Stadtreise mit Bach

Benedikt Stahl über die Premiere „Weihnachtsoratorium“ – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Kennen Sie das nicht auch? Man unternimmt einen Kurzausflug übers Wochenende in eine große, spannende Stadt, vielleicht Rom oder New York und ist gespannt auf die vorab studierten und vertrauten Bilder. Vor Ort jedoch erscheinen sie komplett anders. Das unablässige Hupen, Grollen und Fauchen der Autoschlangen, das Mischmasch der vielen unterschiedlichen Gerüche, Menschenmengen, die durch die Straßen drängen, Lichter, Farben, das Ein- und Ausatmen. Alles ist laut, von allem gibt es viel zu viel und die Nächte sind in der Tat durchwacht.

Da kann es passieren, dass sich der eigentliche Reisegenuss erst im Nachgang und zuhause in gewohnter, ruhiger Umgebung einstellt. Aus dem schrillen, bunten Treiben formt die wählerische Erinnerung eine eindrucksvolle Gedankenmalerei, die einen mit allem Gezeter versöhnt und die Beziehung zu dieser Stadt auf eine besondere Weise prägt.

Irgendwie so ähnlich geht es mir mit der Inszenierung des Weihnachtsoratoriums in der Düsseldorfer Oper. Das bekannte Bachwerk übernimmt dabei die Rolle der vertrauten Bilder und die Reiselust ist groß! Dann passiert das, womit ich nicht gerechnet hatte: das dichte Gedränge auf der Bühne, die Klangraserei und die viel zu vielen Gleichzeitigkeiten laufen einander den Rang ab. Es zischt, es schreit, es blitzt, es jauchzt! Als wäre es ein abgestimmter Teil der Regie, zückt die Dame vor mir ständig ihr Smartphone um alles festzuhalten (als wenn das ginge) und stören laut plappernde Nachbarn, die wahrscheinlich nur den falschen Zug genommen haben. Eigentlich kaum auszuhalten, wären da nicht die wunderbare Musik und wirklich prachtvoll ausgeleuchtete Bühnenbilder mit zauberhaft aufeinander abgestimmten Kostümfarben. Wenn ich zwischendurch die Augen ein wenig zusammenkneife und die Störgeräusche einfach überhöre, wird daraus eine erinnerungswürdige Gesamtkomposition, die eine Reise wert ist! Am besten aber mit leichtem Gepäck, ohne zu viele Vorstellungen im Kopf und dazu bereit, mindestens eine Nacht nicht schlafen zu können. Ist ja auch viel zu aufregend, was da geschah…

Benedikt Stahl

Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle Komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

Tradition trifft Moderne – absolut gelungen?

Karolina Wais über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Ich muss zugeben, dass ich die moderne Umsetzung des Weihnachtsoratoriums erstmal auf mich wirken lassen musste, um die schönen und gelungenen Feinheiten zu erkennen.

Wenn ich an Weihnachten denke, denke ich an Gemütlichkeit, Düfte und an Lichter, welche die Dunkelheit erhellen – ich romantisiere Weihnachten total inklusive der Frohen Botschaft, die die Liebe und Harmonie in uns Allen entstehen lassen kann. Ich habe also eher eine romantische Inszenierung erwartet. Diese ist aber absolut schmerzfrei in unseren Alltag geholt worden, inkl. eines Toilettenganges in einer Bar.
Das Bühnenbild ist überraschend modern, die kreierten Räume beweglich. Der Chor ist komplett in die Inszenierung integriert, was mir sehr gefällt. Ich liebe es, wenn der Chor sichtbar und nicht nur hörbar ist. Einzelne Sänger werden von einzelnen Musikern auf der Bühne begleitet, was für zauberhafte und einzigartige Momente sorgt.

Wer offen für neue Ideen ist, insbesondere bei einem Stück wie dem Weihnachtsoratorium und absolut guter Musik, sowie hervorragendem Gesang lauschen will, sollte diese Oper sehen und hören. Zumal die Inszenierung in unseren Alltag und in diese Zeit zu adaptieren absolut mutig ist, weil eben nicht romantisch und verkitscht.
Und darum geht es ja eigentlich, dass wir in diesen unseren modernen Alltag einen Weg finden die Frohe Botschaft, die Liebe zu leben.

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Dekonstruktion – und dann…?

Helma Kremer über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach ist mir seit meiner Kindheit vertraut: Meine Mutter sang im Madrigalchor Neuss und ich erinnere mich an wundervolle Bach’sche Weihnachtsoratorien im Kloster Knechtssteden unter der Leitung des unvergessenen Bernd Kronen. Nun also eine szenische Umsetzung. „Die zentrale Frage dieser Aufführung lautet Von was wollen wir erlöst werden und wie?“ lese ich in der Vorankündigung. Sie ist „ein Ergebnis des Nachdenkens, welche Stücke das Publikum gerade braucht.“ Zur Vorbereitung werfe ich sicherheitshalber einen Blick in Wikipedia, denn: Die Musik ist mir zwar vertraut, aber ich bin alles andere als eine Bach-Expertin oder gar eine wirkliche Kennerin des Werks. „Das Weihnachtsoratorium ist ein sechsteiliges Oratorium für Soli, gemischten Chor und Orchester von Johann Sebastian Bach. Feierliche Eröffnungs- und Schlusschöre, die Vertonung der neutestamentlichen Weihnachtsgeschichte in den Rezitativen, eingestreute Weihnachtschoräle und Arien der Gesangssolisten prägen das Oratorium.“ Die neutestamentliche Weihnachtsgeschichte kenne ich ebenfalls nur in groben Zügen. Das ist einer der Momente, in denen ich mir wünsche, ich hätte mehr auf meinen Vater gehört („Die fundierte Kenntnis der Bibel ist ein Muss für Geisteswissenschaftler.“)

Anfangs fällt es mir leicht, die Handlung nachzuvollziehen: Christi Geburt wird in das Hier und Jetzt einer Stadtgesellschaft verlegt. Was danach folgt, ist sind dann wohl Antworten auf die Frage: Von was wollen wir erlöst werden und wie? Vieles bleibt für mich verwirrend. Würde ich die Texte besser kennen, könnte ich wenigstens die Unterschiede zur zeitgenössischen Interpretation (besser) ausmachen. Offensichtlich bin ich nicht genug „im Thema“ und hätte mich besser vorbereiten sollen. Die Botschaft ist – zunächst –  trotzdem klar. Wir erleben eine Dekonstruktion, die die Audience zwingt, sich von vertrauten und liebgewordenen Heiligtümern zu verabschieden. Und was dann?

Das versöhnliche und positive Ende kann man sicher mit Humor nehmen… Zumindest vermag das offenbar fast jeder im Publikum, außer mir. Ich fühle mich auf den Arm genommen. Die zahlreichen Schilder, die alle um dasselbe kreisen „All you need is love!“ verärgern mich, statt mich zu erheitern. Dieses Fazit erscheint mir allzu platt. Genauer gesagt: Der Komplexität eines solchen Werkes nicht angemessen und auch insgesamt zu leicht, als dass es den durch die zeitgenössische Interpretation aufgetanen Abgründen wirklich etwas entgegensetzen könnte. Ein solches Ende erwarte ich in einem Film wie „Love actually“, dort ist es auch vollkommen in Ordnung. Aber hier? Wenn schon Dekonstruktion, dann bitte richtig, denke ich mir. Dann sollte man der Audience auch zumuten, den Scherbenhaufen auszuhalten, den man angerichtet hat. Denn nur dann wirkt eine solche Inszenierung meines Erachtens auch nach.

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt.

Große Erwartungen

Markus Wendel über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Bei und nach dieser Vorstellung habe ich etwas erlebt, was mir in dieser Form noch nicht passiert war in der Düsseldorfer Oper. Ich habe mich geärgert. Und zwar richtig. Geärgert über eine Inszenierung und eine immer wiederkehrende Frage: wer um Himmels Willen konnte so etwas zulassen?

Das Bach’sche Weihnachtsoratorium ist schon ein Schwergewicht in der Musikgeschichte. Teile davon kenne ich seit vielen Jahren. Und ich war wirklich neugierig, welche Form von Inszenierung man diesem andächtigen und christlichen Werk angedeihen lassen würde. Leider war es genau dies, wozu ich keinen Zugang finden konnte.
Dabei war die Musik wirklich großartig! Axel Kober ist in gewohnt zügigem Tempo durch die Partitur, der er damit eine wahre Frischzellenkur einverleibt hat. Die Düsseldorfer Symphoniker haben so klar und akzentuiert musiziert, dass ich auch in Reihe 13 das Gefühl hatte, direkt am Orchestergraben zu sitzen. Der Chor hatte eine Durchschlagskraft, die wahrscheinlich noch die eine oder andere geschlossene Tür hat überwinden können. Und auch die insgesamt vierzehn Solistinnen und Solisten haben haben mich auf voller Linie überzeugt.
Die Inszenierung und die zum Bach’schen Werk hinzugefügten Textpassagen klammere ich dennoch aus, ich möchte wirklich keinem auf die Füße treten. Bilder und Videos kann man sich auf der Seite der Rheinoper anschauen. Kunst hat viele Gesichter und am Ende werde ich nicht böse sein, weil mich mal etwas nicht erreicht hat.

Ein paar Tage später schreibe ich nun diesen Text. Und der Abend der Vorstellung hat mich immer noch nicht ganz losgelassen. Wenn ich die Augen schließe, höre ich noch immer die Musik. Und mit dieser ist da ein Gefühl. Ganz warm und vertraut. Weihnachten steht vor der Tür.

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Ein mutiges Konzept gibt neue Perspektiven

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Das Weihnachtsoratorium szenisch zu begleiten, und dann kein klassisches Krippenspiel o.Ä., sondern eine Übertragung in heutige Zeit – das ist mutig und bleibt längerfristig in Erinnerung, auch wenn nicht alles gelungen war.

Maria und Joseph suchen überall anklopfend last minute in einer anonymen Großstadt (schöne Bauhaus-Kulisse auf Drehbühne) ein Zimmer für die Geburt des kleinen Babys. Die hilfsbereiten Gastgeber sehen in dem Kind etwas Besonderes und bald sind viele Menschen in der Stadt unterwegs, um das Kind zu besehen. Die Sehnsucht nach Sinn und Erlösung, nach einem neuen Lebensinhalt wird deutlich. Das Ganze entgleitet in Reliquienverehrung und Geschäftemacherei. Und doch führt diese Gesellschaftskritik an Ende zu einer Lösung, zur alles bewältigenden Liebe, für die zum Schluss eine Demo mit Slogans auf Pappschildern einen parodistisch fröhlichen Ausklang bereitete.
In diese Szenerie bauten die Regisseurin und mehrere Mitwirkende eine große Zahl von kleinen symbolträchtigen Handlungen ein, zum Teil parallel laufend. Mir gelang es nicht, alle Vorgänge zu entschlüsseln, und manche der Ereignisse wirkten eher befremdlich, wie zum Beispiel das Öffnen einer Toilettentür, hinter der sich ein Bauarbeiter erleichterte und dem eine Rolle Toilettenpapier zugeworfen wurde.

Trotz allem: Respekt für dieses mutige Konzept!

Axel Kober präsentierte einen prall-vitalen Bach ohne große Differenzierung und mit hohem Tempo. Der laute Hall in einer Kirche sollte vielleicht nachgeahmt werden. Meiner mehr puristisch-transparenten Vorstellung der Bachmusik wurden nur die Abschnitte gerecht, während derer ein Streichquartett oder Solisten auf der Bühne musizierten. Trotz der überwiegend überzeugenden Stimmen gab es immer wieder Schwierigkeiten, im Takt der Musik zu bleiben. Ein Höhepunkt war einmal mehr die Leistung des Opernchores, der im zweiten Teil ohne Pause auf der Bühne hervorragend schauspielerte und durchgehend auswendig singen musste. Der musikalische Glanzpunkt schließlich war der Countertenor Terry Wey, dessen mit zartem klaren Klang gesungenen Arien eine zu Bach passende Ohrenweide waren.

Fazit: Das traditionelle Weihnachtsoratorium szenisch an unsere Lebenskultur und Lebensprobleme angepasst. Wenn das nicht zu kontroversen Reaktionen führte, wäre es langweilig.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.