„Was für ein Abend!“

Markus Wendel über die Premiere „One and others“

Wow, was für ein Abend

Wenn es einen roten Faden gibt, der sich durch die Spielzeiten der Deutschen Oper am Rhein zieht, ist es wohl diese Feststellung: Die größten Überraschungen bietet anscheinend immer das Ballett. So auch am vergangenen Samstag zur Premiere von „One and Others“.

Ganz leise und intim geht es los. In „Polyphonia“ werden zehn Tänze gezeigt, begleitet von einer Pianistin. Berührt bin ich von der Wärme und dem Wohlklang der Musik. Erst später – am Ende des Abends – wird mir klar, dass dieses tänzerisch etwas kühl und technisch wirkende Stück mit Bedacht gewählt wurde und einen guten Gegenpol setzt zum Rest des Abends.

Mitreißend wird es zum zweiten und titelgebenden Stück in der Choreographie von Demis Volpi. Es passt einfach alles. Spannung, Bildsprache, Tanz – wirklich herausragend. Das um die Kehlkopfgesänge kanadischer Inuit ergänzte Streichquartett trägt die Szene mit der Anmutung eines Film-Soundtracks. Auch die Geräusche fahrender Lokomotiven werden in die Klanglandschaften eingebettet. In den vom Licht geschaffenen Räumen suchen und finden sich die Tänzerinnen und Tänzer. Alles im Wandel zwischen Geborgenheit, Verlust und einer Suche nach Orientierung. Erschaffen wird eine solch unmittelbare Emotionalität, die mich bis hin zu tiefster Traurigkeit einiges durchleben lässt. In die Pause gehe ich ergriffen und nachdenklich. Und überaus dankbar.

Mit „Salt Womb“ wird es wirklich krass. Wie der Schlag eines Herzens pulsiert die Musik. Die extreme Lautstärke der Elektro-Sounds bringt die Lautsprecher des Saals an ihre Grenzen und ist körperlich spürbar. Für die Darstellung an der Deutschen Oper am Rhein wurde das ursprüngliche Ensemble auf 17 Tänzerinnen und Tänzer erweitert. Im Vordergrund steht die absolute Dynamik der Gruppe. Hart und bis zur völligen Verausgabung. Der umherfliegende Schweiß und die Beleuchtung erschaffen Atmosphären zwischen dem Berliner Berghain und dem Innern eines Stahlwerks. Eine unfassbare Performance.

Beide Daumen hoch – absolut empfehlenswert!

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

„Ein beeindruckender Ballettabend“

Helma Kremer über die Premiere „One and others“

Der Abend verspricht spannend zu werden: Unter dem Titel „One and Others“ präsentiert das Ballett am Rhein drei aktuelle Werke von drei verschiedenen Choreograph*innen zu wiederum sehr unterschiedlicher zeitgenössischer Musik.

Das erste Stück „Polyphonia“ des britischen Choreographen Christopher Wheeldon ist, wie ich dem Programmheft entnehme, ein Jugendwerk aus seiner abstrakten, neoklassischen Anfangszeit. In 10 kurzen Episoden verhandeln fünf Paare Konstellationen des Miteinanders, Anfang und Abschluss bilden vier Duos. Ich habe zunächst Schwierigkeiten, einzusteigen. Die Musik, ein Klaviersolo von György Ligeti, wirkt auf mich sperrig und sehr abstrakt. In den Bann zieht mich dann jedoch die tänzerische Präzision, mit der die schier atemberaubenden akrobatischen Leistungen entfaltet werden. So etwas habe ich im Ballett noch nie gesehen. Die Tänzer*innen stellen höchst komplizierte geometrische Figuren dar. Zunehmend wird die anfangs kalte Präzision dann  von spielerischen Elementen durchbrochen, so dass auch der Humor nicht zu kurz kommt. Damit ist das Eis gebrochen.

Das zweite Stück, das dem Ballett-Abend seinen Namen gibt, ist „One and Others“ von Demis Volpi. Auch hier geht es um das Miteinander von Individuen, nun in diversen Konstellationen. Männer und Frauen sind gleich gekleidet, so dass die Geschlechter-Trennung beinahe aufgehoben wird. Im Zusammenspiel mit der kalten Beleuchtung und den leicht nebelartigen Effekten, die die Umrisse der Tänzer*innen verschwimmen lassen, entwickelt sich eine sehr „cleane“ Atmosphäre, ähnlich der in einem Science-Fiction-Film. Dazu leisten auch die edlen Kostüme in einer blau-metallischen Farbe ihren Beitrag. Diese kühle Szenerie  steht in spannenden Widerspruch zur Musik des kanadisch-griechischen Komponisten Christos Hatzis, die mich von Beginn an sehr berührt. Das Streichquartett wird mit Sound-Einspielungen von Kehlkopfgesängen kanadischer Inuit untermalt sowie mit Geräuschen von Lokomotiven. Diese beiden Elemente verweisen bereits auf das dritte Stück. (Das fällt mir aber erst beim Schreiben auf.)

Schon nach diesem zweiten Stück, fällt der dramatische Spannungsbogen und die – auch musikalische Steigerung – der Dynamik vom ersten zum zweiten Stück auf, die sich auch in Größe und Konstellation des Ballett-Corps zeigt. Ihren Höhepunkt erfährt diese Steigerung im dritten Stück. Die Musik setzt so unvermittelt und tosend ein, dass ich das Gefühl habe, von einer Dampflok überfahren zu werden. Zu den elektronischen Beats von Ori Lichtik, die immer wieder von Sirenen-Geheul und Schüssen unterbrochen werden, bewegt, man könnte auch sagen, wälzt sich eine Gruppe von 17 Tänzern. Trotz der gleichen Tanzbewegungen wirkt das Ganze nicht wie ein Mit-, sondern wie ein Nebeneinander. Einzelne Individuen unternehmen den Versuch, auszubrechen, aber sie werden entweder isoliert oder wieder eingefangen. Zuckende Körper suggerieren eine Atmosphäre von Gewalt, Folter oder Krieg. Dabei deuten sowohl Rhythmen als auch Bewegungen auf rituelle Tänze indigener Völker, nur eben hier pervertiert. „Gleichstellung“ und „Fremdbestimmung“ sind die Begriffe, die mir dazu einfallen. Bei aller Finsternis entfaltet dieses Stück einen Sog, dem sich keiner entziehen kann.

Begeisterter Applaus und Standing Ovations für die Künstler*innen. Einer der beeindruckendsten Ballett-Abende, die ich bisher erleben durfte. Er wird lange nachwirken.

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt Düsseldorf.

„One and others“

Karolina Wais über die Premiere „One and others“

POLYPHONIA

Der Abend fängt gut mit einem Klavierspiel an, zudem vier Paare tanzen. Sie werden auf eine Art und Weise beleuchtet, so dass die Tänzer*innen vervielfacht wirken. Damit spiegeln sie die Polyphonie, also Vielstimmigkeit der Musik klug wider. Das letzte Tanzstück greift die Vielstimmigkeit mit scheinbar unbeabsichtigten Verzögerungen im Tanz auf. Die Kostüme und das Bühnenbild sind sehr schlicht gehalten, ich kann mich also vollkommen auf die Musik und den Tanz konzentrieren. Die insgesamt zehn Stücke in unterschiedlichen Formationen, mal in stoischer Haltung, mal mit viel Leichtigkeit, stets mit Präzision sind schön anzuschauen. Ein wunderbarer Einstieg in diesen Abend.

ONE AND OTHERS

Demis Volpi hat wieder ein wunderbares Stück geschaffen. Die Balletttänzer*innen tanzen scheinbar im Nebel, das schafft eine mystische Atmosphäre. Die Kostüme sind sehr schlicht in leichten Blautönen gehalten. Es wird Spitze getanzt und mit den Spitzenschuhen ein Rhythmus erzeugt, dieser Augenblick gefällt mir besonders. Ich mag auch das Zusammenspiel Lara Delfinos mit den Tänzern, sie wird zwischen ihnen gereicht, verliert sich dabei aber nie. Das Stück wird von einem Pas de deux von Lara Delfino und Dukin Seo perfekt vollendet. Sie verschmelzen förmlich ineinander.

SALT WOMB

Kraft! Bewegung! Stark! Das ist heute mein Höhepunkt des Abends. Es fängt mit lauter maschineller Techno Musik an, die Tänzer*innen bewegen sich wie in Trance um einen Tänzer. Die Bühne wird erstmal im warmen Licht getaucht. Das Gesamtbild, das dadurch entsteht, ist grandios, stark und sehr kraftvoll. Die Formation schaukelt sich in gleichmäßigen, fast tranceähnlichen kleinen Bewegungen ins Extreme. Das Stück, ursprünglich für neun Tänzer*innen inszeniert, wird für das Ballett am Rhein um acht weitere Tänzer*innen ergänzt und das ist einfach atemberaubend, weil es dadurch an noch mehr Kraft gewinnt. Die Musik ist so laut, dass ich sie körperlich spüren kann, mitwippen kann. Die Bewegungen sind mechanisch wiederholend, die Monotonie dieser Bewegungen wird aber immer wieder durch neue Transformationen unterbrochen. Sie kommen von innen heraus und sind offensichtlich so anstrengend, dass die Körper vor Schweiß glänzen, salzig werden. Die Tänzer*innen bilden zusammen einen Körper, der pulsiert. Es ist hypnotisierend und lässt mich mitfühlen. Ich will es nochmal sehen und erleben.

Vielen Dank für diesen starken Abend!

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

So hat sich modernes Ballett entwickelt – aufregend!

Hubert Kolb über die Premiere „One and others“

Mit den drei gezeigten Choreographien konnte man die aktuelle Entwicklung des Balletts mitverfolgen – auf höchstem Niveau, das war spannend.

Es begann mit dem modernen Klassiker von Christopher Wheeldon „Polyphonia“ (Jahr 2001). Das Stück hat mich innerlich nicht berührt. Klassische Ballettschritte modern angereichert, ästhetisch eindrucksvolle geometrisch orientierte Bewegungen, ich dachte an Bauhaus. Aber: Da war keine Seele im Tanz, keine Beziehung zwischen den Tanzenden wahrnehmbar, viele stationäre Tanzphasen mit Drehungen und Hebungen. Die Klaviermusikstücke von Ligeti wirkten dazu etwas hart. Nur das erste und letzte Stück hatten tollen Rhythmus. Dazu waren alle vier Paare auf der Bühne und eroberten den Raum mit schnellen Schritten und originellen Armbewegungen. Beim ersten Stück gab es dazu einen Schattenwurf der Bewegungen auf die Rückwand der Bühne, das war genial.

Als Demis Volpi – Fan war sein Stück „One and Others“ (Jahr 2015) für mich der Höhepunkt. Seele in der Musik von Hatzis und in den Bewegungen der fünf Paare, klassische Ballettschritte weiterentwickelt zu einem Ausdruckstanz, auch ganz langsame Bewegungen waren erlaubt und vermittelten Emotionen. Die Annäherung, das Werben, das Auf und Ab der Beziehungen wurden in vielen „modernen“ Bewegungen und Hebefiguren deutlich. Großartig war dann der Pas de deux von Lara Delfino und Dukin Seo. Irgendwie war es nur noch ein gemeinsamer Körper, der in dynamischen oder langsamen Bewegungen Innigkeit vermittelte, man dachte an einen platonischen Liebesakt. Ein spannender Bogen umfasste das ganze Stück, sodass ich verblüfft war, wieviel Zeit vergangen war. Der Beifall war groß.

Die andere aktuell-moderne Entwicklung des Balletts ist der komplette Verzicht auf klassisch anmutende Ballettschritte, hier bei der Choreographie von Sharon Eyal aus dem Jahre 2016, „Salt Womb“. Die knallhart stampfende Technomusik von Lichtig hatte ihre Entsprechung in maschinenartigen synchronen oft langsamen Bewegungen der 17 Tanzenden, von denen manchmal ein oder zwei eine Art Vortänzer:in war:en. Auch wenn der Rhythmus der Musik wie bei Techno üblich das Publikum und auch mich gefangen nahm, blieb das Geschehen auf der Bühne ohne Widerhall in mir. Nur eine Formation, als alle eng gedrängt im Kreis standen und die Arme nach oben streckten, beeindruckt mich. Dem starken Beifall konnte ich mich nicht anschließen.

Insgesamt bot der Abend eine tolle Erfahrung der Möglichkeiten des aktuellen Balletts!

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen.

„Ein spannender und sehr inspirierender Ballettabend“

Stefanie Hüber über die Premiere „One and others“

Die Premiere des Ballettabends mit 3 unterschiedlichen Choreographien umfasste eine grosse Spannbreite dessen, was Ballett heutzutage zu präsentieren und vermitteln vermag

Das 1. Stück namens „Polyphonia“ wurde von einem Pianisten begleitet. Die zehn Klavierstücke des Komponisten György Ligeti sind teilweise sehr dissonant. Es befinden sich dabei zwischen 2 und 8 Tänzern auf der Bühne, die vor allem klassische Ballettfiguren zeigen. Sowohl Bühnenbild als auch Kostüme sind sehr schlicht gehalten und vermitteln Stringenz und Minimalismus. Gut getanzt, jedoch meines Erachtens nicht perfekt. Es war schön anzusehen, hat mich allerdings nicht wirklich berührt.

Das 2. Stück war eine Choreographie von Demis Volpi. So wie alles von ihm bisher gesehene hat es mich sehr beeindruckt. Die dazu abgespielte Musik war ein Kammermusikstück für Streicher und erinnerte teilweise an Filmmusik. Vor allem die Cellosoli berührten mich sehr und unterstrichen die schwermütige Stimmung der Darbietung, welche sich thematisch mit der zunehmenden Suizidrate der Inuits in Kanada auseinandersetzt. Nebst der Musik gab es eingespielte Klopfgeräusche und Kehlkopfgesänge, die den archaischen Charakter unterstrichen und in krassem Widerspruch dazu standen, dass sehr viel auf Spitze getanzt wurde, was für mich wiederum für die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit stand. Vor der Bühne hing ein dünner Gazevorhang, was man auf den 1. Blick nicht sah, und das  Bühnenbild und die Tänzer leicht verschwommen erscheinen ließ. Auch das war eine großartige Lösung ,den vergänglichen, schwindenden Charakter der Atmosphäre zu unterstreichen. Der Tanz war voller Emotion und stand dadurch für mich im krassen Gegensatz zu „Polyphonia“.

Stück Nr. 3 hieß „Salt Womb“. 17 Tänzer bewegten sich meist synchron zu harter maschinenartiger Musik. Manchmal durchbrach einer der Tänzer die Synchronizität durch ein Solo, welches jedoch in der Enge der Menge stattfand, aus beispielsweise zuckenden oder wurmförmigen Bewegungen bestand, und mitnichten den befreienden Charakter hatte, den man häufig mit Soli assoziiert. Das Stück wurde ursprünglich für das „Netherlands Dance Thatre“ geschrieben. Ich habe schon einige Aufführungen diese in Den Haag ansässigen Tanzkompanie besucht und war immer beeindruckt vom deren Können und Kreativität. „Salt Womb“ war meines Erachtens wie gemacht für sie, aber auch das Ballettensemble der Deutschen Oper am Rhein performte großartig und riss fast das komplette Publikum nach dem letzten Schlussklang ekstatisch klatschend aus den Stühlen.

Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Ein Ballettabend für Alt und Jung

Michael Langenberger zur Premiere „One and others“

Nach langer Zeit mal wieder ein Ballettabend gestaltet von drei unterschiedlichen Choreographen. Alleine die Abwechslung in der Saisonplanung der Deutschen Oper am Rhein solcher Ballettabende mit ebenso schönen Handlungsballett-Abenden (wie z.B. “GESCHLOSSENE SPIELE” und “DER NUSSKNACKER”) finde ich vielfältig und reizvoll. 

Dieses Mal standen drei Stücke auf dem Plan, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. „POLYPHONIA“ von Christopher Wheeldon besticht in seiner Gesamtkomposition. Wobei hier ausdrücklich der Begriff Komposition in besonderer Weise zutrifft. Es werden nämlich zehn einzelne Klavierstücke von György Ligeti, die ursprünglich wohl nichts miteinander zu tun hatten, zusammengestellt, wobei die tänzerische Darbietung durch ihre Einfühlsamkeit alles so sehr miteinander verbindet, dass ein äußert harmonisches Klang-/Tanzerlebnis entsteht. Sparsames Bühnenbild und wenige äußerst geschickt eingesetzte Lichteffekte unterstützen die dem Stück eigene Micropolyphonie. Die Musikstücke alleine hätte ich wohl als anstrengend empfunden, doch vertanzt war es einfach stimmig und schön. Ein besonderes Lob gilt hier auch Susanna Kadzhoyan und Eduardo Boetchat am Flügel.
Demis Volpi choreographiert in der dem Abend den Titel gebenden Geschichte „ONE AND OTHERS“ die Musik “The Awakening” von Christos Hatzis, bestehend aus einem Streichquartett und einer zusätzlichen Soundebene aus Geräuschen und zusätzlich dem Kehlkopfgesang von Inuits aus Kanada. Tänzerisch wird uns eine Geschichte mit fünf Paaren erzählt, die sich die ganze Breite und Tiefe der Bühne nutzend, in einer ambivalenten Zugehörigkeit zueinander bewegen. Doch im Mittelpunkt steht Lara Delfino als eine Frau, die zwischen den Männern der anderen Paare im wahrsten Sinne hin und her gerissen, gezogen, geschoben und umgarnt wird, um sich am Ende zu emanzipieren. Wie wir es bei Choreographien von Demis Volpi mittlerweile gewohnt sind, lässt er die Akteure zumeist aufeinander bezogen zueinander bewegen. Die individuellen Gesichtszüge jeder Person lassen sich so wenig identifizieren, dass dadurch wieder die Tänzer als Ganzes und weniger die einzelne Person wirken. Das schlichte Bühnenbild zusammen mit der schummrigen Beleuchtung schaffen darüber hinaus eine Nähe zum Publikum.
Richtig heftig wird es im dritten Stück “SALT WOMB”. Heftig vor allem für die Tänzer, die sich zu dem kurzgetakteten, kräftigen Bass-Rhythmus in ebenso kurzgetakteten, oft stampfenden Dauerbewegungen auf der Bühne in sehr konfrontativer Weise dem Publikum gegenüberstehend bewegen. Ein wenig erinnert es mich an den zeremoniellen Tanz der neuseeländischen Nationalmannschaft im Rugby, die ihrerseits ähnliche Bewegungsformen vor Anpfiff eines jeden Spiels zelebrieren. Nur eben nicht so lange wie die 17 Balletttänzer und vor allem nicht mit so vielen individuellen, solistischen Bewegungsvariationen. Ursprünglich war die Choreographie für 9 Personen angelegt. Hier in Düsseldorf sind es 17 – ein wirkmächtiger “Tanzblock“. Weil die Musik kaum melodiöse Varianten zur Orientierung für die Tänzer ausweist, muss jede kleinste solistische Einlage von Anbeginn exakt mitgezählt werden, um den Einsatz nicht zu verpassen. D.h. aus dem stampfenden Block aller Akteure stechen hier und da mal vorne, mal hinten, mal links, mal rechts oder in der Mitte einzelne Bewegungsmuster hervor. Das Auge sucht immerzu nach der nächsten Aktion.

Nach rund 2o Minuten schweigen die Bässe und der kurzen Stille folgt tosender Beifall des Publikums. Was mich in dieser Heftigkeit dann doch etwas überrascht hat. Denn ich hätte nicht gedacht, dass diese knappe halbe Stunde, die genau so auch auf dem Dancefloor der edelsten Clubs gepasst hätte und bejubelt worden wäre, auch die betagteren Ballettbesucher im wahrsten Sinne des Wortes aus den Stühlen reißt.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

„Eine wunderschöne Einstimmung auf die Weihnachtszeit“

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Der Nussknacker“ in Duisburg

Peter Tschaikowskys „Nussknacker“ ist ein Klassiker zur Weihnachtszeit… die romantische Traumwelt Claras am Heiligabend basiert auf Alexandre Dumas‘ Version der Geschichte „Nussknacker und Mäusekönig“ von E.T.A. Hoffmann und erlebte am 18. Dezember 1892 seine Uraufführung. Am 17. Dezember 2021 durfte Demis Volpis Nussknacker nun in Duisburg Premiere feiern: dabei entführt federführend der Chef der Ballettcompagnie (jedoch in Zusammenarbeit mit drei weiteren jungen Choreographen*innen, die auch einzelne Nummern in Szene gesetzt haben) in die wunderschöne romantisch-zauberhafte Märchengeschichte des Nussknackers.

Gleich zu Beginn wird der Zuschauer durch die Silhouetten hinter einer großen transparenten Flügeltür Zeuge eifriger Vorbereitungen auf den Heiligen Abend im Hintergrund der Bühne, die Clara und ihr Bruder ungeduldig mit Spielen vor dieser Tür im Vordergrund überbrücken. Als endlich die große Wohnzimmertür den Blick freigibt, tritt man ein in die bunte, trubelige und fröhliche Atmosphäre des Weihnachtsabends der Familie und fühlt sich gleich zuhause inmitten der schönen Kulissen, der freudig beschäftigten Familienmitglieder, des riesigen Tannenbaums… Beinahe mit dem Durchblättern eines klassisch und üppig illustrierten Märchenbuchs zu vergleichen ist dann das Eintauchen in die romantische Geschichte: der Patenonkel bringt Clara den Nussknacker als Geschenk mit, das Mädchen ist nachhaltig fasziniert. Es zieht sie nächtlich wieder ins Wohnzimmer zu ihrem Geschenk und sie erlebt gemeinsam mit ihrem seltsamen Gefährten die abenteuerlichen Traumepisoden mit Schneeflocken, Cupcakes, tanzenden Blumen und glitzernden Lichterketten. Diese einzelnen Episoden sind faszinierend umgesetzt von vier jungen Choreographen aus den Reihen der Compagnie und gänzlich passend in das Gesamtwerk eingeflochten.

Aufwendigste Kostüme wie riesenhafte Röcke und vor allem kunstvoller Kopfschmuck der süßen Zuckertörtchen, ebenso der weiß-kristallinen Schneeflocken und der üppigen Blumen, realistisch gestaltete Mäuseköpfe und –Füße u.v.m. geben dem Auge ständig neue beeindruckende Impulse. Es fehlt auch nicht an humorigem Augenzwinkern, wenn z.B. die große Cupcake-„Mutter“ ihre Törtchen mit einem riesenhaften Kochlöffel probiert und ein ängstliches Cupcake-Kind davor zu fliehen versucht. Ein wunderschöner Moment auch, wenn schwarz gekleidete Tänzer auf dunkler Bühne ihre Mützen aus Lichterketten ein- und ausschalten und schöne Bilder mit  überraschenden Lichtspielen entstehen lassen.

Dieser Abend lebt von seinem Facettenreichtum – im Tanz, bei den Kostümen, den Kulissen, dem Licht: abwechslungsreich, variabel,  „traumhaft“ – er entführt ein bisschen in die Welt der Phantasie und ist  eine wunderschöne Einstimmung auf die Weihnachtszeit!

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

„Psychologisches Kammerspiel mit großer Wirkung“

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Ad absurdum“

Ad Absurdum… bis zur Sinnlosigkeit – eigentlich ist es die beste Idee überhaupt, absurdes Theater ins Ballett zu „übersetzen“, bleibt doch die Sprache absurder Theaterstücke als Mittel der Verständigung zweitrangig bzw. gänzlich untergeordnet. Stattdessen werden Orte ohne konkrete Zuordnung und Zeitlosigkeit in Szene gesetzt. Da ist es doch naheliegend, das Ballett als Ausdrucksform zu nutzen und das gelingt in den beiden Balletten, die in Duisburg am 17.11. Premiere feiern konnten, aufs Beste.

Eugène Ionescos „The lesson“ ist in seiner Bildhaftigkeit noch ein bisschen konkreter als die „Kahle Sängerin“: man wird Zeuge einer Ballettstunde eines verschroben-zwielichtigen Ballettlehrers und seiner jungen euphorischen Schülerin, deren tänzerische Überlegenheit und geistige Freiheit ihn zunehmend wütend und übergriffig machen und die er schließlich aus unkontrollierter Triebhaftigkeit erwürgt. Die Pianistin äußert zwar ihr Missfallen an seinem Tun, hilft aber dann bei der Beseitigung der Leiche… In der bedrohlich anmutenden Umgebung eines lichtarmen Ballett-Kellers, dessen vergilbte Oberlichter noch mit Vorhängen verdunkelt werden, wirken diese drei denkbar kontrastreichen Charaktere beinahe manisch in ihrem Verhalten, psychopathisch und in ihrem unkontrollierten Treiben regelrecht beängstigend. Die kranke Atmosphäre gipfelt schließlich in dem Mord an der Tänzerin – diese Entwicklung bis dahin ist großartig getanzt und gleichzeitig in einer fast statischen Dramaturgie packend in Szene gesetzt. Man sieht als Zuschauer die Katastrophe nahen und ist dennoch entsetzt, als es am Ende tatsächlich dazu kommt… Und noch einmal genauso entsetzt über die Folgenlosigkeit der Tat, vor allem da am Schluss die nächste Tanzschülerin bereits vor der Tür auf ihre Ballettstunde wartet… ein kleines psychologisches Kammerspiel mit großer Wirkung.

In einer ebenso unkonkreten und zeitlosen Welt bewegt sich das Ballett „Die kahle Sängerin“, ebenso ein Werk Ionescos „absurder“ Gedankenwelt. Diesmal dient das leblos-langweilige und von Konformität geprägte Eigenheim des Ehepaars Smith als Schauplatz. Mrs. Smith wird über die schleichend wachsende Erkenntnis, in welch spießig-eintöniger Welt sie lebt, immer verrückter und tanzt/bewegt sich mit wahnsinniger Geste… das Leben zieht ohne nähere Wahrnehmung am Ehepaar vorbei, belanglose Besuche von austauschbaren Personen führen Mrs. Smith die Leere in ihrem Leben nochmal deutlicher vor Augen. Was für eine kluge und effektvolle Idee, das Besucher-Ehepaar „Martins“ beliebig zu vervielfachen. Bei aller Mühe, mit karierten Hosen und knallig orangefarbenen Rollkragenpullovern Eindruck zu machen, bleiben sie eben doch völlig „gesichtslos“ und unspezifisch in ihrer Persönlichkeit.    Der  Besuch eines riesenhaften silbrig futuristisch gekleideten Feuerwehrmannes löst dagegen gleich ekstatische Reaktionen bei Mrs. aus… was womöglich entscheidend dazu beiträgt, dass sie  am Ende in beeindruckendem Wahn das beige Papier von den Wänden reißt und das „Leben draußen“, die „Welt außerhalb ihrer vier Wände“ sieht und erstmals wirklich wahrnimmt – und sie zum finalen Zusammenbruch bringt. Diese Geschichte ist so bildgewaltig inszeniert, in ein plakativ langweiliges und gleichzeitig mit pfiffigen und humorvoll eingesetzten Details (Tür, Kronleuchter) ausgestattetes Bühnenbild platziert und von den Tänzern in assoziative passende Kostüme gekleidet so kantig und unkonventionell vertanzt… das ist richtig stark. Dass die Musik mit der Handlung aufs Feinste verschmolzen ist, wird dabei beinahe zur Nebensache, trägt aber auch zu dem vollends stimmigen und fesselnden Eindruck dieses Abends bei. Sehr lohnend: Unbedingt ansehen!


Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Der Nussknacker – ein zauberhafter Ballettabend

Charlotte Kaup über die Premiere „Der Nussknacker“

Mit Vorfreude aber auch leichten Bedenken sah ich der Premiere des Nussknackers entgegen, insbesondere da mein Freund, welcher mich an diesem Abend begleiten sollte, klassische Ballettstücke und Rollenbilder mit besonders kritischem Auge betrachtet. Unsere Erwartungen wurden im positiven Sinne mehr als übertroffen.

Schon von der ersten Minute an war ich begeistert vom voluminösen Klang des endlich wieder voll besetzten Orchesters. Marie Jacquot dirigiert die bekannten Melodien mit viel Schwung und Leichtigkeit und lässt eine magisch vorweihnachtliche Stimmung aufkommen. An diesem Ballettabend passt einfach alles – angefangen vom kreativen Bühnenbild und den opulenten Kostümen bis hin zu der unglaublichen Energie der Tänzerinnen und Tänzer. Volpi haucht seiner Inszenierung eine große Portion Frische ein und bleibt gleichzeitig nah an der klassischen Vorlage. Auch streut er gekonnt Witz und Ironie, er spielt mit den Erwartungen und Rollen des klassischen Balletts. Man erkennt einen sympathischen Humor in vielen kleinen Szenen, der weder klamaukig noch überheblich ist und den feierlichen Charakter des Stückes gekonnt erhält.
In den Hauptrollen überzeugten Emilia Peredo Aguirre als anmutige Clara, Dukin Seo als Drosselmeier und Orazio di Bella als Nussknacker. Alle drei zeigen großartige Technik und viel Strahlkraft. Eventuell wären hier weitere, choreografisch noch anspruchsvollere Soli oder Duette möglich gewesen – in jedem Fall hätte ich gerne noch länger zugesehen.
Ein besonderes Highlight waren außerdem die Divertissements im zweiten Akt, welche von verschiedenen Choreografen gestaltet wurden und das Bewegungsrepertoire mit mehreren modernen Handschriften ergänzten.

Mein Fazit: Selten habe ich die Oper im Rhein so beseelt verlassen. Ich hoffe, dass es einem großen Publikum und insbesondere vielen Kindern ermöglicht wird dieses Stück zu sehen und Zugang zu dieser wunderbaren Kunstform zu finden.

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Bevor die junge Ärztin ihre Stelle in Mönchengladbach antrat, war sie als Ballettlehrerin im Hochschulsport tätig. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires. Durch ihre Teilnahme am Opernscout-Projekt entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für die Oper. Vor allem gefällt ihr als Scout die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Was will man mehr?

Markus Wendel über die Premiere „Der Nussknacker“

Alles beginnt wie eine Weihnachtserinnerung aus Kindertagen. Das Wohnzimmer ist abgeschlossen, durch die milchige Scheibe in der Tür erscheint die Silhouette des Weihnachtsbaums. Dahinter geschäftiges Treiben der Familie. Der Baum wird geschmückt, es wird angestoßen und Geschenke werden platziert.

Es dauert nur wenige Minuten, dann hat mich Demis Volpi’s Inszenierung von „Der Nussknacker“ gepackt. Erinnert an die eigene Kindheit rund um die Feiertage lehne ich mich entspannt zurück.
Es folgen zwei wunderbare Stunden mit vielen Ideen, einer kreativen Ausstattung und – einem seit langer Zeit endlich wieder voll besetzten Orchester. Die Dirigentin Marie Jacquot packt ordentlich zu. Von ruhig bis kraftvoll leitet sie das Orchester durch ein breites Spektrum von Emotionen.
Das Ballett-Ensemble wirkt wie aus einem Guss und zeigt große Spielfreude. Gerade in den lustigen Szenen spürt man dazu eine ganz wunderbare Leichtigkeit.
Einige der Tänze wurden von jungen Choreographinnen und Choreographen verantwortet. Wie ich finde absolut gelungen. Hier werden – nicht nur kostümlich – ganz besondere Ausrufezeichen gesetzt. An die Bilder der Leuchtkugeln, Rosen und Cupcakes werde ich mich wohl noch eine ganze Weile erinnern.
Und da sind wir an einem für mich ganz wesentlichen Punkt: An diesem Abend wird bewusst auf Experimente verzichtet. Eingängigkeit und Wohlfühlen ist angesagt. Zwei Dinge, die ich in den letzten Jahren regelmäßig vermisst habe beim Ballett am Rhein.

Mit einer großen Portion an Ohrwürmern geht es nach ca. 2 ½ Stunden wieder nach Hause. Und ich frage mich: Was will man eigentlich mehr? Mir fällt nichts ein – außer einem riesigen Dankeschön für einen wirklich gelungenen Abend.

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Demis Volpi lässt jetzt sogar die Türen tanzen…

Michael Langenberger über die Premiere „Der Nussknacker“

und die Mäuse, Schneeflocken, Blumen, Lichterkette, Cupcakes, natürlich auch die quirlige Familie – und natürlich die Titelfigur: DER NUSSKNACKER.

Der erste Akt bettet uns in das weihnachtliche Familienfest der Stahlbaums ein. Geschäftiges Treiben von Eltern, Kindern und Verwandten. Das Reale dabei, die körpersprachliche Rolle einer jeden Figur, gewiss etwas klischeehaft tanzend, doch vielleicht gerade deshalb, weil wir uns in verschiedensten Rollen selbst wiedererkennen – für uns als Zuschauer so leicht zugänglich.
Die Kinder tanzen Gummitwist und stillen ihre Neugier – es geht über Stühle und Tische. Die Erwachsenen reagieren mit abgestufter Wichtigkeit und Strenge. Natürlich darf ein Familienfoto nicht fehlen. Alleine die Aufstellungen und Posen dazu… exzeptionell!
Dann die Bescherung. Tochter Clara bekommt den hölzernen Nussknacker geschenkt, der in der Stille der Nacht (als ferngesteuerte Figur) plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Clara, die heimlich aufgestanden in der Nacht, dann plötzlich der menschgewordenen Figur begegnet, beginnt leichtfüßig die tänzerische Annäherung zu dem unbeholfen und sich geradezu hölzern bewegenden Nussknacker.

Schon bis hier hin ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus. Unglaublich viele Details im Bühnenbild, die tänzerische Aufteilung der gesamten Bühne, die z.T. heimeligen Lichteffekte – als Zuschauer ist man im Geschehen regelrecht gefangen. Schon zur Pause gibt es tosenden Applaus und die Sehnsucht darauf, dass es im zweiten Teil so weiter gehen möge.
Doch im zweiten Akt geht es dann erst mal so richtig los! In einem Feuerwerk verschiedener Tänzergruppen – s.g. Divertissements – begleiten Clara dabei, aus dem staksigen Nussknacker einen ebenbürtig anmutig tanzenden Partner zu machen. Jedes Divertissement hält spezifische Überraschungen bereit, wie z.B. die Schneeflocken, die verträumt säuselnd zu Boden gehen oder den Nachtlichtern (nur auf dem Kopf getragene Lichterketten, die die ansonsten ganz schwarz gekleideten Tänzer nahezu unsichtbar halten), die aus dem Nichts heraus erscheinen und wieder verschwinden und dazwischen eine Art Choreografie beleuchteter Köpfe darbieten. Dabei, wie auch mit dem Tanz der Blumen, der ausschließlich die Bewegungswirkung der Gruppe und nicht das herausstellen einzelner Tänzer im Sinne hat, reißen uns die Akteure geradezu ins Entzücken.
Neben den Ideen und der Umsetzung der tänzerisch choreografischen Meisterleistung verdienen sich die Akteure hinter den Kulissen mit einer, wenn man so will choreografischen Meisterleistung eines unglaublich dynamischen Bühnenbildes und der dazugehörigen Lichtkunst ein großes Kompliment. Ob die ferngesteuerten Mäuse oder die mittanzenden Türen – das Bühnenbild spielt dynamisch mit. Subtil – man merkt es anfangs kaum – und gleichzeitig clever lassen die unterschiedlichen Größen der Türen, je mit unterschiedlich hoch angebrachten Türklinken die Tänzer auf der Bühne entsprechend ihrer Rolle als eher groß bzw. klein erscheinen. Die ganze Trickkiste der perspektivischen Bühnenbau-Künste.

Alles wäre nichts, wenn nicht die jetzt wieder vollständig besetzten Düsseldorfer Symphoniker unter der musikalischen Leitung von Marie Jacquot Tschaikowskys Klangwerk so frisch und mit großer Leichtigkeit aufgespielt hätten.
Wen wundert es dann, dass allen Akteuren mit tosendem Beifall, Standing-Ovation und Bravo-Rufen allen Akteuren für diesen großartigen Ballettabend gedankt wurde?

Ich persönlich denke jedes Mal nach einer Premiere seit Demis Volpis Einführung in das Amt des Ballettdirektors und Chefchoreografen: Mehr geht nicht! Doch mit jeder nächsten Premiere werde ich erneut von dem Ideenreichtum, aber auch seinem künstlerischen Mut und Können überrascht, wie er uns Publikum mit seiner Compagnie verzaubert – …setzt Demis Volpi immer noch eins drauf! Aus meiner Sicht schafft er neue Dimensionen des Balletttanzes – oder besser, er zieht alle Register in Sachen Balletttanzstile und verbindet diese. Das macht seine Idee von Tanz und Ballett auch zugänglich für Junge und Jüngste und wegen seiner Vielfalt reizvoll für das tanzerfahrene Publikum. Ich meine: Das ist ein neuer Maßstab für Ballett. So geht Ballett heute!

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Ballett – Der Nussknacker

Karolina Wais über die Premiere „Der Nussknacker“

Ein absolut hörenswertes und sehenswertes Stück, auch für Kinder.

Das Bühnenbild ist riesig: riesige Türen, riesiger Tannenbaum, ein Schattenspiel zu Anfang. Das Alles und das nach so langer Zeit wieder in vollständiger Besetzung spielende Düsseldorfer Symphoniker, nehmen den Zuschauer von Anfang an auf eine fantastische Reise mit.
Die Kostüme sind fabelhaft. Die einzelnen Familienmitglieder sind zum Beispiel durch farbliche Details auch als Mäuse erkennbar. Der beim Tanz wirbelnde Mantel vom Drosselbart unterstreicht seine magische Figur. Es tanzen Schneeflocken, Blumen, die Lichterkette vom Weihnachtsbaum, Muffins und Kuchen in so bezaubernden Kostümen, dass immer wieder ein Staunen im Publikum zu hören ist.
Die Choreographie ist ebenfalls bezaubernd und empfängt zwischen den einzelnen Sequenzen Applaus. Mit welch kindlicher Freude Clara, mit welcher Leichtigkeit und Anmut Claras Mutter und wie holzig der Nussknacker tanzen, ist eindrucksvoll und imponierend. Zudem sind zahlreiche Gags (der Vater trägt zum Beispiel eine Brille) in das Stück eingearbeitet, so dass es ein wunderschöner und leichter Ballettabend für die ganze Familie werden kann.
Dunkin Seo (Drosselbart) und Orazio Di Bella (Nussknacker) haben übrigens eine starke Bühnenpräsenz. Ich erkenne sie nämlich aus anderen Stücken wieder, weil sie scheinbar einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben.

Am Ende bedankt sich das Publikum mit Standing Ovations für diese fantastische Vorstellung und das völlig zu Recht. Vielen Dank

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Ein grandioses Spektakel!

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „Der Nussknacker“

Selten bin ich so beschwingt von einem Ballettabend nach Hause gekommen. Das war ein gelungenes Feuerwerk von Ideen – doch der Reihe nach:

Es beginnt mit der großartigen Interpretation der Musik von Tschaikowsky durch Marie Jacquot mit unseren Symphonikern, nicht schwer-romantisch sondern leicht und freudig klingt es, aber auch mit Verve und Nachdruck da wo es notwendig ist. Auch am zweiten Aufführungsabend, dem ich beiwohnte, gab es Extra-Applaus für die Dirigentin.

Die Choreographie von Demis Volpi mit Beteiligung Jüngerer für einige Szenen war eine Mischung klassischer und „moderner“ Bewegungen. Jede Hauptperson hatte einen eigenen Tanzstil, eine eigene Tanzsprache. Das Märchen wurde als Erwachsenwerdung des Mädchens Clara durch die Beziehung mit dem zu Weihnachten geschenkten Nussknacker interpretiert.
Die steif-puppenartigen Bewegungen des Nussknackers waren perfekt, auch der Übergang zum lebendigen Mann nach Erweckung durch Clara war überzeugend gespielt. Clara tanzte kindlich-naiv, später fraulich-schön. Die Bewegungen des Paten Drosselmeiers visualisierten überzeugend seine übernormalen Fähigkeiten. Claras Bruder Fritz wurde als frecher Lausbub präsentiert, mit toller Spielfreude und Körperbeherrschung. Die Kostüme aller Tanzenden waren stimmig und zum Teil fantasievoll, das Licht hervorragend und die Bühne mit den beweglichen Türen und Zimmerwänden ein überzeugendes Konzept.
Letztlich begeisterte sich das Publikum an einer Vielzahl von Regie- und Choreografie-Einfällen. Dazu gehörten die erste Szene vor dem noch verschlossenen Weihnachtszimmer mit Tanzen über das bei Kindern übliche gespannte Gummiband, getanzte Wangenküsse, die in immer neuen Aufstellungen erfolgten Fotos der Weihnachtsfeierrunde (perfekt auf die Musik abgestimmt), der Übergang vom Blumentanz zur Dekoration des Tisches mit Blumen oder das Einfrieren aller Bewegungen am Frühstückstisch im Schlussbild. Der Fantasie freien Lauf lies die Choreographie bei den verschiedenen Tänzen in der Traumphase (oder pubertären Neuorientierung). Der Tanz der Mäuse hatte unglaubliche Bewegungen. Der Tanz der Schneeflocken war noch etwas konventionell, dann aber Schwarzes Theater auf dunkler Bühne mit sich bewegenden Lichterkugeln (um die Köpfe der dunkel gekleideten Tanzenden), die tanzenden Türen der Kulisse, der Tanz von Cupcakes (passend geformte Röcke, in welche die Tänzerinnen versinken konnten) und dann der erotische Tanz der Blumen, zum Schluss als Blumenbeet mit sich zu Clara neigenden Blumen. Ich war fasziniert und von dem Geschehen auf der Bühne gefangen genommen.

Fazit: Zur Weihnachtszeit nehme ich für einen zweiten Besuch die ganze Familie mit, dann spielt das Ballett in Duisburg.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

„Der Nussknacker“ als Augenschmaus

Helma Kremer über die Pemiere „Der Nussknacker“

Mit Tschaikowsky bin ich aufgewachsen und kenne jede Melodie des Nussknackers, eine Inszenierung dieses Stücks habe ich jedoch noch nie gesehen. Und eigentlich bin ich nun wirklich kein Fan von klassischen Handlungsballetten  und – nicht nur, aber auch deswegen – eine große Anhängerin von Martin Schläpfer. Gespannt bin ich vor allem, weil es für mich die erste Aufführung von Demis Volpi ist. Meine Erwartungen sind also gemischt. Doch sie werden in beinahe jeder Hinsicht übertroffen und ich kann die   jubelnde Begeisterung des Premierenpublikums teilen.

Diese Inszenierung ist perfekt: Sie zerstreut auf das angenehmste, ist verspielt und kurzweilig, ohne jedoch oberflächlich zu wirken. Das ist Storytelling at it’s best! Ich kann mich an keine Aufführung der DOR erinnern, bei der die Zeit so schnell verstrich. Auch die Gewerke – Bühnenbild und Kostüme – harmonisieren bis ins kleinste Detail. Wir erleben klassisches Handlungsballett in einer wunderschönen Kulisse, mit viel Kreativität und einer guten Portion Humor umgesetzt. Dabei kommen auch psychologische Aspekte nicht zu kurz und, insbesondere im ersten Akt, einige Gruseleffekte, die E.T.A Hoffmann ihre Referenz erweisen. Fürs Gruseln zuständig ist  zum einen der Pate Drosselmeier, der schon in seiner Aufmachung eher an einen bösen Zauberer oder einen Dämon als an einen lieben Onkel erinnert. Aber auch die Darstellung der Mäuse als Alter Egos der kompletten Familie, die nach dem augenscheinlich so harmonischen Weihnachtsfest in Claras Welt eindringt und sie bedroht, hinterlassen einen nachdrücklichen Eindruck und beschwören die Schattenseiten herauf, die ein solches Familienfests zwangsläufig mit sich bringt, wenn die familiären Beziehungen in Wahrheit nicht ganz so harmonisch sind. Auch im zweiten Akt werden die schönen Bilder immer wieder durch Eingriffe des Paten Drosselmeier in Claras Entwicklung bzw. in die Entwicklung ihres Verliebtseins gestört. „Übergriffig“ ist das Wort, das mir hierzu einfällt. Dennoch überwiegt in diesem zweiten Akt der Eindruck von Leichtigkeit. Höhepunkte sind für mich der Blumenwalzer als Tanz der Rosenblüten sowie der Tanz der Cupcakes. In ihren schönen Bildern erinnert mich die Inszenierung, ganz besonders die Cupcake-Szene, an Sophia Coppolas Film „Marie Antoinette“, und hier vor allem an die „I want candy“-Szene. (Der Film gewann den Oscar für das beste Kostümdesign.)

Ich bin schon gespannt auf die nächste Inszenierung von Demis Volpi, denn die anderen Opern- und Ballettscouts versichern mir „Er kann auch anders“.

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt Düsseldorf.

Feuerwerk der fantasievollen Ideen

Dr. Sassa von Roehl über die Premiere „Der Nussknacker“

Mit dem „Nussknacker“ verband ich klassisches Ballett, wie ich es schon in meiner Kindheit kennengelernt hatte. Ich war natürlich gespannt, was Demis Volpi aus diesem Stoff machen würde.

Meine Erwartungen wurden weit übertroffen!
Die Premiere am Samstag entführte mich in eine ideensprühende Zauberwelt, in der ich vor lauter Begeisterung Zeit und Raum um mich herum vergaß, Zu Tschaikovskys vertrauten Melodien entfaltete sich ein bunter Bilderbogen mit vielfältigen Tanzdarbietungen, mit beeindruckenden Kostümen und einem märchenhaften Bühnenbild. Besonders gut gefielen mir die Divertissements, wie der Tanz der Mäuse, der Cupcakes, der Blumen, der Lichterketten und auch die Fotosession der Familie. Es ergaben sich immer wieder überraschende Konstellationen, wie ich sie auch als eifrige Ballettbesucherin noch nie gesehen habe.
Demis Volpi ist es mit der Einbeziehung junger Choreographen gelungen, einen frischen und nicht allzu ernsten Blick auf die Geschichte des Erwachsenwerdens von Clara zu werfen. Trotzdem bleibt genug Seriosität, um Claras Aufbegehren gegen die Mutter und ihre beginnenden Liebesgefühle für einen Mann in Gestalt des Nussknackers gut nachvollziehen zu können.

Ich werde die Aufführung noch einmal besuchen, um noch mehr Details zu entdecken. Das kam bei einem Ballett noch nie vor!

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“.  Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Ballett, wo richtig was los ist

Michael Langenberger über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Schauspiel ,was in einem urigen, etwas abgeranzten, argentinischen Lokal spielt. Der Klavierspieler gehört genauso dazu wie ein Postschalter. Jeder Gast und Servicemitarbeiter ist mit sich und seinen individuellen Problemen beschäftigt. Doch anstatt dass sich das Schauspiel mit Worten an sein Publikum wendet, kommuniziert jeder Darsteller durch sein ureigenes Köperbewegungs-Vokabular mit dem Publikum. Der Rolle jeder Person entsprechend, scheint die Charakteristik deren individuellen Bewegung völlig logisch und klar. Eben so, als würde man in weiter Ferne einen guten Bekannten alleine an seiner Bewegung erkennen. 
Bewegen sich viele gleichzeitig, ergibt das ein Stimmengewirr, wie wir es eben selber auch aus Lokalen kennen – hier nur eben tänzerisch. Jeder bleibt bei sich und seinen Bewegungsmustern. Die Tanzstile passen, wenn man so will, (absichtlich) überhaupt nicht zusammen und sind gleichzeitig gewissermaßen stereotyp der Rolle – Gewirr eben. Um also überall mal “reinzuhören” muss ich mich auf einzelne Tänzer konzentrieren und bemerke aus dem Augenwinkel, dass ich möglicherweise an anderer Stelle etwas Anderes verpasse. Ein einziges Wimmelbild. Überall ist richtig etwas los.

Der thematisch rote Faden dreht sich um die Fragwürdigkeit eines Todesurteils des Richters, der eben auch zu Gast ist. Über das Radio an dem Postschalter wird die Gesellschaft auf dem Laufenden gehalten. So gerät der Richter mehr und mehr unter Druck all der anderen Gäste. Die Nachricht über die erfolgte Exekution löst bei den anderen Gästen ihre eigene Bewegungs-Individualität auf und synchronisiert sich in einer gemeinsamen Attacke auf den Richter. 
Entsprechend einem “Geschlossenen Spiel” beim Schach, bei dem die Verteidigungslinien (das eigene Tanz-Vokabular) so lange wie möglich aufrecht erhalten werden, zieht der ganz in weiß gekleidete Schachspieler, als würde er das Treiben von außen betrachten, subtil die Fäden; leitet andere Bewegungssequenzen ein.
Das äußerst unterhaltsame Treiben wird, je näher das Stück ans Ende rückt, immer politischer. Befasst uns mit der politischen Verlogenheit in der Zeit der Militärdiktatur Argentiniens unter J. R. Videla. Dieser konkrete Zusammenhang ergibt sich aus der Schauspielvorlage des argentinischen Schauspiels von Julio Cortázar. Doch wer will, kann durchaus seine Fragen zu unserer heutigen Gesellschaft und dem individuellen Handeln in unserer Zeit daraus ableiten.
Und eben alles getanzt. Bis auf das Radio – kein einziges Wort. Hochpolitisch und unterhaltsam gleichzeitig. Alles “nur” Körpersprache und dennoch verstehen wir alles, egal welchen (körpersprachlichen) Dialekt. 

Demis Volpi versteht es offenbar, unser Inneres zu ergreifen – uns zu befähigen, wortlos komplexe Zusammenhänge zu erfassen und zu verstehen. So könnte sich Handlungsballett, die oft an Märchen o.ä. anlehnt sind, als eine ganz neue, eigene Kunstform zur Auseinandersetzungen mit dem realen Leben und der Vielschichtigkeit der Gesichtspunkte entwickeln – unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht u.v.a.m. Es scheint mir eine ganz besondere Fähigkeit von Amis Volpi zu sein, auf diese Spielweise Ballett gerade auch für neue und vor allem jüngere Altersgruppen zugänglich zu machen. Dazu passte dann auch, dass der begeisterte Schlussapplaus jedem Tänzer gleichermaßen galt. Es gab nicht die/den Primus inter Pares – alle sind wichtig.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Geschlossene Spiele – Nicht entspannt, aber beeindruckend

Dr. Sassa von Roehl über die Premiere „Geschlossene Spiele“

In meinem Opernscout-Notizbüchlein fand sich noch die Karte einer Aufführung von Februar 2020. Über eineinhalb Jahre dauerte die erzwungene Corona-Pause. Umso mehr freute ich mich auf den lang ersehnten Start ins Kulturgeschehen mit der Uraufführung von „Geschlossene Spiele“ – für mich die erste Arbeit des neuen Ballettdirektors und Chefchoreographs Demis Volpi. Ein Handlungsballett nach einem Schauspiel von Julio Cortazàr, bei dem die unterschiedlichen Rollen nicht gesprochen, sondern getanzt werden.

Gezeigt wird das Aufeinandertreffen völlig unterschiedlicher Menschen in einem argentinischen Restaurant während der Militärdiktatur. Ein Mann, ganz in weiß, spielt unbeteiligt mit der Salz- und Pfeffermühle auf seinem Tisch Schach. Von ihm scheinen die anderen Personen im Raum auf magische Weise abhängig zu sein. Wenn er in die Hände klatscht, halten die Tänzer inne. Ist er die Verkörperung einer höheren Instanz?
Es erscheinen zwei Kellner, ein hungriger Gast und eine amerikanische Touristin. Ein kopfloses Huhn, das verspeist werden soll, versucht zu entkommen, schafft es aber nicht und muss sich in sein grausames Schicksal fügen. Eine Andeutung auf das bald im Stück thematisierte Thema der Verurteilung zum Tode. Ein Gefühl der Beklommenheit macht sich bei mir breit. Ein weiterer Herr tritt auf. Er will mehr Koffer, als er tragen kann an einem im Lokal befindlichen Schalter mit Gepäckband einzuchecken, scheitert jedoch an irgendwelchen bürokratischen Hürden, des Angestellten hinter dem Tresen.
Ein Richter mit scharf geschnittenem Gesicht und zackigen Bewegungen kommt auf die Bühne. Er erinnert mich sofort an die todbringenden Richter der Nazidiktatur. Er trägt das Symbol der Justiz mit sich, eine Waage, benutzt sie allerdings nicht, um Recht zu sprechen, sondern um die Möhren seiner Diät abzuwiegen. Auch damit zeigt sich immer mehr das Absurde und Surreale der Situation.
Eine alte Dame in Grün betritt den Raum. Sie schleicht in langsamen Bewegungen umher. Ganz anders als zwei junge, optimistische Revolutionäre, die ein Feuerwerk an Hip-Hop zeigen. Mit der Meldung im Radio, dass ein Mensch zum Tode verurteilt wurde, bricht das Grauen in die Szene ein. Man begreift, dass der Richter in direktem Zusammenhang mit dem Urteil steht. Eine junge Frau kommt ins Lokal. Man hofft, dass sie ein wenig Leichtigkeit bringt. Das tut sie, indem sie dem sich kasteienden Richter mit einem Eisbecher in Versuchung führt. Man sieht, wie er mit sich ringt, seine Diät einzuhalten. 

Alle Akteure tanzen in ganz unterschiedlicher Art und Weise. Niemand scheint den anderen zu verstehen, jeder hat seine eigene Ausdruckssprache, lebt in seiner eignen Blase. Als jedoch der Verurteilte an seinem Galgen aus der Küchendurchreiche hängt, erkennen die Protagonisten auf der Bühne die Tragik des Geschehens und verbünden sich gegen den Richter. Sie klagen ihn für sein hartes Urteil an und bringen ihn zu Fall.

In „Geschlossene Spiele“ genieße und bewundere ich enormes tänzerisches Können. Ich erlebe einen- wenn auch nicht entspannten, so doch aufregend neuen und ungewohnten Ballettabend.

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“.  Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Wieder Ballett! Demis Volpi präsentiert ein Handlungsballett

Hubert Kolb über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Nach der Beschränkung unseres Lebens auf einen engen Kreis erleben wir wieder Fast-Normalität in Sachen Kultur – ein großartiges Gefühl!
Bisher kannte ich kein „Handlungsballett“. Ich nahm eine Kunstform war, bei der in fast pantomimischer Tanzweise das gesprochene Wort einer Handlung in Körperbewegung ausgedrückt wird. Da die Fixierung durch den Text fehlt, ergibt sich eine viel breitere und individuell unterschiedliche Wahrnehmung.
Es war ein spannender Abend, auch wenn die oft überwältigende Wirkung eines auf Emotionen und abstrakte Vorstellungen zielenden Balletts fehlte. Das glich Demis Volpi mit seinem Team in eindrucksvoller Weise durch eine Vielschichtigkeit des Geschehens in einem alt-ehrwürdigen aber einfachen Restaurant (tolles Bühnenbild, gutes Licht!) und durch eine kaum komplett wahrnehmbare Zahl von Regieeinfällen aus.
Die Charakterunterschiede zwischen den einzelnen Restaurantbesuchern (Buenos Aires in Zeiten eines totalitären Regimes) wurden perfekt in individuelle Körper- bzw. Tanzbewegungen übersetzt. Die Überzeichnung war komödiantenhaft wie bei den argentinischen Kellnern, mit spiritueller Note wie bei dem Schachspieler und Personenlenker, oder beklemmend bei dem ein Todesurteil zu verantwortenden Richter. Ebenso dienten die Kostüme sowie unterschiedliche Musikstücke oder auch Stille zur Zeichnung der Charaktere.
Die dazugehörigen Körper- bzw. Tanzbewegungen bedienten sich des vollen Spektrums vom klassischen Ballett über originelle „moderne“ Tanzformen bis zu unmenschlich abgehackten Gesten beim Richter. Sein erster Solo-„Tanz“ in kompletter Stille war beklemmend. Eine großartige Leistung des Choreographen.
Die vielen kleinen Regieeinfälle waren wegen der parallelen Handlungen im Restaurantsaal gar nicht vollständig zu würdigen. Besonders gefiel mir, dass der wilde Tanz der jungen „Revoluzzer“ in den Tanz eines Clowns (?) überging, dass der hochfliegende Rock der zur Ballerina umgekleideten amerikanischen Touristin so sehr den hochfliegenden Rockschößen des komplett weißen Schachspielers glich, und dass Sisyphos in Gestalt eines immer vergeblich Koffer-aufgebenden Mannes eine weitere Wahrheit auf die Bühne brachte.

Fazit: Danke, dass ein Stück Kultur wieder Normalität wurde! Die Vielschichtigkeit und der Detailreichtum dieses Handlungsballetts fordert die Zuschauenden heraus und dürfte zu individuell unterschiedlich wahrgenommenen Bildern führen.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

Von der Nähe in der Ferne

Charlotte Kaup über die Premiere „Far and near are all around“

Unter herausfordernden Bedingungen gelingt es der Oper am Rhein eine Bühne zu schaffen für eine Ausdrucksform, welche in der menschlichen Kultur verwurzelt ist, es schafft Grenzen zu überwinden,  die schafft auszudrücken wofür es keine Worte gibt – einen Raum für Tanz.

Juanjo Arqués eröffnet den Abend mit einer hoffnungsvollen Arbeit zum Thema Einsamkeit und Vereinzelung.

Ein klares Bühnenbild mit beeindruckender Tiefenwirkung lässt immer neue Räume entstehen und schafft in Kombination mit minimalistischer Streichmusik eine harmonische, unaufdringliche Atmosphäre.

Davor strahlen die Tänzer mit bunten Kostümen und geschmeidigen, organischen Bewegungen, die jeden einzelnen besonders hervorheben und gleichzeitig trotz Distanz in Gemeinschaft leuchten. Für mich ein wunderschönes, bewegendes und perfekt ausgewogenes Stück mit überraschend positiver, nahezu träumerischer Strahlkraft.

Das folgende Stück von Demis Volpi setzt einen starken Kontrast. Das Bühnenbild ist gewaltig, ebenfalls sehr ästhetisch, jedoch schafft es einen geschlossenen, düsteren Raum – beinahe eine Art Käfig. Passend hierzu tragen die Tänzer einheitliche, schwere Kostüme.

Musik und Tanz verschmelzen zu einer abgestimmten Einheit aus Geometrie und Repetition, die im Verlauf eine nahezu hypnotische Wirkung ausüben. Auch wenn hier zwischen den Tänzern keine Berührung stattfindet, so entsteht doch ein starker Eindruck von Gemeinschaft und lauter Stimmgewalt die den begrenzten Raum zu durchbrechen scheinen. Klassischer Tanz frisch, clever und drastisch.

Mit diesen zwei sehr unterschiedlichen Stücken bietet „Far and near are all around“ spannende Sicht- und Verarbeitungsweisen der aktuellen Situation, ohne sich jedoch davon dominieren zu lassen, denn im Mittelpunkt steht eine große, mutige Leidenschaft für Bewegung. Vielen Dank!

Charlotte_Kaup

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Vor kurzem hat die junge Ärztin eine Stelle in Mönchen Gladbach angetreten. Vorher arbeitete sie einige Jahre als Ballettlehrerin beim Hochschulsport. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und ist sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires.
Bezüglich der Oper ist sie ein Neuling, möchte dies aber gerne ändern und freut sich deshalb auf eine weitere Zeit als Scout und die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Faszinierende Details

Karolina Wais über die Premiere „Far and near are all around“

Das Opernhaus fasst laut hauseigener Internetseite 1.296 Zuschauer. Laut den Hygienemaßnahmen durften 460 Zuschauer in den Genuss einer Vorstellung kommen. Die Ballettpremiere am 15. Oktober 2020 ist ausverkauft, als die Verantwortlichen einen Tag vor der Vorstellung die weitere Auflage bekommen, dass bloß 250 Personen den Zuschauersaal betreten dürfen. Das ist eine Auslastung von bloß 20%. Nur 250 Personen dürfen sich Vorstellungen ansehen! Das ist ein so geringer Teil unserer Stadtbevölkerung und geht meiner Meinung nach in die falsche Richtung.

Umso mehr freut es mich, dass ich zu dem kleinen Teil der Bevölkerung gehören und Platz im Publikumssaal nehmen darf und das aus dem einfachen Grund, weil sich die Künstler und Mitarbeiter dazu entscheiden eine Vorstellung zwei Mal am gleichen Abend vorzuführen. Mein größter Dank an jeden Einzelnen der Beteiligten für deren Spontanität, Engagement und Leidenschaft. Sie tragen alle dazu bei, dass Kultur stattfinden kann, denn Kultur ist wichtig!

Das erste Stück SPECTRUM vom JUANJO ARQUÉS begeistert mich von der ersten Minute an. Das Bühnenbild ist minimalistisch, Rashaen Arts steht vor einer weißen Wand und tanzt in seiner Einsamkeit. Die bewegliche Wand wird von hinten beleuchtet. Nach einer Zeit taucht der Schatten einer Tänzerin auf, der sich mit Arts Tanz synchronisiert. Die Wände gehen hoch, die beiden treffen sich, kommen sich aber nicht zu nah. Es treffen andere TänzerInnen auf der Bühne ein, sie sind in farbige Kostüme gehüllt, gemeinsam ergeben sie das Spektrum eines Regenbogens, und jeder tanzt eine andere Art der Einsamkeit – die romantische, wütende, verzweifelte. Den Höhepunkt erlebt der Zuschauer, als ein Paar gemeinsam tanzt, denn sie berühren sich. Es hinterlässt in mir die Hoffnung, dass die Berührung langfristig nicht aus unserer Gesellschaft und Kultur weichen wird. Arqués widmet sich nach der „Suche nach Gemeinschaft in der Einsamkeit“. Das Stück ist eine der schönsten Suchen und bisher die schönste Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen, die ich gesehen habe. Das Streichquartett begleitet diese wundervoll und sorgt zusätzlich für eine großartige Pause zwischen den Stücken.

A SIMPLE PIECE von DEMIS VOLPI
Acht TänzerInnen stehen auf der Bühne, ihre Kostüme und die Musik von Carolina Shaw irritieren mich anfangs. Die Protagonisten haben leichte Blusen und durch ihren Stoff schwerwirkende Pluderhosen an. Ich stelle die Bewegungsfreiheit, die beim Tanz so wichtig ist, kurz in Frage. Das Musikstück ist ein achtstimmiges A-Capella-Werk.

Schnell merke ich aber wie die Bewegungen der Tänzer, durch die Kostüme unterstrichen gemeinsam mit dem Musikstück eine Gesamtheit bilden. Die Pluderhosen haben übergroßen Taschen aus denen bei jeder Bewegung rote Schnipsel, vielleicht Konfetti herausfallen.

Wie eine freudvolle Feier von großer Leichtigkeit, die uns in diesen Tagen derart abhandengekommen ist. Die Formation tanzt scheinbar die gleiche Choreografie, nach genauem Hinsehen fällt mir aber jeweils eine Person auf, die etwas anders macht. Jeder bekommt somit eine Einzelperformance in der Gesamtheit des Werks. Dadurch, dass die Geschlechterunterschiede durch die Kostüme wieder aufgehoben sind, wird die Gesamtheit der Formation noch mehr unterstützt. Ich kann mich richtig in die Bewegungen und in die Musik vertiefen, entdecke immer mehr faszinierende Details und finde das Stück schlicht und einfach raffiniert.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

Verloren in Zeit und Raum

Michael Langenberger über die Premiere „Far and near are all around“

So emotional angefasst habe ich den Generalintendanten der Düsseldorfer Oper, Prof. Christoph Meyer bislang noch nicht erlebt, als er sich vor den Zuschauern bei all seinen Mitarbeitern dafür bedankte, dass es innerhalb eines Tages möglich war, die für den Tag geplante Premiere zu einer Doppel-Premiere zu machen. Neueste Corona-Vorgaben bedeuteten die Anzahl der Plätze von 450 auf 250 zu reduzieren. Der neue Chefchoreograf Demis Volpi schlug dann vor, worauf sich innerhalb kurzer Zeit alle Aktiven des Abends einließen: „…dann lasst uns doch zwei Vorstellungen hintereinander machen…“ Vielen Dank für diesen Einsatz und gelebten Optimismus, den Virus nicht über die Kunst siegen zu lassen!

Was dann folgte, war das getanzte Statement, mit dem Virus leben zu müssen, sich jedoch nicht geschlagen zu geben. Im ersten Stück des Abends „SPECTRUM“ des spanischen Choreografen Juanjo Arqués geht es genau um die innere Zerrissenheit, sich dem anderen nicht nähern zu dürfen und besiegt am Ende in einem Pas de deux mit Feline van Dijken und Eric White den unsichtbaren Antagonisten; coronakonform, weil beide in einem Haushalt leben.

Tänzerisch herausfordernd, sich aus unterschiedlichen Bewegungen kommend zu synchronisieren. Mal mit dem Schatten der hinter einer milchigen Wand tanzenden Partnerin sich so zu synchronisieren, als wäre das Abbild auf der Mattscheibe der eigene Schatten. Mal mit spiegelsynchronen Bewegungen, die längst im inneren rhythmisch verbinden, was im Außen nicht sein darf. Wie befriedend dann das Ende mit dem eng umschlungenen Paar.

Juanjo Arqués reicht ein spartanisches, nahezu farbloses Bühnenbild mit wenigen prägnanten Lichteffekten und setzt so die im leichten, luftigen und knallbunten Dress tanzenden Akteure perfekt in Szene.

Besondere Erwähnung verdient auch das Streichquartett mit Franziska Früh, Marina Peláez Romero, Ralf Buchkremer und Nikolaus Trieb, was mit Musik von Marc Mellits „Spectrum“ live begleitet. Denn wie immer in diesen Zeiten, wo zwischen den tänzerischen Darbietungen der streng voneinander getrennten Tänzergruppen die Bühne hinter geschlossenem Vorhang gereinigt werden muss, unterhält uns Besucher das Streichquartett zwischen den beiden Tanzdarbietungen des Abends mit „Ritornello“ von Caroline Shaw. Es ist ein sehr kurzweiliges, recht witziges und vielseitiges Stück. Eigentlich stehen Streichquartette auf meiner Beliebtheitsskala nicht ganz oben auf der Liste. Doch was die Vier da an Tonfolgen und vor allem an unterschiedlichen Klangbildern aus ihren jeweiligen Streichinstrumenten holen, ist wirklich beeindruckend. Entsprechend ist dann auch ihr Applaus – bravo!

Mit „A SIMPEL PIECE“ erleben wir die zweite Uraufführung des Abends. Als Musik hat sich Demis Volpi die mit dem Pulitzer Prize of Musik geadelte Komposition „Partita for 8 Voices“ der Komponistin Caroline ausgesucht. Die A-cappella-Stimmgewalt bewegt gewissermaßen die Körper der Tänzer*innen. Mal sind es die aus dem Nichts anschwellenden, oft polyphonen Lautmalereien, die sich in nur minimalen Bewegungen ausdrücken; vielleicht nur den Oberkörper bewegen oder die Finger. Dann aber auch ausladende Bewegungen zu kraftvollen Passagen der viersätzigen Partita. Auch hier hilft das eher karge und raffiniert ausgeleuchtete Bühnenbild die Tänzer und ihr Können zu unterstützen. Der Knaller allerdings sind die Kostüme, deren Hosen ein wenig an die Kluft von Kendo-Kämpfern erinnert. In ihren dunklen, weit geschnittenen Hosen mit hohem Bund aus offenbar sehr festem Stoff wirken die Tänzer*innen geradezu geerdet. Die Oberteile aus zartem, weißen Stoff lassen den Akteuren Raum für Bewegungen, die gleichzeitig leicht erscheinen. Bei „A SIMPLE PIECE“ geht es nicht allein um Tanz, sondern einen Schmelztiegel aus Klanglauten und Tanztheater; eins fließt in andere – beides zusammen wird eins.

Wen wundert es da, dass die nur 250 Zuschauer applaudierten, als wäre es ein voll besetztes Haus – aus stürmischer Begeisterung für den Ballettabend und in Auflehnung gegen den Virus, der in der Zeit der Vorstellung jegliche Macht verlor.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

„Ne me quitte pas“

Isabel Fedrizzi über die Premiere „A First Date“

Mit den drei Ballettabenden A First Date stellt sich Demis Volpi als neuer Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein vor – er zeigt einen spannungsvollen und vielfältigen Querschnitt seiner älteren und neuen Choreographien. Weil zwei Drittel der Ballettcompagnie neue Tänzer aus aller Welt sind, ist das Thema „First Date“, „erste Begegnung“ und „Kennenlernen“ in mehrerer Hinsicht perspektivisch gut ausgewählt: die Tänzer lernen sich in der ersten gemeinsamen Spielzeit untereinander kennen, das Publikum lernt die Tänzer kennen und auch für die Tänzer ist es die erste Begegnung mit dem neuen Ballettdirektor und dem Publikum.

Die Tatsache, dass die Compagnie coronabedingt in drei Gruppen aufgeteilt wurde, in denen geprobt und auf der Bühne getanzt werden musste, macht Demis Volpi die Gestaltung seines Debüts nicht eben einfach: doch er hat mit kurzen und klein besetzten Balletten mit 1 bis max. 6 Tänzern sehr abwechslungsreiche Abende geschaffen. In der Mitte jedes Abends werden Videosequenzen mit kleinen Interviews der jeweiligen Tänzer gezeigt, Probenaufnahmen und Tanzszenen aus den ersten Tagen ihrer Begegnungen und noch jungen Zusammenarbeit – Filmisch schön komponiert von der amerikanischen Filmemacherin Daisy Long.

Der erste Ballettabend präsentiert das Thema „first date“ mal mit ernst-seriösem Blick (Chaconne, Private Light), mal exzentrisch (Allure) und mal augenzwinkernd überzogen (de la Mancha). Das innige Ballett Chaconne bildet zu Bachs live von der Solo-Violine vorgetragenen 2. Partita einen „klassischen“ und sehr gelungenen Auftakt. Der Ausschnitt aus Volpis Ballett Private Light zu Solo-Gitarrenmusik knüpft in seinem „kammerspielartigen“ Charakter daran an. Den Höhepunkt in der Mitte des Abends bildet das Solo Allure, mit dem Simone Messmer als neues Ensemblemitglied  ihr ausdrucksstarkes und beeindruckendes Debüt gibt. Volpis Uraufführung von de la Mancha, eines Parodie des Balletts Don Quixote gerät mir trotz der Ironie zu überzogen und albern.

Der zweite Abend war für mich insgesamt der Höhepunkt: Mit einem „Aufwärmtraining an der Stange“ (Whatever happened to class?) beginnt er eher etwas harmlos, zeigt aber dann mit Awáa von Aszure Barton und vor allem Demis Volpis Look for the silver linings zwei sehr schöne, kreative, moderne und berührende Stücke. Kraftvoll in Musik und Bewegung ist Awáa – fließend, fast erotisch und emotional bewegend die Uraufführung der „silver linings“ zu Musik von Chet Baker. Im „getanzten Traum“ von Le spectre de la rose hat das Duo Tanz  auf hohem Niveau gezeigt, doch waren Musik und Tanz so ganz gegenläufig, was anderswo als Gegensatz funktioniert hätte, aber  inmitten des sonst so dick aufgetragenen romantischen Klischees aus Webers Musik, Rosen-Kostüm und Fensterkulisse hier nicht passen wollte.

Der dritte Abend war in seiner reduzierten Anlage der modernste und für Auge und Ohr herausfordernste der drei. Man muss sich einlassen auf einen Abend, der mit 20-minütigen Trommelklängen und kantigen Bewegungen beginnt und sich musikalisch mit harmonisch anstrengenden Streichquartetten von P. Vasks und H. Gorecki fortsetzt… Ein Bewegungselement, das immer wiederkehrt und in dieser Intensität wie hier etwas gewöhnungsbedürftig ist, ist das Tanzen mit dem Rücken zum Publikum. Oft fügt es sich als Stilmittel ein, passt zum Ablauf; wird es lang oder zu viel angewendet, fühlt man sich als Zuschauer manchmal vom Geschehen ausgeschlossen.

Das Highlight des Abends ist Volpis Duett Chalkboard Memories, das Niklas Jendrics und Edvin Somai gefühlvoll, expressiv und wunderbar homogen auf die Bühne bringen. Ein Stück, das einen sofort gefangen nimmt und lange nicht loslässt: sehr beeindruckend.

In Coronazeiten wird vieles durch Abstandsregeln diktiert: wenig Nähe auf der Bühne, gemeinsames Tanzen nur in Bildern und mit Distanz, kleine Besetzungen, die die (Aus)Wahl der Stücke begrenzen – das prägt den Ablauf, den optischen Eindruck und letztlich auch die Stimmung, die diese Abende hinterlassen. Man wünscht sich  auf längere Sicht für alle Beteiligten wieder ein Ballettgeschehen ohne Einschränkungen.

Obwohl das Format – 70minütige Abende mit mehreren kurzen und kontrastreichen Balletten insgesamt vom Publikum sehr gut aufgenommen wurde… Wer weiß, welche Konzepte sich daraus noch entwickeln.

Ein guter und hintergründig klug gewählter Abschluss am Ende des dritten „First date“ ist das Duett „Ne me quitte pas“ von Nina Simone: Mit der Hoffnung „Verlass mich nicht“ wird man als Zuschauer aus diesem umfassenden und bleibenden Abend entlassen…

Duisburg, Opernscouts

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Exzellent getanzt

Dagmar Ohlwein über die Premiere „A First Date“

Die drei episodischen Premieren-Abende unter dem Motto „First Date“ unter der Regie des neuen Direktors des Ballett am Rhein, Demis Volpi, haben mich restlos begeistert.
Sehr gelungen und klug empfand ich das Konzept, die neu aufgestellte Compagnie und die zu erwartende Ausrichtung des neuen Ballettchefs und seines Teams unter Hinzunahme anderer Choreografen in vielen einzelnen Stücken vorzustellen. Die Vielfältigkeit der neu engagierten TänzerInnen, als auch der bereits unter Martin Schläpfer arbeitenden Protagonisten, erhielt so eine großartige Bühne, die meiner Meinung nach, auf weitere hervorragende Ballettabende hoffen lässt.

„Chaconne“ von José Limon, uraufgeführt 1942 in New York war das erste Stück des ersten Abends, großartig begleitet von der Solo-Violine, gespielt von Egor Grechishnikov. Zwei Ausschnitte aus „Private Light“ von Demis Volpi, wurden mit der Suite espanola,op 47 vom Gitarristen, Peter Graneis, dargebracht und von den TänzerInnen sehr harmonisch vertanzt.
Alexander Ivanov am Klavier begleitete bei der zweiten Episode die Uraufführung „Whatever happened to class“. Exzellent getanzt von Paula Alves, So-Yoen Kim-von der Beck, Neshama Nashman, Orazio di Bella, Evan L`Hirondelle.
Episode 3 verstand es, das Premierenstück rund werden zu lassen. Begonnen hatte es mit der ersten Begegnung, den Gefühlen des sich Gefallens oder Nichtgefallens, der Leidenschaft, dem unzertrennlich sein für eine bestimmte Zeit und am Ende steht die Trennung. Mit einem Ausschnitt aus „Love Song“, Junge Choreografen des Wiener Staatsballetts, vertanzten Feline van Dijken und Eric White die Musik von Jacques Brel
„Ne me quitte pas“ in sehr guter Ausführung. Alle Künstler verstanden es an allen drei Abenden mich in den Bann zu ziehen.

Die Reduzierung auf das Wesentliche, ohne Hinzunahme aufwändiger Kostüme, Musikbegleitung und Bühnenbilder, bot den TänzerInnen die Möglichkeit, die hohe Kunst ihrer künstlerischen Ausdrucksformen vorzustellen. Sehr gut gefielen mir die filmischen Dokumentionen von Daisy Long in jeder Episode. Passend zum Titel „First Date“ wurde das erste Zusammentreffen der neuen Compagnie mit Ihrem Ballettdirektor gezeigt. Die persönlichen Statements der Gedanken und Gefühle der TänzerInnen waren sehr bewegend für mich. „Was ist wichtig für eine gute Ballettgemeinschaft?“ „Der Zusammenhalt, das Bestreben, alles zu geben, an dem Perfekten zu arbeiten, offen zu sein für die eigene tänzerische Entwicklung“ waren die Aussagen, die authentisch und leidenschaftlich herüberkamen. Die neue Compagnie, so war mein Eindruck, entsteht und will etwas Besonderes schaffen.

Demis Volpi hat die erste Annäherung an seine TänzerInnen und auch an das Publikum hervorragend gemeistert. „Was gibt es noch außerhalb des hohen Niveaus der tänzerischen Technik?“
„Wie kann jedem Tänzer sein eigener Ausdruck gelassen werden und trotzdem die Compagnie zu einem Ganzen werden?“
Diese Fragen und Überlegungen des neuen Ballettdirektors geben mir Anlass, mich auf eine weitere großartige Ballett-Ära an der Rheinoper zu freuen.

Dagmar_Ohlwein

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin im Ruhestand nimmt sich Zeit für Kultur. Als Jugendliche lebte sie „direkt um die Ecke“ des Theaters Duisburg und hatte so schon immer viel Kontakt zur Kunst. Sie ist sehr gespannt auf das zweite Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2020/21.

Welcome Demis Volpi

Sandra Christmann über die Premiere „A First Date“

So fühlt sich sein Debüt an: der Beginn einer neuen Ära.

Drei Episoden.
Neugierig, erfrischend, modern, und dieses FIRST DATE mit dem neuen Ensemble und  Demis Volpi ist definitiv aufregend und wie bei einem ersten Date, wenn es gut gelaufen ist: man will mehr.

Unterschiedlicher können die drei Episoden nicht sein, sie zeigen das wahnsinnig große und kreative Spektrum eines bunten homogenen Ensembles und den freien Geist von Demis Volpi, der facettenreich, weltoffen und tief, uns, aber auch die Tänzer*innen in eine neue Welt holt.
Überraschend! Ich bin definitiv an weiteren Dates interessiert.

Besonders gut hat mir gefallen, dass in der ersten und zweiten Episode die einzelnen Choreografien überwiegend mit einer/m Musiker/in begleitet werden (Geige, Gitarre, Klavier).

Und bevor ich auf die großartige choreografische und tänzerische Begegnung eingehe, möchte ich etwas über die Kostüme sagen.
Katharina Schlipf hat mit ihren Kostümkreationen eine genderneutrale Einheit geschaffen, eine zweite Haut, die genau das, was wir auf der Bühne erleben, mit prägt.
Es spielt keine Rolle, ob Mann mit Mann, Frau mit Mann, Frau mit Frau tanzt, wir erleben die Tanzenden! Es ist schwer zu beschreiben, was hier passiert ist, aber es ist eine Aufhebung von alten Rollenverständnissen, Stereotypen und Standards. Das geben die Choreografien her, aber erhalten ihre Vollendung durch die Kostüme. Bravo!

Neu: Die Einspielung eines Films, der hautnah, sympathisch das Ensemble und deren Arbeit, Motivation, Emotion und Haltung zeigt. Plötzlich ist man Teil der Familie, und dem Ensemble ganz nah. Wie schön, alle persönlich kennen zu lernen. Volpi und sein Ensemble gehen von der ersten Sekunde eine Beziehung mit dem Publikum ein.

Was wirklich spürbar ist, ist das ausgehungerte Publikum und Ensemble…die Sehnsucht aller wieder zu tanzen und Tanz zu sehen. Die Pandemie hat uns kulturell auf Diät gesetzt.

Mein persönliches Highlight in der ersten Episode: Allure, Simone Messmer, eine großartige Choreografie so facettenreich, so auf den Punkt interpretiert. Messmer ist eine fantastische Tänzerin – zum Verlieben.  Stark und grazil. Präzise und einfangend, man lässt sie keine Sekunde los.
Die Choreografien sind so vielfältig, so divers, dass ich nur sagen kann, es ist wie die Landung auf einem neuen Planeten: neue Farben, neue Gerüche, neue Temperaturen.
Sehr erheiternd sind die drei Tänzer Miquel Martinez Pedro, Dukin Seo und Kauan Soares in: de la Mancha. Eine impulsive Choreografie mit einigen komischen Elementen.

Die zweite Episode beginnt im Ballettsaal, ein Gefühl wie damals bei Dawna P. Dryhorub jeden Montag im Tanzhaus NRW, erinnert mich an meine Bemühungen klassisches Ballett zu lernen. Übrigens vergebens.

Mit der Steigerung des Ensembles in eine großartige klassische Ballettperfomance, die alle Phasen des Ballettunterrichts integriert, gelingt es Volpi erneut, uns das Ensemble vorzustellen und gibt uns eine Idee davon, dass tänzerisch alles möglich ist. Jede und jeder hat ihr/sein Solo, dann verschmelzen sie in ein Ganzes. Stark und beeindruckend. Klassisches Ballett.

Besonders schön und modern ist das pax de deux von Yoav Bosidan und Daniel Smith, Ausschnitt aus Awáa. Stark, einfangend, sensibel. Die Choreografie von Aszure Barton ist berührend und reich.

Die dritte Episode startet wirklich sehr experimentell. Hier muss ich mich erst einmal einfinden.
Zitat meiner Mutter, die mich begleitet hat: „Interessant, sehr interessant“.
Das Finale des ersten Dates ist dann ein Ausschnitt aus  Love Song (Wien, 2014) getanzt von Feline va Dijken und Eric White und fängt mich wieder ein. Die Liebe mit Liebe getanzt. Leidenschaftlich, ängstlich, fordernd und erfüllend getanzt.

Zusammengefasst: MUST SEE:  FIRST DATE – der Anfang einer langen, langen Freundschaft lieber Demis Volpi und liebes Ensemble der Deutschen Oper am Rhein.

Sandra_Christmann

Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair International GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Absolut erlebenswert

Karolina Wais über die Premiere „A First Date“

Demis Volpi zeigt dem Publikum an drei Abenden eine Auswahl an seinen bisherigen Arbeiten. Dabei muss ich zugeben, dass diese Auswahl groß und sehr vielfältig ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bekommt man als Zuschauer mehrere perfekt auf sich zugeschnittene Werke zu sehen. Gerade auf Grund der Vielfältigkeit werde ich mit dieser Rezension nicht auf alle Stücke eingehen können.

Unglaublich spannend war es zuerst wieder im Publikumssaal zu sitzen und auf eine Vorstellung warten zu dürfen. Und das Warten hat sich gelohnt.

Das Bühnenbild ist durchgehend minimalistisch gehalten, so dass man sich als Zuschauer auf den einzelnen Musiker, der dadurch, dass er auf die Bühne geholt wurde zum Teil des Spektakels wird und auf die Tänzer konzentrieren kann. Dabei entsteht eine ganz andere Art der Zusammenarbeit zwischen den Tänzern und dem Musiker. Nicht jedes Stück erfreut sich zwar einer live Musik, daran gewöhne ich mich aber schnell.   

Die Kostüme sind besonders in der ersten Episode geschlechtsneutral. Ich kann zum Teil nicht erkennen, ob Tänzer oder Tänzerinnen auf der Bühne agieren und das gefällt mir. Der Mensch tanzt, der Tanz ist wichtig, das ist genial.

Da die Bühne zwischenzeitlich gesäubert werden muss, wird an jedem Abend ein Kurzfilm gezeigt, in dem die einzelnen Mitglieder der Companie vorgestellt werden. Auch wenn es zu Anfang etwas befremdlich ist, gefällt es mir doch sehr. Ich bekomme als Zuschauer einen persönlichen Bezug zu den einzelnen Mitgliedern der Companie, die an den jeweiligen Abend auf der Bühne tanzen. Das schafft sehr viel Nähe und lässt die Anonymität verstreichen. Dadurch wird eine Intimität zwischen den Zuschauern, Demis Volpi und der Companie geschaffen, die meiner Meinung nach, ein guter Grundstein für eine langfristige Beziehung sein kann/ist.

Es sind jedenfalls erste Verabredungen voller Zauber. Meine siebenjährige Tochter, die mich bei der dritten Episode begleitet, ist ebenfalls sehr begeistert.

Herzlich Willkommen in Düsseldorf! Ich freue mich auf weitere Dates.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

Defilee des Tanzes – in sechs Gruppen zum Kennen- und Liebenlernen

Michael Langenberger über die Premiere „A First Date“

Poah – war das ein Einstand des neuen Ballettdirektors und Chefchoreographen Demis Volpi – großartig!

Mit einer um ca. 2/3 erneuerten, jungen und tänzerisch neugierigen Compagnie und unter strengen Regeln seinen schöpferischen Einstand zu geben, war sicherlich eine Herausforderung der Extraklasse für Demis Volpi. Doch konzeptionell geschickt geplant, um die individuelle Bandbreite der tänzerischen Qualitäten zu präsentieren, gab es dieses Jahr eine Premiere an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Coronabedingt wurde das Ensemble in sechs Gruppen á 6-8 Tänzer*innen aufgeteilt, um sich im Fall einer Infektion eines Einzelnen, nicht gegenseitig anzustecken. Diese Gruppen durften sich weder in den Proben noch bei den Aufführungen begegnen. 

Je Abend stellten sich also zwei Gruppen tänzerisch vor. Um sich, wie gesagt, auf der Bühne nicht zu begegnen und die Bühne zwischen beiden Auftritten zu reinigen, wird in dieser Zeit das Publikum mit einem Film unterhalten, in dem einige Mitglieder der Compagnie über ihre Motive zu ihrem Engagement in Düsseldorf berichten. Zum Teil sehr junge Leute mit Tatendrang und Liebe zur Bewegung, tiefen Überzeugungen über den Wert und die Wichtigkeit der Körpersprache. Diese Einspielfilme geben dem Zuschauer einen berührenden und tiefen Einblick in die Seelen der Tänzer und deren Tanz. Danach fühlt man sich als Zuschauer ein bisschen an “Der kleine Prinz” von Antoine de Saint-Exupéry erinnert – “…Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar….”

Der Einsatz und die Hingabe, mit der sich die Akteure bewegen, bekommt dadurch eine andere, ganz neue Qualität. Man sieht die Akteure nicht einfach nur tanzen, sondern verbindet Ihre tänzerische Darbietung und den Enthusiasmus mit den Tiefen Ihrer Überzeugungen. Ein völlig neues Zuschauererlebnis.

Die große Leistung von Demis Volpi besteht meiner Meinung nach nicht nur in der Vielfalt und Verschiedenheit der Choreographien, sondern eben insbesondere auch darin, stets die beste Besetzung zu liefern. Überhaupt wird uns eine enorme Bandbreite geboten. Von klassischem Ballett über zeitgenössischen Tanz – was mich an Stücke von Martha Graham erinnert – bis hin zu Tanztheater.

Demis Volpi traut seinen Tänzern einiges zu, fordert sie heraus, führt sie an ihre Grenzen. Hier und da gehen schon mal Synchronitäten verloren oder ein*e Akteur*in verliebt sich in eine Bewegung, dass kurz der Anschluss zur Gruppe hakt. Doch es ist die Begeisterung, wieder auftreten zu dürfen, die da spürbar über die Ufer schwappt und nicht das Bedürfnis nach Selbstdarstellung.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Kontrastreich – wunderbar – auf höchstem Niveau!

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Annette Hausmann über die Premiere von „b.42“

Im Vorfeld hatte ich mich bereits aufgrund der hervorragenden Ballettinszenierungen im vergangenen Jahr auf die Premiere „b.42“ gefreut…- und ich muss sagen: ich wurde in keinster Weise enttäuscht!

Square Dance
Wohl überlegt und passend gewählt beginnt der Ballettabend mit Balanchines neoklassischem Stück „Square Dance“.
Auf den ersten Blick ist es Ballett in seiner „Reinform“.
Sechs Tänzerpaare tanzen geordnet auf einer „requisitenlosen“ Bühne, deren Wand türkis beleuchtet ist. Bekleidet sind sie entsprechend ihrer traditionellen, geschlechterspezifischen Rollen mit körperbetonten Trikots in Form von Röcken bzw. Hosen.
Durch Balanchines bewusste Reduzierung auf das Wesentliche tritt die Handlung in den Hintergrund. Stattdessen wird ein Freiraum geschaffen für das rein Visuell-Auditive, für den Tanz und die wundervolle barocke Musik von Vivaldi und Corelli.
Erst dadurch nehme ich die im Verlauf der Inszenierung mit eingeflossenen Elemente des amerikanischen Volkstanzes „Square Dance“ wahr.
So schweben die Tänzer nicht nur mit einer scheinbar sinnlichen Leichtigkeit über die Bühne, sondern zeigen im nächsten Moment ausdrucksstark und mit einer unglaublichen Schnelligkeit Tanzschritte, Figuren und Formationen, die ich in dieser Kombination bislang noch in keiner Ballettaufführung zu sehen bekommen habe. Insbesondere die expressive Beinarbeit fasziniert mich und mein Blick wird magisch davon angezogen.
Die beiden Solotänze von Sonja Dvorak und Orazio Di Bella, die ebenfalls der ehemalige amerikanische Startänzer Bart Cook einstudiert hat, machen deutlich, wieviel an Disziplin, Präzision, Ausdauer und Kraft von den Tänzern abverlangt wird, um Ballettkunst auf höchstem Niveau präsentieren zu können.

Symphonic Poem
Stille… – Dunkelheit…
So beginnt Remus Şucheanăs Uraufführung „Symphonic Poem“, zu der er sich durch die Komposition „Metacosmos“ der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir hat inspirieren lassen.
Inmitten dieser angespannten Stille erwachen die ersten Tänzer und beginnen sich wie tanzende Schatten über weiche fließende Bewegungen aus ihrer Kauerstellung zu befreien.
Mit Einsetzen der „metacosmischen“ Klänge werden für den Zuschauer allmählich die außergewöhnlichen und bunten Kostüme sichtbar, die an Kobolde oder Fabelwesen erinnern. Anfänglich scheinen die Klänge die Körper dieser Wesen in Bewegung zu setzen, doch im Verlauf der sich entfaltenden Klangwelt werden sie mittels ihrer weichen, leisen und oftmals synchronen Bewegungen eins mit dieser Musik und den dargestellten Naturphänomenen.
Es ist ein Geben und Nehmen, ein Kommen und Gehen…

Şucheană ist es auf geniale Weise gelungen, seine Ballettinszenierung auf drei Ebenen (Orchestergraben, Bühne und über den Tänzern schwebende Schlagzeuger-Podeste) „spielen“ zu lassen, um so den Untergrund, die Erde und den Himmel darzustellen. Chapeau!

Reformationssymphonie
Mit Martin Schläpfers „Reformationssymphonie“ ist der Spannungsbogen des Ballettabends „b.42“ vollendet. Wieviel Tiefgründiges, Sinnliches und zugleich aufwühlend Nachdenkliches in einer Choreographie „stecken“ kann, die eine historische, lutherbezogene Geschichte vom Glauben und (Ver-)Zweifeln erzählt, hat Schläpfer wieder einmal bewiesen.

Gleich zu Beginn werde ich mit Gegensätzen und Kontrasten konfrontiert, die mich spüren lassen, dass ich keine Zeit zum Träumen habe, sondern gesellschaftskritisch mitdenken und konzentriert sein muss.
Wie aus dem dunklen Schein der Nacht treten die Tänzer tippelnd, dynamisch in einheitlichen, enganliegenden schwarzen Trikots auf die Bühne. Die traditionellen Geschlechterrollen verschwimmen… – Männer, die anmutig im Duett miteinander tanzen oder Frauen, die sich impulsiv und lautstark mit schwarzen Spitzenschuhen „Gehör“ verschaffen. Ausgelöst durch diese Art der Inszenierung und die dazu passende, ausdrucksstarke Musik von Mendelssohn-Bartholdy lassen mich die Gedanken vom Drang nach Freiheit, aber gleichzeitigem Gefangensein, von der Individualität und Gleichheit eines jeden Menschen und dem Wunsch nach Harmonie trotz immerwährender Kämpfe nicht los und beschäftigen mich noch nachhaltig.

„b.42“ ist absolut empfehlenswert: kontrastreich – wunderbar – auf höchstem Niveau!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an einer Montessori-Grundschule in Duisburg-Bissingheim, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Der Austausch zwischen den Opernscouts schaffe „eine andere Wahrnehmung von Oper und Ballett“. In ihrer ersten Spielzeit begeistert sie ganz besonders  Martin Schläpfers Ballett „Schwanensee“: „Mit seiner Kraft und Ausdrucksstärke war es eine der genialsten Vorstellungen meines Lebens“.

 

Ein sehr abwechslungsreicher Ballettabend

Cellokonzertch:Martin Schläpfer
Cellokonzert ch:Martin Schläpfer

Stefan Pütz über die Premiere von „b.41“

„Forgotten Land“ von Jiri Kiliáns mit der Sinfonia da Requiem von Benjamin Britten:
Ein phantastisches Bühnenbild, passende Kostüme, bei grandioser Musik:
Sechs Paare tanzen vor einer beeindruckenden, düsteren Meereslandschaft – ein toller Anfang!

Lamentation” und „Steps in the Street” von Martha Graham:
Nun folgt mit Martha Grahams Lamentation ein Stück strenger Konzentration, reduziert auf puristische Kostüme und wenige kraftvolle Gesten.
Auch das zweite Stück Grahams, Steps in the Street, besticht durch klare und drastische Formsprache.
Das Stück wirkt modern und mitreißend und regt zur Diskussion an.

Nach der zweiten Pause kam dann Schläpfers neuestes Werk,zur Musik des zweiten Cellokonzertes von Schostakowitsch:
Wieder einmal wird eine große Geschichte mit enormer Besetzung erzählt, die meines Erachtens nicht zu Ende erzählt wird.
Ein lebendiges Treibens, bunte Kostüme, sehr viele Aktionen und  viele parallel verlaufende Geschichten, aber kein wirklicher Erzählstrang …
Einen roten Faden konnte ich nicht erkennen aber das ist nicht immer wichtig …

Da dieses Stück einen starken Kontrapunkt zu den vorherigen „strengen“ Stücken bildete, war der Abend für mich ein großer Genuss …

Stefan_Pütz

Stefan Pütz
Inhaber von „Buch in Bilk“

Den Namen Stefan Pütz verbindet man mit „Buch in Bilk“, einer Buchhandlung in Unterbilk. Bei Kulturveranstaltungen ist er gern mit einem Büchertisch präsent, denn direkter Kontakt zu Kunden und persönliche Beratung sind ihm wichtig. Wichtig ist ihm jetzt – nach langer Abstinenz – auch wieder die Begegnung mit Oper und Ballett. Wagner Inszenierungen findet er grundsätzlich nicht sonderlich unterhaltsam, vom Ring am Rhein war er allerdings hellauf begeistert. Die Wagner Inszenierungen der Deutschen Oper am Rhein sind „besser als anderswo“.

Ein großartiger Ballettabend

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Michael Menge über die Premiere von „b.42“

Ein Premierenabend, von dem der Klang der Bewegungen in mir lange nachhallen wird.

Blau, Grau und klar beginnt die Vorstellung mit einem Ballett von George Balanchine, das durch die Reduktion auf den absoluten Ausdruck des Körpers die Musik für das Publikum sichtbar werden lässt. Die klassische Choreografie die ihre beeindruckende Tiefe durch Präzision erzeugt, wird durch witzige und lebendige Elemente die die naive Freude an der Bewegung ausdrücken überraschend nahbar. Man bekommt den Eindruck, dass dem Betrachter*in ein leichterer Zugang geschenkt wird, da er/sie sich in seiner/ihrer fehlerhaften Menschlichkeit wieder erkennt.

Natur, Glitzer und Weiblichkeit bestimmen die zweite Choreografie des Abends zu der Musik von Anna Thorvaldsdottir die einen zu Beginn erst mal mit einer endlosen Stille alleine lässt.
Die Basis der ersten Ballett-Aufführung bestand aus einer klaren Struktur zwischen den Geschlechtern, der Reduktion auf den Menschen und der Visualisierung von Musik. Die Ballettchoreografie von Remus Şucheană hat mit diesen Parametern nur wenig zu tun. Er inszeniert Mutternatur durch eine in den Mittelpunkt gestellte Weiblichkeit der Tänzerinnen neben denen die männlichen Künstler nur eine schüchterne Nebenrolle spielen. Die Musik von Anna Thorvaldsdottir beginnt sehr vorsichtig und sanft und steigert sich im Laufe der Inszenierung zu einem komplexen und dramatischen Klanggebäude was die Tänzer*innen für Ihre Bewegungen nutzen.

Das Spiel mit nicht definierten oder vertauschten Geschlechterrollen, der Kampf um Individualität und die bedrohliche Kraft der Masse in einem leeren Raum bestimmen die Dramatik des Stückes von Martin Schläpfer. Man bekommt den Eindruck, dass es nicht um den Ausdruck und die Bewegung geht, aus denen die Choreografie besteht, sondern dass Martin Schläpfer sein Ballett von der Reduktion auf die körperliche Kraft der Tänzer*innen befreit und dadurch einen Schritt weiter geht als die beiden anderen Inszenierungen. Damit bildet diese Choreografie zu der komplexen und vielfältigen Musik von Mendelssohn einen grandiosen Abschluss.

Die kuratierte Abfolge der drei Ballettchoreografien macht diesen Abend zu etwas Großartigem.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Michael Menge
Selbstständiger Grafikdesigner

Michael Menge ist Inhaber der Designagentur „Oppa Franz“ aus Duisburg. Im Dialog mit seinen Kunden schaut der Art Direktor und Designer genau hin: „Es geht uns um den ganzheitlichen Charakter eines Unternehmens. Denn interessante Persönlichkeiten sind nicht perfekt – und spannende Marken auch nicht.“ Als Opernneuling gestartet, hat er an dieser Kunstform großen Gefallen gefunden: „Duisburg bietet vielschichtiges, modernes Musiktheater und kann auf dieses Angebot sehr stolz sein.“

Sehr gelungener Abend!

b42_SymphonicPoem_06_FOTO_GertWeigelt

Christiane Hain über die Premiere von „b.42“

Ein dreiteiliger Ballettabend, der so unterschiedlich ist und doch die Lust und Kunst an der Umsetzung des Tanzes zur Musik vereint.

Den Auftakt macht George Balanchines ‚Square Dance‘ – Eine Mischung von bekannter barocker Musik von Vivaldi und Corelli, des akademischen, klassischen Balletts, einem amerikanischen Volkstanz und einer schlichten blauen Bühne. Die Duisburger Balletcompanie setzt hervorragend die technisch sehr anspruchsvolle Choreografie bei hohem Tempo um. Man muss sich bei der New York City Ballett Stiftung bewerben, und nur wenn man technisch gut genug ist, werden die Stücke mit einem Ex Tänzer des Balletts – in diesem Falle ist es Bart Cook – einstudiert. Dies allein spricht schon für sich. Neoklassisistische Ballette von Balanchine stehen für reines Ballett, nur auf das Notwendigste reduziert, d.h. kein Bühnenbild und einfache, aber wirkungsvolle Kostüme der Tänzer, bei denen man jedem Muskel bewundern kann. Vom amerikanischen Square Dance erkennt man gewisse Strukturen, die Solisten übernehmen teilweise die Funktion des Callers und so vermischen sich Soli und Tanz des Corps de Ballett sehr harmonisch. Im Gegensatz zum klassischen Ballett werden die einzelnen Bewegungen nicht ganz bis zum letzten Präzision ausgeführt oder es werden Figuren aus dem Volkstanz in klassische Bewegungen umgesetzt.

Im Gegensatz dazu steht die Uraufführungvon ‚Symphonic Poem‘ der Choreografie des Ballettdirektors Remus Sucheana (ein ehemaliger Tänzer der Companie) bei seiner Inszenierung einer isländischen zeitgenössischen Musik von Anna Thorvaldsdottir. Die Bühne ist effektvoll mit Licht ausgeleuchtet. Die Tänzer und Musiker teilen sich auf drei Ebenden auf. Drei Schlagzeuger schweben auf der Bühne, die anderen Musiker sind im Orcherstergraben und in der Mitte befinden sich die Tänzer. Diese tragen erdfarbende Kostüme wobei die Männer eher schlichte Kutten tragen und die Frauen – märchenhafte, aufwendige geschnittene Kleidung und somit scheinen eher Wesen als Menschen auf der Bühne zu tanzen. Der Beginn ist schon sehr ungewöhnlich, da die Tänzer minutenlang ohne Musik tanzen und beim Zuschauer sich die Spannung auf die Musik, den ersten Ton erhöht. Dieses Stück ist eher ausdruckstänzerisch geprägt. Der Tanz ist anfänglich leicht und beschwingt und steigert sich im Lauf des Stückes. Die Musik ist bei weitem nicht so harmonisch wie die barocke Musik, aber sehr außergewöhnlich und so gegensätzlich und gewaltig, wie die Natur in Island.

Den Schlusspunkt bildet Martin Schläpfers zeitgenössische Interpretation von Mendelsohns Reformationsymphonie –eine geistliche, tragende Musik, die nicht so eingängig ist, wie Corelli oder Vivaldi. Die Tänzer sind in schwarze Trikots gekleidet. Ein Bühnenbild gibt es nicht. Als Zuschauer kann man sich ganz auf die Tänzer und deren Bewegungen zur Musik konzentrieren. Die Bewegungen, die Schläpfer seine Tänzer ausüben lässt, sind teilweise sehr ungewöhnlich, überraschend für ein Ballett, passen aber hervorragend zur Musik und sind ein Markenzeichen des Choreographen. Es ist ungewöhnlich Männer in Frauen Posen zu sehen und auch Frauen, die in schwarzen Spitzenschuhen tanzen, diese aber nicht zart und leise nutzen, sondern hart in den Boden rammen. Frauen übernehmen scheinbar die Männerrolle.  Ein Stück voller Gegensätze.

Sehr gelungener Abend!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Christiane Hain
Application Managerin

Christiane Hain arbeitet im IT-Bereich einer Bank in Düsseldorf. Sie ist in der Neckarstraße Duisburg aufgewachsen – in Sichtweise des Theaters, das ein fester Bestandteil im Familienleben war: Die Großmutter, die Eltern, die Schwester und sie selbst – alle waren regelmäßige Theaterbesucher. Ihre Tätigkeit als Opernscout führt dazu, dass sie wieder bewusster ins Theater geht und die Aufführungen als einen wichtigen Ausgleich zum Berufsleben betrachtet.