Isabell Boyer über b.27

Wunderschön, surreal, metaphorisch

b.27  Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg
"Der Grüne Tisch"  ch.: Kurt Looss

Zur Freundeskreispremiere der b.27 erwartete mich eine faszinierende Zusammensetzung dreier Tanzstücke, die in ihrer Natur nicht unterschiedlicher hätten sein können.

Beginnend mit „Duo Concertant“ wurden die Zuschauer in einen minimalistisch arrangierten Tanzsaal entführt, in dem Alina Bervu am Flügel und Dragos Manza an der Violine gemeinsam eine surreal-fantastische Musikkulisse für das Tanzpaar erschufen, das währenddessen verträumt den Klängen lauschte. In ihnen passend erscheinenden Augenblicken begaben sich die anmutige Tänzerin und ihr eleganter Partner auf die Bühne, um einerseits ihr Können, andererseits aber auch ihr makelloses Zusammenspiel unter Beweis zu stellen. Ann-Kathrin Adam und Marcos Menha ziehen die Zuschauer augenblicklich in ihren Bann und vermitteln einen wundervoll verspielten, lebensfrohen und authentischen Tanz, bei dem es einem einfach Freude bereitet, zuzusehen. Jede Bewegung ist gekonnt gesetzt, jeder Moment genau abgewägt. Es wundert einen am Ende, wie schnell dieses Stück an einem vorbeigezogen ist. Ein wenig wirkt es wie ein flüchtiger Traum – man hätte ihn gerne noch etwas länger vor Augen gehabt, bevor man in den Alltag zurückkehrt.

Im Anschluss folgte die Uraufführung von Martin Schläpfers „Variationen und Partiten“. Sie beginnt mit einem farbenfrohen Bühnenbild, über und über besetzt mit kunterbunten Lampions. Kurz darauf erscheinen zuerst Einzeltänzer, dann verschiedene Paare und Gruppen auf der Bühne, die sich im Verlauf bilden und verändern. Die Bewegungen sind unkonventionell, wirken frech bis albern und werden durch die ungewöhnliche Wahl der Kostüme unterstrichen. Allerdings packten mich die 12 Variationen über das Menuett „à la Vigano keineswegs. Mir fehlten Synchronität und Einklang mit der Musik im Tanz, es kam bei mir erschreckend wenig Sympathie rüber und ‚Die Andere‘, die das Ende des Stücks einleitet, warf bei mir lediglich Fragen auf.

Erst in der Partita fiel es mir wesentlich leichter, mich mit dem Stück zu identifizieren.
Zwar war auch hier die Kostümauswahl meines Erachtens nach fragwürdig, doch blieben mir die Bestandteile der Choreographie positiver im Gedächtnis, besonders der markante Einsatz von Frauen- und Männergruppen, sowie eines Trios, das sich als Wiedererkennungsmerkmal durch das Stück zog.

Bis heute frage ich mich, was genau das Ende der Partita nun zu bedeuten hatte; vermutlich entschlüsselt sich dies erst bei einem erneuten Besuch gänzlich.

Eines ist aber sicher: „Variationen und Partiten“ grenzt sich stilistisch auf alle Fälle von den umgebenden Stücken ab.

Zuletzt entführt uns „Der grüne Tisch“ von Kurt Jooss in die Welt des Was-wäre-wenn. In 8 Akten erzählen die Akteure eindrucksvoll von einem sich entwickelnden Krieg, begonnen am Verhandlungstisch der obersten Politiker und Machthaber, besiegelt von einem Schuss aus zehn Pistolen. Dieses Tanztheaterstück ist mehr als nur schön anzusehen. Es könnte in einer Zeit wie der unseren nicht aktueller und dringlicher sein.

So werden hier die Kriegstreiber näher beleuchtet, die Generationen von Männern und Frauen, die unter den Folgen des Krieges zu leiden haben (beeindruckend bis ins letzte Detail: Marlúcia do Amaral, Camille Andriot und Yuko Kato) und nicht zuletzt die Rolle des Todes (gespielt vom schauspielerisch exzellenten Chidozie Nzerem), der, je mehr das Stück voranschreitet, erstaunlich sympathische Züge annimmt, da nur er dem Unheil ein Ende zu setzen weiß…

Erst, als am Ende der Knall der Pistolen ein zweites Mal ertönt, erscheint es einem wie ein zurück gespultes Videoband. Man fragt sich, ob es noch einmal genau so ablaufen wird – man hofft es nach den Qualen, die die Protagonisten erleiden mussten, nicht. Doch eines erreicht dieses Stück auf alle Fälle: Es lässt einem gewahr werden, was Krieg und Hass in einer solchen Intensität zuletzt wirklich bedeuten.

Und das, als Nachricht aus tiefstem Herzen, sollte man in Zeiten wie diesen niemals aus den Augen verlieren.

Weitere Informationen zu b.27:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-27.1047790

OpernscoutsIsabell Boyer
Studentin

Auf unseren jüngsten Opernscout sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Als Opernscout berufen worden zu sein ist eine Ehre für sie. Sie ist sehr froh, dabei zu sein und hofft auf eine schöne Zeit.

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Stefanie Wallace über b.27

Die ersten beiden Stücke – absolut sehenswert, „Der grüne Tisch“  – zu pompös

b27_VariationenundPartiten_06_FOTO_GertWeigelt„Duo Concertant“ – eintauchen in das Meer der Weite und wohlfühlen mit den Klängen von Igor Strawinsky.
Das erste Stück von George Balanchine, schon 1972 vom New York City Ballett uraufgeführt, war sehr kurzweilig. Mir hat die private Atmosphäre gefallen. Es schien als sei man stiller Beobachter einer nicht öffentlichen, sehr intimen Veranstaltung. Die beiden Tänzer haben so liebevoll über ihre Gestik miteinander kommuniziert und sich sichtlich der Musik erfreut. Es waren ganz sanfte und zärtliche Begegnungen zwischen Ballettpaar und dem Musiker Duo. Die verliebte Mimik zwischen dem Liebespaar eingebettet in fließende weiche Bewegungen wurde getragen von dem Violinen Spieler und der Pianistin – die allesamt auf der Bühne waren. Die Solotänze, wo der eine für den anderen grazil schon fast schwebend getanzt hat – waren großartig.
Der Raum dem die Musik gegeben wurde, hat die Bedeutung des Klangs für die Bewegung sehr gut verdeutlicht und die Stimmung zwischen den Tänzern unterstrichen.
Das ausdrucksstarke Blau der Bühne hat die Tänzer zum Leuchten gebracht. Der Wandel zum schwarzen Bühnenhintergrund mit dem Spotlicht hat die Aufmerksamkeit noch mehr auf die einzelnen Details von Gestik, Mimik und Bewegung gelegt.

Ein sehr schönes Stück mit toller Musik – genau das Richtige zum Ankommen!

Martin Schläpfers Aufführung „Variation und Partiten“ hat überrascht mit viel Esprit und Frische. Klassische Bewegungsformen und reich gefüllte Bewegungserlebnisse der neuen Art.
Das bunte, verspielte Bühnenbild hatte etwas Frühlingshaftes und Leichtes. Die Farben wurden sehr akzentuiert und gekonnt in die Kostüme eingebettet. Die kleinen Farbnuancen haben dem gesamten Bild einen spielerischen Anstrich gegeben. Durch das leichte durchsichtige Material konnten wunderschöne Lichtmomente entstehen.
Der Pianist hat sehr einfühlsam die sehr fassentenreichen Bewegungen, ob kantig, fließend, stampfend oder schüttelnd, untermalt.

Sehr schön waren die Momente der absoluten Stille! Nur leises Tippeln und der pure Atem waren zu hören. Ich habe das Stück sehr genossen – absolut sehenswert!

„Der grüne Tisch“ von Kurt Joos holt den Zuschauer wieder zurück in die Realität und rüttelt auf. Das Stück in acht Bildern – gegenwärtig und erschreckend nah – die Thematik über Krieg und Tod.

Das Kostümbild hätte nicht treffender sein können – ausdrucksstark und zum Teil, mit maskierten Gesichtern, auch abschreckend. Die Soldaten und ihre Bewegungen waren betont kraftvoll und stark, doch für meinen Geschmack war alles etwas überzogen und pompös.

So aktuell und geschichtsträchtig das Thema auch sein mag hat es meine Stimmung ziemlich gedämpft.

Weitere Informationen zu b.27:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-27.1047790

OpernscoutsStefanie Wallace
Yogalehrerin

Die studierte Modedesignerin arbeitete im Design und Einkauf, bevor sie ihre Leidenschaft für Yoga zum Hauptberuf machte. Ihren Unterricht besuchen Tänzerinnen und Tänzer des Balletts am Rhein; deren Ausstrahlung und Körperlichkeit animierten sie zu einem ersten Ballettbesuch, dem viele weitere folgten: „Was ich beim Ballett am Rhein in den letzten zwei Jahren erleben durfte, hat mich extrem beeindruckt.“ Als Opernscout freut sie sich jetzt auch auf neue Erfahrungen und Inspirationen im Bereich der Oper.

Christina Irrgang über b.27

Ein unglaublich mitreißender Abend!

b27_DuoConcertant_01_cTheGeorgeBalanchineTrust_FOTO_GertWeigeltMit Nikolai Szymanski und Lucas Croon sitze ich zur Mitternacht am Küchentisch und wir unterhalten uns über Musik, zunächst ganz konkret über die neue Platte von Stabil Elite, doch dann im Allgemeinen: über Plakatives und Sperriges, über reine Fläche und längerfristig zu ergründende Tiefe, über Musik, die schnell wieder verschwindet, und Musik, die im bloßen Jetzt noch nicht verstanden werden kann. Musik, die vielleicht erst mit Tanz als Bild im Raum erarbeitet wird, durch den Körper verstanden werden muss. Weil Tanz ein Gegenbild zu Musik formuliert, und Musik den Raum des Tanzes eröffnet.

So stellte es sich sehr präzise bei George Balanchines „Duo Concertant“ dar, denke ich. Balanchine, der zeitlebens eng mit der Musik und der Person Igor Strawinsky verbunden war, hat mit diesem Stück Ballett eine Geste der gegenseitigen Bedingung von Musik und Tanz geschaffen. Sie finden hier in sehr reduzierter Form auf der Bühne zusammen: Klavier, Violine, Tänzerin und Tänzer. Das tänzerische Zuhören von Ann-Kathrin Adam und Marcos Menha erfolgt ebenso aufmerksam, wie das musikalische Führen von Alina Bercu und Dragos Manza. Und umgekehrt. Mit dieser sich gegenseitig bedingenden Geste Balanchines beginnt der Ballett-Abend „b.27“, die als Thema den Abend benennt und in konzeptuell-sensibler Weise die drei Darbietungen von „b.27“ miteinander verbindet. Das Klavier ist im Folgenden einziger Begleiter und musikalischer Träger.

Für Martin Schläpfers „Variationen und Partiten“, das am Premieren-Abend als Uraufführung zu sehen war, formen Ludwig van Beethoven und Johann Sebastian Bach – gespielt von Denys Proshayev – den musikalischen Lauf. Tanz und Bühnenbild mit Lampions erinnern zu Beginn an das japanische Noh-Theater. Doch die pantomimischen, trockenen Bewegungen brechen auf in einen wilden, fließenden Tanz: sie bilden einen Zirkel, ja, eine Art Lebens- und Liebeskreis, der durch einen metallenen Ring nach und nach auch ins Zentrum des Bühnenbildes tritt und symbolisch die Tänzerinnen und Tänzer umschließt. Trotz aller Euphorie bleibt es ein Spiel aus Kampf und Freiheit, Verausgabung und Leichtigkeit, ein Gleiten auf leisen Sohlen und ein virtuoser Marsch auf Spitzenschuhen. Schläpfers Choreografien schaffen es, die Aufregung und Süßheit des Lebens in einem einzigen Tanz zu bündeln, so auch dieses Mal. Und wenn „Variationen und Partiten“ im letzten Drittel etwas langatmig erschien, dann vielleicht deshalb, weil es bei allem Lebendigen immer wieder gilt, dem, was kommt, Stand zu halten? Der Spitzenschuh wird hier sinnbildlich zur Todeswaffe, das Vertraute entfremdet, verneint, ein Richtungswechsel – hin zum dritten Stück des Abends, „Der grüne Tisch“ von Kurt Jooss, ein Totentanz in acht Bildern, mit Musik von Fritz A. Cohen, gespielt von Christian Grifa und Wolfgang Wiechert. Das Stück wurde 1932 durch die Folkwang Tanzbühne Essen im Théâtre des Champs-Elysées Paris uraufgeführt, doch ist in seiner musikalischen und tänzerischen Vehemenz zeitlos treffend. Die avantgardistischen, plastischen Bewegungen der Tänzer lassen an das Bauhaus und Oskar Schlemmers formfindende Tänze denken (und erneut auch an Noh), doch bedeutet Jooss’ Choreografie und Tanztheater ein Anti-Kriegs-Stück mit all seiner Absurdität, Dramatik, emotionalen Intensität, Traurigkeit und Automation. Unübertroffen tanzt dabei Chidozie Nzerem den Tod, der die Zweischneidigkeit des Seins meisterhaft verkörpert: stets apokalyptisch-ambivalent zwischen Recht und Unrecht, zwischen Stärke und Zerbrechlichkeit, als Figur inmitten unentscheidbarer Entscheidungen – die irgendwo, irgendwann an einem grünen Tisch doch getroffen wurden und noch getroffen werden.

„b.27“, im Ganzen von Martin Schläpfer kuratiert, ist ein unglaublich mitreißender Abend, der auf magische Weise der Verbindung von Musik und Tanz so viel Bedeutung einräumt, wie wir in jener Mitternacht am Küchentisch nach Worten über sie suchten. Unbedingt ansehen!

Weitere Informationen zu b.27:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-27.1047790

OpernscoutsChristina Irrgang
Freie Autorin

Christina Irrgang lebt und arbeitet als freie Autorin in Düsseldorf. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der sie aktuell über den Fotografen Heinrich Hoffmann im Kontext politischer Bildstrategien promoviert. Parallel zum Schreiben verfolgt sie im künstlerischen Bereich ihr Musik-Projekt BAR, das sie 2013 mit Lucas Croon gegründet hat. In der Spielzeit 2015/16 ist sie zum zweiten Mal begeisterter Opern-und Ballett-Scout!

 

Claudia Graw über b.27

„Variationen und Partiten“ als Höhepunkt

b27_VariationenundPartiten_07_FOTO_GertWeigeltZum Auftakt von b.27 mit „Duo Contertant“ sehe ich ein ungewohntes Bild, denn auch die beiden Musiker sind mit ihren Instrumenten auf der Bühne platziert. Das Tanzpaar hat zunächst nur die passive Rolle von Zuhörern, dann „verabredet“ sich das Paar kopfnickend zum Tanz und es folgen anmutige und harmonische Tanzsequenzen, die wie Etüden immer wieder unterbrochen werden und neu beginnen. Alles wirkt harmonisch und ist sehr hübsch anzuschauen.

Für mich findet der Abend mit der Schläpfer- Uraufführung „Variationen und Partiten“ seinen Höhepunkt. Die Tänzer zeigen eine unglaubliche Vielfalt an Bewegungsabläufen und eine sehr abwechslungsreiche und kraftvolle Körpersprache. Besonders das Element der exakten Schritte und den dazu im Gegensatz etwas unkontrolliert wirkenden Armbewegungen fand ich faszinierend. Ich habe jeden Moment genossen.

Schließlich hat mich das vielumjubelte Stück „Der grüne Tisch“ nicht gepackt. Gleich das erste Bild der alten Herren mit hässlichen Masken hat meine Stimmung runtergezogen. Die Tänzer der Compagnie agieren zwar wie immer großartig und Chidozie Nzerem als der personifizierte Tod legt eine Glanzleistung ab. Jedoch kann der Tanz  in seinen überakzentuierten und überzogenen Bewegungen bei mir nicht punkten. Alles zu groß und theatralisch,  leider überhaupt nicht meine Welt.

Weitere Informationen zu b.27:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-27.1047790

OpernscoutsClaudia Graw
Buchhalterin bei Electronic Partner

Für die berufstätige Mutter von zwei Kindern ist der Opern- und Ballettbesuch eine willkommene Abwechslung zum Alltag. Die besondere Atmosphäre im Opernhaus, wenn sich der Saal verdunkelt und im Orchestergraben konzentrierte Stille auf das Stimmen der Instrumente folgt, kann sie voller Spannung und Freude genießen. „Grandiose Abende“ hat sie mit dem Ballett am Rhein erlebt. Auch wenn sich ihr nicht jeder Ballettabend unmittelbar erschlossen hat, öffnete ihr der Austausch mit den Scouts und die eigene Reflexion im Text die Tür zu einem nachhaltig faszinierenden Erlebnis.

 

Gisela Miller-Kipp über b.27

Ein eindrucksvoller Ballettabend

b27_VariationenundPartiten_01_FOTO_GertWeigeltEin aus drei Stücken klug zusammengestellter, insgesamt schöner und bereichernder Ballettabend. Das erste Stück ist ein Klassiker des modernen Bewegungsballetts: das von George Balanchine choreographierte Duo für Violine und Klavier von Igor Strawinsky: „Duo Concertant“. Seine fünf Sätze huldigen der Einheit von Musik und Tanz. Sie wird hier überzeugend aufgeführt – die beiden Instrumente stehen deshalb auf der Bühne und werden vom Tanzpaar hofiert. Dies Paar tanzt außerordentlich elegant, fließend, auch zärtlich, die Beiden (Ann-Kathrin Adam, Marcos Menha) harmonieren aufs Schönste. Dennoch: die pure Ästhetik langweilte mich auf die Dauer, zumal auch die Bühne, dezent in Schwarz, Blau und Bleu, keine weitere sinnliche Anregung bot. In den letzten beiden Sätzen markiert Lichtregie die Körper, das brachte dann noch etwas Spannung ins Bewegungsgeschehen.

Besonders neugierig war ich auf das zweite Stück, „Variationen und Partiten“, choreographiert von Martin Schläpfer. Würde ihm nach so viel bislang geleisteter Innovation noch Neues einfallen? Ja! Ich sah viele neue Körpervokabeln/Schritte/Bewegungen; einige kommen erkennbar aus dem Eiskunstlauf/Eistanz, insbesondere in den Pas de Deux. Verwöhnt wurde man überdies wieder mit einer nachtwandlerisch stimmigen Umsetzung von Musik in Bewegung, und das in zwei grundverschiedenen Ansätzen. Da gab es zuerst die 12 Variationen für Klavier über ein Menuett von Jakob Haibel; hier wurde vergnügt und munter, ja bisweilen überbordend fröhlich getanzt – schließlich ging es um eine Hochzeit mit Hindernis; passend dazu hängt der Bühnenhintergrund voller bunter Lampions. Sehr hübsch. Diese Lampions nun wurden ganz langsam hochgezogen, bis am Ende der „Variationen“ und für den zweiten Teil nur der anthrazit-dunkle Prospekt blieb. Also: volle Konzentration auf die Partita Nr. 6 e-Moll von Johann Sebastian Bach. Hier wurde in der Tat konzentriert getanzt, bis in jeden Muskel, bis in die Stille zwischen den einzelnen Sätzen und auch aus dem Stillstand (wörtlich!) heraus: die Bewegung, der Tanz entspringt dem Körper – das fand ich spannend, in der Länge der Variationen aber auch ein wenig ermüdend.

Der Höhepunkt für mich: das dritte Stück – Handlungsballett nunmehr, und dies mit politischer Brisanz. „Der Grüne Tisch“ von Kurt Jooss, 1932 (!) an der Folkwang uraufgeführt, beginnt und endet (1. und 8. Bild) an bzw. mit einem großen, grün ausgeschlagenen Tisch (Business-Tisch). Dort tauschen sich die „schwarzen Herren“ mit den weißen Westen (!) und den unschuldig-weißen Händen, hier die Drahtzieher des Weltgeschehens – soweit an der Maskerade zu erkennen sind das die üblichen Verdächtigen: Industrielle, Banker, Spekulanten, Agitatoren, politische Machthaber (mit Orden!) usw. – heftig aus, im vorliegenden Falle in kriegerischer Absicht. Denn im nächsten Bild bricht ein Krieg aus bzw. tritt der Krieg auf, als stampfender Mars (Chidozie Nzerem), zackig marschieren dann die Soldaten herein, sie nehmen Abschied, sie ringen und kämpfen, im Hintergrund steht schon der Kriegsgott, nun als Tod deutlich, in mechanischer Bewegung – der Krieg ist eine Todesmaschine –, dann tritt er vor, nicht als Skelett eben, nein, als Berserker im Sixpack-Kostüm des filmbekannten „Terminator“ (!) – einer von vielen überzeugenden Kostümeinfällen. Ein giftgrünes Spotlight folgt dem Wüterich, markiert ihn bedrohlich; und er holt sie sich alle: Soldaten und Bräute, Mütter und Witwen, Alt und Jung; nur der Mann mit dem Bowler („Melone“), der munter herumeilende Buchmacher und Schieber also, scheint ihm zu entwischen. Zumindest ist er im Totenreigen, der am Ende des Gemetzels über die Bühne geht, nicht dabei.

Getanzt wird das alles „vivace“, schnell, kraftvoll, auch wuchtig, von unübertroffener Bewegungspräzision dabei: Marlucia do Amaral in ihrem Pas de Deux mit dem Tod. Die beiden Klaviere (Christian Grifa, Wolfgang Wiechert) wummern – kurzum: herzklopfend mitreißend bis zum allerletzten Bild. Es zeigt nur noch den grünen Tisch, darauf die Masken der „schwarzen Männer“ – will heißen: Sie sind die „Charaktermasken“ (Karl Marx, nicht wahr) eines mörderischen Systems.

Dafür gab es zum Schluss tosenden Beifall. Gewiss galt der auch dem Corps de Ballett. Es tanzte in allen drei Stücken nahezu perfekt, hier einmal ein Wackler, dort eine kleine Asynchronität – geschenkt. Zu bewundern und zu genießen war/ist mithin eine überragende tänzerische Leistung und ein eindrucksvoller Ballettabend.

Weitere Informationen zu b.27:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-27.1047790

OpernscoutsGisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Nichts nährt Seele, Sinne und Phantasie besser zum Ausgleich wissenschaftlicher Tätigkeit als die Oper!“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Ihre große Rezeptionserfahrung bringt sie nun in die Runde der Opernscouts ein. Seit ihrem Ruhestand ist sie besonders bürgerschaftlich engagiert, u.a. als Lese-Mentorin und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit; kulturell  tummelt sie sich noch im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast.

Jan van de Weyer über b.27

Tanztheater mit höchster Präzision und Einzigartigkeit

b27_DerGrueneTisch_06_cTheJoossEstate_FOTO_GertWeigeltDen Auftakt von b.27 bildet Geroge Balanchines „Duo Concertant“, das 1972 vom New York City Ballett uraufgeführt wurde. Getragen durch die wunderbare Musik von Igor Strawinsky taucht der Zuschauer durch eine blaue Kulisse in ein Meer der Unendlichkeit. Auf der Bühne begegnen sich ein Klavier und eine Violine, sowie zwei Tänzer verkörpert durch Ann-Kathrin Adam und Marcos Menha, die auf subtile Weise aufeinander reagieren. Hier zeigt sich ein einzigartiger Balanchine mit seinen ruhigen Momenten, sowie seiner Schnelligkeit und technischen Brillianz, indem Mensch und Körper den Raum ausloten. Es geht bei diesem Werk um menschliche Begegnungen, Freundschaft und Abschied- Themen, die auch die beiden Künstler tief verband. Sowohl die Musik also auch der Tanz, beides steht für sich und verbindet sich schließlich doch zu „Eins“.

In der goldenen Mitte überrascht Martin Schläpfer das Publikum mit „Variationen und Partiten“ durch seinen erfinderischen und facettenreichen Bewegungsreichtum. Spielerisch aufstrebend, aber auch rebellisch erobert die Kompanie des Ballett am Rhein die Bühne, mit Klaviermusik von Beethoven und Bach. Der Zuschauer erlebt sowohl die klassischen Wurzeln des Tanzes, also auch moderne Bewegungswelten, die mit viel spielerischer Leichtigkeit die Persönlichkeiten der einzelnen Tänzer unterstreicht.

Das dritte Stück bietet einen Ausflug in die Tanzgeschichte, das von seiner Aktualität nicht treffender platziert werden könnte. Beim grünen Tisch von Kurt Joos begegnen mehrere Soldaten, ein Fahnenträger, eine Frau und ein junges Mädchen dem Tod. Bei diesem Totentanz überzeugt Chidozie Nezerem als der erbarmungslose Vollstrecker mit seiner kraftvollen und gezielten Körpersprache. Wunderbar wie unterschiedlich die Tänzer dem Tod begegnen. Ein Tanztheater mit höchster Präzision und Einzigartigkeit.

Weitere Informationen zu b.27:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-27.1047790

OpernscoutsJan van de Weyer
Bildhauer

„Was Martin Schläpfer hier bewirkt, ist ein Traum“, sagt Jan van de Weyer, der als kleiner Junge selbst Ballett getanzt hat und heute mit einer Tänzerin der Compagnie liiert ist. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte, arbeitete viele Jahre als Physiotherapeut und ist heute als Bildhauer mit eigenem Atelier in Düsseldorf tätig. Nun freut er sich darauf, neben dem Ballett auch etwas tiefer in die Oper einzusteigen.

Uwe Schwäch über b.27

Ein wunderbar zusammengestelltes ungleiches Triptychon

b27_DuoConcertant_03_cTheGeorgeBalanchineTrust_FOTO_GertWeigeltDer Einstieg in den Ballettabend erfolgt mit „Duo Concertant“ von George Balanchine. Zu sehen und hören sind vier Protagonisten – ein Tanzpaar begleitet von einer Pianistin und einem Violinisten – denn alle befinden sich auf der Bühne und vermitteln räumliche und zwischenmenschliche Nähe. Der von Sinnlichkeit, Lebendigkeit und zuweilen auch von Heiterkeit geprägte Tanz folgt Etüden, in deren kurzen Pausen sich die Tänzer zu den Musikern gesellen und deren feinsinniger Interpretation von Strawinskys Musik lauschen. Zu dieser Musik tanzt das Paar pointiert und undramatisch, wobei in jedem Schritt und in jeder Bewegung dieses neoklassischen Balletts eine harmonische und perfekte Symbiose zwischen Mensch und Musik erlebbar wird.

Auch die mit Spannung erwartete Uraufführung „Variationen und Partiten“ von Martin Schläpfer eröffnet mit Heiterkeit. Hier sind es das Bühnenbild, das mit bunten Lampions Frische vermittelt, und die ungewöhnlich leichte Klaviermusik von Beethoven, die das neue Ballett stimmungsvoll in Szene setzen. Schläpfer kombiniert neoklassischen Tanz mit neuartigen, auf der Bühne noch nie gesehenen Bewegungen und Formationen. Die Tänzer des Ensembles agieren mit höchster Präzision und vermitteln vielfältige Emotionen: von kantig bis weich, von kämpferisch bis zu höchst einfühlsam. Solo, Pas de deux und Corps de ballets reihen sich aneinander und schaffen immer wieder neue, hingebungsvolle Perspektiven und emotionale Momente. Die Musik, im zweiten Teil von Bach, wird fortschreitend kontemplativer und manifestiert sich als beschwingte, stimmungsgeladene Untermalung eines neuen Meisterstücks.

„Der Grüne Tisch“ von Kurt Jooss beschließt den Ballettabend mit einer Geschichte aus der Geschichte. Der Klassiker von 1932 erzählt in acht Bildern eindrucksvoll vom Ersten Weltkrieg, der in einem Totentanz dargestellt wird. Jedes der einzelnen Bilder arbeitet mit Symbolkraft, so sind gleich zu Beginn die Mächte am Grünen Tisch mit hässlichen Fratzen kostümiert. Der omnipräsente Tod vermittelt sich martialisch und bewegt sich kraftvoll und wuchtig durch die Szenerie des Geschehens. Aber auch die Angst und Empfindsamkeit zurückgebliebener Frauen und Mütter bewahrt den Spannungsbogen, der von dieser eindrucksvollen Ballettgeschichte ausgeht. Den musikalischen Rahmen setzt auch hier Klaviermusik und es sind nun zwei Pianisten, denen es gelingt, die Geschichte musikalisch virtuos und eindringlich zu begleiten.

Insgesamt ein wunderbar zusammengestelltes ungleiches Triptychon mit der einfühlsamen Heiterkeit neoklassischer Etüden Balanchines, dem neuen Meisterwerk an Virtuosität und Lebendigkeit von Schläpfer sowie der berührenden Geschichte aus der Geschichte von Jooss.

Weitere Informationen zu b.27:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-27.1047790

OpernscoutsUwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter

Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Weil ihn nicht nur das Kunsterlebnis, sondern auch der gemeinsame Austausch darüber bereichert, freut er sich jetzt auf den Dialog mit den Opernscouts.