte Werk dieses Altmeisters, welches voller kleiner Details ist. Ein melancholisches Stück absoluter Schönheit. Auch dieses eher klassische Stück spricht mich sehr an, wenngleich es meinen Geschmack weniger trifft als die junge und moderne Inszenierung von „Obelisco“.
Zum Abschluss wird Sh-Boom! des Choreographen-Duos Sol León und Paul Lightfoot dargeboten: ein in mehrere Sequenzen aufgeteiltes, revueähnliches Stück, welches humorvoll den Ernst des Lebens überzeichnet. Dadurch, dass diese Aufführung in weiten Teilen durch ein sehr hohes Tempo mit enorm anspruchsvollen Schrittfolgen geprägt ist, wirkt sie nie albern, vielmehr  lässt sie mich und das übrige Publikum mit fröhlicher Bewunderung und einem großen Applaus zurück.
Alle drei Stücke haben mich absolut überzeugt! Es war ein großartiger Ballettabend, den Martin Schläpfer als Chefchoreograph (wieder) zusammengestellt hat. Wer sich nur ansatzweise für Ballett interessiert, darf b.31 nicht verpassen.

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Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.