„b.38“ – Eine angenehme Überraschung

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b.38 Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg „Sinfonie Nr. 1“ ch: Remus Sucheana

Jürgen Ingenhaag über „b.38“

Unvoreingenommen und ohne Erwartung bin ich in den dreiteiligen Ballettabend „b.38“ hineingegangen, um dann angenehm überrascht zu werden!
Sergej Rachmaninows 1. Sinfonie ist von Remus Sucheana zu einer Tanzgeschichte über Krieg und Frieden verarbeitet worden. Tolle Kostüme und Frisuren ergänzen die klassischen und zeitgenössischen Tanzbilder. Dem trügerischen Frieden folgt das hoffnungslose Ende vom untergehenden Volk.
Das lässt nachdenklich zurück.
„One flat thing, reproduced“ von William Forsythe und der nervigen Computermusik ist ein relativ kurzes Stück. Der Tanz mit Tischen, auf Tischen und seinen schnellen Bewegungsabläufen spornt das Ballett-Ensemble zur Höchstleistung an. Am Südpol, wo das Stück spielt, scheint es diesen Körperbeherrschenden nicht kalt zu sein. Respektvolle Ovationen!
Nummer 3 ist dann das augenzwinkernde Stück „Ulenspiegeltänze“ des Chefchoreographen Martin Schläpfer. Till Eulenspiegel hält der Gesellschaft den Spiegel vor, treibt seinen Schabernack und lässt auf dem Vulkan tanzen… Hier begeistern auch die Video-Einspielungen mit teils harmlosen und teils bedrohlichen Bildern. Ich finde es einen genialen Einfall, dass Schläpfer nicht die Musik von Richard Strauss, sondern die letzte Sinfonie von Sergej Prokofjew mit ursprünglichem Schlusssatz verwendet hat. Großes Lob auch für die Duisburger Philharmoniker unter Wen-Pin Chien und ihrer exzellenten Interpretationen der russischen Meisterwerke von Rachmaninow und Prokofjew!

19.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Jürgen Ingenhaag
Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg

Der Staatlich geprüfte Techniker für Druck und Medien qualifiziert sich zurzeit zur Fachkraft für Arbeitssicherheit. Im Vorstand der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge‘‘. Mit Rock- und Popmusik ist er aufgewachsen – sie hat ihn geprägt und trotzdem nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden; einer, der sogar auch die Bayreuther Festspiele besucht. Im Theater Duisburg freut er sich nach „Rheingold“ und „Walküre“ in dieser Spielzeit auf die Fortsetzung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“.

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Eine kontrastreiche Vielfalt und vielfältige Kontraste

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b.38 Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg „One flat thing reproduced“ ch.: William Forsythe

Annette Hausmann über die Premiere von „b.38“

Was wird mich bei zwei Ballett-Uraufführungen und einer Reproduktion erwarten? Diese Gedanken schwirrten vor Beginn der Premiere „b.38“ in meinem Kopf herum. Nach dem Ballettabend lautete meine Antwort: Eine kontrastreiche Vielfalt und vielfältige Kontraste.

Für die erste Uraufführung des Abends ließ sich Ballettdirektor Remus Sucheana durch Rachmaninows „Sinfonie Nr. 1“ inspirieren, die in ihm Bilder einer zerrissenen Welt weckten und ihn zur tänzerischen Umsetzung einer Kriegsgeschichte voller Gegensätze von Kampf, Friede, Demütigung, Hoffnung, (Ver-)Gewalt(-igung), Freude, Resignation, Tod und Freiheit bewegte.
Fast zeitgleich mit dem ersten Taktschlag des Kapellmeisters Wen-Pin Chien befindet man sich als Zuschauer mitten in der Kriegsthematik: zwei Tänzer erscheinen auf der Bühne, strecken ihr Bein zu einem Gewehr nach vorne und verharren für einen Moment in dieser Tanzposition. Im Hintergrund befindet sich eine gewaltige Mauer, die gleichzeitig ein aufgeschlagenes Buch darstellen soll. Das imposante Bühnenbild von Drako Petrovic zieht während der Aufführung immer wieder meinen Blick in seinen Bann und weckt in mir die Vorstellung, als wenn die Protagonisten aus dem Buch „herausgelesen“ worden seien, um uns ihr persönliches Kriegserlebnis über die Form des Tanzes als körperliche Ausdrucksmöglichkeit emotional näher zu bringen. In vielen Tanzszenen ist Remus Sucheana dies auch auf einem sehr hohen Niveau gelungen, wie zum Beispiel bei der Gegenüberstellung der unterschiedlichen, kriegsgeprägten Rollen: auf der einen Seite die uniformierten Soldaten und Soldatinnen, deren emotionslose Körperhaltung sowie die stechschrittmäßigen Tanzbewegungen hart, angespannt und fremdbestimmt wirken. Auf der anderen Seite die einfach gekleideten Bürger und Bürgerinnen, deren zumeist schnellen Rumpf- und Beinbewegungen weich und geschmeidig sind, Freude und Freiheit, im nächsten Moment aber auch Trauer, Resignation und Zerbrechlichkeit ausdrücken. Hervorzuheben ist auch die Abschlussszene, in der alle Protagonisten vor der Mauer gleichzeitig in den Untergrund „fahren“ – offenbleibt, ob sie den Tod als einzigen Ausweg in die grenzlose Freiheit wählen oder einfach nur wieder ins Buch „zurückgelesen“ werden…

Insgesamt empfand ich es als sehr grenzwertig, Rachmaninows wundervolle Jugendsinfonie zu nutzen, um ein Handlungsballett rund um das Thema „Krieg“ zu schaffen.

Im zweiten Teil nach der Pause: trügerische Stille…
Plötzlich schiebt eine 14-köpfige Tanzcompanie lautstark 20 Tische auf die Bühne und ordnet jeweils fünf Tische hintereinander geometrisch exakt in vier Reihen an.
Auf dieser begrenzten und scheinbar einengenden Bewegungsfläche soll getanzt werden? Und wie!!
Mit Einsetzen der elektronischen Klangkulisse trifft mich das Ballettstück „One Flat Thing, Reproduced“ wie ein unvorhersehbares Naturspektakel; 20 Minuten „Voll-Power“ strömen auf mich ein. Sowohl das Entladen angestauter Energien als auch das „Anstupsen“ eines Dominosteins scheinen nicht mehr aufzuhalten zu sein. Die sportlich-leger gekleideten Tänzer beginnen wie bunte Flummis zu tanzen. Jedoch nicht im klassischen Sinne, sondern vielmehr ist es ein experimentelles Bewegen auf höchstem Niveau. Impulse werden abgegeben, angenommen, weitergegeben oder mit eigenen Bewegungsformen beantwortet, dynamisch-schnell, präzise-vorausschauend, freudvoll-kooperativ, synchron-asynchron, genial und immer wieder verblüffend. Scheinbar ein pulsierendes Chaos, das bei genauerer Betrachtung eine perfekt aufeinander abgestimmte Tanzchoreographie ist, bei der nichts dem Zufall überlassen wird.
In William Forsythes Phantasie sind die Tische Eisschollen und Eisberge mit gefährlichen Kanten. In Verbindung mit der außergewöhnlichen Klangcollage eine phantastische Assoziation, die auch mir als Zuschauer Raum für eigene Bilder und Interpretationen inmitten einer Eislandschaft lässt.

„One Flat Thing, Reproduced“ ist für mich eine absolut sehenswerte Expeditionsreise ins Land der fast unmöglich erscheinenden, expressiven Bewegungswelt des Menschen.

Den Abschluss des Ballettarrangements „b.38“ bilden die „Ulenspiegeltänze“ zur Sinfonie Nr. 7 von Prokofjew – die zweite Uraufführung des Abends. Der Vorhang hebt sich und ein wunderbares Bühnenbild des Künstlers Keso Dekker mit Perlenschnüren und Ballsaalcharakter eröffnet sich dem Zuschauer. An der Rückwand eine Videoprojektion, die uns das Bild einer, uns mit dem Rücken zugewandten, überdimensionierten Eule zeigt; mal schaut sie weise, mal teuflisch, aber sie scheint immer allgegenwärtig zu sein.
Wer meint, ihm werden im letzten Ballettstück nette Till-Eulenspiegel-Geschichten aus Kindheitstagen tänzerisch präsentiert, der irrt sich. Denn schließlich „steckt“ Martin Schläpfer hinter der Choreographie. Er führt uns „an der Nase“ herum, überrascht uns von hinten, tritt zum Teil anmutig, aber manchmal auch bedrohlich-beängstigend in Erscheinung und hält uns regelmäßig auf gesellschaftskritische Weise den Spiegel vor.
Die tänzerischen Leistungen, insbesondere die ausdrucksstarken Tanzbewegungen von Yuko Kato oder das Solo von Feline van Dijken waren wieder erstklassig und äußerst bemerkenswert.
Martin Schläpfer beweist mit Prokofjews 7. Sinfonie wiederholt sein Feingefühl für eine wundervoll passende und sinnstiftende Musik. Den Duisburger Philharmonikern gelingt es dabei, die musikalischen Gegensätze und Überraschungsmomente des Komponisten auch für ein eher ungeschultes Ohr genau herauszuarbeiten. Durch die Videoprojektion, die mir sehr gut gefallen hat, ermöglicht sich Martin Schläpfer auf schelmische Art selber, seiner Choreographie noch weitere Nuancen zu verleihen – so auch beim Einblenden eines Bildes der Wiener Staatsoper. Spätestens jetzt ist einem als Zuschauer klar, dass durch den Perspektivenwechseln jedem von uns der Spiegel vorgehalten wird.

Am Ende der „Ulenspiegel“ ziehe ich für mich das Fazit, dass sie sehenswert sind, aber das Ballettstück insgesamt zu wenig Inhalt aufweist und mir daher auch der Spannungsbogen fehlt.

28.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an GGS Hermann-Grothe-Straße in Duisburg-Bissingheim, einer Montessori-Grundschule, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Sie findet es spannend und freut sich darauf, sich als Scout für Oper und Ballett in dieser Saison wieder regelmäßig und intensiv mit Oper und Ballett auseinanderzusetzen.

b.38 ist etwas sehr Besonderes

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von „b.38“

Der Ballettabend b.38 ist etwas sehr Besonderes – man sollte ihn  unbedingt ansehen, weil er auch für  Nicht-Ballettfans ein richtig  beeindruckendes Erlebnis bietet.

Der dreiteilige Abend beginnt mit der  Uraufführung des Balletts Sinfonie  Nr.1 des rumänischen  Choreographen und Tänzers Remus  Șucheană, der an die Stelle Martin Schläpfers treten wird, wenn dieser  im nächsten Jahr das Ballett am  Rhein verlässt und nach Wien gehen  wird. Der Titel Sinfonie Nr.1 bezieht  sich auf die Musik zu diesem Ballett:  Sergej Rachmaninows erste Sinfonie  – ein dramatisches, animalisches, fast  trotziges Werk, auf das Remus  Șucheană seine Geschichte von  Krieg und Liebe, Verlust und  Sehnsucht, von Schrecken und  Hoffnung choreografiert. Die düsteren  und sehr intensiven Farben dieser  facettenreichen Musik finden sich  wieder im höchst eindrucksvollen Bühnenbild (Darko Petrovic): eine in ihrer Schlicht- und Einfachheit fast bedrohlich wirkende Mauer, die wie ein geöffnetes Buch hochkant die Szene begrenzt und den Blick auf das lenkt, was davor passiert. Menschliche Dramen, Paare, die sich finden, sich trennen müssen, weil die Männer in den Krieg ziehen, die Sehnsucht nach Menschlichkeit, Familienleben und Normalität. Auch Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt sind zu sehen, Hoffnung auf Frieden und bessere Zeiten. Die Kostüme passen sich realistisch in die Szenerie ein: Soldatenuniformen, angelehnt an jene der 1930er Jahre, im Kontrast zu bürgerlicher Kleidung, praktische Schnitte, dazu Frisuren, 44 wie man sie aus Bildern jener Zeiten kennt. In Verbindung mit dem unglaublich starken Ausdruck der Tänzer wird diese Geschichte aufwühlend lebendig. Man wird sogartig hineingezogen, fühlt und erlebt mit und bleibt – insbesondere beim tiefgründigen Ende – mit absoluter Aufmerksamkeit und angehaltenem Atem zurück…

Auf ganz andere Weise beeindruckend ist das zweite Tanzstück, das durch unfassbare Akrobatik besticht: 20 große breite Tische werden von 20 Tänzern vorn auf die Bühne gezogen und auf alle nur erdenklichen Arten genutzt: darauf liegend, wischend, sitzend, ziehend, stehend, mit Füßen tippend, unter ihnen hindurch gerollt, drumherum getanzt… One flat thing, reproduced, hat Choreograf William Forsythe sein Bewegungskunstwerk getauft. Zunächst herrscht auf, neben und unter den Tischen Chaos, zwischendurch lichtet sich das Treiben, Tänzer in kleinen Gruppen reduzieren die Impulse fürs Auge, dann wieder scheinbar ungeordnetes Chaos. Dazu eine Klang- und Geräuschwelt von Thom Willems, die das Chaos akustisch bestätigt… Zutiefst beeindruckend ist die tänzerische Leistung, die akurate Abstimmung, das Timing, die Präzision, die notwendig ist, um sich nicht an den Tischkanten zu verletzen und einen solchen rauschhaften Strudel an Bewegung zu meistern. Aber gefallen? Nein, das tut es nicht sehr – die Musik ist anstrengend, das Chaos bietet keinen Halt fürs Auge, keiner der zahllosen Impulse wird zu Ende geführt, das Auge kann auf nichts ruhen – alles bleibt offen und undurchschaubar. Respekt beschreibt den Eindruck vielleicht eher.

Musikalisch und erzählerisch versöhnlicher ist das dritte Ballett: Martin Schläpfers uraufgeführte Ulenspiegeltänze entführen ein wenig in magische Welten. Till Eulenspiegel, der rebellische Narr, Gaukler, legendäre Streichspieler dient dem Choreografen Martin Schläpfer nur als hintergründiger Nährboden für seine sehr konkret in der Jetztzeit festgemachten Ideen. Die Bühne eröffnet eine nächtliche Szene, nebelig, herabhängende Schnüre von oben werden zu beiden Seiten gezogen, wie ein nur wenig geöffneter Vorhang. Eulen als Motiv tauchen auf, als Nachttier in Videosequenzen oder Eulenaugen, die alles beobachten. Ein großer Kronleuchter oder ein prunkvoller Theatersaal werden eingeblendet und verändern die Atmosphäre. Wenig passend das Portrait Stalins, das im Bühnenhintergrund erscheint. Die Tänzer, in eng anliegende Anzüge gehüllt, die aussehen, als sei der Körper mit Pastellfarben bemalt, sorgen auch hier für fesselnde Stimmungen – ausdrucksvolle Bewegungen, die den Menschen den Spiegel vorhalten, die Menschen darauf stoßen, wie die Realität aussieht, mit allen Schrägheiten und Narreteien… so ist es von Martin Schläpfer gedacht. Und so kommt es auch an. Es braucht eine Weile, bis die Eindrücke verarbeitet sind, aber dann ist die Begeisterung für diesen vielseiteigen Abend um so größer…

Fedrizzi_Isabel_FOTO_Tanja_BrillIsabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout für Oper und Ballett möchte sie ihre Zuschauererfahrungen erweitern und intensivieren.