Isabell Boyer über „Don Pasquale“

Genial, schrill, außergewöhnlich

Wenn ich ehrlich bin, ist es mir kaum möglich, die wundervolle Inszenierung des Stücks „Don Pasquale“ an der Oper am Rhein in Worte zu fassen. Von den sympathischen, gar abgedrehten Protagonisten zu den zahlreichen Kunst- und Modeeinflüssen, die ich innerhalb des Stücks überrascht und angetan registriert – und später notiert – habe, bis zur eingängigen, lebensfrohen Musik und der Luftakrobatik, die mit Comedy-Elementen den Meisterdieb durch die Szenen schickte, waren alle Ebenen der Unterhaltung abgedeckt. Ich habe mich köstlich über Norina (Elena Sancho Pereg) amüsiert, die ihrem Ernesto zuliebe die brave Ex-Nonne mimt, um dann als Furie über ihren Angetrauten Pasquale herzufallen. Ihre Beschwingtheit und freche Art blieben mir ebenso im Gedächtnis wie ihre Holly-Golightly-Posen und der Beinüberschlag aus der Befragung in Basic Instinct. Ich frage mich bis heute, ob das genau so inszeniert worden ist; wenn ja: Chapeau. Ganz großes Kino.
Don Pasquale selbst, gespielt von Lucio Gallo, und sein Arzt des Vertrauens, gespielt von Dmitri Vargin, bildeten ein geniales Gespann. Lustig, charmant und gesanglich unglaublich beeindruckend nahmen sie die Bühne für sich ein. Das Publikum fühlte sich von den beiden sofort in den Bann gezogen. Ernesto (Ioan Hotea) und Kunsträuberin Susanne Preissler runden die Gruppe mit ihren erstklassigen Fähigkeiten ab und überzeugen mit ihrem tollen Ausdruck.

Zuletzt noch ein Wort zu den Kostümen und der Kulisse: Ich war noch nie so glücklich, Kunst als Schwerpunkt im Abitur gehabt zu haben. So hat es nämlich nochmal umso mehr Spaß gemacht. Von Kleidungsstücken aus den 20er, 60er und 70er Jahren bis hin zu Kunstwerken, die an Andy Warhol und Keith Harings Werke oder die „Venus von Milo“, den „Sonnenkönig“, „Nighthawks“, oder Delacroix‘ „La Liberté guidant le peuple“ erinnern, war alles zu sehen und ließ mich auch neben der Haupthandlung eine Menge neuer Dinge entdecken.
Leider kann dieser Text, gerade auch aufgrund seiner Kürze, diesem Stück nicht gerecht werden. Dass eine weitere Oper sich zu einem meiner Lieblingsstücke entwickeln könnte, hatte ich längere Zeit bezweifelt, doch „Don Pasquale“ hat mich eines Besseren belehrt. Vielen Dank für dieses erfrischende Meisterwerk.

Weitere Informationen zu „Don Pasquale“

Isabell Boyer
Studentin
Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.

Georg Hess über „Don Pasquale“

DonPasquale_13_FOTO_ThiloBeu

Temporeiche Opera buffa

Diesmal erwartet mich in der Düsseldorfer Oper „Don Pasquale“ von Gaetano Donizetti, eine Opera buffa (komische Oper) aus dem Jahre 1843 in der Inszenierung des Startenors Rolando Villazón.
Hauptdarsteller sind eine junge, attraktive Frau (Elena Sancho Pereg als Norina) die einen älterlichen, reichen Geizhalz (Lucio Gallo als Don Pasquale) an der Nase herumführt und schließlich mit ihrem eigentlichen Liebhaber (Ioan Hoteas als Ernesto) zusammenfindet aufgrund der Ränkespiele des Leibarztes (Mario Cassi als Doktor Malatesta).
Die einfache Handlung ist mit reichlich alberner Komik und zahlreichen klamaukigen Gags versehen, wobei die aktuelle Inzenierung versucht, sich mit den unterschiedlichen Geschmäckern zwischen alter und neuer Kunst und Moral auseinanderzusetzen. Das Stück hat viel Tempo und wirkt zumeist frisch, manchmal sogar überdreht und nur selten altbacken.
Alle vier Sänger (und auch die durch Nicholas Carter geführten Düsseldorfer Symphoniker) imponieren mit erstklassigen Leistungen. Besonders hat mir die Szene im dritten Akt gefallen, als sich die umwerfende Norina und Ernesto im Laternenschein vor einer Margritte-Kulisse ihre Liebe versichern.

Das Publikum ist schließlich begeistert.

Wen eine heitere Opera buffa anspricht, für den ist der Besuch sicherlich zu empfehlen.

Weitere Informationen zu „Don Pasquale“

Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

Khatuna Ehlen über „Don Pasquale“

DonPasquale_03_FOTO_ThiloBeu

Bunte Mischung

Meine Erwartungen an das Stück waren ambivalent: das Thema ewiger Jugend und das Begehren des Alters, es noch einmal mit der Jugend aufnehmen zu wollen, im Mittelpunkt ein alter Mann und seine junge Frau, versprach nicht gerade eine abendfühlende Vorstellung…
Doch es kam anders: spätestens mit dem Bühnenbild, inspiriert durch Edward Hoppers Nachtschwärmer (Nighthawks, 1942) war ich für das Stück gewonnen und so trat der (eher simple) Inhalte des Stücks in den Hintergrund.
Eine bunte Mischung humoriger, teils frech inszenierter Szenen prägt, neben der Stimmgewaltigkeit der einzelnen Akteure, das gesamte Stück. Das Versprechen der Oper, alle Sinne anzusprechen wurde vollends eingelöst, kurzum: ein gelungener, kurzweiliger, bunter Abend – für ungeübte Opernbesucher zweifelsfrei zu empfehlen.

Weitere Informationen zu „Don Pasquale“

Khatuna Ehlen
Sozialarbeiterin
Sicher war es ein großer Schritt, mit 20 Jahren die Heimat Georgien zu verlassen, um in Deutschland zu studieren und heute als Sozialarbeiterin in der Familienhilfe der Landeshauptstadt Düsseldorf zu arbeiten. Ein kleiner dagegen, die Einladung zum Projekt „erlebte Oper…erlebter Tanz…“ anzunehmen und Opernscout zu werden. Nach ihrer ersten Spielzeit als Opernscout ist sie glücklich, weiter als Scout aktiv sein zu dürfen. Bisher sind die Aufführungen des Balletts am Rhein ihr klarer Favorit im Spielplan, so dass sie sich auch in der neuen Spielzeit auf mitreißende Choreographien freut.

Uwe Schwäch über „Don Pasquale“

Feingefühl für Humor und Leichtigkeit

„Don Pasquale“ von Gaetano Donizetti ist eine Opera buffa und somit als Komödie unter den Opern einzuordnen. Wie viele Komödien lebt auch „Don Pasquale“ von einer schematischen Handlung, die durch die Vermittlung echter romantischer Gefühle eine Besonderheit erfährt.
Die Wahl von Rolando Villazón zur Inszenierung dieser Oper kann als Glücksgriff bezeichnet werden, denn es gelingt ihm das komödiantische dieser Oper einfallsreich und mit viel Esprit umzusetzen. Die kreative Leitidee handelt von der bildlichen Kunst, die in die musikalische Kunst eingebettet ist. Die Geschichte um den alternden, konservativen, reichen aber geizigen Don Pasquale wird im zeitgeschichtlichen Rundgang von klassischer Malerei bis hin zu Pop Art aufgezeigt. Das führt zu wandelnden Bühnenbildern, die einen Teilbeitrag zur lebendigen und abwechslungsreichen Inszenierung leisten. Edward Hoppers „Nighthawks“ beispielsweise wird durch Statisten in ein lebendiges Kunstwerk gewandelt und hebt das zuvor klassisch geprägte Bühnenbild in die Moderne des 20. Jahrhunderts. Dieses Stilmittel wird auch auf die Charaktere der Protagonisten übertragen. Die von Doktor Malatesta, Norina und Ernesto geschmiedete Intrige wird mit großem schauspielerischen Talent vorgetragen. Mimik und Gestik der Protagonisten finden Ausdruck in erlebbarer Leidenschaft. Dies ist besonders bei Mario Cassi als Doktor Malatesta erstaunlich, der als kurzfristiger Ersatz eingesprungen ist und nur einen Tag Zeit für die Probe hatte. Villazón profitiert genau von diesen vier herausragenden Sängern. Elena Sancho Pereg glänzt als Norina gleich zu Beginn mit einer wunderbar romantisch vorgetragenen Arie („Quel guardo in viso“…“Welche Glut in Blicken“), überrascht optisch mit verführerischen Outfits und singt auch zum Ende der Oper in einem letzten Duett („Tornami a dir che m’ami“…“Laß’ ach laß’ es mich hören“) klar und leuchtend wie ein Sternenhimmel. Ernesto wird von dem jungen rumänischen Tenor Ioan Hotea leicht und feinfühlig gesungen, der Italiener Mario Cassi überzeugt als Bariton in stets ausgereifter Stimmlage und Lucio Gallo singt die Titelpartie selbstbewusst und souverän. Die Oper glänzt durchweg mit vielstimmigen Arien, in denen alle vier Hauptrollen ein gefühlvolles, harmonisches Musikerlebnis vermitteln. Über den intriganten Umgang des bemitleidenswerten Don Pasquale hinaus lebt diese Inszenierung von humorvollen Nebengeschichten, die den schnell erzählten Opernstoff facettenreich erweitern. Die bedeutenden Kunstwerke verschiedener Stilepochen sind Objekt der Begierde eines artistischen Kunsträubers, dessen Erscheinen parodistischen Szenenhumor auslöst. Auch das äußerst neugierige Dienstmädchen evoziert bei jedem ihrer Auftritte stumm gespielte Heiterkeit. Grenzwertig dagegen erscheint der kiffende Notar als Vertreter der Hare-Krishna-Bewegung, der die bisweilen bunte Inszenierung an den Rand des Klamauks drängt. Die musikalische Leichtigkeit der Oper wird durch den jungen und eloquenten australischen Dirigenten Nicholas Carter eindrucksvoll interpretiert. Er dirigiert die Düsseldorfer Symphoniker lebendig und schwungvoll. Die Klangkörper der Instrumente werden besonders mit dem Einsatz von Bläsern, Pauke und Schlagzeug authentisch interpretiert und unterstreichen den musikalisch rasanten Opernstil.
Sicherlich ist „Don Pasquale“ eines der Highlights in dieser Opernsaison und daher sehens- und hörenswert.

Weitere Informationen zu „Don Pasquale“

Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.