Christian Hein über b.22

Schläpfer_verwundert seyn - zu sehn_04_FOTO_GertWeigeltBallett und zeitgenössische Kunst. So könnte man vielleicht diesen sehr anspruchsvollen bis anstrengenden Ballettabend bezeichnen. Diesmal eine Menüfolge ausschließlich mit „Ballettexperimenten“. Es fehlte die sonst so gelungene Mischung von drei Gängen, die den Abend abwechslungsreich abrunden.

In „verwundert seyn – zu sehn“  spielt  Schläpfer wieder mit der Betrachtung des eigenen Ichs. Man erlebt Wechselbäder von Euphorie und Enttäuschung, zu der teils sehr anstrengend passenden Musik von Franz Liszt und Alexander Skrjabin. Das Bühnenbild, ein projizierter Mond, der unmerklich größer wird, sich zu drehen beginnt und zuletzt in unrhythmisch erscheinen Punkten verabschiedet, passt hervorragend zu der durchlebten Traumnacht.

Das zweite Stück spart sich die Musik, und auch das Bühnenbild.  Auch wenn es wirklich eine beeindruckende Leistung der Tänzer war, den Rhythmus ohne taktgebende Musik zu halten,  fühlt man sich an eine Turnstunde erinnert, bei der die Musik ausgefallen ist. Die Wirkung in Kombination mit einem eher klassischen Stück wäre kontrastreicher und wirkungsvoller ausgefallen.

Das dritte Stück, „ein Wald, ein See“ versöhnt und erlöst ein wenig in den Abend. Wunderbare, phantasievolle Kostüme, die ein wenig an „Mad Max“ erinnern, entführen in eine andere Welt.  Insbesondere durch die einfallsreiche Musik von Paul Pavey. Der Musiker, Komponist und Live-Performer steht im Orchestergraben und zaubert Töne und Klänge auf die Bühne, die sich in einen  außerirdischen Gesang steigern, der schließlich nur noch aus Brumm-, Krächtz-, und Gurgellauten besteht. Auch das dritte Stück konnte mich insgesamt nicht überzeugen, insbesondere weil die Spannung nachließ und es nicht enden wollte.

Besonders interessant fand ich die anschließende Scout-Runde, in der sehr konträr und kontrovers diskutiert wurde. Wie unterschiedlich der Abend doch aufgenommen werden kann. Ich war froh, als er vorbei war.

Weitere Informationen zu b.22:
http://operamrhein.de/de_DE/events/repertoire/1010857/ballet

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Christina Irrgang und Lucas Croon über b.22

Schläpfer_einWaldeinSee_07_FOTO_gertWeigelt„verwundert seyn – zu sehn“: eine Jagd und Suche nach dem Selbst, nach der Vergangenheit, nach der Zukunft, nach dem Ich – das sich mit jedem Schritt zu verwandeln sucht und dem inneren Begreifen entzieht. Martin Schläpfers neuestes Stück „verwundert seyn – zu sehn“ ist ein großer Tanz in drei Akten, der diese Suche und Jagd in höchster Ästhetik pointiert. Es ist ein Tanz zwischen der Liebe, den Geschlechtern, zwischen irdischer und sphärischer Kontingenz. Das Bühnenbild ist dabei minimal und deutet nur einen Raum an, der sich zwischen Nacht, der Grenze des Mondes und dem Ungreifbaren des Alls entfaltet. Der Weg des Protagonisten, getanzt von Marcos Menha, entfaltet sich über die Musik von Alexander Skrjabin und Franz Liszt (gespielt von Denys Proshayev): ein Klang, der das Verführerische und Spröde des Utopischen elegisch unterstreicht und ein fortwährendes Scheitern des Begreifens nahe legt. Und doch bleibt immer wieder die Hoffnung, im Pas de deux mit dem Mann, der Frau, dem Schatten, dem Licht, ja, im verwundert seyn, zu sehn. Schläpfer fügt mit diesem Stück, anknüpfend an einen Text Arthur Schopenhauers, dem inneren Bilde eine weitere Membran des Phantastischen und eine weitere Sehnsucht hinzu: diesen Tanz, dieses „Sehn“ immer wieder betrachten zu wollen.

Die Komposition des Abends wird durch „Moves – A Ballet in Silence“ von Jerome Robbins bereichert. Das Stück ohne Musik aber mit Klang, der einzig durch die Geräusche der Körper der TänzerInnen erzeugt wird, ist gerahmt von Stille und der Lautlosigkeit der Geste. Die Interaktion von Körpern steht im Vordergrund des 1959 uraufgeführten Stückes, aber auch der Tanz als solches, in puristischer Eleganz. Durch die Wahl der minimalistischen Kostüme ist man fast dazu geneigt, an Minimal Art in der Bildenden Kunst zu denken. Die Grenzen zwischen den Künsten lösen sich in Robbins‘ Komposition auf und führen doch ganz nah an den Tanz auf der Bühne, an den Ausdruck der Körper im Raum und ihren Rhythmus heran.

Das Expressive steht schließlich auch im Mittelpunkt der dritten Aufführung, Martin Schläpfers „ein Wald, ein See“ (2006). Hier wachsen Tanz, Bühnenbild/Kostüm und die eigens von Paul Pavey komponierte und aufgeführte Musik zusammen. Das Stück berührt das Archaische, es gibt dem Impuls und dem Unbekannten der inneren Landschaften Ort und Namen: Wald und See. Beben und Erschöpfung, Erfahrung und Mystik, der Weg des Wissens und das Unbekannte. Wind, eine Höhle aus Holz, liquide Tiefe, ein metallisches Verebben, Unsagbares. Außer-der Zeit-Sein. Nicht-Gehen-Wollen.

Weitere Informationen zu b.22:
http://operamrhein.de/de_DE/events/repertoire/1010857/ballet

Horst Eckert über b.22

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburgb.22  "Moves"  ch.: Jerome RobbinsEin recht langer Ballettabend, drei Stücke, zwei Pausen. Den Anfang macht das Stück „verwundert seyn – zu sehn“ von Martin Schläpfer. Der Titel ist einem Text des Philosophen Schopenhauer entliehen und während der schweren, live eingespielten Musik von Skrjabin suchte ich nach einer Geschichte, nach einer Bedeutung des Getanzten, womit ich gescheitert bin und etwas ratlos blieb. Im Mittelteil ein schönes Solo einer Tänzerin und ein Duett zu einem Walzer von Liszt, dazu dreht sich malerisch der an die Rückwand projizierte Mond.
Das zweite Stück „Moves“ des Amerikaners Jerome Robbins stammt aus dem Jahr 1959 und kommt ohne Musik aus (zur damaligen Premiere war der Komponist nicht fertig geworden, Robbins beschloss, das Ballett ohne ihn zu machen). Nach dem ersten Stück tat die Leichtigkeit von „Move“ besonders gut, man betrachtet die abwechslungsreiche Choreografie und muss keinen tieferen Sinn suchen, da es ganz offensichtlich nur um Bewegung geht. Und die Musik fehlt nicht einmal.
„ein Wald, ein See“ nannte Schläpfer das dritte Stück, das 2006 entstand. Wenn erst einmal die seltsame Gitterkonstruktion, die das Bühnenbild dominiert, in die Höhe gezogen ist, erschaffen bis zu 19 Tänzerinnen und Tänzer wunderschöne Bilder zur Musik des britischen Komponisten und live im Orchestergraben agierenden Performers Paul Pavey. Leider hielt die Wirkung nicht bis zum Schluss, als Pavey schier endlos ins Mikro brummte und murmelte und die Tanzenden ihren Schwung zu verlieren schienen. Was für mich ein durchwachsener Abend war, mag Ballettkennern allerdings ein großer Genuss sein, bitte selbst ausprobieren!

Weitere Informationen zu b.22: http://operamrhein.de/de_DE/events/repertoire/1010857/ballet

Claudia Graw über b.22

Schläpfer_einWaldeinSee_06_FOTO_gertWeigeltMit dem Ballettabend b.22 habe ich einmal mehr eine tolle tänzerische Leistung der Düsseldorfer Compagnie gesehen, mich aber teilweise etwas überfordert gefühlt. Sowohl die Uraufführung „verwundert seyn- zu sehn“, die den Abend eröffnet, als auch „ein Wald, ein See“ zum Schluss haben in meinen Augen ganz starke Momente.
Das sind im ersten Stück in der Hauptsache die gemeinsamen Tanzszenen der beiden männlichen Hauptakteure Marcos Menha und Chidozie Nzerem. Hier sehe ich Figuren und Kombinationen, die mich sehr berühren und in den Bann ziehen in ihrer Ausdruckskraft und Komplexität. Da ich mich mit der Klaviermusik von Alexander Skrjabin jedoch im ganzen Verlauf nicht anfreunden kann, habe ich dann wohl irgendwie „den Faden verloren“. Auch das Liszt- Intermezzo „Le bal de Berne“ hilft mir nicht, meine Konzentration auf den Tanz wiederzufinden.
„Moves, A Ballett in Silence“ kommt komplett ohne Musik aus. Das ist sehr reizvoll und
lenkt meine Aufmerksamkeit jetzt vollends auf die Tänzer, die sehr konzentriert und sicher wirken. Die getanzten Episoden und die schlichten Trikots verbreiten ein wenig Tanzschul- Atmosphäre. Sehr hübsch anzusehen.
„ein Wald, ein See“ beginnt dann so, wie ich es bis hierher vermisst habe, nämlich mit
mitreißender Musik voller Energie und Dynamik. Ich höre Geräusche und Rhythmen, die mich
mal an Urwald und tiefste Natur und dann an weit entfernte Sphären erinnern. Den Tanz hierzu – vor allem, wenn alle Akteure auf der Bühne sind- finde ich sensationell gut und begeisternd. Im Verlauf kommen dann auch hier Töne hinzu, die sich einfach bei mir nicht einschmeicheln wollen und mich wieder aus meiner Begeisterung reißen. Schade, denn die Leistung des Ensembles war wie immer außergewöhnlich.

Weitere Informationen zu b.22:
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