Was will man mehr?

Markus Wendel über die Premiere „Der Nussknacker“

Alles beginnt wie eine Weihnachtserinnerung aus Kindertagen. Das Wohnzimmer ist abgeschlossen, durch die milchige Scheibe in der Tür erscheint die Silhouette des Weihnachtsbaums. Dahinter geschäftiges Treiben der Familie. Der Baum wird geschmückt, es wird angestoßen und Geschenke werden platziert.

Es dauert nur wenige Minuten, dann hat mich Demis Volpi’s Inszenierung von „Der Nussknacker“ gepackt. Erinnert an die eigene Kindheit rund um die Feiertage lehne ich mich entspannt zurück.
Es folgen zwei wunderbare Stunden mit vielen Ideen, einer kreativen Ausstattung und – einem seit langer Zeit endlich wieder voll besetzten Orchester. Die Dirigentin Marie Jacquot packt ordentlich zu. Von ruhig bis kraftvoll leitet sie das Orchester durch ein breites Spektrum von Emotionen.
Das Ballett-Ensemble wirkt wie aus einem Guss und zeigt große Spielfreude. Gerade in den lustigen Szenen spürt man dazu eine ganz wunderbare Leichtigkeit.
Einige der Tänze wurden von jungen Choreographinnen und Choreographen verantwortet. Wie ich finde absolut gelungen. Hier werden – nicht nur kostümlich – ganz besondere Ausrufezeichen gesetzt. An die Bilder der Leuchtkugeln, Rosen und Cupcakes werde ich mich wohl noch eine ganze Weile erinnern.
Und da sind wir an einem für mich ganz wesentlichen Punkt: An diesem Abend wird bewusst auf Experimente verzichtet. Eingängigkeit und Wohlfühlen ist angesagt. Zwei Dinge, die ich in den letzten Jahren regelmäßig vermisst habe beim Ballett am Rhein.

Mit einer großen Portion an Ohrwürmern geht es nach ca. 2 ½ Stunden wieder nach Hause. Und ich frage mich: Was will man eigentlich mehr? Mir fällt nichts ein – außer einem riesigen Dankeschön für einen wirklich gelungenen Abend.

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Demis Volpi lässt jetzt sogar die Türen tanzen…

Michael Langenberger über die Premiere „Der Nussknacker“

und die Mäuse, Schneeflocken, Blumen, Lichterkette, Cupcakes, natürlich auch die quirlige Familie – und natürlich die Titelfigur: DER NUSSKNACKER.

Der erste Akt bettet uns in das weihnachtliche Familienfest der Stahlbaums ein. Geschäftiges Treiben von Eltern, Kindern und Verwandten. Das Reale dabei, die körpersprachliche Rolle einer jeden Figur, gewiss etwas klischeehaft tanzend, doch vielleicht gerade deshalb, weil wir uns in verschiedensten Rollen selbst wiedererkennen – für uns als Zuschauer so leicht zugänglich.
Die Kinder tanzen Gummitwist und stillen ihre Neugier – es geht über Stühle und Tische. Die Erwachsenen reagieren mit abgestufter Wichtigkeit und Strenge. Natürlich darf ein Familienfoto nicht fehlen. Alleine die Aufstellungen und Posen dazu… exzeptionell!
Dann die Bescherung. Tochter Clara bekommt den hölzernen Nussknacker geschenkt, der in der Stille der Nacht (als ferngesteuerte Figur) plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Clara, die heimlich aufgestanden in der Nacht, dann plötzlich der menschgewordenen Figur begegnet, beginnt leichtfüßig die tänzerische Annäherung zu dem unbeholfen und sich geradezu hölzern bewegenden Nussknacker.

Schon bis hier hin ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus. Unglaublich viele Details im Bühnenbild, die tänzerische Aufteilung der gesamten Bühne, die z.T. heimeligen Lichteffekte – als Zuschauer ist man im Geschehen regelrecht gefangen. Schon zur Pause gibt es tosenden Applaus und die Sehnsucht darauf, dass es im zweiten Teil so weiter gehen möge.
Doch im zweiten Akt geht es dann erst mal so richtig los! In einem Feuerwerk verschiedener Tänzergruppen – s.g. Divertissements – begleiten Clara dabei, aus dem staksigen Nussknacker einen ebenbürtig anmutig tanzenden Partner zu machen. Jedes Divertissement hält spezifische Überraschungen bereit, wie z.B. die Schneeflocken, die verträumt säuselnd zu Boden gehen oder den Nachtlichtern (nur auf dem Kopf getragene Lichterketten, die die ansonsten ganz schwarz gekleideten Tänzer nahezu unsichtbar halten), die aus dem Nichts heraus erscheinen und wieder verschwinden und dazwischen eine Art Choreografie beleuchteter Köpfe darbieten. Dabei, wie auch mit dem Tanz der Blumen, der ausschließlich die Bewegungswirkung der Gruppe und nicht das herausstellen einzelner Tänzer im Sinne hat, reißen uns die Akteure geradezu ins Entzücken.
Neben den Ideen und der Umsetzung der tänzerisch choreografischen Meisterleistung verdienen sich die Akteure hinter den Kulissen mit einer, wenn man so will choreografischen Meisterleistung eines unglaublich dynamischen Bühnenbildes und der dazugehörigen Lichtkunst ein großes Kompliment. Ob die ferngesteuerten Mäuse oder die mittanzenden Türen – das Bühnenbild spielt dynamisch mit. Subtil – man merkt es anfangs kaum – und gleichzeitig clever lassen die unterschiedlichen Größen der Türen, je mit unterschiedlich hoch angebrachten Türklinken die Tänzer auf der Bühne entsprechend ihrer Rolle als eher groß bzw. klein erscheinen. Die ganze Trickkiste der perspektivischen Bühnenbau-Künste.

Alles wäre nichts, wenn nicht die jetzt wieder vollständig besetzten Düsseldorfer Symphoniker unter der musikalischen Leitung von Marie Jacquot Tschaikowskys Klangwerk so frisch und mit großer Leichtigkeit aufgespielt hätten.
Wen wundert es dann, dass allen Akteuren mit tosendem Beifall, Standing-Ovation und Bravo-Rufen allen Akteuren für diesen großartigen Ballettabend gedankt wurde?

Ich persönlich denke jedes Mal nach einer Premiere seit Demis Volpis Einführung in das Amt des Ballettdirektors und Chefchoreografen: Mehr geht nicht! Doch mit jeder nächsten Premiere werde ich erneut von dem Ideenreichtum, aber auch seinem künstlerischen Mut und Können überrascht, wie er uns Publikum mit seiner Compagnie verzaubert – …setzt Demis Volpi immer noch eins drauf! Aus meiner Sicht schafft er neue Dimensionen des Balletttanzes – oder besser, er zieht alle Register in Sachen Balletttanzstile und verbindet diese. Das macht seine Idee von Tanz und Ballett auch zugänglich für Junge und Jüngste und wegen seiner Vielfalt reizvoll für das tanzerfahrene Publikum. Ich meine: Das ist ein neuer Maßstab für Ballett. So geht Ballett heute!

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Ballett – Der Nussknacker

Karolina Wais über die Premiere „Der Nussknacker“

Ein absolut hörenswertes und sehenswertes Stück, auch für Kinder.

Das Bühnenbild ist riesig: riesige Türen, riesiger Tannenbaum, ein Schattenspiel zu Anfang. Das Alles und das nach so langer Zeit wieder in vollständiger Besetzung spielende Düsseldorfer Symphoniker, nehmen den Zuschauer von Anfang an auf eine fantastische Reise mit.
Die Kostüme sind fabelhaft. Die einzelnen Familienmitglieder sind zum Beispiel durch farbliche Details auch als Mäuse erkennbar. Der beim Tanz wirbelnde Mantel vom Drosselbart unterstreicht seine magische Figur. Es tanzen Schneeflocken, Blumen, die Lichterkette vom Weihnachtsbaum, Muffins und Kuchen in so bezaubernden Kostümen, dass immer wieder ein Staunen im Publikum zu hören ist.
Die Choreographie ist ebenfalls bezaubernd und empfängt zwischen den einzelnen Sequenzen Applaus. Mit welch kindlicher Freude Clara, mit welcher Leichtigkeit und Anmut Claras Mutter und wie holzig der Nussknacker tanzen, ist eindrucksvoll und imponierend. Zudem sind zahlreiche Gags (der Vater trägt zum Beispiel eine Brille) in das Stück eingearbeitet, so dass es ein wunderschöner und leichter Ballettabend für die ganze Familie werden kann.
Dunkin Seo (Drosselbart) und Orazio Di Bella (Nussknacker) haben übrigens eine starke Bühnenpräsenz. Ich erkenne sie nämlich aus anderen Stücken wieder, weil sie scheinbar einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben.

Am Ende bedankt sich das Publikum mit Standing Ovations für diese fantastische Vorstellung und das völlig zu Recht. Vielen Dank

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Ein grandioses Spektakel!

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „Der Nussknacker“

Selten bin ich so beschwingt von einem Ballettabend nach Hause gekommen. Das war ein gelungenes Feuerwerk von Ideen – doch der Reihe nach:

Es beginnt mit der großartigen Interpretation der Musik von Tschaikowsky durch Marie Jacquot mit unseren Symphonikern, nicht schwer-romantisch sondern leicht und freudig klingt es, aber auch mit Verve und Nachdruck da wo es notwendig ist. Auch am zweiten Aufführungsabend, dem ich beiwohnte, gab es Extra-Applaus für die Dirigentin.

Die Choreographie von Demis Volpi mit Beteiligung Jüngerer für einige Szenen war eine Mischung klassischer und „moderner“ Bewegungen. Jede Hauptperson hatte einen eigenen Tanzstil, eine eigene Tanzsprache. Das Märchen wurde als Erwachsenwerdung des Mädchens Clara durch die Beziehung mit dem zu Weihnachten geschenkten Nussknacker interpretiert.
Die steif-puppenartigen Bewegungen des Nussknackers waren perfekt, auch der Übergang zum lebendigen Mann nach Erweckung durch Clara war überzeugend gespielt. Clara tanzte kindlich-naiv, später fraulich-schön. Die Bewegungen des Paten Drosselmeiers visualisierten überzeugend seine übernormalen Fähigkeiten. Claras Bruder Fritz wurde als frecher Lausbub präsentiert, mit toller Spielfreude und Körperbeherrschung. Die Kostüme aller Tanzenden waren stimmig und zum Teil fantasievoll, das Licht hervorragend und die Bühne mit den beweglichen Türen und Zimmerwänden ein überzeugendes Konzept.
Letztlich begeisterte sich das Publikum an einer Vielzahl von Regie- und Choreografie-Einfällen. Dazu gehörten die erste Szene vor dem noch verschlossenen Weihnachtszimmer mit Tanzen über das bei Kindern übliche gespannte Gummiband, getanzte Wangenküsse, die in immer neuen Aufstellungen erfolgten Fotos der Weihnachtsfeierrunde (perfekt auf die Musik abgestimmt), der Übergang vom Blumentanz zur Dekoration des Tisches mit Blumen oder das Einfrieren aller Bewegungen am Frühstückstisch im Schlussbild. Der Fantasie freien Lauf lies die Choreographie bei den verschiedenen Tänzen in der Traumphase (oder pubertären Neuorientierung). Der Tanz der Mäuse hatte unglaubliche Bewegungen. Der Tanz der Schneeflocken war noch etwas konventionell, dann aber Schwarzes Theater auf dunkler Bühne mit sich bewegenden Lichterkugeln (um die Köpfe der dunkel gekleideten Tanzenden), die tanzenden Türen der Kulisse, der Tanz von Cupcakes (passend geformte Röcke, in welche die Tänzerinnen versinken konnten) und dann der erotische Tanz der Blumen, zum Schluss als Blumenbeet mit sich zu Clara neigenden Blumen. Ich war fasziniert und von dem Geschehen auf der Bühne gefangen genommen.

Fazit: Zur Weihnachtszeit nehme ich für einen zweiten Besuch die ganze Familie mit, dann spielt das Ballett in Duisburg.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

„Der Nussknacker“ als Augenschmaus

Helma Kremer über die Pemiere „Der Nussknacker“

Mit Tschaikowsky bin ich aufgewachsen und kenne jede Melodie des Nussknackers, eine Inszenierung dieses Stücks habe ich jedoch noch nie gesehen. Und eigentlich bin ich nun wirklich kein Fan von klassischen Handlungsballetten  und – nicht nur, aber auch deswegen – eine große Anhängerin von Martin Schläpfer. Gespannt bin ich vor allem, weil es für mich die erste Aufführung von Demis Volpi ist. Meine Erwartungen sind also gemischt. Doch sie werden in beinahe jeder Hinsicht übertroffen und ich kann die   jubelnde Begeisterung des Premierenpublikums teilen.

Diese Inszenierung ist perfekt: Sie zerstreut auf das angenehmste, ist verspielt und kurzweilig, ohne jedoch oberflächlich zu wirken. Das ist Storytelling at it’s best! Ich kann mich an keine Aufführung der DOR erinnern, bei der die Zeit so schnell verstrich. Auch die Gewerke – Bühnenbild und Kostüme – harmonisieren bis ins kleinste Detail. Wir erleben klassisches Handlungsballett in einer wunderschönen Kulisse, mit viel Kreativität und einer guten Portion Humor umgesetzt. Dabei kommen auch psychologische Aspekte nicht zu kurz und, insbesondere im ersten Akt, einige Gruseleffekte, die E.T.A Hoffmann ihre Referenz erweisen. Fürs Gruseln zuständig ist  zum einen der Pate Drosselmeier, der schon in seiner Aufmachung eher an einen bösen Zauberer oder einen Dämon als an einen lieben Onkel erinnert. Aber auch die Darstellung der Mäuse als Alter Egos der kompletten Familie, die nach dem augenscheinlich so harmonischen Weihnachtsfest in Claras Welt eindringt und sie bedroht, hinterlassen einen nachdrücklichen Eindruck und beschwören die Schattenseiten herauf, die ein solches Familienfests zwangsläufig mit sich bringt, wenn die familiären Beziehungen in Wahrheit nicht ganz so harmonisch sind. Auch im zweiten Akt werden die schönen Bilder immer wieder durch Eingriffe des Paten Drosselmeier in Claras Entwicklung bzw. in die Entwicklung ihres Verliebtseins gestört. „Übergriffig“ ist das Wort, das mir hierzu einfällt. Dennoch überwiegt in diesem zweiten Akt der Eindruck von Leichtigkeit. Höhepunkte sind für mich der Blumenwalzer als Tanz der Rosenblüten sowie der Tanz der Cupcakes. In ihren schönen Bildern erinnert mich die Inszenierung, ganz besonders die Cupcake-Szene, an Sophia Coppolas Film „Marie Antoinette“, und hier vor allem an die „I want candy“-Szene. (Der Film gewann den Oscar für das beste Kostümdesign.)

Ich bin schon gespannt auf die nächste Inszenierung von Demis Volpi, denn die anderen Opern- und Ballettscouts versichern mir „Er kann auch anders“.

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt Düsseldorf.

Psychedelic-Trip durch Raum und Zeit

Jürgen Ingenhaag über die Premiere „Tristan und Isolde“

Isoldes Liebestod ist zweifellos der Höhepunkt eines fünf-stündigen Abends.

Wenn Alexandra Petersamer als Isolde von Erlösung singt und sich allmählich die leere Bühne mit Orchestermusikern füllt, bleibt kein Auge trocken. Man ist überwältigt und sprachlos. Eine weitere Gänsehaut jagt mir nach dem langen Schlussapplaus unser Gang durchs Theater zur Nachbesprechung ein. Vorbei an der großen Bühne begegnen unserer Opernscout-Gruppe viele Künstler und Bühnentechniker – Menschen aus Fleisch und Blut, die ein wirkliches und lebendiges Musiktheater erst möglich machen. Ich empfinde Respekt und Dankbarkeit.
Großer Dank geht an die Rheinoper, die in der verrückten Zeit einer nicht enden wollenden Pandemie das Experiment wagt, ein Werk von Richard Wagner aufzuführen. Eberhard Kloke dünnte die Partitur aus ohne sie zu entstellen. Ein direkter Vergleich ist schwer möglich, denn wie oft hört man schon den „Tristan“? Auf der Bühne spielen ein Streichquartett und ein Englischhorn eine wichtige Rolle. Fernab des Orchestergrabens klingt das sehr intim. Überhaupt muss es ja nicht immer laut sein, oder? Aber als das Liebespaar im zweiten Aufzug kein Ende seiner Träumereien finden will, steht es am Morgen einer lautstarken Bläsergruppe gegenüber. Wer wünscht sich schon, so unsanft geweckt zu werden?!
„Den ich hassen will, kann ich lieben.“ Das trifft auf Isolde im ersten Aufzug zu. „Liebe macht blind und krank“ (– und manch einer stirbt an gebrochenem Herzen). Das ist Tristan im dritten Aufzug. Daniel Frank überrascht spätestens hier mit seiner wohlklingenden Tenorstimme, die sich anfangs gegen seine Partnerin schwerer behaupten konnte. Der Komponist Richard Wagner hat sich mit diesem Werk von seiner verbotenen Liebe zu Frau Mathilde Wesendonck selbst therapiert. Der Regisseur Dorian Dreher hat uns in einer außergewöhnlichen unblutigen Inszenierung dieses Psychodrama vor Augen geführt.

Lassen wir uns darauf ein, genießen wir die Droge Wagner und folgen einem Psychedelic-Trip durch Raum und Zeit!

Jürgen Ingenhaag
Fachkraft für Arbeitssicherheit

Als Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert Jürgen Ingenhaag klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Als Opernscout versteht er sich als „Botschafter für das Theater Duisburg“. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge“. Seine Leidenschaft für Rock- und Popmusik hat ihn nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden.

Feuerwerk der fantasievollen Ideen

Dr. Sassa von Roehl über die Premiere „Der Nussknacker“

Mit dem „Nussknacker“ verband ich klassisches Ballett, wie ich es schon in meiner Kindheit kennengelernt hatte. Ich war natürlich gespannt, was Demis Volpi aus diesem Stoff machen würde.

Meine Erwartungen wurden weit übertroffen!
Die Premiere am Samstag entführte mich in eine ideensprühende Zauberwelt, in der ich vor lauter Begeisterung Zeit und Raum um mich herum vergaß, Zu Tschaikovskys vertrauten Melodien entfaltete sich ein bunter Bilderbogen mit vielfältigen Tanzdarbietungen, mit beeindruckenden Kostümen und einem märchenhaften Bühnenbild. Besonders gut gefielen mir die Divertissements, wie der Tanz der Mäuse, der Cupcakes, der Blumen, der Lichterketten und auch die Fotosession der Familie. Es ergaben sich immer wieder überraschende Konstellationen, wie ich sie auch als eifrige Ballettbesucherin noch nie gesehen habe.
Demis Volpi ist es mit der Einbeziehung junger Choreographen gelungen, einen frischen und nicht allzu ernsten Blick auf die Geschichte des Erwachsenwerdens von Clara zu werfen. Trotzdem bleibt genug Seriosität, um Claras Aufbegehren gegen die Mutter und ihre beginnenden Liebesgefühle für einen Mann in Gestalt des Nussknackers gut nachvollziehen zu können.

Ich werde die Aufführung noch einmal besuchen, um noch mehr Details zu entdecken. Das kam bei einem Ballett noch nie vor!

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“.  Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Mit Mozart im Wald

Benedikt Stahl über die Premiere „La clemenza di Tito“

Oje, mittlerweile sind drei Wochen vergangen seit ich in Mozarts „La Clemenza di Tito“ war und der Text dazu ist immer noch nicht geschrieben. Leider hat mir persönlich aber auch die Aufführung nicht so sehr gefallen und was soll man da schon sagen? Beim Waldspaziergang in der goldenen Herbstsonne, flüstert Mozart mir zu, es vielleicht mal mit dem zu versuchen, was gut war. Und ist. Der Schlingel.


Gut war und ist: die Musik! Und außerdem – soviel ich als Nichtmusiker davon verstehe – wunderbar gespielt und gesungen von den Düsseldorfer Symphonikern, dem Chor der Oper und allen Sängerinnen und Sängern! Das bekommt zu Recht viel Beifall.
Gut war und ist: das Drama! Eigentlich hochaktuell, wie sich die politische Elite (und eigentlich alle) in einer Mischung aus Eifersucht, Neid, Angst, Machtbesessenheit und Missgunst mordlüstern verfolgt. Am besten spielt man das als eindringliche Mahnung vor Sondierungs- und Koalitionsgesprächen – obwohl, nein, aus denen scheint ja auch ohne Oper etwas zu werden. Dann vielleicht vor der kommenden Vereidigung der nächsten Bundesregierung. Mozart hätte da etwas mitzugeben, das nachklingt.
Gut war und ist: dass, wenn die gezeigten Bilder irgendwie nicht mit den inneren übereinstimmen, man ganz einfach die Augen schließen und sich zum Beispiel eine wunderbare weite und weiße Treppe vorstellen kann, auf der sich die Protagonisten, ähnlich wie auf Raffaels Fresko der Schule von Athen einfinden, um dort das Leben zu spielen.
Gut war und ist: die Oper überhaupt! Erst recht, wenn man es aufgrund einer Fahrradpanne gerade noch zur letzten Minute schafft und sich dann darüber freut, endlich wieder einmal eine richtige Oper zu sehen.

Gut war und ist: immer irgendwas!

Danke Herr Mozart fürs Flüstern und Danke Oper Düsseldorf für die Einladung!

Benedikt Stahl

Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle Komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

…am Ende alle Fragen offen…

Michael Langenberger zur Premiere „La clemenza di Tito“

Mozart-Oper – alles klar, sollte man denken. Allerdings mit „La clemenza di Tito” verhält es sich ein wenig anders. Doch von Anfang: Also, zeitgleich mit der Zauberflöte komponierte Mozart eine Auftragsoper zur Krönung Kaiser Leopolds II. zum König von Böhmen. Allerdings entstand das Werk in Rekordzeit von um die 3 Wochen. Nicht viel Zeit also zur Komposition vieler Arien, zumal sich der kränkelnde Komponist nahezu zeitgleich auch noch um das berühmte Klarinettenkonzert und das Requiem kümmern musste. Stattdessen erleben wir reichlich Rezitative. 

Das Stück dreht sich darum, wie aus dem blutrünstigen militärischen Oberbefehlshaber Titus ein “idealer Herrscher” römischer Kaiser wurde, wie uns Historiker wissen lassen. Intrigante Freund- und Liebschaften, denen er zu Opfer fallen soll, entgeht er durch Zufall und steht nun vor der Frage, wie er mit dem Hochverrat umgehen soll.
Erst deutlich nach der Aufführung wird mir klar, was Mozart hier mit uns Zuschauern macht. In unserer Opern-Scout-Runde nach der Aufführung gibt es wie immer unterschiedliche Meinungen. Mehrheitlich, auch ich, sind wir der Meinung, dass uns das Stück emotional nicht besonders berührt hat. Andererseits gibt es klare Meinungen, wie man mit dem Hochverrat umgehen muss.
Ich stimme diesbezüglich der Inszenierung von Michael Schulz mit seinem eigentlich nicht ganz werktreuen Ende nicht zu. Meiner Meinung nach widerspricht die Schlussinszenierung dem, was möglicherweise Mozarts Anliegen war, nämlich bei der Inthronisierung Leopolds II., auf die Kraft der Vergebung und damit auf eine gesellschaftliche Weiterentwicklung hinzuweisen. Vergessen wir nicht, wie stark Mozart in den letzten Monaten vor seinem Tod die fünf Ideale (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität) der Freimaurer, deren Mitglied er war, z.B. auch in der Zauberflöte, versucht hat den Menschen näher zu bringen.
Anders herum, und noch einmal mit vielen Stunden Abstand, wird mir erst klar, wie emotional uns das Stück doch berührt hat – wir uns zu einem spontanen Urteil haben hinreißen zu lassen. Mozart fordert uns mit unserer Haltung heraus: Wie wären wir mit Titus Situation umgegangen…? Würden wir das spontane Urteil zum Hochverrat damals, bezogen auf einen Hochverrat in der heutigen Zeit genauso fällen? In sofern ist diese Oper, wie uns das wahre Leben der letzten Monate und Jahre zeigen, hochpolitisch, brandaktuell und in diesem Sinne vielleicht immer mal eine Erinnerung daran, sich selbst zu täglichen Umgangsformen und Konsequenzen zu hinterfragen.

Die Oper an sich ist wenig spektakulär. Man mag mich Lügen strafen, doch eine der schönsten der wenigen Arien (“Ah, perdona primo affetto”) bedient sich m.E. reichlich beim Thema der Händel- Oper “Alcina”. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb, ein wahrer Genuss, genauso wie auch durchweg alle Choreinlagen. Wie immer singen die Chormitglieder nicht nur brillant, sondern spielen ihre Rollen als Darsteller in dieser Inszenierung, die mit wenig Schauspiel und dynamischen Bühnenbildern u.v.a.m., den sonst so Mozart-typischen Attraktionen, auskommen muss. Es zeigt sich wieder einmal, wie toll die Besetzungscouch im eigenen Hause der Deutschen Oper am Rhein bestückt ist. Alle Solisten brillieren in ihren Rollen, kommen allerdings, weil es eben vergleichsweise wenige große Arien gibt, nur unterschiedlich zu Geltung. So wundert es auch nicht, dass die beiden männlichen Solisten eher etwas zurückzufallen scheinen. Doch wie könnte einen das auch wundern, wenn vier so starke Frauenstimmen, zumal auch noch mit melodiösen Arien gesegnet, den Schwerpunkt des Klangteppichs liefern? …eben dem Werke geschuldet.
Endlich mal wieder ein ganz normaler Opernabend, mit Halbzeitpause! Dafür, dass „La clemenza di Tito“ vergleichsweise statisch und Rezitative eher zu ermüdenden Handlungslängen führen, bin ich selbst überrascht, wie kurzweilig und leicht die rund 2 3/4 Stunden verfliegen. Auch in dieser Hinsicht überrascht mich das Werk. 

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

La clemenza di Tito

Stefanie Hüber über die Premiere „La clemenza di Tito“

Nachdem der Premierenbesuch von “Geschlossene Spiele“ nur 7 Tage vorher mich durch seine Vielfalt sowohl musikalisch als auch visuell sehr begeistert hat, empfand ich die Aufführung von „La clemenza di Tito“ als Gegenpol recht reizarm.

Das lag einmal an der Handlung, die recht simpel gestrickt war, als auch an den vertrauten Mozartklängen. Beides, sowohl Handlung als auch  Musik, haben mich nicht überzeugt und ich finde , dass diese Oper zu Recht zu einer von Mozarts schwächeren gehört.
Gesanglich begeisterte mich vor allem Sarah Ferede. Auch Maria Kataevas Mezzosopran gefiel mir sehr, allerdings hatte sie zeitweise mit Intonationsproblemen zu kämpfen.
Bühnenbild und Kostüme bestanden aus vielen nicht gelungenen Stilbrüchen, Dadurch wirkte beides überfrachtet.
Zwischendurch gab es durchaus Szenen, in denen die Oper in Schwung kam, vor allem wenn der Opernchor in Szene trat. Jedoch flachte die Handlung immer wieder ab, so dass ich mich stellenweise langweilte.
Die Klarinettensoli auf der Bühne waren zwar schön gespielt ,jedoch wirkten die beiden Musiker seltsam deplatziert, als wären sie ungewollt auf die Bühne gezerrt worden.

Nach dem trotzdem lange anhaltenden Schlussapplaus verließ ich, von der Choreographie enttäuscht, jedoch musikalisch versöhnt den Zuschauerraum.

Stefanie Hüber

Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Endlich wieder Oper!

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „La clemenza di Tito“

Nach langer Wartezeit endlich wieder Oper! Mit schwerem klassisch-roten Samtvorhang und roten Polstern: die Premiere von La Clemenza di Tito.

Schon mit den ersten Klängen der Ouvertüre wurde klar, hier dirigiert jemand (Marie Jacquot) mit der Fähigkeit, Mozart Frische, Dynamik und Transparenz zu verleihen. Das war ein Genuss, wo es doch so schwierig ist, Mozart ohne ausgeleierte Melodien zu spielen.
Dann kam das Stirnrunzeln. Das Bühnenbild war trotz der praktischen zwei Ebenen mit vielen Türen wenig ansprechend – unzählige senkrechte und waagerechte Eisenstreben störten die visuelle Wahrnehmung der Protagonisten, die in modernen und nicht überzeugenden Kostümen auftraten. Dafür war die Personenregie und das Schauspielen der Sänger ein schöner Ausgleich.
Mozarts letzte Oper hat viele schöne Musik, aber auch lange Phasen mit Sprechgesang. Die Stimmen waren sehr gut gewählt, nur der Kaiser Titus (Jussi Myllys) fiel etwas ab. Am besten gefiel mir Heidi Elisabeth Meier mit ihrer klaren und Mozart-haft weichen Stimme. Höhepunkte waren neben wenigen Arien die Szenen mit dem wieder eindrucksvollen Chor. So wirkte das Klagen über den vermeintlichen Tod des Kaisers am Ende des ersten Aktes auf mich beklemmend schön.
In seiner Inszenierung hatte sich Michael Schulz einen vom Libretto abweichenden Schluss einfallen lassen, der zwar nicht zum erwarteten schönen Ausklang à la Hollywood führte, aber eine politisch-realistische Note auf die Bühne brachte. Mehr sei nicht verraten.

Fazit: Eine letztlich ernste Oper, die dank Mozart, der Dirigentin, dem Chor und den passenden Stimmen einen sehr belebenden Abend bewirkte.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

„Geschlossene Spiele“ von Demis Volpi

Stefanie Hüber über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Das war die erste Choreographie von Demis Volpi, die ich zu sehen bekommen habe und ich bin schon jetzt ein Riesenfan von ihm.
Dabei hat er es in Düsseldorf wirklich nicht leicht , da er als Nachfolger von Martin Schläpfer in riesige Fußstapfen tritt.

Das Handlungsballett basiert auf einem Theaterstück von Julio Cortazar und spielt irgendwann im Zeitraum der argentinischen Militärdiktatur. Demis Volpi, selbst Argentinier ,ist noch zu jung , um von dieser Ära persönlich etwas mitbekommen zu haben, dennoch wird sie ihn indirekt geprägt haben.
Da ich die Schauspielvorlage nicht kenne, ist das Ballettstück für mich schwer interpretierbar, zudem auf der Bühne auch dadurch, das immer mehr Protagonisten erscheinen und auch bleiben, mehrere Handlungsstränge parallel ablaufen.
Jeder Tänzer hat einen individuellen Tanz-und Bewegungsstil und auch die Kostüme unterscheiden sich völlig voneinander. Die einzelnen Charaktere werden persifliert und in völlig übertriebenen Bewegungen dargestellt.
Die für mich zentrale Figur, der Richter, wird von einem sehr grossen und blonden Tänzer getanzt und hat ein sehr charismatisches Auftreten. Sein Aussehen erweckt sofort bei mir die Assoziation zum Naziregime. Er trägt zwar keine Uniform, aber bewegt sich zeitweise trotzdem im Stechschritt. Passend zu der Tatsache ,dass er über Leben und Tod richtet, gibt es eine Szene ,in der er stark zitternd auf seinem Stuhl sitzt, was mich an die Hinrichtung auf einem elektrischen Stuhl erinnert.

Keiner der Charaktere ist unwichtig und wirkt als Statist oder untergeordnet; und so ausgewogen ist auch der Schlussapplaus , der jeden  der hervorragendenTänzer, die auch  schauspielerisch eine hervorragende Leistung geliefert haben, fast gleich euphorisch beklatscht.

Stefanie Hüber

Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Ballett, wo richtig was los ist

Michael Langenberger über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Schauspiel ,was in einem urigen, etwas abgeranzten, argentinischen Lokal spielt. Der Klavierspieler gehört genauso dazu wie ein Postschalter. Jeder Gast und Servicemitarbeiter ist mit sich und seinen individuellen Problemen beschäftigt. Doch anstatt dass sich das Schauspiel mit Worten an sein Publikum wendet, kommuniziert jeder Darsteller durch sein ureigenes Köperbewegungs-Vokabular mit dem Publikum. Der Rolle jeder Person entsprechend, scheint die Charakteristik deren individuellen Bewegung völlig logisch und klar. Eben so, als würde man in weiter Ferne einen guten Bekannten alleine an seiner Bewegung erkennen. 
Bewegen sich viele gleichzeitig, ergibt das ein Stimmengewirr, wie wir es eben selber auch aus Lokalen kennen – hier nur eben tänzerisch. Jeder bleibt bei sich und seinen Bewegungsmustern. Die Tanzstile passen, wenn man so will, (absichtlich) überhaupt nicht zusammen und sind gleichzeitig gewissermaßen stereotyp der Rolle – Gewirr eben. Um also überall mal “reinzuhören” muss ich mich auf einzelne Tänzer konzentrieren und bemerke aus dem Augenwinkel, dass ich möglicherweise an anderer Stelle etwas Anderes verpasse. Ein einziges Wimmelbild. Überall ist richtig etwas los.

Der thematisch rote Faden dreht sich um die Fragwürdigkeit eines Todesurteils des Richters, der eben auch zu Gast ist. Über das Radio an dem Postschalter wird die Gesellschaft auf dem Laufenden gehalten. So gerät der Richter mehr und mehr unter Druck all der anderen Gäste. Die Nachricht über die erfolgte Exekution löst bei den anderen Gästen ihre eigene Bewegungs-Individualität auf und synchronisiert sich in einer gemeinsamen Attacke auf den Richter. 
Entsprechend einem “Geschlossenen Spiel” beim Schach, bei dem die Verteidigungslinien (das eigene Tanz-Vokabular) so lange wie möglich aufrecht erhalten werden, zieht der ganz in weiß gekleidete Schachspieler, als würde er das Treiben von außen betrachten, subtil die Fäden; leitet andere Bewegungssequenzen ein.
Das äußerst unterhaltsame Treiben wird, je näher das Stück ans Ende rückt, immer politischer. Befasst uns mit der politischen Verlogenheit in der Zeit der Militärdiktatur Argentiniens unter J. R. Videla. Dieser konkrete Zusammenhang ergibt sich aus der Schauspielvorlage des argentinischen Schauspiels von Julio Cortázar. Doch wer will, kann durchaus seine Fragen zu unserer heutigen Gesellschaft und dem individuellen Handeln in unserer Zeit daraus ableiten.
Und eben alles getanzt. Bis auf das Radio – kein einziges Wort. Hochpolitisch und unterhaltsam gleichzeitig. Alles “nur” Körpersprache und dennoch verstehen wir alles, egal welchen (körpersprachlichen) Dialekt. 

Demis Volpi versteht es offenbar, unser Inneres zu ergreifen – uns zu befähigen, wortlos komplexe Zusammenhänge zu erfassen und zu verstehen. So könnte sich Handlungsballett, die oft an Märchen o.ä. anlehnt sind, als eine ganz neue, eigene Kunstform zur Auseinandersetzungen mit dem realen Leben und der Vielschichtigkeit der Gesichtspunkte entwickeln – unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht u.v.a.m. Es scheint mir eine ganz besondere Fähigkeit von Amis Volpi zu sein, auf diese Spielweise Ballett gerade auch für neue und vor allem jüngere Altersgruppen zugänglich zu machen. Dazu passte dann auch, dass der begeisterte Schlussapplaus jedem Tänzer gleichermaßen galt. Es gab nicht die/den Primus inter Pares – alle sind wichtig.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

„Geschlossene Spiele“ von Demis Volpi

Stefan Pütz über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Vorweg – eine klare Empfehlung!

Auch für mich war „Geschlossene Spiele“ die erste Choreographie von Demis Volpi und war ebenso wie das Publikum absolut begeistert!
Volpi , der Nachfolger von Martin Schläpfer trumpft mit einem Erzähl- oder Handlungsballett auf: die Handlung spielt während der argentinischen Militärdiktatur, könnte jedoch auch in einem anderen südamerikanischen Land spielen.
Für zukünftige Bewunderer dieses Stückes hätte ich folgenden Tipp: Lehnen sie sich genüsslich zurück, lassen die Gesamtsituation auf sich wirken, versuchen sie nicht unbedingt einen Handlungsstrang zu finden und im Idealfall konzentrieren sie sich nicht auf eine Person – es werden zu viele kleine Geschichten erzählt!

Auf der Bühne , in einem südamerikanischen Hotel erscheinen immer mehr Personen, die auch dauerhaft dort verbleiben; es laufen mehrere Handlungsstränge parallel ab, die jedoch fast immer asynchron verlaufen – nur in der Schlüsselszene reagieren alle zusammen.
Jeder Tänzer hat einen individuellen Tanz-und Bewegungsstil und auch die Kostüme unterscheiden sich völlig voneinander.
Die einzelnen Charaktere werden persifliert und mit völlig übertriebenen Bewegungen dargestellt.
Zwei Figuren, der Richter und der Schachspieler, sind die Schergen des Systems; alle anderen handelnden Personen stehen dem Unrecht neutral oder ablehnend gegenüber.
Keine der Charaktere des Stücks ist unwichtig, keiner wirkt als Statist und so ausgewogen ist auch der Schlussapplaus: die ausgezeichneten Tänzer und Tänzerinnen, die auch  schauspielerisch eine hervorragende Leistung lieferten wurden alle gleich euphorisch beklatscht.

Fazit: Martin Schläpfer überzeugte in der Vergangenheit mit großen Ballettabenden, versuchte in seinen Choreographien Geschichten zu erzählen, die jedoch oft nicht zu Ende geführt wurden – dies wird beherrscht nun Demis Volpi!

Stefan Pütz
Inhaber von „Buch in Bilk“

Den Namen Stefan Pütz verbindet man mit „Buch in Bilk“, einer Buchhandlung in Unterbilk. Bei Kulturveranstaltungen ist er gern mit einem Büchertisch präsent, denn direkter Kontakt zu Kunden und persönliche Beratung sind ihm wichtig. Wichtig ist ihm jetzt – nach langer Abstinenz – auch wieder die Begegnung mit Oper und Ballett. Wagner Inszenierungen findet er grundsätzlich nicht sonderlich unterhaltsam, vom Ring am Rhein war er allerdings hellauf begeistert. Die Wagner Inszenierungen der Deutschen Oper am Rhein sind „besser als anderswo“.

„Geschlossene Spiele – Ein intelligentes Handlungsballett

Karolina Wais über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Zugegeben dauert es eine Weile, bis ich mich voll und ganz auf das Stück einlassen kann, aber als es soweit ist, bin ich begeistert. Begeistert aber auch enttäuscht darüber, wie viel mir entgangen ist, denn das Stück ist bewusst so gesetzt, dass Handlungen gleichzeitig passieren und es dem Zuschauer überlassen wird, auf welche er seinen Fokus setzt.

Die Bühne ist ein Restaurant in Buenos Aires, es ist Hotellounge, Kneipe und Tanzparkett zugleich. Das Radio als einzigen Sprecher des Stücks zu benutzen, ist ein schlauer Schachzug, so können die Tänzer*innen ihrer Körpersprache walten lassen. Einzelne Dialekte werden zum Beispiel gekonnt tänzerisch in Szene gesetzt.
Besonders fasziniert mich Niklas Jendrics, der den Richter verkörpert. Sein Kostüm ist perfekt gewählt. Die Art und Weise, wie er während seiner Bewegung die Waage balanciert, macht seine Figur so perfekt. Seine Tanzsprache plakatiert dazu einen Juristen einfach zu gut.
Entgegengesetzt verkörpert Orazio di Bella den Mann in Weiß mit so viel Leichtigkeit und Anmut, das es einfach schön anzuschauen ist.
Das Handlungsspiel nimmt seinen Höhepunkt, kurz bevor der Sprecher verkündet, dass das von dem Richter verhängte Todesurteil an dem Carlos Fleta vollsteckt worden ist, auf. Der Oberkellner erinnert den Richter nämlich an den Verurteilten, was ihn menschlich werden lässt, enthoben seiner Funktion als Richter. Brillant gelöster Augenblick.

Insgesamt ist es ein intelligentes und sehenswertes Handlungsballett von Demis Volpi.

Vielen Dank dafür.

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Geschlossene Spiele – ein absurdes Handlungsballett mit doch überraschend viel Realitätsbezug

Charlotte Kaup über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Schön, wenn auch noch ungewohnt, nach so langer Zeit endlich wieder ohne weite Abstände im Zuschauerraum zu sitzen und noch dazu von einem ebenfalls ungewöhnlichen, klugen und aufrührenden Stück überrascht zu werden!

Bisher stand ich Handlungsballetten – zumindest in klassischer Form – eher mit einer gewissen Skepsis gegenüber. Der Ballettabend von Demis Volpi hat mich jedoch wirklich begeistert!
Das Stück nach der Vorlage von Julio Cortázar erzählt keine konkrete Geschichte, sondern zeigt überspitzte Charakterstudien der agierenden, eher zufällig aufeinandertreffenden Personen, für die Volpi eine jeweils individuelle, bildreiche Bewegungssprache entwickelt. Obwohl sich alles in einem Raum abspielt, kommt es zunächst zu wenig Interaktion zwischen den verschiedenen Charakteren und so betrachten wir Zuschauer viele sich parallel ereignende, einsam tragische Lebensausschnitte. Zuletzt kommt es jedoch, aufgrund einer kollektiv als ungerecht empfundenen Entscheidung, trotz aller Unterschiede zur Kooperation.
Im Zusammenspiel mit musikalischen und akustischen Fragmenten und einem sehr liebevollen, detailreichen Bühnenbild schafft Volpi eine melancholisch bedrohliche Atmosphäre mit zugleich vielen lustig- bis bitter zynischen Momenten.
Für uns Rezipienten bleibt viel Raum für Interpretation – so mag man das Stück sowohl auf die argentinische Geschichte, insbesondere die Epoche der Militärdiktatur, als auch auf (immer) aktuelle Fragen nach Gerechtigkeit und Entscheidungsmacht beziehen.
In jedem Fall wird man neben hervorragender Unterhaltung angeregt, sich mit persönlichen Assoziationen auseinanderzusetzen.

Besonders positiv hervorzuheben ist die Leistung sämtlicher Tänzer, welchen in diesem Stück neben dem Tanz auch einiges an schauspielerischer Qualität abverlangt wurde.
Für einen Ballettabend hätte ich mir insgesamt vielleicht noch etwas mehr Tanz gewünscht, aber dafür gibt es sicher noch Gelegenheit im Rahmen anderer Stücke.

Vielen Dank für diesen Abend voller Absurdität, Witz und Tragik. Ich freue mich auf mehr!

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Bevor die junge Ärztin ihre Stelle in Mönchengladbach antrat, war sie als Ballettlehrerin im Hochschulsport tätig. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires. Durch ihre Teilnahme am Opernscout-Projekt entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für die Oper. Vor allem gefällt ihr als Scout die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Geschlossene Spiele – Nicht entspannt, aber beeindruckend

Dr. Sassa von Roehl über die Premiere „Geschlossene Spiele“

In meinem Opernscout-Notizbüchlein fand sich noch die Karte einer Aufführung von Februar 2020. Über eineinhalb Jahre dauerte die erzwungene Corona-Pause. Umso mehr freute ich mich auf den lang ersehnten Start ins Kulturgeschehen mit der Uraufführung von „Geschlossene Spiele“ – für mich die erste Arbeit des neuen Ballettdirektors und Chefchoreographs Demis Volpi. Ein Handlungsballett nach einem Schauspiel von Julio Cortazàr, bei dem die unterschiedlichen Rollen nicht gesprochen, sondern getanzt werden.

Gezeigt wird das Aufeinandertreffen völlig unterschiedlicher Menschen in einem argentinischen Restaurant während der Militärdiktatur. Ein Mann, ganz in weiß, spielt unbeteiligt mit der Salz- und Pfeffermühle auf seinem Tisch Schach. Von ihm scheinen die anderen Personen im Raum auf magische Weise abhängig zu sein. Wenn er in die Hände klatscht, halten die Tänzer inne. Ist er die Verkörperung einer höheren Instanz?
Es erscheinen zwei Kellner, ein hungriger Gast und eine amerikanische Touristin. Ein kopfloses Huhn, das verspeist werden soll, versucht zu entkommen, schafft es aber nicht und muss sich in sein grausames Schicksal fügen. Eine Andeutung auf das bald im Stück thematisierte Thema der Verurteilung zum Tode. Ein Gefühl der Beklommenheit macht sich bei mir breit. Ein weiterer Herr tritt auf. Er will mehr Koffer, als er tragen kann an einem im Lokal befindlichen Schalter mit Gepäckband einzuchecken, scheitert jedoch an irgendwelchen bürokratischen Hürden, des Angestellten hinter dem Tresen.
Ein Richter mit scharf geschnittenem Gesicht und zackigen Bewegungen kommt auf die Bühne. Er erinnert mich sofort an die todbringenden Richter der Nazidiktatur. Er trägt das Symbol der Justiz mit sich, eine Waage, benutzt sie allerdings nicht, um Recht zu sprechen, sondern um die Möhren seiner Diät abzuwiegen. Auch damit zeigt sich immer mehr das Absurde und Surreale der Situation.
Eine alte Dame in Grün betritt den Raum. Sie schleicht in langsamen Bewegungen umher. Ganz anders als zwei junge, optimistische Revolutionäre, die ein Feuerwerk an Hip-Hop zeigen. Mit der Meldung im Radio, dass ein Mensch zum Tode verurteilt wurde, bricht das Grauen in die Szene ein. Man begreift, dass der Richter in direktem Zusammenhang mit dem Urteil steht. Eine junge Frau kommt ins Lokal. Man hofft, dass sie ein wenig Leichtigkeit bringt. Das tut sie, indem sie dem sich kasteienden Richter mit einem Eisbecher in Versuchung führt. Man sieht, wie er mit sich ringt, seine Diät einzuhalten. 

Alle Akteure tanzen in ganz unterschiedlicher Art und Weise. Niemand scheint den anderen zu verstehen, jeder hat seine eigene Ausdruckssprache, lebt in seiner eignen Blase. Als jedoch der Verurteilte an seinem Galgen aus der Küchendurchreiche hängt, erkennen die Protagonisten auf der Bühne die Tragik des Geschehens und verbünden sich gegen den Richter. Sie klagen ihn für sein hartes Urteil an und bringen ihn zu Fall.

In „Geschlossene Spiele“ genieße und bewundere ich enormes tänzerisches Können. Ich erlebe einen- wenn auch nicht entspannten, so doch aufregend neuen und ungewohnten Ballettabend.

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“.  Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Wieder Ballett! Demis Volpi präsentiert ein Handlungsballett

Hubert Kolb über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Nach der Beschränkung unseres Lebens auf einen engen Kreis erleben wir wieder Fast-Normalität in Sachen Kultur – ein großartiges Gefühl!
Bisher kannte ich kein „Handlungsballett“. Ich nahm eine Kunstform war, bei der in fast pantomimischer Tanzweise das gesprochene Wort einer Handlung in Körperbewegung ausgedrückt wird. Da die Fixierung durch den Text fehlt, ergibt sich eine viel breitere und individuell unterschiedliche Wahrnehmung.
Es war ein spannender Abend, auch wenn die oft überwältigende Wirkung eines auf Emotionen und abstrakte Vorstellungen zielenden Balletts fehlte. Das glich Demis Volpi mit seinem Team in eindrucksvoller Weise durch eine Vielschichtigkeit des Geschehens in einem alt-ehrwürdigen aber einfachen Restaurant (tolles Bühnenbild, gutes Licht!) und durch eine kaum komplett wahrnehmbare Zahl von Regieeinfällen aus.
Die Charakterunterschiede zwischen den einzelnen Restaurantbesuchern (Buenos Aires in Zeiten eines totalitären Regimes) wurden perfekt in individuelle Körper- bzw. Tanzbewegungen übersetzt. Die Überzeichnung war komödiantenhaft wie bei den argentinischen Kellnern, mit spiritueller Note wie bei dem Schachspieler und Personenlenker, oder beklemmend bei dem ein Todesurteil zu verantwortenden Richter. Ebenso dienten die Kostüme sowie unterschiedliche Musikstücke oder auch Stille zur Zeichnung der Charaktere.
Die dazugehörigen Körper- bzw. Tanzbewegungen bedienten sich des vollen Spektrums vom klassischen Ballett über originelle „moderne“ Tanzformen bis zu unmenschlich abgehackten Gesten beim Richter. Sein erster Solo-„Tanz“ in kompletter Stille war beklemmend. Eine großartige Leistung des Choreographen.
Die vielen kleinen Regieeinfälle waren wegen der parallelen Handlungen im Restaurantsaal gar nicht vollständig zu würdigen. Besonders gefiel mir, dass der wilde Tanz der jungen „Revoluzzer“ in den Tanz eines Clowns (?) überging, dass der hochfliegende Rock der zur Ballerina umgekleideten amerikanischen Touristin so sehr den hochfliegenden Rockschößen des komplett weißen Schachspielers glich, und dass Sisyphos in Gestalt eines immer vergeblich Koffer-aufgebenden Mannes eine weitere Wahrheit auf die Bühne brachte.

Fazit: Danke, dass ein Stück Kultur wieder Normalität wurde! Die Vielschichtigkeit und der Detailreichtum dieses Handlungsballetts fordert die Zuschauenden heraus und dürfte zu individuell unterschiedlich wahrgenommenen Bildern führen.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

Defilee des Tanzes – in sechs Gruppen zum Kennen- und Liebenlernen

Michael Langenberger über die Premiere „A First Date“

Poah – war das ein Einstand des neuen Ballettdirektors und Chefchoreographen Demis Volpi – großartig!

Mit einer um ca. 2/3 erneuerten, jungen und tänzerisch neugierigen Compagnie und unter strengen Regeln seinen schöpferischen Einstand zu geben, war sicherlich eine Herausforderung der Extraklasse für Demis Volpi. Doch konzeptionell geschickt geplant, um die individuelle Bandbreite der tänzerischen Qualitäten zu präsentieren, gab es dieses Jahr eine Premiere an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Coronabedingt wurde das Ensemble in sechs Gruppen á 6-8 Tänzer*innen aufgeteilt, um sich im Fall einer Infektion eines Einzelnen, nicht gegenseitig anzustecken. Diese Gruppen durften sich weder in den Proben noch bei den Aufführungen begegnen. 

Je Abend stellten sich also zwei Gruppen tänzerisch vor. Um sich, wie gesagt, auf der Bühne nicht zu begegnen und die Bühne zwischen beiden Auftritten zu reinigen, wird in dieser Zeit das Publikum mit einem Film unterhalten, in dem einige Mitglieder der Compagnie über ihre Motive zu ihrem Engagement in Düsseldorf berichten. Zum Teil sehr junge Leute mit Tatendrang und Liebe zur Bewegung, tiefen Überzeugungen über den Wert und die Wichtigkeit der Körpersprache. Diese Einspielfilme geben dem Zuschauer einen berührenden und tiefen Einblick in die Seelen der Tänzer und deren Tanz. Danach fühlt man sich als Zuschauer ein bisschen an “Der kleine Prinz” von Antoine de Saint-Exupéry erinnert – “…Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar….”

Der Einsatz und die Hingabe, mit der sich die Akteure bewegen, bekommt dadurch eine andere, ganz neue Qualität. Man sieht die Akteure nicht einfach nur tanzen, sondern verbindet Ihre tänzerische Darbietung und den Enthusiasmus mit den Tiefen Ihrer Überzeugungen. Ein völlig neues Zuschauererlebnis.

Die große Leistung von Demis Volpi besteht meiner Meinung nach nicht nur in der Vielfalt und Verschiedenheit der Choreographien, sondern eben insbesondere auch darin, stets die beste Besetzung zu liefern. Überhaupt wird uns eine enorme Bandbreite geboten. Von klassischem Ballett über zeitgenössischen Tanz – was mich an Stücke von Martha Graham erinnert – bis hin zu Tanztheater.

Demis Volpi traut seinen Tänzern einiges zu, fordert sie heraus, führt sie an ihre Grenzen. Hier und da gehen schon mal Synchronitäten verloren oder ein*e Akteur*in verliebt sich in eine Bewegung, dass kurz der Anschluss zur Gruppe hakt. Doch es ist die Begeisterung, wieder auftreten zu dürfen, die da spürbar über die Ufer schwappt und nicht das Bedürfnis nach Selbstdarstellung.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

„Es ist die Eifersucht. Die Gewalt der Liebe“

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Karolina Wais über die Premiere von „Alcina“

Es gibt ihn, es gibt tatsächlich diesen Augenblick in der Oper, der einen zu Tränen rühren kann. Ich habe ihn an diesem Abend erlebt.

Es ist der Moment am Ende des zweiten Aktes als sich die Bühne teilt.
Ein übergroßer Schatten Alcinas wird auf die Bühne projiziert. Alcina singt zerrissenen Herzens ihre jüngere und die ältere Version herbei.
Es wird mir bewusst, dass ich mich in Augenblicken voller Verzweiflung oft an meine Kindheit erinnere, um mich darauf zu besinnen, was mir in schwierigen Situationen Halt gegeben hat.
Gleichzeitig denke ich an mein zukünftiges, weiseres Ich, welches sich über die Vergänglichkeit dieser Augenblicke bewusst ist.

Dann legt sich die junge Alcina in der Embryonalstellung hin, die gegenwärtige Alcina tut es ihr nach. Sie verschmelzen förmlich in einer Umarmung. Der Körper erinnert die Psyche an die Zeit, zu welcher alle Bedürfnisse erfüllt sind, die Zeit im Bauch der Mutter.
Der Mensch ist hier geschützt, umarmt, gewogen, unbeschwert, geliebt…
So kann man sich über die Verzweiflung erheben.

Eigentlich wäre meine Rezension jetzt fertig, ich möchte aber noch erwähnen wie beeindruckend ich das Bühnenbild fand.
Es hat raffiniert, durch den perspektivischen Einsatz von mehreren Balkenelementen und Lichteffekten, eine Insel angedeutet. Ich hatte den Eindruck, hinter dem Bühnenbild fängt das Meer an.

Die Inszenierung tragen vier Frauen als Hauptrollen, sie sind hervorragend.
Maria Kataeva (Ruggiero) spielt authentisch ihre männliche Rolle.
Shira Patchornik, die Zweitbesetzung an diesem Abend singt/spielt voller Leichtigkeit und Anmut. Ich schaue und höre ihr gerne zu.
Jacquelyn Wagner (Alcina) und Wallis Giunta (Bradamante) können mithalten und sorgen für einen mich sehr berührenden Abend.
Vielen Dank dafür.

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Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Zauber der Klänge

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Benedikt Stahl über die Premiere von „Alcina“

In Erinnerung an die wunderbare Alcina-Premiere gehe ich nochmal der Frage nach, was mich daran am meisten beeindruckt hat und lande immer wieder vor allem bei der zauberhaften Musik.

Warum, so frage ich mich, ist das Zusammenspiel von Stimmen und Instrumenten, das Erzählerische, Herzergreifende, Warme, hier so einzigartig faszinierend.
Ein Gespräch mit meinem Bruder Marcus, der sich seit Jahrzehnten als Instrumentenbauer mit dem Zauber alter Klänge beschäftigt, liefert Erhellendes. Sofort kommt er ins Schwärmen und begründet dieses Phänomen unter anderem damit, dass die alten Instrumente der menschlichen Stimme so nah seien.
Ihre breit angelegten Klangfarben, so meint er, gingen mit ihrem Leuchten bis unter die Haut, ihre Transparenz sei deutlich höher und durchscheinender als bei neuen Instrumenten und je nachdem wer diese Musik singt oder spielt, wären die darin verborgenen Emotionen so unmittelbar zu spüren, dass einem mitunter der Atem weg bleibe.

Wie wahr! Das kann ich sehr gut nachempfinden und beschreibt meine Bewegtheit an diesem Abend (und danach) sehr zutreffend.
Vor allem die vier weiblichen Hauptpersonen Jaquelyn Wagner (Alcina), Maria Kataeva (Ruggiero), Shira Patchornik (Morgana) und Wallis Giunta (Bradamante) schaffen es mit ihren Arien und im Zusammenspiel mit dem grandiosen Orchester der neuen Düsseldorfer Hofmusik unter der Leitung von Axel Kober, tiefste Empfindungen zu berühren.
Das muss man gehört und erlebt haben!

Darüber hinaus gelingt der niederländischen Regisseurin Lotte de Beer eine Inszenierung, die das Programm der Düsseldorfer Oper wirklich bereichert.
Die Ideen für Bühne, Licht und Farben fallen für mich persönlich zwar ein bisschen zu üppig und ausladend aus, schaffen es aber dennoch sehr eindrücklich, die Erzählung stimmungsreich zu pointieren.
Das Spiel mit der sich stetig verändernden räumlichen Tiefe nimmt (trotz der etwas wackligen Bühnenkonstruktion) den Zuschauer tatsächlich mit auf eine Insel der Liebe, die dort all ihre Untiefen auszubreiten vermag und am Ende ist man doch irgendwie erleichtert, dass alles nur ein Spiel war. Oder?

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Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

 

 

Alte Musik 2.0

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Markus Wendel über die Premiere von „Alcina“

Es ist schon etwas Besonderes, wenn musikalische Stücke unglaublichen Alters zur Aufführung kommen.
Ich finde, es geht mit einem besonderen Zauber einher, wenn es dunkel wird im Theatersaal und Musik erklingt wie bereits vor fast dreihundert Jahren. Und so hatte ich in den ersten Minuten der vergangenen Premiere die Augen geschlossen. Um dies zu spüren, um dies als Fenster zu nutzen in eine längst vergangene Zeit.

Die Handlung ist völlig kompliziert. Auch unter Zuhilfenahme von Programmheft, Einführung und Übertiteln habe ich das verworrene Verwechslungs-Spiel nicht verstanden.

Szenisch bietet die Bühne mit ihrer extremen Perspektive einige spannende Möglichkeiten.
Das Bild wird im Verlauf erst fragmentiert und verschoben, am Ende dekonstruiert und aufgelöst. Wirklich gut ergänzt sich die ästhetisch-dunkle Lounge-Atmosphäre der Bühne mit dem Regiekonzept.
Durch Dopplungen von Personen und Handlungssträngen wird das Verwirrspiel in Bilder gerückt, die mich auch in den Tagen nach der Premiere noch beschäftigen. Bravo!

Eine große Überraschung für mich ist die Neue Düsseldorfer Hofmusik.
Alte Musik ist wirklich nicht meins, und bei einer Spielzeit von fast drei Stunden (und das ist schon gekürzt) echt fordernd. Aber an dieser Stelle verbinden sich zwei Dinge auf ganz wunderbare Weise.
Zum einen ist da die akzentuierte Instrumentierung. Bis zum Ende treten immer neue Variationen von Instrumenten in den Vordergrund und schaffen eine Vielzahl musikalischer Stimmungen.
Zum anderen verleiht Axel Kober der Musik eine Frische und Modernität, die den Staub der Jahrhunderte mit scheinbarer Leichtigkeit hinfort zu pusten vermag.

Gesanglich möchte ich kein Urteil abgeben, dafür habe ich bislang zu wenig alte Musik gehört.
Großartig finde ich in jedem Fall die israelische Sopranistin Shira Patchornik in der Rolle der Morgana.

Am Ende ist „Alcina“ wahrscheinlich das anstrengendste Stück, dass ich an der Deutschen Oper am Rhein gesehen habe.
Dennoch empfinde ich es als Bereicherung, und allen Freunden der alten Musik möchte ich es empfehlen.

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Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“. Überrascht war er davon, dass die Ballettinszenierungen 2018/19 ihn sogar mehr faszinierten als die Operninszenierungen.

Alcina – love is all you need

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Charlotte Kaup über „Alcina“

Alcina – love is all you need
So scheint es zumindest an diesem Abend in der Oper am Rhein. In der Barockoper von Georg Friedrich Händel dreht sich alles um Liebe, Eifersucht, Liebe, Hass, Liebe, Betrug und, achso – hatte ich Liebe erwähnt?

Der etwa dreistündige Opernabend sticht in vielerlei Hinsicht positiv hervor und verzaubert durch seine wunderbaren und historisch anmutenden Klänge der Neuen Düsseldorfer Hofmusik.
Zusätzlich zu bestaunen sind vier hervorragende Sängerinnen in den Hauptrollen, allen voran Jaquelyn Wagner, welche durch ihre Stimme und auch dank ihrer Präsenz eine imposante Alcina verkörpert und Wallis Giunta als Bradamante, die mit ihrem Schauspiel große Lebendigkeit auf die Bühne bringt.
Zentral ist außerdem ein raffiniertes Bühnenbild, welches die Handlung sehr klar untermalt und gleich in der Anfangsszene mit der Musik zu verschmelzen scheint. Üppig, floral und organisch beginnend, bis hin zu einer kühlen geometrischen Dekonstruktion.

In den zweieinhalb Stunden zwischen diesen spektakulären Endpunkten spielt sich jedoch eine für mich etwas quälend elongierte Handlung ab. Getrieben von vordergründiger Liebe, falschen Schwüren und dem wiederholten Missverständnis, bleibt das Stück im anscheinend zeitlosen Sumpf zwischenmenschlicher Seichtigkeit stecken.
Wenngleich in dieser Interpretation die Frauen in der dominanten Rolle auftreten, hängt deren Erfüllung scheinbar davon ab, geliebt zu werden und Macht auszuüben.
Am Ende wird der Narzissmus, die Machtgier zu Einsamkeit und Abhängigkeit.

Positiv zu erwähnen sind in jedem Fall die Statisten, welchen in der Gruppe eine durchaus tragende Rolle als stummes Gegengewicht zu Alcina bilden.
Mal in witzigen, mal bedrückenden Passagen erweitern sie das Stück um eine starke symbolische Bildsprache.

Thematisch sind die Grenzen des Stückes wohl vor fast 300 Jahren gesetzt worden.
Der Rest ist eine sehr sehenswerte, erfrischend andere und grandios inszenierte, gespielte und vertonte Oper.

Charlotte_Kaup

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Vor kurzem hat die junge Ärztin eine Stelle in Mönchen Gladbach angetreten. Vorher arbeitete sie einige Jahre als Ballettlehrerin beim Hochschulsport. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und ist sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires.
Bezüglich der Oper ist sie ein Neuling, möchte dies aber gerne ändern und freut sich deshalb auf ihre Zeit als Scout und die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern

Wer sich etwas wirklich Besonderes gönnen will…

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Michael Langenberger über die Premiere von „Alcina“

Premiere von “Alcina”. Ein großartiger, ein besonderer Abend. Besonders nicht nur weil es sich um eine Barockoper handelt, ein Genre, was nicht so oft auf dem Spielplan steht. Besonders auch wegen der vorzüglichen Besetzung aller Positionen vor, auf und hinter der Bühne.
Und großartig, weil Regisseurin Lotte de Beer, als Frau, am Ende eben auch eine denkbare Auflösung eines intriganten Machtspiels von Frauen an Männern anbietet, was man einem Mann wahrscheinlich so nicht hätte durchgehen lassen.
So schafft Lotte de Beer mit einer Oper aus dem Jahr 1735, ohne Stilbruch, eine Inszenierung, die Top modern in die heutige Zeit passt und dabei gleichzeitig sehr werktreu ist. G. F. Händel wäre begeistert gewesen! Ich war es auf jeden Fall.

Die Ouvertüre erklingt – kraftvoll, geradezu spritzig, vorgetragen von der “Neuen Düsseldorfer Hofmusik“ unter Generalmusikdirektor Axel Kober.
Klingt gar nicht alt, obwohl auf Original Barockinstrumenten gespielt. Mehr Klang, mehr Sicht auf die virtuosen Akteure für das Publikum, weil die Musiker aus einem erhöhten Orchestergraben heraus spielen. Die Musiker selbst haben so selbst auch mit Blickkontakt zur Bühne. Jeder Einsatz sitzt.
Überhaupt, das Klangvergnügen aller Sängerinnen und Sänger wirkt fragil. Im Zusammenspiel mit dem Orchester, ausbalanciert. Insgesamt eher ein Werk der leiseren Töne und trotzdem dynamisch.
Die Akteure auf der Bühne geben alles, mit ihren Stimmen und schauspielerischen Qualitäten. Mir fällt es schwer, da jemanden besonders hervorzuheben.

Einzig das Kostüm der Alcina hat man m.E. unvorteilhaft ausgesucht.
Mit bedeckten Schultern und Schuhen mit niedrigeren Absätzen, hätte Alcina noch besser ins Gesamtbild gepasst; eine unwesentliche Kleinigkeit sicherlich, doch vielleicht das “i”-Tüpfelchen.

Genial finde ich auch das Bühnenbild, aus äußerst wandlungsfähigen “Inseln” mit Pergola ähnlichen 3-D-Gestellen in Fluchtpunktperspektive, die der Bühne verschiedenste Impressionen und damit dem Schauspielerischen wertvolle Unterstützung liefert.
Im Zusammenspiel mit unglaublich wirkungsvollen Beleuchtungseffekten und zusätzlichen Bildprojektionen, entsteht ein wahrer Zauber für die Augen.

Besonders pfiffig ist, wie gesagt, Lotte de Beers Idee, durch wortlose Spielszenen der Statisten, eine psychologische Auflösung von Alcinas Irrweg dem Zuschauer als zusätzliche Handlung in der eigentlichen Story der Oper anzubieten.
Das tolle daran, dem Zuschauer erschließt sich diese eingeschlossene Handlung erst gegen Ende der Oper.

Ich fand es eine der insgesamt vollkommensten Operninszenierungen, die ich je gesehen habe.

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Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Feierlich und befremdlich

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Sassa von Roehl über die Premiere von „Alcina“

Höre ich Georg Friedrich Händels Musik, erfasst mich ein feierliches, erhabenes Gefühl. So ging es mir auch schon bei den ersten Klängen von Händels 1735 in London uraufgeführten Oper Alcina.
Besonders die weichen Töne der historischen Instrumente der Neuen Düsseldorfer Hofmusik, dirigiert von Axel Kober lösten eine wunderbare Festlichkeit in mir aus.
Die sich langsam aus anfänglichen Lichtpunkten bildende üppige Blütenpracht stimmte mich auf die an Flora und Fauna reiche Zauber-Insel der Alcina ein. Umso mehr war ich enttäuscht, als sich der Vorhang hob und ich mich der profanen Welt einer Ferienclub-Atmosphäre gegenüber sah.
Die Bar am Pool eines Urlaubsressorts passte für mich so gar nicht zur romantischen Musik Händels und den herrlichen Stimmen der Sängerinnen. Ich hätte mit einer reduzierten Bühne gerne mehr Spielraum für meine Phantasie gehabt. Als die Drinks sogar noch zu Händels aufregenden Rhythmen „geshaked“ wurden, war mir die Diskrepanz zu krass.
Später, als das Reich Alcinas unterging und alles leer und öd wurde, konnte ich mich wieder mit dem Bühnenbild versöhnen und mit der verlassenen, desillusionierten Zauberin mit verlaufender Wimperntusche richtig mitleiden.
Auch die Darstellung der gealterten Alcina am Ende der Oper fand ich grandios, die der verzauberten Liebhaber einfallsreich

Neben der herrlichen Musik beeindruckten mich vor allem die vier Sängerinnen.
Allen voran die eingesprungene Shira Patchornik als Alcinas Schwester Morgana.
Die wunderbare Arie „verdi prati“,  gesungen von Maria Kataeva brachten mich an den Rand der Tränen. Sie ist für mich der Höhepunkt der gesamten Oper. Die klangliche Exzellenz und Vielfalt trugen mich ohne Weiteres über das für mich nicht immer stimmige Bühnenbild hinweg.
So ging ich erfüllt von einem denkwürdigen Musikerlebnis und dem professionellen und mitreißenden Können der Künstlerinnen nach Hause. Ich möchte dieses Erlebnis eines aufregenden Liebesreigens zum Valentinstag 2020 nicht missen und werde mich sicherlich immer sehr positiv daran erinnern.

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Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“. Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Schluss mit den Vorurteilen!!!

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Stefanie Hüber über die Premiere von „Alcina“

Richtig gefreut hatte ich mich auf „ Alcina“ nicht, da ich mir eine barocke Oper nicht wirklich spannend vorstellen konnte.
Barocke Musik empfinde ich als langweilig, und ehrlich gesagt, wusste ich ,bevor ich mich jetzt mit diesem Thema auseinandersetzte, gar nicht dass es soooo viele Barockopern gibt, allein von Händel um die 60!!!

Um so toller war dann der Abend:
Zunächst mal dieses Superorchester. Eine interessante Besetzung, die ich so nicht kannte und deren Instrumente mir nicht alle bekannt waren.
Da gab es noch die gute alte Blockflöte als Vorstufe zu der bis dahin noch nicht erfundenen Klarinette. Insgesamt empfand ich das komplette Instrumentenspiel von der Intonation und Dynamik her als nahezu perfekt.
Die Musik war für mich unerwartet dramatisch und dynamisch und unterstützte dadurch die Handlung, damit hätte ich, wie vorher schon zugegeben, nie gerechnet.
Es gab wunderbare Arien, von allen Sängern wunderschön vorgetragen, wobei mir persönlich Alcinas Gesang (Jacqueline Wagner) am besten gefiel.
Die Bühneninstallation war großartig, sie ließ ohne große Umbauten viele unterschiedliche Varianten zu, und auch Beleuchtung und Mobiliar passten perfekt dazu.
Zeitlich empfand ich die Inszenierung als eine Mischung aus den 20er und 50er Jahren. Ein bisschen Great Gatsby-Athmo (Alkohol,Sex und sinnlos die Zeit totschlagen) kombiniert mit dem Gesellschaftsbild der 50er.
Zwar war Alcina die männerfressende Amazone, doch die anderen Frauen auf der Insel waren doch eher sehr angepasst und trugen Petticoats und Frisuren aus jener Zeit, als Frauen vorrangig hübsches Beiwerk zu sein hatten.
Super gefallen hat mir die Szene von Bradamantes Verwandlung von Mann zu Frau, wie sie ihre Mütze auszieht und die lange rothaarige Mähne schüttelt, könnte man glatt zur Shampooreklame umfungieren!!!
Zu langweilig empfand ich die Darstellung von Alcina als alte Frau.
Nachdem ich endlich geschnallt hab, wer das sein soll, hätte ich mehr erwartet, vielleicht dass sie als offensichtlich verhärmter und vielleicht auch ausgemergelter dargestellt worden wäre.

Alles in allem war es ein berauschender Opernabend, und ich bin sicher ,dass ich durch diese positive Überraschung demnächst offener für neue Erlebnisse sein werde, Schluss mit den Vorurteilen!!!

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Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Absolut sehenswert!

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Christiane Hain über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Charles Gounods Oper über Shakespeares Romeo et Juliette  ist eine sehens- und hörenswerte Oper,  die leider viel zu selten auf dem Spielplan steht.
Musikalisch wieder hervorragend von den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Marie Jacquot umgesetzt.
Erwähnenswert ist auch wieder einmal der Chor der deutschen Oper am Rhein, der in dieser Oper eine tragend Rolle spielen und singen durfte.

Der junge Regisseur Philipp Westerbarkei legt dieses Stück auf einen Marktplatz in Verona, ein sparsames Bühnenbild, ein schwarzer Kubus mit vielen Stühlen und einen Berg, der bei der Trauung von Romeo und Juliette eine wichtige Rolle spielt, aber schwierig zu bespielen ist.
Dagegen beeindruckend ist das Bühnenbild durch das Lichtspiel eines übergroßen Kreuzes um im letzten Akt die Kirche darzustellen.
Schön auch die Idee das Hochzeitskleid von Juliette aus der vermeintlichen Leiche von Tybalt zu ziehen und den toten Tybalt in der letzten Szene als dämonischer Geist auferstehen und agieren zu lassen. Ein genialer Einfall von Westerbarkei.
Schwierig ist dagegen die Rolle des jungen Liebespaares zu verstehen.
Das junge Mädchen trägt dasselbe silberne Glitzerkleid wie Juliette. So erkennt man den Bezug zu Romeo und Juliette, aber der Sinn erschließt sich mir nicht. Zumal die beiden in den letzten Szenen gar nicht mehr auftreten. Was ist also deren Rolle?

Insbesondere beeindrucken die schauspielerische Leistung der  Sänger, die intensive Ausprägung der Charaktere und das Halten der interaktive Spannung über das ganze Stück hinweg.
Westerbarkei versteht es eine Geschichte auf die Bühne zu bringen.
Sängerisch herausragend sind Sylvia Hamvasi als Juliette und Miriam Albano als Stephano, die so frisch spielt und singt. Eigentlich ist die Rolle für sie zu klein.

Was werden ich meinen Freunden über den Abend erzählen:  Absolut sehenswert!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Christiane Hain
Application Managerin

Christiane Hain arbeitet im IT-Bereich einer Bank in Düsseldorf. Sie ist in der Neckarstraße Duisburg aufgewachsen – in Sichtweise des Theaters, das ein fester Bestandteil im Familienleben war: Die Großmutter, die Eltern, die Schwester und sie selbst – alle waren regelmäßige Theaterbesucher. Ihre Tätigkeit als Opernscout führt dazu, dass sie wieder bewusster ins Theater geht und die Aufführungen als einen wichtigen Ausgleich zum Berufsleben betrachtet.

Das Epizentrum der Female Power

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Sandra Christmann über die Premiere von „Alcina“

Dass ausgerechnet barocke Musik, Georg Friedrich Händel, mir den bisher süßesten Abend meiner Opernscoutära beschert, war nicht absehbar, aber umso erfreulicher. Ein wunderbarer Abend.
Die Musik, neue Düsseldorfer Hofmusik – oh mein Gott – Künstler! Und der Herr Kober ist ein absoluter Rockstar!!! Das habe ich nicht erwartet.
Man kann sich in der Musik über Stunden verlieren, würde dort nicht fesselndes Drama den Ton angeben.

Denn:
Lotte de Beer (für mich): ein Ausnahmetalent.
Was ist da los, dass sie eine solch unfassbar präzise, grandiose Inszenierung so auf die Bühne bringt, dass wir Gäste mit ungebrochener Konzentration, Dauergänsehaut, Wohlgefühl, Freude und Respekt diesen Abend als Geschenk entgegennehmen.
Ladies Power  of the very finest.

Shira Patchornik als Morgana
Wallis Giunta als Bradamante
Jacquelyn Wagner als Alcina
Maria Kataeva als Ruggiero

Wallis Giunta. Betörend für alle Sinne. Würde sie nicht auch noch so wunderbar singen, reichte es aus ihrem Spiel nur zuzusehen und sie anzustarren.
Keine der Sängerinnen steht der anderen nach, jede für sich kann sich der ungeteilten Aufmerksamkeit sicher sein.  Gesanglich war es Champagner.
Sie und Maria Kataeva in Männerrollen überzeugen kraftvoll und spielerisch, so glaubhaft, dass die Männer dieser Inszenierung verblassen.

Meines Erachtens liegt die wirklich hohe Kunst dieser Inszenierung aus allen Disziplinen das Beste vereint zu haben.
Das Bühnenbild ist absolut fantastisch – excellente Lichtregie – die Kostüme auf den Punkt. Keine Längen! Dramaturgisch eine Meisterleistung.

Nicht alles hat sich mir in der Handlung erschlossen, was nicht an der Darstellung, sondern definitiv an mir lag. Aber die Liebeswirren, die Intriganz, das Begehren, die Ohnmacht, den Kampf, die Leidenschaft habe ich gefühlt.
Das alles auf Italienisch, der Sprache der Liebe. Sono grata.

PERFETTO! MUST SEE!

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Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair Internantional GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Langweilige Barockoper? Musik- und Bühnengenuss!!

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Hubert Kolb über die Premiere von „Alcina“

Manchmal etwas anspruchsvoll und vermutlich langweilig, so hatte ich mir Opern von Händel vorgestellt. Immerhin hat er über fünfzig Opern komponiert, immer mit Blick auf kommerziellen Erfolg in London.
Welche Überraschung war dann der genussvolle Abend in der Oper am Rhein!

Drei Punkte waren hierfür verantwortlich:

  1. Als Klangkörper diente die Neue Düsseldorfer Hofmusik, welche auf alten oder nachgebauten Instrumenten im halb hochgehobenen Orchestergraben spielte. Dirigent GMD Axel Kober erreichte ein technisch und musikalisch hohes Niveau. Instrumentalmusik und Gesang waren eine bemerkenswerte Einheit, mit angenehmer Dynamik.
  2. Die Stimmen der vier weiblichen Hauptpersonen waren in der Klangfarbe gut auf einander abgestimmt, Gesang und Spiel auf der Bühne waren eindrucksvoll. Bemerkenswert war dabei die Leistung der aus Wiesbaden aus Krankheitsgründen eingesprungenen israelischen Sopranistin Shira Patchornik in der Rolle der Morgana.
    Passend zur Rolle der Inselherrscherin Alcina hatte Jacquelyn Wagner eine dominante Präsenz auf der Bühne.
    „Unsere“ Maria Kataeva spielte die Hosenrolle des Ruggiero perfekt.
    Wallis Giunta als Bradamante war ebenfalls überzeugend, mit enormer körperlicher Lebendigkeit.
    Die beiden Solisten für die „echten“ Männer waren nicht so gut gewählt.
    Und es gab so viele melancholisch-schöne Arien der Sängerinnen, mit barockgemäßer Wiederholung der unerwartet eingängigen Melodien.
    Dass an einigen Stellen gekürzt wurde, war dennoch gut.
  3. Die Inszenierung, die Bühne, die Kostüme, das Licht und die Personenregie waren eine gelungene Gesamtkomposition.
    Das Geschehen um die Zauberin Alcina, welche Männer zu ihrem Eigengenuss verhext und später durch deren Verwandlung in Tiere oder Steine loswird, wurde in die heutige Zeit transponiert, etwas „me too“ anders herum.
    Die Bühne wirkte wie ein Wellness-Resort auf einer Insel.
    Nach dem Bruch des Zaubers und dem Happy-End für Alcinas Opfer (aber nicht für sie selbst), verwandelte sich alles in eine kahle Umwelt.
    Der Paradiesgarten, die Kostüme und das schöne Licht waren nur Genuss-orientierte Zauberei.

Fazit: Die Inszenierung von Lotte de Beer und die musikalische Interpretation durch Axel Kober gaben dieser Oper etwas schwungvoll Modernes. Dazu kam der Genuss herrlicher barocker Arien im großartigen Zusammenspiel mit dem Barockorchester. Langer Beifall, der in Standing Ovations mündete.

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Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt.

Eine musikalisch-lyrische Zeitreise

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Annette Hausmann über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Mit dem ersten Auftakt der dramatischen Oper „Roméo et Juliette“, die Charles Gounod 1867 auf der Grundlage von Shakespeares gleichnamiger und weltbekannter Tragödie schuf, begebe ich mich auf eine musikalisch-lyrische Zeitreise quer durch Europa.
Als „Reiseführer“ hätte kein Geeigneterer als der Regisseur Philipp Westerbarkei ausgewählt werden können.
Tiefsinnig und mit der nötigen Portion Provokation ist ihm die Adaption seiner Operninszenierung in die heutige Zeit perfekt gelungen.

Der Vorhang hebt sich und gleich zu Beginn erwartet einen eine Bühnenkulisse, die wenig südländischen Flair „versprüht“ und nur mit viel Phantasie eine italienische Piazza erkennen lässt. Der Bühnenboden ist mit einer Folie überzogen, die Assoziationen von „Glanz und Gloria“, „Kälte und Glätte“ hervorruft und in der sich alle Bewegungshandlungen der Protagonisten widerspiegeln.
Am Ende der Bühne, auf der sich übereinander gestapelte Stühle befinden, ragt ein riesiger Felsen mit einer beleuchteten Madonna hervor.
Schnell wird dieser düster wirkende Bühnenraum durch die hervorragenden Stimmen und schauspielerischen Leistungen des Opernchors mit Leben und Volumen gefüllt.
In ihren bunten, glitzernden Kostümen verkörpern sie in Zeitlupe Macarena tanzend die vermeintlich lustige, ausgelassene Gesellschaft, die Capulet am Abend des Ferragostos anlässlich der bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter Juliette mit Pâris zur Party eingeladen hat.
Inmitten dieses Treibens treffen Roméo und Juliette aufeinander und ihr Schicksal durch die gesellschaftliche Vergiftung nimmt schleichend seinen Lauf. Ausdrucksstark wird dies sinnbildlich durch die rauchende und Juliette kreisförmig umschließende Gesellschaft dargestellt.
Juliette, gesungen von Sylvia Hamvasi, strahlt nur äußerlich durch ihr silberfarbenes Glitzerkleid; innerlich sträubt sie sich gegen die gesellschaftlichen Zwänge.
In ihren anspruchsvollen Arien singt sie von ihrer ersehnten Freiheit und ihrem Wunsch, träumen und leben zu dürfen (-„Je veux vivre dans le rêve, qui m’enivre…“).
Sie bricht regelrecht aus ihrer Rolle aus, steigt auf immer höher aufeinander gestapelte Stühle und verleiht auf diese Weise ihrem Bestreben, „frei zu sein wie ein Vogel, der zum Himmel fliegt“, noch mehr Ausdruckskraft.
Für Roméo, solide dargestellt und gesungen von Gustavo de Gennaro, scheint Juliette von Anfang an unerreichbar zu sein.

Im Verlauf der Inszenierung wird das Bühnenbild (Tatjana Ivschina) und die Lichttechnik (Volker Weinhart) zunehmend beeindruckender.
Die quadratisch angeordnete Beleuchtung wird abgesenkt und erscheint wie ein abgegrenztes Lichtermeer oder gar Lichterlabyrinth, in dem Roméo und Juliette im unruhigen Schein der „süßen Nacht der Liebe“ ihre innige Verbundenheit besingen und gleichzeitig ihrer „Gedankenflut“ freien Lauf lassen. Einfach genial!
Gleichzeitig wird die Bühne zum Kirchenraum, in dem die Hochzeitszeremonie stattfindet, zu der ein gewaltiges Orgelpräludium erklingt und der Chor einen weiteren starken Auftritt hat, der „unter die Haut“ geht.
Parallel zum tragischen Ende der Oper hebt sich langsam ein Bühnenelement, unter dem „love is a losing game“ zu lesen ist. Anfänglich irritiert es mich, doch es entspricht genau Westerbarkeis Fazit von einer sich selbst und andere vergiftenden Gesellschaft, in der das „individuelle Glück“ und das „Andersdenken“ nicht akzeptiert wird, sodass nur der Freitod der einzige Ausweg zur ersehnten Freiheit ist.

Mit „Roméo et Juliette“ schafft Westerbarkei eine großartige, vielschichtige und sehenswerte Oper.
Dabei besitzt er den Mut, das Rädchen der traditionellen Operntragödie zeitgemäß weiterzudrehen, sodass die Geschichte von „Romeo und Julia“ weiterhin unsterblich bleibt.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an einer Montessori-Grundschule in Duisburg-Bissingheim, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Der Austausch zwischen den Opernscouts schaffe „eine andere Wahrnehmung von Oper und Ballett“. In ihrer ersten Spielzeit begeistert sie ganz besonders  Martin Schläpfers Ballett „Schwanensee“: „Mit seiner Kraft und Ausdrucksstärke war es eine der genialsten Vorstellungen meines Lebens“.