Jenny Ritter über die Premiere von b.29

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburgb.29 "The Concert" ch.: Jerome Robbins
Ballett am Rhein b.29 „The Concert“ von Jerome Robbins FOTO Gert Weigelt

Mozartiana  (Balanchine)
Die Tänze, die Musik, die Bewegungen – alles sehr harmonisch und eine Wohltat für Körper, Geist und Seele. Die Tänzer bewegten sich sehr leichtfüßig – als ob sie schwebten. Ein Genuss.
Konzert für Orchester (Martin Schläpfer)
Zunächst war Stille als die Tänzer auf der Bühne waren. Doch dann setzte die Musik laut dröhnend ein. Die Bewegungen der Tänzer waren schwer, nervös und aggressiv. Es wirkte auf mich, als stelle die Gruppe eine gewaltige Bedrohung dar. Die Figuren haben zum Teil irre Bilder ergeben. Die Tänzer bewegten sich zum Beispiel wie Grillen über die Bühne und die schillernden Farben der Kostüme ließen oft Fabelwesen vor meinem Auge entstehen. Es schien kein Platz zu sein und doch bewegte sich jeder einzelne im eigenen Rhythmus zur Musik. Tänzerinnen wurden wie Gegenstände an den Beinen und Armen über die Bühne getragen. Einzelne wurden ausgegrenzt – Aggression, Gewalt Ausweglosigkeit. Ich frage mich: Sind das Dinge, die von außen auf den Menschen zukommen oder erschafft das Innere das Äußere – erschafft der Mensch seine „Realität“ oder die Realität den Menschen?
The Conzert (Robbins)
Viele lustige Szenen, schnelllebig, lebendig, teils sehr überzeichnet. Zum richtigen Zeitpunkt wurde es etwas ruhiger. Die Szene mit den Regenschirmen wirkte gleichermaßen lustig und ästhetisch. Ein schöner beschwingter Abschluss war, dass sich dann alle Tänzer plötzlich in Schmetterlinge verwandelten.
Die gesamte Vorstellung war in der Aufteilung und Reihenfolge genau richtig – ein gelungener Abend.

Opernscouts 2017

Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin
Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und ist gespannt, wie es weitergeht.

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Anna Schudt über die Premiere von b.29

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Ballett am Rhein b.29 – „Konzert für Orchester“ von Martin Schläpfer FOTO: Gert Weigelt

Von der Schönheit des Menschseins

Wie hoch kann ein Bein, wie bedrohlich kann eine Companie, wie lustig kann Tanz?
An diesem Abend kann auch der Laie (ich) erkennen, dass diese Companie all das in Maximal kann. Die Reihung der Stücke ist perfekt, die Tänzer sind zum Niederknien und fühlbar verschmolzen mit dem Orchester. Tief beeindruckt habe ich diesen Abend erlebt, berührt und begeistert, und es beschäftigt mich nachhaltig. Wie schön ist es, eingeladen zu sein einen Menschen in einem Raum in der Musik wirbeln zu sehen. Mühelos, vollkommen da, unsterblich in diesem Moment.

Anna Schudt
Schauspielerin
Sie ermittelt als Hauptkommissarin Martina Bönisch im Dortmunder „Tatort“. Nach festen Engagements an den großen Bühnen in Berlin (Schaubühne) und München (Kammerspiele, Residenztheater) ist sie in Düsseldorf heimisch geworden: Zusammen mit ihrem Mann Moritz Führmann spielte sie die Hauptrolle in „Anna Karenina“ am Düsseldorfer Schauspielhaus. Neben Anna Schudts Theaterleidenschaft interessiert sie sich sehr für den ganz anderen künstlerischen Ausdruck in Oper und Ballett. Diese Erlebnisse nun als Opernscout in Worte zu fassen, bedeutet für sie eine spannende Herausforderung.

Susanne Bunka über die Premiere von b.29

Ballett am Rhein – b.29: „The Concert“ von Jerome Robbins. FOTO Gert Weigelt

Ein Muss für Ballettliebhaber!

Zunächst klassisch, harmonisch, andächtig, zur wunderbaren Musik Tschaikowskys, gefolgt von Schläpfers Konzert für Orchester. Spannend, traurig, chaotisch und doch immer wieder unterlegt von kleinen Funken Hoffnung… Wunderbare Tänzer zu kraftvoller Musik; ein aufwühlendes, sinnliches Erlebnis!
Der Bruch zu Jerome Robbins scheint zunächst extrem. Das humoristische Element in dieser Choreographie – gerade nach den vorhergehenden Szenen – kommt ein wenig albern herüber. Doch spätestens nach dem „Regenschirmtanz“, gefolgt von zauberhaften Schmetterlingen ist die Entspannung da. Ein gelungenes Ende eines „Tanzabends“, der bei mir keine Wünsche offen ließ!

Opernscouts 2017

Susanne Bunka
Inhaberin des Angercafés in Urdenbach
Vor drei Jahren hat sich die ehemalige Kinderkrankenschwester Susanne Bunka einen Traum erfüllt: Zusammen mit ihrer Tochter betreibt sie das Angercafé in Urdenbach – ein Treffpunkt für alle Generationen, in dem auch Lesungen und kleine Konzerte und Chorproben stattfinden. Sie liebt die großen Opernklassiker, ist gleichermaßen offen für zeitgenössisches Musiktheater und Ballett und freut sich darauf, Ihre Eindrücke im Gespräch zu vertiefen.

 

Hilli Hassemer über die Premiere von b.29

Ballett am Rhein – b.29: „Konzert für Orchester“ von Martin Schläpfer. FOTO: Gert Weigelt

Ein wunderbares Wechselbad

Meine erste Premiere als Opern- und Ballettscout umfasst drei Stücke, die unterschiedlicher nicht sein könnten und den Zuschauer von Welt zu Welt katapultieren.
George Balanchine hat die „Mozartiana“ mit spürbarer Verehrung auf seine Muse, die junge und schöne Tänzerin Anna Farrel, zugeschnitten. Diese Choreographie war eines seiner letzten Werke. Es geht mir sofort unter die Haut, wenn aus dem Orchestergraben die ersten Klänge Mozarts „Ave verum“ die Tänzerin Feline van Dijken in Bewegung setzen. Sie ist umringt von vier jungen Mädchen, die wie jüngere Versionen von ihr selbst scheinen. Wie die geometrischen Figuren eines Kaleidoskopes wirken diese Körper vor dem strahlend blauen Hintergrund. Man kann bei dieser Symmetrie der in warmes Licht getauchten Körper auch an den „Tanz“ von Matisse denken. Im Wechselspiel bewegen sich die beiden männlichen Protagonisten auf die Bühne, Alexandre Simões als dunkler Gegenpart und Marcos Menha als van Dijkens Pas de deux Partner. Dieses Stück in seiner klassischen Strenge ist von einer Melancholie durchwirkt. Vielleicht, weil die Tänzer in ihren klassischen Figuren gefangen scheinen, vielleicht, weil in der Musik Tschaikowskys trotz heiterer Motive eine Traurigkeit mitschwingt. Vielleicht aber auch weil man den großen Balanchine vor den Augen hat, seine Vergänglichkeit als Mensch, dessen Werk jedoch weiterlebt indem es wieder aufgeführt wird. Es ist eine Freude und Wonne, die Perfektion der Tanzenden und ein eindrucksvolles Stück Tanzgeschichte zu erleben.
Martin Schläpfers Choreographie zu Witold Lutosławskis „Konzert für Orchester“ beginnt mit Stille. Sie dauert länger, als man auszuhalten glaubt. Auf dem blauen Hintergrund des vormaligen Stückes schwebt nun ein undefinierbares Wesen, ein schleierhaftes Gebilde, zwischen Kopf und Körper. Auch die vormals weich fallenden schwarzen Vorhänge sind gerafft, in stürzende Bahnen gezerrt und scheinen die Tänzer am Boden zu bedrohen. Schon jetzt spürt man den großen Sprung durch Zeit und Raum, fühlt sich an unheilvolle Science Fiction Szenen erinnert. Dann setzt die Musik ein und ein wahrer Rausch aus Musik und Tanz versetzt mich als Zuschauer in Atemlosigkeit. Fast alle Tänzer der Company sind auf der Bühne – schnell, kraftvoll und unglaublich ausdrucksstark zu furios klingender Musik. Sie scheinen zu flüchten, gegeneinander zu kämpfen, sich dann wieder zu schützen. Man fürchtet um die Tänzer, fürchtet mit Ihnen vor der unsichtbaren Bedrohung. Man fürchtet sich vor Ihnen, wenn sie wie ferngesteuert aufs Publikum zutanzen. Kaum ein Moment des Ausruhens, weder für die Tänzer noch für das Publikum. Marlúcia do Amaral wirkt noch kleiner wenn sie vor dem großen Marcos Menha steht, der sie zu beschützen und gleichzeitig zu bedrohen scheint. Am Ende setzt ein gleißendes Licht von oben alle in helle Silhouetten. Männer und Frauen formieren sich schutzsuchend zu einem Knäuel und es stockt einem noch einmal der Atem: und dann kommen sie, diese rückwärts laufenden Vierbeiner, die irgendetwas mit dem bedrohlichen Wesen auf dem Bühnenbild zu tun haben müssen. Ein ungewisses Ende. Sehr zeitgemäß. Sehr erschütternd und großartig. Dieses Stück wird mich am längsten verfolgen. Man muss das gesehen haben.
„The Concert“ von Jerome Robbins, dem letzten Stück am Abend gelingt es, den Zuschauer aus seiner Spannung zu erlösen. Zwar denke ich im ersten Moment, – als der Pianist Matan Porat den Staub vom Klavier pustet, – dass ich nach dem vorangegangenen keinen Spaß ertrage,-  aber dann packen mich die Tänzer in ihrer wunderbaren Komik. In ihrem großen tänzerischen Können. Uns allen, die wir da sitzen, wird ein Spiegel vorgehalten (nur, dass wir nicht so gut tanzen können). Die Tänzerinnen und Tänzer der Company persiflieren uns als Publikum und gleichzeitig nehmen sie sich selbst aufs Korn, Marlúcia do Amaral vertanzt sich so hinreißend, dass man nie wieder Perfektion erleben möchte.

Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin
Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Damals noch fremd in der Stadt und mit einem „Hardcore-Wagner-Fan“ befreundet, wurde das Opernhaus unverhofft zum Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Lebens. Jetzt will sie sich wieder intensiver mit Oper und Ballett befassen – genau hinschauen, zuhören, das Erlebte beschreiben. Sie sagt: „Es ist schön, wenn man sich selbst und seiner Meinung vertraut.“