Jan van de Weyer über b.30

Virtuose Bewegungswelten

Der Ballettabend b.30 an der Deutschen Oper am Rhein startet mit einer Uraufführung von Remus Şucheană und dem „Concerto Grosso Nr.1“. Die facettenreiche und moderne Musik von Alfred Schnittke wird kraftvoll und harmonisch von den Tänzern der Deutschen Oper am Rhein verkörpert.
Beeindruckend das Bühnenbild, wo sich mobile Korridore von der Bühnenseite, wie Arme Richtung Bühnenmitte erstrecken. Diese vermitteln das Gefühl einer grenzenlosen Verbindung und des Übergangs. Wunderbar das Pas de deux von Yuko Kato und Rashaen Arts – ganz in rot!Mit „Lonesome George“ führt Marco Goecke den Zuschauer mit der Musik von Dmitri Schostakowitschs Streichquartett op.110 in eine einzigartige und virtuose Bewegungswelt.
Durch die unverwechselbare Bewegungssprache mit seinen schnellen propellerhaften Bewegungen, die streckenweise an einen Veitstanz erinnern, schafft Goecke einen spannungsgeladenen und mystischen Kosmos.
Es werden Emotionen wie Trauer, Schmerz aber auch Humor spürbar. Das Stück wirkt hoch konzentriert und es entsteht der Eindruck, dass sich die Tänzer zeitweise vom Boden lösen.
Diese Impressionen werden durch eine ausgefeilte Lichttechnik unterstrichen. Transportiert wird ein geschlechtsloses Bild von Mann und Frau, die sich in Ihrer Körperlichkeit aufzulösen scheinen.
Mein erster Gedanke beim letzten Stück- „Staircase to Heaven“als sich die Bühne vor mir zeigt. Natalia Horcena zeigt mit „Wounded Angel“ ein eigenständiges, humorvolles, zeitweise groteskes Gesamtpaket, das mit ganz viel Herz in die Tiefen der menschlichen Seele hinabtaucht.

Weitere Informationen zu b.30

Jan van de Weyer
Bildhauer
„Was Martin Schläpfer hier bewirkt, ist ein Traum“, sagt Jan van de Weyer, der als kleiner Junge selbst Ballett getanzt hat und heute mit einer Tänzerin der Compagnie liiert ist. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte, arbeitete viele Jahre als Physiotherapeut und ist heute als Bildhauer mit eigenem Atelier in Düsseldorf tätig. Die Beschäftigung mit der Oper hat ihn in seiner ersten Spielzeit als Scout dazu inspiriert, Musiktheater in einem größeren Kontext zu betrachten – gern auch im Austausch mit Freunden und Bekannten.

Gisela Miller-Kipp über b.30

b30_concerto_grosso_nr_1_06_foto_gert_weigelt

Eine faszinierende Ballett-Trilogie

Eine faszinierende, ganz auf moderne Körpersprache und Bewegungsmuster und ihnen angemessener Musik konzentrierte Ballett-Trilogie. Zur Konzentration zwingt schon die Bühne: getanzt wird durchweg im dunklen Bühnenraum, nur der Boden leuchtet schwach, die Tänzer und Tanzgruppen werden von Spotlights ausgeleuchtet, gelegentlich gibt es großformatige Raumelemente. So ragen im ersten Stück fünf erleuchtete Fenster weit von rechts in die Bühne hinein und bewegen sich ab und an im Raum – fand ich geheimnisvoll; im zweiten Stück wabert mächtiger Nebel in die Höhe, und silberne Regenfäden schnüren herunter – auch schön anzusehen; im dritten Stück nimmt eine riesige weiße Stufenleiter – wohl als Himmelsleiter – die Bühnenmitte ein, dazu schwebt einmal ein großes Mobile mit „himmlischen“ Elementen (Stern, Wolke Mond, Herz) herab, und einmal fährt ein weißer Bagger auf die  Bühne und kippt weiße Elemente (Gefühlsmüll?) aus – sinnfällige Symbolik.
Das erste Stück: „Concerto grosso Nr. 1“ von Alfred Schnittke, choreographiert von Remus Şucheâna, dem neuen Direktor des Balletts am Rhein neben Martin Schläpfer und choreographisch unverkennbar dessen Schüler, ist eine Ballett-Studie über Ein- und Ausgrenzung, getragen von drei Ballerinen (Ann-Katrin Adam, Yuko Kato, Marlúcia do Amaral). Es hat mir als kongeniale Einheit von Tanz, Musik und Bühne sehr gut gefallen, wobei mich zwei Passagen besonders entzückten: ein Tango und das Zitat – Schnittkes Komposition ist voller Zitate – von Arthur Honeggers „Pacific 231“, eine vorwärts stampfende musikalische Hommage an diese berühmte Dampflok. – Schön auch die einsamen Abgänge der drei Ballerinen unter lang flirrendem Geigenton – ein „Bravo“ an dieser Stelle den beiden Violinen (Franziska Früh und Dragos Manza), wie überhaupt die Kammermusikanten aus den Düsys unter der Leitung von Jean-Michael Lavoie bestens aufspielten. – Ein Eindruck noch von den Ballerinen: am besten gefiel mir Yuko Kato mit ihren harmonisch fließenden Bewegungen. Dagegen tanzte Marlúcia do Amaral wie gewohnt überpräzis, mit jeder Muskelfaser beherrscht bis in die Finger- und Fußspitzen; ich fand es geradezu menschlich, dass sie sich hier (an diesem Abend) auch einmal verstolperte.
Nun aber das zweite Stück: „Lonesome George“, eine Choreographie von Marco Goecke auf das 8. Streichquartett von Dimitri Schostakowitsch – eine ungemein beeindruckende Aufführung! Zur rhythmisch rasant treibenden Musik wird hier die Maschinensprache des Körpers vorgeführt, ja zelebriert und auch neu erfunden. Natürlich gibt es maschinelle Ballettsprache schon, am bekanntesten davon wohl die Figur der Coppelia, der schönen lebensgroßen Aufziehpuppe des Zaubermeisters Coppelius. „Lonesome George“ ist aber eine komplette Aufführung in solcher Maschinensprache und war damit für mich eine neue Bewegungswelt. Nicht nur der ganze Körper tanzt solo oder in Gruppenformationen ausschließlich eckig und stakkato, auch alle Glieder des Körpers einzeln tanzen so: die Hände, die Unterarme, die Oberarme, die Füße, die Unterschenkel, die Oberschenkel – ein jedes für sich, also nicht nur als Extremität des Körpers. Superstark! – Mit dem Titel des Stückes kann ich freilich nichts anfangen. „Lonesome George“ zitiert jene pressebekannte alte einsame Riesenschildkröte, vermeintlich die letzte ihrer Art (sie ist es nicht, aber inzwischen gestorben) – was soll’s? Denken kann ich allenfalls an die Harmonie der Welt bzw. die Harmonie von Welt und Mensch, für die im ostasiatischen Religionsraum die Schildkröte steht, die den Erdball trägt; diese Harmonie löst sich hier in schneidende Dissonanz auf. Man muss beim Ballett aber auch nicht tiefsinnig werden; es ist eine Veranstaltung für die Sinne, für Auge, Ohr und Bauch, nicht für den Kopf, wenigstens nicht in erster Linie. So ist dieses Stück für mich ein sinnlicher Aufreger der Extra-Klasse.
Auf das letzte Stück hätte ich danach verzichten können. „Wounded Angel“, eine Uraufführung von Natalia Horecna nach ausgesuchten Musikstücken der Moderne, ist getanzte Gefühlsmetaphysik – halb teuflischer, halb alberner Schabernack, halb Erlösungsmärchen; nun ja. Es treten auf und streiten miteinander böse bzw. schlechte gegen gute Gefühle und Werte als da sind: Self-Love, Insecurity, The Ego, Poor Me, Success, Believe, Fear, Jealousy, Wealth. Sie tanzen und tollen als Teufelchen (Hornkäppchen, Entenschwänzchen), als Versöhner- und Verführerinnen (rote Kleidchen mit schön gebauschten Filzröckchen) herum, ab und an geradezu kindisch (Teufelchen schnüffeln sich an den Füßen, auch einmal am Pöter, das Ego bläst sich dickbäuchig auf usw.). Gekennzeichnet werden die aufgeführten Verkörperungen wörtlich durch große Beschriftung auf den Kostümen – für mich, wie die überdeutliche Pointierung dieser Inszenierung insgesamt, eine Misstrauenserklärung an die Körpersprache!
Als Hauptpersonen sind dabei: die reine Liebe/das Herz (nur Herzsymbol auf dem Kostüm), der gemeine Mann (Tänzer im Anzug) und eben der „verwundete“ Engel (in weiß mit großen gefederten Flügeln). Der Engel schlappt mehr oder weniger bedeutungsvoll über die Bühne, der gemeine Mann macht hingegen Metamorphosen durch: Er wird zum nackten Adam, als er im Laufe der Vorführung seines grauen Anzugs, des Kostüms der Zivilisation, urplötzlich verlustig geht und in einem Hauch von Strumpfhose weiter tanzt, sich dabei auch in die ausführliche Pose des „Lichtgebets“ von Fidus (eine Ikone der deutschen Jugendbewegung!) versteigt und zuletzt im weißen Anzug irgendwie unschuldig hinter der Himmelsleiter hervortritt. – Wie auch immer, und wie man sich denken kann: das Tanzgeschehen dreht sich letztlich um Verführung und Erlösung von Mann/Adam und Frau/Liebe. Die beiden unterliegen/sterben auf offener Bühne, dort gibt es dazu Teufelstöne von Violine und Gitarre (Duo Probosci). Doch verebben diese in süßen Klängen, der Engel legt sich tröstend über das hingestorbene Paar, es gibt Wiederauferstehung, und zum guten Schluss steigen das Herz/die Liebe und der Engel langsam, mühsam ein paar Stufen der Himmelsleiter empor. Schluss. – Man kann dieses konventionelle Stück sehr vergnüglich finden; nach „Lonesome George“ fand ich es aber banal. – Doch insgesamt: ein faszinierender, ein bereichernder Ballettabend.

Weitere Informationen zu b.30

Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

Maren Jackwerth über b.30

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg b.30 Wounded Angel ch.: Natalia Horecna

Anspruchsvolle Choreographien

Ein beeindruckender Abend, auch wenn ich mich nicht immer angesprochen gefühlt habe.
Das erste Stück von dreien, „Concerto Grosso Nr. 1“, zeigt unter der Choreographie von Remus Şucheană und der nicht allen bekannten Musik von Alfred Schnittke drei Frauen, die unterschiedlich auf Ausgrenzung reagieren und sich tänzerisch einbringen. Sie nähern sich den tanzenden Gruppen an, werden teilweise integriert, um schlussendlich doch ausgegrenzt zu bleiben. Die Choreographie ist durchaus anspruchsvoll. Der Hintergrund dieses Stücks war das für mich als Zuschauer am besten nachzuvollziehen.
„Lonesome George“ von Marco Goecke handelt von einer Riesenschildkröte George, die 2012 auf den Galapagos-Inseln im hohen Alter von rund 100 Jahren verstorben ist. Der Tanz ausgerichtet an auch etwas weniger bekannter Musik von Dmitri Schostakowitsch und Rudolf Barschai hatte allerdings nichts gemein mit den langsamen Bewegungen einer Schildkröte. Vielmehr griffen gefühlt mehrere Choreographien der Körper und der Beine und Arme und einer eigenen für die Hände ineinander und wirkten eher wild, gar ekstatisch. Es fiel mir schwer, daraus die Einsamkeit von Kreaturen, deren Überlebenskampf zu erkennen. Von der perfekten Darstellung der tänzerischen Leistung aber war ich hier begeistert, ich wusste nicht, dass man die Hände eines Tänzers abgekoppelt vom Rest des Körpers derart eigenständig agieren lassen kann.
Das letzte Stück heißt „Wounded Angel“ von Natalia Horecna, wo ein Mann mit seinen inneren Werten, Ansichten und seinem gefallenen Engel in sich kämpft. Das Ego und das Herz werden hierbei von Tänzern dargestellt, die wiederum Unterfiguren zu sich zählen, bei dem Ego u.a. „jealousy“ und „fear“. Bei der Herzdame zudem „self-love“, „wealth“ und „success“. Es blieb dabei frei zu interpretieren, warum der gefallene Engel schlussendlich nicht zum Leben erweckt werden konnte.

 Weitere Informationen zu b.30

Maren Jackwerth
Anwältin
Die in Düsseldorf ansässige Rechtsanwältin, Mediatorin und Stiftungsmanagerin betreibt eine Kanzlei an der Königsallee und entwickelt Kommunikationslösungen im Bereich Corporate Social Responsibility und Kunst. Um das soziale Engagement von Unternehmen mit dem der gemeinnützigen Organisationen zu verbinden, hat Maren Jackwerth das Rheinische Stifterforum gegründet. Bildungsförderung auch im kulturellen Bereich ist ein Schwerpunkt des Netzwerks.

Georg Hess über b.30

 

b30_concerto_grosso_nr_1_01_foto_gert_weigeltBallett in Düsseldorf – eine Wundertüte!

Besucht man Oper oder Operette, so findet man eine einzige abendfüllende Inszenierung vor, die einen entweder gut unterhält oder eher uninspiriert zurücklässt. Das besondere an einem Ballettabend des Balletts am Rhein ist jedoch, dass der Zuschauer meist in drei verschiedenen, voneinander unabhängigen Akten die Chance erhält, sich zumindest von einer Aufführung fangen zu lassen.
Schon von der ersten Darbietung, dem „ Concerto Grosso Nr. 1“, getragen von zwei Sologeigen, einem Cembalo und einem Klavier, inszeniert von dem Ballettdirektor Remus Şucheană, bin ich fasziniert. Zu düsteren und dramatischen, aber nie lauten, eher feinen Klängen, werden die Gefühlswelten von drei Frauen tänzerisch dargeboten, die sich aus der Familie, einer Partnerschaft oder aus einer Menschengruppe isolieren (oder isoliert werden). Die unaufdringlichen, ästhetischen Kleider der Darsteller, die harmonischen Bewegungsabläufe und das auf Schwarz und Weiß reduzierte Bühnenbild treffen genau meinen Nerv. Schon jetzt habe ich meinen Favoriten des Abends gekürt.
Doch dann der zweite Akt. Auch in „Lonesome George“ überwiegen Schwarz und Weiß und der Bühnenhorizont ähnelt einer Regenfront mit Nebelschwaden. Tänzer und Tänzerinnen, stellen mit extrem hastigen, aber synchronen, glatten und geschmeidigen Bewegungsabläufen hauptsächlich ihrer Oberkörper eine atemberaubende Choreografie dar, die mich zunächst an die Motorik heranwachsender Vögel erinnert, die verzweifelt versuchen, sich in der bedrohlichen Welt zurechtzufinden. Da es sich bei dem titelgebenden „Lonesome George“ jedoch um eine der letzten Riesenschildkröten auf den Galapagos-Inseln handelt, könnten die Darstellungen aber auch Bewegungen von Schildkröten ähneln auf der verzweifelten Suche nach Artgenossen? Aber egal: Bei dieser Aufführung brauche ich keine sinnbringenden Handlungstheorien zu ergründen um gefesselt zu sein. Die unglaubliche permanente Schnelligkeit und Schönheit der flatternden, ungewöhnlichen Bewegungen der dunkelblau und schwarz gekleideten Tänzer und Tänzerinnen, die zu keiner Zeit den Eindruck vermitteln nicht einer bestimmten Komposition zu unterliegen, packt mich, ebenso die musikalische Begleitung. Und nicht nur ich bin begeistert. Das Publikum zeigt durch langanhaltenden und sehr starken Beifall mit Rufeinlagen, dass diese Inszenierung von Marco Goecke den Zeitgeist getroffen hat.
Aus dem dritten Stück des Abends mit dem vielversprechenden Titel „Wounded Angel“, choreografiert von Natalia Horecna, verabschiede ich mich dann kopfmäßig schon frühzeitg. Sowohl die tänzerische Darbietung als auch die Art der Kostümgestaltung, die helle Beleuchtung, die Zwischenrufe der Darsteller erreichen mich nicht mehr. Diese Aufführung ist für meinen Geschmack zu nah am amüsanten und komödiantischen Tanztheater orientiert. Das passt bei mir dann nicht mehr in die durch die beiden vorherigen Stücke erzeugte Grundstimmung. Möglicherweise wäre ich für das Stück offener gewesen, wäre es an diesem Abend als Erstes gestartet.
Auch wenn mich das letzte Stück nicht begeistert hat: Ein sehr ansprechender Ballettabend. Vielen Dank für b.30 an Martin Schläpfer!

Weitere Informationen zu b.30

Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

Uwe Schwäch über b.30

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg
b.30 Wounded Angel   ch.: Natalia Horecna

Offenbarung tänzerischer Obsessionen

Die Uraufführung des neuen Düsseldorfer Ballettdirektors Remus Şucheană entführt uns in expressionistische Tanzformen. Vor schwarzem Hintergrund erleben wir den Tanz in „Concerto Grosso Nr. 1“ im Wandel von Einsamkeit und menschlicher Erleuchtung. Technische Brillanz und körperliche Athletik tauchen in eine facettenreichen Umsetzung ein. Die entführt uns in polarisierende Welten: Einmal dunkel und bedrohlich, dann wieder eloquent und zugewendet. Die Choreographie von Şucheană ist anspruchsvoll und wird von tänzerischer Eloquenz getragen. Wie so oft glänzt Marlúcia do Amaral in einem Solo und begeistert mit ihrem filigranen und selbstwussten Tanzstil.
Die aus den 1970er Jahren stammende Musik von Alfred Schnittke stellt eine gelungene Wahl für dieses Ballett dar. Wenngleich in der Kompositionsweise modern und polystilistisch, weist die Musik melodisch barocke Elemente auf, die sich sehr gelungen mit dem Tanz verbinden.
Auch in „Lonesome George“ hat die Musik eine herausragende Bedeutung. Zum Streichquartett von Dmitri Schostakowitsch und der Kammersinfonie von Rudolf Barschai wird eine elegische Stimmung wie in einem Hitchcock-Klassiker erzeugt. Nebel auf der wieder schwarzen Bühne erzeugt Spannung und Mystik. Und genau so offenbart sich uns der Tanz: wild, virtuos und mystisch. Der Zuschauer wird mitgerissen von Tänzern, die mit Händen, Armen und ihrem Kopf stakkatohaft Bewegungen kreieren, die ungesehen und gleichzeitig höchst anspruchsvoll sind. Ein tänzerisches Feuer stets bedacht auf physische Zugewandtheit. Ein Highlight in der diesjährigen Ballettspielzeit.
Die zweite Uraufführung „Wounded Angel“ von Natalia Horecna ist von hoher Komplexität und Heterogenität geprägt. In sich dreiteilig strukturiert erfahren wir in einer an das Tanztheater angelegten Choreographie viel über menschliche Sehnsüchte. Die Darstellung ist bisweilen obsessiv und wir hören musikalische Klangmuster, die vor Polyphonie strotzen. Eher selten sind weiche, einfühlsame Passagen, die ungleich mehr Sympathie für dieses außergewöhnliche Ballett erzeugen. Denn die erzählte Geschichte wirkt bisweilen aufgesetzt und überladen, nicht jeder Protagonist erschließt sich schlüssig in seiner Rolle. Hierzu tragen auch die fantasievoll entworfenen Kostüme bei, die bei dem einen oder anderen Zuschauer eine Inspiration für den Düsseldorfer Karneval sein dürften.

Weitere Informationen zu b.30

Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

Susanne Freyling-Hein über b.30

b30_lonesome_george_05_foto_gert_weigelt

Ästhetisch, ungewohnt, plakativ

Auch ohne sich vorher informiert zu haben, versteht man das erste Stück „Concerto Grosso Nr.1“ auf Anhieb.
Drei Frauen mit unterschiedlichen Charakteren und verschiedenen Kostümen tanzen mit und gegen eine Gruppe, alle sind sie nach verschiedenen Stufen der Annährung und Integration alleine. Der Tanz war beeindruckend, ebenso die für mich komplett neue Musik. Während des Balletts dachte ich, dass verschiedene Stück an/ineinander gesetzt wurden, das Begleitheft klärt über eine „polystilistische“ Komposition auf. Spannend und ein neues Hörerlebnis! Am Anfang dachte ich oft an „The Shining“ und genau so düster, dennoch abgerundet ästhetisch war der Gesamteindruck des ersten Balletts.
Das zweite Stück „Lonesome George“ würde ich gerne nochmal sehen – um all das, was meine Opernscout Kollegen loben, besser sehen und verstehen zu können.
Ich war überrascht über die Art des Tanzes – Hände, Arme, Oberkörper flattern und zucken wild, aber konsequent durchchoreografiert und synchron – für mich erst einmal ungewohnt.
Vielleicht war dieser Eindruck erst einmal so überwiegend, dass ich mich in das eigentliche Thema, die Einsamkeit, nicht richtig einfinden konnte.
Sicher am meisten polarisiert das dritte Stück „Wounded Angel“. Eher Theater als Ballett – in dem mir insgesamt das ästhetische Erlebnis und der Tanz gefehlt hat, beides habe ich mir unter dem romantischen Titel erhofft.
Die zwei Protagonisten finden und entfernen sich wieder voneinander, umspielt, gestört und verführt von Tänzern wie Derwische, die Ihre Rolle „jealousy“, „self-love“, etc., plakativ auf den Kostümen aufgedruckt haben.
Es bleibt nicht beim Tanz, die Tänzer tönen auch ins Publikum, was genau, geht im Orchester unter.
Die Rolle des Engels – phantastisch dargestellt von der charismatischen Yuko Kato – bleibt für mich unklar.

Weitere Informationen zu b.30

Susanne Freyling-Hein
Senior Retail Development Manager bei L’oréal
Obwohl Susanne Freyling-Hein seit ihrer Kindheit Klavier spielt und sich sehr für Ausstellungen und Industriekultur interessiert, waren Oper und Ballett bis zu Beginn der letzten Spielzeit Neuland für sie. Begeistert hat sie vor allem Martin Schläpfers Ballett am Rhein. Sie schätzt den gemeinsamen Austausch, weil er den eigenen Eindrücken andere Sichtweisen gegenüber stellt. Und wenn Freunde oder Kollegen ihren Empfehlungen folgen, macht sie das durchaus ein bisschen stolz.