Ein Auf und Ab der Gefühle

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FOTO: Hans Jörg Michel

Henning Jüngst-Warmbier über die Premiere von „Madama Butterfly“

Wie sehr hatte ich mich auf den Abend gefreut, war es zwar nicht meine 1. Butterfly, so jedoch die erste, bei der ich öffentlich meine Meinung kundtun durfte. Kurz und gut, die Aufführung konnte mich von der Inszenierung und auch teilweise von den Stimmen her wahrlich nicht überzeugen. Das Orchester begeisterte mich vollends und das rettete mich über und mir den Abend. Der 1. Akt in der amerikanischen Botschaft gefiel mir gut, brachte er doch die ganze Kälte und Macht der amerikanischen Invasoren zum Ausdruck. Der Konsul war eine echte Offenbarung für mich, während Herr Pinkerton einen das Grausen lehrte. Ein großes Glück für das Auditorium, dass er im 2. Akt nicht mehr sonderlich in Erscheinung trat. Cio-Cio San bezauberte mich mit Ihrer wunderbaren Stimme, überzeugte mich aber überhaupt nicht in der Darstellung einer 15 jährigen Geisha… Und das Zitat der Bomben ist schon vor 40 Jahren während des Vietnamkrieges bemüht worden und macht es deshalb auch nicht besser. Trotzdem berührt mich jede Butterfly, da konnte auch die sehr eigenwillige Deutung des Selbstmordes bei mir ein tiefes Durchatmen nicht verhindern…

Opernscouts 2017 - Henning JŸngst-WarmbierHenning Jüngst-Warmbier
Freiberuflicher Dozent an der Zukunftswerkstatt Düsseldorf
Nach seiner langjährigen Tätigkeit als Hoteldirektor in Düsseldorf bringt Henning Jüngst-Warmbier seine berufliche und pädagogische Erfahrung heute ehrenamtlich in der Zukunftswerkstatt Düsseldorf ein: Seit mittlerweile acht Jahren realisiert er dort Projekte für und mit Langzeitarbeitslosen, Migranten und Flüchtlingen. Mit dem Kulturleben der Stadt ist er seit vielen Jahren über Freunde und Bekannte verbunden. Als Opernscout möchte er seine eigene Sichtweise präsentieren, über seine Empfindungen sprechen und erzählen, wie er das Gesehene erlebt hat.

 

Große Momente

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FOTO: Hans Jörg Michel

Georg Hess über die Premiere von „Madama Butterfly“

Im ersten Akt, in welchem die Annäherung und die spätere Hochzeit der Geisha Butterfly und des amerikanischen Marineoffiziers Pinkerton dargestellt wurden, begeisterte mich besonders das gewaltige Bühnenbild mit den später einstürzenden Säulen, die den Beginn der Leidenszeit der Butterfly markierten. Ganz anders die Szenerie im weiteren Verlauf der Oper: Ein Gerüst wie auf einem Abenteuerspielplatz als Aussichtsturm der Hauptdarstellerin und ein darum kreisendes Miniaturschiff, veralberten eher die ernste Situation – da hätte ich mir etwas Markanteres gewünscht. Stimmlich war die Butterfly (Liana Aeksanyan) überwältigend, besonders die berühmte Arie „Un bel di vedremo“ war ein erster famoser Moment, der den Besuch dieser im Jahre 1904 erstmals aufgeführten Oper von Puccini für sich alleine schon lohnt. Zoran Todorovich (Pinkerton), der mir letztes Jahr in Otello mein größtes Opernerlebnis bescherte, wird mir aus dieser Ausführung leider nicht nachhaltig in Erinnerung bleiben. Der Konsul Sharpless (Bogdan Baciu) konnte zumindest an diesem Abend mich und das übrige Publikum eher überzeugen. Nachdem ich mich mit der atonalen Musik in der kürzlich in Düsseldorf aufgeführten Oper ‚Wozzeck‘ gar nicht anfreunden konnte, bot mir diesmal die Musik der Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Antonino Fogliani einen 2 1/2 stündigen Hörgenuss. Besonders eine längere gesanglose Passage zum Ende des zweiten Aktes, in welchem das sehnsüchtige Warten von Butterfly auf die Rückkehr Pinkertons von den Düsseldorfer Symphonikern ausgedrückt wurde, war für mich an diesem Abend ein Highlight dieses Klassikers.

Opernscouts 2017

Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

Ein musikalischer Hochgenuss

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FOTO: Hans Jörg Michel

Katrin Gehlen über die Premiere von „Madama Butterfly“

Diesmal bin ich wohl mit hoher Erwartung gekommen: Nicht ratsam, fällt es einem doch dann schwer, unvoreingenommen zu bleiben und offen und neugierig sich der neuen Situation anzupassen. Musikalisch war der Abend ein Hochgenuss, hervorragend die Stimmen der Cio-Cio-San und des Konsuls, welcher eindeutig mein Favorit war. Optisch jedoch konnte ich mich mit der Inszenierung nicht anfreunden, fand keinen Zugang, ich blieb unberührt. Da half auch diesmal kein Kind auf der Bühne. Als Zuschauer war ich weit weg auf meinem Opernstuhl. Schloss ich zwischendurch dagegen die Augen, wurde ich mitgerissen in einen gefühlvollen Wirbel aus Schmerz und Hingabe. Das sehr amerikanisch stilisierte Bühnenbild hat wohl sicherlich seinen Zweck erfüllt, nämlich eine kühle Atmosphäre zu schaffen. Mir fehlte allerdings ein sichtbarer Kontrast, der die japanische Tradition wiedergegeben hätte. Etwas, an was ich mich hätte halten können, um einen visuell-emotionalen  Zugang zu finden. Auch fehlte mir persönlich so etwas wie eine Gruppendynamik. Aber vielleicht lässt das Thema des Stücks dies nicht unbedingt zu, da sich jeder nun mal in sein eigenes Schicksal oder in seine eigene Rolle einbringen soll, was die Madama Butterfly unter dieser Betrachtung wirklich hervorragend dargestellt hat.

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Katrin Gehlen
Modedesignerin
Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus.

Die späte Rache der Cio-Cio-San

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FOTO: Hans Jörg Michel

Hilli Hassemer über die Premiere von „Madama Butterfly“

Der Vorhang hebt sich und mir stockt kurz der Atem. Ein architektonischer Irrwitz, der ad absurdum geführte Säulenwald der amerikanischen Botschaft.  Dieses zuviel an Beton stellt die brutale  (aber auch lächerliche) Übermacht der amerikanischen Kolonialmacht dar.  Das Modell eines japanischen Hauses, welches Pinkerton sich erhandelt hat, wie auch die Ehe mit der Geisha, es wirkt wie ein verlorenes Kleinod in dieser erschlagenden Kulisse. Der Zusammenprall der antagonistischen Kulturen Amerikas und Japans wurde in meinen Augen von Alfons Flores in diesem Bühnenbild überzeugend in Szene gesetzt. Unvergessen bleibt mir der erste Auftritt  Liana Aleksanyans als Butterfly mit den wunderbaren Sängerinnen des Opernchores. Inmitten der abweisenden Säulen-Szenerie gleitet  Cio-Cio-San umgeben von ihren  Freundinnen über die Drehbühne in den Vordergrund. In ein fast überirdisches Licht getaucht, Papierschirme haltend, wie eine Ansammlung zauberhafter Schmetterlinge, singen sich die Frauen vor das Publikum. Butterflys schöne Stimme übertönt alle und berührt mich augenblicklich. Man möchte einfach, dass dieser traumhafte Moment nicht zu schnell vergeht und ahnt schon: Das flüchtige, poetische Intermezzo, diese heile märchenhafte Frequenz, sie ist ein Traum und der hellste Moment dieser Aufführung. Die Tragödie nimmt zwingend ihren Verlauf. Pinkerton, mit seinem chauvinistischen Credo „America Forever“, verkörpert sehr zeitgemäß den amerikanischen Antihelden. Das Ende des ersten Aktes ist fulminant und verstörend. Assoziationen zum Atombombenabwurf auf Nagasaki sind unvermeidlich, – für mich an dieser Stelle zu eindeutig. Das Geräusch des Flugzeuges evoziert die Kriegsassoziation und überlädt die Szene mit Bedeutung. Pinkerton verlässt Japan. Dies ist der Abschied von den illusorischen  Erwartungen einer Fünfzehnjährigen: Butterflys Welt bricht zusammen und steht in Trümmern, innen wie außen. Diese düstere Trümmerlandschaft ist das Setting bis ans traurige Ende Butterflys. Emma Sventelius als Suzuki im Blumenduett mit Cio-Cio-San ist hinreißend. Im langen Orchesterspiel am Ende des zweiten Aktes kommt man in den puren Genuss der Qualität der großartigen Düsseldorfer Symphoniker und der wunderbaren Musik Puccinis. Zoran Todorovich in der Rolle des Pinkerton reicht mit seiner Stimme an diesem Abend nicht an Butterfly oder den großartigen Bogdan Baciu in der Rolle des Konsul Sharpless heran,  er wirkt verhalten, vielleicht erkältet und kann nicht betören. Während der Proben überzeugte Liana Aleksanyan, die Butterfly, den Regisseur von einer Änderung seines Regiekonzepts: Sie wollte, dass Pinkerton ihren Selbstmord miterlebt und diesen Alptraum mit in sein zukünftiges Leben nimmt. Die späte Rache der Cio-Cio-San.

Opernscouts 2017Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin
Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Damals noch fremd in der Stadt und mit einem „Hardcorde-Wagnerfan“ befreundet, wurde die Oper unverhofft Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Lebens. Jetzt will sie sich wieder intensiver mit Oper und Ballett befassen – genau hinschauen, zuhören, das Erlebte beschreiben. Sie sagt: „Es ist schön, wenn man sich selbst und seiner Meinung vertraut.“

Erschreckend und tragisch zugleich – die Liebesgeschichte einer 15-Jährigen

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FOTO: Hans Jörg Michel

Jenny Ritter über die Premiere von „Madama Butterfly“

Die Musik und die Stimmen waren schön. Der Konsul und die Butterfly waren sehr beeindruckend. Gut gefallen hat mir auch Suzuki. Das Bühnenbild war für die ersten Bilder passend, jedoch störte mich im Laufe des Stückes das ewige „Karussellfahren“. Der plötzliche Bombenabwurf war für mich 40 Jahre zu früh – jedoch drückte er den Seelenzustand der Cio-Cio-San aus. Die Geschichte ist bekannt und doch immer wieder erschreckend, wie Männer in einflussreichen Positionen – und die Gewinner des Krieges – sich nehmen, was sie wollen und das für wenig Geld. Butterfly, eine 15-jährige Geisha (ein Kind), träumt von einer anderen Welt und gibt dafür alles auf, auch sich selber, dafür zahlt sie den höchsten Preis: Sie gibt ihr Leben. Die ganze Tragik lag in der Szene des Wartens auf den Geliebten auf dem „Aussichtsturm“ – nur Instrumentalmusik: Tragisch, traurig, hoffnungslos! Wie ihr Leben. Puccini sagt: „Chi ha vissuto per amore, per amore si mori“ (Wer nur durch die Liebe gelebt hat, wird durch die Liebe sterben“).

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Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin
Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und ist gespannt, wie es weitergeht.

Weniger ist mehr

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FOTO: Hans Jörg Michel

Susanne Bunka über die Premiere von „Madama Butterfly“

Ein schwacher Zoran Todorovich als Pinkerton; eine Liana Aleksanyan, die zunächst nicht der Vorstellung einer zarten, 15-jährigen Geisha entsprach, dann stimmlich mehr als überzeugend die Madame Butterfly gab… Dieser Opernabend war ein Wechselbad der Gefühle und des Hörgenusses. Diese Oper bietet eine zu Herzen gehende, traurige Liebesgeschichte und ergreifende Musikpassagen. Doch aufgrund einer zeitweise übertriebenen Regiearbeit, die manchmal nach Schlichtheit schrie, fiel es mir schwer, mich fallen zu lassen und das Leid Cio-Cio-Sans wirklich mitzufühlen. Weniger wäre mehr gewesen!

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Susanne Bunka
Inhaberin des Angercafés in Urdenbach
Vor drei Jahren hat sich die ehemalige Kinderkrankenschwester Susanne Bunka einen Traum erfüllt: Zusammen mit ihrer Tochter betreibt sie das Angercafé in Urdenbach – ein Treffpunkt für alle Generationen, in dem auch Lesungen und kleine Konzerte und Chorproben stattfinden. Sie liebt die großen Opernklassiker, ist gleichermaßen offen für zeitgenössisches Musiktheater und Ballett und freut sich darauf, Ihre Eindrücke im Gespräch zu vertiefen.

Rouven Kasten über „Madama Butterfly“

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Mitwarten, mitleiden

Madame Butterfly ist eine Geschichte die sehr bekannt ist. Die Geisha Cio-Cio-San, genannt Butterfly, wird dem in Nagasaki stationierten amerikanischen Leutnant Pinkerton als Braut offeriert. Dieser ist mit der japanischen Kultur nicht vertraut, die Hochzeit mit Cio-Cio-San ist Mittel zum Zweck, um mit ihr eine gemeinsame Nacht zu verbringen. Konsul Sharpless ahnt dies und warnt Pinkerton, dass die junge Frau sein Eheversprechen ernst nehmen könnte. Dennoch geht Pinkerton den Bund ein, kehrt jedoch nach nur einer gemeinsamen Nacht nach Amerika zu seiner Verlobten Kate zurück. Als er drei Jahre später mit seiner Frau nach Nagasaki kommt, erwartet ihn Butterfly mit einem Kind. Pinkerton weist sie zurück, möchte aber das Kind in die westliche Welt mitnehmen. Cio-Cio-San begreift, dass sie benutzt und entehrt wurde, und begeht Selbstmord.
Es ist völlig klar, dieses Ende wird tragisch werden, aber dennoch denkt man bis zum Schluss, dass es vielleicht doch noch klappt. Siegt vielleicht doch die Liebe? Ach nein, der Künstler hat es so gewollt. Und wir leiden mit! Mit Tränen in den Augenwinkeln leiden wir, wenn die toll besetze Liana Aleksanyan wartet. Die Passagen, in denen Giacomo Puccini sie warten lässt, lässt er auch das Publikum mitwarten und mitleiden. Ein Schuft möchte man sagen.
Der erste Akt ist ein Leid für den Hörer, hier hat Puccini sich ein wenig abgearbeitet, denn so fühlt er sich an. Keine Leichtigkeit, eher gewollt, aber das kann auch nur mein persönlicher Eindruck sein. Für mich ist und bleibt der erste Akt physisch anstrengend, er verlangt mir wirklich Kraft ab. Ein Glück, dass es in den 3 Stunden dann doch eine Pause gibt. Doch kurz nach der Pause wird das Publikum belohnt. Es folgt relativ zeitnah die Arie „Un bel dì vedremo“, das sicher herausragendste Stück der ganzen Oper. Butterfly wartet schon seit drei Jahren auf die Rückkehr ihres Ehemannes. Sie ist verarmt und gesellschaftlich verachtet. Sie gilt als geschieden, weil ihr Mann sie verstoßen hat, doch sie hält an ihrem Glauben fest, dass er zurückkommen wird. In der Arie malt sie sich aus, wie er zurückkommt und wie sie dann triumphieren wird. Untermalt wird das Ganze von Bühnentechnik die mit kleinen Stilmitteln, große Gesten darstellt. Schön!
Überhaupt ist die Bühne von Alfons Flores mit nur einem Umbau aber feinen Details ein echter Blickfang. Lediglich der leichte Bezug in die aktuelle politische Situation und der dazugehörige Kitsch war mir ein wenig zu viel gut, dass aus dem „America forever“ nicht noch ein „America first“ wurde. Das Theater stellt aber zurecht die Protagonisten in den Vordergrund und so überzeugen vor allem Liana Aleksanyan, Maria Kataeva und Eduardo Aladrén. Diese haben keine Mühe sich bis in die obersten Ränge zu singen. Das Orchester unter der Leitung des erst 29 Jahre alten Aziz Shokhakimov, der am Pult alles rausholt, ist eine Empfehlung an die Ohren. Egal ob mit viel Kraft, fast schon verstörend, oder ganz seicht, mit den Tönen kann er wirklich umgehen und er versteht es, das Orchester dort zu empfangen, wo er es hinführen möchte. Schon deswegen hat sich der Abend gelohnt.
FAZIT: Auch wenn Madame Butterfly und ich uns nicht sehr oft über den Weg laufen werden, den Abend in der Oper am Rhein habe ich letztendlich sehr genossen. Solche Stimmen und Klänge muss man einmal live erlebt haben und diese Oper gehört einfach zu denen, die man im Leben einmal live gesehen haben sollte. Daher mein Tipp: Hingehen!

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

Opernscouts Rouven Kasten

Rouven Kasten
Social Media Experte
Rouven Kasten ist in Duisburg aufgewachsen, mit Raider und Pink Floyd. Er bloggt, twittert, facebookt, schießt Fotos und jagt alles in die Wolke. Die Möglichkeit zur grenzenlosen Interaktion gefällt ihm. Nach einigen Agenturstationen und einer intensiven Zeit der Selbstständigkeit ergänzt er nun das Team der GLS Bank im Bereich digitale Kommunikation. Die Begeisterung für das Musikhören und -machen brachte ihn zur Oper und zum Ballett. Die Erfahrungsberichte als Opernscout schreibt er auch in seinen privaten Blog: http://www.gestalterhuette.de oder auf twitter und facebook, direkt aus dem Theater mit dem Hashtag #opernscout.

Ralf Kreiten über „Madama Butterfly“

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Tragödie unter dem Sternenbanner

Die Wirklichkeit ist hässlich. Oder traurig. Oder beides. Daran lässt Puccinis Musik keinen Zweifel, wenn er vor allem in seiner „Butterfly“ den Bogen mitreißend spannt zwischen romantischer Liebelei und extremer Traurigkeit.
In der Inszenierung von Joan Anton Rechi verweigert sich der Regisseur einer niedlichen Nippon-Atmosphäre der Geisha wider Willen, in die der vagabundierende Yankee-Offizier Pinkerton, der nichts weniger ist, als ein Gentleman, auf der Durchreise einbricht. Stattdessen finden Ehe-Coup und Hochzeitsnacht in der amerikanischen Botschaft unter dem alles dominierenden Sternenbanner statt.“ America forever“ statt-Japan Kitsch mit Reißpapier-Wänden.
Für Pinkerton ist es  ein amüsanter Zeitvertreib, für Butterfly ist es aber bedingungslose Liebe, selbst bis zur Aufgabe der alten Religion und Kultur und damit auch des Rückhalts durch ihre eigenen Leute. Das ist ihr Fehler.
Im ersten Akt läuft dann auch alles darauf hinaus, wie Butterfly´s Welt zusammenbricht; bildlich ideal umgesetzt durch das Zusammenbrechen der Säulen in der Botschaft unter ohrenbetäubenden Kriegslärm (Bühne: Alfons Flores). In den Trümmern wartet Cio-Cio- San zusammen mit dem unehelichen Kind; auch hier unter dem weitgehend intakten Sternenbanner, diesmal als Zeltplane für den eigenen Unterschlupf.
Spätestens jetzt schlägt eindrucksvoll die Stunde von Liana Aleksanyan als packende Sänger-Darstellerin. Sie verfügt nicht nur über den Schmelz und großen Atem, den Puccinis wunderbare Musik verlangt, sie hat auch die Durchschlagskraft und enorme Modulationsfähigkeit, mit der ihr, in Verbindung mit berührendem Spiel, ein beeindruckendes und packendes Bild der Protagonistin gelingt. Aber auch die weiteren Sängerinnen und Sänger überzeugen. Der Chor verursacht Gänsehaut, auch weil die Duisburger Philharmoniker unter Leitung des begabten jungen Musikalischen Leiters Aziz Shokhakimov Puccinis Komposition so fein und brillant spielen. Vielleicht manchmal etwas laut; aber wen stört das bei dieser packenden Tragödie.
Rechi lenkt den Blick immer wieder auf das Warten und die Selbsttäuschung der Butterfly. Ernüchternd das wunderschön gesungene „Blumenduett“ zwischen Butterfly und ihrer Gefährtin Suzuki (überzeugend: Maria Kataeva); das Schmücken mit Blumen macht die Trümmerlandschaft nicht schöner, lenkt vielleicht von den seelischen Schmerzen der Butterfly etwas ab. Bedrückend die minutenlange Szene in der die Verzweifelte auf den „Ehemann“ wartet.
Wenn der feige Pinkerton am Ende dieses Alptraums doch noch auftaucht, mit seiner „echten Amerikanerin“ und Ehefrau erkennt Butterfly die Täuschung und kehrt in ihre alte Welt zurück – durch Selbsttötung mit dem Dolch, den schon ihr Vater so gebrauchte.
Einhelliger Jubel für eine packende Inszenierung, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

Opernscouts Ralf KreitenRalf Kreiten
Abteilungsleiter Sparkasse Krefeld
Schon vor 30 Jahren hat Ralf Kreiten über ein Theaterabo seine Liebe für die klassische Musik, besonders für die Oper, entdeckt. Seit 4 Jahren Duisburger, genießt er jetzt das kulturelle Angebot der Stadt, insbesondere die Aufführungen der Deutschen Oper am Rhein. Über seine Tätigkeit als Opernscout bekommt er jetzt auch einen Zugang zum Ballett, oft ist er sogar sehr begeistert. Diese Erfahrung gibt er gerne an andere Duisburger weiter, um vielleicht auch deren Interesse zu wecken Neues zu entdecken.

Heike Stehr über „Madama Butterfly“

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Hoffen und warten

„Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu …“ und in diesem Falle passiert sie der ehrsamen Geisha Cio-Cio-San in Puccinis Oper „Madama Butterfly“. Sie liebt den amerikanischen Marineoffizier Pinkerton, nimmt sogar seinen Glauben an. Er sieht in ihr kaum mehr als eine unterhaltsame und exotische Affäre, ein Spielzeug, über das er nach Belieben verfügen kann. Und schon nimmt das Drama seinen Lauf.
Obwohl die Uraufführung 1904 in der Mailänder Scala zu einer großen Katastrophe wurde, war Puccini selbst von seinem Werk überzeugt „Meine Butterfly bleibt, was sie ist. Die empfindungsreichste Oper, die ich je geschrieben habe! Ich werde noch gewinnen…“ Die Besucher der Premiere der Inszenierung des Stückes an der Deutschen Oper am Rhein unter Joan Anton Rechi können dem aus vollem Herzen zustimmen. Diese Tragödie überzeugt durch lebensnahe Gefühle und ein gutes Gespür für die menschliche Natur, das besonders in Pucchinis berühmten Arien „Vogliatemi bene“, „Un bene piccolino“ und „Un bel dì, vedremo“ aufscheint. Liana Aleksanyan in der Titelrolle verkörpert eindrucksvoll das so schmerzhafte Leiden der in ihrer Liebe einsamen Cio-Cio-San. Mit ihrem Gesang und ihrem Spiel trägt sie das ganze Stück und hält es zusammen. Fast ebenso überzeugend stehen ihr Maria Kataeva als Suzuki und Eduardo Aladrén als Pinkerton zur Seite. Die Duisburger Philharmoniker unter Aziz Shokhakimov spielen glänzend auf und machen den Abend musikalisch zu einem einzigen Genuss. Das Orchesterzwischenspiel nach dem zweiten Akt empfand ich als ein ganz besonderes Highlight der insgesamt drei Stunden dauernden Aufführung.
Diesen jungen erst 28jährigen Aziz Shokhakhimov wünschte ich mir direkt öfter im Orchestergraben zu sehen. Der Film „Dirigenten – jede Bewegung zählt“ (D, 2016) sei jedem ans Herz gelegt, der etwas mehr über ihn, andere junge Dirigentenkollegen und das Geheimnis des Dirigats erfahren möchte.
Doch zurück zu „Madama Butterfly“. Auch im Bühnenbild spiegeln sich Cio-Cio-Sans große Hoffnung zu Beginn und ihr inneres Drama sowie ihr traumatisches Warten bis zum bitteren Ende ganz deutlich wider. Während unter den großen und hohen Säulen der amerikanischen Botschaft ein Ehebund geschlossen wird, den nur eine der beteiligten Personen wirklich ernst nimmt, verbringen wir die folgenden Akte in einer deprimierenden Trümmerlandschaft und hoffen trotzdem und wider besseres Wissens mit der kleinen Frau Schmetterling bis zum letzten Moment, hoffen, dass die amerikanischen Rotkehlchen vielleicht doch nur alle drei Jahre brüten…
Wie ich als Zuschauer so unvermeidlich und zwingend in dieses Hoffen und Warten eingeschlossen wurde, bleibt für mich das große Geheimnis dieses Abends. Gehen Sie hin & schauen Sie, ob Sie diesen Zauber auch erleben werden!

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.

Martin Breil zu „Madama Butterfly“

madamabutterfly_foto_hansjoergmichel_altDie wohl traurigste Oper

„Nimm genug Taschentücher mit“ sagt man gern etwas scherzhaft, wenn man jemandem den Besuch einer besonders tragischen oder tränenreichen Oper empfiehlt, um den hohen Grad der Rührung zu beschreiben, den das Stück auslösen könnte. Bei „Madama Butterfly“ ist das anders. Hier mag der Zuschauer das mitgebrachte Päckchen Taschentücher nach dem letzten Vorhang eher vor Wut zerdrückt in den Mülleimer pfeffern, nicht weil die Inszenierung oder die Sänger schlecht gewesen wären, sondern weil sich in der Rückschau seit der Uraufführung von Giacomo Puccinis Oper 1904 offenbar immer noch nicht viel in unserer Gesellschaft zum Besseren verändert hat. Es geht in der Oper um Sextourismus, Kindesmissbrauch, Ehebruch, Ausbeutung, Kolonialismus und die vielen anderen Schmutzigkeiten, die sich unsere Gesellschaft unter dem Deckmäntelchen westlicher Werte noch heute in den Schwellenländern leistet. Cio-Cio-San, das 15-jährige japanische Mädchen steht dabei stellvertretend für alle Kinder, die auf Kosten unseres billigen Wohlstandes, seelisch gequält und ausgebeutet, ihrem Schicksal überlassen werden. Minutenlang schaut Cio-Cio-San hilflos den Zuschauer an und wartet auf eine Reaktion. Schweigend schaut sie in die Ränge und klagt an, was der Marineoffizier Pinkerton ihr angetan hat. Dazu ertönt die wunderbare Musik Giacomo Puccinis, die die Klarheit und Unschuld ihrer kindlichen Seele so wunderbar zum Ausdruck bringt, sodass der Betrachter nur noch hilflos, ohne Antwort und beschämt zu Boden schauen kann. Liana Aleksanyan singt die Rolle der Cio-Cio-San perfekt. Dirigent Aziz Shokhakimov bringt das Potenzial der Duisburger Philharmoniker zu seltener Strahlkraft. Musikalisch, wie auch schauspielerisch ist die Oper ein Hochgenuss. Den Atombombenabwurf von Nagasaki in Zusammenhang mit der Zerstörung von Cio-Cio-San‘s Seelenleben im Bühnenbild zum Ausdruck zu bringen ist Geschmackssache. Dass die Inszenierung mit dem rüpelhaften Yankee Pinkerton zeitnah mit dem Ausgang der Wahlen in den USA zur Aufführung kommt ist sicher ein reizvoller Zufall. Erinnerungen an „Aida“ werden nach der Vorstellung wieder wach. Nach dem „Graf von Luxemburg“ ein beeindruckendes Beispiel für das große Spektrum der Höhen und Tiefen des Lebens, die das Theater vor den Augen des Betrachters abrollt. Bravo!

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

Kathrin Pilger über „Madama Butterfly“

madamabutterfly_05_foto_hansjoergmichelDiese Geschichte geht zu Herzen

Eine wahrhaftige „Tragedia“ war am vergangenen Samstag bei der Premiere von Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“ im Theater Duisburg zu erleben:
Der in der japanischen Stadt Nagasaki stationierte amerikanische Marineoffizier Pinkerton geht eine Ehe mit der Geisha Cio-Cio-San („Butterfly“) ein. Die Ehe kann von dem Amerikaner jederzeit annulliert werden. Die Braut hingegen nimmt die Ehe ernst; sie liebt Pinkerton aufrichtig. Dieser reist nach der Zeremonie und der darauf folgenden Hochzeitsnacht in seine Heimat und lässt Butterfly in der ständigen Hoffnung auf seine Rückkehr allein mit ihrer Vertrauten Suzuki zurück. Als Pinkerton nach drei Jahren per Schiff nach Japan zurückkehrt, ist er in Begleitung seiner amerikanischen Ehefrau, die er zwischenzeitlich geheiratet hat. Er kommt nur, um das gemeinsame Kind mit Butterfly zu sich nach Amerika zu holen. Als diese den Zusammenhang realisiert, nimmt sie sich mit einem Dolch das Leben.
Die Geschichte geht zu Herzen. Allzu deutlich wird der kulturelle Gegensatz zwischen den Ländern und den Kontinenten. Dieser Eindruck wird durch das Bühnenbild besonders unterstrichen: Der erste Akt findet im amerikanischen Konsulat statt, somit sowohl die geschäftsmäßige Anbahnung der Ehe zwischen der Geisha und dem Offizier, als auch die Hochzeit, inklusive der Liebesnacht. Der zweite und dritte Akt spielen in einer Trümmerlandschaft. Nach dem Bombenangriff auf Nagasaki (eine moderne Interpretation des Stückes) lebt Butterfly mit Suzuki und ihrem Sohn inmitten der zerstörten Stadt; eine trostlose, beschädigte  Nationalflagge erinnert noch an die Präsenz der Amerikaner. Die deprimierende Atmosphäre auf der Bühne  passt zum Gemütszustand der Protagonistin, was den Zuschauer nicht unberührt lassen kann.
Die künstlerischen Leistungen des Premierenabends waren beeindruckend, allen voran die armenische Sopranistin Liana Aleksanyan , die aufgrund einer Erkrankung der eigentlich vorgesehenen Sängerin kurzfristig eingesprungen war, in der Titelrolle. Sehr klar und wunderbar mit den Stimmen der Sänger harmonierend musizierten die Duisburger Philharmoniker. Alles in allem war der Abend sehr gelungen, die Inszenierung des Stückes an der deutschen Oper am Rhein ist absolut empfehlenswert.

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Kathrin Pilger
Landesarchiv NRW Duisburg
Kathrin Pilger ist Dezernatsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecherin beim Landesarchiv NRW in Duisburg. Sie hat großes Interesse an Kunst und Kultur, Oper und Ballett früher aber nur selten besucht. Seit sie beides als Opernscout begleitet, ist sie begeistert von beiden Genres. Einen Abend im Ballett oder in der Oper empfindet sie als erlebnisreich und spannend und oft ist sie auch emotional von der Musik und der Ästhetik des Tanzes berührt. Dieses Gefühl von Glück möchte sie an andere Menschen weitergeben.

Birgit Idelberger über „Madama Butterfly“

madamabutterfly_03_foto_hansjoergmichelSchwere Kost

„Madama Butterfly“ bedeutet Tragik, das weiß jeder. Die Geschichte ist kurz erzählt.
Die kindliche Protagonistin Madame Butterfly heiratet den amerikanischen Offizier Pinkerton, der sie jedoch nur für eine Nacht besitzen möchte. Danach reist er ab und lässt eine in blinder Liebe zu ihm entbrannte Frau zurück. Sie wird in dieser Nacht schwanger und zieht in den folgenden drei Jahren ihren Sohn groß, in der Hoffnung auf die Rückkehr des Vaters. Dieser kehrt schließlich mit seiner amerikanischen Ehefrau nach Japan zurück, will Butterfly jedoch nicht sehen. Als er erfährt, dass er Vater ihres Sohnes ist, entschließt er sich, das Kind mit nach Amerika zu nehmen. Erst in dieser Situation erkennt Butterfly die Wahrheit und bringt sich vor seinen Augen um.
Schwer verständlich die Handlung an sich, muss man doch in die Geschichte zurückkehren, um zu wissen, dass derlei Geschehnisse im 19. Jahrhundert gar nicht so selten waren. Eine solche historisch belegte Beziehung diente als Vorlage zu einer Novelle von John Luther Lang. Diese als Broadway-Stück aufgeführte Novelle inspirierte Puccini zu dieser Oper. Vielleicht aber auch sein eigenes Privatleben, das von vielen Liebschaften geprägt war. Auch er erlebte den Suizid einer  jugendlichen Geliebten.
Also insgesamt eine schwere Kost! Mit Verstand konnte man dem Handlungsverlauf nicht immer folgen, da gibt es zu viele Ungereimtheiten. Doch trotz allem geschah es, dass man in den Bann gezogen wurde von dem zum Teil unglaublichen Geschehen auf der Bühne. Man war emotional gefangen und litt mit der Hauptfigur bis zum tragischen Ende durch den Freitod.
Sicherlich hat Puccinis Musik selbst einen großen Anteil daran. Das größte Lob jedoch gehört diesem Abend der musikalischen Leitung von Aziz Shokhakimov, dem Philharmonischen Orchester und den Opernsängern, welche alle erstklassig besetzt waren. Die Harmonie dieser Künstler war die große Kunst, den Zuschauer mit auf die Reise zunehmen, die immerhin drei Stunden lang war. Ein großer Erfolg!

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Birgit Idelberger
Frauenärztin
Birgit Idelberger ist in Duisburg aufgewachsen und seit 10 Jahren als Frauenärztin in Duisburg-Walsum niedergelassen. Sie geht gern ins Kino und besucht Kunstausstellungen, doch Bezug zum Theater hatte sie kaum – zur Oper schon gar nicht. Das ist jetzt anders: Offen und neugierig ließ sie sich auf ihre erste Saison als Opernscout ein. Auch ohne Theatererfahrung empfindet sie die Opern- und Ballettabende als persönliche Bereicherung und positive Erfahrung. Sie hofft, dass viele Menschen durch die Kommentare der Scouts neugierig werden und den Weg ins Theater finden.

Astrid Klooth über „Madama Butterfly“

Madama und Hegemon

Der Plot von Puccinis „Madama Butterfly“ – verarmte, gutherzige 15 jährige Geisha wird nach einer gemeinsamen Nacht von US-Soldaten verlassen – , rekurriert auf historische Vorfälle zur  Zeit des amerikanischen Militärs in der Hafenstadt Nagasaki.
Marineoffizier Pinkerton führt die naive, noch nicht volljährige Cio-Cio-San kaltschnäuzig vor den Traualtar, um sie ins Bett zu kriegen. Nach dem ehelichen one-night-stand macht er sich auf und davon und lässt die junge Braut entehrt, schwanger  und von ihrer Familie geächtet, zurück. Dennoch schmachtet sie seiner ungewissen Rückkehr entgegen. Tatsächlich kehrt Pinkerton drei Jahre später  mit seinem American wife zurück und pocht darauf, den unehelichen Sohn in das wirtschaftlich prosperierende Amerika mitzunehmen.  Cio-Cio-San, all ihrer Illusionen und ihres Kindes beraubt, begeht daraufhin Harakiri.
Warum die Inszenierung den Atombombenabwurf über Nagasaki mittels eines zugemüllten Bühnenbildes im zweiten und dritten Akt zu symbolisieren versuchte, hat sich mir nicht erschlossen. Als zeitlose Anspielung drängte sich mir eher die ewig  wiederkehrende Konstellation Mann (unverbindlicher, schneller Sex)  – Frau (Liebe, Ehe, materielle Versorgung) auf.  Gerade dort wo sich (Besatzungs-) Soldaten einer ärmeren Zivilbevölkerung gegenüberstehen sind ähnliche Vorfälle wie zwischen Cio-Cio-San und Pinkerton an der Tagesordnung. Wenn schon zeitlose Allusion und Kritik an Kulturimperialismus und Yankee-Ignoranz,  warum nicht Blauhelmsoldat in Bosnien oder Haiti, wo der Missbrauch von Frauen und Minderjährigen bis zu den Vereinten Nationen ruchbar wurde?
Sehr viel besser als das über große Strecken öde Bühnenbild hat mir die musikalische Gestaltung der „Madama“ gefallen. Da sind zum einen die unter dem jungen Ausnahmetalent Aziz Shokhakimov brilliant aufspielenden Duisburger Philharmoniker zu nennen, auch wenn  manche  Orchesterpassagen (Solopartie der Suzuki) teilweise etwas zu laut gerieten. Liana Aleksanyan in der Rolle der Cio-Cio-San war überragend, fast ebenbürtig Eduardo Aladrén als Pinkerton und auch Maria Kataeva (Suzuki) und der bewährte Stefan Heidemann (Sharpless) konnten mich überzeugen.
Mein persönliches Fazit: Wer nicht unter Putzzwang leidet, kann über das Bühnengerümpel großzügig hinwegsehen, die Augen schließen und die wunderbare Musik dieser Opernaufführung genießen.

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

Opernscouts Astrid KloothAstrid Klooth
Oberstudienrätin im Hochschuldienst
Durch ihre Mitgliedschaften im Philharmonischen Chor und im Theaterring Duisburg ist Astrid Klooth Orchester und Theater seit vielen Jahren verbunden. Als Uni-Dozentin hat sie fast täglich mit jungen Menschen zu tun und hofft, durch ihre Beiträge ihr Interesse am Musiktheater einer breiteren Schicht zugänglich machen zu können.

Jessica Gerhold über „Madama Butterfly“

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 Eine ergreifende Tragödie

Versetzt in die Zeit um 1900 mit Anspielung auf den Atombombenangriff der USA auf Nagasaki am 9. April 1945, spürt der Zuschauer von Anfang das Verderben, welches Cio-Cio-San und ihrer Stadt unerbittlich auflauert. Das emotionale Ergriffensein steigert sich durch jeden Akt und findet seinen niederschmetternden Abschluss und gleichzeitigen Höhepunkt und lässt den Zuschauer allein und geschockt, ganz wie sich Suzuki (Butterflys Gefährtin) gefühlt haben muss.
Insgesamt bot sich ein sich kaum veränderndes Bühnenbild im Kolonialstil mit Trümmersäulen, welches auf die Trostlosigkeit des Ortes hinweist und Butterflys inneres Seelenleben widerspiegelt – ein vom Schicksal missbrauchter Ort, dem auch das Letzte genommen wird.
An diesem Abend überzeugten alle Künstler mit ihrer stimmlichen Leistung, hervorzuheben ist jedoch die Protagonistin, auch durch ihre ständige Präsenz. Es war von Beginn an ein perfektes Zusammenspiel mit den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Aziz Shokhakimov zu erleben, welches mich besonders ab dem 2. Akt überzeugend abholte.
Eine tief, tief bewegende Inszenierung von Joan Anton Rechi, die zu noch tieferen Gesprächen über das eigene Leben und Schicksalsereignisse einlädt, bzw. drängt.

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Jessica Gerhold
Gymnasiallehrerin
Jessica Gerhold ist gebürtige Duisburgerin und arbeitet als Gymnasiallehrerin. Von jeher hat sie sich für das Theater interessiert.  Bei ihrer Berufung zum Opernscout war sie eher skeptisch, ob sich ihre bisher eher distanzierte Haltung zu Oper und Ballett verändern würde. Nach ihrer ersten Spielzeit sind die Zweifel verflogen. Sie ist stolz auf das, was in ihrer Heimatstadt geleistet wird und hofft, dass sich zukünftig viel mehr Menschen von der Leistung der Künstler live faszinieren lassen.

Stephanie Küthe zu „Madama Butterfly“

madamabutterfly_14_foto_hansjoergmichelZeitlose Tragödie

Mit „Madama Butterfly“ gelingt der Deutschen Oper am Rhein mit einer hoch emotionalen Inszenierung und vor allem musikalisch der ganz große Wurf.
Die tragische Geschichte der jungen Geisha Cio-Cio-San, die Ihr ganzes Leben und Ihre Hoffnung in die Hände des amerikanischen Leutnant Pinkerton legt, wird von Joan Anton Rechi mit großer emotionaler Kraft erzählt. Die Inszenierung überzeugt durch Zurückhaltung und lässt dadurch ganz viel Raum für intensive Gefühle und vor allem die großartige Musik Puccinis.
Rechi verlegt die Geschichte ganz in die westliche amerikanische Welt. Das zarte japanische Heim für seine junge Frau präsentiert Pinkerton nur als Modell, die Vermählung findet zwischen den starken Säulen der amerikanischen Botschaft statt. Diese lässt er am Ende des ersten Aktes mit Pinkertons Abreise einstürzen, eine Anspielung auf den US-Atomangriff auf Nagasaki, die passt  – sowohl in die Geschichte als auch in die emotionale Welt Cio-Cio-Sans, für die in diesem Moment ihr amerikanischer Traum zusammenbricht.
In einem einheitlichen Trümmerfeld nimmt das Drama im zweiten und dritten Akt seinen Lauf und Rechi beschränkt sich hier ganz auf das Wesentliche. Sensationell ist der Mut, den er beweist, wenn er den Zuschauer im zweiten Akt mit der Wartenden völlig allein lässt, wodurch der Zuschauer ganz in Cio-Cio-Sans emotionale Welt eintaucht, getragen von Puccinis wunderbarer Musik.
Musikalisch ist der Abend ein Hochgenuss! Was der erst 28-jährige Aziz Shokhakimov als musikalischer Leiter gemeinsam mit den Duisburger Philharmonikern aus dem Werk herausholt ist grandios!
Gesanglich brilliert die kurzfristig eingesprungene Liana Aleksanyan in der Titelpartie. Dass sie diese zuletzt an der Mailänder Scala sang, überrascht nicht, trägt sie doch stimmlich zu einem großen Anteil zu diesem so meisterhaften Opernabend bei. Einzig ihre Statur ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, denn eine zarte 15-jährige Butterfly verkörpert sie nicht. Auch Eduardo Aladrén als Pinkerton überzeugt auf ganzer Linie. Sowohl gesanglich als auch schauspielerisch groß ist Maria Kataeva als Suzuki. Verlässlich und auf den Punkt zeigt sich wie immer der Chor der Deutschen Oper am Rhein.
Fazit: Eine zeitlose Tragödie, packend emotional erzählt und musikalisch Spitzenklasse: ein ganz großer Opernabend!

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Stephanie Küthe
Tätig im Eventmanagement eines Energiekonzerns
Seit ihrer Kindheit begeistert sich Stephanie Küthe für das Musiktheater, sang im Kinderchor der Bonner Oper und stand jahrelang in verschiedensten Produktionen selbst auf der Bühne. Die Diplom-Kauffrau und Musikwissenschaftlerin singt heute wieder mit Begeisterung im Chor und verpasst keine Inszenierung der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout freut sie Sich darauf, ihre Gedanken zu Inszenierungen in Worte zu fassen und andere mit ihrer Begeisterung anstecken zu können. Ganz besonders gespannt ist sie dabei auf den Austausch mit anderen Opern- und Ballettscouts.

Christoph Grätz zu „Madama Butterfly“

Die Feigheit der Teufelskerle

Dass diese Geschichte nicht gut ausgeht, ist von der ersten Szene an klar, und doch gelingt es Joan Anton Rechi in seiner Inszenierung von Puccinis „Madama Butterfly“ die Spannung bis zum Finale zu halten. Ich habe mich keinen Moment gelangweilt, sondern das verzweifelte und trotzige Warten der jungen Geisha Cio-Cio-San in seiner emotionalen Tiefe nachempfinden können.
Das Bühnenbild des ersten Aufzuges zeigt die amerikanische Botschaft in Nagasaki, in der die Trauung von Benjamin Franklin Pinkerton mit der erst 15-jährigen Geisha „Butterfly“ amtlich und äußerst lieblos vollzogen wird. Für Sie ist diese Liaison die Befreiung aus dem Geisha-Dasein und eine echte Liebesheirat, für Ihn ein Spiel um eine Nacht mit einer schönen jungen Frau. Einzig der amerikanische Konsul Sharpless gibt dem skrupellosen Offizier zu bedenken, wie zerbrechlich Butterfly ist. Aber was ein echter kerniger Yankee ist, der lässt sich von derlei Bedenken nicht in seiner Abenteuerlust bremsen, zumal der Ehevertrag jederzeit die einseitige Aufkündigung des Bündnisses seinerseits ermöglicht. Die Liebesnacht ist vollzogen; Pinkerton hat sich aus dem Staub gemacht und die Bühne fällt in tosendem Gepolter in Schutt und Asche. Ein überraschend monumentales Ende des ersten Aktes ist diese Anspielung auf den Abwurf der Atombombe auf Nagasaki, der Stadt in der auch diese Oper spielt.
In dieser gespenstischen Kulisse wartet die nun frischvermählte Mrs. B. F. Pinkerton verzweifelt auf die Rückkehr ihres geliebten Ehemannes, dem zuliebe sie sogar ihrem Glauben abgeschworen und die gesellschaftliche Verbannung in Kauf genommen hat. Das Bühnenbild versinnbildlicht hier geradezu ideal die Verzweiflung, vergebliche Hoffnung und Sinnlosigkeit des Wartens. Als Pinkerton nach endlos erscheinenden Jahren tatsächlich kommt, ist alles anders als von Butterfly und ihrem inzwischen dreijährigen Sohn erwartet. Der Offizier ist inzwischen mit Kate, einer Amerikanerin, verheiratet. Als Cio-Cio-San den Verrat versteht, nimmt sie sich in einer dramatischen Szene das Leben, um wenigstens in Ehre zu sterben. Mit ihrem Freitod ermöglicht sie – wie paradox –  ihrem Kind eine gesicherte Zukunft bei seinem Vater und dessen neuer Frau.
Da diese Oper, was die Handlung betrifft, keine überraschenden Wendungen bietet, ist es umso wichtiger die Fallhöhe der sich anbahnenden Katastrophe auszuloten und dramaturgisch geschickt aufzubauen. Dies ist dem Regieteam hervorragend gelungen. Aziz Shokhakimov leitet das Orchester feinsinnig und gut ausbalanciert durch alle emotionalen Höhen und Tiefen, die Puccini musikalisch meisterhaft angelegt hat. Die szenische und gesangliche Umsetzung der Titelpartie gelingt der Sopranistin Liana Aleksanyan glänzend, was sicher auch daran liegt, dass sie diese Rolle erst vor ein paar Wochen noch in der Mailänder Scala gesungen hat.
Aber auch die andere Hauptrolle ist gut besetzt mit Eduardo Aladrén, der den schuftigen amerikanischen Marineoffizier Benjamin Franklin Pinkerton glaubwürdig auf die Bühne bringt. Diese Figur nährt einmal mehr meine Abscheu für Teufelskerle, die – wie im richtigen Leben – mit ihrer Skrupellosigkeit und Egozentrik häufig nicht nur emotionale sondern auch echte Trümmerfelder hinterlassen. Sein Credo „America forever“ wirkte wie eine nachträglich eingebaute Anspielung an die aktuelle politische Situation. Welch ein visionärer Blick des Komponisten, als hätte er schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Blick in das beginnende 21. geworfen. Psychologisch stimmig ist auch, wie der ignorante Yankee-Militär schließlich als erbärmlicher Maulheld und Feigling entlarvt wird, für den Unbeteiligte und Unschuldige die heißen Kartoffeln aus dem Feuer holen müssen. Dies verleiht der Oper eine Aktualität, mit der ich an diesem Abend nicht gerechnet hatte. Diese Inszenierung ist bis in die Nebenrollen mit hervorragenden Solistinnen und Solisten besetzt. Hier ist besonders Maria Kataeva in der Rolle der Dienerin Suzuki zu erwähnen. Wer großartige Musik, tiefe Emotionen und hervorragende Stimmen erleben will, und dies alles in einer stimmigen und packenden Aufführung, dem sei diese Inszenierung wärmstens empfohlen.

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater. Christoph GrŠtz

Christoph Grätz
arbeitet für die Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik. Als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er in seiner Arbeit zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Als Scout entdeckt er nun Oper und Ballett und freut sich, etwas davon mitteilen zu dürfen.