Gisela Miller-Kipp über b.26

 Wechselbad der Tanz- und Gefühlswelten

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Mit b.26 serviert Martin Schläpfer eine außerordentlich spannungsreiche Trilogie – die drei Ballettstücke liegen stilistisch und zeitlich weit, nämlich mehr als anderthalb Jahrhunderte auseinander.

Das erste Stück: „Bournonville Divertissement“, drei Ballettsätze aus den Jahren 1842 und 1858 von August Bournonville (seines Zeichens königlich-dänischer Ballettdirektor), ist hochromantisch-folkloristisches, ganz und gar altklassisches Ballett. Es wird putzmunter getanzt, die Herren im neapolitanischen Gewams, die Damen in viel bonbonfarbenem Tüll mit Glitzerleibchen. Das ist bildhübsch anzusehen, langweilte mich aber auf die Dauer. Es folgt doch spannungslos Tanz auf Tänzchen, natürlich, um Ballettkunst vorzuführen; in der Binnenerzählung geht es freilich um Liebelei und Volksvergnügen – überaus üblich. Das neckische Getue dabei und das festgefrorene Lächeln solcher Aufführung gehen mir ziemlich auf den Keks. Wenig prickelnd fand ich auch die Bühne, bestehend einzig aus einem azurblauen Hintergrundprospekt – schon klar: der Himmel über Italien. Etwas Lichtzauber etwa hätte mir besser gefallen. – Die Düsseldorfer Symphoniker (unter Axel Kober) spielten das Ganze burschikos, ja auch mit kurkonzerthaftem ‚Schmackes‘ herunter; das munterte auf. Und so wurden hier die von Schläpfer ansonsten ja nicht gerade verwöhnten Liebhaber dieser Ballettkunst sicher gut bedient. – Was mir noch auffiel: kleine Asynchronitäten zwischen den Tänzern sowie zwischen Tänzern und Orchester – es wurde nicht so spitzenmäßig sicher getanzt, wie man es von der preisgekrönten Kompagnie inzwischen erwartet. Fremdes Bewegungsterrain? oder Lampenfieber? oder beides?

Dann aber das zweite Stück: ein fulminanter Kontrast, ein Absturz geradezu in eine völlig andere Tanz- und Gefühlswelt: „Dark Elegies“ von Antony Tudor (1937) auf die „Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler und Friedrich Rückert (Verse). Hier zelebriert eine Gemeinschaft, auch im solistischen Einzelfalle, Trauer und Klage, Gebet und Andacht, stürzt sich in Zorn und Aufbegehren, ja Aufschrei (akustisch), ergibt sich in Wehmut und Resignation. All diese seelisch-emotionalen Zustände werden auf- und vorgeführt in einer singulären ästhetischen Einheit von Tanz, Gesang (Bariton: Dmitri Vargin) und Musik – die Düsseldorfer Symphoniker spielten sensibel getragen, insbesondere in den Holzbläsern – sowie von Bühne – ein nachtschwarzer Hintergrundprospekt mit weißen Schäfchenwolken – und Kostüm: neutraler Anzug bei den Herren, sanft-schwingende Hänger in gedeckten delikaten Farben bei den Damen. – Dieses Ballett ging mir nach im doppelten Sinne des Wortes. Und so erkläre ich mir auch die auffälligen Lücken im Parkett nach diesem Stück: Hier waren Zuschauer, Zuhörer so betroffen, vielleicht aus persönlichem Erleben, dass es damit für sie gut war. Große Ballettkunst kann das.

Das dritte Stück: „One“, Terence Kohlers Choreographie (2015/16) der 1. Sinfonie von Johannes Brahms, eine Auftragsarbeit für die Deutsche Oper am Rhein, ist ein faszinierender Kraftakt aus hochmodernen Körperkonstellationen und Bewegungsmustern. Er ist, wenn man so will, ein einziges Ringen und Kämpfen: Menschen in tarnfleckigen Jerseys ringen mit sich und gegeneinander – dabei, natürlich, auch Mann gegen Frau – und gegen „höhere“ Mächte oder Gewalten – Naturgewalten, Krieg, körperliche Gewalt. Sie kämpfen und stürzen, stützen und drangsalieren sich, sie bilden ein Heer von Versehrten, irren umher, rennen gegen irgendetwas an bzw. versuchen auszubrechen; sie bewegen sich maschinell, zappeln wie elektrisiert – stehen also unter Strom – und einmal stehen sie auch leibhaftig im Regen: Sie schlurfen in Hoodies und mit hochgezogenen Schultern herum. Das alles passiert von Spotlights punktuiert (Licht: Franz-Xaver Schaffer) auf kongenialer Bühne (Verena Hämmerlein): einem Gewalt- oder Kraftraum aus zum Teil raumhohen granitgrauen mächtigen und sich verschiebenden Quadern – alles zusammen ein ungemein assoziationsreiches Bedrohungsszenario. Dazu musizieren die Düsseldorfer Symphoniker pastos, der 3. Satz wird freilich graziös genommen („un poco allegretto e grazioso“), und so tanzt ihn auch die Solistin (Yuko Kato). Sie schmiegt sich förmlich in die Musik, sie tanzt frei um sich selbst und im Bühnenraum – sehr schön, quasi zum Stein erweichen, und tatsächlich: Es öffnen sich Lichtspalten zwischen den Quadern! Sie schließen danach aber wieder zusammen, ein Quader wird zur Kletterwand (Free-Climbing), an der sich eine Frau, nunmehr vergeblich um Aufstieg, um Flucht bemüht (präzis bis in jeden Muskel: Marlúcia do Amaral).

Das Non-Plus-Ultra brachte für mich der 4. Satz. Sein Leitmotiv ist ein seinerzeit überall gesungenes patriotisches Volkslied aus der studentischen Freiheitsbewegung des 19. Jahrhundert – mit ihm wurde übrigens die erste Sitzung des ersten Deutschen Bundestages 1949 eröffnet! Ich habe es noch im Musikunterricht gelernt; heute scheint das weitgehend unbekannt, so auch dem Programmheft zu b.26. Deshalb hier einmal die Textzeilen: „Ich hab mich ergeben, mit Herz und mit Hand/Dir Land voll Lieb‘ und Leben, mein deutsches Vaterland“! Davon schwelgt die Musik mit elegischem Pathos und, sei das historische Melodiezitat dem Choreographen nun bekannt oder unbekannt, der Tanz ist eine in Stimmung und Tempo überzeugend mitnehmende Umsetzung dieses sinfonischen Satzes. Zuletzt wird eine Leiter an die Quaderwand gestellt und gemessenen Schrittes steigt die ganze Kompagnie ‚Mann für Mann‘ hinauf und hinaus – in Freie. Toll!

Man kann sich mithin in b.26 an altklassischem Spitzentanz erfreuen, man kann sich elegisch bewegen und man kann sich von supermodernen und innovativen Tanzmustern faszinieren lassen – also: hingehen!

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Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

Isabell Boyer über b.26

Eine Reise durch die Zeit

Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburg b.26 Dark Elegies  ch.: Antony Tudor

Am Freitag legte das Ballettensemble unter Martin Schläpfer mit dem Dreiergespann „Bournonville Divertissement“, „Dark Elegies“ und „One“ den Grundstein für die kommende Ballettsaison des Balletts am Rhein. Die Zusammenstellung der drei Stücke ermöglichte dem Zuschauer eine Zeitreise, die die verschiedensten Blickwinkel des Tanzes beleuchtet und die Mentalität der Kunst zu ihrer jeweiligen Entstehungszeit widerspiegelt.

Begonnen mit August Bournonvilles ‚Bournonville Divertissement‘ gelangen farbenfroh gekleidete Tänzer und Tänzerinnen auf die Bühne. Beschwingt und mit dem wohl strahlendsten Lächeln auf den Lippen, das man sich vorstellen kann, nehmen sie die Bühne für sich ein und leiten den Zuschauer in eine Szenerie von Leichtigkeit und guter Laune. Sofort brachte mich dies zum Schmunzeln. Die fröhliche, perfekt ausgetanzte Art dieses Stücks wirkt in unserer Gegenwart wie etwas Parodistisches, was durch kleine schauspielerische Nuancen in dieser Darbietung nur unterstrichen wird. Erst, als nach den Soli der einzelnen Tänzer etwas Bewegung in die gesamte Gruppe kommt, indem Tamburine und ein Schal zum Tanzen und Feiern genutzt werden, bin ich erneut gefesselt. Der neue, mitreißende Rhythmus lässt einen noch einmal genauer hinsehen und somit mehr genießen, als zuvor. Besonders kommen hierbei auch die bunten, bauschigen Kleider der Tänzerinnen zur Geltung, die sich mit jedem Sprung und jeder Pirouette weich und fließend mitbewegen. Definitiv schön mitanzusehen.

Anschließend entführt uns „Dark Elegies“ von Antony Tudor in die Zeit der Klage und Trauer Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit den Kindertotenliedern Mahlers, hier hervorragend gesungen von Bariton Dmitri Vargin, werden dem Zuschauer die Stadien der Trauer näher gebracht, die in jedem der 5 Totenlieder von jeweils einem der Protagonisten verkörpert werden. Der Zuschauer kann Trauer und Isolation erkennen, Aggressivität und Verzweiflung, den Kampf gegen den Verlust. Doch auch, wenn die Gefühle noch so stark sind, kehrt man immer wieder in den Strudel zurück, der einen zum Ursprung seiner Gefühle zurückbringt. Eine tragische Begebenheit, die die gesamte Gesellschaft um einen herum zu fesseln scheint. Dieses Stück hat mich sehr zum Nachdenken gebracht und in seiner Einzigartigkeit mitgerissen. Die Bewegungen standen im klaren Kontrast zum ersten Stück, da sie eher gen Boden tendierten und schmerzhaft wirkten. Immer wieder kämpften sich die Tänzer frei, um letztendlich wieder vom „Strudel“, einer wirbelnden Kreisformation der Mittänzer, eingefangen zu werden. Wahrlich beeindruckend und definitiv wert, sich einmal genauer mit der Thematik zu befassen.

Zuletzt bringt „One“ eine futuristische, wilde, ungestüme Geschichte von Entwicklung und Ausbruch auf die Bühne. Charakteristisch ist hier der einzigartige Einsatz von Licht und Schatten, sowie von Bühnenbild und Größe des nahezu gesamten Ensembles, das sich mit für mich neuen und ungewohnten Bewegungsabfolgen über die Bühne bewegt. Hier wird besonders auf die vielen Möglichkeiten des Tanzes geachtet, außerdem wird zweimal bewusst die vierte Wand, also die Wand zwischen Bühne und Zuschauer, durchbrochen, indem die Tänzer direkten Augenkontakt mit dem Publikum herstellen. Variation bringt auch die Verwendung einer Kletterwand im Tanz, die den beschwerlichen Weg über die steinernen Gipfel zur anderen Seite verkörpert. Mir hat dieses Stück gut gefallen, allerdings hätte ich mir für die letzte Etappe ein wenig mehr schauspielerische Interaktion unter den Akteuren gewünscht, als sie einer nach dem anderen in die Freiheit entkommen sind. So sehr man die Musik auch genießen kann, ein wenig Action hätte in diesem Moment den Augenblick des Ausbruchs wesentlich besser und dramatischer in Szene gesetzt.

Insgesamt ergab b.26 eine sehr angenehme und interessante Gruppierung, die ich aufgrund ihrer starken Kontraste sehr empfehlenswert finde. Das Prinzip der künstlerisch-tänzerischen Zeitreise gefällt mir sehr gut. Es schenkt dem Zuschauer die Möglichkeit, mitzuverfolgen, wie sehr sich unsere Dimensionen innerhalb der Jahrhunderte verändert haben und dass es sich lohnt, den Blick auch für unsere Vergangenheit, nicht nur für die Gegenwart, zu öffnen.

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Isabell Boyer
Studentin

Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.

Max Ohagen über b.26

Fröhlichkeit, Trauer und Kampf: die Garanten für eine Gelungene Ballettpremiere

Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburgb.26 Dark Elegies  ch.: Antony Tudor„Bournonville Divertissement“: Beflügelt, zart und jugendlich kommen die Figuren bei August Bournonville geflogen, als pastellfarbene Leichtigkeit des ausklingenden Sommers. Die Tänzerinnen mit ihren Röcken, wie sich drehende Papierschirmchen auf Kugeln von prickelndem Champagner-Sorbet. Umgarnt von den Tänzern, die mich an wirbelnde Champagnerbubbles erinnern. Ein Ballettstück erfrischend und genussvoll für die Sinne.
„Dark Elegies“: Schmerzhaft, traurig und modern erwischt mich das Ballettstück von Antony Tudor. Das Ensemble wie verzweifelte, tanzende Blätter in einem aufkommenden Herbststurm.
Untermalt von den Liedern Gustav Mahlers für Bariton und Orchester. Ein Trommelwirbel der Gefühle, was unter die Haut geht.
„One“: Energiegeladen, stark und utopisch. Ich fühle mich wie in einem Science-Fiction-Film auf einem grauen Planeten. Ein Kämpfen und Ringen im Ballettstück von Terence Kohler nimmt mich fasziniert in den Bann. Jeder Mensch hat seine ganz eigene Art eine Leiter hochzusteigen, die Mauern zu überwinden. Jeder ist etwas ganz Besonderes in seiner Bewegung im Fluss der Zeit.
Ein erlebenswertes Gesamtwerk, geschaffen von allen Beteiligten eingeschlossen des Publikums. Es war grandios.

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Max Ohagen
Inhaber der Keramik-Werkstatt „Manufattura“

„Ich bin berauscht und fange an zu lieben.“ So fasst Max Ohagen seine erste Saison als Opern- und Ballettscout zusammen. Während die Kunden seiner „Manufattura“ „Keramik selbst bemalen“, erzählt der Architektur- und Kunstliebhaber ihnen von seinen aktuellen Opern- und Balletterlebnissen – jedenfalls dann, wenn er seinen Laden früh genug verlassen konnte, um pünktlich im Opernhaus zu sein. Offen und neugierig auf das Zusammenspiel von Musik, darstellender und visueller Kunst gibt er gern seine Eindrücke und Empfehlungen weiter.

Susanne Freyling-Hein über b.26

Ein facettenreicher Ballettabend

Am vergangenen Freitag konnten wir einen facettenreichen Ballett-Abend erleben, der in der b.-Reihe aber nicht mein Favorit ist.

Der Abend umspannt Ballett von Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute und zeigt das Facettenreichtum der Entwicklung.

,,Bournonville Divertissement“ zeigt vom ersten Augenblick an eine unbeschwerte, folkloristische Szene.
Die Tänzerinnen und Tänzer zeigen vor blauer Kulisse fröhlich und unbeschwert, was sie können und kokettieren gegenüber dem anderen Geschlecht.
Nach einer Zeit nehmen die Tänzer Tamburine hinzu, reichen diese von Hand zu Hand und steigern somit die Dynamik auf der Bühne, Paare finden sich.
Dieses erste Stück ist schön anzusehen und sicher großartig getanzt, bietet aber wenig Tiefe.

„Dark Elegies“ ist mein Höhepunkt in der Trilogie. Im Gegensatz zum ersten Stück ist die Stimmung düster, das Bühnenbild dunkel und wie wolkenverhangen.
Überraschend ist der auf der Bühne sitzende Bariton, der die „Kindertotenlieder“ nahezu regungslos, in sich versunken vorträgt.
Die Tänzer tragen Ihre Trauer, Ihr Entsetzen über Ihren Verlust und die Nicht-Entrinnbarkeit mit einer beeindruckenden, düsteren Ästhetik zur Schau.

„One“ weckt in mir die Hoffnung auf eine positivere und dynamische Wendung des Abends, fängt jedoch ebenfalls mit einem Schreckensbild an.
Die Tänzerin, die das Stück eröffnet, erzittert am ganzen Körper angesichts der Monolithblöcke, die die Bühne umrahmen und ihr eine beeindruckende Tiefe geben.
Das Stück überrascht mit tollen Bildern, insbesondere wenn die komplette Kompanie auf der Bühne ist, sowie beim beeindruckenden Solo von Yuko Kato.
Allerdings zieht sich das Stück in die Länge und ergibt für mich keinen richtigen Zusammenhang.

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Susanne Freyling-Hein
Senior Retail Development Manager bei L’oréal

Obwohl Susanne Freyling-Hein seit ihrer Kindheit Klavier spielt und sich sehr für Ausstellungen und Industriekultur interessiert, waren Oper und Ballett bis zu Beginn der letzten Spielzeit Neuland für sie. Begeistert hat sie vor allem Martin Schläpfers Ballett am Rhein. Sie schätzt den gemeinsamen Austausch, weil er den eigenen Eindrücken andere Sichtweisen gegenüber stellt. Und wenn Freunde oder Kollegen ihren Empfehlungen folgen, macht sie das durchaus ein bisschen stolz.

Uwe Schwäch über b.26

Ein Abend künstlerischer Inspiration

Das Ballett „Bournonville Divertissement“ von August Bournonville ist ein Klassiker aus längst vergangener Zeit. In seiner Inszenierung im Rahmen von b.26 erfährt es eine wohltuende Balance aus traditioneller und moderner Prägung. Getanzt wird klassisch, also mit hoher Spitze, eleganten Drehungen und dynamischen Sprüngen. Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich im Reigen, der Charakter ist leicht, stimmungsvoll und fröhlich. Auch das puristisch gestaltete himmelblaue Bühnenbild und die bonbonfarbenen wehenden Kleider der Tänzerinnen prägen dieses Bild. Kurzum ein Fest für das Auge.

Dabei ist die Leichtigkeit und Gefälligkeit zugleich die Schwäche des Stücks. Trotz des Bewegungsreichtums wird der Zuschauer nicht bewegt, es fehlt das durchdringende Momentum von Inspiration und Leidenschaft. Erst im zweiten Teil erfolgt eine stimmungsvollere Aktivierung durch den Einsatz von Tamburinen. Nun wirken auch die Tänzer gelöster und verbreiten mehr Esprit. Die folkloristisch angehauchte romantische Musik rundet den Ballettklassiker durch eine stimmungsvolle Instrumentierung der Streicher und Bläser harmonisch ab.

Wie nahe Fröhlichkeit und Tristesse beieinander liegen, zeigt das zweite Ballettstück des Abends. „Dark Elegies“ von Antony Tudor nutzt die musikalisch komponierte Theatralik von Gustav Mahlers „Kindertotenliedern“. Auch hier sehen wir eine Art Volkstanz, dieses Mal jedoch gezeichnet von filigraner Einfühlsamkeit und angstvoller Stille. Die Symbiose von Musik und Tanz wird durch den Bariton Dmitri Vargin intensiviert, der sich neben den Tänzern auf der Bühne befindet. Die Musik durchdringt den Zuschauer voller Sanftmut und die Instrumentierung besticht mit einem fokussierten Klangbild.

Der Tanz ist geprägt von überragender Intimität, er vermittelt Verlust, Trauer und Sehnsucht. Die Tänzerinnen und Tänzer brillieren mit ungesehener und technisch anspruchsvoller Bewegungsvielfalt. Eingebettet ist die Inszenierung in ein von Wolken gezeichnetes Bühnenbild, das mit dezenten Lichteinfällen die Dunkelheit und Traurigkeit des Stückes unterstreicht. Und auch die Kostüme fügen sich in diesen Duktus ein, so dass sich insgesamt ein sehr holistisch choreographiertes,  herausragendes Ballett vorgestellt hat.

Die Vielfältigkeit dieses Ballettabends komplettiert das dritte Stück „One“ von Terence Kohler. Gleich zu Beginn Tanz in Hülle und Fülle mit modernsten Elementen – ein Rausch der Sinne. Der Zuschauer erlebt Tanz im Strudel der Gefühle von stürmisch, virtuos und artistisch bis zu hingebungsvoll und bisweilen zärtlich.

Das mit grauen Säulen erschaffene Bühnenbild ziert archaische Opulenz, in der sich bisweilen fast die gesamte Kompanie des Ballettensembles zeigt. Auch hier begegnet der Zuschauer ungesehenen Bewegungsformen, die in unterschiedlichen Sequenzen höchst ausdrucksvoll getanzt werden. Besonders eindrucksvoll ist der Tanz von Mitgliedern der männlichen Kompanie, die voller Anmut und Leidenschaft in weiten Hosen und nackten Oberkörpern in Phantasiebilder eintauchen. Wie auch im ersten Stück erleidet „One“ einen Bruch – dieses Mal negativ – als die Tänzer nacheinander eine Leiter erklimmen und über eine Säulenwand verschwinden. Nur der wunderbar vom Orchester interpretierten Sinfonie Nr. 1 von Johannes Brahms ist es zu verdanken, dass der Zuschauer hier nicht aussteigt. Der Spannungsbogen geht an dieser Stelle verloren, auch wenn sich am Ende mit der Ankündigung filigraner Lichtstrahlen die Säulen öffnen und die Tänzer wieder zurückkehren.

Es bleibt die Erinnerung an einen weiteren von epochaler Vielfalt und großer künstlerischer Inspiration geprägten Ballettabend, den man nicht verpassen sollte.

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Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter

Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

Georg Hess über b.26

Leichtigkeit und Trauer

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Leichtigkeit und Trauer an einem Abend! Geht das?

Am Freitag war es dann soweit – Premiere meiner „Spielzeit“ als Operscout und dies gleich mit einem aus drei sehr unterschiedlichen Teilen bestehenden Ballettarrangement.

Die Aufführung im Düsseldorfer Opernhaus war für mich der allererste Ballettbesuch. Daher war ich sehr gespannt, ob es die Aufführung schaffen würde, bei mir Begeisterung zu entfachen.

Der Vorhang öffnete sich um 19.30 Uhr und zum Vorschein kam ein ganz schlichtes Bühnenbild, bestehend ausschließlich aus einem hellblauen Hintergrund, ähnlich einem wolkenlosen Himmel, um den ersten Teil des Abends zu präsentieren.

Die Düsseldorfer Symphoniker begannen Ihr Spiel zur Einleitung des „Bournonville Divertissement“ und hinterließen sofort den ersten besonderen Moment bei mir. Klassische Orchestermusik zu erleben, ohne auch nur einen einzigen Musiker zu sehen, wirkt auf mich als seltenen Operngänger immer wieder faszinierend.

Nach und nach füllten insgesamt fünf Tänzerinnen und fünf Tänzer die Bühne und boten eine sehr fröhliche Darbietung eines Tanzfestes, wie es um 1850 stattgefunden haben könnte, mit einer Vielzahl von federnden Sprüngen und kleinen, unglaublich schnellen Schritten und Beinschlägen, wobei der Oberkörper stets in absoluter Eleganz gehalten wurde. Unterstützt wurde der Ausdruck der Bewegungen und der Frohsinn der Aufführung durch die unterschiedlich pastellfarbenen, aber dennoch sehr harmonisch zusammengestellten tutu-ähnlichen Kleider der Tänzerinnen und der zum Ende hin in das „Tanzspiel“ integrierten Schellenkränze und Bänder.  Durch die durchweg helle (aber nicht störend wirkende) Beleuchtung der Bühne wurde es mir als Betrachter bestens ermöglicht, die technischen Herausforderungen des Balletttanzes zu verfolgen (und zu bewundern).

Für mich als „Neuling“ ein perfekter und leichter Einstieg in den spätsommerlichen Ballettabend.

Nach der ersten Pause begann „Dark Elegies“ des Choreographen Antony Tudor mit der Musik von Gustav Mahler, welches einen Trauerakt einer Gruppe von Dorfbewohnern über verstorbene Kinder in Szene setzt (aus Gedichten Friedrich Rückerts inspiriert).  Die Bühne benötigte diesmal wieder keine Elemente, war aber mit einem Hintergrundbild ausgestattet, welches einem dunklen Wolkenhimmel ähnelte. In der auch durch Beleuchtung unterstützten Dämmerungsstimmung begannen den Trauertanz sechs zunächst im Halbkreis sitzende Frauen in schlichten, unaufdringlichen Kleidern, welche nach und nach durch weitere Tänzerinnen und auch einige Tänzer unterstützt wurden. Die strengen Darstellungen der Darbietungen zeigten sehr gefühlsbetont die Trauer der Dorfbewohner über den Verlust ihrer Kinder. Unterstützt wurde die ganze Handlung durch einen am Rand der Bühne sitzenden Bariton als Erzähler.

Durch dieses zweite Stück war die anfängliche Leichtigkeit des Abends verflogen und nun zunächst eher einer Stimmung von Trauer und Beklemmung  gewichen.

Nach der Pause erwartete ich mit Spannung zum Abschluss „One“ von dem Choreographen Terence Kohler mit der Musik von Johannes Brahms. Schon das Bühnenbild ließ erahnen, dass es sich nun um ein modernes und zeitgenössisches Stück handelte. Auf der wieder in Dämmerlicht eingetauchten Bühne befanden sich mehrere  verschiebbare pure Quaderelemente, die mir zunächst ein bedrückendes Gefühl vermittelten, und gegen die in der Spielfolge die sehr große Zahl von Tänzern und Tänzerinnen immer wieder versuchte in verschiedenster Art anzugehen oder diese zu überwinden. Die Kostüme waren dieses Mal eher knapp und enganliegend und Wolkenstrukturen nachgebildet. Mir fiel besonders die Geschmeidigkeit der Darsteller und Darstellerinnen auf, die sich schnell oder in Zeitlupe wanden oder auch gegenseitig trugen zu der insbesondere zum Schluss hin aufgeladenen Musik. Die Handlung des Stücks erschloss sich mir leider nicht in einer Weise, dass ich hierüber jetzt berichten könnte – dies mag aber auch an meiner (noch) laienhaften Betrachtungsweise des Balletttanzes liegen.

Mich (als „Ballettneuling“) hat dieser Abend begeistert, besonders wegen der starken Darbietungen der Tänzerinnen und Tänzer und zudem der Unterschiedlichkeit der drei aufgeführten Werke. Besonders die Aufeinanderfolge von Bournonville’s „Bournonville Divertissement“ und Tudor’s „Dark Elegies“ hat mir deutlich aufgezeigt, zu welcher Schaffung von Stimmungslagen Ballett in der Lage ist und war für mich daher (aber auch nur in dieser Spielreihenfolge) eine mögliche und gute Zusammensetzung.

Einen persönlichen Favoriten möchte ich aus den Stücken des Abends nicht herausbilden, zum Einen weil man der Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer nicht gerecht werden würde und zum Anderen auch wegen der geringen Vergleichbarkeit der Stücke.

Auf den nächsten Premierenabend (dann eine Oper) bin ich schon jetzt sehr gespannt…

Weitere Informationen zu b.26

Georg Hess
Notarfachreferent

Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte er tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

Martin Breil über b.26

In drei Stationen durch die Geschichte des Balletts

Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburg
b.26 One   ch.: Terence Kohler

Mit seiner Produktion b.26 nimmt Martin Schläpfer den Besucher in drei Stationen mit auf eine lange Reise durch die Geschichte des Balletts.

Der Abend beginnt mit „Bournonville Divertissement“. August Bournonville war Tänzer und Direktor des Königlichen Balletts in Kopenhagen im 19. Jahrhundert. Perfekt dargeboten tanzen die Tänzerinnen und Tänzer seine überlieferte Choreographie. Auffallend ist die strenge Symmetrie der Tanzformationen und die perfekte Beinarbeit der Tänzer. Aber diese Perfektion ist es eben, die mich nicht recht begeistern können. Hinzu kommen Kostüme, die ebenfalls aus dem 19.Jhd. zu stammen scheinen. Schön bunt, aber nicht berührend.

In krassem Gegensatz dazu folgt „Dark Elegies“ von Antony Tudor, uraufgeführt 1937. Nach einer neuen Bewegungs- und Harmonielehre suchend gelingt es ihm eindrucksvoll die „Kindertotenlieder“ des Dichters Friedrich Rückert in Vertonung von Gustav Mahler um eine künstlerische Dimension zu erweitern, durch den Tanz. Die Ohnmacht und endlose Trauer, die der Dichter durch den frühen Verlust seiner Kinder empfunden zu haben schien, drücken sich durch schematischen Kreistanz, gedeckte Farbigkeit der Kostüme und ein Bühnenbild, dass den Blick über einen Horizont in unendliche Dunkelheit assoziiert, aus. Musik, Text und Bewegung gehen eine faszinierende Symbiose ein. Sehr ergreifend.

Mit „One“ von Terence Kohler endet die Reise durch die Ballettgeschichte in der Jetztzeit. Seine Choreographie hält einige Überraschungen parat. Zunächst irritiert, dass die Sinfonie Nr.1 von Johannes Brahms das musikalische Gerüst der Aufführung bildet. Auf der Bühne herrscht Endzeitstimmung, angedeutet durch betonsichtige, schier unüberwindliche Monumentalarchitektur. Die Tänzerinnen und Tänzer tragen Camouflage-Trikots, sodass sie kaum noch als Individuen zu erkennen sind. Dagegen steht das Solo von Yuko Kato und ist sicherlich der Höhepunkt des Abends. Sie ist es, die zu innerer Ruhe und Einkehr gefunden hat und dies im großen Chaos im 3. Satz eindrucksvoll zum Ausdruck bringt.
Die Überwindung der Mauern, die uns auf dem Weg ins Licht den Weg versperren. Soll ich sie übersteigen, oder schlage ich einen anderen Weg ein? Die Tänzer wählen 32-fach den ersten Weg, wie Millionen andere z.Zt. auch. Ob sie es schaffen?

Im Ganzen ein großartiger Abend, schon allein wegen der beiden letzten Stationen der Reise.

Weitere Informationen zu b.26:
http://operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-26.1047776

Opernscout Martin Breil-1Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau

Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.