Ein wunderbarer Abend mit sehr unterschiedlichen Kompositionen

b.33 Ballett am Rhein_Düsseldorf/DuisburgStrawinsky Violinkonzert_Balanchine
b.33 – Stravinsky Violin Concerto – Balanchine

Katrin Gehlen über die Premiere von „b.33“

Zu Beginn George Balanchine; ein Genuss für Auge und Ohr. Ich sehe tolle Bilder, eine sehr schöne Koordination der Tänzer, Paartänze und Spitzentanz, alles sehr leicht und einfach wunderschön zu der Musik von Igor Strawinsky.
Nach der Pause Martin Schläpfer. Ich bin sehr gespannt. Hatte mich doch “b.29“ einfach unglaublich begeistert. Das Bühnenbild wieder sehr markant, dunkel. Ich ahne schon, da kommt schräges auf mich zu. Musik? Nein, von Musik kann hier nicht die Rede sein, es handelt sich eher um Klangbilder, Geräuschwelten, die die Tänzer auf atemberaubende Art und Weise in Tanz umsetzen. Alles scheint sehr chaotisch und doch ist eine geheimnisvolle Ordnung am Werk. Dennoch, ich bin durcheinander, wie kann ich mit dem von mir wahrgenommenen umgehen? Einerseits faszinierend, aber auch so befremdlich. Ich begreife, das hier wahrgenommene kann nicht mit den üblichen Sinnen aufgenommen werden. Ich schalte ab und gebe mich nur noch hin. Kein Verstand mehr, der versucht zu interpretieren und zu verstehen. Und auf einmal werden die Tänzer vollends zu sichtbar gewordenen Geräuschen und Stimmen. Fast erscheint es mir so, als ob sie etwas körperloses erhalten, so voller Hingabe wie sie sich bewegen. Ich erinnere mich wieder an das Zitat von George Balanchine: „ Hör den Tanz, sieh die Musik“ und erlebe genau dies bei Martin Schläpfers und Adriana Hölszkys Komposition.
Das letzte Stück von Hans van Manen mit einem Klavierkonzert und Streichorchester von Henry M. Górecki besänftigt in aller Form das aufgewühlte Gemüt. Es ist einfach fantastisch. Nach den dunkel gehaltenen Kostümen bei Martin Schläpfer bekomme ich hier ein tolles Farbspiel zu sehen. Hier kann das Herz wieder lachen. Auch diesmal zeigt es sich, dass die drei Stücke hervorragend kombiniert und in genau richtiger Reihenfolge gezeigt sind.

Opernscouts 2017Katrin Gehlen
Modedesignerin
Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus.

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Ein eindrucksvoller Dreiklang

b_33_Roses_of_Shadow_06_FOTO_Gert_WeigeltHilli Hassemer über die Premiere von „b.33“

Es ist einfach bemerkenswert, wie Martin Schläpfer die Auftragskomposition von Adriana Hölszky in seine Uraufführung einbettet, in helle, klare und farbrauschende Stücke seiner beiden Kollegen George Balanchine und Hans van Manen. Die Reihenfolge verstärkt die Wirkung der drei Stücke, so dass das Helle sich heller und das Dunkle sich noch dunkler anfühlt. Wieder einmal sind wir Wechselbädern ausgesetzt, – Schläpfer spielt virtuos mit unseren Gefühlen und seine phantastischen Tänzer geben alles.
Stravinskys Violinkonzert, von Balanchine zu Bewegung geformt, es öffnet freundlich meinen Blick und mein Denken. So entführt mich dieses erste Stück an diesem Abend in das Universum des Tanzes. Marc Bouchkov  an der Violine, wunderbar begleitet von den Symphonikern, die virtuose Höchstleistungen erbringen werden. Leicht und schön erscheint mir das, was wir von den Tänzern sehen. Im puristischen Schwarzweiß bewegen sie sich meisterhaft vor blauer Unendlichkeit. Kein Zuviel  und kein Zuwenig in dieser Choreographie, – die klassische Klarheit von Musik und Bewegung, Klang und Körper berührt mich.
„Roses of Shadow“, von Martin Schläpfer, katapultiert uns in seiner Tanzsprache ins komplexe 21. Jahrhundert und in eine völlig andere Welt. Die kriechenden, sich windenden Tänzer ziehen uns hinein, in einen düsteren Bühnenraum, in dem eine große schwarze kristalline Skulptur unsere Blicke bannt. Anspannung und auch Bedrückung, vom ersten Moment an. Es gibt Passagen, die sind kaum auszuhalten, so sehr evozieren sie Abgründiges und Rätselhaftes. Die komplexe, unmelodische Musik Hölszkys, verstört und beunruhigt. Mit bekannten  Seh- und Hörgewohnheiten bekomme ich „Roses of Shadow“ nicht zu fassen. Ich ergebe mich der ungewohnten musikalischen Sprache, der Schrägheit des Gesangs und der Klänge, dem Rätsel, vor das Schläpfer uns stellt. Eine Spur zu lang, wie mir scheint und auch die gesungenen Textfragmente – Angelika Luz Stimme muss bei diesen Tönen an Grenzen gehen,- überfrachten mir die Dichte des Stückes. Und dennoch, Schläpfer erweitert  erneut meine begrenzte Vorstellung von Tanz und Musik.
Ein Glücks-Schock, überkommt mich, als der Reigen der Tänzer in Hans van Manens Stück „Polish Pieces“ auf die Bühne rauscht. Wie flirrende Farben, die anmutigen und athletisch schönen Tänzer, ein jeder in einem anderen Spektrum des Regenbogens. Mein Malerherz lacht. Die Bewegungen der Tänzer fließen perfekt zu Góreckis Musik und plötzlich besänftigt sich mein innerer Aufruhr. Der Regenbogen als Symbol für die Versöhnung zwischen Himmel und Erde,- hier versöhnt er uns, das Publikum.

Opernscouts 2017

Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin
Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Damals noch fremd in der Stadt und mit einem „Hardcorde-Wagnerfan“ befreundet, wurde die Oper unverhofft Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Lebens. Jetzt will sie sich wieder intensiver mit Oper und Ballett befassen – genau hinschauen, zuhören, das Erlebte beschreiben. Sie sagt: „Es ist schön, wenn man sich selbst und seiner Meinung vertraut.“

 

Alle zusammen und auch zu zweien

Hans van Manen: Polish Pieces   FOTO: Gert Weigelt
Hans van Manen: Polish Pieces – Ensemble, FOTO: Gert Weigelt

Anna Schudt zur Premiere von „b.33“

Als erster Teil dieser Abend-Trilogie hören wir Stravinskys Violinkonzert, unendlich schön gespielt von Marc Bouchkow. Die Tänzer (in einer Choreografie von George Balanchine) hopsen wie eine lustige Herde auf und über die Bühne, jagen humorvoll die Geigenklänge. Duette werden getanzt. Zu zweit ist es auch schön – man kann sich nicht sattsehen, bis es endet in der absoluten Geste des Vertrauens: Ich halte Deine Augen zu, überlasse dich, gib ab, gib auf.
Dann „Roses of shadow“, die neue Choreographie von Martin Schläpfer. Unterwelt, archaische Kostüme, Düsternis und keine Erlösung in Sicht. Die Musik strengt an, fordert einen, die Sehnsucht nach Melodie und Harmonie wird so groß, dass man selbst der Virtuosität der Tänzer nicht mehr folgen mag, ich kapituliere in mein Mittelmaß.
Und dann: Alles, was man sich ersehnt hat, kommt. Ein Regenbogen betritt die Bühne und tanzt in treibendem Takt und völliger Harmonie vor sich hin. Ich folge begeistert, Assoziationen von Korallenwäldern, alles fließt in und geht auf in diesem erlösenden dritten Teil. Ein fordernder, kluger und versöhnlicher Abend, den man unbedingt im Zusammenhang begreifen sollte. Ich war begeistert.

Anna Schudt
Schauspielerin
Sie ermittelt als Hauptkommissarin Martina Bönisch im Dortmunder „Tatort“. Nach festen Engagements an den großen Bühnen in Berlin (Schaubühne) und München (Kammerspiele, Residenztheater) ist sie in Düsseldorf heimisch geworden:  Zusammen mit ihrem Mann Moritz Führmann spielte sie die Hauptrolle in „Anna Karenina“ am Düsseldorfer Schauspielhaus. Neben Anna Schudts Theaterleidenschaft interessiert sie sich sehr für den ganz anderen künstlerischen Ausdruck in Oper und Ballett. Diese Erlebnisse nun als Opernscout in Worte zu fassen, bedeutet für sie eine spannende Herausforderung.