Von der Nähe in der Ferne

Charlotte Kaup über die Premiere „Far and near are all around“

Unter herausfordernden Bedingungen gelingt es der Oper am Rhein eine Bühne zu schaffen für eine Ausdrucksform, welche in der menschlichen Kultur verwurzelt ist, es schafft Grenzen zu überwinden,  die schafft auszudrücken wofür es keine Worte gibt – einen Raum für Tanz.

Juanjo Arqués eröffnet den Abend mit einer hoffnungsvollen Arbeit zum Thema Einsamkeit und Vereinzelung.

Ein klares Bühnenbild mit beeindruckender Tiefenwirkung lässt immer neue Räume entstehen und schafft in Kombination mit minimalistischer Streichmusik eine harmonische, unaufdringliche Atmosphäre.

Davor strahlen die Tänzer mit bunten Kostümen und geschmeidigen, organischen Bewegungen, die jeden einzelnen besonders hervorheben und gleichzeitig trotz Distanz in Gemeinschaft leuchten. Für mich ein wunderschönes, bewegendes und perfekt ausgewogenes Stück mit überraschend positiver, nahezu träumerischer Strahlkraft.

Das folgende Stück von Demis Volpi setzt einen starken Kontrast. Das Bühnenbild ist gewaltig, ebenfalls sehr ästhetisch, jedoch schafft es einen geschlossenen, düsteren Raum – beinahe eine Art Käfig. Passend hierzu tragen die Tänzer einheitliche, schwere Kostüme.

Musik und Tanz verschmelzen zu einer abgestimmten Einheit aus Geometrie und Repetition, die im Verlauf eine nahezu hypnotische Wirkung ausüben. Auch wenn hier zwischen den Tänzern keine Berührung stattfindet, so entsteht doch ein starker Eindruck von Gemeinschaft und lauter Stimmgewalt die den begrenzten Raum zu durchbrechen scheinen. Klassischer Tanz frisch, clever und drastisch.

Mit diesen zwei sehr unterschiedlichen Stücken bietet „Far and near are all around“ spannende Sicht- und Verarbeitungsweisen der aktuellen Situation, ohne sich jedoch davon dominieren zu lassen, denn im Mittelpunkt steht eine große, mutige Leidenschaft für Bewegung. Vielen Dank!

Charlotte_Kaup

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Vor kurzem hat die junge Ärztin eine Stelle in Mönchen Gladbach angetreten. Vorher arbeitete sie einige Jahre als Ballettlehrerin beim Hochschulsport. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und ist sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires.
Bezüglich der Oper ist sie ein Neuling, möchte dies aber gerne ändern und freut sich deshalb auf eine weitere Zeit als Scout und die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Faszinierende Details

Karolina Wais über die Premiere „Far and near are all around“

Das Opernhaus fasst laut hauseigener Internetseite 1.296 Zuschauer. Laut den Hygienemaßnahmen durften 460 Zuschauer in den Genuss einer Vorstellung kommen. Die Ballettpremiere am 15. Oktober 2020 ist ausverkauft, als die Verantwortlichen einen Tag vor der Vorstellung die weitere Auflage bekommen, dass bloß 250 Personen den Zuschauersaal betreten dürfen. Das ist eine Auslastung von bloß 20%. Nur 250 Personen dürfen sich Vorstellungen ansehen! Das ist ein so geringer Teil unserer Stadtbevölkerung und geht meiner Meinung nach in die falsche Richtung.

Umso mehr freut es mich, dass ich zu dem kleinen Teil der Bevölkerung gehören und Platz im Publikumssaal nehmen darf und das aus dem einfachen Grund, weil sich die Künstler und Mitarbeiter dazu entscheiden eine Vorstellung zwei Mal am gleichen Abend vorzuführen. Mein größter Dank an jeden Einzelnen der Beteiligten für deren Spontanität, Engagement und Leidenschaft. Sie tragen alle dazu bei, dass Kultur stattfinden kann, denn Kultur ist wichtig!

Das erste Stück SPECTRUM vom JUANJO ARQUÉS begeistert mich von der ersten Minute an. Das Bühnenbild ist minimalistisch, Rashaen Arts steht vor einer weißen Wand und tanzt in seiner Einsamkeit. Die bewegliche Wand wird von hinten beleuchtet. Nach einer Zeit taucht der Schatten einer Tänzerin auf, der sich mit Arts Tanz synchronisiert. Die Wände gehen hoch, die beiden treffen sich, kommen sich aber nicht zu nah. Es treffen andere TänzerInnen auf der Bühne ein, sie sind in farbige Kostüme gehüllt, gemeinsam ergeben sie das Spektrum eines Regenbogens, und jeder tanzt eine andere Art der Einsamkeit – die romantische, wütende, verzweifelte. Den Höhepunkt erlebt der Zuschauer, als ein Paar gemeinsam tanzt, denn sie berühren sich. Es hinterlässt in mir die Hoffnung, dass die Berührung langfristig nicht aus unserer Gesellschaft und Kultur weichen wird. Arqués widmet sich nach der „Suche nach Gemeinschaft in der Einsamkeit“. Das Stück ist eine der schönsten Suchen und bisher die schönste Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen, die ich gesehen habe. Das Streichquartett begleitet diese wundervoll und sorgt zusätzlich für eine großartige Pause zwischen den Stücken.

A SIMPLE PIECE von DEMIS VOLPI
Acht TänzerInnen stehen auf der Bühne, ihre Kostüme und die Musik von Carolina Shaw irritieren mich anfangs. Die Protagonisten haben leichte Blusen und durch ihren Stoff schwerwirkende Pluderhosen an. Ich stelle die Bewegungsfreiheit, die beim Tanz so wichtig ist, kurz in Frage. Das Musikstück ist ein achtstimmiges A-Capella-Werk.

Schnell merke ich aber wie die Bewegungen der Tänzer, durch die Kostüme unterstrichen gemeinsam mit dem Musikstück eine Gesamtheit bilden. Die Pluderhosen haben übergroßen Taschen aus denen bei jeder Bewegung rote Schnipsel, vielleicht Konfetti herausfallen.

Wie eine freudvolle Feier von großer Leichtigkeit, die uns in diesen Tagen derart abhandengekommen ist. Die Formation tanzt scheinbar die gleiche Choreografie, nach genauem Hinsehen fällt mir aber jeweils eine Person auf, die etwas anders macht. Jeder bekommt somit eine Einzelperformance in der Gesamtheit des Werks. Dadurch, dass die Geschlechterunterschiede durch die Kostüme wieder aufgehoben sind, wird die Gesamtheit der Formation noch mehr unterstützt. Ich kann mich richtig in die Bewegungen und in die Musik vertiefen, entdecke immer mehr faszinierende Details und finde das Stück schlicht und einfach raffiniert.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

Verloren in Zeit und Raum

Michael Langenberger über die Premiere „Far and near are all around“

So emotional angefasst habe ich den Generalintendanten der Düsseldorfer Oper, Prof. Christoph Meyer bislang noch nicht erlebt, als er sich vor den Zuschauern bei all seinen Mitarbeitern dafür bedankte, dass es innerhalb eines Tages möglich war, die für den Tag geplante Premiere zu einer Doppel-Premiere zu machen. Neueste Corona-Vorgaben bedeuteten die Anzahl der Plätze von 450 auf 250 zu reduzieren. Der neue Chefchoreograf Demis Volpi schlug dann vor, worauf sich innerhalb kurzer Zeit alle Aktiven des Abends einließen: „…dann lasst uns doch zwei Vorstellungen hintereinander machen…“ Vielen Dank für diesen Einsatz und gelebten Optimismus, den Virus nicht über die Kunst siegen zu lassen!

Was dann folgte, war das getanzte Statement, mit dem Virus leben zu müssen, sich jedoch nicht geschlagen zu geben. Im ersten Stück des Abends „SPECTRUM“ des spanischen Choreografen Juanjo Arqués geht es genau um die innere Zerrissenheit, sich dem anderen nicht nähern zu dürfen und besiegt am Ende in einem Pas de deux mit Feline van Dijken und Eric White den unsichtbaren Antagonisten; coronakonform, weil beide in einem Haushalt leben.

Tänzerisch herausfordernd, sich aus unterschiedlichen Bewegungen kommend zu synchronisieren. Mal mit dem Schatten der hinter einer milchigen Wand tanzenden Partnerin sich so zu synchronisieren, als wäre das Abbild auf der Mattscheibe der eigene Schatten. Mal mit spiegelsynchronen Bewegungen, die längst im inneren rhythmisch verbinden, was im Außen nicht sein darf. Wie befriedend dann das Ende mit dem eng umschlungenen Paar.

Juanjo Arqués reicht ein spartanisches, nahezu farbloses Bühnenbild mit wenigen prägnanten Lichteffekten und setzt so die im leichten, luftigen und knallbunten Dress tanzenden Akteure perfekt in Szene.

Besondere Erwähnung verdient auch das Streichquartett mit Franziska Früh, Marina Peláez Romero, Ralf Buchkremer und Nikolaus Trieb, was mit Musik von Marc Mellits „Spectrum“ live begleitet. Denn wie immer in diesen Zeiten, wo zwischen den tänzerischen Darbietungen der streng voneinander getrennten Tänzergruppen die Bühne hinter geschlossenem Vorhang gereinigt werden muss, unterhält uns Besucher das Streichquartett zwischen den beiden Tanzdarbietungen des Abends mit „Ritornello“ von Caroline Shaw. Es ist ein sehr kurzweiliges, recht witziges und vielseitiges Stück. Eigentlich stehen Streichquartette auf meiner Beliebtheitsskala nicht ganz oben auf der Liste. Doch was die Vier da an Tonfolgen und vor allem an unterschiedlichen Klangbildern aus ihren jeweiligen Streichinstrumenten holen, ist wirklich beeindruckend. Entsprechend ist dann auch ihr Applaus – bravo!

Mit „A SIMPEL PIECE“ erleben wir die zweite Uraufführung des Abends. Als Musik hat sich Demis Volpi die mit dem Pulitzer Prize of Musik geadelte Komposition „Partita for 8 Voices“ der Komponistin Caroline ausgesucht. Die A-cappella-Stimmgewalt bewegt gewissermaßen die Körper der Tänzer*innen. Mal sind es die aus dem Nichts anschwellenden, oft polyphonen Lautmalereien, die sich in nur minimalen Bewegungen ausdrücken; vielleicht nur den Oberkörper bewegen oder die Finger. Dann aber auch ausladende Bewegungen zu kraftvollen Passagen der viersätzigen Partita. Auch hier hilft das eher karge und raffiniert ausgeleuchtete Bühnenbild die Tänzer und ihr Können zu unterstützen. Der Knaller allerdings sind die Kostüme, deren Hosen ein wenig an die Kluft von Kendo-Kämpfern erinnert. In ihren dunklen, weit geschnittenen Hosen mit hohem Bund aus offenbar sehr festem Stoff wirken die Tänzer*innen geradezu geerdet. Die Oberteile aus zartem, weißen Stoff lassen den Akteuren Raum für Bewegungen, die gleichzeitig leicht erscheinen. Bei „A SIMPLE PIECE“ geht es nicht allein um Tanz, sondern einen Schmelztiegel aus Klanglauten und Tanztheater; eins fließt in andere – beides zusammen wird eins.

Wen wundert es da, dass die nur 250 Zuschauer applaudierten, als wäre es ein voll besetztes Haus – aus stürmischer Begeisterung für den Ballettabend und in Auflehnung gegen den Virus, der in der Zeit der Vorstellung jegliche Macht verlor.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

„Ne me quitte pas“

Isabel Fedrizzi über die Premiere „A First Date“

Mit den drei Ballettabenden A First Date stellt sich Demis Volpi als neuer Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein vor – er zeigt einen spannungsvollen und vielfältigen Querschnitt seiner älteren und neuen Choreographien. Weil zwei Drittel der Ballettcompagnie neue Tänzer aus aller Welt sind, ist das Thema „First Date“, „erste Begegnung“ und „Kennenlernen“ in mehrerer Hinsicht perspektivisch gut ausgewählt: die Tänzer lernen sich in der ersten gemeinsamen Spielzeit untereinander kennen, das Publikum lernt die Tänzer kennen und auch für die Tänzer ist es die erste Begegnung mit dem neuen Ballettdirektor und dem Publikum.

Die Tatsache, dass die Compagnie coronabedingt in drei Gruppen aufgeteilt wurde, in denen geprobt und auf der Bühne getanzt werden musste, macht Demis Volpi die Gestaltung seines Debüts nicht eben einfach: doch er hat mit kurzen und klein besetzten Balletten mit 1 bis max. 6 Tänzern sehr abwechslungsreiche Abende geschaffen. In der Mitte jedes Abends werden Videosequenzen mit kleinen Interviews der jeweiligen Tänzer gezeigt, Probenaufnahmen und Tanzszenen aus den ersten Tagen ihrer Begegnungen und noch jungen Zusammenarbeit – Filmisch schön komponiert von der amerikanischen Filmemacherin Daisy Long.

Der erste Ballettabend präsentiert das Thema „first date“ mal mit ernst-seriösem Blick (Chaconne, Private Light), mal exzentrisch (Allure) und mal augenzwinkernd überzogen (de la Mancha). Das innige Ballett Chaconne bildet zu Bachs live von der Solo-Violine vorgetragenen 2. Partita einen „klassischen“ und sehr gelungenen Auftakt. Der Ausschnitt aus Volpis Ballett Private Light zu Solo-Gitarrenmusik knüpft in seinem „kammerspielartigen“ Charakter daran an. Den Höhepunkt in der Mitte des Abends bildet das Solo Allure, mit dem Simone Messmer als neues Ensemblemitglied  ihr ausdrucksstarkes und beeindruckendes Debüt gibt. Volpis Uraufführung von de la Mancha, eines Parodie des Balletts Don Quixote gerät mir trotz der Ironie zu überzogen und albern.

Der zweite Abend war für mich insgesamt der Höhepunkt: Mit einem „Aufwärmtraining an der Stange“ (Whatever happened to class?) beginnt er eher etwas harmlos, zeigt aber dann mit Awáa von Aszure Barton und vor allem Demis Volpis Look for the silver linings zwei sehr schöne, kreative, moderne und berührende Stücke. Kraftvoll in Musik und Bewegung ist Awáa – fließend, fast erotisch und emotional bewegend die Uraufführung der „silver linings“ zu Musik von Chet Baker. Im „getanzten Traum“ von Le spectre de la rose hat das Duo Tanz  auf hohem Niveau gezeigt, doch waren Musik und Tanz so ganz gegenläufig, was anderswo als Gegensatz funktioniert hätte, aber  inmitten des sonst so dick aufgetragenen romantischen Klischees aus Webers Musik, Rosen-Kostüm und Fensterkulisse hier nicht passen wollte.

Der dritte Abend war in seiner reduzierten Anlage der modernste und für Auge und Ohr herausfordernste der drei. Man muss sich einlassen auf einen Abend, der mit 20-minütigen Trommelklängen und kantigen Bewegungen beginnt und sich musikalisch mit harmonisch anstrengenden Streichquartetten von P. Vasks und H. Gorecki fortsetzt… Ein Bewegungselement, das immer wiederkehrt und in dieser Intensität wie hier etwas gewöhnungsbedürftig ist, ist das Tanzen mit dem Rücken zum Publikum. Oft fügt es sich als Stilmittel ein, passt zum Ablauf; wird es lang oder zu viel angewendet, fühlt man sich als Zuschauer manchmal vom Geschehen ausgeschlossen.

Das Highlight des Abends ist Volpis Duett Chalkboard Memories, das Niklas Jendrics und Edvin Somai gefühlvoll, expressiv und wunderbar homogen auf die Bühne bringen. Ein Stück, das einen sofort gefangen nimmt und lange nicht loslässt: sehr beeindruckend.

In Coronazeiten wird vieles durch Abstandsregeln diktiert: wenig Nähe auf der Bühne, gemeinsames Tanzen nur in Bildern und mit Distanz, kleine Besetzungen, die die (Aus)Wahl der Stücke begrenzen – das prägt den Ablauf, den optischen Eindruck und letztlich auch die Stimmung, die diese Abende hinterlassen. Man wünscht sich  auf längere Sicht für alle Beteiligten wieder ein Ballettgeschehen ohne Einschränkungen.

Obwohl das Format – 70minütige Abende mit mehreren kurzen und kontrastreichen Balletten insgesamt vom Publikum sehr gut aufgenommen wurde… Wer weiß, welche Konzepte sich daraus noch entwickeln.

Ein guter und hintergründig klug gewählter Abschluss am Ende des dritten „First date“ ist das Duett „Ne me quitte pas“ von Nina Simone: Mit der Hoffnung „Verlass mich nicht“ wird man als Zuschauer aus diesem umfassenden und bleibenden Abend entlassen…

Duisburg, Opernscouts

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Exzellent getanzt

Dagmar Ohlwein über die Premiere „A First Date“

Die drei episodischen Premieren-Abende unter dem Motto „First Date“ unter der Regie des neuen Direktors des Ballett am Rhein, Demis Volpi, haben mich restlos begeistert.
Sehr gelungen und klug empfand ich das Konzept, die neu aufgestellte Compagnie und die zu erwartende Ausrichtung des neuen Ballettchefs und seines Teams unter Hinzunahme anderer Choreografen in vielen einzelnen Stücken vorzustellen. Die Vielfältigkeit der neu engagierten TänzerInnen, als auch der bereits unter Martin Schläpfer arbeitenden Protagonisten, erhielt so eine großartige Bühne, die meiner Meinung nach, auf weitere hervorragende Ballettabende hoffen lässt.

„Chaconne“ von José Limon, uraufgeführt 1942 in New York war das erste Stück des ersten Abends, großartig begleitet von der Solo-Violine, gespielt von Egor Grechishnikov. Zwei Ausschnitte aus „Private Light“ von Demis Volpi, wurden mit der Suite espanola,op 47 vom Gitarristen, Peter Graneis, dargebracht und von den TänzerInnen sehr harmonisch vertanzt.
Alexander Ivanov am Klavier begleitete bei der zweiten Episode die Uraufführung „Whatever happened to class“. Exzellent getanzt von Paula Alves, So-Yoen Kim-von der Beck, Neshama Nashman, Orazio di Bella, Evan L`Hirondelle.
Episode 3 verstand es, das Premierenstück rund werden zu lassen. Begonnen hatte es mit der ersten Begegnung, den Gefühlen des sich Gefallens oder Nichtgefallens, der Leidenschaft, dem unzertrennlich sein für eine bestimmte Zeit und am Ende steht die Trennung. Mit einem Ausschnitt aus „Love Song“, Junge Choreografen des Wiener Staatsballetts, vertanzten Feline van Dijken und Eric White die Musik von Jacques Brel
„Ne me quitte pas“ in sehr guter Ausführung. Alle Künstler verstanden es an allen drei Abenden mich in den Bann zu ziehen.

Die Reduzierung auf das Wesentliche, ohne Hinzunahme aufwändiger Kostüme, Musikbegleitung und Bühnenbilder, bot den TänzerInnen die Möglichkeit, die hohe Kunst ihrer künstlerischen Ausdrucksformen vorzustellen. Sehr gut gefielen mir die filmischen Dokumentionen von Daisy Long in jeder Episode. Passend zum Titel „First Date“ wurde das erste Zusammentreffen der neuen Compagnie mit Ihrem Ballettdirektor gezeigt. Die persönlichen Statements der Gedanken und Gefühle der TänzerInnen waren sehr bewegend für mich. „Was ist wichtig für eine gute Ballettgemeinschaft?“ „Der Zusammenhalt, das Bestreben, alles zu geben, an dem Perfekten zu arbeiten, offen zu sein für die eigene tänzerische Entwicklung“ waren die Aussagen, die authentisch und leidenschaftlich herüberkamen. Die neue Compagnie, so war mein Eindruck, entsteht und will etwas Besonderes schaffen.

Demis Volpi hat die erste Annäherung an seine TänzerInnen und auch an das Publikum hervorragend gemeistert. „Was gibt es noch außerhalb des hohen Niveaus der tänzerischen Technik?“
„Wie kann jedem Tänzer sein eigener Ausdruck gelassen werden und trotzdem die Compagnie zu einem Ganzen werden?“
Diese Fragen und Überlegungen des neuen Ballettdirektors geben mir Anlass, mich auf eine weitere großartige Ballett-Ära an der Rheinoper zu freuen.

Dagmar_Ohlwein

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin im Ruhestand nimmt sich Zeit für Kultur. Als Jugendliche lebte sie „direkt um die Ecke“ des Theaters Duisburg und hatte so schon immer viel Kontakt zur Kunst. Sie ist sehr gespannt auf das zweite Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2020/21.

Welcome Demis Volpi

Sandra Christmann über die Premiere „A First Date“

So fühlt sich sein Debüt an: der Beginn einer neuen Ära.

Drei Episoden.
Neugierig, erfrischend, modern, und dieses FIRST DATE mit dem neuen Ensemble und  Demis Volpi ist definitiv aufregend und wie bei einem ersten Date, wenn es gut gelaufen ist: man will mehr.

Unterschiedlicher können die drei Episoden nicht sein, sie zeigen das wahnsinnig große und kreative Spektrum eines bunten homogenen Ensembles und den freien Geist von Demis Volpi, der facettenreich, weltoffen und tief, uns, aber auch die Tänzer*innen in eine neue Welt holt.
Überraschend! Ich bin definitiv an weiteren Dates interessiert.

Besonders gut hat mir gefallen, dass in der ersten und zweiten Episode die einzelnen Choreografien überwiegend mit einer/m Musiker/in begleitet werden (Geige, Gitarre, Klavier).

Und bevor ich auf die großartige choreografische und tänzerische Begegnung eingehe, möchte ich etwas über die Kostüme sagen.
Katharina Schlipf hat mit ihren Kostümkreationen eine genderneutrale Einheit geschaffen, eine zweite Haut, die genau das, was wir auf der Bühne erleben, mit prägt.
Es spielt keine Rolle, ob Mann mit Mann, Frau mit Mann, Frau mit Frau tanzt, wir erleben die Tanzenden! Es ist schwer zu beschreiben, was hier passiert ist, aber es ist eine Aufhebung von alten Rollenverständnissen, Stereotypen und Standards. Das geben die Choreografien her, aber erhalten ihre Vollendung durch die Kostüme. Bravo!

Neu: Die Einspielung eines Films, der hautnah, sympathisch das Ensemble und deren Arbeit, Motivation, Emotion und Haltung zeigt. Plötzlich ist man Teil der Familie, und dem Ensemble ganz nah. Wie schön, alle persönlich kennen zu lernen. Volpi und sein Ensemble gehen von der ersten Sekunde eine Beziehung mit dem Publikum ein.

Was wirklich spürbar ist, ist das ausgehungerte Publikum und Ensemble…die Sehnsucht aller wieder zu tanzen und Tanz zu sehen. Die Pandemie hat uns kulturell auf Diät gesetzt.

Mein persönliches Highlight in der ersten Episode: Allure, Simone Messmer, eine großartige Choreografie so facettenreich, so auf den Punkt interpretiert. Messmer ist eine fantastische Tänzerin – zum Verlieben.  Stark und grazil. Präzise und einfangend, man lässt sie keine Sekunde los.
Die Choreografien sind so vielfältig, so divers, dass ich nur sagen kann, es ist wie die Landung auf einem neuen Planeten: neue Farben, neue Gerüche, neue Temperaturen.
Sehr erheiternd sind die drei Tänzer Miquel Martinez Pedro, Dukin Seo und Kauan Soares in: de la Mancha. Eine impulsive Choreografie mit einigen komischen Elementen.

Die zweite Episode beginnt im Ballettsaal, ein Gefühl wie damals bei Dawna P. Dryhorub jeden Montag im Tanzhaus NRW, erinnert mich an meine Bemühungen klassisches Ballett zu lernen. Übrigens vergebens.

Mit der Steigerung des Ensembles in eine großartige klassische Ballettperfomance, die alle Phasen des Ballettunterrichts integriert, gelingt es Volpi erneut, uns das Ensemble vorzustellen und gibt uns eine Idee davon, dass tänzerisch alles möglich ist. Jede und jeder hat ihr/sein Solo, dann verschmelzen sie in ein Ganzes. Stark und beeindruckend. Klassisches Ballett.

Besonders schön und modern ist das pax de deux von Yoav Bosidan und Daniel Smith, Ausschnitt aus Awáa. Stark, einfangend, sensibel. Die Choreografie von Aszure Barton ist berührend und reich.

Die dritte Episode startet wirklich sehr experimentell. Hier muss ich mich erst einmal einfinden.
Zitat meiner Mutter, die mich begleitet hat: „Interessant, sehr interessant“.
Das Finale des ersten Dates ist dann ein Ausschnitt aus  Love Song (Wien, 2014) getanzt von Feline va Dijken und Eric White und fängt mich wieder ein. Die Liebe mit Liebe getanzt. Leidenschaftlich, ängstlich, fordernd und erfüllend getanzt.

Zusammengefasst: MUST SEE:  FIRST DATE – der Anfang einer langen, langen Freundschaft lieber Demis Volpi und liebes Ensemble der Deutschen Oper am Rhein.

Sandra_Christmann

Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair International GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Absolut erlebenswert

Karolina Wais über die Premiere „A First Date“

Demis Volpi zeigt dem Publikum an drei Abenden eine Auswahl an seinen bisherigen Arbeiten. Dabei muss ich zugeben, dass diese Auswahl groß und sehr vielfältig ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bekommt man als Zuschauer mehrere perfekt auf sich zugeschnittene Werke zu sehen. Gerade auf Grund der Vielfältigkeit werde ich mit dieser Rezension nicht auf alle Stücke eingehen können.

Unglaublich spannend war es zuerst wieder im Publikumssaal zu sitzen und auf eine Vorstellung warten zu dürfen. Und das Warten hat sich gelohnt.

Das Bühnenbild ist durchgehend minimalistisch gehalten, so dass man sich als Zuschauer auf den einzelnen Musiker, der dadurch, dass er auf die Bühne geholt wurde zum Teil des Spektakels wird und auf die Tänzer konzentrieren kann. Dabei entsteht eine ganz andere Art der Zusammenarbeit zwischen den Tänzern und dem Musiker. Nicht jedes Stück erfreut sich zwar einer live Musik, daran gewöhne ich mich aber schnell.   

Die Kostüme sind besonders in der ersten Episode geschlechtsneutral. Ich kann zum Teil nicht erkennen, ob Tänzer oder Tänzerinnen auf der Bühne agieren und das gefällt mir. Der Mensch tanzt, der Tanz ist wichtig, das ist genial.

Da die Bühne zwischenzeitlich gesäubert werden muss, wird an jedem Abend ein Kurzfilm gezeigt, in dem die einzelnen Mitglieder der Companie vorgestellt werden. Auch wenn es zu Anfang etwas befremdlich ist, gefällt es mir doch sehr. Ich bekomme als Zuschauer einen persönlichen Bezug zu den einzelnen Mitgliedern der Companie, die an den jeweiligen Abend auf der Bühne tanzen. Das schafft sehr viel Nähe und lässt die Anonymität verstreichen. Dadurch wird eine Intimität zwischen den Zuschauern, Demis Volpi und der Companie geschaffen, die meiner Meinung nach, ein guter Grundstein für eine langfristige Beziehung sein kann/ist.

Es sind jedenfalls erste Verabredungen voller Zauber. Meine siebenjährige Tochter, die mich bei der dritten Episode begleitet, ist ebenfalls sehr begeistert.

Herzlich Willkommen in Düsseldorf! Ich freue mich auf weitere Dates.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

Defilee des Tanzes – in sechs Gruppen zum Kennen- und Liebenlernen

Michael Langenberger über die Premiere „A First Date“

Poah – war das ein Einstand des neuen Ballettdirektors und Chefchoreographen Demis Volpi – großartig!

Mit einer um ca. 2/3 erneuerten, jungen und tänzerisch neugierigen Compagnie und unter strengen Regeln seinen schöpferischen Einstand zu geben, war sicherlich eine Herausforderung der Extraklasse für Demis Volpi. Doch konzeptionell geschickt geplant, um die individuelle Bandbreite der tänzerischen Qualitäten zu präsentieren, gab es dieses Jahr eine Premiere an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Coronabedingt wurde das Ensemble in sechs Gruppen á 6-8 Tänzer*innen aufgeteilt, um sich im Fall einer Infektion eines Einzelnen, nicht gegenseitig anzustecken. Diese Gruppen durften sich weder in den Proben noch bei den Aufführungen begegnen. 

Je Abend stellten sich also zwei Gruppen tänzerisch vor. Um sich, wie gesagt, auf der Bühne nicht zu begegnen und die Bühne zwischen beiden Auftritten zu reinigen, wird in dieser Zeit das Publikum mit einem Film unterhalten, in dem einige Mitglieder der Compagnie über ihre Motive zu ihrem Engagement in Düsseldorf berichten. Zum Teil sehr junge Leute mit Tatendrang und Liebe zur Bewegung, tiefen Überzeugungen über den Wert und die Wichtigkeit der Körpersprache. Diese Einspielfilme geben dem Zuschauer einen berührenden und tiefen Einblick in die Seelen der Tänzer und deren Tanz. Danach fühlt man sich als Zuschauer ein bisschen an “Der kleine Prinz” von Antoine de Saint-Exupéry erinnert – “…Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar….”

Der Einsatz und die Hingabe, mit der sich die Akteure bewegen, bekommt dadurch eine andere, ganz neue Qualität. Man sieht die Akteure nicht einfach nur tanzen, sondern verbindet Ihre tänzerische Darbietung und den Enthusiasmus mit den Tiefen Ihrer Überzeugungen. Ein völlig neues Zuschauererlebnis.

Die große Leistung von Demis Volpi besteht meiner Meinung nach nicht nur in der Vielfalt und Verschiedenheit der Choreographien, sondern eben insbesondere auch darin, stets die beste Besetzung zu liefern. Überhaupt wird uns eine enorme Bandbreite geboten. Von klassischem Ballett über zeitgenössischen Tanz – was mich an Stücke von Martha Graham erinnert – bis hin zu Tanztheater.

Demis Volpi traut seinen Tänzern einiges zu, fordert sie heraus, führt sie an ihre Grenzen. Hier und da gehen schon mal Synchronitäten verloren oder ein*e Akteur*in verliebt sich in eine Bewegung, dass kurz der Anschluss zur Gruppe hakt. Doch es ist die Begeisterung, wieder auftreten zu dürfen, die da spürbar über die Ufer schwappt und nicht das Bedürfnis nach Selbstdarstellung.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Großes Spektakel zum Schluss

Forgitten Land ch: Jiri Kylian
Forgotten Land ch: Jiri Kylian

Sandra Christmann über die Premiere von „b.41“

Ich bin verliebt. In einen Choreographen:

Jiří Kylián. – Um genauer zu sein in seine Choreographie.

Nicht eine einzige Sekunde habe ich geblinzelt. Sensationelle Kostüme, ich werde John F. Macfarlane auflauern müssen, so wunderschön sind die Kleider der Tänzerinnen. Atemberaubend.
Dass sich diese Choreographie mit den Gewalten mit Substanziellem beschäftigt, wird uns von der ersten Bewegung an klar. Gewaltig und hingebungsvoll, perfekt. Ich meine nicht nur die Perfektion der tänzerischen Leistung, sondern die Perfektion der Überraschung dieser Inszenierung.
Neue Bewegungen, neues Zusammenspiel, raffinierte Passagen, es verlangt große Konzentration das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren, wenn die einzelnen Protagonisten brillieren. Bewunderung trifft da mein Gefühl.
Was für ein Glück zuzuschauen.
Mutig das Emsemble ins Pas de deux mit Benjamin Brittens „Sinfonia da Requiem op. 20“ zu schicken, aber es geht auf.
Die 6 Paare tanzen leidenschaftlich und schneidend präzise um ihr Leben und das mit einer Eleganz und scheinbaren Leichtigkeit, dass es einen zutiefst ergreift, mitnimmt und berührt. Grandios!!!!!
Überhaupt ist der gesamte Ballettabend von unfassbar großer Profession und Ergreifung geprägt.

Auf eine sicherlich andere Art bei „Lamentation“ von Martha Graham. Das war ein kurzes Moment mit Camille Andriot, sehr  künstlerisch, athletisch, leise in den Bewegungen, sehr fein und dann auch schon wieder vorbei. Aber es musste gesehen werden. Interessant und Anmutig.

Female Power auch in „Steps in the Street”. Schöne Choreopraphie und eine schöne Lichtinstallation. Wun Sze Chan ist natürlich nicht das erste Mal eine herausragende Größe des Ensembles, sie  ist mit jeder Bewegung  so unfassbar überzeugend und stark. Ich bin ein Fan.
Insgesamt: eine energische kraftvolle, fast militärische Choreographie.
Eine gute Entscheidung die Kostüme, schlicht und schwarz zu kreieren.

Das große Spektakel zum Schluss, Martin Schläpfers letzte Kreation „Cellokonzert“ ist eine Choreographie für das gesamte Ensemble.
Wieder wunderbare Kostüme, diese von Hélène Vergnes. Ein wenig 20er Jahre Anmutung, lasziv, betont, schöne dezente Farbspiele.
Die Choreographie ist spektakulär an Varianz:  Soli, Pas de deux, dann wieder das gesamte Ensemble, ebenfalls ergreifend, aber anders als „Forgotten Land“, dass an diesem Abend nun mal nicht mehr zu erreichen ist.
Dennoch genauso überraschend. Lange, wunderschöne Choreografien, die sich meines Erachtens perfekt mit dem Cello paaren.

Herausragend: Marcos Menha.

Ich hatte das schon zum Saisonende geschrieben und knüpfe da wieder an:
Das Ballettensemble der deutschen Oper am Rhein hat Weltklasse.

Sandra_Christmann

Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair Internantional GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Abschiedsstimmung

Cellokonzertch:Martin Schläpfer
Cellokonzert ch:Martin Schläpfer

Helma Kremer über die Premiere von „b.41“

Am 16. Oktober 2009 wurde mit b.01 die erste Ballettpremiere von Martin Schläpfer in der Deutschen Oper am Rhein gezeigt, mit einer Uraufführung von Martin Schläpfer („3. Sinfonie von Lutoslawski“). Es war meine erste Schläpfer-Vorstellung und wirkte, nach 13 Jahren Handlungsballett in Düsseldorf unter Ballett-Direktor Youri Vamos, auf mich wie ein befreiendes Frühlingsgewitter. Ich war sofort Schläpfer-Fan. Beinahe genau zehn Jahre nach dem Besuch von b.01 sehe ich – vierzig Vorstellungen später – b.41. Der Abend ist bereits geprägt von Abschiedsstimmung. Die Themenauswahl – Tod, Trauer und Krieg – unterstreichen dieses Gefühl und ebenso die Musikauswahl: „Sinfonia da Requiem“ und „Cellokonzert“, eine der letzten Kompositionen von Schostakowitsch. Nicht zuletzt ist es die letzte Uraufführung von Martin Schläpfer in Düsseldorf.

„Forgotten Land“ (Jirí Kylián)
Die herrliche Musik, die „Sinfonia da Requiem“ von Benjamin Britten, bietet alle Facetten eines großen Musik-Dramas. Auch das Bühnenbild beeindruckt mich sehr: Wenngleich das Meer sein zentrales Element ist, weckt es in mir auch Assoziationen zum Hades. Die langen Kleider der Tänzerinnen in den fließenden Stoffen schmiegen sich um die Bewegungen und lassen sie manchmal eher erahnen als erkennen, was dem Tanz hier etwas Geheimnisvolles und Erhabenes gibt. Ganz besonders gut gefällt mir Alexandra Liashenko.

„Lamentation“ und „Steps in the Street“ (Martha Graham)
Eine Solo-Tänzerin sitzt auf einer Bank. Ihre Bewegung zum Klavierstück op 3 Nr. 2 von Zoltán Kodály werden eingeschränkt durch den lilafarbenen Stoff-Schlauch, in welchem sie steckt. So wie das Gefühl von Trauer und Schmerz den Blick auf die Welt trübt und es unmöglich macht, sich frei durch diese zu bewegen. Dieses Stück ist in seiner Deutlichkeit so beklemmend wie Edvard Munchs Bild „Der Schrei“. Und die Protagonisten ähneln sich sogar.
Nach der Engführung in „Lamentation“ erscheinen sowohl die Klänge der Musik als auch die Bewegungen der Tänzerinnen in „Steps in the Street“ belebend, aber nur im ersten Moment. Immer stärker entwickelt sich das Gefühl eines großen Unbehagens, denn immer militärischer wird die Musik, immer uniformer und mechanischer der Tanz. Die Tänzerinnen in schwarz erinnern mich in ihrer Erscheinung und ihren Bewegungen an die schwebenden Wudang-Kämpfer(-innen) aus dem Film „Tiger and Dragon“ meines Lieblingsregisseurs Ang Lee. Ich kannte Martha Graham noch nicht und bin begeistert. Seit der Premiere habe ich viel über sie im Internet gelesen. Mir gefällt ihre Charakterisierung von Tanz: „Dance is the hidden language of the soul.“

„Cellokonzert“ (Uraufführung von Martin Schläpfer)
In diesem Stück holt Martin Schläpfer die gesamte Compagnie auf die Bühne und erweist so ihr und den letzten 10 Jahren in Düsseldorf seine Referenz. Und auch der Spitzentanz kommt nun zum ersten Mal zum Einsatz und führt den Abend auf seine Weise zum Höhepunkt. Aber sei es, dass die Musik mich strapaziert, sei es, dass das Stück mich intellektuell überfordert (hätte ich mir mal die Einführung angehört) … eine Woche nach dem Besuch der Premiere ist mir gerade diese letzte Inszenierung kaum im Gedächtnis geblieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Figuren des Corps de Ballet vom Parkett aus nicht erkennbar sind – ich frage mich, ob er Eindruck vom ersten Rang aus ein anderer ist? Ich erinnere leider nur einzelne Tänzer und Tänzerinnen, keinen roten Faden. Auch in diesem Stück beeindrucken Alexandra Liashenko und wie immer die wundervolle Marlúcia do Amaral, die gerade den Faust-Preis für die Odette in Schläpfers „Schwanensee“ gewonnen hat, mit ihrer unvergleichlichen Bühnenpräsenz.

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Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem. Voluntariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Durch ihre Großeltern kam sie bereits als Kind mit der Oper in Kontakt, ihre erste Aufführung im Opernhaus war „Hänsel und Gretel“. Dennoch interessiert sie sich eigentlich eher fürs Ballett, als für die Oper. Sie freut sich in ihrer ersten Spielzeit als Opern- und Ballettscout auf die regelmäßigen Theaterbesuche

Konzentration und Spannung

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Markus Wendel über die Premiere von „b.41“

Als sich zum ersten Ballettstück „Forgotton Land“ der Vorhang hebt, scheint eine blechern-bedrohliche Welle meterhohen Ausmaßes geradezu in das Publikum hineinzubrechen. Von der Beleuchtung unterstützt entsteht eine wunderbar dunkle und packende Atmosphäre, als Grundlage für den Tanz von sechs Paaren zu einem Requiem von Benjamin Britten. Ein schöner Auftakt für einen Abend, an dem ein breites Spektrum der Ballett-Kunst gezeigt wird. Kostüme, Stimmung, Musik, alles scheint wie aus einem Guss. Lediglich die Bewegungen erscheinen mir streckenweise ein Wenig zu schnell für die ruhige und getragene Musik.

Mit den beiden anfolgenden Stücken wird die Konzentration weiter forciert, die Aufmerksamkeit der Zuschauer komplett auf die Bühne geholt. Den Stücken von Martha Graham kann sich anscheinend niemand im Publikum entziehen, denn es ist zum Zerreißen still im Zuschauersaal. Die starken Bilder fordern und holen mich deutlich aus meiner Komfortzone. Bei dem Solo-Tanz „Lamentation“ ist die entstehende Beklemmung enorm, und die Message für mich unglaublich aktuell. Es scheint mir wie eine Übersetzung der Gefühle von Flucht, Vertreibung und Ausgegrenztheit.

Auch „Steps in the street” ist kein Stück zum Wohlfühlen. Von scheinbar zufälligen Begegnungen mehrerer Menschen wird hier der Übergang in ein totalitäres Regime gezeigt. Ein sich diesem Entgegenstellen erscheint wie ein nicht zu gewinnender Kampf gegen einen übermächtigen und brutalen Gegner. Ein starkes Stück mit einer starken Aussage. Die Luft ist bis zum letzten Moment zum Zerreißen gespannt.

Martin Schläpfer hat es nach den drei sehr konzentrierten Stücken merklich schwer. Fairerweise muss ich hierzu sagen, dass ich auch in der Vergangenheit nur selten Zugang zu seinen Stücken bekommen konnte. Heute erscheint es mir, als mache er auch bei seiner letzten Uraufführung als Ballettdirektor in Düsseldorf/Duisburg einfach weiter wie bisher. Kein Gefühl des Abschieds, keine mutigen Veränderungen oder Neuerungen. Und somit sehen wir ein nach meinem Empfinden überladenes und wenig akzentuiertes Stück, dem ich weder einen roten Faden noch eine besondere Botschaft entnehmen kann. Auch eine Vielzahl an sehr skurrilen Bewegungen und die scheinbar zufällige Kostümwahl sorgen bei mir für Irritation.

Kurzum, der Abend bietet viele Facetten des Balletts, eine klare Empfehlung möchte ich besonders für die beiden Stücke von Martha Graham aussprechen. Weitere Stücke von ihr wären für mich ein absoluter Besuchsgrund für zukünftige Ballett-Abende.

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Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“. Überrascht war er davon, dass die Ballettinszenierungen 2018/19 ihn sogar mehr faszinierten als die Operninszenierungen.

Vielversprechender Beginn

Steps on the streetch: Martha Graham
Steps on the street ch: Martha Graham

Stefanie Hüber über die Premiere von „b.41“

Mein erster Abend als Opernscout beginnt sehr vielversprechend mit dem Stück „Forgotten Land“ von Jiří Kylián. Schon die ersten Klänge der Düsseldorfer Symphoniker ziehen mich in ihren Bann, zumal ich ein großer Fan Benjamin Brittens „Synfonia da Requiem“ bin.
Die Tänzer, die sich langsam, wie gegen einen Widerstand kämpfend, in Richtung Bühnenbild bewegen, erinnern mich an eine Gruppe von Lemmingen. Die Bewegungen der in Einklang mit dem Bühnenbild gekleideten Tänzer sind zeitweise entschlossen, zeitweise aufbegehrend mit Gesten, die an Wellen oder Vögel erinnern.
Doch auch folkloristische Tanzelemente meine ich zu erkennen.
Insgesamt empfinde ich die Inszenierung als sehr stimmig und sogartig und sie bewegt mich sehr.

Das darauffolgende Tanzsolo “ Lamentation“ von Martha Graham berührt in seiner Schlichtheit mit nur einer Tänzerin, die in ein lila Stretchröhrenkostüm gehüllt ist. Das Stück wird nur von Klaviermusik begleitet und erinnert dadurch an die Stummfilme der 20er-Jahre.
Die Beengtheit der Tänzerin in ihrem Schlauch erweckt in mir klaustrophobische Gefühle, so dass ich erleichtert bin, dass „Lamentation“ schon nach wenigen Minuten endet.
Die kraftvollen, energetischen Bewegungen vom darauffolgenden „Steps in the Street“ stellen für mich einen wohltuenden Kontrast da und sind für mich ein Sinnbild des getanzten Feminismus, zumal der teilweise archaisch anmutende Tanzstil  mich an Amazonen erinnert.
Insgesamt wird mir Martha Graham in positiver Erinnerung bleiben, wogegen mich „Cellokonzert“ von Martin Schläpfer enttäuscht und sehr anstrengt.

Schostakowitschs Cellokonzert finde ich furchtbar!

Die dazu gelieferte Tanzperformance empfinde ich als anstrengend und überfrachtet, die Kostüme gefallen mir auch nicht.
Ich finde insgesamt keinen Zugang,was mich traurig stimmt, da es Schläpfers letzte Inszenierung in Düsseldorf ist und er mir schon viele großartige Abende beschert hat…

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Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

 

…für jeden etwas dabei.

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Michael Langenberger über die Premiere von „b.41“

Vorab: Wie auch einige Male zuvor, habe ich sehr von der “Opernwerkstatt“, die einige Tage vor einer Premiere von der Oper angeboten wird, profitiert. Dort bekommt man einiges, dann natürlich noch ohne die Kostüm-und Bühnenausstattung, sondern sehr auf die wesentlichen Elemente der verschiedensten Stücke konzentriert, über die kommende Aufführung gezeigt und erläutert.

Gleich bei „Forgotten Land“ von Jirí Kylián war mir klar, das wird ein vergnüglicher Ballettabend. Tänzerische Macht durch sehr vielfältige Bilder und Bewegungen. Paarweise in großer Präzision und Ausdrucksstärke, als Gruppe oft in Wellenbewegungen, die ganze Bühne einbeziehend, raumgreifend. All das mit traumhaft schönen, farblich perfekt aufeinander abgestimmten Kostümen, langen Kleidern. Einfach mitreißend. Ein Knaller als Auftakt!

Danach dann “Lamentation” und „Steps in the Street” von Martha Graham, eine der Protagonistinnen des zeitgenössischen Tanzes und revolutionär zu Ihrer Zeit in der 1930er Jahren.

Tanz auf einer Bank sitzend – geht nicht? Irrtum, diese Idee bezieht alle drei Dimensionen ein, ohne dass die Person sich auf der Bühne vom Fleck bewegt. Wenn Sie sich dann noch ein Stoffschlauch-Kostüm vorstellen, das die Tänzerin von innen her zu immer neuen Formen und Ausdrücken verbindet – faszinierend!

Die „Steps in the Street” – eine Choreographie, die in meinen Augen von der präzisen Harmonie der Tänzerinnen und Tänzer lebt. Sobald sich das Ensemble zu Linien oder Carrés formiert, geht es darum seine tänzerische Individualität den z.T. hart getakteten Bewegungen der Gruppe zu unterwerfen. Ein bisschen “West Side Story”- Flair. Lösen sich die Gruppen auf, spielt die individuelle Qualität eines jeden Ensemble-Mitglieds die entscheidende Rolle.

Martin Schläpfers Idee, seine letzte Uraufführung mit einer Choreographie für sein gesamtes Düsseldorfer Ensemble zu dem 2.Cellokonzert von Schostakowitsch zu gestalten, ist sicherlich vielschichtig zu verstehen. So wie dieses Konzert eines der letzten Kompositionen von Schostakowitsch war, könnte man die Choreographie als Martin Schläpfers Abschiedswerk von dem Düsseldorfer Ballettensemble und -Publikum verstehen. In jedem Fall wird dem Zuschauer einiges abverlangt. Das gesamte Ballettensemble, alle auf einmal auf der Bühne, entfaltet schon eine Wucht und Dynamik an sich. In sehr unterschiedlich schnellen tänzerischen Einzeleinlagen, mal raumgreifend, mal punktuell, lässt Schläpfer seine Truppe noch einmal zeigen, was in Ihnen steckt. Man darf sagen, nicht umsonst zählen die hier versammelten Tänzer zu den Besten.

Einzig – Schostakowitschs Kompositionen zählen insgesamt nicht wirklich zu den musikalisch eingängigsten Klängen. Das 2. Cellokonzert ist wirklich schwere Kost.

Alles in allem, mit den unterschiedlichen, zumeist recht zurückhaltenden Bühnenbildern, wieder einer perfekten Beleuchtung, virtuos gespielter Musik – ganz so, wie erwartet, ein wunderschöner und mitreißender Ballettabend. Einen herzlichen Dank an alle Beteiligten!

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Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Vielseitiger Ballettgenuss

Cellokonzertch:Martin Schläpfer
Cellokonzert ch:Martin Schläpfer

Sassa von Roehl über die Premiere von „b.41“

Beim Beginn des Ballettabends b.41 mit Jiří Kylián „Forgotten Land“ stimmte für meinen Geschmack alles. Mit dem Heulen des Windes, der ernsten Musik von Benjamin Brittens  „Sinfonia da Requiem“ und den entschlossenen Bewegungen der Tänzer wurde ich sofort in den Bann der eindrucksvollen Szenerie gezogen. Es ist eine düstere Stimmung, in der mich die klaren Bewegungen der Tanzpaare faszinieren. Ihre anmutigen Figuren werden durch die fließenden Stoffe in paarweise identischen Farben betont. Das sich passend zu Musik und Tanz ändernde Licht verstärkt den Eindruck von großen Gefühlen, wie Liebe, Schmerz und Vergänglichkeit. Wir können noch so sehr dagegen ankämpfen – am Ende sind wir machtlos dem immer gleichen Gesetz von Werden und Vergehen ausgeliefert.

Nach einer kurzen Pause geht es mit starken Frauen weiter: Martha Grahams Choreographie „Lamentation“, eindrucksvoll umgesetzt von Camille Andriot. Die Tänzerin vollführt in einem elastischen Stoffschlauch sitzend Bewegungen, die das Gefühl großer Klage und Verzweiflung auslösen. Ich fühle mich an die Skulptur „Mutter mit totem Sohn“ von Käthe Kollwitz in der neuen Wache Unter den Linden in Berlin erinnert, der zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Ein kurzes Stück, das unmittelbar unter die Haut geht und an das man sich durch seine Intensität lange, wenn nicht sogar für immer erinnern wird.

Ebenfalls von Martha Graham, der großen Revolutionärin des klassischen Balletts,  folgt „Steps in the Street“. Frauen, die sich sehr geometrisch, beinahe wie aufgezogen bewegen. Ihre weiße Haut in schwarzen Kleidern und vor schwarzem Hintergrund wirkt verletzlich. Die wie in einem militärischen Drill vollführten, harten Schritte und Armbewegungen stehen dazu im Gegensatz. Die spannungsgeladene Motorik löst bei mir die Assoziation zu Charlie Chaplins „Der große Diktator“ aus. Sicherlich beides eine Warnung vor dem Faschismus und damit ein Tanzstück, das nichts an Aktualität verloren hat.

Eine erneute Pause sorgt für eine mentale Trennung zum nächsten Stück, mit dem Martin Schläpfer seine Zeit in Düsseldorf beendet und nach Wien wechselt. Er hat sich dafür das 2.Cellokonzert von Schostakowitsch ausgesucht. Die Musik mutet sicherlich nicht umsonst spröde und unbequem an. Am Ende seines Lebens komponiert, zieht Schostakowitsch Resumée und nimmt Abschied, doch am Schluss fühlt man etwas Befriedetes, er akzeptiert sein Schicksal. Schläpfers Tanz dazu entzieht sich in weiten Teilen meiner Deutung. Immer, wenn ich meine, etwas interpretieren zu können, nimmt das Geschehen eine andere Wendung. Trotzdem erfreue ich mich an den herrlichen Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer, allen voran Marlúcia do Amaral, deren Ausdrucksstärke ich schon bei vielen Aufführungen bewundert habe. Schläpfer zeigt an diesem Abend noch einmal all sein vielfältiges Können und das seiner Compagnie. Das allein ist schon ein Genuss an sich, da braucht man gar keine andere Erzählung dahinter.

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Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“. Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

 

Bewegte Klangkunst

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Benedikt Stahl über die Premiere von „b.41“

Der Abend beginnt mit „Forgotten Land“ von Jiří Kylián. Die Musik von Benjamin Britten trägt das groß inszenierte Bild, das an eine Meerlandschaft erinnert. Davor der Tanz, meisterhaft choreografiert und abgestimmt auf die Klänge, das Licht, die Farben. Eine etwas üppige aber schöne und in sich schlüssig komponierte Aufführung, die das Eintauchen in die bewegte Bühne leicht macht.

Die beiden Stücke von Martha Graham verlangen mehr, als nur Hingabe.

„Lamentation“ zeigt eine einzelne Figur, die an eine Skulptur erinnert, die aus sich heraus will. Ausdruckstark dargestellt von Camille Andriot, die sich zum Klavierstück von Zoltán Kodály auf einer Bank sitzend in einem Tuch bewegt, das ihren Körper umschließt. Sie windet sich, strebt auf, ringt, kreist, holt aus, zieht sich zurück, bäumt sich auf, will sich befreien und kommt in den letzten Klängen zur Ruhe. Vorläufig. Dann brausender Applaus. Ohne Zweifel ist der gerechtfertigt – dennoch wünschte ich mir danach erst mal nur Stille und mehr Raum für dieses Erlebnis.

„Steps in the Street“ ist von außerordentlicher Intensität der Körpersprachen bestimmt. Das Militärische in den Bewegungen und in der Musik wirkt bedrohlich. Die scharf ausgeleuchteten Bilder hallen nach. Die gewollte Mahnung gegen Krieg und Faschismus ist auch heute noch sehr gut nachvollziehbar und aktueller denn je.

Eine weitere Pause und danach das „Cellokonzert“ von Martin Schläpfer.

Mit diesem großartigen Werk gelingt ein prachtvolles Klanggemälde. Immer wieder füllt und bewegt sich die Bühne zur Musik von Schostakowitsch. Die Tänzer fügen die Teile zu einem Ganzen, lassen innere Stimmen ebenso zur Geltung kommen wie kraftvolle Gesten. Ein farbenfrohes Ballettaquarell, dessen Stimmungen ineinander fließen und dass noch lange nachleuchtet.

Unbedingte Empfehlung!

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Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

Ein großer Bogen durch Zeit und Stil der modernen Ballettgeschichte

Forgitten Land ch: Jiri Kylian
Forgitten Land ch: Jiri Kylian

Charlotte Kaup über die Premiere von „b.41“

Kylián, Graham, Schläpfer – b.41 schlägt einen großen Bogen durch Zeit und Stil der modernen Ballettgeschichte.

Es geht um Vergänglichkeit an diesem Abend. Kylián findet eine umwerfende Formsprache für große Themen und verzaubert vom ersten Moment an. Sechs Paare tanzen vor einer beeindruckenden, düsteren Meereslandschaft und erscheinen hingerissen von Naturgewalten.

Sein Tanz bildet dabei in seiner Abwechslung aus Ruhe und Unruhe eine untrennbare Einheit mit Benjamin Brittons Musik, als wäre sie eigens für ihn geschrieben.

Das gewaltige Bühnenbild, welches durch diskrete Lichtakzente die Atmosphäre geschickt untermalt, in Kombination mit den wallenden Kostümen und unglaublich fließenden, erhabenen Bewegungen gibt dem ganzen Stück etwas sakrales und entführt den Zuschauer für den Moment in eine beinahe surreale Welt.

Nach dem ästhetisch sehr harmonischen und zugleich aufrüttelnden Beginn folgt mit Martha Grahams „Lamentation“ ein Stück strenger Konzentration, reduziert auf wenige, jedoch extrem kraftvolle Gesten. Dazu ein wunderbar klarer Ausdruck von Camille Andriot im Zusammenspiel mit Eduardo Boechat am Klavier – für mich einer der stärksten Momente des Abends.

Auch das zweite Stück Grahams, „Steps in the Street“, besticht durch klare und drastische Formsprache. Noch Jahrzehnte nach der Uraufführung hat das Stück nichts an Aktualität verloren, es wirkt modern und mitreißend und bietet reichlich Anknüpfungspunkte zu aktuellen Themen.

Den Abschluss bildet Martin Schläpfers Cellokonzert – die letzte Uraufführung des Choreografen an der Deutschen Oper am Rhein. Es gibt viel zu sehen – bunte Kostüme, quirlige Gruppentänze, reichlich Parallelhandlungen, zuweilen irritierende Brüche und immer wieder bildhafte Gesten des Abschieds.

Anders als bei Kylián oder Graham ist der Zugang nicht so leicht zu finden, da die vielen unterschiedlichen Reize zeitweise überwältigend wirken und teils etwas zusammenhanglos erscheinen. Dennoch bietet das Stück ein interessantes Gegengewicht zu den beiden vorangegangenen. Man wird zum Beobachter eines lebendigen Treibens und muss selbst entscheiden, wovon man seinen Blick anziehen lässt. Viele einzelne Momente, abwechslungsreiche Kompositionen und auch der spannungsvolle Einsatz des Spitzenschuhs haben mir dabei sehr gut gefallen.

Alles in allem für mich ein sehr vielfältiger und absolut sehenswerter Ballettabend!

Charlotte_Kaup

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Vor kurzem hat die junge Ärztin eine Stelle in Mönchen Gladbach angetreten. Vorher arbeitete sie einige Jahre als Ballettlehrerin beim Hochschulsport. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und ist sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires.
Bezüglich der Oper ist sie ein Neuling, möchte dies aber gerne ändern und freut sich deshalb auf ihre Zeit als Scout und die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Ballett kann so verschieden sein – beglückend oder schwer zu deuten

Cellokonzert
ch:Martin Schläpfer

Hubert Kolb über die Premiere von „b.41“

Die Liste von besonderen Gästen mit Betreuung durch das Pressereferat war so lang wie schon lange nicht mehr: es stand die letzte neue Choreographie von Martin Schläpfer vor seinem Wechsel nach Wien an.

Dabei hatte Martin Schläpfer Verständnis für das Publikum. Vor seinem anspruchsvollen Werk hatte er drei kürzere, ältere Choreographien zum Genießen ins Programm genommen.

Das erste Stück war Forgotten Land von Jiří Kylián mit der Sinfonia da Requiem von Benjamin Britten. Es war ein großartig getanztes Werk über den Rhythmus von Leben und Sterben, umgesetzt als dem Meer, den Gezeiten, Wellen und Strudel abgeschaute Bewegungen von sechs Paaren. Eine so stimmende Einheit von Tänzer, fließender Bewegung und Musik habe ich selten erlebt. Der Beifall war der stärkste des ganzen Abends.

Die beiden nächsten Stücke waren Klassiker der Choreographin Martha Graham, aus den 1930er Jahren. Die damals moderne Musik passte zur strengen Geometrie der Bewegungen. Martha Grahams Tanzstil ist aber nicht mein Geschmack. Die ruckartigen etwas mechanisch wirkenden Bewegungen kamen mir oft wie die von Tanzpuppen vor. Beide Werke erreichten daher nicht mein Inneres.

Nach der zweiten Pause kam dann Schläpfers neuestes Werk, zur Musik des zweiten Cellokonzertes von Schostakowitsch (Nikolaus Trieb und die DüSys mit Axel Kober waren großartig.). Das ganze Tanzensemble musste zum Abschied ran, das führte öfter zu eindrucksvollen Gruppenchoreographien auf der Bühne, mit guten Lichteffekten, aber mich nicht überzeugenden Bühnenbild und Kostümen.

Schon in der öffentlichen Probe der Ballettwerkstatt war zu erleben, wie Martin Schläpfer auch kleine Details der komplexen Tanzbewegungen korrigierte. Zum Teil fand ich die Bewegungen faszinierend, zum Teil störte der abrupte Wechsel zu anderen Tanzformen. Ein roter Faden mit einer emotional wahrnehmbaren Botschaft war nicht erkennbar. Aber Schläpfer dürfte alle Bewegungen sehr genau in Hinblick auf die Musik und das Gesamtwerk durchdacht haben. Es erschloss sich mir nur nicht. Dafür sollte ich das Stück mindestens noch einmal sehen!

Fazit: Ein Ballettabend mit großer Bandbreite und einer überzeugenden Entwicklung von emotional stimmigem Tanz über eine eher mechanische Tanzform zu der komplexen Choreographie von Martin Schläpfer.

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Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt.

Finale

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Sandra Christmann über die Premiere von „Young Moves“

 

Was für ein Bühnenbild von Brice Asnar!!!! in dem ersten Stück AS IT LEAVES von Brice Asnar. Anfangs dachte ich, als die Puppen in die den Himmel stiegen: Respekt, was für eine Körperspannung, es dauerte also zu realisieren, dass es sich um Puppen handelt. Ein gelungenes Moment.
Und dann ein Pax de deux, mit Wun Sze Chan und Daniel Vizcayo, das mit unglaublicher Präzision, Anmut und Reinheit getanzt wurde, modern und choreografisch mein absolutes Highlight an diesem Abend. Ich habe kaum geatmet, weil ich nicht eine Bewegung verpassen wollte.
Musikauswahl: großartig.
Die beiden haben mich so berührt, dass mir völlig klar war, dass nichts mehr folgen kann, was mich noch mehr begeistert. So war es dann auch, dennoch es folgten noch weitere Highlights, sie reichten nur nicht mehr an die wunderbare Inszenierung von Brice Asnar heran.

UNQUALIFIED von Helen Clare Kinney
Überraschend die Kostüme von LYCS Kollektiv, cool und futuristisch – neu und anders. Ebenso wie die Choreografie: von großer Varianz und reich an Überraschungen.
Möglich, dass, ein Störer die Konzentration der Zuschauer bricht, sie erheitert, sie einfängt – so ein Bruch kann die Atmosphäre in Sekunden verändern – leider in jede Richtung. Dass mir sich nicht erschließende Ikea Intermezzo, hat für kurzzeitige Erheiterung, Befremdung beigetragen, war aber im Gesamtkontext unnötig.
Aber auch hier, tänzerisch war der Auftritt ein Genuss.

Bei OPUS 29 von Michael Foster, Musik die Toteninsel von Rachmaninow, legte sich die Musik auf den Tanz. Die Dramatik der Musik überrannte teilweise die Choreografie, die hervorragend ist.
Starke homogene tänzerische Gruppe, ebenso starke pax de deuxs – die der Musik dann wieder standhalten konnten.
Dass sich die Gruppe dem Publikum stellte, geschlossen, Auge in Auge, hat aufgeweckt.
Fosters Bühnenbild ist großartig – das 2. Bühnenbild an dem Abend, das in diesem Falle akzentuiert einfache, weiße, rechteckige Flächen/Leinwände auf den Punkt inszeniert, einen tollen Raum schafft.
Aber auch hier waren die Einheit von Bühnenbild (sehr sehr toll), Choreografie, tänzerische Leistung, Kostüme (erster Eindruck:  gutsituierte Hampton Strandcocktailgänger) insgesamt eine exzellente, bereichernde Performance.

ROCOCO VARIANTIONS von So-Yeon Kim.
Beim klassischen Finale wurde es auch dann sehr klassisch.
Zurück ins Ballett. Tschaikowsky, Tütüs, perfekter Tanz. Eine schöne Choreografie, insbesondere mit der Aufhebung der klassischen pax de deux Besetzung: Mann / Frau.
Hier hat auch der moderne Tanz zeitweise Einzug gehalten. Gelungen und sehr schön anzusehen.

Der Abend war insgesamt großartig, toll und ich bin besonders dankbar für Brice Asnar.

Voller Qualität, Überraschung, Excellenz und Schönheit. Inhaltlich, choreografisch und optisch hat das Ensemble der Oper mal kurz gezeigt, dass die Welt auf der Bühne unserer deutschen Oper am Rhein zu Hause ist! Variantenreich und sehr sehr kreativ. Bämm! Danke.

Christmann_Sandra_Foto2_Andreas_EndermannSandra Christmann
 Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf, ihre Wahlheimat, und die Kunst. Sie engagiert sie sich bei ArtFair Internantional GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben dieser Arbeit hat sie ein Hilfsprojekt in Kenia ins Leben gerufen. Ihr Netzwerktalent, die Liebe zur Kunst und zum Schreiben nutzt sie jetzt auch als Opernscout.

Besuch sehr empfehlenswert

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Hubert Kolb über die Premiere von „Young Moves“

Der Ballettabend Young Moves gab zwei Tänzerinnen und zwei Tänzern des Düsseldorfer Balletts die Gelegenheit, mit einer eigenen Choreographie ihre Fähigkeiten zur Gestaltung eines Ballettstückes zu erproben. Das Ergebnis war heterogen, und genau darum war es ein sehr anregender Abend!

Brice Asnar hat sich mit AS IT LEAVES der Thematik von Trauer und Verlust gewidmet. Das Anfangsbild mit in die Höhe schwebenden Tänzer-Puppen war eindrucksvoll und symbolisch. Dann folgte ein technisch eindrucksvoller rasanter Paar-Tanz, der für mich seelenlos und nicht berührend wirkte – schade. Das Bühnenlicht war allerdings toll.

Helen Clare Kinney bezog in UNQUALIFIED das Ensemble von sechs Tänzer/innen in die Entwicklung der Choreographie mit ein. Heraus kam ein heterogenes Stück mit vielen Brüchen, welches mich nicht berührte oder anderweitig überzeugte.

Michael Foster hatte mit OPUS 29 bereits zum dritten Male die Gelegenheit zu einer eigenen Choreographie. Die Umsetzung der Musik von Rachmaninoff über Böcklins Bilder der Toteninsel (op.29) gelang den neun Tanzenden großartig, mit eher klassischem Tanz aber moderner Personenregie und Lichteffekten. Zum Schluss gehen alle, zum Teil widerstrebend, sehr langsam in das große Licht – die Ewigkeit.

Auch So-Yeon Kim lieferte mit ROCOCO VARIATIONS bereits ihre dritte Arbeit ab. Alles war klassisch gefällig, mit dem Cellokonzert von Tschaikowski als Leitmusik. Was ist hier neu und modern, fragte ich mich – bis ein Zwischenspiel mit einem erotischen Tanz von zwei Tänzerinnen, und danach von zwei Tänzern ein aktuelles Thema aufnahm. Beim schnellen Schlusssatz des Musikstückes mit allen sechs Tanzenden ging diese gesellschaftspolitische Spannung wieder verloren.

Das war für uns Opernscouts die letzte Premiere der Saison. Rückblickend dominiert die Wahrnehmung, dass hier Oper und Ballett auf hohem, oft höchstem Niveau präsentiert wurde, mit großem Aufwand für zum Teil nur wenige Vorstellungen, und in einer enormen kulturellen Breite. Es ist großartig, dass es sich unsere Gesellschaft (noch) leisten kann, Hochkultur in diesem Umfang zu ermöglichen.

Kolb_Hubert_Foto_Andreas_EndermannDr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt

 

 

Großartige Kunst!

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Benedikt Stahl über die Premiere von „b.40“

Was mit b.40 auf der Düsseldorfer Bühne gezeigt wird, ist durchdrungen von Experimentierfreude,  wunderbaren Bildern und Lust an reinster Darstellung. Von der ersten bis zur letzten Minute füllen vor allem die Tänzer und Musiker die Oper mit großartiger Kunst!
Es beginnt mit Pacific von Mark Morris, dessen im Programmheft wiedergegebenes Zitat: „I‘m a musician and my medium is dancing“ eindrucksvoll nachzuvollziehen ist. Bewegung, Musik und Bilder fließen ineinander wie die intensiven Farbverläufe des Lichts und der Kostüme. Alles ist erstklassig aufeinander abgestimmt.

Locus Trio von Trisha Brown ist mein Lieblingsstück an diesem Abend. Eine Aufführung ganz ohne Musik. Die Bewegungsabläufe der Tänzer interagieren mit unsichtbaren Ordnungsstrukturen im Raum. Sie be- und umschreiben einen sich zunehmend verdichtenden Ort. Das stille Spiel der Tänzer hat zugleich etwas geheimnisvolles wie klärendes. Ihre tranceartige Stimmung springt über, ich könnte ihnen noch stundenlang so zusehen.

Dann Night Wandering von Merce Cunningham. Ein erzählerisches Stück und in seiner Entfaltung ein sehr gelungener Kontrast zur vorherigen Aufführung. Die Szene wird von einem Mann in orange und einer Frau in Fellkleid bestimmt. Diese Kostümentwürfe nach Ideen des Künstlers Robert Rauschenberg, nehmen die Betrachter mit in eine Welt jenseits aller Zivilisation. Die suchende Bewegung der beiden Gestalten durch den dunklen Raum hat etwas ursprüngliches und ihr Verschmelzen im Mondlicht der Schlussszene bleibt eindrucksvoll in meiner Erinnerung.

Zum Abschluss dann noch die Offenbach Overtures. Mir ehrlich gesagt zu voll, zu laut, zu rot und viel zu grell. Allerdings bin ich auch überhaupt kein Offenbach-Fan und die tänzerische Leistung der großen Truppe ist ganz ohne Zweifel erstklassig!

Insgesamt ein wunderbarer Abend, der sich wirklich gelohnt hat und der übrigens nochmal ein ganz anderes Amerika zeigt, als das, was sich in der Tagespresse fortwährend festsetzt: frisch, spielerisch, intensiv, freidenkend, avantgardistisch.

Bravo!

Stahl_Benedikt_Foto2_Andreas_EndermannBenedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit: Wie Bild, Musik und Darstellung hier zusammen wirken, fasziniert ihn. Als interdisziplinär denkender Grenzgänger ist er auch an der Alanus Hochschule Bonn-Alfter tätig: Was  Architektur mit Schauspiel, Wirtschaft mit Kunst zu hat – diese Fragestellungen interessieren ihn auch in der Lehre. Nicht nur die Oberfläche, sondern die spannenden Zusammenhänge will er nun als Scout für Oper und Ballett entdecken.

 

 

 

 

 

 

 

Modern Dance – Zug verpasst

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Sandra Christmann über die Premiere von „b.40“

Die tänzerische Qualität lässt sich nicht in Frage stellen. Unser Ballett kann Großes.

Pacific – Mark Morris
Für mich die beste Performance des Abends, ganz im alten 90er Stil – Modern Dance aus den Anfangsjahren. Die schönsten Kostüme des Abends. Solide, im positiven Sinne, choreografisch nicht überraschend, aber darum ging es an diesem Abend ja auch nicht.
Locus Trio – Trisha Brown
Still war’s – da bin ich wohl ein altmodischer Hase, die Musik gehört dazu – somit offenbar etwas für die intellektuellen Tanzhasen. Es ist wie bei einer Probe zuzuschauen. Eine Werkprobe, ohne Musik, somit ist jeder körperliche Kraftakt zu hören und somit geht auch die Leichtigkeit des Tanzes verloren.
Night Wandering – Merce Cunningham
Auch dieses Pas de deux zeigt die enorme Kraftanstrengung. Interessant im Sinne damals „neuer“ Aktzente. Sonst bleibt es dabei: Synchron, kraftvoll, unberührend. Musikalisch für mich ganz persönlich grausam. Die Kostüme habe ich nicht verstanden und wenn sie 10x von Robert Rauschenberg sind.
Offenbach Overtures – Paul Taylor:
Während um mich herum Brava, Begeisterung und anhaltender Applaus stürmen, sitze ich regungslos da. Insbesondere das favorisierte Finale als Highlight besprochen, erinnert an eine Mischung aus YMCA, Polka, und Puppentheater. Einziger Lichtblick: Doris Becker – wunderbare Tänzerin, sie wäre eine, die es hätte retten können.
Ihr könnte man stundenlang zusehen, eine wunderschöne, grazile und einfangende Tänzerin.

Alles in Allem gab es keine großen Erwartungen und diese wurden auch nicht erfüllt.
Unser herausragendes Ballettensemble hat gut gemeistert und hat hoffentlich bald wieder wie gewohnt kreativen, choreografischen, überraschenden Unterbau.

Christmann_Sandra_Foto2_Andreas_EndermannSandra Christmann
 Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf, ihre Wahlheimat, und die Kunst. Sie engagiert sie sich bei ArtFair Internantional GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben dieser Arbeit hat sie ein Hilfsprojekt in Kenia ins Leben gerufen. Ihr Netzwerktalent, die Liebe zur Kunst und zum Schreiben nutzt sie jetzt auch als Opernscout.

Statt zu essen – mal ein perfektes Ballett-Menu genießen

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Michael Langenberger über die Premiere von „b.40“

Wer ins Gourmet-Restaurant geht, weiß vorher, dass es da nicht um Burger- oder Pizza geht. Genauso wie jemand, der zum Ballett in die Düsseldorfer Oper geht, eben auch vorher weiß, dass ihm eine Auswahl erlesenster tänzerischer “Gourmet-Stücke” kredenzt werden. So auch jetzt wieder bei „b.40”.
Chefchoreograph Martin Schläper hält unter der großen Überschrift American Modern Dance ein fein abgestimmtes Ballett-Menu, äußerst unterschiedlicher, doch gerade dadurch sich ergänzender Inszenierungen für uns bereit. Für jeden Geschmack etwas; für den Ballett-Gourmet purer Genuss.

“Vorspeise” Pacific – Choreographie: Mark Morris
Moderne Klänge, die zwar harmonisch sind, jedoch nicht unbedingt musikalisch leicht ins Ohr gehen, bereiten Alina Bercu, Doo-Min Kim und Franziska Früh einen spritzigen Auftakt für ein farbenfrohen Auftritt von insgesamt 9 Tänzerinnen/Tänzern, der raumgreifend und abwechslungsreich Ohren und Augen Spass bereiten. Die Perfekte Grundlage für Lust auf mehr.
“1. Zwischengericht“ Locus Trio – Choreographie: Trisha Brown
Meine Sitznachbarn tuschelten “… das kann ich auch…”. Ich schätze mal, meine Sitznachbarn irren da gewaltig. Zwei Tänzerinnen und ein Tänzer, alle ganz in weiss gekleidet, liefern verschiedenste auf sich und das System organisierte Bewegungsmuster, innerhalb eines auf dem Tanzboden markierten Carrés, in bestem Modern-Dance-Verständnis ab. Obwohl ohne jegliche Musik, erleben wir Takt, Rhythmus und Dynamik. Konzentration auf Bewegung, den begrenzten Raum und Achtsamkeit auf die Mittänzer. Ein “Filetstück” Modern-Dance- Genusses (im Sinne von Modern Dance = Ballettqualität ohne gestellte Figuren und konzentriert auf optimale natürliche Körperbewegungsfähigkeit).
“2. Zwischengericht” Night Wandering – Choreographie: Merce Cunningham
Zu teilweise dissonanten Klängen mit einigen rhythmischen Brüchen, virtuos gespielt begleitet Alina Bercu am Klavier, Wun Sze Chan und Bruno Narnhammer bei ihrer Nachtwanderung in einem Modern-Dance Pas de deux. Das lange Fell-Kleid von Wun Sze Chan wirkt dabei auf mich gelegentlich sie in ihrer Bewegungsfähigkeit begrenzend. Doch hat die sich aus den Materialgründen ergebene Geradlinigkeit ihrer Bewegung auch ihren Reiz. Ich fand es eine extravagante Darbietung. Also noch ein „Filetstück“ zusammen mit der Musik dazu, den gesamten Rahmen von Modern-Dance Interpretation nutzend.
“Dessert” Offenbach Overtures – Choreographie: Paul Taylor
Spritzig, wuchtig, farbenfroh und musikalisch für die nicht so experimentierfreudigen Ballettbesucher, vollständig versöhnend, dann zu Abschluss szenisch getanzte Beobachtungen aus dem normalen Leben aus Offenbachs Zeit. Es geht um Liebe, sich necken, Duell und Versöhnung, Soldaten und elegante Damen, alle in knallroten Kostümen, besonders wirksam durch einen weißen Tanzboden in Szene gesetzt. Ein Augen- und Ohrenschmaus, so wie witziges Ballett, perfekt getanzt, gerne gesehen wird.

Ein vorzüglich zusammengestelltes Menu, mit feinsten Zutaten, großem Können aller “Köche” die dazu beigetragen haben; spitzig, anmutig, vielfältig. Sattgesehen und gehört, ohne erschlagen zu sein. Ein gelungener Abend.

Opernscouts 2018 / 2019

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt: Auf Standard und Latein folgten Salsa und Modern Contemporary Dance im tanzhaus nrw, wo er auch an öffentlichen Performances mit Profis und Laien mitwirkte. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze.

Eine Erfrischung mit Tiefgang

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Markus Wendel über die Premiere von „b.40“

Mit der vorletzten Ballett-Kreation dieser Spielzeit wird uns ein ganz besonderer Abend versprochen, mit vier gänzlich unterschiedlichen Stücken in der großen Tradition des American Modern Dance. Die Stücke sind allesamt nicht neu, feiern aber in dieser Zusammenstellung eine interessante und einzigartige Premiere.

Den Auftakt macht mit PACIFIC ein locker-leicht getanztes Stück, mit unangestrengter Piano- und Streicher-Begleitung. Alle Tänzerinnen und Tänzer tragen Röcke, was vielleicht seltsam klingen mag, im Ergebnis aber einige wunderbar ästhetische Bilder liefert. Ein gelungener Auftakt.
Nach der ersten Pause erleben wir zwei anspruchsvolle und kurze Stücke. LOCUS TRIO ist eine Art vertanzte Yoga-Stunde, in klinisch reiner Erscheinung, ohne Musik, und mit Bewegungsabläufen, die mich an einen mathematisch-geometrischen Zufallsmodus erinnern.
NIGHT WANDERING finde ich in seiner musikalischen Untermalung durchaus anstrengend, überzeugt mich allerdings mit einigen wirklich interessanten Haltefiguren, und einem nachdenklichen, intimen Ende.
Auch zeitlich eine angenehme Punktlandung.
Nach der zweiten Pause wird es turbulent. OFFENBACH OVERTURES ist sehr lebendig, mit einer ordentlichen Portion Humor, verrückten Charakteren, und einer Vielzahl kleiner Geschichten. Für mich das Highlight des heutigen Abends, vor allem aufgrund der musikalischen Eingängigkeit, vielen bekannten Melodien, und einer wirklich einfallsreich-witzigen Choreographie. Großes Lob auch an die Beleuchter, die es geschafft haben, gänzlich ohne Kulissen einen atmosphärisch dichten Rahmen zu schaffen, was für alle Stücke des heutigen Abends gilt.

Zusammenfassend ein wirklich schöner Ballett-Abend, den ich gerade aufgrund der gebotenen Vielfalt in guter Erinnerung behalten werde. Vielen Dank, und gerne mehr davon!

Wendel_Markus_Foto_Andreas_EndermannMarkus Wendel
Feuerwehrmann in Düsseldorf

Als neuer Scout folgt Markus Wendel in der Spielzeit 2018/19 frühen Spuren seiner Opernbegeisterung: Seine erste Begegnung mit Richard Wagners „Götterdämmerung“ hatte er 2003/04 im Düsseldorfer Opernhaus, und schon damals begeisterte ihn Linda Watson als Brünnhilde. Als Feuerwehrmann der Landeshauptstadt Düsseldorf kümmert sich Markus Wendel um die strategische Planung und Einsatzorganisation. Ganz besonders schätzt er seine Dienste im Opernhaus: Als Brandsicherheitswache beobachtet er die Aufführung dann von der Seitenbühne aus. „Ich mag das Gewusel hinter den Kulissen“, sagt der 39-Jährige. Was ihn aus dieser Perspektive besonders anspricht, schaut er sich gern noch einmal mit Freunden oder der Familie aus dem Zuschauerraum an.

Ein vierblättriges Kleeblatt

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Jenny Ritter über die Premiere von „b.40“

Ein Abend: 4  Stücke! Ein Thema:  American  Modern  Dance

1.Stück PACIFIC – Mark Morris
Gleich zu Beginn: ein wunderschönes Bühnenbild, das eigentlich gar keins ist. Es besteht nur aus Farbe: schwarz mit blauem Hintergrund, die ersten Tänzer tragen lange weiße  Röcke mit blauem Muster, die Frauen lange weiße Kleider mit blauem Muster. Das ergibt beim Tanzen wunderschöne Figuren. Das gleiche wiederholt sich mit grün, dann rot, und dann mischen sich die Farben – alles ist wunderschön und  ästhetisch anzusehen. Die kleine musikalische Besetzung besteht aus einem Trio (Franziska Früh/Violine,  Duo-Min-Kim/Violoncello, Aline Bercu/Klavier)
2.Stück LOCUS TRIO – Trisha Brown
weiß gekleidete Tänzer, auf dem Boden sind Quadrate (die vom Parkett aus nicht ganz einsehbar sind) in denen die Tänzer uns „Yoga für Fortgeschrittene“ präsentieren – ganz ohne Musik.
3.Stück Night Wandering – Merce Cunningham
Hier sind nur zwei Tänzer: Ein Paar alles sehr reduziert auch die Musik, die Kostüme Fell und erdig – hat sich mir nicht erschlossen. Jedoch ausdrucksstark getanzt!
4.Stück Offenbach Overtures – Paul Taylor
gleich zu Beginn, der Vorhang geht auf: wow, ein Bild, das sich mir sofort einprägt. Alles ist in rot schwarz gehalten. Wunderschön dynamisch und ästhetisch anzusehen. Endlich  Musik, die belebt, die Freude macht, die einlädt zum Tanzen von Jacques Offenbach. Herrlich, ich bin berauscht vom Tempo, von der Schönheit des Tanzes und vom Witz. Wieder gibt es eine Szene, die nur von Männern getanzt wird, witzig und voller Harmonie. Das Stück endet mit dem ersten Bild, das eine wunderschöne Postkarte abgeben würde, die ganze Vorstellung findet nur in den  Farben: Rot und Schwarz statt. Das Ganze ist ein Fest der Sinne.

Wie immer ist zum Schluss festzustellen, dass die Zusammensetzung der einzelnen Stücke genau in der richtige Reihenfolge erfolgte. Es war ein wunderschöner Abend, mein Dank geht an die wunderbaren Tänzer und Musiker und die vielen Beteiligten, die zum Gelingen des Abends beigetragen haben.

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Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin

Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und freut sich diesen als Opernscout in Düsseldorf abschließen zu können.

 

Ein Höhepunkt: Night Wandering

b.40 „night wandering“ ch.: Merce Cunningham

Hubert Kolb über die Premiere von „b.40“

Der Ballettabend b.40 umfasste sehr unterschiedliche vier Stücke, 7 bis ca.25 min lang. Höhepunkt für mich war das dritte Stück, Night Wandering von Merce Cunningham, mit der Musik von Bo Nilsson (Klavier solo, modern unharmonisch, aber dynamisch). Zwei animalische Menschen mit Fellkostümen von Robert Rauschenberg (!) gehen langsam auf die Bühne und beherrschen den Raum mit einem Tanz der Annäherungen und Scheinfluchten, eine Art Balztanz, der dann in einer Vereinigung endet. Alle Bewegungen sind ungewöhnlich, originell, stimmig, und weit weg vom klassischen Ballett. Ich war fasziniert.
Begonnen hatte der Abend mit einem ästhetisch schönen, geometrisch ausgerichteten Tanzstück, Männer und Frauen in Röcken (Pacific von Mark Morris). Da passten Kostüme, Bewegungen, Farbe und Licht. Und dennoch berührte mich das Stück nicht, alle Tänzer tanzten für sich, es ergab sich keine Beziehung zwischen den einzelnen Personen auf der Bühne.
Dann folgte ein kurzes Stück (Locus Trio von Trisha Brown) ohne Musik (!), bei dem drei Tanzende gemäß einem geometrischen Muster auf dem Boden Bewegungen durchführten, die mich immer wieder an Gymnastik erinnerten – wieder keine Beziehung zwischen den drei Personen erkennbar. Nach 7 min war Ende, ohne, dass dies für mich ein logischer Schlusspunkt war.
Nach der emotional berührenden Night Wandering kam zum fröhlichen Entspannen eine humorvolle Interpretation von mehreren Stücken von Jacques Offenbach (Offenbach Overtures von Paul Taylor). Alles war sehr lustig, gefällig, nett, klassisch getanzt – es gab Männer-Frauen-Konflikte, ein Duell, und eine (scheinbar) betrunkene Tänzerin. Man durfte zwischendurch lachen, aber der fehlende Tiefgang war für mich ein deutlicher Minuspunkt. Der Applaus war freudig und intensiv.

Kolb_Hubert_Foto_Andreas_EndermannDr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt.

Erschütternd

b.39     „44 duos“ch: Martin Schläpfer
b.39 „44 duos“ ch: Martin Schläpfer

Stefan Pütz über die Premiere von „b.39“

Dieser Abend wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben … er war einfach erschreckend! Nach  der Vorführung konnte man mich fast als wütend bezeichnen, so hoffte ich nach mehreren Wochen der Entspannung und des Abstandes ein milderes Urteil finden zu können, – es ist leider zwecklos  –  es bleibt dabei!
Drei absolut unterschiedliche  Ballettstücke an einem Abend ,- erst einmal ein erfreulicher Umstand! An früheren Ballettabenden z.B. „b.37“ war diese Vielfalt  auch erfrischend und bereichernd.
Das erste Stück „Dances with Piano“ von Altmeister Hans van Manen war ästhetisch und immerhin stimmig, jedoch ohne Höhepunkte und war als fast langweilig zu bezeichnen. Thema war die Beziehung zwischen Mann und Frau, dargestellt von drei Duos. „Atmosphères“ von Martin Chaix  wirkte sehr düster und irgendwie pubertär. Trotz einer starken Bildsprache, passenden Kostümen, hervorragend dargebotener Tanzkunst und guter Choreographie konnte das Stück mich nicht überzeugen. Aber immerhin ein Kontrapunkt zum ersten Stück. Viele Zuschauer  verabschiedeten sich schon jetzt nach dem zweiten Stück, doch ich glaube, sie konnten nicht erahnen, welches Glück sie hatten…
Das dritte Stück „ 44 Duos“ von Martin Schläpfer mit der Musik von Béla Bartók erschien mir so unerträglich nichtssagend, dass ich nach dem zehnten Auftritt hoffte, dass ich mich bei der Zahl 44 geirrt hätte – dem war leider nicht so …Eine schier endlose Abfolge von leider unzusammenhängenden Episoden ohne Spannungsbogen folgten nun gnadenlos aufeinander. Die grausigen Kostüme taten ein Übriges …

Bislang wurde ich als Opernscout durch die hohe Qualität der Opern- und Ballettaufführungen verwöhnt – es muss wahrscheinlich auch solche ernüchternde Abende geben um die dargebotene hohe Qualität weiterhin erkennen und schätzen zu können.
Puetz_Stefan_Foto2_Andreas_Endermann Stefan Pütz
Inhaber von „Buch in Bilk“

Den Namen Stefan Pütz verbindet man mit „Buch in Bilk“, einer Buchhandlung, die es mittlerweile sogar an zwei Standorten in Unterbilk gibt. Bei Kulturveranstaltungen ist er auch gern mit einem Büchertisch präsent, denn der direkte Kontakt zu den Kunden und die persönliche Beratung ist ihm wichtig. Wichtig ist ihm jetzt – nach langer Abstinenz – auch wieder die Begegnung mit Oper und Ballett: Früher war er oft mit seinen Eltern in der Oper – heute ist er wieder neugierig darauf und offen für die kritische Auseinandersetzung mit den Düsseldorfer Scouts für Oper und Ballett.

In guter Erinnerung…

b.39  atmosphere
ch: Martin Chaix

Katrin Gehlen über die Premiere von „b.39“

Der Ballettabend ist mir trotz vereinzelter Verständnisschwieigkeiten in guter Erinnerung geblieben.

Beim ersten Stück von Hans van Manen kommen klassische Ballettliebhaber meiner Meinung nach wieder ganz auf ihre Kosten. Vor allem der dritte Pas de deux, der den Abschluss der Begegnung von Mann und Frau beschreibt, ist sehr gefühlvoll und wunderbar in seiner ganzen Ausdrucksweise. Auch die Kostüme sind sehr geschmackvoll und beweisen Eleganz in einer raffinierten Schlichtheit.

Das zweite Stück von Martin Chaix hat mir besonders gefallen. Schon der Hintergrund der Bühne weist auf eine gewisse Erotik hin. Dargestellt ist ein verschwommener weiblicher Akt, eine Fotografie des Choreographen selbst. Bewegung, Musik, Licht und Kostüme sind sehr gut aufeinander abgestimmt. In der letzte Szene erscheint das schöne Bild des Hintergrundmotivs.

Das letzte Stück von Martin Schläpfer hat mich diesmal weniger angesprochen. Von den Kostümen die ganze Zeit derart abgelenkt, konnte ich mich nicht auf den Tanz konzentrieren. Zu sehr habe ich innerlich im Konflikt gelegen, sogar immer wieder den Blick abgewendet. Zu dem ganzen Stück konnte ich leider keinen Zugang finden.

Gehlen_Katrin_Foto_Andreas_EndermannKatrin Gehlen
Modedesignerin

Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus. 

Eine abgefahrene Mischung

b.35. Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg
Abendlied. ch.: Remus Sucheana

Markus Wendel über die Premiere von „b.39“

Am heutigen Premierenabend erwarten uns drei Ballette, choreographiert von drei Herren, die dem Düsseldorfer Publikum nicht unbekannt sind.

Den Auftakt macht ein kleines Stück von Hans van Manen. Leider finde ich nicht wirklich einen Zugang hierzu, mir fehlt eine gewisse Leichtigkeit, es wirkt auf mich sehr überlegt und aufgesetzt. Ein wahrer Genuss ist die musikalische Begleitung durch die ganz hervorragende Pianistin.

Beim zweiten Stück des Abends hingegen werde ich sprichwörtlich aus dem Stuhl gerissen. Würde der Film-Regisseur Ridley Scott ein Ballett schaffen, würde es wahrscheinlich ähnlich aussehen, und was wir hier erleben, setzt sich sofort an die Spitze der besten Ballette, die ich hier gesehen habe. Unser ehemaliges Ensemble-Mitglied Martin Chaix schafft für uns in einem düsteren Raum ein wirklich beeindruckendes Gesamtkunstwerk. Nebel wandert über die Bühne, schwarz ist die dominierende Farbe, im Hintergrund schwebt die verwaschene Silhouette einer unbekleideten Frau. Zeitweilig wird die Szenerie von einem grellen Lichtstrahl durchschnitten, einem brutalen Gegenpunkt zu den vielen romantisch-intimen Momenten, inmitten dieser Science-Fiction-artigen Kulisse. Tanz, Choreographie, Kostüme, Beleuchtung, und auch die Abmischung der Musik: alles zieht mich in seinen Bann, trifft genau meinen Geschmack, und meine Vorliebe zu düsteren Inszenierungen. Bravo!

Martin Schläpfer hingegen bleibt mir ein Rätsel. Von ihm ist das letzte, und auch längste Stück an diesem Abend. Neben der ohnehin nicht ganz einfachen Musik von Bela Bartók bleibt mir der Zugang zu dieser Aneinanderreihung von Einzelsequenzen leider verwehrt.

Zusammenfassend ist es für mich ein herausfordernder Abend, mit großem Lob und Dank an Martin Chaix, für sein »Atmosphères«!

Wendel_Markus_Foto_Andreas_EndermannMarkus Wendel
Feuerwehrmann in Düsseldorf

Als neuer Scout folgt Markus Wendel in der Spielzeit 2018/19 frühen Spuren seiner Opernbegeisterung: Seine erste Begegnung mit Richard Wagners „Götterdämmerung“ hatte er 2003/04 im Düsseldorfer Opernhaus, und schon damals begeisterte ihn Linda Watson als Brünnhilde. Als Feuerwehrmann der Landeshauptstadt Düsseldorf kümmert sich Markus Wendel um die strategische Planung und Einsatzorganisation. Ganz besonders schätzt er seine Dienste im Opernhaus: Als Brandsicherheitswache beobachtet er die Aufführung dann von der Seitenbühne aus. „Ich mag das Gewusel hinter den Kulissen“, sagt der 39-Jährige. Was ihn aus dieser Perspektive besonders anspricht, schaut er sich gern noch einmal mit Freunden oder der Familie aus dem Zuschauerraum an.

far too much…

b.39  Dances with
ch.: Hans van Manen

Michael Langenberger über die Premiere von „b.39“

Wenn die Besten alles geben, dann kann es eben auch passieren, dass über das Ziel hinaus geschossen wird. So passiert bei der Premiere b.39.

Zu gekonnt kombinierten Klängen, zeigte uns Hans van Manen mit spartanischem Bühnenbild und zauberhaft gefühlvoll getanzten Szenen dreier Paare in “Dances with Piano”, eine Choreographie, von der dieses Mal die Männer mit Szenenapplaus profitierten. Wahrscheinlich lag es daran, dass deren Tanz körpersprachlich jeweils Geschichten erzählten, die so manch einer mit verbalen Erklärungen nicht zustande brächte. Spritzig und pointiert vorgebracht, wurden diese mit lautem Beifall belohnt. Genau wie das ganze Stück, zu dem natürlich noch die dazu gehörigen Ballerinen gehörten. Mit Recht bekam die Pianistin Schaghajegh Nosrati ebenfalls großen Applaus – aus meiner Sicht für ihre Bach-Interpretationen. Sehr rhythmisch, eben gerade noch kein Jazz à la Jacques Loussier. Toll gespielt, getanzt, choreographiert – einfach sehr schön.

Und dann ging’s in die Vollen. Gib alles – hat Martin Chaix sich wohl gedacht, als er bis zu insgesamt 22 Tänzerinnen und Tänzer zu “Atmosphères” z.T. wild über die Bühne fegen ließ. War es avantgardistischer oder archaischer Tanz – ich weiß es nicht. Für mich war es ein Zuviel an allem; eine herausfordernde Musikwahl, viele spezielle Effekte, gerne mit viel Rauch und Nebel und zu viel Verschiedenes zum gleichen Zeitpunkt auf der Bühne. Ich merkte es besonders daran, weil der eher ruhige Mittelteil zu Beethovens Adagio Cantabile aus der Sonate Pathétique mich kurz zu erden vermochte, bevor es wieder ungestüm weiterging. Hätte Martin Chaix das Eine oder Andere weggelassen, all meine Sinne hätten es ihm mit Begeisterung für das Erfassbare gedankt.

Dem jungen Meister Martin Chaix folgte mit “44 Duos” zum Abschluss des Abends, die Choreographie des großen Meisters des Balletts, Martin Schläpfer. Vermutlich hatte Béla Bartók die Violin-Duos als Etüden – eben als Übungsstück und nicht als Konzertreihe komponiert. Sicherlich meisterschaftlich von Catherine Ribes und Dragos Manza vorgetragen, dennoch als Übungsstücke für die Violonisten, anstatt für 1200 Ballettbesucher- Ohrenpaaren gedacht. Wie immer beim Ballett am Rhein, eine großartige tänzerische Leistung des gesamten Ensembles. Doch vermochten es die Tänzer nicht, den visuellen Eindruck, der z.T. wirklich schrecklichen Kostüme, soweit aufzuheben, dass es wirklich Spaß machte hinzuschauen. Es zeigt sich, wenn jedes “Gewerk” alles aufbietet was geht, das Maximale aus sich herausholt, doch nichts so recht aufeinander abgestimmt ist, zerstören sich die großartigen Künste jedes einzelnen Meisterhandwerks gegenseitig. Auch für mich, in der Form, eine wirklich neue Erkenntnis…

Opernscouts 2018 / 2019

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt: Auf Standard und Latein folgten Salsa und Modern Contemporary Dance im tanzhaus nrw, wo er auch an öffentlichen Performances mit Profis und Laien mitwirkte. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze.

Die Tänzer geben: Alles!

b.39     „44 duos“
ch: Martin Schläpfer

Hilli Hassemer über die Premiere von „b.39“

Dances with piano von Hans van Manen. Ich sage nur: Stille Größe!
Nur ein Klavier, – wunderbar gespielt von Schaghajegh Nosrath, begleitet die Tanzenden. Und wie der Titel, klar, pur und ehrlich, erscheint mir auch die Choreografie! Drei Paare, – sie erinnern mich in ihrem schlichten Erscheinungsbild an die Skulpturen des Bildhauers Stefan Balkenhol, – dialogisieren im Tanz.
Silbrig im Innenfutter, flattern die Röcke der Tänzerinnen und auch das erscheint mir symbolhaft, – unscheinbar und schlicht auf den ersten Blick, aber mit wundersamen Glanz, der aus dem Inneren strahlt. Zwischen die pas de deux‘ grätschen drei Tänzer zu Ausschnitten aus den Goldberg Variationen von Bach. In ihrem verwegenen Tanz konterkarieren die drei Haudegen die vorangegangene Strenge mit Humor und Lässigkeit. Sehr großartig. Man will gar nicht, dass es aufhört.
Viel zu kurz vergehen mir Dances with piano. Viel zu schnell schließt sich der Vorhang hinter diesem Understatement an berührendem Tanz und der wunderbaren Choreografie des alten Meisters. Mein Sahnehäubchen des Abends, aber das weiß ich erst am Ende.

Atmosphères von Martin Chaix gerät für mich schon von Beginn an in eine Schieflage. Das Bühnenbild: die Fotografie eines über die ganze Wand diagonal gestreckten, anämischen Frauenaktes, der sich langsam aus dem Trockeneisnebel windet, – wird in meinen Augen viel zu wichtig. Dieser Körper konkurriert während des ganzen Stückes mit den Tanzenden.
Chaix schafft eindrucksvolle Tanz-Szenen, die Musik ist ein Traum, aber ich bleibe insgesamt relativ unberührt. Zu viel Rauch wird da Effekt haschend in die Luft geblasen.

Zu Martin Schläpfers „44 Duos für zwei Violinen“: es sind derer mindestens 22 zu viel. Es gibt einen Punkt, etwa in der Mitte der Aufführung, an dem meine Aufmerksamkeit in die Knie sinkt. In meiner Wahrnehmung verschwimmen alle Tanzstücke der Duettpartner zu einem Großen Etwas. Eine Frustration macht sich in mir breit und zwar über mein eigenes Unvermögen, den wunderbaren Tänzern noch weiter aufmerksam zu folgen.
Die Arbeit der Tänzer ist einmal wieder beachtlich und beeindruckend. Bis an die Schmerzgrenze setzen sie ihren Körper ein,- geben: Alles.
Das Bühnenbild ist großartig, eine Reihung voran Fäden schwebenden Fragmenten, die sich zu einer wunderschönen abstrakten Einheit ergänzen.
Schläpfers Idee ist ersichtlich – aber er will zu viel und überspannt den Bogen. Meine Lust auf mehr,- wie nach dances with piano, bleibt aus.

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Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin

Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Klassische und auch Opernmusik sind elementare Einflüsse in ihrer Arbeit. Das erste Jahr als Opernscout hat sie mit heller Freude erlebt. Die Vielfalt und Qualität der Düsseldorfer Opern und Ballettkultur zu erleben, war für sie eine neu prägende Seh- und Hörschule. Eine Sinn-schärfende Bereicherung, die sie nicht mehr missen möchte. So freut sie sich auf die zweite Spielzeit, auf die neuen Ballett und Opernwelten, die sich ihr eröffnen werden und für die sie Worte finden muss. Der Bleistift ist gespitzt….