Isabell Boyer über „Young Moves“

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Meisterwerke

Die sechs Uraufführungen in „Young Moves“ sind in ihrer Einzigartigkeit und ihrem Ideenreichtum kaum in wenige Worte zu fassen. Ich war höchst beeindruckt von jedem der sechs Stücke. Meine beiden Favoriten, was Choreographie und Spannung betrifft, sind „Edge of Reason“ von Chidozie Nzerem und „No Destination“ von Wun Sze Chan. Die eingängige, an die Jagd erinnernde, Musik in „Edge of Reason“ gepaart mit den Tänzern, die in ihrer Gemeinschaft Jagd und Paarung, Gemeinschaftsgefühl und Machtverhältnisse vertanzten, blieben mir lange im Gedächtnis. „No Destination“ erzielte eine surreale, futuristische Wirkung. Der faszinierende Einsatz von Kulisse und Geräuschen waren unwahrscheinlich intensiv, ebenso wie der gezielte Einsatz von Stops in den Bewegungen und der Konkurrenz eines organischen (Gruppen-)Körpers mit dem Individuum. Beide Stück bewegten etwas in mir und hinterließen einen starken Bewegungsdrang.
„Fourmis“ und „Andante Sostenuto“ waren beide ruhiger, aber dafür umso schöner. Man wollte sich nicht aus ihren Fängen lösen, so sehr hüllten sie einen in ihre Atmosphäre ein und ließen mich wünschen, noch etwas länger in ihrer behütenden Wirkung verweilen zu können.
„49“ und „East Coasting“ waren die beiden Stücke, die mich am meisten erschütterten. „49“, das von Tod, Leben und Trauerbewältigung erzählt, traf mich genau ins Herz, berührte mich sehr tief. Die Bilder, die die Tänzer dort erzeugten, wühlten Erinnerungen auf, die mich so schnell nicht mehr losließen. Definitiv ein intensives Stück, aber auch eines, das man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. „East Coasting“ wirkte für mich wie ein Kontrast in sich. Wer hier die fröhliche Darstellung der 50er Jahre in New York erwartet, irrt sich. Hier geht es um weitaus ernsteres. Allerdings war die Darstellung für mich an manchen Stellen konfus. So saß ich am Ende der Vorstellung mit einem großen Fragezeichen auf der Stirn da und versuchte, alles in Einklang miteinander zu bringen. Vielleicht sollte das gar nicht möglich sein. Vielleicht ging es um genau diese Verwirrung, um genau diesen Verlust der Orientierung, bis man hilflos in seine Komfortzone zurückkehrt…
Alles in allem war es ein genialer, sehr vielseitiger Ballettabend. Ich bin beeindruckt von der Leistung der Choreographen und hoffe, bald Neues von ihnen zu sehen. Ich verabschiede mich also mit einem großen Lob an diese Meisterwerke und empfehle von ganzem Herzen, die verbliebenen Vorstellungen zu besuchen – es lohnt sich.

Weitere Informationen zu „Young Moves“

Isabell Boyer
Studentin
Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.

Maren Jackwerth über „Don Pasquale“

Wunderbar. Eine Komödie. Ein Highlight der Opernsaison.

Es startete mit dem Bühnenbild, Personen stellen Edward Hoppers Nachtschwärmer (Nighthawks, 1942) nach. In der gesamten Oper finden sich immer wieder spannende Anlehnungen an bekannte bildende Kunst und frischten das Opernthema Liebe und Alter somit auf.
Doktor Malatesta, Norina und Ernesto schmieden eine Intrige zu Lasten von Don Pasquale. Die simple Story, alter Geizhalz heiratet liebestrunken die junge Frau Norina, die an sich ihren Geliebten Ernesto will, entwickelt sich hier zu einem vollkommenen Stück mit vielen Facetten. Alle Stimmen wirken fulminant, besonders hervorzuheben ist hier der Arzt Malatesta, gesungen von Mario Cassi. Er war nur einen Tag vorher als Ersatz eingeflogen worden und meisterte seine Rolle mit Bravour!
Norina (Elena Sancho Pereg) mimt die biedere Ex-Nonne, um dann nach der Heirat als Furie dem Angetrauten Pasquale klar zu machen, dass sie die Falsche für ihn ist. Sie hat wenig Mitleid, indem sie ihre vielen Freunde in das herrschaftliche Haus einlädt, sämtliche Möbel austauscht, ebenso die Kunst durch Kunstwerde der Moderne und Pop Art ersetzt.
Ihr Geliebter Ernesto (Ioan Hotea) bekommt schlussendlich Norina und Don Pasquale kann noch seinen Lebensabend – alleine – genießen.
Die Oper glänzt durchweg mit vielstimmigen Arien, in denen alle vier Sänger sich gefühlvoll einbringen und perfekt aufeinander eingehen und zusammenwirken.
Gerade durch die Andeutungen der bildenden Kunst wird gekonnt eine Nebengeschichte eingewoben, die die Oper interessant und leicht anreichert. So will ein von der Decke baumelnder Kunstdieb immer wieder auf Kunstwerke zugreifen, aber immer kommt etwas dazwischen und er hängt weiter unter der Decke zur Freude aller Zuschauer.
Das penetrant neugierige Dienstmädchen fliegt ebenfalls immer wieder auf und wird neckisch gerüffelt.
Die musikalische Leichtigkeit dieser Oper inszeniert der eloquente australische Dirigent Nicholas Carter. Insbesondere der Einsatz der Bläser und Pauken unterstreicht die Oper gekonnt und die vier Opernsänger klinken sich gekonnt mit wundervoll gesungenen Arien ein.

Maren Jackwerth
Anwältin
Die in Düsseldorf ansässige Rechtsanwältin, Mediatorin und Stiftungsmanagerin betreibt eine Kanzlei an der Königsallee und entwickelt Kommunikationslösungen im Bereich Corporate Social Responsibility und Kunst. Um das soziale Engagement von Unternehmen mit dem der gemeinnützigen Organisationen zu verbinden, hat Maren Jackwerth das Rheinische Stifterforum gegründet. Bildungsförderung auch im kulturellen Bereich ist ein Schwerpunkt des Netzwerks.

Maren Jackwerth über „Das Rheingold“

Der Auftakt

Wir waren bei der Freundeskreis-Premiere am 25.6. Ein musikalischer Genuss mit kraftvollen Blechbläsern und Paukenschlag, dirigiert von Generalmusikdirektor Axel Kober, Wagner-Kenner und Dirigent regelmäßig auch in Bayreuth. Eine Oper von 2,5 Stunden und aufgeführt ohne Pause.
Dietrich Hilsdorf dagegen spaltete mit seiner Inszenierung die Zuschauer, wobei er Rheingold in die Zeit des Kapitalismus im 19. Jahrhundert katapultierte und auch den Antisemitismus von Wagner einbrachte.
Zuerst einmal startete dieser Auftakt zur Nibelungen-Saga mit dem Loreley-Lied des Düsseldorfer Dichters und Juden Heinrich Heine. „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“ spricht der Feuergott Loge und hat Flammen in den Handinnenflächen. Damit zeigt Hilsdorf auf den Antisemiten Wagner, die Flammen symbolisieren wohl die Judenvernichtung, der Tiefpunkt der deutschen Geschichte.
Die Stimmen der Rheintöchter über den kraftvoll singenden Wotan und dem Zwergen Alberich sowie dem Riesen Fasolt sind wundervoll intensiv. Wie oben bereits erwähnt, steigert sich das Orchester zudem immer mehr und nutzt die Blechbläser und Paukenschläge gekonnt.
Der Zwerg Alberich, der nach Liebe dürstet aber von den Rheintöchtern – dargestellt im Freudenhaus – abgewiesen wird, entsagt der Liebe und erhält das Rheingold. Durch die Entsagung kann er zudem den machtvollen Ring der Nibelungen schmieden. Er knechtet das Volk der Nibelungen, die für ihn das Gold schwer schuftend abbauen müssen. Selbst diese Szenerie verbleibt im Salon der Rheintöchter in einer Art Mauerschau, wo eine Lore durch den Salon fährt und in die Wand einbricht. Dieser Untertagebau hätte mir als wuchtigere Darstellung im Höllenschlund mit den das Gold abbauenden Kreaturen und dem Kampf ums Gold besser gefallen. Es hätte auch der Nibelungen-Saga gutgetan.
Fasolt und sein Bruder haben die Götterburg für Wotan fertiggestellt. Der Preis war zum Schein die Götting Freia zur Frau. Wotan will sie nicht übergeben und wirbt dafür, dass die Riesen die Macht und das Gold von Alberich erhalten sollen, worauf sie auch eingehen.
Freia verbleibt als Pfand bei den Riesen.
Wotan und Loge entreißen dem Alberich das Gold und den Ring, indem ihm dessen ganze Hand abgeschlagen wird, um an den Ring der Nibelungen heranzukommen. Dem Riesen Fasolt reicht nicht das Gold, er beharrt auf dem Ring, verflucht von Alberich mit dem Tod. Prompt erschlägt Fasolt seinen eigenen Bruder, da dieser aus seiner Sicht nicht gerecht teilen will. Die korrupte, machtbesessene Kreatur wird deutlich; auch als Zeichen des Kapitalismus.
Schlussendlich wird Freia vom Riesen freigegeben, aber um welchen Preis?
Wir sind gespannt auf die Fortführung mit der Walküre, Siegfried sowie der Götterdämmerung als Gesamtwerk des Ringes der Nibelungen.

Weitere Informationen zu „Das Rheingold“

Maren Jackwerth
Anwältin
Die in Düsseldorf ansässige Rechtsanwältin, Mediatorin und Stiftungsmanagerin betreibt eine Kanzlei an der Königsallee und entwickelt Kommunikationslösungen im Bereich Corporate Social Responsibility und Kunst. Um das soziale Engagement von Unternehmen mit dem der gemeinnützigen Organisationen zu verbinden, hat Maren Jackwerth das Rheinische Stifterforum gegründet. Bildungsförderung auch im kulturellen Bereich ist ein Schwerpunkt des Netzwerks.

Georg Hess über „Das Rheingold“

 Groteskes Spiel mit epischer Musik

Ich habe es mir angewöhnt, mich bereits vor der Aufführung eines Stücks mit dem Inhalt zu beschäftigen um mich während der Vorstellung wieder einzufinden, wenn mir mal der Faden verlorengeht. Als Wagner-Greenhorn habe ich mir auch dieses Mal in Kurzform bei Wikipedia die Handlung von Rheingold angelesen, dem ersten Stück der „Ring“-Tetralogie. Und ich war überrascht von den Ähnlichkeiten zu Tolkiens „Herr der Ringe“: Da gibt es die Rheintöchter, die einen Goldschatz in der Tiefe des Flusses hüten. Dieser wird von dem liebesverschmähten Zwerg Alberich gestohlen und in seine unterirdischen Arbeitslagerkatakomben verschleppt und dort verwahrt. Ein Ring und eine Tarnkappe, beide geschmiedet bzw. erstellt aus dem Diebesgut, bringen hiernach nur Ungemach und Unglück, insbesondere nachdem der Ring ihm von den Göttern entrissen und an die Riesen Fasolt und Fafner für deren Erstellung der Götterburg Walhall und im Tausch gegen Wotans Schwägerin Freia übergeben wurde.
Rheintöchter, Götter, Riesen, Ungemach und Unglück – hört sich nach einer gewaltigen und monströsen Opernaufführung an, die mich erwartet.
Aber mitnichten!
Die Rheintöchter, die ich mir Prinzessinen ähnlich vorgestellt hatte, mimten eher den Charakter von Liebesdamen aus einem Westernfilm. Die Götter, in Lodenmäntel mit Sonnenbrille (Wotan) oder einem Zuhälter ähnlich (Loge) gekleidet, hätte ich als solche nur schwerlich gedeutet und die beiden Riesen waren nur deswegen zu erkennen, weil ihnen zu ihrer Dachdeckermontur durch das Tragen von Zylinderhüten gewisse Höhenvorteile verliehen wurden. Der Spielort der Handlung, ein jugendstilähnlich eingerichtetes Zimmer, mit einem großen runden Tisch ausgestattet, welcher manches Mal auch als Einstieg in die verschiedenen Sphären wie Götteraufenhalt oder Arbeitslager diente, war so auch nicht vorauszusehen.
Es waren aber gerade diese unerwarteten Darstellungen und die teilweise grotesk und schräge Aufbereitung des Stoffes, die mich in dem 2 1/2 stündigen (pausenlosen) Spielmarathon überraschten und unterhielten, insbesondere in der Kombination mit den großartigen Stimmen der Opernakteure (besonders hervorzuheben Michael Kraus als Alberich) und der epischen Wiedergabe der Wagnerpartitur durch die Düsseldorfer Symphoniker (unter Leitung von Axel Kober).
Schon jetzt bin ich mit Vorfreude gespannt auf den 2. Teil des Opernzyklus: Die Walküre. Und natürlich werde ich mich auch hierzu wieder einlesen…

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Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

Maren Jackwerth über b.32

Nichts hinzuzufügen

„Petite Messe solennelle“ wird von Gioacchino Rossini 1864 als Auftragsarbeit uraufgeführt und erstmalig mit dieser Uraufführung als Ballett mit dem gesamten Ensemble, immerhin 45 Tänzern gezeigt.
Rossini schreibt dazu in einer ironischen Widmung an den „lieben Gott“: „hier ist sie, die arme kleine Messe. Ist es wirklich heilige Musik (musique sacrée) oder doch vermaledeite Musik (sacrée musique)? Ich bin für die Opera buffa geboren. Du weißt es wohl! Ein bisschen Können, ein bisschen Herz, das ist alles. Sei also gepriesen und gewähre mir das Paradies.“
Es ist göttliche Musik, aber nicht ganz die traditionelle Messe: „Kyrie eleison“, dann folgt „Gloria in excelsis Deo“ über das göttliche „Sanctus“ hin zu „Agnus Die“. Wundervoll, die Musik, der Chor bezaubernd, sie nimmt förmlich Besitz von einem, die stimmen tragen durch den ganzen Raum, einmal meine ich die Sängerin steht auf einem der Ränge und nicht im Orchstergraben.
Dazu der Tanz auf einem italienischen Dorfplatz, all der Glaubensbrüder, einer mehr, der andere weniger. Zerrissene, irre, gebeutelte Männer und Frauen, daneben Liebende und das Leben bejahende. Ich meine die Vielschicht der Menschheit zu entdecken. Dann ein Priester, der auch Schmeicheleien eines Mannes wahrnimmt, gar entgegennimmt.
Was ist Glaube? Wie stellt sich Rossini dieser Frage? Und wie wird Glaube gelebt?
So sagt Schläpfer treffend über das Stück: „Mich interessiert das poröse Gestein zwischen Leben und Gelebtem, Geistigem und Göttlichem, Niedrigem und Hohem, Tanz, Theater, Poesie und Commedia dell’arte.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Weitere Informationen zu b.32

Maren Jackwerth
Anwältin
Die in Düsseldorf ansässige Rechtsanwältin, Mediatorin und Stiftungsmanagerin betreibt eine Kanzlei an der Königsallee und entwickelt Kommunikationslösungen im Bereich Corporate Social Responsibility und Kunst. Um das soziale Engagement von Unternehmen mit dem der gemeinnützigen Organisationen zu verbinden, hat Maren Jackwerth das Rheinische Stifterforum gegründet. Bildungsförderung auch im kulturellen Bereich ist ein Schwerpunkt des Netzwerks.

Uwe Schwäch über „Das Rheingold“

Musikalisches Licht und inszenierter Schatten

Mit dem Düsseldorfer Dichter Heinrich Heine und dessen Loreleylied aus dem Jahr 1823 startet der Auftakt zur Nibelungensaga. Gefolgt vom Vorspiel präsentiert sich die neue Ringinszenierung mit einem geheimnisvollen Crescendo dominierender Hörner und Streicher aus dem Orchestergraben. Schon zu Beginn entlädt sich die musikalische Kraft und Dynamik Wagners in Wohlgefallen. Axel Kober, der Bayreuth-erfahrene Chefdirigent der Düsseldorfer Symphoniker, interpretiert die Musik der Hochromantik stets filigran und bisweilen kraftvoll in der kompositorisch angelegten Leitmotivtechnik. Das ist ein wunderbarer Kunstgenuss, dem sich die musikalischen Protagonisten auf der Bühne ausnahmslos anschließen. Angefangen bei den mit Leichtigkeit und Esprit auftretenden Rheintöchtern über den kraftvollen Wotan und den einfühlsamen Alberich bis hin zu dem schwerfälligen Riesen Fasolt, der seine nach Liebe dürstende Seele zu Freia mit feinfühliger Sympathie zum Ausdruck bringt.
Die Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf kann den hohen Anspruch dieser populären Oper leider nicht erfüllen. Gerade der erste Teil der Oper wirkt so statisch, dass schnell eine unverkennbare Langeweile aufkommt. Zu erlebnisarm kommt das Musikdrama daher, wobei sich das Drama erst im letzten Teil der Oper verdient macht. Szenen mit Bezug zu den Tiefen der Erde, dem Auftreten der Riesen mit dem Kampf um das Rheingold vermitteln einen Hauch von der mystischen Spannung, die in dieser Nibelungensaga beheimatet ist und die großes Potential für erlebnisreiche Interpretationen bietet.
Leider trägt auch die gesamte Bildebene zur Entmystifizierung dieser Wagner-Oper bei: Spartanische Ausstattung – von runden grünen Sitzelementen abgesehen – und geschichtslose Kostüme schaffen einen insgesamt schlichten Rahmen. Ausnahme bilden die als Saloondamen daherkommenden Rheintöchter, die frivol kostümiert und und dennoch anmutig in Erscheinung treten. Dazu leistet sich das Bühnenbild einige Fehltritte, wie den Lichterkranz als Bühnenrahmen, der viel besser in die Zirkusprinzessin passte (wo er tatsächlich auch zu sehen war). Nachdenklich macht auch die wenig aussagekräftige, heute in jeder zweitklassigen Bühnenproduktion zu sehende Videoprojektion, die außer Himmel und Wolken wenig zu zeigen hat.
Ein leider misslungener Ringauftakt mit musikalischem Licht und inszeniertem Schatten.

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Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

Gisela Miller-Kipp über „Das Rheingold“

Eine überwiegend biedere Inszenierung, großartig gesungen und gespielt

Bei Wagners „Ring“ bin ich gespalten: die Musik finde ich zum Niederknien, die angestrengt stabreimelnde Sprache zum Davonspringen; unabhängig aber von der sprachlichen Fassung ist der „Ring“ in Text und Musik eine gewaltige mythologische Erzählung; im „Rheingold“ nimmt sie ihren Anfang. Alle Handlungselemente des „Ring“ – Liebe und Tod, Neid, Hass, Besitz- und Machtgier, Lug und Trug und Mord und Totschlag, dazu die musikalischen Leitmotive der nachfolgenden drei Teile des „Ring“ sind hier schon angelegt – dem wird die Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf nicht gerecht. Sie ist realistisch im Halbweltmilieu angesiedelt, das treibt dem Musikdrama die Fantasie aus und verniedlicht es; ich habe mich streckenweise gelangweilt. Dabei beginnt die Aufführung hinreichend spannend und mit einer hübschen Anspielung auf den Rhein und auf den Aufführungsort Düsseldorf: Vor blutrotem Vorhang, die Bühne eingerahmt von bunten Glühbirnen, zitiert ein Mann – später stellt sich heraus: es ist Loge, der listige Sohn Wotans, als solcher steckt er passend in einem dunkelrot-gleißenden Anzug – die erste Zeile von Heinrich Heines Loreley: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …“. Zum berühmten Auftaktakkord – Es-Dur (!) –, wunderbar zart-schwebend gespielt, entzündet er dann zwei Lichter, hernach schenkt er sich ein feurig-rot funkelndes Glas Wein ein. Das fand ich einen viel versprechenden Anfang. Dann hebt sich der Vorhang, und ich bin enttäuscht. Man blickt in einen wenig inspiriert gebauten, spärlich ausgestatteten Spielsalon – 19. Jahrhundert oder auch ein Western-Saloon; dafür spricht die steile Feuertreppe links ins Nirgendwo, die man im europäischen Spielsalon nicht findet, in allen Western aber führt eine Treppe in die Gast- und Hurenzimmer; freilich fehlte bei dieser Sicht des Bühnenraums die typische Bar – egal.
Dieser langweilige Salon (Bühne: Dieter Richter) ist der Hauptort des Geschehens; dort passiert nicht viel. An seinen drei mit grünem Samt beschlagenen Rundtischen wird je nach dem posiert, geschlafen oder auch nur herumgehockt, gebechert, Karten gespielt und Butterbrot verzehrt. Dazu läuft als optische Bereicherung im Bühnenhintergrund diffus ein Film, der entweder das Bühnengeschehen zeitversetzt wiedergibt oder Himmel mit weißen Wolken und ganz zuletzt Walhalla, die Götterburg, um deren Bezahlung sich das Ganze dreht. – Die realistische Rauminszenierung bringt manche Ungereimtheit, manches Unverträgliche oder mir Unverständlichemit sich. Im 1. Bild etwa hasten die drei Rheintöchter (Anke Krabbe, Maria Kataeva, Ramona Zaharia) als verführerische – mäßig obszöne Posen – und, nebenbei, sehr attraktive Kokotten (Kostüme: Renate Schmitzer) von anno dazumal die besagte Feuertreppe rauf und runter, singen dabei aber glücklicherweise unangestrengt und ‚lupenrein‘ – der sportlichen Leistung ist eigens Respekt zu zollen. Alberich, der bösartige Zwerg vom Volk der Nibelungen, stolpert ihnen als lüsterner Tölpel hinterher. Dass es um Gier, um Gold geht, erfährt man durch wabernden Goldnebel, wozu die Rheintöchter singen: „Sieh wie selig im Glanze wir gleiten“; sie sitzen dabei jedoch gut gelaunt am Salontisch und prosten sich zu! – Im 2. Bild wird Wotan von seiner Gemahlin Fricka im Rollstuhl unter einem Schleier sitzend hereingeschoben, den Schleier hebt sie zu dem Ruf „Wotan, erwache!“ auf – fand ich eher komisch. Und wenig, eigentlich gar nicht beeindruckend treten Fasolt und Fafner auf, die beiden Riesen, die die Götterburg erbaut haben. Sie tragen Zimmermannskluft, doch untypisch für diese mit schwarzem Zylinder – das macht die Figuren größer, irritiert aber, ich dachte an Schornsteinfeger. So kostümiert, sind die Riesen irdisch-harmlos, nicht sagenhaft gewaltig, zumal sie ausführlich und bis zum Finale tun, was Handwerker zu tun pflegen, nämlich vespern: Trinken und Brot verzehren.
Eine beeindruckende Rauminszenierung ist das 3. Bild: Nibelheim, die Unterwelt, das Reich der Nibelungen, wird als Bergwerksstollen auf die Bühne gebracht. Dorthin sind Wotan und Loge laut Texteinblendung durch einen „Schwefelspalt“ gelangt, hier aber dadurch, dass sie sich mühsam unter einen der Salontische zwängen – nun ja. Dafür springt beim Orchesterdonner das Holzpaneel des Salons krachend auf – schönes Erschrecken! Das gibt es noch einmal und wieder kongenial zur Musik, als unter Blechgetöse Gesteinsbrocken von der Decke fallen – dort bricht die Tatze des Drachen durch, in den sich Alberich verwandelte, es ist aber auch ein Schlagwetter, wir sind ja in einem Kohlebergwerk. Schweißglänzende Hauer, „der Nibelungen mächtiges Heer“, schieben zur stampfenden Musik mühsam Loren herein, die Bühne glüht rot, Alberich wütet jetzt als Einpeitscher herum – für mich wird „Das Rheingold“ hier überzeugend in Szene gesetzt. Die Loren sind bis über den Rand mit dampfendem Koks beladen, er stellt sich später, da ist er erkaltet, als Gold heraus – Kohle, das Gold des Ruhrgebiets! Das ist eine weitere feinsinnige Anspielung auf die beiden Aufführungsorte, fand ich klasse. – Der Schlussakt (4. Bild) spielt wieder im Salon, der jetzt um eine Lore mit Goldbrocken bereichert ist. Die haben Wotan und Loge dem Alberich abgeluchst, und nun wird der Streit blutig, die Inszenierung gewinnt an Dramatik. Mit seinem Schwert haut Wotan dem Alberich die Hand mit dem „maßlose Macht“ verleihenden Goldring ab, man sieht das blutige Gewebe baumeln und bei Fasolt einen gräsigen Armstumpf – schön scheußlich. Von der prophetischen Erdmutter Erda – sie kommt und verschwindet durch einen der Salontische! – gewarnt: „Ein düsterer Tag dämmert den Göttern!“, tritt Wotan den Riesen den fatalen Ring ab, und alsbald erschlägt Fafner seinen Bruder im Streit um das Gold. – Zuletzt machen sich Wotan und Fricka auf gen Walhalla, dazu erscheint im Bühnenhintergrund „die glänzende Burg in prächtiger Glut“ als goldene Projektion – ein schönes Schlussbild. – Was mich an dieser Aufführung aber ganz und gar begeisterte: Es wurde in allen Partien glänzend gesungen, dazu auch noch hervorragend agiert, allen voran von Michael Kraus als Alberich. Die Musik war ein Genuss für sich. Unter dem Bayreuth erfahrenen Axel Kober brachten die Düsys „Das Rheingold“ prächtig zu Gehör, vom zartesten Geigenflirren über süße Flötentöne und wohllautende Hörner bis zu donnernden Trommeln und berstenden Beckenklängen, vom romantischem Schwingen bis zum rhythmischen Stampfen – Wagner pur. Wunderbar.

Weitere Informationen zu „Das Rheingold“

Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.