Stadtreise mit Bach

Benedikt Stahl über die Premiere „Weihnachtsoratorium“ – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Kennen Sie das nicht auch? Man unternimmt einen Kurzausflug übers Wochenende in eine große, spannende Stadt, vielleicht Rom oder New York und ist gespannt auf die vorab studierten und vertrauten Bilder. Vor Ort jedoch erscheinen sie komplett anders. Das unablässige Hupen, Grollen und Fauchen der Autoschlangen, das Mischmasch der vielen unterschiedlichen Gerüche, Menschenmengen, die durch die Straßen drängen, Lichter, Farben, das Ein- und Ausatmen. Alles ist laut, von allem gibt es viel zu viel und die Nächte sind in der Tat durchwacht.

Da kann es passieren, dass sich der eigentliche Reisegenuss erst im Nachgang und zuhause in gewohnter, ruhiger Umgebung einstellt. Aus dem schrillen, bunten Treiben formt die wählerische Erinnerung eine eindrucksvolle Gedankenmalerei, die einen mit allem Gezeter versöhnt und die Beziehung zu dieser Stadt auf eine besondere Weise prägt.

Irgendwie so ähnlich geht es mir mit der Inszenierung des Weihnachtsoratoriums in der Düsseldorfer Oper. Das bekannte Bachwerk übernimmt dabei die Rolle der vertrauten Bilder und die Reiselust ist groß! Dann passiert das, womit ich nicht gerechnet hatte: das dichte Gedränge auf der Bühne, die Klangraserei und die viel zu vielen Gleichzeitigkeiten laufen einander den Rang ab. Es zischt, es schreit, es blitzt, es jauchzt! Als wäre es ein abgestimmter Teil der Regie, zückt die Dame vor mir ständig ihr Smartphone um alles festzuhalten (als wenn das ginge) und stören laut plappernde Nachbarn, die wahrscheinlich nur den falschen Zug genommen haben. Eigentlich kaum auszuhalten, wären da nicht die wunderbare Musik und wirklich prachtvoll ausgeleuchtete Bühnenbilder mit zauberhaft aufeinander abgestimmten Kostümfarben. Wenn ich zwischendurch die Augen ein wenig zusammenkneife und die Störgeräusche einfach überhöre, wird daraus eine erinnerungswürdige Gesamtkomposition, die eine Reise wert ist! Am besten aber mit leichtem Gepäck, ohne zu viele Vorstellungen im Kopf und dazu bereit, mindestens eine Nacht nicht schlafen zu können. Ist ja auch viel zu aufregend, was da geschah…

Benedikt Stahl

Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle Komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

Tradition trifft Moderne – absolut gelungen?

Karolina Wais über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Ich muss zugeben, dass ich die moderne Umsetzung des Weihnachtsoratoriums erstmal auf mich wirken lassen musste, um die schönen und gelungenen Feinheiten zu erkennen.

Wenn ich an Weihnachten denke, denke ich an Gemütlichkeit, Düfte und an Lichter, welche die Dunkelheit erhellen – ich romantisiere Weihnachten total inklusive der Frohen Botschaft, die die Liebe und Harmonie in uns Allen entstehen lassen kann. Ich habe also eher eine romantische Inszenierung erwartet. Diese ist aber absolut schmerzfrei in unseren Alltag geholt worden, inkl. eines Toilettenganges in einer Bar.
Das Bühnenbild ist überraschend modern, die kreierten Räume beweglich. Der Chor ist komplett in die Inszenierung integriert, was mir sehr gefällt. Ich liebe es, wenn der Chor sichtbar und nicht nur hörbar ist. Einzelne Sänger werden von einzelnen Musikern auf der Bühne begleitet, was für zauberhafte und einzigartige Momente sorgt.

Wer offen für neue Ideen ist, insbesondere bei einem Stück wie dem Weihnachtsoratorium und absolut guter Musik, sowie hervorragendem Gesang lauschen will, sollte diese Oper sehen und hören. Zumal die Inszenierung in unseren Alltag und in diese Zeit zu adaptieren absolut mutig ist, weil eben nicht romantisch und verkitscht.
Und darum geht es ja eigentlich, dass wir in diesen unseren modernen Alltag einen Weg finden die Frohe Botschaft, die Liebe zu leben.

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Schöne Momente, aber wenig Weihnachtsstimmung

Charlotte Kaup über die Premiere „Weihnachtsoratorium“

Etwas müde und ratlos hat es mich zurückgelassen, dieses Düsseldorfer Weihnachtsoratorium und so fällt es mir nicht leicht, meine Eindrücke in Worte zu fassen. Das fast dreistündige Werk erzählt die Weihnachtsgeschichte – eine bekannte Handlung, die alljährlich rituell rezitiert wird. Bachs Oratorium, eine Abfolge von Chorälen, Bibeltexten und Lobgesängen, sticht denn auch weniger durch Handlung als durch musikalische Gestaltung hervor.

Insofern hat sich die Oper am Rhein Großes vorgenommen: ein Vokalwerk mit spirituellem Charakter soll den Erzählgewohnheiten der Gegenwart angepasst werden.
In einem raffinierten rotierenden Bühnenbild werden viele kleine Episoden erzählt. Zahlreiche Klischeecharaktere versuchen, die großen Fragen unserer Zeit anzureißen, ohne dabei die Musik aus dem Fokus zu verlieren. Das Ganze ist garniert mit teils drastisch expliziten Bildern. In poppigen Farben wird auf der Bühne geboren und gestorben und natürlich opernhaft gestritten und vertragen. Das Bühnengeschehen kontrastiert die gleichförmig repetitiven und abstrakt sakralen Texte des Oratoriums und es entsteht gelegentlich gar Situationskomik. Es ist ein aufwändiger und auch mutiger Umsetzungsversuch bei dem die vielen Mitwirkenden – ob Solisten oder Chormitglieder – hingebungsvoll ihre individuellen Rollen interpretieren.

Meinen persönlichen Geschmack trifft die Inszenierung eher nicht. Ich empfinde sie als zu wuselig, ablenkend von den Feinheiten und der Erhabenheit der Musik und trotz allem Drama eher oberflächlich. Teile der zweiten Hälfte verbringe ich deshalb mit geschlossenen Augen, um mich mehr auf die Musik zu konzentrieren. Hier gibt es einige wunderbare Passagen von Klarinette und Oboe, welche dem Stück wieder etwas Zartheit verleihen. Musikalisch herausragend sind außerdem Countertenor Terry Wey – mit der „Schlafe“-Arie ein Höhepunkt des Abends, die Sopranistin Anke Krabbe und die Tenöre Andrés Sulbarán und Cornel Frey.

Mein Gesamtfazit: Ein Abend mit schönen Momenten, musikalischen Highlights und überwältigendem schauspielerischen Engagement aller Mitwirkenden aber auch einigen Längen und eher wenig besinnlicher Weihnachtsstimmung.

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Bevor die junge Ärztin ihre Stelle in Mönchengladbach antrat, war sie als Ballettlehrerin im Hochschulsport tätig. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires. Durch ihre Teilnahme am Opernscout-Projekt entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für die Oper. Vor allem gefällt ihr als Scout die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Dekonstruktion – und dann…?

Helma Kremer über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach ist mir seit meiner Kindheit vertraut: Meine Mutter sang im Madrigalchor Neuss und ich erinnere mich an wundervolle Bach’sche Weihnachtsoratorien im Kloster Knechtssteden unter der Leitung des unvergessenen Bernd Kronen. Nun also eine szenische Umsetzung. „Die zentrale Frage dieser Aufführung lautet Von was wollen wir erlöst werden und wie?“ lese ich in der Vorankündigung. Sie ist „ein Ergebnis des Nachdenkens, welche Stücke das Publikum gerade braucht.“ Zur Vorbereitung werfe ich sicherheitshalber einen Blick in Wikipedia, denn: Die Musik ist mir zwar vertraut, aber ich bin alles andere als eine Bach-Expertin oder gar eine wirkliche Kennerin des Werks. „Das Weihnachtsoratorium ist ein sechsteiliges Oratorium für Soli, gemischten Chor und Orchester von Johann Sebastian Bach. Feierliche Eröffnungs- und Schlusschöre, die Vertonung der neutestamentlichen Weihnachtsgeschichte in den Rezitativen, eingestreute Weihnachtschoräle und Arien der Gesangssolisten prägen das Oratorium.“ Die neutestamentliche Weihnachtsgeschichte kenne ich ebenfalls nur in groben Zügen. Das ist einer der Momente, in denen ich mir wünsche, ich hätte mehr auf meinen Vater gehört („Die fundierte Kenntnis der Bibel ist ein Muss für Geisteswissenschaftler.“)

Anfangs fällt es mir leicht, die Handlung nachzuvollziehen: Christi Geburt wird in das Hier und Jetzt einer Stadtgesellschaft verlegt. Was danach folgt, ist sind dann wohl Antworten auf die Frage: Von was wollen wir erlöst werden und wie? Vieles bleibt für mich verwirrend. Würde ich die Texte besser kennen, könnte ich wenigstens die Unterschiede zur zeitgenössischen Interpretation (besser) ausmachen. Offensichtlich bin ich nicht genug „im Thema“ und hätte mich besser vorbereiten sollen. Die Botschaft ist – zunächst –  trotzdem klar. Wir erleben eine Dekonstruktion, die die Audience zwingt, sich von vertrauten und liebgewordenen Heiligtümern zu verabschieden. Und was dann?

Das versöhnliche und positive Ende kann man sicher mit Humor nehmen… Zumindest vermag das offenbar fast jeder im Publikum, außer mir. Ich fühle mich auf den Arm genommen. Die zahlreichen Schilder, die alle um dasselbe kreisen „All you need is love!“ verärgern mich, statt mich zu erheitern. Dieses Fazit erscheint mir allzu platt. Genauer gesagt: Der Komplexität eines solchen Werkes nicht angemessen und auch insgesamt zu leicht, als dass es den durch die zeitgenössische Interpretation aufgetanen Abgründen wirklich etwas entgegensetzen könnte. Ein solches Ende erwarte ich in einem Film wie „Love actually“, dort ist es auch vollkommen in Ordnung. Aber hier? Wenn schon Dekonstruktion, dann bitte richtig, denke ich mir. Dann sollte man der Audience auch zumuten, den Scherbenhaufen auszuhalten, den man angerichtet hat. Denn nur dann wirkt eine solche Inszenierung meines Erachtens auch nach.

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt.

Große Erwartungen

Markus Wendel über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Bei und nach dieser Vorstellung habe ich etwas erlebt, was mir in dieser Form noch nicht passiert war in der Düsseldorfer Oper. Ich habe mich geärgert. Und zwar richtig. Geärgert über eine Inszenierung und eine immer wiederkehrende Frage: wer um Himmels Willen konnte so etwas zulassen?

Das Bach’sche Weihnachtsoratorium ist schon ein Schwergewicht in der Musikgeschichte. Teile davon kenne ich seit vielen Jahren. Und ich war wirklich neugierig, welche Form von Inszenierung man diesem andächtigen und christlichen Werk angedeihen lassen würde. Leider war es genau dies, wozu ich keinen Zugang finden konnte.
Dabei war die Musik wirklich großartig! Axel Kober ist in gewohnt zügigem Tempo durch die Partitur, der er damit eine wahre Frischzellenkur einverleibt hat. Die Düsseldorfer Symphoniker haben so klar und akzentuiert musiziert, dass ich auch in Reihe 13 das Gefühl hatte, direkt am Orchestergraben zu sitzen. Der Chor hatte eine Durchschlagskraft, die wahrscheinlich noch die eine oder andere geschlossene Tür hat überwinden können. Und auch die insgesamt vierzehn Solistinnen und Solisten haben haben mich auf voller Linie überzeugt.
Die Inszenierung und die zum Bach’schen Werk hinzugefügten Textpassagen klammere ich dennoch aus, ich möchte wirklich keinem auf die Füße treten. Bilder und Videos kann man sich auf der Seite der Rheinoper anschauen. Kunst hat viele Gesichter und am Ende werde ich nicht böse sein, weil mich mal etwas nicht erreicht hat.

Ein paar Tage später schreibe ich nun diesen Text. Und der Abend der Vorstellung hat mich immer noch nicht ganz losgelassen. Wenn ich die Augen schließe, höre ich noch immer die Musik. Und mit dieser ist da ein Gefühl. Ganz warm und vertraut. Weihnachten steht vor der Tür.

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

„Eine wunderschöne Einstimmung auf die Weihnachtszeit“

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Der Nussknacker“ in Duisburg

Peter Tschaikowskys „Nussknacker“ ist ein Klassiker zur Weihnachtszeit… die romantische Traumwelt Claras am Heiligabend basiert auf Alexandre Dumas‘ Version der Geschichte „Nussknacker und Mäusekönig“ von E.T.A. Hoffmann und erlebte am 18. Dezember 1892 seine Uraufführung. Am 17. Dezember 2021 durfte Demis Volpis Nussknacker nun in Duisburg Premiere feiern: dabei entführt federführend der Chef der Ballettcompagnie (jedoch in Zusammenarbeit mit drei weiteren jungen Choreographen*innen, die auch einzelne Nummern in Szene gesetzt haben) in die wunderschöne romantisch-zauberhafte Märchengeschichte des Nussknackers.

Gleich zu Beginn wird der Zuschauer durch die Silhouetten hinter einer großen transparenten Flügeltür Zeuge eifriger Vorbereitungen auf den Heiligen Abend im Hintergrund der Bühne, die Clara und ihr Bruder ungeduldig mit Spielen vor dieser Tür im Vordergrund überbrücken. Als endlich die große Wohnzimmertür den Blick freigibt, tritt man ein in die bunte, trubelige und fröhliche Atmosphäre des Weihnachtsabends der Familie und fühlt sich gleich zuhause inmitten der schönen Kulissen, der freudig beschäftigten Familienmitglieder, des riesigen Tannenbaums… Beinahe mit dem Durchblättern eines klassisch und üppig illustrierten Märchenbuchs zu vergleichen ist dann das Eintauchen in die romantische Geschichte: der Patenonkel bringt Clara den Nussknacker als Geschenk mit, das Mädchen ist nachhaltig fasziniert. Es zieht sie nächtlich wieder ins Wohnzimmer zu ihrem Geschenk und sie erlebt gemeinsam mit ihrem seltsamen Gefährten die abenteuerlichen Traumepisoden mit Schneeflocken, Cupcakes, tanzenden Blumen und glitzernden Lichterketten. Diese einzelnen Episoden sind faszinierend umgesetzt von vier jungen Choreographen aus den Reihen der Compagnie und gänzlich passend in das Gesamtwerk eingeflochten.

Aufwendigste Kostüme wie riesenhafte Röcke und vor allem kunstvoller Kopfschmuck der süßen Zuckertörtchen, ebenso der weiß-kristallinen Schneeflocken und der üppigen Blumen, realistisch gestaltete Mäuseköpfe und –Füße u.v.m. geben dem Auge ständig neue beeindruckende Impulse. Es fehlt auch nicht an humorigem Augenzwinkern, wenn z.B. die große Cupcake-„Mutter“ ihre Törtchen mit einem riesenhaften Kochlöffel probiert und ein ängstliches Cupcake-Kind davor zu fliehen versucht. Ein wunderschöner Moment auch, wenn schwarz gekleidete Tänzer auf dunkler Bühne ihre Mützen aus Lichterketten ein- und ausschalten und schöne Bilder mit  überraschenden Lichtspielen entstehen lassen.

Dieser Abend lebt von seinem Facettenreichtum – im Tanz, bei den Kostümen, den Kulissen, dem Licht: abwechslungsreich, variabel,  „traumhaft“ – er entführt ein bisschen in die Welt der Phantasie und ist  eine wunderschöne Einstimmung auf die Weihnachtszeit!

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Krippenspiel mit Aufforderung zum Aufbruch

Michael Langenberger über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Ich musste dieses Mal schon länger darüber nachdenken, was ich schreibe. Denn was uns als szenische Umsetzung des Bach’schen Weihnachtsoratoriums in Form einer ausgewachsenen Oper gezeigt wurde, ist mit wenigen Worten schwer zu beschreiben. 

Die erste Hälfte stellt uns die Frage: Was wäre, wenn sich die berühmte Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium hier und heute in unserer urbanen, hyperbeschleunigten Stadt wiederholen würde? Wie würden wir ihn empfangen und wie begegnen wir ihm…
Das kubisch geschlossene Bühnenbild konfrontiert uns mit der Distanz unserer Lebensverhältnisse zueinander, identifiziert Partikularinteressen.

Das alles ist für die Besucher, die als Benchmark ausschließlich das gediegene, hochehrwürdige Meisterwerk von Karl Richter aus dem heimischen Plattenschrank dagegenhalten, vielleicht schwer zu ertragen. Denn die musikalische Interpretation folgt z.B. in Geschwindigkeit und Rhythmik eher dem Bühnenspiel als dem Klischee. Doch bekommt das Bach’sche Werk genau deshalb auch einen neuen Ausdruck, eine angemessene Frische. Entgegen starr stehenden Chören entwickelt der Chor durch seine nahezu ständige Präsents als singende Mimen auf der Bühne, auch aus den Körperbewegungen heraus, gesangliche Dynamik, die Axel Kober am Pult durch sein Dirigat auch zulässt. Teilweise sind Musiker der Düsseldorfer Symphoniker in kammerorchestralen Zusammensetzungen auf der Bühne statt im Graben und damit tief ins Geschehen eingebettet. Womit wir dann auch schon in der zweiten Hälfte wären.
Hier bin ich überwältigt von dem was ich unter großer Bühnen- bzw. Opernkunst verstehe: Die Umsetzung der gegenwärtigen Situation und Bedürfnisse, Fragestellungen und Lösungsoptionen als intellektuelles Angebot an die Zuschauer ohne Moralin gehobenen Zeigefinger. Das geschlossene Bühnenbild der ersten Hälfe weicht einer dreidimensionalen offenen Durchdringung der Gesellschaft. Lässt alle möglichen Facetten des Lebens zeitgleich und ebenso richtig wie falsch zu, so wie eben unser reales Leben heute ist. Dadurch werden zeitgleich verschiedenste Ängste und Nöte, Versäumnisse und Disruptionen angeboten. Jeder Zuschauer wird intuitiv und individuell die Geschichten erkennen, die ihn betreffen. Unmöglich emotional allem gleichzeitig zu folgen. Doch das ist überhaupt nicht schlimm. Denn letztlich fordert uns das neu erschaffene Opernwerk auf, nicht in weihnachtlicher Demut und untertäniger Passivität zu versinken, sondern selbst aktiv zu werden und Grenzen zu sprengen – ganz im besten positiven und mitmenschlichen Sinne aller Religionen, Altersgruppen, Herkünfte etc.

Und seien wir mal ehrlich – und auch bitte diejenigen, die den Maßstab an der sakralen Darbietung anlegen: Nur selten wird das Gesamtwerk an einem Abend aufgeführt. Wenn doch, dann geht man meist trotz Bach-Meisterwerk erschöpft nach Hause. Die Opernaufführung hingegen ist so kurzweilig, dass die Zeit verfliegt und es danach jede Menge zu reflektieren und besprechen gibt. J.S. Bach, ja auch bekannt als flexibel und experimentierfreudig, wäre sicherlich sehr mit diesem Opern-Meisterwerk einverstanden gewesen.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

„Eine bezaubernde Aufführung des Nussknacker-Balletts“

Dagmar Ohlwein über die Premiere „Der Nussknacker“ in Duisburg

Was für eine bezaubernde, verzaubernde Aufführung des Nussknacker Balletts; das war ein Abend im Duisburger Stadttheater, der nach meiner Meinung seinesgleichen sucht und mir eine wunderschöne weihnachtliche Einstimmung beschert hat.


Das Märchenballett „Der Nussknacker“ wird schon seit 1892 in der Vorweihnachtszeit in zahlreichen Theatern aufgeführt. Die Inszenierung von Demis Volpi und jungen ChoreographInnen begeisterte mich mit hervorragenden TänzerInnen, überaus phantasiereichen herrlichen Kostümen, einem wunderbar ideenreichen Bühnenbild.
Katharina Schlipf, so ist mein Eindruck, hat mit viel Liebe zum Detail, Sinn für Komik und großer Lust und Freude daran gearbeitet.
Paula Alves als Clara stellte in ihrem Tanz mit ihrer Leichtigkeit und Körpersprache perfekt die Verwandlung eines noch gerade spielenden Kindes zu einer Jugendlichen, die sich das erste Mal verliebt, dar. Ihre Liebe, in der Nussknacker-Rolle, auf hohem Niveau vertanzt von Gustavo Carvalho, war ideal besetzt. Ihm gelang die Darstellung eines hölzernen, kantigeckigen, Nüsse knackenden Kerls hin zu einem beweglichen Menschen ideal. Neben allen anderen hoch zu lobenden TänzerInnen gefiel mir außergewöhnlich gut der Tanz von Fritz, Claras Bruder. Evan L´Hirondelle überzeugte mich mit seiner tänzerisch kraftstrotzenden übermütigen Darstellung eines frechen Bruders. Ein großes Kompliment an alle Protagonisten, die Mitglieder der Familie Silberhaus, die Schneeflockenkönigin und ihre BegleiterInnen, die TänzerInnen des Blumenwalzers, der Lichterkette und der Cupcakes. Zu noch weiteren Glanz-und Höhepunkten gehörten für mich an diesem Abend der „spanische Tanz“ choreographiert von Neshama Nashman und der „Tanz der Mäuse“ vom Duo Nutrospektif. In meinen Augen sind die zusätzlichen jungen ChoreographInnen eine Bereicherung für das begeisternde von Demis Volpi choreographierte und inszenierte Nussknacker-Ballett.

Ein rundherum gelungener Abend, der bei mir noch weihnachtlich beschwingt nachklingt.

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin im Ruhestand nimmt sich Zeit für Kultur. Als Jugendliche lebte sie „direkt um die Ecke“ des Theaters Duisburg und hatte so schon immer viel Kontakt zur Kunst. Sie freut sich auf ein weiteres Jahr als Duisburger Opernscout.

Ein mutiges Konzept gibt neue Perspektiven

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Das Weihnachtsoratorium szenisch zu begleiten, und dann kein klassisches Krippenspiel o.Ä., sondern eine Übertragung in heutige Zeit – das ist mutig und bleibt längerfristig in Erinnerung, auch wenn nicht alles gelungen war.

Maria und Joseph suchen überall anklopfend last minute in einer anonymen Großstadt (schöne Bauhaus-Kulisse auf Drehbühne) ein Zimmer für die Geburt des kleinen Babys. Die hilfsbereiten Gastgeber sehen in dem Kind etwas Besonderes und bald sind viele Menschen in der Stadt unterwegs, um das Kind zu besehen. Die Sehnsucht nach Sinn und Erlösung, nach einem neuen Lebensinhalt wird deutlich. Das Ganze entgleitet in Reliquienverehrung und Geschäftemacherei. Und doch führt diese Gesellschaftskritik an Ende zu einer Lösung, zur alles bewältigenden Liebe, für die zum Schluss eine Demo mit Slogans auf Pappschildern einen parodistisch fröhlichen Ausklang bereitete.
In diese Szenerie bauten die Regisseurin und mehrere Mitwirkende eine große Zahl von kleinen symbolträchtigen Handlungen ein, zum Teil parallel laufend. Mir gelang es nicht, alle Vorgänge zu entschlüsseln, und manche der Ereignisse wirkten eher befremdlich, wie zum Beispiel das Öffnen einer Toilettentür, hinter der sich ein Bauarbeiter erleichterte und dem eine Rolle Toilettenpapier zugeworfen wurde.

Trotz allem: Respekt für dieses mutige Konzept!

Axel Kober präsentierte einen prall-vitalen Bach ohne große Differenzierung und mit hohem Tempo. Der laute Hall in einer Kirche sollte vielleicht nachgeahmt werden. Meiner mehr puristisch-transparenten Vorstellung der Bachmusik wurden nur die Abschnitte gerecht, während derer ein Streichquartett oder Solisten auf der Bühne musizierten. Trotz der überwiegend überzeugenden Stimmen gab es immer wieder Schwierigkeiten, im Takt der Musik zu bleiben. Ein Höhepunkt war einmal mehr die Leistung des Opernchores, der im zweiten Teil ohne Pause auf der Bühne hervorragend schauspielerte und durchgehend auswendig singen musste. Der musikalische Glanzpunkt schließlich war der Countertenor Terry Wey, dessen mit zartem klaren Klang gesungenen Arien eine zu Bach passende Ohrenweide waren.

Fazit: Das traditionelle Weihnachtsoratorium szenisch an unsere Lebenskultur und Lebensprobleme angepasst. Wenn das nicht zu kontroversen Reaktionen führte, wäre es langweilig.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

„Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Dr. Sassa von Roehl über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Ich kann mich als absoluten Bach-Fan bezeichnen. Wenn immer ich eine schwierige Aufgabe am Schreibtisch zu erledigen habe, höre ich dazu Musik von Bach. Seine Musik vermag es, wie keine andere meine Gedanken zu ordnen und zu strukturieren. Auch das Weihnachtsoratorium darf in keinem Jahr fehlen. Jeden Dezember lausche ich gerührt und andächtig mit meiner Familie dem erhabenen Werk und verlasse die Kirche in feierlicher und verzückter Stimmung. Auch zur Bescherung am Weihnachtsabend gehört das Oratorium dazu. Das Video auf der Seite der Deutschen Oper am Rhein versetzte mich in ähnlich Stimmung und ich war voller Vorfreude auf die Aufführung.

Doch die Übertragung des Geschehens von Christi Geburt in die profane Alltagssituation einer Stadtgesellschaft verlangte mir erst einmal einiges ab. Ich fühlte mich an das hastige, laute, enge und ziemlich unangenehme Treiben in der Düsseldorfer Altstadt erinnert, vor dem ich gerade mit ganz anderen Erwartungen ins Opernhaus geflohen war. Ich hatte große Schwierigkeiten mich auf das bunte, turbulente und für mich manchmal unverständliche Geschehen einzulassen. Getragen von den wunderbar vertrauten Melodien und den schönen Stimmen begann ich darüber nachzudenken, wie vielfältig die Reaktion auf die Nachricht des Erlösers auch heute wäre und wie relevant sie zu jeder Zeit ist. Und so konnte ich den Ansatz der „Szenen einer schlaflosen Nacht“ langsam nachvollziehen und in die Hoffnung auf eine bessere Welt einstimmen.

Kein Abend in der gewohnten Komfortzone des Weihnachtsoratoriums, aber spannend, mit sehr relevanten Denkanstößen und langanhaltenden Nachwirkungen.

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“.  Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

„Psychologisches Kammerspiel mit großer Wirkung“

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Ad absurdum“

Ad Absurdum… bis zur Sinnlosigkeit – eigentlich ist es die beste Idee überhaupt, absurdes Theater ins Ballett zu „übersetzen“, bleibt doch die Sprache absurder Theaterstücke als Mittel der Verständigung zweitrangig bzw. gänzlich untergeordnet. Stattdessen werden Orte ohne konkrete Zuordnung und Zeitlosigkeit in Szene gesetzt. Da ist es doch naheliegend, das Ballett als Ausdrucksform zu nutzen und das gelingt in den beiden Balletten, die in Duisburg am 17.11. Premiere feiern konnten, aufs Beste.

Eugène Ionescos „The lesson“ ist in seiner Bildhaftigkeit noch ein bisschen konkreter als die „Kahle Sängerin“: man wird Zeuge einer Ballettstunde eines verschroben-zwielichtigen Ballettlehrers und seiner jungen euphorischen Schülerin, deren tänzerische Überlegenheit und geistige Freiheit ihn zunehmend wütend und übergriffig machen und die er schließlich aus unkontrollierter Triebhaftigkeit erwürgt. Die Pianistin äußert zwar ihr Missfallen an seinem Tun, hilft aber dann bei der Beseitigung der Leiche… In der bedrohlich anmutenden Umgebung eines lichtarmen Ballett-Kellers, dessen vergilbte Oberlichter noch mit Vorhängen verdunkelt werden, wirken diese drei denkbar kontrastreichen Charaktere beinahe manisch in ihrem Verhalten, psychopathisch und in ihrem unkontrollierten Treiben regelrecht beängstigend. Die kranke Atmosphäre gipfelt schließlich in dem Mord an der Tänzerin – diese Entwicklung bis dahin ist großartig getanzt und gleichzeitig in einer fast statischen Dramaturgie packend in Szene gesetzt. Man sieht als Zuschauer die Katastrophe nahen und ist dennoch entsetzt, als es am Ende tatsächlich dazu kommt… Und noch einmal genauso entsetzt über die Folgenlosigkeit der Tat, vor allem da am Schluss die nächste Tanzschülerin bereits vor der Tür auf ihre Ballettstunde wartet… ein kleines psychologisches Kammerspiel mit großer Wirkung.

In einer ebenso unkonkreten und zeitlosen Welt bewegt sich das Ballett „Die kahle Sängerin“, ebenso ein Werk Ionescos „absurder“ Gedankenwelt. Diesmal dient das leblos-langweilige und von Konformität geprägte Eigenheim des Ehepaars Smith als Schauplatz. Mrs. Smith wird über die schleichend wachsende Erkenntnis, in welch spießig-eintöniger Welt sie lebt, immer verrückter und tanzt/bewegt sich mit wahnsinniger Geste… das Leben zieht ohne nähere Wahrnehmung am Ehepaar vorbei, belanglose Besuche von austauschbaren Personen führen Mrs. Smith die Leere in ihrem Leben nochmal deutlicher vor Augen. Was für eine kluge und effektvolle Idee, das Besucher-Ehepaar „Martins“ beliebig zu vervielfachen. Bei aller Mühe, mit karierten Hosen und knallig orangefarbenen Rollkragenpullovern Eindruck zu machen, bleiben sie eben doch völlig „gesichtslos“ und unspezifisch in ihrer Persönlichkeit.    Der  Besuch eines riesenhaften silbrig futuristisch gekleideten Feuerwehrmannes löst dagegen gleich ekstatische Reaktionen bei Mrs. aus… was womöglich entscheidend dazu beiträgt, dass sie  am Ende in beeindruckendem Wahn das beige Papier von den Wänden reißt und das „Leben draußen“, die „Welt außerhalb ihrer vier Wände“ sieht und erstmals wirklich wahrnimmt – und sie zum finalen Zusammenbruch bringt. Diese Geschichte ist so bildgewaltig inszeniert, in ein plakativ langweiliges und gleichzeitig mit pfiffigen und humorvoll eingesetzten Details (Tür, Kronleuchter) ausgestattetes Bühnenbild platziert und von den Tänzern in assoziative passende Kostüme gekleidet so kantig und unkonventionell vertanzt… das ist richtig stark. Dass die Musik mit der Handlung aufs Feinste verschmolzen ist, wird dabei beinahe zur Nebensache, trägt aber auch zu dem vollends stimmigen und fesselnden Eindruck dieses Abends bei. Sehr lohnend: Unbedingt ansehen!


Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Großartig, berauschend, wunderschön.

Sandra Christmann über die Premiere „Der Nussknacker“

OMG – Großartig, berauschend, wunderschön.

Alice und der Nussknacker im Wunderland besuchen zusammen mit Charlie aus der Schokoladenfabrik Dali.

Es ist ja kein Geheimnis, dass ich ein Fan der ersten Stunde von Demis Volpi bin. Das Ballett der Deutschen Oper am Rhein macht mich einfach immer glücklich!

Ich muss jetzt aber einfach mit den Kostümen beginnen.
Liebe Katharina Schlipf: ich bewundere Sie! Sie sind ein Ausnahmetalent.
Und wieder zeigt sich, dass die Gesamtkomposition einer jeden Inszenierung eine große Kunst ist und alle einzelnen Komponenten so relevant für den absoluten Genuss und die Freude sind.
Schon von der ersten Sekunde an war ich von der Klarheit und Schönheit der Kostüme begeistert, das weiße Kleid von Clara, das schwarze der Mutter “Haute Couture „ at it’s best– ich wünschte es wäre meins. Auftakt Bühnenbild und Kostüme haben hoch angesetzt und halten nicht nur das Niveau sondern steigern sich wie ein schönes Crescendo durch die gesamte Inszenierung.
Auch das Kostüm von Drosselmeier, perfekt, er erinnert sehr stark an Jonny Depp in der Schokoladenfabrik.
Und dann die Ratten, Hollywoodreif. Die Köpfe, die Arme und Beine – ein künstlerisches Highlight. Und, oh mein Gott, die Cupcakes. Und die Torte. Grandios. Die Schneeflocken bezaubernd.
Hinzu kommt das perfekte Bühnenbild. Insbesondere die mechanischen Türen, sehr surrealistisch, Dalimäßig.

Diese Nussknacker Inszenierung ist bezaubernd und auf den Punkt gebracht. Al dente. Eine schöne, junge Chroreographie, ich hätte mir noch mehr Modern Dance Passagen gewünscht, aber das schmälert nicht die hervorragende tänzerische Leistung.
In vielen Balletten ist die Konzentration doch auf der Prima Ballerina, in dieser Inszenierung schafft es Volpi mit seinen Choreographien jedes Talent in den Mittelpunkt zu stellen. Alle Tänzerinnen und Tänzer sind so unique.
Natürlich der Nussknacker, Orazio Di Bella, aber auch die Haushaltshilfe, Futaba Ishizaki, oder Tante Zuckermund getanzt von Charlotte Kragh, sie alle ziehen die Zuschauer:innen in ihren Bann.

Diese Nußknackerinszenierung entführt uns auf allen Ebenen in eine berauschende, sinnliche und berührende, erheiternde Welt und ist reiner Genuß!!!

Sandra Christmann
Managerin in der Filmproduktion, Kulturmanagerin

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie ist aktuell bei e+p films als Head of Growth tätig. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Der Nussknacker – ein zauberhafter Ballettabend

Charlotte Kaup über die Premiere „Der Nussknacker“

Mit Vorfreude aber auch leichten Bedenken sah ich der Premiere des Nussknackers entgegen, insbesondere da mein Freund, welcher mich an diesem Abend begleiten sollte, klassische Ballettstücke und Rollenbilder mit besonders kritischem Auge betrachtet. Unsere Erwartungen wurden im positiven Sinne mehr als übertroffen.

Schon von der ersten Minute an war ich begeistert vom voluminösen Klang des endlich wieder voll besetzten Orchesters. Marie Jacquot dirigiert die bekannten Melodien mit viel Schwung und Leichtigkeit und lässt eine magisch vorweihnachtliche Stimmung aufkommen. An diesem Ballettabend passt einfach alles – angefangen vom kreativen Bühnenbild und den opulenten Kostümen bis hin zu der unglaublichen Energie der Tänzerinnen und Tänzer. Volpi haucht seiner Inszenierung eine große Portion Frische ein und bleibt gleichzeitig nah an der klassischen Vorlage. Auch streut er gekonnt Witz und Ironie, er spielt mit den Erwartungen und Rollen des klassischen Balletts. Man erkennt einen sympathischen Humor in vielen kleinen Szenen, der weder klamaukig noch überheblich ist und den feierlichen Charakter des Stückes gekonnt erhält.
In den Hauptrollen überzeugten Emilia Peredo Aguirre als anmutige Clara, Dukin Seo als Drosselmeier und Orazio di Bella als Nussknacker. Alle drei zeigen großartige Technik und viel Strahlkraft. Eventuell wären hier weitere, choreografisch noch anspruchsvollere Soli oder Duette möglich gewesen – in jedem Fall hätte ich gerne noch länger zugesehen.
Ein besonderes Highlight waren außerdem die Divertissements im zweiten Akt, welche von verschiedenen Choreografen gestaltet wurden und das Bewegungsrepertoire mit mehreren modernen Handschriften ergänzten.

Mein Fazit: Selten habe ich die Oper im Rhein so beseelt verlassen. Ich hoffe, dass es einem großen Publikum und insbesondere vielen Kindern ermöglicht wird dieses Stück zu sehen und Zugang zu dieser wunderbaren Kunstform zu finden.

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Bevor die junge Ärztin ihre Stelle in Mönchengladbach antrat, war sie als Ballettlehrerin im Hochschulsport tätig. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires. Durch ihre Teilnahme am Opernscout-Projekt entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für die Oper. Vor allem gefällt ihr als Scout die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Unbedingt sehenswert!

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Tristan und Isolde“

Wagneropern sind immer ein Wagnis: meist sehr lang, episch im Text und irgendwo zwischen wirr und fantastisch in der inhaltlichen Anlage… vermutlich gibt es daher wenig zwischen Wagnerfetischist und Wagnergegner… jetzt stand im Theater Duisburg die Premiere von Tristan und Isolde auf dem Programm, ein „5-Stunden-Wagnis“, das sich für mich als Gewinn herausgestellt hat.

Die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Axel Kober waren gut aufgelegt, hier und da hätte man sich bei der Lautstärke vielleicht etwas mehr Zurückhaltung gewünscht, um der einen oder anderen Stimme mehr Vordergrund zu gönnen.
Alexandra Petersamer, die auch in der konzertanten Götterdämmerung von 2019 schon in Brünnhildes Rolle glänzte, war auch hier stimmlich ohne Frage der Star des Abends. Nicht nur ihr volumenreicher und wandelbarer Sopran hat restlos überzeugt, auch  ihre Rolle als Isolde hat sie zwischen Liebestollheit, Wut, Enttäuschung und Hoffnung wunderbar ausdrucksvoll ausgefüllt. Daniel Frank hat die fordernde Tristan-Partie an ihrer Seite gut und solide gesungen und gespielt, konnte aber an Stimmkraft und Bühnenpräsenz nicht ganz aus dem Schatten der Isolde heraustreten.
Beeindruckend, also stimmlich gut besetzt, waren für mich auch die Rollen der Brangäne (Katarzyna Kuncio) und König Marke (Hans-Peter König). Überhaupt war es ein einheitlich hohes Stimmniveau – das machte das Zuhören genussvoll und  kurzweilig.
Auch das Auge kam auf seine Kosten: es war viel Bühnenmaschinerie im Einsatz: ein doppelter Boden teilte die Bühne in der Vertikale aus und schuf mehrere Ebenen für die Schauplätze – trotzdem waren es wenige und reduzierte „Bühnenbilder“ und Requisiten, die aber völlig ausreichten, um die Umstände und Vorgänge anzudeuten – Und vor allem viel Raum ließen für den eigentlichen Fokus der Oper: das Innenleben der Liebenden, die wirre Gefühlswelt, die extremen Emotionen im Verlauf dieser komplizierten Liebe. Um diese noch deutlicher hervorzuheben, gab es eine äußerst wirkungsvolle dramaturgische Idee: eine kleine fünfköpfige Instrumentalgruppe aus Streichern und Englischhorn spielte nicht im Orchestergraben, sondern wurde jeweils passend zur Szene unmittelbar neben den Sängern  positioniert – dieser Effekt ließ Stimmen und Ensemblemusik klanglich verschmelzen und unterstrich die Handlung, meist den inneren Konflikt, umso mehr.

So entstand insgesamt ein schlanker,  reduzierter Wagner, der aber alles Wesentliche in den Vordergrund rückt und den Blick freigibt auf den Kern der Sache… nicht nur für Wagnerfans  unbedingt sehenswert, finde ich!

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Was will man mehr?

Markus Wendel über die Premiere „Der Nussknacker“

Alles beginnt wie eine Weihnachtserinnerung aus Kindertagen. Das Wohnzimmer ist abgeschlossen, durch die milchige Scheibe in der Tür erscheint die Silhouette des Weihnachtsbaums. Dahinter geschäftiges Treiben der Familie. Der Baum wird geschmückt, es wird angestoßen und Geschenke werden platziert.

Es dauert nur wenige Minuten, dann hat mich Demis Volpi’s Inszenierung von „Der Nussknacker“ gepackt. Erinnert an die eigene Kindheit rund um die Feiertage lehne ich mich entspannt zurück.
Es folgen zwei wunderbare Stunden mit vielen Ideen, einer kreativen Ausstattung und – einem seit langer Zeit endlich wieder voll besetzten Orchester. Die Dirigentin Marie Jacquot packt ordentlich zu. Von ruhig bis kraftvoll leitet sie das Orchester durch ein breites Spektrum von Emotionen.
Das Ballett-Ensemble wirkt wie aus einem Guss und zeigt große Spielfreude. Gerade in den lustigen Szenen spürt man dazu eine ganz wunderbare Leichtigkeit.
Einige der Tänze wurden von jungen Choreographinnen und Choreographen verantwortet. Wie ich finde absolut gelungen. Hier werden – nicht nur kostümlich – ganz besondere Ausrufezeichen gesetzt. An die Bilder der Leuchtkugeln, Rosen und Cupcakes werde ich mich wohl noch eine ganze Weile erinnern.
Und da sind wir an einem für mich ganz wesentlichen Punkt: An diesem Abend wird bewusst auf Experimente verzichtet. Eingängigkeit und Wohlfühlen ist angesagt. Zwei Dinge, die ich in den letzten Jahren regelmäßig vermisst habe beim Ballett am Rhein.

Mit einer großen Portion an Ohrwürmern geht es nach ca. 2 ½ Stunden wieder nach Hause. Und ich frage mich: Was will man eigentlich mehr? Mir fällt nichts ein – außer einem riesigen Dankeschön für einen wirklich gelungenen Abend.

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Demis Volpi lässt jetzt sogar die Türen tanzen…

Michael Langenberger über die Premiere „Der Nussknacker“

und die Mäuse, Schneeflocken, Blumen, Lichterkette, Cupcakes, natürlich auch die quirlige Familie – und natürlich die Titelfigur: DER NUSSKNACKER.

Der erste Akt bettet uns in das weihnachtliche Familienfest der Stahlbaums ein. Geschäftiges Treiben von Eltern, Kindern und Verwandten. Das Reale dabei, die körpersprachliche Rolle einer jeden Figur, gewiss etwas klischeehaft tanzend, doch vielleicht gerade deshalb, weil wir uns in verschiedensten Rollen selbst wiedererkennen – für uns als Zuschauer so leicht zugänglich.
Die Kinder tanzen Gummitwist und stillen ihre Neugier – es geht über Stühle und Tische. Die Erwachsenen reagieren mit abgestufter Wichtigkeit und Strenge. Natürlich darf ein Familienfoto nicht fehlen. Alleine die Aufstellungen und Posen dazu… exzeptionell!
Dann die Bescherung. Tochter Clara bekommt den hölzernen Nussknacker geschenkt, der in der Stille der Nacht (als ferngesteuerte Figur) plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Clara, die heimlich aufgestanden in der Nacht, dann plötzlich der menschgewordenen Figur begegnet, beginnt leichtfüßig die tänzerische Annäherung zu dem unbeholfen und sich geradezu hölzern bewegenden Nussknacker.

Schon bis hier hin ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus. Unglaublich viele Details im Bühnenbild, die tänzerische Aufteilung der gesamten Bühne, die z.T. heimeligen Lichteffekte – als Zuschauer ist man im Geschehen regelrecht gefangen. Schon zur Pause gibt es tosenden Applaus und die Sehnsucht darauf, dass es im zweiten Teil so weiter gehen möge.
Doch im zweiten Akt geht es dann erst mal so richtig los! In einem Feuerwerk verschiedener Tänzergruppen – s.g. Divertissements – begleiten Clara dabei, aus dem staksigen Nussknacker einen ebenbürtig anmutig tanzenden Partner zu machen. Jedes Divertissement hält spezifische Überraschungen bereit, wie z.B. die Schneeflocken, die verträumt säuselnd zu Boden gehen oder den Nachtlichtern (nur auf dem Kopf getragene Lichterketten, die die ansonsten ganz schwarz gekleideten Tänzer nahezu unsichtbar halten), die aus dem Nichts heraus erscheinen und wieder verschwinden und dazwischen eine Art Choreografie beleuchteter Köpfe darbieten. Dabei, wie auch mit dem Tanz der Blumen, der ausschließlich die Bewegungswirkung der Gruppe und nicht das herausstellen einzelner Tänzer im Sinne hat, reißen uns die Akteure geradezu ins Entzücken.
Neben den Ideen und der Umsetzung der tänzerisch choreografischen Meisterleistung verdienen sich die Akteure hinter den Kulissen mit einer, wenn man so will choreografischen Meisterleistung eines unglaublich dynamischen Bühnenbildes und der dazugehörigen Lichtkunst ein großes Kompliment. Ob die ferngesteuerten Mäuse oder die mittanzenden Türen – das Bühnenbild spielt dynamisch mit. Subtil – man merkt es anfangs kaum – und gleichzeitig clever lassen die unterschiedlichen Größen der Türen, je mit unterschiedlich hoch angebrachten Türklinken die Tänzer auf der Bühne entsprechend ihrer Rolle als eher groß bzw. klein erscheinen. Die ganze Trickkiste der perspektivischen Bühnenbau-Künste.

Alles wäre nichts, wenn nicht die jetzt wieder vollständig besetzten Düsseldorfer Symphoniker unter der musikalischen Leitung von Marie Jacquot Tschaikowskys Klangwerk so frisch und mit großer Leichtigkeit aufgespielt hätten.
Wen wundert es dann, dass allen Akteuren mit tosendem Beifall, Standing-Ovation und Bravo-Rufen allen Akteuren für diesen großartigen Ballettabend gedankt wurde?

Ich persönlich denke jedes Mal nach einer Premiere seit Demis Volpis Einführung in das Amt des Ballettdirektors und Chefchoreografen: Mehr geht nicht! Doch mit jeder nächsten Premiere werde ich erneut von dem Ideenreichtum, aber auch seinem künstlerischen Mut und Können überrascht, wie er uns Publikum mit seiner Compagnie verzaubert – …setzt Demis Volpi immer noch eins drauf! Aus meiner Sicht schafft er neue Dimensionen des Balletttanzes – oder besser, er zieht alle Register in Sachen Balletttanzstile und verbindet diese. Das macht seine Idee von Tanz und Ballett auch zugänglich für Junge und Jüngste und wegen seiner Vielfalt reizvoll für das tanzerfahrene Publikum. Ich meine: Das ist ein neuer Maßstab für Ballett. So geht Ballett heute!

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Ballett – Der Nussknacker

Karolina Wais über die Premiere „Der Nussknacker“

Ein absolut hörenswertes und sehenswertes Stück, auch für Kinder.

Das Bühnenbild ist riesig: riesige Türen, riesiger Tannenbaum, ein Schattenspiel zu Anfang. Das Alles und das nach so langer Zeit wieder in vollständiger Besetzung spielende Düsseldorfer Symphoniker, nehmen den Zuschauer von Anfang an auf eine fantastische Reise mit.
Die Kostüme sind fabelhaft. Die einzelnen Familienmitglieder sind zum Beispiel durch farbliche Details auch als Mäuse erkennbar. Der beim Tanz wirbelnde Mantel vom Drosselbart unterstreicht seine magische Figur. Es tanzen Schneeflocken, Blumen, die Lichterkette vom Weihnachtsbaum, Muffins und Kuchen in so bezaubernden Kostümen, dass immer wieder ein Staunen im Publikum zu hören ist.
Die Choreographie ist ebenfalls bezaubernd und empfängt zwischen den einzelnen Sequenzen Applaus. Mit welch kindlicher Freude Clara, mit welcher Leichtigkeit und Anmut Claras Mutter und wie holzig der Nussknacker tanzen, ist eindrucksvoll und imponierend. Zudem sind zahlreiche Gags (der Vater trägt zum Beispiel eine Brille) in das Stück eingearbeitet, so dass es ein wunderschöner und leichter Ballettabend für die ganze Familie werden kann.
Dunkin Seo (Drosselbart) und Orazio Di Bella (Nussknacker) haben übrigens eine starke Bühnenpräsenz. Ich erkenne sie nämlich aus anderen Stücken wieder, weil sie scheinbar einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben.

Am Ende bedankt sich das Publikum mit Standing Ovations für diese fantastische Vorstellung und das völlig zu Recht. Vielen Dank

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Ein grandioses Spektakel!

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „Der Nussknacker“

Selten bin ich so beschwingt von einem Ballettabend nach Hause gekommen. Das war ein gelungenes Feuerwerk von Ideen – doch der Reihe nach:

Es beginnt mit der großartigen Interpretation der Musik von Tschaikowsky durch Marie Jacquot mit unseren Symphonikern, nicht schwer-romantisch sondern leicht und freudig klingt es, aber auch mit Verve und Nachdruck da wo es notwendig ist. Auch am zweiten Aufführungsabend, dem ich beiwohnte, gab es Extra-Applaus für die Dirigentin.

Die Choreographie von Demis Volpi mit Beteiligung Jüngerer für einige Szenen war eine Mischung klassischer und „moderner“ Bewegungen. Jede Hauptperson hatte einen eigenen Tanzstil, eine eigene Tanzsprache. Das Märchen wurde als Erwachsenwerdung des Mädchens Clara durch die Beziehung mit dem zu Weihnachten geschenkten Nussknacker interpretiert.
Die steif-puppenartigen Bewegungen des Nussknackers waren perfekt, auch der Übergang zum lebendigen Mann nach Erweckung durch Clara war überzeugend gespielt. Clara tanzte kindlich-naiv, später fraulich-schön. Die Bewegungen des Paten Drosselmeiers visualisierten überzeugend seine übernormalen Fähigkeiten. Claras Bruder Fritz wurde als frecher Lausbub präsentiert, mit toller Spielfreude und Körperbeherrschung. Die Kostüme aller Tanzenden waren stimmig und zum Teil fantasievoll, das Licht hervorragend und die Bühne mit den beweglichen Türen und Zimmerwänden ein überzeugendes Konzept.
Letztlich begeisterte sich das Publikum an einer Vielzahl von Regie- und Choreografie-Einfällen. Dazu gehörten die erste Szene vor dem noch verschlossenen Weihnachtszimmer mit Tanzen über das bei Kindern übliche gespannte Gummiband, getanzte Wangenküsse, die in immer neuen Aufstellungen erfolgten Fotos der Weihnachtsfeierrunde (perfekt auf die Musik abgestimmt), der Übergang vom Blumentanz zur Dekoration des Tisches mit Blumen oder das Einfrieren aller Bewegungen am Frühstückstisch im Schlussbild. Der Fantasie freien Lauf lies die Choreographie bei den verschiedenen Tänzen in der Traumphase (oder pubertären Neuorientierung). Der Tanz der Mäuse hatte unglaubliche Bewegungen. Der Tanz der Schneeflocken war noch etwas konventionell, dann aber Schwarzes Theater auf dunkler Bühne mit sich bewegenden Lichterkugeln (um die Köpfe der dunkel gekleideten Tanzenden), die tanzenden Türen der Kulisse, der Tanz von Cupcakes (passend geformte Röcke, in welche die Tänzerinnen versinken konnten) und dann der erotische Tanz der Blumen, zum Schluss als Blumenbeet mit sich zu Clara neigenden Blumen. Ich war fasziniert und von dem Geschehen auf der Bühne gefangen genommen.

Fazit: Zur Weihnachtszeit nehme ich für einen zweiten Besuch die ganze Familie mit, dann spielt das Ballett in Duisburg.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

„Der Nussknacker“ als Augenschmaus

Helma Kremer über die Pemiere „Der Nussknacker“

Mit Tschaikowsky bin ich aufgewachsen und kenne jede Melodie des Nussknackers, eine Inszenierung dieses Stücks habe ich jedoch noch nie gesehen. Und eigentlich bin ich nun wirklich kein Fan von klassischen Handlungsballetten  und – nicht nur, aber auch deswegen – eine große Anhängerin von Martin Schläpfer. Gespannt bin ich vor allem, weil es für mich die erste Aufführung von Demis Volpi ist. Meine Erwartungen sind also gemischt. Doch sie werden in beinahe jeder Hinsicht übertroffen und ich kann die   jubelnde Begeisterung des Premierenpublikums teilen.

Diese Inszenierung ist perfekt: Sie zerstreut auf das angenehmste, ist verspielt und kurzweilig, ohne jedoch oberflächlich zu wirken. Das ist Storytelling at it’s best! Ich kann mich an keine Aufführung der DOR erinnern, bei der die Zeit so schnell verstrich. Auch die Gewerke – Bühnenbild und Kostüme – harmonisieren bis ins kleinste Detail. Wir erleben klassisches Handlungsballett in einer wunderschönen Kulisse, mit viel Kreativität und einer guten Portion Humor umgesetzt. Dabei kommen auch psychologische Aspekte nicht zu kurz und, insbesondere im ersten Akt, einige Gruseleffekte, die E.T.A Hoffmann ihre Referenz erweisen. Fürs Gruseln zuständig ist  zum einen der Pate Drosselmeier, der schon in seiner Aufmachung eher an einen bösen Zauberer oder einen Dämon als an einen lieben Onkel erinnert. Aber auch die Darstellung der Mäuse als Alter Egos der kompletten Familie, die nach dem augenscheinlich so harmonischen Weihnachtsfest in Claras Welt eindringt und sie bedroht, hinterlassen einen nachdrücklichen Eindruck und beschwören die Schattenseiten herauf, die ein solches Familienfests zwangsläufig mit sich bringt, wenn die familiären Beziehungen in Wahrheit nicht ganz so harmonisch sind. Auch im zweiten Akt werden die schönen Bilder immer wieder durch Eingriffe des Paten Drosselmeier in Claras Entwicklung bzw. in die Entwicklung ihres Verliebtseins gestört. „Übergriffig“ ist das Wort, das mir hierzu einfällt. Dennoch überwiegt in diesem zweiten Akt der Eindruck von Leichtigkeit. Höhepunkte sind für mich der Blumenwalzer als Tanz der Rosenblüten sowie der Tanz der Cupcakes. In ihren schönen Bildern erinnert mich die Inszenierung, ganz besonders die Cupcake-Szene, an Sophia Coppolas Film „Marie Antoinette“, und hier vor allem an die „I want candy“-Szene. (Der Film gewann den Oscar für das beste Kostümdesign.)

Ich bin schon gespannt auf die nächste Inszenierung von Demis Volpi, denn die anderen Opern- und Ballettscouts versichern mir „Er kann auch anders“.

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt Düsseldorf.

Psychedelic-Trip durch Raum und Zeit

Jürgen Ingenhaag über die Premiere „Tristan und Isolde“

Isoldes Liebestod ist zweifellos der Höhepunkt eines fünf-stündigen Abends.

Wenn Alexandra Petersamer als Isolde von Erlösung singt und sich allmählich die leere Bühne mit Orchestermusikern füllt, bleibt kein Auge trocken. Man ist überwältigt und sprachlos. Eine weitere Gänsehaut jagt mir nach dem langen Schlussapplaus unser Gang durchs Theater zur Nachbesprechung ein. Vorbei an der großen Bühne begegnen unserer Opernscout-Gruppe viele Künstler und Bühnentechniker – Menschen aus Fleisch und Blut, die ein wirkliches und lebendiges Musiktheater erst möglich machen. Ich empfinde Respekt und Dankbarkeit.
Großer Dank geht an die Rheinoper, die in der verrückten Zeit einer nicht enden wollenden Pandemie das Experiment wagt, ein Werk von Richard Wagner aufzuführen. Eberhard Kloke dünnte die Partitur aus ohne sie zu entstellen. Ein direkter Vergleich ist schwer möglich, denn wie oft hört man schon den „Tristan“? Auf der Bühne spielen ein Streichquartett und ein Englischhorn eine wichtige Rolle. Fernab des Orchestergrabens klingt das sehr intim. Überhaupt muss es ja nicht immer laut sein, oder? Aber als das Liebespaar im zweiten Aufzug kein Ende seiner Träumereien finden will, steht es am Morgen einer lautstarken Bläsergruppe gegenüber. Wer wünscht sich schon, so unsanft geweckt zu werden?!
„Den ich hassen will, kann ich lieben.“ Das trifft auf Isolde im ersten Aufzug zu. „Liebe macht blind und krank“ (– und manch einer stirbt an gebrochenem Herzen). Das ist Tristan im dritten Aufzug. Daniel Frank überrascht spätestens hier mit seiner wohlklingenden Tenorstimme, die sich anfangs gegen seine Partnerin schwerer behaupten konnte. Der Komponist Richard Wagner hat sich mit diesem Werk von seiner verbotenen Liebe zu Frau Mathilde Wesendonck selbst therapiert. Der Regisseur Dorian Dreher hat uns in einer außergewöhnlichen unblutigen Inszenierung dieses Psychodrama vor Augen geführt.

Lassen wir uns darauf ein, genießen wir die Droge Wagner und folgen einem Psychedelic-Trip durch Raum und Zeit!

Jürgen Ingenhaag
Fachkraft für Arbeitssicherheit

Als Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert Jürgen Ingenhaag klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Als Opernscout versteht er sich als „Botschafter für das Theater Duisburg“. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge“. Seine Leidenschaft für Rock- und Popmusik hat ihn nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden.

Feuerwerk der fantasievollen Ideen

Dr. Sassa von Roehl über die Premiere „Der Nussknacker“

Mit dem „Nussknacker“ verband ich klassisches Ballett, wie ich es schon in meiner Kindheit kennengelernt hatte. Ich war natürlich gespannt, was Demis Volpi aus diesem Stoff machen würde.

Meine Erwartungen wurden weit übertroffen!
Die Premiere am Samstag entführte mich in eine ideensprühende Zauberwelt, in der ich vor lauter Begeisterung Zeit und Raum um mich herum vergaß, Zu Tschaikovskys vertrauten Melodien entfaltete sich ein bunter Bilderbogen mit vielfältigen Tanzdarbietungen, mit beeindruckenden Kostümen und einem märchenhaften Bühnenbild. Besonders gut gefielen mir die Divertissements, wie der Tanz der Mäuse, der Cupcakes, der Blumen, der Lichterketten und auch die Fotosession der Familie. Es ergaben sich immer wieder überraschende Konstellationen, wie ich sie auch als eifrige Ballettbesucherin noch nie gesehen habe.
Demis Volpi ist es mit der Einbeziehung junger Choreographen gelungen, einen frischen und nicht allzu ernsten Blick auf die Geschichte des Erwachsenwerdens von Clara zu werfen. Trotzdem bleibt genug Seriosität, um Claras Aufbegehren gegen die Mutter und ihre beginnenden Liebesgefühle für einen Mann in Gestalt des Nussknackers gut nachvollziehen zu können.

Ich werde die Aufführung noch einmal besuchen, um noch mehr Details zu entdecken. Das kam bei einem Ballett noch nie vor!

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“.  Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Mit Mozart im Wald

Benedikt Stahl über die Premiere „La clemenza di Tito“

Oje, mittlerweile sind drei Wochen vergangen seit ich in Mozarts „La Clemenza di Tito“ war und der Text dazu ist immer noch nicht geschrieben. Leider hat mir persönlich aber auch die Aufführung nicht so sehr gefallen und was soll man da schon sagen? Beim Waldspaziergang in der goldenen Herbstsonne, flüstert Mozart mir zu, es vielleicht mal mit dem zu versuchen, was gut war. Und ist. Der Schlingel.


Gut war und ist: die Musik! Und außerdem – soviel ich als Nichtmusiker davon verstehe – wunderbar gespielt und gesungen von den Düsseldorfer Symphonikern, dem Chor der Oper und allen Sängerinnen und Sängern! Das bekommt zu Recht viel Beifall.
Gut war und ist: das Drama! Eigentlich hochaktuell, wie sich die politische Elite (und eigentlich alle) in einer Mischung aus Eifersucht, Neid, Angst, Machtbesessenheit und Missgunst mordlüstern verfolgt. Am besten spielt man das als eindringliche Mahnung vor Sondierungs- und Koalitionsgesprächen – obwohl, nein, aus denen scheint ja auch ohne Oper etwas zu werden. Dann vielleicht vor der kommenden Vereidigung der nächsten Bundesregierung. Mozart hätte da etwas mitzugeben, das nachklingt.
Gut war und ist: dass, wenn die gezeigten Bilder irgendwie nicht mit den inneren übereinstimmen, man ganz einfach die Augen schließen und sich zum Beispiel eine wunderbare weite und weiße Treppe vorstellen kann, auf der sich die Protagonisten, ähnlich wie auf Raffaels Fresko der Schule von Athen einfinden, um dort das Leben zu spielen.
Gut war und ist: die Oper überhaupt! Erst recht, wenn man es aufgrund einer Fahrradpanne gerade noch zur letzten Minute schafft und sich dann darüber freut, endlich wieder einmal eine richtige Oper zu sehen.

Gut war und ist: immer irgendwas!

Danke Herr Mozart fürs Flüstern und Danke Oper Düsseldorf für die Einladung!

Benedikt Stahl

Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle Komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

…am Ende alle Fragen offen…

Michael Langenberger zur Premiere „La clemenza di Tito“

Mozart-Oper – alles klar, sollte man denken. Allerdings mit „La clemenza di Tito” verhält es sich ein wenig anders. Doch von Anfang: Also, zeitgleich mit der Zauberflöte komponierte Mozart eine Auftragsoper zur Krönung Kaiser Leopolds II. zum König von Böhmen. Allerdings entstand das Werk in Rekordzeit von um die 3 Wochen. Nicht viel Zeit also zur Komposition vieler Arien, zumal sich der kränkelnde Komponist nahezu zeitgleich auch noch um das berühmte Klarinettenkonzert und das Requiem kümmern musste. Stattdessen erleben wir reichlich Rezitative. 

Das Stück dreht sich darum, wie aus dem blutrünstigen militärischen Oberbefehlshaber Titus ein “idealer Herrscher” römischer Kaiser wurde, wie uns Historiker wissen lassen. Intrigante Freund- und Liebschaften, denen er zu Opfer fallen soll, entgeht er durch Zufall und steht nun vor der Frage, wie er mit dem Hochverrat umgehen soll.
Erst deutlich nach der Aufführung wird mir klar, was Mozart hier mit uns Zuschauern macht. In unserer Opern-Scout-Runde nach der Aufführung gibt es wie immer unterschiedliche Meinungen. Mehrheitlich, auch ich, sind wir der Meinung, dass uns das Stück emotional nicht besonders berührt hat. Andererseits gibt es klare Meinungen, wie man mit dem Hochverrat umgehen muss.
Ich stimme diesbezüglich der Inszenierung von Michael Schulz mit seinem eigentlich nicht ganz werktreuen Ende nicht zu. Meiner Meinung nach widerspricht die Schlussinszenierung dem, was möglicherweise Mozarts Anliegen war, nämlich bei der Inthronisierung Leopolds II., auf die Kraft der Vergebung und damit auf eine gesellschaftliche Weiterentwicklung hinzuweisen. Vergessen wir nicht, wie stark Mozart in den letzten Monaten vor seinem Tod die fünf Ideale (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität) der Freimaurer, deren Mitglied er war, z.B. auch in der Zauberflöte, versucht hat den Menschen näher zu bringen.
Anders herum, und noch einmal mit vielen Stunden Abstand, wird mir erst klar, wie emotional uns das Stück doch berührt hat – wir uns zu einem spontanen Urteil haben hinreißen zu lassen. Mozart fordert uns mit unserer Haltung heraus: Wie wären wir mit Titus Situation umgegangen…? Würden wir das spontane Urteil zum Hochverrat damals, bezogen auf einen Hochverrat in der heutigen Zeit genauso fällen? In sofern ist diese Oper, wie uns das wahre Leben der letzten Monate und Jahre zeigen, hochpolitisch, brandaktuell und in diesem Sinne vielleicht immer mal eine Erinnerung daran, sich selbst zu täglichen Umgangsformen und Konsequenzen zu hinterfragen.

Die Oper an sich ist wenig spektakulär. Man mag mich Lügen strafen, doch eine der schönsten der wenigen Arien (“Ah, perdona primo affetto”) bedient sich m.E. reichlich beim Thema der Händel- Oper “Alcina”. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb, ein wahrer Genuss, genauso wie auch durchweg alle Choreinlagen. Wie immer singen die Chormitglieder nicht nur brillant, sondern spielen ihre Rollen als Darsteller in dieser Inszenierung, die mit wenig Schauspiel und dynamischen Bühnenbildern u.v.a.m., den sonst so Mozart-typischen Attraktionen, auskommen muss. Es zeigt sich wieder einmal, wie toll die Besetzungscouch im eigenen Hause der Deutschen Oper am Rhein bestückt ist. Alle Solisten brillieren in ihren Rollen, kommen allerdings, weil es eben vergleichsweise wenige große Arien gibt, nur unterschiedlich zu Geltung. So wundert es auch nicht, dass die beiden männlichen Solisten eher etwas zurückzufallen scheinen. Doch wie könnte einen das auch wundern, wenn vier so starke Frauenstimmen, zumal auch noch mit melodiösen Arien gesegnet, den Schwerpunkt des Klangteppichs liefern? …eben dem Werke geschuldet.
Endlich mal wieder ein ganz normaler Opernabend, mit Halbzeitpause! Dafür, dass „La clemenza di Tito“ vergleichsweise statisch und Rezitative eher zu ermüdenden Handlungslängen führen, bin ich selbst überrascht, wie kurzweilig und leicht die rund 2 3/4 Stunden verfliegen. Auch in dieser Hinsicht überrascht mich das Werk. 

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

La clemenza di Tito

Stefanie Hüber über die Premiere „La clemenza di Tito“

Nachdem der Premierenbesuch von “Geschlossene Spiele“ nur 7 Tage vorher mich durch seine Vielfalt sowohl musikalisch als auch visuell sehr begeistert hat, empfand ich die Aufführung von „La clemenza di Tito“ als Gegenpol recht reizarm.

Das lag einmal an der Handlung, die recht simpel gestrickt war, als auch an den vertrauten Mozartklängen. Beides, sowohl Handlung als auch  Musik, haben mich nicht überzeugt und ich finde , dass diese Oper zu Recht zu einer von Mozarts schwächeren gehört.
Gesanglich begeisterte mich vor allem Sarah Ferede. Auch Maria Kataevas Mezzosopran gefiel mir sehr, allerdings hatte sie zeitweise mit Intonationsproblemen zu kämpfen.
Bühnenbild und Kostüme bestanden aus vielen nicht gelungenen Stilbrüchen, Dadurch wirkte beides überfrachtet.
Zwischendurch gab es durchaus Szenen, in denen die Oper in Schwung kam, vor allem wenn der Opernchor in Szene trat. Jedoch flachte die Handlung immer wieder ab, so dass ich mich stellenweise langweilte.
Die Klarinettensoli auf der Bühne waren zwar schön gespielt ,jedoch wirkten die beiden Musiker seltsam deplatziert, als wären sie ungewollt auf die Bühne gezerrt worden.

Nach dem trotzdem lange anhaltenden Schlussapplaus verließ ich, von der Choreographie enttäuscht, jedoch musikalisch versöhnt den Zuschauerraum.

Stefanie Hüber

Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Endlich wieder Oper!

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „La clemenza di Tito“

Nach langer Wartezeit endlich wieder Oper! Mit schwerem klassisch-roten Samtvorhang und roten Polstern: die Premiere von La Clemenza di Tito.

Schon mit den ersten Klängen der Ouvertüre wurde klar, hier dirigiert jemand (Marie Jacquot) mit der Fähigkeit, Mozart Frische, Dynamik und Transparenz zu verleihen. Das war ein Genuss, wo es doch so schwierig ist, Mozart ohne ausgeleierte Melodien zu spielen.
Dann kam das Stirnrunzeln. Das Bühnenbild war trotz der praktischen zwei Ebenen mit vielen Türen wenig ansprechend – unzählige senkrechte und waagerechte Eisenstreben störten die visuelle Wahrnehmung der Protagonisten, die in modernen und nicht überzeugenden Kostümen auftraten. Dafür war die Personenregie und das Schauspielen der Sänger ein schöner Ausgleich.
Mozarts letzte Oper hat viele schöne Musik, aber auch lange Phasen mit Sprechgesang. Die Stimmen waren sehr gut gewählt, nur der Kaiser Titus (Jussi Myllys) fiel etwas ab. Am besten gefiel mir Heidi Elisabeth Meier mit ihrer klaren und Mozart-haft weichen Stimme. Höhepunkte waren neben wenigen Arien die Szenen mit dem wieder eindrucksvollen Chor. So wirkte das Klagen über den vermeintlichen Tod des Kaisers am Ende des ersten Aktes auf mich beklemmend schön.
In seiner Inszenierung hatte sich Michael Schulz einen vom Libretto abweichenden Schluss einfallen lassen, der zwar nicht zum erwarteten schönen Ausklang à la Hollywood führte, aber eine politisch-realistische Note auf die Bühne brachte. Mehr sei nicht verraten.

Fazit: Eine letztlich ernste Oper, die dank Mozart, der Dirigentin, dem Chor und den passenden Stimmen einen sehr belebenden Abend bewirkte.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

„Geschlossene Spiele“ von Demis Volpi

Stefanie Hüber über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Das war die erste Choreographie von Demis Volpi, die ich zu sehen bekommen habe und ich bin schon jetzt ein Riesenfan von ihm.
Dabei hat er es in Düsseldorf wirklich nicht leicht , da er als Nachfolger von Martin Schläpfer in riesige Fußstapfen tritt.

Das Handlungsballett basiert auf einem Theaterstück von Julio Cortazar und spielt irgendwann im Zeitraum der argentinischen Militärdiktatur. Demis Volpi, selbst Argentinier ,ist noch zu jung , um von dieser Ära persönlich etwas mitbekommen zu haben, dennoch wird sie ihn indirekt geprägt haben.
Da ich die Schauspielvorlage nicht kenne, ist das Ballettstück für mich schwer interpretierbar, zudem auf der Bühne auch dadurch, das immer mehr Protagonisten erscheinen und auch bleiben, mehrere Handlungsstränge parallel ablaufen.
Jeder Tänzer hat einen individuellen Tanz-und Bewegungsstil und auch die Kostüme unterscheiden sich völlig voneinander. Die einzelnen Charaktere werden persifliert und in völlig übertriebenen Bewegungen dargestellt.
Die für mich zentrale Figur, der Richter, wird von einem sehr grossen und blonden Tänzer getanzt und hat ein sehr charismatisches Auftreten. Sein Aussehen erweckt sofort bei mir die Assoziation zum Naziregime. Er trägt zwar keine Uniform, aber bewegt sich zeitweise trotzdem im Stechschritt. Passend zu der Tatsache ,dass er über Leben und Tod richtet, gibt es eine Szene ,in der er stark zitternd auf seinem Stuhl sitzt, was mich an die Hinrichtung auf einem elektrischen Stuhl erinnert.

Keiner der Charaktere ist unwichtig und wirkt als Statist oder untergeordnet; und so ausgewogen ist auch der Schlussapplaus , der jeden  der hervorragendenTänzer, die auch  schauspielerisch eine hervorragende Leistung geliefert haben, fast gleich euphorisch beklatscht.

Stefanie Hüber

Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Ballett, wo richtig was los ist

Michael Langenberger über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Schauspiel ,was in einem urigen, etwas abgeranzten, argentinischen Lokal spielt. Der Klavierspieler gehört genauso dazu wie ein Postschalter. Jeder Gast und Servicemitarbeiter ist mit sich und seinen individuellen Problemen beschäftigt. Doch anstatt dass sich das Schauspiel mit Worten an sein Publikum wendet, kommuniziert jeder Darsteller durch sein ureigenes Köperbewegungs-Vokabular mit dem Publikum. Der Rolle jeder Person entsprechend, scheint die Charakteristik deren individuellen Bewegung völlig logisch und klar. Eben so, als würde man in weiter Ferne einen guten Bekannten alleine an seiner Bewegung erkennen. 
Bewegen sich viele gleichzeitig, ergibt das ein Stimmengewirr, wie wir es eben selber auch aus Lokalen kennen – hier nur eben tänzerisch. Jeder bleibt bei sich und seinen Bewegungsmustern. Die Tanzstile passen, wenn man so will, (absichtlich) überhaupt nicht zusammen und sind gleichzeitig gewissermaßen stereotyp der Rolle – Gewirr eben. Um also überall mal “reinzuhören” muss ich mich auf einzelne Tänzer konzentrieren und bemerke aus dem Augenwinkel, dass ich möglicherweise an anderer Stelle etwas Anderes verpasse. Ein einziges Wimmelbild. Überall ist richtig etwas los.

Der thematisch rote Faden dreht sich um die Fragwürdigkeit eines Todesurteils des Richters, der eben auch zu Gast ist. Über das Radio an dem Postschalter wird die Gesellschaft auf dem Laufenden gehalten. So gerät der Richter mehr und mehr unter Druck all der anderen Gäste. Die Nachricht über die erfolgte Exekution löst bei den anderen Gästen ihre eigene Bewegungs-Individualität auf und synchronisiert sich in einer gemeinsamen Attacke auf den Richter. 
Entsprechend einem “Geschlossenen Spiel” beim Schach, bei dem die Verteidigungslinien (das eigene Tanz-Vokabular) so lange wie möglich aufrecht erhalten werden, zieht der ganz in weiß gekleidete Schachspieler, als würde er das Treiben von außen betrachten, subtil die Fäden; leitet andere Bewegungssequenzen ein.
Das äußerst unterhaltsame Treiben wird, je näher das Stück ans Ende rückt, immer politischer. Befasst uns mit der politischen Verlogenheit in der Zeit der Militärdiktatur Argentiniens unter J. R. Videla. Dieser konkrete Zusammenhang ergibt sich aus der Schauspielvorlage des argentinischen Schauspiels von Julio Cortázar. Doch wer will, kann durchaus seine Fragen zu unserer heutigen Gesellschaft und dem individuellen Handeln in unserer Zeit daraus ableiten.
Und eben alles getanzt. Bis auf das Radio – kein einziges Wort. Hochpolitisch und unterhaltsam gleichzeitig. Alles “nur” Körpersprache und dennoch verstehen wir alles, egal welchen (körpersprachlichen) Dialekt. 

Demis Volpi versteht es offenbar, unser Inneres zu ergreifen – uns zu befähigen, wortlos komplexe Zusammenhänge zu erfassen und zu verstehen. So könnte sich Handlungsballett, die oft an Märchen o.ä. anlehnt sind, als eine ganz neue, eigene Kunstform zur Auseinandersetzungen mit dem realen Leben und der Vielschichtigkeit der Gesichtspunkte entwickeln – unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht u.v.a.m. Es scheint mir eine ganz besondere Fähigkeit von Amis Volpi zu sein, auf diese Spielweise Ballett gerade auch für neue und vor allem jüngere Altersgruppen zugänglich zu machen. Dazu passte dann auch, dass der begeisterte Schlussapplaus jedem Tänzer gleichermaßen galt. Es gab nicht die/den Primus inter Pares – alle sind wichtig.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

„Geschlossene Spiele“ von Demis Volpi

Stefan Pütz über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Vorweg – eine klare Empfehlung!

Auch für mich war „Geschlossene Spiele“ die erste Choreographie von Demis Volpi und war ebenso wie das Publikum absolut begeistert!
Volpi , der Nachfolger von Martin Schläpfer trumpft mit einem Erzähl- oder Handlungsballett auf: die Handlung spielt während der argentinischen Militärdiktatur, könnte jedoch auch in einem anderen südamerikanischen Land spielen.
Für zukünftige Bewunderer dieses Stückes hätte ich folgenden Tipp: Lehnen sie sich genüsslich zurück, lassen die Gesamtsituation auf sich wirken, versuchen sie nicht unbedingt einen Handlungsstrang zu finden und im Idealfall konzentrieren sie sich nicht auf eine Person – es werden zu viele kleine Geschichten erzählt!

Auf der Bühne , in einem südamerikanischen Hotel erscheinen immer mehr Personen, die auch dauerhaft dort verbleiben; es laufen mehrere Handlungsstränge parallel ab, die jedoch fast immer asynchron verlaufen – nur in der Schlüsselszene reagieren alle zusammen.
Jeder Tänzer hat einen individuellen Tanz-und Bewegungsstil und auch die Kostüme unterscheiden sich völlig voneinander.
Die einzelnen Charaktere werden persifliert und mit völlig übertriebenen Bewegungen dargestellt.
Zwei Figuren, der Richter und der Schachspieler, sind die Schergen des Systems; alle anderen handelnden Personen stehen dem Unrecht neutral oder ablehnend gegenüber.
Keine der Charaktere des Stücks ist unwichtig, keiner wirkt als Statist und so ausgewogen ist auch der Schlussapplaus: die ausgezeichneten Tänzer und Tänzerinnen, die auch  schauspielerisch eine hervorragende Leistung lieferten wurden alle gleich euphorisch beklatscht.

Fazit: Martin Schläpfer überzeugte in der Vergangenheit mit großen Ballettabenden, versuchte in seinen Choreographien Geschichten zu erzählen, die jedoch oft nicht zu Ende geführt wurden – dies wird beherrscht nun Demis Volpi!

Stefan Pütz
Inhaber von „Buch in Bilk“

Den Namen Stefan Pütz verbindet man mit „Buch in Bilk“, einer Buchhandlung in Unterbilk. Bei Kulturveranstaltungen ist er gern mit einem Büchertisch präsent, denn direkter Kontakt zu Kunden und persönliche Beratung sind ihm wichtig. Wichtig ist ihm jetzt – nach langer Abstinenz – auch wieder die Begegnung mit Oper und Ballett. Wagner Inszenierungen findet er grundsätzlich nicht sonderlich unterhaltsam, vom Ring am Rhein war er allerdings hellauf begeistert. Die Wagner Inszenierungen der Deutschen Oper am Rhein sind „besser als anderswo“.

„Geschlossene Spiele – Ein intelligentes Handlungsballett

Karolina Wais über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Zugegeben dauert es eine Weile, bis ich mich voll und ganz auf das Stück einlassen kann, aber als es soweit ist, bin ich begeistert. Begeistert aber auch enttäuscht darüber, wie viel mir entgangen ist, denn das Stück ist bewusst so gesetzt, dass Handlungen gleichzeitig passieren und es dem Zuschauer überlassen wird, auf welche er seinen Fokus setzt.

Die Bühne ist ein Restaurant in Buenos Aires, es ist Hotellounge, Kneipe und Tanzparkett zugleich. Das Radio als einzigen Sprecher des Stücks zu benutzen, ist ein schlauer Schachzug, so können die Tänzer*innen ihrer Körpersprache walten lassen. Einzelne Dialekte werden zum Beispiel gekonnt tänzerisch in Szene gesetzt.
Besonders fasziniert mich Niklas Jendrics, der den Richter verkörpert. Sein Kostüm ist perfekt gewählt. Die Art und Weise, wie er während seiner Bewegung die Waage balanciert, macht seine Figur so perfekt. Seine Tanzsprache plakatiert dazu einen Juristen einfach zu gut.
Entgegengesetzt verkörpert Orazio di Bella den Mann in Weiß mit so viel Leichtigkeit und Anmut, das es einfach schön anzuschauen ist.
Das Handlungsspiel nimmt seinen Höhepunkt, kurz bevor der Sprecher verkündet, dass das von dem Richter verhängte Todesurteil an dem Carlos Fleta vollsteckt worden ist, auf. Der Oberkellner erinnert den Richter nämlich an den Verurteilten, was ihn menschlich werden lässt, enthoben seiner Funktion als Richter. Brillant gelöster Augenblick.

Insgesamt ist es ein intelligentes und sehenswertes Handlungsballett von Demis Volpi.

Vielen Dank dafür.

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Geschlossene Spiele – ein absurdes Handlungsballett mit doch überraschend viel Realitätsbezug

Charlotte Kaup über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Schön, wenn auch noch ungewohnt, nach so langer Zeit endlich wieder ohne weite Abstände im Zuschauerraum zu sitzen und noch dazu von einem ebenfalls ungewöhnlichen, klugen und aufrührenden Stück überrascht zu werden!

Bisher stand ich Handlungsballetten – zumindest in klassischer Form – eher mit einer gewissen Skepsis gegenüber. Der Ballettabend von Demis Volpi hat mich jedoch wirklich begeistert!
Das Stück nach der Vorlage von Julio Cortázar erzählt keine konkrete Geschichte, sondern zeigt überspitzte Charakterstudien der agierenden, eher zufällig aufeinandertreffenden Personen, für die Volpi eine jeweils individuelle, bildreiche Bewegungssprache entwickelt. Obwohl sich alles in einem Raum abspielt, kommt es zunächst zu wenig Interaktion zwischen den verschiedenen Charakteren und so betrachten wir Zuschauer viele sich parallel ereignende, einsam tragische Lebensausschnitte. Zuletzt kommt es jedoch, aufgrund einer kollektiv als ungerecht empfundenen Entscheidung, trotz aller Unterschiede zur Kooperation.
Im Zusammenspiel mit musikalischen und akustischen Fragmenten und einem sehr liebevollen, detailreichen Bühnenbild schafft Volpi eine melancholisch bedrohliche Atmosphäre mit zugleich vielen lustig- bis bitter zynischen Momenten.
Für uns Rezipienten bleibt viel Raum für Interpretation – so mag man das Stück sowohl auf die argentinische Geschichte, insbesondere die Epoche der Militärdiktatur, als auch auf (immer) aktuelle Fragen nach Gerechtigkeit und Entscheidungsmacht beziehen.
In jedem Fall wird man neben hervorragender Unterhaltung angeregt, sich mit persönlichen Assoziationen auseinanderzusetzen.

Besonders positiv hervorzuheben ist die Leistung sämtlicher Tänzer, welchen in diesem Stück neben dem Tanz auch einiges an schauspielerischer Qualität abverlangt wurde.
Für einen Ballettabend hätte ich mir insgesamt vielleicht noch etwas mehr Tanz gewünscht, aber dafür gibt es sicher noch Gelegenheit im Rahmen anderer Stücke.

Vielen Dank für diesen Abend voller Absurdität, Witz und Tragik. Ich freue mich auf mehr!

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Bevor die junge Ärztin ihre Stelle in Mönchengladbach antrat, war sie als Ballettlehrerin im Hochschulsport tätig. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires. Durch ihre Teilnahme am Opernscout-Projekt entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für die Oper. Vor allem gefällt ihr als Scout die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.