Maren Jackwerth über b.31

Einem Märchen entrückt

Trilogie: Martin Schläpfers „Obelisco“, dann „Adadgio Hammerklavier“ von Hans van Manen und zuletzt erlebten wir auf der Bühne von den Choreographen Sol Leon und Paul Lightfoot „Sh-Boom“.
Wieder einmal zeigt Schläpfer zur Musik von Marla Glenn, Mozart und Schubert, was seine Tanzgruppe leisten kann, einmal tanzt Marlúcia do Amaral sieben Minuten auf Spitze, federleicht und doch schmerzerfüllt?
Es gibt Soli, so von Marcus Pei, der feingliedrig seine Bewegungen einsetzt, im Paartanz offenbaren Yuko Kato und Friedrich Pohl ihr Können, indem sie auf extrahohen Absätzen sich leichtfüßig zu „Chambre separée“ aus dem Opernball von Richard Heuberger bewegen.
Van Manen lässt zu Beethovens B-Dur Sonate Nr. 29 tanzen: perfekt abgestimmte Choreographie spiegeln eine Leichtigkeit wider bis ins Unendliche. In weiße, wehende, glitzernde Kleidchen erscheinen die Damen und ein männlicher Tänzer ist der Prinz. Ein Ballett einem Märchen entrückt.
Und „Sh-Boom“ wiederum zeigt Tänzer bei schwungvoller Musik der 20er Jahre, wie am Broadway. Ein Konfettiregen kommt urplötzlich und reißt die Zuschauer mit. Und dennoch ist irgendetwas uneins, die Tänzer versuchen oberflächlich bei der Sache zu bleiben, obwohl die Musik mitunter stoppt. Ein Spiegelbild der Gesellschaft, wo nur oberflächlich alles glänzt und schimmert?

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Maren Jackwerth
Anwältin
Die in Düsseldorf ansässige Rechtsanwältin, Mediatorin und Stiftungsmanagerin betreibt eine Kanzlei an der Königsallee und entwickelt Kommunikationslösungen im Bereich Corporate Social Responsibility und Kunst. Um das soziale Engagement von Unternehmen mit dem der gemeinnützigen Organisationen zu verbinden, hat Maren Jackwerth das Rheinische Stifterforum gegründet. Bildungsförderung auch im kulturellen Bereich ist ein Schwerpunkt des Netzwerks.

Stephanie Küthe über „Don Carlo“

Was für ein grandioser Opernabend!

Regisseur Guy Joosten hat ein modernes, packendes Familiendrama inszeniert, wie es heute nicht besser geschrieben werden könnte. Dass bei ihm die private Tragödie im Mittelpunkt steht, zeigt schon das Bühnenbild: Ort der Inszenierung sind ausschließlich die vermeintlich privaten Schlafzimmer der Protagonisten, wo jedoch Hofstaat und Inquisition ein- und ausgehen. Und auch die prunkvollen goldenen Palastwände, die immer wieder transparent werden, bieten keine Privatsphäre – eindrucksvoll, wie Joosten das Scheitern von Elisabettas und Carlos Liebe an der Kontrolle des Staates und der Kirche auf allen Ebenen darstellt.
Dass die Geschichte so berührt und fesselt, liegt vor allem an der schauspielerischen Leistung der Darsteller, allen voran Gianluca Terranova in der Titelpartie. Aber auch musikalisch überzeugten an diesem Abend ausnahmslos Alle. Celine Byrne als Elisabeth zieht den Zuhörer vor allem mit ihren leisen Tönen ganz in ihren Bann und auch Bogdan Baciu beeindruckt als Posa, um nur zwei Sänger aus einer durchweg phantastischen Besetzung zu nennen. Auch Chor und Orchester brillierten in gewohnter Präzision, unter der musikalischen Gesamtleitung von Lukas Beikircher.
Am Ende gab es stehende Ovationen – zu Recht!

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Stephanie Küthe
Tätig im Eventmanagement eines Energiekonzerns
Seit ihrer Kindheit begeistert sich Stephanie Küthe für das Musiktheater, sang im Kinderchor der Bonner Oper und stand jahrelang in verschiedensten Produktionen selbst auf der Bühne. Die Diplom-Kauffrau und Musikwissenschaftlerin singt heute wieder mit Begeisterung im Chor und verpasst keine Inszenierung der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout freut sie Sich darauf, ihre Gedanken zu Inszenierungen in Worte zu fassen und andere mit ihrer Begeisterung anstecken zu können. Ganz besonders gespannt ist sie dabei auf den Austausch mit anderen Opern- und Ballettscouts.

Martin Breil über „Don Carlo“

Armer Don Carlo….

Das Schöne an der Oper ist, dass man dort Geschichten erlebt, die es sonst nirgendwo gibt.
Stellen Sie sich vor, ihr Sohn liebt ihre Frau, mit der Sie in dritter Ehe verheiratet sind. Oder, andersherum, die (Stief-) Mutter ist in ihren Sohn verliebt, obwohl Sie mit dessen Vater verheiratet ist. Oder, Sie als Sohn, müssten Ihren Vater ermorden, um Ihre „Mutter“ für sich zu erobern… Unglaublich !
Don Carlo, Sohn des spanischen Königs Philipp II., weiß nicht mehr ein noch aus. Er liebt Elisabetta, Prinzessin von Frankreich, die ihm versprochen wurde und nun mit seinem Vater verheiratet ist. Sein einziger Freund Rodrigo di Posa, ein von Carlos Vater unterdrückter Freiheitskämpfer, hält zu ihm.
Giuseppe Verdi hat nach der Vorlage von Friedrich Schiller mit „Don Carlo“ ein großartiges Drama über das Freiheits- und Unabhängigkeitsstreben sowohl politisch als auch aus Staatsräson unterdrückter Individuen geschaffen.
Am Anfang wirkt die Oper sehr statisch und wenig handlungsbetont. Aber Verdi versteht es, die Gefühle und Emotionen der verschiedenen Individuen mit ihren Ängsten und Nöten musikalisch derart treffend zum Ausdruck zu bringen, dass es für ihn keines großen Bühnenspektakels bedarf, um sein Publikum zu fesseln.
Das Bühnenbild besticht zunächst aufgrund seiner goldenen Wände, die sich, streng orthogonal angeordnet, im Laufe des Abends, von intimen Gemächern, zu einem Richtplatz und schließlich in ein Königsgrab verwandeln.
Die Soli, Duette, Terzette und Quartette sind so ausdrucksstark, dass es genügt, mit dem Bühnenbild Stimmungen optisch nur anzudeuten. Celine Byrne als Elisabetta beeindruckt mich dabei stimmlich am meisten. Das gesamte Ensemble und die Duisburger Philharmoniker beweisen an diesem Abend während der dreistündigen Vorstellung wieder einmal große Klasse.

Diese Inszenierung ist emotional noch stärker als „Aida“, das Bühnenbild schlichter, aber dadurch inspirierender, ich kann sie sehr empfehlen- aber Vorsicht, anspruchsvoll und anstrengend!

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Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

Jessica Gerhold über „Don Carlo“

Inszenierungen vergleichen

Ein schweres Stück! Das bespickt ist mit allen erdenklichen Konflikten, die eine Oper groß werden lassen: Eine historische politische Figur, Kirche und Staatsoberhäupter im Machtkampf, verbotene Liebe und Leidenschaft, Familienverstrickungen, die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung. Eigentlich wahnsinnig spannende Themen. Emotional wurde ich auch durch alle Akte immer tiefer in den Bann gezogen, es ergriff mich aber leider nicht vollends. Woran dies lag? Nun, das Bühnenbild war nicht der Grund! Wie fast immer, war ich „hin und weg“ von der genialen einfachen Idee, die den Zuschauer in die verschiedenen Schauplätze wie u.a. die königlichen Gemächer entführte. Es wirkte wie ein gewaltiger goldener Käfig dem man nicht entfliehen kann, mit durchlässigen Mauern die doch Ohren haben. Ein Kompliment an die Bühnenbildnerideen!
Auch die Stimmen waren im Zusammenspiel mit den Philharmonikern ergreifend. Alleine das Spiel von Gianluca Terranova als Don Carlo fand ich teilweise zu statisch. Am charismatischsten und herausstechendsten empfand ich persönlich Bogdan Baciu, hier in der Rolle von Di Posa. Alle Frauen waren stark besetzt und authentisch umgesetzt!
Schlussendlich lädt das Stück zu anregenden Diskussionen an und motivierte mich ungemein mir eine zukünftige „Don Carlo“- Aufführung zum Vergleich anzuschauen!

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Jessica Gerhold
Gymnasiallehrerin
Jessica Gerhold ist gebürtige Duisburgerin und arbeitet als Gymnasiallehrerin. Von jeher hat sie sich für das Theater interessiert.  Bei ihrer Berufung zum Opernscout war sie eher skeptisch, ob sich ihre bisher eher distanzierte Haltung zu Oper und Ballett verändern würde. Nach ihrer ersten Spielzeit sind die Zweifel verflogen. Sie ist stolz auf das, was in ihrer Heimatstadt geleistet wird und hofft, dass sich zukünftig viel mehr Menschen von der Leistung der Künstler live faszinieren lassen.

Uwe Schwäch über b.32

Getanzte Gefühle in einer sakralen Musikwelt

Im neuesten Ballett von Martin Schläpfer erleben wir die Zusammenführung einer katholischen heiligen Liturgie mit Zügen einer erzählten und dennoch abstrakten Handlung. Musikalisch wird der Zuschauer in das Jahr 1863 entführt, in dem Rossini die Messe „Petite Messe solennelle“ komponiert hat. Der musikalische Kontrast zu der modernen, filigranen und technisch ästhetischen Tanzsprache von Schläpfer bildet eine Herausforderung und bisweilen entsteht eine Bild-Musik-Schere, die den Zugang zu diesem Ballett erschwert.

Dabei gestaltet sich das Setting auf der Bühne sehr ansprechend: Sakrale Säulen unterstreichen den religiösen Charakter und vermitteln gleichzeitig die Atmosphäre eines Marktplatzes in Südeuropa. Buntes Treiben erzeugt Vielfalt und Abwechslung, wenngleich nicht alle Szenen in ihrer Bedeutung überzeugen. Die vom Schicksal geprägten und dennoch zeitlich eleganten Kostüme ergänzen das Bild und hinterlassen einen insgesamt starken visuellen Eindruck. Die somit erzeugte Schlichtheit lässt Raum für den Tanz. Schläpfer inszeniert Menschen mit echten Gefühlen und unterschiedlichen Charakteren. Ob alleine, zu zweit oder in unterschiedlichen Gruppierungen, dem Zuschauer werden sehenswerte tänzerische Umsetzungen zeitgenössischer Ballettkunst mit technischen Finessen geboten. Den Tänzerinnen und Tänzern gelingt es, ein Spektrum sozialer Konstruktionen und Emotionen aufzubauen. Wir nehmen Teil an Zuneigung, Spiel, Spaß und Geselligkeit, erleben aber auch psychologische Konflikte wie Eifersucht und Isolation. Trotz der Brüche zwischen Tanz und Musik addiert diese eine besondere, über den sakralen Moment hinausgehende Stimmung. Die vier Stimmen Sopran, Alt, Tenor und Bass singen gemeinsam mit dem Chor feierlich und durchdringen das Opernhaus (trotz der Tatsache, dass Sie im Orchestergraben sind). Die Instrumentierung ist ausgesucht und authentisch: Die zwei aus der Kompositionszeit stammenden Klaviere sowie ein Harmonium schaffen einen authentischen, kontemplativen und gedämpft stimmungsvollen Musikrahmen, der zwar nicht an den bekannten Rossini erinnert, aber dennoch ein musikalischer Ohrenschmaus ist. Beide Herzstücke dieses Ballettabends – Tanz und Musik – sind sehen- und hörenswert. Leider treffen sie sich nicht immer in der gewünschten harmonischen Verbindung.

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Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

Christoph Grätz über „Don Carlo“

Trotz guter Zutaten, etwas fad

Eigentlich hat diese Oper alles was es braucht, persönliche Dramen, familiäre Konflikte, politische Verwicklungen und Intrigen, Liebe, Leidenschaft, Hass, Verrat, Verzweiflung und jede Menge Pathos und das auch noch mit großartiger Musik versehen. Und doch ist der Funke bei dieser Inszenierung von Verdis „Don Carlo“ bei mir nicht übergesprungen. Mich hat die herzzerreißende Geschichte des jugendlichen Infanten von Spanien, der seine Stiefmutter liebt, nicht wirklich berührt. Vielleicht lässt sich dieser Opernabend am besten mit einem Teller Pasta vergleichen, bei dem zwar alle Zutaten stimmen, und doch die Nudeln verkocht und die Gambas trockengebraten sind.
Ich hätte mir gewünscht, dass die Zerrissenheit der Charaktere, vor allem Don Carlos und Elisabettas packender rübergekommen wären. Die Dilemmata von politischen Interessen und Pflichterfüllung einerseits, Liebe, Leidenschaft und Verlangen andererseits, hätten dramatischer sein dürfen. Ich habe echte Spielfreude bei den Sängerinnen und Sängern vermisst. Da gab es Szenen, etwa wenn König Filippo II. seinen Sohn Don Carlos versucht zu bezwingen, die für meinen Geschmack zu sehr auf den gesanglichen Part konzentriert waren. Solche fast gewalttätigen Momente brauchen einfach vollen Körpereinsatz um glaubwürdig zu wirken.

Mir war die Inszenierung zu statisch. Der wirklich tolle Effekt des Bühnenbildes, das über die gesamten drei Akte fast gleich blieb – lediglich einige Elemente wurden über den Schnürboden heruntergelassen – nutzte sich trotz interessanter Lichteffekte über die drei Stunden doch ab. Auch bei den Kostümen hätte ich mir eine konsequentere Linie gewünscht. Die an Karneval erinnernden Eselsohren der flandrischen Gesandten, wirkten auf mich etwas albern.

Positiv war, wie gut die Stimmen der Sängerinnen und Sänger bei den mehrstimmigen Partien harmonierten. Die Stimmen waren alle gut; überragend fand ich aber keinen der Sänger, auch darstellerisch nicht. Am präsentesten vielleicht, war Liang Li als König Filippo II., der durch seinen kräftigen Bass die auch darstellerisch größte Präsenz erreichte, neben Sami Luttinen. Als Großinquisitor hat er diese Rolle mit der richtigen Gravität und emotionalen Kälte ausgefüllt. Besonders eindrucksvoll, das Duett mit König Philipp indem allzu deutlich wurde, wer zu dieser Zeit wirklich das Sagen hatte. Der Konflikt zwischen weltlicher und klerikaler Macht war eine zentrale politische Botschaft des Abends. Aber auch König Filippo war bei aller Härte seinem Volk – und vor allem seinen Sohn gegenüber – ein verletzlicher Mensch. Der für mich stärkste Moment des Abends war die Arie des Königs, in der er erkennt, dass Elisabetta ihn nicht liebt.

Don Carlo, in Liebe für deine Stiefmutter entbrannt, verschreibt sich aus Verzweiflung dem Freiheitskampf der Flamen. Er setzt seinem Verlangen, seiner Leidenschaft und Liebe zu Elisabetta die Erfüllung der fast heiligen Pflicht entgegen, die Befreiung des unterdrückten Volkes anzuführen. Was den beiden Liebenden am Ende bleibt, ist die Hoffnung auf eine Vereinigung im Jenseits. Welche Tragik, die ich in dieser Inszenierung aber nicht wirklich gefühlt habe.

Fazit: Für Verdi-Liebhaber lohnt der Abend schon musikalisch, die Inszenierung hat Schwächen.

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Christoph Grätz
arbeitet für die Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik. Als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er in seiner Arbeit zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Als Scout entdeckt er nun Oper und Ballett und freut sich, etwas davon mitteilen zu dürfen.

Isabell Boyer über b.32

Ein gefährliches Spiel

 Martin Schläpfers tänzerische Umsetzung der „Petite Messe solennelle“ ist so facettenreich und vielschichtig, dass es für ein ungeübtes und unvorbereitetes Auge kaum zu erfassen ist. Als ich zur Premiere der Uraufführung das Opernhaus erreichte, stellte ich mich auf etwas Frisches, Aufregendes ein und wurde nicht enttäuscht. Allerdings fand ich nicht so schnell den Zugang zum Tanz, wie es sonst bei mir der Fall ist. Ich musste mich von Partitur zu Partitur hangeln, die Assoziationen in regelmäßigen Abständen festhalten und anschließend wieder loslassen – ein gefährliches Spiel.
Ähnlich gefährlich, dramatisch und aufregend verkörperten die Tänzer den Konflikt zwischen Glauben und Alltag, Trieb und Bedachtheit, dem Willen der Gruppe und dem Wunsch des Einzelnen. Schläpfers Tanz ist so präzise, wie er abstrakt ist: Man sieht so Vieles und doch auch nicht. Beim ersten Hinschauen muss man genießen, sich berauschen lassen, dem hypnotischen Gesang folgen und sich von der Musik mitreißen lassen. Wer genau hinhört, erkennt bekannte Stimmen aus Opern wie „Turandot“ und „Arabella“, fühlt die Intensität des Chors und lässt sich von den Instrumentalsolisten in ihren Bann ziehen. Rossinis Musik ist melancholisch schön, perfekt umgesetzt im Arrangement des Balletts am Rhein. Im Tanz geht es dagegen wild zu. Abgehackte, triebhafte Bewegungen treffen auf fließende, voll ausgetanzte. Es wirbelt und kriecht, es stampft und schleicht – die gesamte Compagnie ist Teil des beeindruckenden Spiels.

Zuletzt bleiben in meinem Kopf so viele Fragen zurück. Was hat es mit der Marienfigur auf sich, die sich durch die Inszenierung zieht? Gewinnt die Liebe oder der Druck der Gesellschaft? Sind die Menschen gezwungen, ihre Triebe und Intuitionen zu unterdrücken oder gibt es einen Weg, Glauben und Leben miteinander zu vereinbaren? Die Fragen sind noch bis heute in meinen Gedanken und drängen nach Auflösung. Ein zweiter Besuch ist auf alle Fälle empfehlenswert, um das eine oder andere besser verstehen, aus einer anderen Perspektive sehen zu können. Wundervoll werden auch die Aufzeichnungen des Balletts sein. Die Akteure in ihrem vollen Glanz sehen zu können, jeden Gesichtsausdruck und jede Poesie in Nahaufnahme sehen zu können, wird ein neues Licht auf „Petite Messe solennelle“ werfen.

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Isabell Boyer
Studentin
Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.