Stephanie Küthe über „Don Carlo“

Was für ein grandioser Opernabend!

Regisseur Guy Joosten hat ein modernes, packendes Familiendrama inszeniert, wie es heute nicht besser geschrieben werden könnte. Dass bei ihm die private Tragödie im Mittelpunkt steht, zeigt schon das Bühnenbild: Ort der Inszenierung sind ausschließlich die vermeintlich privaten Schlafzimmer der Protagonisten, wo jedoch Hofstaat und Inquisition ein- und ausgehen. Und auch die prunkvollen goldenen Palastwände, die immer wieder transparent werden, bieten keine Privatsphäre – eindrucksvoll, wie Joosten das Scheitern von Elisabettas und Carlos Liebe an der Kontrolle des Staates und der Kirche auf allen Ebenen darstellt.
Dass die Geschichte so berührt und fesselt, liegt vor allem an der schauspielerischen Leistung der Darsteller, allen voran Gianluca Terranova in der Titelpartie. Aber auch musikalisch überzeugten an diesem Abend ausnahmslos Alle. Celine Byrne als Elisabeth zieht den Zuhörer vor allem mit ihren leisen Tönen ganz in ihren Bann und auch Bogdan Baciu beeindruckt als Posa, um nur zwei Sänger aus einer durchweg phantastischen Besetzung zu nennen. Auch Chor und Orchester brillierten in gewohnter Präzision, unter der musikalischen Gesamtleitung von Lukas Beikircher.
Am Ende gab es stehende Ovationen – zu Recht!

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Stephanie Küthe
Tätig im Eventmanagement eines Energiekonzerns
Seit ihrer Kindheit begeistert sich Stephanie Küthe für das Musiktheater, sang im Kinderchor der Bonner Oper und stand jahrelang in verschiedensten Produktionen selbst auf der Bühne. Die Diplom-Kauffrau und Musikwissenschaftlerin singt heute wieder mit Begeisterung im Chor und verpasst keine Inszenierung der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout freut sie Sich darauf, ihre Gedanken zu Inszenierungen in Worte zu fassen und andere mit ihrer Begeisterung anstecken zu können. Ganz besonders gespannt ist sie dabei auf den Austausch mit anderen Opern- und Ballettscouts.

Martin Breil über „Don Carlo“

Armer Don Carlo….

Das Schöne an der Oper ist, dass man dort Geschichten erlebt, die es sonst nirgendwo gibt.
Stellen Sie sich vor, ihr Sohn liebt ihre Frau, mit der Sie in dritter Ehe verheiratet sind. Oder, andersherum, die (Stief-) Mutter ist in ihren Sohn verliebt, obwohl Sie mit dessen Vater verheiratet ist. Oder, Sie als Sohn, müssten Ihren Vater ermorden, um Ihre „Mutter“ für sich zu erobern… Unglaublich !
Don Carlo, Sohn des spanischen Königs Philipp II., weiß nicht mehr ein noch aus. Er liebt Elisabetta, Prinzessin von Frankreich, die ihm versprochen wurde und nun mit seinem Vater verheiratet ist. Sein einziger Freund Rodrigo di Posa, ein von Carlos Vater unterdrückter Freiheitskämpfer, hält zu ihm.
Giuseppe Verdi hat nach der Vorlage von Friedrich Schiller mit „Don Carlo“ ein großartiges Drama über das Freiheits- und Unabhängigkeitsstreben sowohl politisch als auch aus Staatsräson unterdrückter Individuen geschaffen.
Am Anfang wirkt die Oper sehr statisch und wenig handlungsbetont. Aber Verdi versteht es, die Gefühle und Emotionen der verschiedenen Individuen mit ihren Ängsten und Nöten musikalisch derart treffend zum Ausdruck zu bringen, dass es für ihn keines großen Bühnenspektakels bedarf, um sein Publikum zu fesseln.
Das Bühnenbild besticht zunächst aufgrund seiner goldenen Wände, die sich, streng orthogonal angeordnet, im Laufe des Abends, von intimen Gemächern, zu einem Richtplatz und schließlich in ein Königsgrab verwandeln.
Die Soli, Duette, Terzette und Quartette sind so ausdrucksstark, dass es genügt, mit dem Bühnenbild Stimmungen optisch nur anzudeuten. Celine Byrne als Elisabetta beeindruckt mich dabei stimmlich am meisten. Das gesamte Ensemble und die Duisburger Philharmoniker beweisen an diesem Abend während der dreistündigen Vorstellung wieder einmal große Klasse.

Diese Inszenierung ist emotional noch stärker als „Aida“, das Bühnenbild schlichter, aber dadurch inspirierender, ich kann sie sehr empfehlen- aber Vorsicht, anspruchsvoll und anstrengend!

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Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

Jessica Gerhold über „Don Carlo“

Inszenierungen vergleichen

Ein schweres Stück! Das bespickt ist mit allen erdenklichen Konflikten, die eine Oper groß werden lassen: Eine historische politische Figur, Kirche und Staatsoberhäupter im Machtkampf, verbotene Liebe und Leidenschaft, Familienverstrickungen, die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung. Eigentlich wahnsinnig spannende Themen. Emotional wurde ich auch durch alle Akte immer tiefer in den Bann gezogen, es ergriff mich aber leider nicht vollends. Woran dies lag? Nun, das Bühnenbild war nicht der Grund! Wie fast immer, war ich „hin und weg“ von der genialen einfachen Idee, die den Zuschauer in die verschiedenen Schauplätze wie u.a. die königlichen Gemächer entführte. Es wirkte wie ein gewaltiger goldener Käfig dem man nicht entfliehen kann, mit durchlässigen Mauern die doch Ohren haben. Ein Kompliment an die Bühnenbildnerideen!
Auch die Stimmen waren im Zusammenspiel mit den Philharmonikern ergreifend. Alleine das Spiel von Gianluca Terranova als Don Carlo fand ich teilweise zu statisch. Am charismatischsten und herausstechendsten empfand ich persönlich Bogdan Baciu, hier in der Rolle von Di Posa. Alle Frauen waren stark besetzt und authentisch umgesetzt!
Schlussendlich lädt das Stück zu anregenden Diskussionen an und motivierte mich ungemein mir eine zukünftige „Don Carlo“- Aufführung zum Vergleich anzuschauen!

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Jessica Gerhold
Gymnasiallehrerin
Jessica Gerhold ist gebürtige Duisburgerin und arbeitet als Gymnasiallehrerin. Von jeher hat sie sich für das Theater interessiert.  Bei ihrer Berufung zum Opernscout war sie eher skeptisch, ob sich ihre bisher eher distanzierte Haltung zu Oper und Ballett verändern würde. Nach ihrer ersten Spielzeit sind die Zweifel verflogen. Sie ist stolz auf das, was in ihrer Heimatstadt geleistet wird und hofft, dass sich zukünftig viel mehr Menschen von der Leistung der Künstler live faszinieren lassen.

Christoph Grätz über „Don Carlo“

Trotz guter Zutaten, etwas fad

Eigentlich hat diese Oper alles was es braucht, persönliche Dramen, familiäre Konflikte, politische Verwicklungen und Intrigen, Liebe, Leidenschaft, Hass, Verrat, Verzweiflung und jede Menge Pathos und das auch noch mit großartiger Musik versehen. Und doch ist der Funke bei dieser Inszenierung von Verdis „Don Carlo“ bei mir nicht übergesprungen. Mich hat die herzzerreißende Geschichte des jugendlichen Infanten von Spanien, der seine Stiefmutter liebt, nicht wirklich berührt. Vielleicht lässt sich dieser Opernabend am besten mit einem Teller Pasta vergleichen, bei dem zwar alle Zutaten stimmen, und doch die Nudeln verkocht und die Gambas trockengebraten sind.
Ich hätte mir gewünscht, dass die Zerrissenheit der Charaktere, vor allem Don Carlos und Elisabettas packender rübergekommen wären. Die Dilemmata von politischen Interessen und Pflichterfüllung einerseits, Liebe, Leidenschaft und Verlangen andererseits, hätten dramatischer sein dürfen. Ich habe echte Spielfreude bei den Sängerinnen und Sängern vermisst. Da gab es Szenen, etwa wenn König Filippo II. seinen Sohn Don Carlos versucht zu bezwingen, die für meinen Geschmack zu sehr auf den gesanglichen Part konzentriert waren. Solche fast gewalttätigen Momente brauchen einfach vollen Körpereinsatz um glaubwürdig zu wirken.

Mir war die Inszenierung zu statisch. Der wirklich tolle Effekt des Bühnenbildes, das über die gesamten drei Akte fast gleich blieb – lediglich einige Elemente wurden über den Schnürboden heruntergelassen – nutzte sich trotz interessanter Lichteffekte über die drei Stunden doch ab. Auch bei den Kostümen hätte ich mir eine konsequentere Linie gewünscht. Die an Karneval erinnernden Eselsohren der flandrischen Gesandten, wirkten auf mich etwas albern.

Positiv war, wie gut die Stimmen der Sängerinnen und Sänger bei den mehrstimmigen Partien harmonierten. Die Stimmen waren alle gut; überragend fand ich aber keinen der Sänger, auch darstellerisch nicht. Am präsentesten vielleicht, war Liang Li als König Filippo II., der durch seinen kräftigen Bass die auch darstellerisch größte Präsenz erreichte, neben Sami Luttinen. Als Großinquisitor hat er diese Rolle mit der richtigen Gravität und emotionalen Kälte ausgefüllt. Besonders eindrucksvoll, das Duett mit König Philipp indem allzu deutlich wurde, wer zu dieser Zeit wirklich das Sagen hatte. Der Konflikt zwischen weltlicher und klerikaler Macht war eine zentrale politische Botschaft des Abends. Aber auch König Filippo war bei aller Härte seinem Volk – und vor allem seinen Sohn gegenüber – ein verletzlicher Mensch. Der für mich stärkste Moment des Abends war die Arie des Königs, in der er erkennt, dass Elisabetta ihn nicht liebt.

Don Carlo, in Liebe für deine Stiefmutter entbrannt, verschreibt sich aus Verzweiflung dem Freiheitskampf der Flamen. Er setzt seinem Verlangen, seiner Leidenschaft und Liebe zu Elisabetta die Erfüllung der fast heiligen Pflicht entgegen, die Befreiung des unterdrückten Volkes anzuführen. Was den beiden Liebenden am Ende bleibt, ist die Hoffnung auf eine Vereinigung im Jenseits. Welche Tragik, die ich in dieser Inszenierung aber nicht wirklich gefühlt habe.

Fazit: Für Verdi-Liebhaber lohnt der Abend schon musikalisch, die Inszenierung hat Schwächen.

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Christoph Grätz
arbeitet für die Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik. Als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er in seiner Arbeit zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Als Scout entdeckt er nun Oper und Ballett und freut sich, etwas davon mitteilen zu dürfen.

Gisela Miller-Kipp über „Don Pasquale“

Ein großes Opernvergnügen

Der Spaß beginnt schon vor der Vorstellung: Aus schwarzem Proszenium schaut Donizettis Portrait im Goldrahmen versonnen auf sein Publikum, und wir schauen zurück und denken uns was, etwa: was der Säulenstumpf links vor der Bühne wohl soll? Zur Ouvertüre wird dann eine Kunstausstellung bestückt, läuft eine Zicke von Galeristin über das Proszenium und notiert (Preise), und als der Vorhang sich hebt, dämmert mir: Hier wird Kunst, werden Kunstbetrieb und Kunstszene verulkt. Auf dem Säulenstumpf steht nunmehr eine kleine Kopie der Venus von Milo; im Laufe des Geschehens – Handlungsmuster: steinreicher alter Hagestolz freit junges Blut, das geht in den seltensten Fällen gut (hier aber nach einer verwirrten Intrige doch, das Happy-End kommt freilich recht abrupt) – wird sie je nach Temperament und Stimmungslage der Akteure zerdeppert (Norina), mühsam wieder zusammengeklebt, auch umarmt (Don Pasquale), am Ende in zwei Teilen dem Kunstdieb geschenkt, und zwar von Don Pasquale selbst, da sich dieser Dieb zu guter Letzt als junge Blondine und neue Braut für ihn entpuppt – das im Übrigen im Wortsinne: Der vormals Dieb hängt in weißen Jonglagebändern vom Bühnenhimmel wie eine Schmetterlingspuppe. – Diesem Ansatz also: der Platzierung der Oper im Kunstmilieu, dabei in zwei grundverschiedenen, aber hochberühmten Kunstwelten, entspringen der Spielwitz und die Komik der mit viel Voraus-Presse angekündigten Inszenierung von Don Pasquale durch Rolando Villazón. Sie ist voller origineller und auch einiger verstaubter Einfälle – so plagt den alten Freier der Ischias, natürlich! –, die mich nahezu pausenlos amüsierten: als running-gag etwa der besagte Kunstdieb im schwarzen Catsuit, der in den Posen vieler filmberühmter Juwelenräuber einschließlich Abseilakrobatik durch die Szenen huscht; oder das notorisch unpassend mit Staubwedel oder Sekttablett auftretende Hausmädchen; oder das Völkchen, bei dem die junge Norina als Muse zu Hause ist: die Kunstszene der 60iger Jahre, New York – der Times Square (?) blinkt im Bühnenhintergrund. Dort tummelt und lümmelt sich in einer puristisch neon-grünlichen Wohnzimmerbar – Edward Hoppers „Nighthawks“ lassen grüßen – das abgedrehte Personal der Pop-Art und des (Folk)Pop-Rock: Kiffer und Hare-Krishna-Jünger (die säuseln auch noch vor sich hin), Andy Warhol, Gilbert & George, später dazu: Jimi Hendrix, John Lennon & Yoko Ono, Pete Townsend (? mit Gitarre) – die Bedienung kommt auf Rollschuhen daher, und alle Personifizierungen wandern nach und nach in den Chor ein, der Schlusschor besteht dann nur noch aus imitierten Warhols und Mona Lisas, fand ich sehr vergnüglich.

Ebenso amüsant die Bestückung des herrschaftlichen Kunstsalons von Don Pasquale, hier eben ein steinreicher alter Kunstsammler zu Paris – zur Orientierung schimmern durch die raumhohen Fenster Sacré Cœur und der Eiffelturm –, nachdem er durch die schnelle und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zustande gekommene Heirat unter Norinas Fuchtel geraten ist. Standen und hingen dort zuvor mit besagter Venus geschätzt ein Dutzend der berühmtesten und schönsten Gemälde aus dem Kanon der klassischen Malerei: Odalisken von Ingres, „Die Badenden“ von Fragonard – klarer Fall! –, dazu die „Mona Lisa“, das Herrschaftsporträt Ludwig des XIV. von Rigaud, „Die Freiheit führt das Volk“, „Das Floß der Medusa“ und, und, und, und tritt Norina dort zunächst kostümiert als Audrey Hepburn auf, also als kapriziöses Reh, so agiert sie bald als zänkische, aber auch verführerische Tyrannin und krempelt den Salon gründlich um. Es hängen und stehen dort dann die Ikonen der Pop-Art von Warhol, Haring, Lichtenstein & Co., dabei von Niki St. Phalle eine schwarze (!) „Nana“. Sie wird übrigens vom Kunstdieb erfolgreich entführt, woraufhin Don Paquale, im Anzug und in der Manier von Sherlock Holmes/Nick Knatterton, sie mit der Lupe sucht bzw. eine an ihrer Stelle posierende Figur beäugt. – Das sind nur einige der komischen szenischen Einfälle und bildhaften Anspielungen dieser Inszenierung; um deren ganze Fülle zu genießen, muss man in die Aufführung gehen. Und das nicht zuletzt auch darum, weil Klassiker wie Pop-Art, in einer Szene auch eine Graffitti-Mauer, fabelhaft und mit eigenem Witz und versteckter Bildkomik reproduziert bzw. imitiert sind. Dafür gehört der Malerwerkstatt der Deutschen Oper am Rhein ein außerordentliches Kompliment, wie überhaupt der so bildreich eingerichteten Bühne (Johannes Leiacker). Am witzigsten fand ich, dass auf einem der berühmten Suppendosensiebdrucke von Warhol hier nicht „Campbells Tomato Soup“, sondern „Malatesta’s Matoto suop“ (sic!) geschrieben steht – Malatesta, der Name verrät es, heißt der intrigante Advokat im Spiel.

Die Hauptpartien wurden prima gesungen und gespielt, im Parlando allen voran Lucio Gallo als Don Pasquale, im kokettem Charme Elena Sancho-Pereg als Norina; Mario Cassi war als Doktor Malatesta bestens aufgelegt, er sprang ganz kurzfristig für den erkrankten Dmitri Vargin ein; angestrengt in der Stimme wirkte auf mich nur Ioan Hotea als Ernesto – armer Graffitti-Maler und Neffe von Don Pasquale, der mit Norina das heimliche Liebespaar abgibt. Sein hochromantisches Ständchen für die Angebetete, ein veritabler Ohrwurm, singt er in hochromantischer Kulisse: der Silhouette eines Schlossparks in nächtlicher Dämmerung. Diese Szenerie steht im heftigen Kontrast zu den vorangehenden Bühnenbildern, und damit wird auch die romantische Welt ins Komische gezogen – was soll’s, es tut der Melodienseligkeit dieser Oper keinen Abbruch. Unter Nikolas Carter spielten die Düsys mit frischem Schwung und süßem Klang, und zum Schluss schaut wieder Donizetti auf sein Publikum, diesmal jedoch als Siebdruckporträt in vierfacher Farbvariation à la Warhol – noch eine schöne Bilderfindung. Standing Ovation – ein großes Opernvergnügen!

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Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

 

Uwe Schwäch über „Don Carlo“

Ungewöhnlich modern und dennoch konventionell

DonCarlo_08_FOTO_HansJoergMichelEin Opernklassiker in neuem Gewand. So erscheint die in Gold getränkte Inszenierung von Don Carlo ungewöhnlich modern und dennoch konventionell. Modernität vermittelt sich weitgehend über das Bühnenbild, das sich auf der einen Seite farblich opulent und auf der anderen Seite puristisch, fast gegenstandslos zeigt. Demgegenüber steht eine stellenweise statische Führung der Protagonisten. Bewegungen und Interaktionen werden eher durch räumliche als durch zwischenmenschliche Akzente gesetzt. Das ist nicht neu und daher auch nicht spannungsgeladen.

Stimmlich ist die Oper bestens besetzt. Die männlichen Protagonisten Don Carlo (Tenor), Rodrigo di Posa (Bariton) und König Filippo (Bass) sind stimmlich versiert und der „Treueschwur“ von Don Carlo und Rodrigo am Ende des ersten Akts setzt ein musikalisches Highlight und leitet das mit hoher Wiedererkennbarkeit ausgestattete Leitmotiv der Oper ein. Die in Schwarz gekleidete Elisabetta singt in schwärmerischer Melancholie und macht ihre Traurigkeit deutlich spürbar. Der gut eingestellte Chor erfährt in dieser Verdi-Oper eine vergleichsweise geringe Bedeutung, dabei findet sich in den bunten, leuchtenden Kostümen des Hofstaats ein erkennbarer Widerspruch zu den dunklen Gewändern der Heiligen Inquisition. Dieser Kontrast symbolisiert eine gelungene Zustandsbeschreibung des spanischen Hofes zu jener Zeit und zeigt mit erhobenem Zeigefinger auf Konventionen und die Unterdrückung weltlicher Bedürfnisse.

Weitere Informationen zu „Don Carlo“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/don-carlo.1047756

OpernscoutsUwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter

Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Weil ihn nicht nur das Kunsterlebnis, sondern auch der gemeinsame Austausch darüber bereichert, freut er sich jetzt auf den Dialog mit den Opernscouts.

Isabell Boyer über „Don Carlo“

Vom Tod für die Liebe, die Freiheit und die Gerechtigkeit

DonCarlo_07_FOTO_HansJoergMichelAm Samstag eröffnete sich für mich ein Spiel der besonderen Art: Eindrucksvoll schimmern metallische Muster hinter dem Vorhang hervor, der schließlich offenbart, was meisterlich geschaffen wurde. Abstrakt, aber edel, zeigt sich vor den Zuschauern ein Konstrukt – aus Gängen und Wänden, die sich zu immer neuen Räumlichkeiten verändern – in seiner simplen, grafischen Gestaltung. Manchmal halb transparent, manchmal für Blicke undurchdringlich, wird es genutzt, um unsere Augen zu führen und uns zu zeigen, was die Protagonisten sehen, erahnen oder voller Schrecken betrachten.

Schon zu Beginn, als das Leid des Prinzen geschildert wird, zeigt sich, versteckt hinter den funkelnden Mauern, der Anblick des königlichen Ehepaares, das sich im Ehebett eingefunden hat. Don Carlos ist hin und her gerissen, er wirkt verflucht, fast verrückt geworden durch die Liebe, die er für Elisabeth empfindet. Sein Freund Rodrigo, Marquis Posa, erfährt von seinen Qualen und versucht, ihm zur Seite zu stehen. Sehr eindrucksvoll vermitteln Gianluca Terranova und Laimonas Pautienius die innige Freundschaft der beiden Männer, die für dieselbe Sache kämpfen wollen, in einem unvergleichlichen Duett.

Allgemein ist die musikalische Umsetzung der Oper Verdis in dieser Aufführung hervorragend gelungen. Sowohl das Orchester, das unter der Leitung von Andriy Yurkevych glänzt, als auch der Chor und die Protagonisten, überzeugen mit ihrem Können und ihrer ausgezeichneten Dynamik. Sie zeigen ihre Vielseitigkeit und beeindrucken mit einem (in den meisten Fällen) sehr authentischen Ausdruck. Für die Ohren ist diese Oper also eine wahre Wohltat. Selbst die etwas längeren Aufbaupausen werden vom Orchester geschickt überbrückt und somit nicht allzu negativ vom Publikum aufgefasst. Das Kostüm, das Licht und die Kulissen sind geschickt gewählt, nicht zu altertümlich, nicht zu modern, sodass man sich diese Handlung sehr wohl in einem solchen Rahmen vorstellen kann.

Insgesamt hat mich Don Carlo besonders dann bewegt, wenn es um die verschiedenen Wege und Arten der Liebe ging. Von brüderlicher Liebe, bis hin zur absoluten Liebe zur Gerechtigkeit für die Menschen und zur Freiheit der Gedanken; von verlorener, verratener Liebe und einer Liebschaft, die verboten ist, deckt diese Oper alles ab. Man weiß in manchen Momenten nicht, ob man den Handelnden helfen möchte oder sie fortzerren möchte, ob man ihnen die Schmerzen ersparen soll, oder ob man es geschehen lassen sollte. Diese Oper wirft Fragen auf.

Gibt es noch heute eine Macht, die der Inquisition, die in Don Carlo eine so tragende, zerstörerische Rolle übernimmt, gleich kommt? Wer wäre ihr unterworfen? Und vor allem: Was bleibt am Ende übrig?

Der Zuschauer hat hier die Wahl, hinter die Kulissen zu blicken, zwischen den Zeilen zu lesen. Allein deswegen, um sich auf dieses Gedankenspiel einzulassen, empfehle ich dieses Stück.

Den Denkern und den Genießern ausgefeilter Musik lege ich Don Carlo ans Herz – das Ensemble wird Ihnen einen angenehmen Abend bescheren.

Weitere Informationen zu „Don Carlo“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/don-carlo.1047756

OpernscoutsIsabell Boyer
Studentin

Auf unseren jüngsten Opernscout sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Als Opernscout berufen worden zu sein ist eine Ehre für sie. Sie ist sehr froh, dabei zu sein und hofft auf eine schöne Zeit.