Kathrin Pilger über b.29

Ein Abend voller Überraschungen

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg
b.29 "Mozartiana" ch.: George BalanchineDie Ballettpremiere b.29 am vergangenen Freitag im Theater Duisburg war voller Überraschungen: Drei Stücke, wie sie verschiedener nicht sein könnten, wurden von der perfekt eingestimmten Compagnie des Balletts am Rhein präsentiert. Der Abend begann mit der „Mozartiana“ von George Balanchine, einer im neoklassischen Gewand erscheinenden Choreographie zu der musikalischen Hommage des Komponisten Tschaikowsky an Mozart. Die Kostüme der Tänzerinnen und Tänzer entsprachen dem klassischen Ballett (Tutu und Spitzenschuhe). Der Eindruck wurde allerdings interessant dadurch gebrochen, dass bei der Kleidung die Farbe Schwarz über die Farbe Weiß dominierte, was Assoziationen an einen Trauerflor erweckte. Die musikalische Umsetzung war sehr schön und eingängig, so dass dieses Stück einen leisen, sehr angenehmen Auftakt des Abends bildete. Kraftvoll und mit der gewohnten Präsenz zeigte sich das neue Stück von Martin Schläpfer, die Uraufführung des „Konzert für Orchester“. Das musikalische Werk des polnischen Komponisten Witold Lutoslawski unterstrich eindrucksvoll die mal staccato-artig kurzen, dann wieder fließenden Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer, die barfuß auf der Bühne waren. Imposant waren die gleichförmig anmutenden Massenszenen, aus der immer wieder einzelne Individuen heraustraten und um Stabilität rangen. Interessant war das Bühnenbild, das verschiedene Interpretationen zuließ: Von einem Mammutschädel bis hin zur zerpflückten Baumwollblüte ließ sich die riesige, verschwommene Darstellung im Hintergrund lesen. Die größte Überraschung bereitete sicherlich das letzte Stück des Abends, „The Concert Or The Persils Of Everybody“ von Jerome Robbins, erwartet man doch beim Ballett eher ernste und getragene Stimmungen. Dieses Mal wurde aber echter, slapstick-artiger Humor auf die Bühne gebracht. Schon der Auftritt des Pianisten, der auf der Tastatur des Klaviers eine große Staubwolke produzierte, erntete die ersten Lacher seitens des Publikums. Weiter ging es mit ungeschickt wirkenden Bewegungen verschiedener Tänzerinnen und Tänzer, die die Bühne allesamt mit Klappstühlen betraten, um dem Klavierkonzert zuzuhören. Die Komik setzte sich in den Kostümen fort, nicht zuletzt in den antennenartigen Kopfbedeckungen. Wer hätte gedacht, dass Tänzerinnen und Tänzer so ein schauspielerisches Talent besitzen? Die bekannten Melodien von Chopin taten ihr Übriges zu dem beeindruckenden Spiel auf der Bühne. Alles in allem war der Ballettabend ein großartiges Erlebnis, woran natürlich auch die wunderbar spielenden Duisburger Philharmoniker ihren Anteil hatten. Das Stück b.29 ist absolut auch für Zuschauer empfehlenswert, die mit dem Ballett noch nicht in Berührung gekommen sind bzw. eine gewisse „Schwellenangst“ haben.

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Kathrin Pilger
Landesarchiv NRW Duisburg
Kathrin Pilger ist Dezernatsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecherin beim Landesarchiv NRW in Duisburg. Sie hat großes Interesse an Kunst und Kultur, Oper und Ballett früher aber nur selten besucht. Seit sie beides als Opernscout begleitet, ist sie begeistert von beiden Genres. Einen Abend im Ballett oder in der Oper empfindet sie als erlebnisreich und spannend und oft ist sie auch emotional von der Musik und der Ästhetik des Tanzes berührt. Dieses Gefühl von Glück möchte sie an andere Menschen weitergeben.

Christoph Grätz über b.29

Getanzter Dreiklang

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg b.29 "The Concert" ch.: Jerome Robbins

Wenn Martin Schläpfer eine Geschichte erzählt – oder besser choreographiert – geht es meist um den Menschen als soziales Wesen. Um den Einzelnen und seine Individualität und um Zusammenleben, mal füreinander, mal konflikthaft gegeneinander. So auch in seiner neusten Arbeit „Konzert für Orchester“, die dem Choreographen Hans van Manen gewidmet ist. Der Ballettchef schöpft hier aus dem Vollen, denn die Musik von Witold Lutoslawski ist expressiv, drückt aber auch zartere Momente aus. Ich habe das Gefühl, die Kompagnie versteht ihren Chef und kann mit der ihm eigenen unverkennbaren Bewegungssprache genau das ausdrücken, was er will. Mal schwarmhaft synchron, wie Krebse in der Tiefsee schwärmen die Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne. Animalisch allemal die Bewegungen, mal mit nervösen Zuckungen, mal fließend harmonisch. Tiefseeimpressionen und tieferer Sinn. Dazu passen das düster anmutende Bühnenbild und die an Chitin erinnernden Kostüme. Die dreisätzige Regiearbeit gipfelt schließlich darin, dass fast alle Tänzerinnen und Tänzer sich zu einem Organismus vereinen, der an eine Seeanemone erinnert. Nur einzelne kriechen als chancenlose Angreifer um diese geschlossene Einheit herum, ohne das harmonische Gefüge ernsthaft stören zu können. Das System ist geschlossen und bietet Sicherheit – trügerisch oder nicht?
So ganz im Gegensatz dazu empfand ich die Eröffnungschoreographie „Mozartiana“ von George Balanchine. Zu viel Schönheit, zu viel Spitzentanz und für meinen Geschmack zu wenig Brechung, Störung und Unerwartetes. Dies allerdings in perfekter Symmetrie getanzt und einfühlsam gespielt vom Orchester unter der Leitung von Wen-Pin Chien. Klassisches Ballett auf höchstem Niveau, so stelle ich mir Bolschoi-Theater vor. Schön fand ich aber vor allem den zweiten Akt, das Solo von Alexandre Simoes, der perfekt im Timing zu den Generalpausen der Musik stand. Diese eitlen kleinen Zäsuren hatten durchaus Komisches.
Ja, es durfte auch gelacht werden und das Publikum machte bei der letzten Choreographie des Abends „The Concert“ von Jerome Robbins, regen Gebrauch davon. Es fing schon witzig an, als der Pianist die Bühne betrat, mit großer Geste am Klavierschemel Platz nahm und erst mal die Klaviatur entstaubte. In witzigen Bildern erzählte Robbins Begebenheiten um einen Klavierabend, mit Starsolisten. Besonders treffend überzeichnete er dabei die unterschiedlichsten Besucher eines Konzertes, von der schmachtenden Verehrerin bis zum raschelnden Störer und aggressiven Ignoranten. Die Kompagnie glänzte mit gekonnter Komik und schauspielerischen Qualitäten, unterstrichen von liebevoll ausgewählter Requisite. Witzig, weil so treffend Typen dargestellt wurden, die jeder von uns zu kennen glaubt. Der Pianist Matan Porat hat seine Rolle als Starpianist nicht nur schauspielerisch sondern auch musikalisch glänzend gemeistert, Polonaises, Preludes und Mazurken von Frederic Chopin.
Am emotional ergreifendsten und tiefsinnigsten war an diesem Abend die Choreographie von Martin Schläpfer, berührt sie doch in meiner Wahrnehmung ganz große Fragen. Sind wir in Europa eine offene oder eine geschlossene Gesellschaft? Wie viel Offenheit funktioniert angesichts von Bedrohungen? Wer ist Freund, wer Gegner? Vor allem ist es die gelungene Mischung, die b.29 sehenswert macht. Schönheit, emotionaler Tiefgang mit Futter für den Kopf und Komik auf höchstem Niveau.

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Christoph Grätz
Referent der Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik (und umso weniger Sport). Bei der Arbeit als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Oper und Ballett entdeckt er jetzt nach und nach als Opernscout. Wie schön, dass er etwas davon mitteilen kann.

 

 

Birgit Idelberger über b.29

Zeichen der Hoffnung und Zuversicht

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Vorab, es war ein gelungener Premierenabend und würdiger Auftakt in die neue Saison der Oper am Rhein, der auch vom Duisburger Publikum gefeiert wurde.
Wie gewohnt erwartete uns erneut eine Balletttrilogie, die abermals die Möglichkeiten der verschiedenen Stile und Formen tänzerischen Ausdrucks präsentierte.
In der Nachschau wundersam gelungen war die Abfolge der Werke!
Gelang doch mit der etwas blutleeren und melancholischen „Mozartiana“ von George Balanchine ein fast vorsichtiger Einstieg in Musik und Bewegung. Wie immer tänzerisch leicht wirkten die Auftritte nur weniger Protagonisten, deren Wechsel spielerisch umgesetzt wurden. Klassisches Ballett erstaunlich jung aus dem Jahr 1981 als letzte Hommage Balanchines an seine Muse Suzanne Farrell. Wehmut und Grazie schweben über der Handlung und finden ebenfalls Ausdruck im Bühnenbild und in den schwarz-weißen Kostümen.
Eine Pause hiernach erhöhte die Spannung auf das, was folgen sollte, nämlich die Uraufführung Martin Schläpfers „Konzert für Orchester“. Die Erwartung vor allem für Kenner dieser Ballettkunst war hoch. Und es erfüllte sich der Wunsch nach Kraft, Dynamik und Akrobatik dieser ausdrucksstarken Tanzform. Wer es sich bis dahin im Plüschsitz gemütlich eingerichtet hatte, wurde nun durch bewegende Bilder zu Klängen von Witold Lutoslawskis „Konzert für Orchester“ irritiert. Gewalt und Unterdrückung, Tod, Hoffnungslosigkeit, aber auch Momente der Erlösung, des Lichtes und der Liebe in einer Welt, die auf der Suche nach Sinnhaftigkeit und Stabilität ist. Wie so oft dargestellt von großen Gruppen von Tänzern, die immer wieder zusammen finden, miteinander ringen und auseinander gehen und verschwinden, um plötzlich wieder da zu sein. Aus meiner Sicht gerade heute ein hochpolitisches Werk in Zeiten der gesellschaftlichen Veränderungen, aber eben auch ein zutiefst fast philosophisches zeitloses Thema. Der Mensch ist Zeit seines Lebens auf der Suche nach sich selbst, nach Liebe, Geborgenheit, Schutz und Stabilität und gerät dabei nicht selten in eine Schieflage.
Wenn auch klassisches Ballett ein hohes tänzerisches Können erfordert, um Dinge leicht erscheinen zu lassen, so spürt man doch die Ästhetik und Akrobatik des modernen Tanzes intensiver. Vielleicht sollte man die Aufführungen von Schläpfer mehrfach erleben, um zu verstehen.
Die zweite Pause war dann zwingend notwendig, einerseits, um den gewaltigen Nachhall verklingen zu lassen und Raum zu geben. Andererseits gab es einen künstlerischen Quantensprung. Was folgte, war nicht zu erwarten gewesen und niemand konnte sich erinnern, jemals solch urkomisches Ballett in dieser Form erlebt zu haben. Schon der Auftritt des etwas steifen, befrackten Pianisten auf seinem einsamen Weg zum Klavier am Seitenrand der Bühne war köstlich und zündete sofort beim Publikum. „The Concert“ von Jerome Robbins als äußerst gelungene Parodie auf das eigene Tun und Handeln war gewissermaßen auch eine Erlösung aus der Schwere Schläpfers b.29. Persönlich fand ich mich sofort an Monsieur Hulot von Jacques Tati erinnert, es gibt aber auch ebenso Verbindungen zu Charlie Chaplin oder Buster Keaton. Wir erlebten zum ersten Mal die Perfektion des subtilen Humors auf der Bühne in Form eines Balletts. So wurde dieser besondere Abend für alle mit einem Lächeln im Gesicht beendet, der auch im Sinne Schläpfers ein Zeichen der Hoffnung und Zuversicht bedeutet. Noch ist die Welt nicht verloren.

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opernscout_birgitidelberger-1Birgit Idelberger
Frauenärztin
Birgit Idelberger ist in Duisburg aufgewachsen und seit 10 Jahren als Frauenärztin in Duisburg-Walsum niedergelassen. Sie geht gern ins Kino und besucht Kunstausstellungen, doch Bezug zum Theater hatte sie kaum – zur Oper schon gar nicht. Das ist jetzt anders: Offen und neugierig ließ sie sich auf ihre erste Saison als Opernscout ein. Auch ohne Theatererfahrung empfindet sie die Opern- und Ballettabende als persönliche Bereicherung und positive Erfahrung. Sie hofft, dass viele Menschen durch die Kommentare der Scouts neugierig werden und den Weg ins Theater finden.