Wunderschöne Musik

Stefanie Hüber über die Premiere „Masel Tov!“

Dies war mein 1. Opernscoutabend seit Februar, ich war völlig ausgehungert nach Kultur und hab mich dementsprechend auf diesen Abend  gefreut.

Die Oper „Masel Tov“ von Mieczyslav  war mir bislang unbekannt ,ebenso der Komponist, wie ich gestehen muss. Und das, obwohl er äußerst produktiv war.
Die Musik erinnert sehr an Schostakowitsch , mit dem er eng befreundet war, und dessen Musik ich größtenteils sehr mag.  Auch seine Musik, die der musikalischen Epoche des Expressionismus zuzuordnen ist, beinhaltet viele dissonante Akkorde, viel Schwermut und dann aber auch wieder wunderschöne, das Ohr  versöhnende Klänge, bei denen mir als Hörer ganz warm ums Herz wird und die mich teilweise zu Tränen rühren.

Die Kammerorchesterbesetzung bestand aus vier Holzbläsern, vier Streichern, einem Piano und einer Trompete . Diese Besetzung unterstreicht meines Erachtens den Klezmercharakter vieler Orchesterpassagen dieser Oper und ein besonderes Lob möchte ich dem Klarinettisten für sein Spiel aussprechen.
Wobei ich sagen muss, dass das komplette Orchester, die grandiose musikalische Vorlage von „Masel Tov“ für mein Empfinden sehr, sehr gut gespielt hat.

Auch das Libretto hat mich begeistert und wurde von allen Sängern hervorragend umgesetzt. Die Handlung ist relativ einfach , teilweise witzig und als sozialkritisch zu betrachten. Was mich jedoch befremdet ,ist, dass Musik und Handlung als Einheit betrachtet für mich überhaupt keinen Sinn ergeben und sich somit der Zugang für mich schon nach kurzer Zeit völlig versperrt. Die Handlung hätte eine leichtere musikalische Begleitung gebraucht, damit man nicht das Interesse an ihr verliert.

Doch bei diese Oper von Weinberg wirken Musik und Handlung wie Kontrahenten und ich habe mich emotional relativ bald ausgeklinkt . Dennoch ging mein Bemühen, mich auf die wunderschöne Musik zu konzentrieren,  passagenweise auf, so dass ich am Ende trotzdem nicht enttäuscht war.

Stefanie_Hüber

Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Ungewöhnliches in Corona-Zeiten

Michael Langenberger über die Premiere „Masel Tov!“

Um es gleich vorweg zu sagen, niemand der ausführenden Künstler kann etwas dafür, dass ich die musikalische Komposition von Mieczyslaw Weinberg als anstrengend empfinde. Deswegen erlebe ich die Aufführung in einer gewissen inneren Anspannung. Eine kurze Erlösung für meine Ohren erklingt etwa zur Halbzeit mit “Hab‘ geweint 3 Bäche Tränen”, nach meinem Empfinden die einzige melodische Stelle des ganzen Stücks.

Allerdings bin ich von dem unfassbar klar verständlich gesungenem Text des Gesangs tief beeindruckt. Es hätte die eingeblendeten Begleittexte oberhalb der Bühne überhaupt nicht bedurft, um alles genau zu verstehen. So exzellent habe ich das zumindest noch in keiner Oper gehört. Ein dickes Kompliment an alle Sänger*innen! Gleiches gilt dann auch für das Orchester, was vermutlich Corona-bedingt in einer Besetzung spielt, wo jedes Instrument nur je mit einer Person besetzt ist. Jeder Patzer, egal von wem, wäre sofort aufgefallen.

Überhaupt, allen Mitarbeitern der Oper gehört hier meine ganze Anerkennung. Von Regie über Bühnenbild, Kostüme, Licht und auch allen anderen vor und hinter den Kulissen. Wahrscheinlich weil ich mit der Musik so gefremdelt habe, gehörte meine ganze Aufmerksamkeit u.a. den scheinbaren Nebensächlichkeiten, die – ganz sicher Corona-bedingt – sonst vielleicht auch nicht so auffallen. Vom 2. Rang aus, eben etwas erhöht sitzend, konnte ich in den Rücken des auf der Orchesterbühne provisorisch platzierten und nach oben offenen “Souffleusen-Kastens” sehen. Spannend die konzentrierte Arbeit der Souffleuse Ute Gherasim zu sehen, die ganz offenbar nicht nur bei Texthängern hilft, sondern auch sehr aktiv mit den Händen mitdirigiert.

Sollte übrigens diesen Beitrag jemand Verantwortliche/r aus der Politik lesen, hier ein Beispiel zu dem Hygienekonzept der Oper auf der Bühne. Das die schauspielerischen Qualitäten des Düsseldorfer Opern-Ensembles ganz außer Frage stehen, muss hier nicht erwähnt werden. Doch in gewisser Weise spaßig ist es dann schon, wie die Bühnenkünstler die Abstandsregeln beachten, sich ein bisschen so wie sich abstoßende Magneten verhalten. So wird die Übergabe von Gegenständen fast zu einer Art Tanz, indem einer etwas ablegt, dann schnell nach hinten ausweicht, ohne den Blickkontakt zu verlieren, weil in diesem nächsten Moment das Gegenüber den Gegenstand aufnimmt – wo sonst eine persönliche Übergabe üblich wäre. Derartige „Distanz-Szenen” gibt es immer wieder. Irgendwie ist jedem klar, es müsste körpersprachlich eigentlich anders sein. Egal was es auch sei, die Corona-Abstandsregeln werden akkurat befolgt und verleihen gleichzeitig der Aufführungen tänzerischen Charme.

Wenngleich ich diese Oper sicherlich nicht zu meinen Lieblingswerken zählen werde, war es doch ein kurzweiliger Abend. Es gab so viele geschickte Umsetzungsdetails in dieser einaktigen Oper zu erleben, dass es doch einiges zu erzählen gibt und sicherlich damit auch länger in Erinnerung bleibt.

Michael_Langenberger

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Revolution am Herd

Markus Wendel über die Premiere „Masel Tov!“

Eins vorweg: „Masel Tov! Wir gratulieren!“ ist kein einfacher Abend. Das Kammerspiel um die Verlobungsvorbereitungen inmitten der Küche eines jüdischen Herrenhauses ist ein Wechselspiel aus Drama und Komödie, Oper und Schauspiel. Und ein deutlich durchscheinender Revolutionsgedanke macht es mir an einigen Stellen (vor allem am Ende) unmöglich, Verständnis für die dargestellte Wertung der Geschehnisse aufzubringen. Wobei letzteres ausdrücklich im Stück selbst Begründung findet und nicht in der Art der Inszenierung. Auch die zahlreichen heiteren Elemente lassen das dramatische Fundament nur um so schwerer erscheinen.

Ein Lob gilt dem gesamten Ensemble: die Textverständlichkeit ist enorm hoch, Übertitel hätte ich an diesem Abend nicht gebraucht. Auch das kleine Orchester verbreitet eine Klangfülle, die groß besetzten Abenden in nichts nachsteht.

Norbert Ernst in der Rolle des Reb Alter ist – ich kann es nicht anders beschreiben – sensationell. Präsenz, Darstellung, hier passt einfach alles. Sattelfest und überzeugend in seiner Rolle – es ist mir eine Freude ihm an diesem Abend zuzusehen.

Überraschende Einblicke in Richtung der für gewöhnlich unsichtbaren Unterstützung für die Sänger*innen bietet die Ausgestaltung des Arbeitsbereiches der Souffleuse. Der „Kasten“ ist in den Orchestergraben verschoben, nach oben hin offen und einsehbar. Ich finde es bemerkenswert, mit welcher Präzision Frau Gherasim die Einsätze anzeigt und vorbereitet. Immer wieder wandern meine Blicke zu ihr und ihrem behutsam beleuchteten Notenblatt.

Ein kleines Ausstattungs-Detail für alle Richard Wagner Fans: es gibt ein Wiedersehen mit dem Herd aus der aktuellen Walküre-Inszenierung.

Und doch liegt über allem ein Gefühl der Schwere. Denn auch die Auswirkungen der aktuellen Geschehnisse in der Gesundheitslage finden unmittelbaren Einzug in den Zuschauerraum. Die Premiere ist ausverkauft – mit gerade einmal 200 Zuschauenden. Und wenige Tage später werden die Sitzplätze für mindestens einen Monat leer bleiben.

Ich wünsche den Kulturschaffenden weiterhin viel Kraft und bitte bleiben Sie alle gesund!

Markus_Wendel

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.