Verloren in Zeit und Raum

Michael Langenberger über die Premiere „Far and near are all around“

So emotional angefasst habe ich den Generalintendanten der Düsseldorfer Oper, Prof. Christoph Meyer bislang noch nicht erlebt, als er sich vor den Zuschauern bei all seinen Mitarbeitern dafür bedankte, dass es innerhalb eines Tages möglich war, die für den Tag geplante Premiere zu einer Doppel-Premiere zu machen. Neueste Corona-Vorgaben bedeuteten die Anzahl der Plätze von 450 auf 250 zu reduzieren. Der neue Chefchoreograf Demis Volpi schlug dann vor, worauf sich innerhalb kurzer Zeit alle Aktiven des Abends einließen: „…dann lasst uns doch zwei Vorstellungen hintereinander machen…“ Vielen Dank für diesen Einsatz und gelebten Optimismus, den Virus nicht über die Kunst siegen zu lassen!

Was dann folgte, war das getanzte Statement, mit dem Virus leben zu müssen, sich jedoch nicht geschlagen zu geben. Im ersten Stück des Abends „SPECTRUM“ des spanischen Choreografen Juanjo Arqués geht es genau um die innere Zerrissenheit, sich dem anderen nicht nähern zu dürfen und besiegt am Ende in einem Pas de deux mit Feline van Dijken und Eric White den unsichtbaren Antagonisten; coronakonform, weil beide in einem Haushalt leben.

Tänzerisch herausfordernd, sich aus unterschiedlichen Bewegungen kommend zu synchronisieren. Mal mit dem Schatten der hinter einer milchigen Wand tanzenden Partnerin sich so zu synchronisieren, als wäre das Abbild auf der Mattscheibe der eigene Schatten. Mal mit spiegelsynchronen Bewegungen, die längst im inneren rhythmisch verbinden, was im Außen nicht sein darf. Wie befriedend dann das Ende mit dem eng umschlungenen Paar.

Juanjo Arqués reicht ein spartanisches, nahezu farbloses Bühnenbild mit wenigen prägnanten Lichteffekten und setzt so die im leichten, luftigen und knallbunten Dress tanzenden Akteure perfekt in Szene.

Besondere Erwähnung verdient auch das Streichquartett mit Franziska Früh, Marina Peláez Romero, Ralf Buchkremer und Nikolaus Trieb, was mit Musik von Marc Mellits „Spectrum“ live begleitet. Denn wie immer in diesen Zeiten, wo zwischen den tänzerischen Darbietungen der streng voneinander getrennten Tänzergruppen die Bühne hinter geschlossenem Vorhang gereinigt werden muss, unterhält uns Besucher das Streichquartett zwischen den beiden Tanzdarbietungen des Abends mit „Ritornello“ von Caroline Shaw. Es ist ein sehr kurzweiliges, recht witziges und vielseitiges Stück. Eigentlich stehen Streichquartette auf meiner Beliebtheitsskala nicht ganz oben auf der Liste. Doch was die Vier da an Tonfolgen und vor allem an unterschiedlichen Klangbildern aus ihren jeweiligen Streichinstrumenten holen, ist wirklich beeindruckend. Entsprechend ist dann auch ihr Applaus – bravo!

Mit „A SIMPEL PIECE“ erleben wir die zweite Uraufführung des Abends. Als Musik hat sich Demis Volpi die mit dem Pulitzer Prize of Musik geadelte Komposition „Partita for 8 Voices“ der Komponistin Caroline ausgesucht. Die A-cappella-Stimmgewalt bewegt gewissermaßen die Körper der Tänzer*innen. Mal sind es die aus dem Nichts anschwellenden, oft polyphonen Lautmalereien, die sich in nur minimalen Bewegungen ausdrücken; vielleicht nur den Oberkörper bewegen oder die Finger. Dann aber auch ausladende Bewegungen zu kraftvollen Passagen der viersätzigen Partita. Auch hier hilft das eher karge und raffiniert ausgeleuchtete Bühnenbild die Tänzer und ihr Können zu unterstützen. Der Knaller allerdings sind die Kostüme, deren Hosen ein wenig an die Kluft von Kendo-Kämpfern erinnert. In ihren dunklen, weit geschnittenen Hosen mit hohem Bund aus offenbar sehr festem Stoff wirken die Tänzer*innen geradezu geerdet. Die Oberteile aus zartem, weißen Stoff lassen den Akteuren Raum für Bewegungen, die gleichzeitig leicht erscheinen. Bei „A SIMPLE PIECE“ geht es nicht allein um Tanz, sondern einen Schmelztiegel aus Klanglauten und Tanztheater; eins fließt in andere – beides zusammen wird eins.

Wen wundert es da, dass die nur 250 Zuschauer applaudierten, als wäre es ein voll besetztes Haus – aus stürmischer Begeisterung für den Ballettabend und in Auflehnung gegen den Virus, der in der Zeit der Vorstellung jegliche Macht verlor.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

„Ne me quitte pas“

Isabel Fedrizzi über die Premiere „A First Date“

Mit den drei Ballettabenden A First Date stellt sich Demis Volpi als neuer Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein vor – er zeigt einen spannungsvollen und vielfältigen Querschnitt seiner älteren und neuen Choreographien. Weil zwei Drittel der Ballettcompagnie neue Tänzer aus aller Welt sind, ist das Thema „First Date“, „erste Begegnung“ und „Kennenlernen“ in mehrerer Hinsicht perspektivisch gut ausgewählt: die Tänzer lernen sich in der ersten gemeinsamen Spielzeit untereinander kennen, das Publikum lernt die Tänzer kennen und auch für die Tänzer ist es die erste Begegnung mit dem neuen Ballettdirektor und dem Publikum.

Die Tatsache, dass die Compagnie coronabedingt in drei Gruppen aufgeteilt wurde, in denen geprobt und auf der Bühne getanzt werden musste, macht Demis Volpi die Gestaltung seines Debüts nicht eben einfach: doch er hat mit kurzen und klein besetzten Balletten mit 1 bis max. 6 Tänzern sehr abwechslungsreiche Abende geschaffen. In der Mitte jedes Abends werden Videosequenzen mit kleinen Interviews der jeweiligen Tänzer gezeigt, Probenaufnahmen und Tanzszenen aus den ersten Tagen ihrer Begegnungen und noch jungen Zusammenarbeit – Filmisch schön komponiert von der amerikanischen Filmemacherin Daisy Long.

Der erste Ballettabend präsentiert das Thema „first date“ mal mit ernst-seriösem Blick (Chaconne, Private Light), mal exzentrisch (Allure) und mal augenzwinkernd überzogen (de la Mancha). Das innige Ballett Chaconne bildet zu Bachs live von der Solo-Violine vorgetragenen 2. Partita einen „klassischen“ und sehr gelungenen Auftakt. Der Ausschnitt aus Volpis Ballett Private Light zu Solo-Gitarrenmusik knüpft in seinem „kammerspielartigen“ Charakter daran an. Den Höhepunkt in der Mitte des Abends bildet das Solo Allure, mit dem Simone Messmer als neues Ensemblemitglied  ihr ausdrucksstarkes und beeindruckendes Debüt gibt. Volpis Uraufführung von de la Mancha, eines Parodie des Balletts Don Quixote gerät mir trotz der Ironie zu überzogen und albern.

Der zweite Abend war für mich insgesamt der Höhepunkt: Mit einem „Aufwärmtraining an der Stange“ (Whatever happened to class?) beginnt er eher etwas harmlos, zeigt aber dann mit Awáa von Aszure Barton und vor allem Demis Volpis Look for the silver linings zwei sehr schöne, kreative, moderne und berührende Stücke. Kraftvoll in Musik und Bewegung ist Awáa – fließend, fast erotisch und emotional bewegend die Uraufführung der „silver linings“ zu Musik von Chet Baker. Im „getanzten Traum“ von Le spectre de la rose hat das Duo Tanz  auf hohem Niveau gezeigt, doch waren Musik und Tanz so ganz gegenläufig, was anderswo als Gegensatz funktioniert hätte, aber  inmitten des sonst so dick aufgetragenen romantischen Klischees aus Webers Musik, Rosen-Kostüm und Fensterkulisse hier nicht passen wollte.

Der dritte Abend war in seiner reduzierten Anlage der modernste und für Auge und Ohr herausfordernste der drei. Man muss sich einlassen auf einen Abend, der mit 20-minütigen Trommelklängen und kantigen Bewegungen beginnt und sich musikalisch mit harmonisch anstrengenden Streichquartetten von P. Vasks und H. Gorecki fortsetzt… Ein Bewegungselement, das immer wiederkehrt und in dieser Intensität wie hier etwas gewöhnungsbedürftig ist, ist das Tanzen mit dem Rücken zum Publikum. Oft fügt es sich als Stilmittel ein, passt zum Ablauf; wird es lang oder zu viel angewendet, fühlt man sich als Zuschauer manchmal vom Geschehen ausgeschlossen.

Das Highlight des Abends ist Volpis Duett Chalkboard Memories, das Niklas Jendrics und Edvin Somai gefühlvoll, expressiv und wunderbar homogen auf die Bühne bringen. Ein Stück, das einen sofort gefangen nimmt und lange nicht loslässt: sehr beeindruckend.

In Coronazeiten wird vieles durch Abstandsregeln diktiert: wenig Nähe auf der Bühne, gemeinsames Tanzen nur in Bildern und mit Distanz, kleine Besetzungen, die die (Aus)Wahl der Stücke begrenzen – das prägt den Ablauf, den optischen Eindruck und letztlich auch die Stimmung, die diese Abende hinterlassen. Man wünscht sich  auf längere Sicht für alle Beteiligten wieder ein Ballettgeschehen ohne Einschränkungen.

Obwohl das Format – 70minütige Abende mit mehreren kurzen und kontrastreichen Balletten insgesamt vom Publikum sehr gut aufgenommen wurde… Wer weiß, welche Konzepte sich daraus noch entwickeln.

Ein guter und hintergründig klug gewählter Abschluss am Ende des dritten „First date“ ist das Duett „Ne me quitte pas“ von Nina Simone: Mit der Hoffnung „Verlass mich nicht“ wird man als Zuschauer aus diesem umfassenden und bleibenden Abend entlassen…

Duisburg, Opernscouts

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Exzellent getanzt

Dagmar Ohlwein über die Premiere „A First Date“

Die drei episodischen Premieren-Abende unter dem Motto „First Date“ unter der Regie des neuen Direktors des Ballett am Rhein, Demis Volpi, haben mich restlos begeistert.
Sehr gelungen und klug empfand ich das Konzept, die neu aufgestellte Compagnie und die zu erwartende Ausrichtung des neuen Ballettchefs und seines Teams unter Hinzunahme anderer Choreografen in vielen einzelnen Stücken vorzustellen. Die Vielfältigkeit der neu engagierten TänzerInnen, als auch der bereits unter Martin Schläpfer arbeitenden Protagonisten, erhielt so eine großartige Bühne, die meiner Meinung nach, auf weitere hervorragende Ballettabende hoffen lässt.

„Chaconne“ von José Limon, uraufgeführt 1942 in New York war das erste Stück des ersten Abends, großartig begleitet von der Solo-Violine, gespielt von Egor Grechishnikov. Zwei Ausschnitte aus „Private Light“ von Demis Volpi, wurden mit der Suite espanola,op 47 vom Gitarristen, Peter Graneis, dargebracht und von den TänzerInnen sehr harmonisch vertanzt.
Alexander Ivanov am Klavier begleitete bei der zweiten Episode die Uraufführung „Whatever happened to class“. Exzellent getanzt von Paula Alves, So-Yoen Kim-von der Beck, Neshama Nashman, Orazio di Bella, Evan L`Hirondelle.
Episode 3 verstand es, das Premierenstück rund werden zu lassen. Begonnen hatte es mit der ersten Begegnung, den Gefühlen des sich Gefallens oder Nichtgefallens, der Leidenschaft, dem unzertrennlich sein für eine bestimmte Zeit und am Ende steht die Trennung. Mit einem Ausschnitt aus „Love Song“, Junge Choreografen des Wiener Staatsballetts, vertanzten Feline van Dijken und Eric White die Musik von Jacques Brel
„Ne me quitte pas“ in sehr guter Ausführung. Alle Künstler verstanden es an allen drei Abenden mich in den Bann zu ziehen.

Die Reduzierung auf das Wesentliche, ohne Hinzunahme aufwändiger Kostüme, Musikbegleitung und Bühnenbilder, bot den TänzerInnen die Möglichkeit, die hohe Kunst ihrer künstlerischen Ausdrucksformen vorzustellen. Sehr gut gefielen mir die filmischen Dokumentionen von Daisy Long in jeder Episode. Passend zum Titel „First Date“ wurde das erste Zusammentreffen der neuen Compagnie mit Ihrem Ballettdirektor gezeigt. Die persönlichen Statements der Gedanken und Gefühle der TänzerInnen waren sehr bewegend für mich. „Was ist wichtig für eine gute Ballettgemeinschaft?“ „Der Zusammenhalt, das Bestreben, alles zu geben, an dem Perfekten zu arbeiten, offen zu sein für die eigene tänzerische Entwicklung“ waren die Aussagen, die authentisch und leidenschaftlich herüberkamen. Die neue Compagnie, so war mein Eindruck, entsteht und will etwas Besonderes schaffen.

Demis Volpi hat die erste Annäherung an seine TänzerInnen und auch an das Publikum hervorragend gemeistert. „Was gibt es noch außerhalb des hohen Niveaus der tänzerischen Technik?“
„Wie kann jedem Tänzer sein eigener Ausdruck gelassen werden und trotzdem die Compagnie zu einem Ganzen werden?“
Diese Fragen und Überlegungen des neuen Ballettdirektors geben mir Anlass, mich auf eine weitere großartige Ballett-Ära an der Rheinoper zu freuen.

Dagmar_Ohlwein

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin im Ruhestand nimmt sich Zeit für Kultur. Als Jugendliche lebte sie „direkt um die Ecke“ des Theaters Duisburg und hatte so schon immer viel Kontakt zur Kunst. Sie ist sehr gespannt auf das zweite Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2020/21.

Welcome Demis Volpi

Sandra Christmann über die Premiere „A First Date“

So fühlt sich sein Debüt an: der Beginn einer neuen Ära.

Drei Episoden.
Neugierig, erfrischend, modern, und dieses FIRST DATE mit dem neuen Ensemble und  Demis Volpi ist definitiv aufregend und wie bei einem ersten Date, wenn es gut gelaufen ist: man will mehr.

Unterschiedlicher können die drei Episoden nicht sein, sie zeigen das wahnsinnig große und kreative Spektrum eines bunten homogenen Ensembles und den freien Geist von Demis Volpi, der facettenreich, weltoffen und tief, uns, aber auch die Tänzer*innen in eine neue Welt holt.
Überraschend! Ich bin definitiv an weiteren Dates interessiert.

Besonders gut hat mir gefallen, dass in der ersten und zweiten Episode die einzelnen Choreografien überwiegend mit einer/m Musiker/in begleitet werden (Geige, Gitarre, Klavier).

Und bevor ich auf die großartige choreografische und tänzerische Begegnung eingehe, möchte ich etwas über die Kostüme sagen.
Katharina Schlipf hat mit ihren Kostümkreationen eine genderneutrale Einheit geschaffen, eine zweite Haut, die genau das, was wir auf der Bühne erleben, mit prägt.
Es spielt keine Rolle, ob Mann mit Mann, Frau mit Mann, Frau mit Frau tanzt, wir erleben die Tanzenden! Es ist schwer zu beschreiben, was hier passiert ist, aber es ist eine Aufhebung von alten Rollenverständnissen, Stereotypen und Standards. Das geben die Choreografien her, aber erhalten ihre Vollendung durch die Kostüme. Bravo!

Neu: Die Einspielung eines Films, der hautnah, sympathisch das Ensemble und deren Arbeit, Motivation, Emotion und Haltung zeigt. Plötzlich ist man Teil der Familie, und dem Ensemble ganz nah. Wie schön, alle persönlich kennen zu lernen. Volpi und sein Ensemble gehen von der ersten Sekunde eine Beziehung mit dem Publikum ein.

Was wirklich spürbar ist, ist das ausgehungerte Publikum und Ensemble…die Sehnsucht aller wieder zu tanzen und Tanz zu sehen. Die Pandemie hat uns kulturell auf Diät gesetzt.

Mein persönliches Highlight in der ersten Episode: Allure, Simone Messmer, eine großartige Choreografie so facettenreich, so auf den Punkt interpretiert. Messmer ist eine fantastische Tänzerin – zum Verlieben.  Stark und grazil. Präzise und einfangend, man lässt sie keine Sekunde los.
Die Choreografien sind so vielfältig, so divers, dass ich nur sagen kann, es ist wie die Landung auf einem neuen Planeten: neue Farben, neue Gerüche, neue Temperaturen.
Sehr erheiternd sind die drei Tänzer Miquel Martinez Pedro, Dukin Seo und Kauan Soares in: de la Mancha. Eine impulsive Choreografie mit einigen komischen Elementen.

Die zweite Episode beginnt im Ballettsaal, ein Gefühl wie damals bei Dawna P. Dryhorub jeden Montag im Tanzhaus NRW, erinnert mich an meine Bemühungen klassisches Ballett zu lernen. Übrigens vergebens.

Mit der Steigerung des Ensembles in eine großartige klassische Ballettperfomance, die alle Phasen des Ballettunterrichts integriert, gelingt es Volpi erneut, uns das Ensemble vorzustellen und gibt uns eine Idee davon, dass tänzerisch alles möglich ist. Jede und jeder hat ihr/sein Solo, dann verschmelzen sie in ein Ganzes. Stark und beeindruckend. Klassisches Ballett.

Besonders schön und modern ist das pax de deux von Yoav Bosidan und Daniel Smith, Ausschnitt aus Awáa. Stark, einfangend, sensibel. Die Choreografie von Aszure Barton ist berührend und reich.

Die dritte Episode startet wirklich sehr experimentell. Hier muss ich mich erst einmal einfinden.
Zitat meiner Mutter, die mich begleitet hat: „Interessant, sehr interessant“.
Das Finale des ersten Dates ist dann ein Ausschnitt aus  Love Song (Wien, 2014) getanzt von Feline va Dijken und Eric White und fängt mich wieder ein. Die Liebe mit Liebe getanzt. Leidenschaftlich, ängstlich, fordernd und erfüllend getanzt.

Zusammengefasst: MUST SEE:  FIRST DATE – der Anfang einer langen, langen Freundschaft lieber Demis Volpi und liebes Ensemble der Deutschen Oper am Rhein.

Sandra_Christmann

Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair International GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Absolut erlebenswert

Karolina Wais über die Premiere „A First Date“

Demis Volpi zeigt dem Publikum an drei Abenden eine Auswahl an seinen bisherigen Arbeiten. Dabei muss ich zugeben, dass diese Auswahl groß und sehr vielfältig ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bekommt man als Zuschauer mehrere perfekt auf sich zugeschnittene Werke zu sehen. Gerade auf Grund der Vielfältigkeit werde ich mit dieser Rezension nicht auf alle Stücke eingehen können.

Unglaublich spannend war es zuerst wieder im Publikumssaal zu sitzen und auf eine Vorstellung warten zu dürfen. Und das Warten hat sich gelohnt.

Das Bühnenbild ist durchgehend minimalistisch gehalten, so dass man sich als Zuschauer auf den einzelnen Musiker, der dadurch, dass er auf die Bühne geholt wurde zum Teil des Spektakels wird und auf die Tänzer konzentrieren kann. Dabei entsteht eine ganz andere Art der Zusammenarbeit zwischen den Tänzern und dem Musiker. Nicht jedes Stück erfreut sich zwar einer live Musik, daran gewöhne ich mich aber schnell.   

Die Kostüme sind besonders in der ersten Episode geschlechtsneutral. Ich kann zum Teil nicht erkennen, ob Tänzer oder Tänzerinnen auf der Bühne agieren und das gefällt mir. Der Mensch tanzt, der Tanz ist wichtig, das ist genial.

Da die Bühne zwischenzeitlich gesäubert werden muss, wird an jedem Abend ein Kurzfilm gezeigt, in dem die einzelnen Mitglieder der Companie vorgestellt werden. Auch wenn es zu Anfang etwas befremdlich ist, gefällt es mir doch sehr. Ich bekomme als Zuschauer einen persönlichen Bezug zu den einzelnen Mitgliedern der Companie, die an den jeweiligen Abend auf der Bühne tanzen. Das schafft sehr viel Nähe und lässt die Anonymität verstreichen. Dadurch wird eine Intimität zwischen den Zuschauern, Demis Volpi und der Companie geschaffen, die meiner Meinung nach, ein guter Grundstein für eine langfristige Beziehung sein kann/ist.

Es sind jedenfalls erste Verabredungen voller Zauber. Meine siebenjährige Tochter, die mich bei der dritten Episode begleitet, ist ebenfalls sehr begeistert.

Herzlich Willkommen in Düsseldorf! Ich freue mich auf weitere Dates.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

Defilee des Tanzes – in sechs Gruppen zum Kennen- und Liebenlernen

Michael Langenberger über die Premiere „A First Date“

Poah – war das ein Einstand des neuen Ballettdirektors und Chefchoreographen Demis Volpi – großartig!

Mit einer um ca. 2/3 erneuerten, jungen und tänzerisch neugierigen Compagnie und unter strengen Regeln seinen schöpferischen Einstand zu geben, war sicherlich eine Herausforderung der Extraklasse für Demis Volpi. Doch konzeptionell geschickt geplant, um die individuelle Bandbreite der tänzerischen Qualitäten zu präsentieren, gab es dieses Jahr eine Premiere an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Coronabedingt wurde das Ensemble in sechs Gruppen á 6-8 Tänzer*innen aufgeteilt, um sich im Fall einer Infektion eines Einzelnen, nicht gegenseitig anzustecken. Diese Gruppen durften sich weder in den Proben noch bei den Aufführungen begegnen. 

Je Abend stellten sich also zwei Gruppen tänzerisch vor. Um sich, wie gesagt, auf der Bühne nicht zu begegnen und die Bühne zwischen beiden Auftritten zu reinigen, wird in dieser Zeit das Publikum mit einem Film unterhalten, in dem einige Mitglieder der Compagnie über ihre Motive zu ihrem Engagement in Düsseldorf berichten. Zum Teil sehr junge Leute mit Tatendrang und Liebe zur Bewegung, tiefen Überzeugungen über den Wert und die Wichtigkeit der Körpersprache. Diese Einspielfilme geben dem Zuschauer einen berührenden und tiefen Einblick in die Seelen der Tänzer und deren Tanz. Danach fühlt man sich als Zuschauer ein bisschen an “Der kleine Prinz” von Antoine de Saint-Exupéry erinnert – “…Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar….”

Der Einsatz und die Hingabe, mit der sich die Akteure bewegen, bekommt dadurch eine andere, ganz neue Qualität. Man sieht die Akteure nicht einfach nur tanzen, sondern verbindet Ihre tänzerische Darbietung und den Enthusiasmus mit den Tiefen Ihrer Überzeugungen. Ein völlig neues Zuschauererlebnis.

Die große Leistung von Demis Volpi besteht meiner Meinung nach nicht nur in der Vielfalt und Verschiedenheit der Choreographien, sondern eben insbesondere auch darin, stets die beste Besetzung zu liefern. Überhaupt wird uns eine enorme Bandbreite geboten. Von klassischem Ballett über zeitgenössischen Tanz – was mich an Stücke von Martha Graham erinnert – bis hin zu Tanztheater.

Demis Volpi traut seinen Tänzern einiges zu, fordert sie heraus, führt sie an ihre Grenzen. Hier und da gehen schon mal Synchronitäten verloren oder ein*e Akteur*in verliebt sich in eine Bewegung, dass kurz der Anschluss zur Gruppe hakt. Doch es ist die Begeisterung, wieder auftreten zu dürfen, die da spürbar über die Ufer schwappt und nicht das Bedürfnis nach Selbstdarstellung.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Kontrastreich – wunderbar – auf höchstem Niveau!

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Annette Hausmann über die Premiere von „b.42“

Im Vorfeld hatte ich mich bereits aufgrund der hervorragenden Ballettinszenierungen im vergangenen Jahr auf die Premiere „b.42“ gefreut…- und ich muss sagen: ich wurde in keinster Weise enttäuscht!

Square Dance
Wohl überlegt und passend gewählt beginnt der Ballettabend mit Balanchines neoklassischem Stück „Square Dance“.
Auf den ersten Blick ist es Ballett in seiner „Reinform“.
Sechs Tänzerpaare tanzen geordnet auf einer „requisitenlosen“ Bühne, deren Wand türkis beleuchtet ist. Bekleidet sind sie entsprechend ihrer traditionellen, geschlechterspezifischen Rollen mit körperbetonten Trikots in Form von Röcken bzw. Hosen.
Durch Balanchines bewusste Reduzierung auf das Wesentliche tritt die Handlung in den Hintergrund. Stattdessen wird ein Freiraum geschaffen für das rein Visuell-Auditive, für den Tanz und die wundervolle barocke Musik von Vivaldi und Corelli.
Erst dadurch nehme ich die im Verlauf der Inszenierung mit eingeflossenen Elemente des amerikanischen Volkstanzes „Square Dance“ wahr.
So schweben die Tänzer nicht nur mit einer scheinbar sinnlichen Leichtigkeit über die Bühne, sondern zeigen im nächsten Moment ausdrucksstark und mit einer unglaublichen Schnelligkeit Tanzschritte, Figuren und Formationen, die ich in dieser Kombination bislang noch in keiner Ballettaufführung zu sehen bekommen habe. Insbesondere die expressive Beinarbeit fasziniert mich und mein Blick wird magisch davon angezogen.
Die beiden Solotänze von Sonja Dvorak und Orazio Di Bella, die ebenfalls der ehemalige amerikanische Startänzer Bart Cook einstudiert hat, machen deutlich, wieviel an Disziplin, Präzision, Ausdauer und Kraft von den Tänzern abverlangt wird, um Ballettkunst auf höchstem Niveau präsentieren zu können.

Symphonic Poem
Stille… – Dunkelheit…
So beginnt Remus Şucheanăs Uraufführung „Symphonic Poem“, zu der er sich durch die Komposition „Metacosmos“ der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir hat inspirieren lassen.
Inmitten dieser angespannten Stille erwachen die ersten Tänzer und beginnen sich wie tanzende Schatten über weiche fließende Bewegungen aus ihrer Kauerstellung zu befreien.
Mit Einsetzen der „metacosmischen“ Klänge werden für den Zuschauer allmählich die außergewöhnlichen und bunten Kostüme sichtbar, die an Kobolde oder Fabelwesen erinnern. Anfänglich scheinen die Klänge die Körper dieser Wesen in Bewegung zu setzen, doch im Verlauf der sich entfaltenden Klangwelt werden sie mittels ihrer weichen, leisen und oftmals synchronen Bewegungen eins mit dieser Musik und den dargestellten Naturphänomenen.
Es ist ein Geben und Nehmen, ein Kommen und Gehen…

Şucheană ist es auf geniale Weise gelungen, seine Ballettinszenierung auf drei Ebenen (Orchestergraben, Bühne und über den Tänzern schwebende Schlagzeuger-Podeste) „spielen“ zu lassen, um so den Untergrund, die Erde und den Himmel darzustellen. Chapeau!

Reformationssymphonie
Mit Martin Schläpfers „Reformationssymphonie“ ist der Spannungsbogen des Ballettabends „b.42“ vollendet. Wieviel Tiefgründiges, Sinnliches und zugleich aufwühlend Nachdenkliches in einer Choreographie „stecken“ kann, die eine historische, lutherbezogene Geschichte vom Glauben und (Ver-)Zweifeln erzählt, hat Schläpfer wieder einmal bewiesen.

Gleich zu Beginn werde ich mit Gegensätzen und Kontrasten konfrontiert, die mich spüren lassen, dass ich keine Zeit zum Träumen habe, sondern gesellschaftskritisch mitdenken und konzentriert sein muss.
Wie aus dem dunklen Schein der Nacht treten die Tänzer tippelnd, dynamisch in einheitlichen, enganliegenden schwarzen Trikots auf die Bühne. Die traditionellen Geschlechterrollen verschwimmen… – Männer, die anmutig im Duett miteinander tanzen oder Frauen, die sich impulsiv und lautstark mit schwarzen Spitzenschuhen „Gehör“ verschaffen. Ausgelöst durch diese Art der Inszenierung und die dazu passende, ausdrucksstarke Musik von Mendelssohn-Bartholdy lassen mich die Gedanken vom Drang nach Freiheit, aber gleichzeitigem Gefangensein, von der Individualität und Gleichheit eines jeden Menschen und dem Wunsch nach Harmonie trotz immerwährender Kämpfe nicht los und beschäftigen mich noch nachhaltig.

„b.42“ ist absolut empfehlenswert: kontrastreich – wunderbar – auf höchstem Niveau!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an einer Montessori-Grundschule in Duisburg-Bissingheim, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Der Austausch zwischen den Opernscouts schaffe „eine andere Wahrnehmung von Oper und Ballett“. In ihrer ersten Spielzeit begeistert sie ganz besonders  Martin Schläpfers Ballett „Schwanensee“: „Mit seiner Kraft und Ausdrucksstärke war es eine der genialsten Vorstellungen meines Lebens“.

 

Ein sehr abwechslungsreicher Ballettabend

Cellokonzertch:Martin Schläpfer
Cellokonzert ch:Martin Schläpfer

Stefan Pütz über die Premiere von „b.41“

„Forgotten Land“ von Jiri Kiliáns mit der Sinfonia da Requiem von Benjamin Britten:
Ein phantastisches Bühnenbild, passende Kostüme, bei grandioser Musik:
Sechs Paare tanzen vor einer beeindruckenden, düsteren Meereslandschaft – ein toller Anfang!

Lamentation” und „Steps in the Street” von Martha Graham:
Nun folgt mit Martha Grahams Lamentation ein Stück strenger Konzentration, reduziert auf puristische Kostüme und wenige kraftvolle Gesten.
Auch das zweite Stück Grahams, Steps in the Street, besticht durch klare und drastische Formsprache.
Das Stück wirkt modern und mitreißend und regt zur Diskussion an.

Nach der zweiten Pause kam dann Schläpfers neuestes Werk,zur Musik des zweiten Cellokonzertes von Schostakowitsch:
Wieder einmal wird eine große Geschichte mit enormer Besetzung erzählt, die meines Erachtens nicht zu Ende erzählt wird.
Ein lebendiges Treibens, bunte Kostüme, sehr viele Aktionen und  viele parallel verlaufende Geschichten, aber kein wirklicher Erzählstrang …
Einen roten Faden konnte ich nicht erkennen aber das ist nicht immer wichtig …

Da dieses Stück einen starken Kontrapunkt zu den vorherigen „strengen“ Stücken bildete, war der Abend für mich ein großer Genuss …

Stefan_Pütz

Stefan Pütz
Inhaber von „Buch in Bilk“

Den Namen Stefan Pütz verbindet man mit „Buch in Bilk“, einer Buchhandlung in Unterbilk. Bei Kulturveranstaltungen ist er gern mit einem Büchertisch präsent, denn direkter Kontakt zu Kunden und persönliche Beratung sind ihm wichtig. Wichtig ist ihm jetzt – nach langer Abstinenz – auch wieder die Begegnung mit Oper und Ballett. Wagner Inszenierungen findet er grundsätzlich nicht sonderlich unterhaltsam, vom Ring am Rhein war er allerdings hellauf begeistert. Die Wagner Inszenierungen der Deutschen Oper am Rhein sind „besser als anderswo“.

Ein großartiger Ballettabend

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Michael Menge über die Premiere von „b.42“

Ein Premierenabend, von dem der Klang der Bewegungen in mir lange nachhallen wird.

Blau, Grau und klar beginnt die Vorstellung mit einem Ballett von George Balanchine, das durch die Reduktion auf den absoluten Ausdruck des Körpers die Musik für das Publikum sichtbar werden lässt. Die klassische Choreografie die ihre beeindruckende Tiefe durch Präzision erzeugt, wird durch witzige und lebendige Elemente die die naive Freude an der Bewegung ausdrücken überraschend nahbar. Man bekommt den Eindruck, dass dem Betrachter*in ein leichterer Zugang geschenkt wird, da er/sie sich in seiner/ihrer fehlerhaften Menschlichkeit wieder erkennt.

Natur, Glitzer und Weiblichkeit bestimmen die zweite Choreografie des Abends zu der Musik von Anna Thorvaldsdottir die einen zu Beginn erst mal mit einer endlosen Stille alleine lässt.
Die Basis der ersten Ballett-Aufführung bestand aus einer klaren Struktur zwischen den Geschlechtern, der Reduktion auf den Menschen und der Visualisierung von Musik. Die Ballettchoreografie von Remus Şucheană hat mit diesen Parametern nur wenig zu tun. Er inszeniert Mutternatur durch eine in den Mittelpunkt gestellte Weiblichkeit der Tänzerinnen neben denen die männlichen Künstler nur eine schüchterne Nebenrolle spielen. Die Musik von Anna Thorvaldsdottir beginnt sehr vorsichtig und sanft und steigert sich im Laufe der Inszenierung zu einem komplexen und dramatischen Klanggebäude was die Tänzer*innen für Ihre Bewegungen nutzen.

Das Spiel mit nicht definierten oder vertauschten Geschlechterrollen, der Kampf um Individualität und die bedrohliche Kraft der Masse in einem leeren Raum bestimmen die Dramatik des Stückes von Martin Schläpfer. Man bekommt den Eindruck, dass es nicht um den Ausdruck und die Bewegung geht, aus denen die Choreografie besteht, sondern dass Martin Schläpfer sein Ballett von der Reduktion auf die körperliche Kraft der Tänzer*innen befreit und dadurch einen Schritt weiter geht als die beiden anderen Inszenierungen. Damit bildet diese Choreografie zu der komplexen und vielfältigen Musik von Mendelssohn einen grandiosen Abschluss.

Die kuratierte Abfolge der drei Ballettchoreografien macht diesen Abend zu etwas Großartigem.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Michael Menge
Selbstständiger Grafikdesigner

Michael Menge ist Inhaber der Designagentur „Oppa Franz“ aus Duisburg. Im Dialog mit seinen Kunden schaut der Art Direktor und Designer genau hin: „Es geht uns um den ganzheitlichen Charakter eines Unternehmens. Denn interessante Persönlichkeiten sind nicht perfekt – und spannende Marken auch nicht.“ Als Opernneuling gestartet, hat er an dieser Kunstform großen Gefallen gefunden: „Duisburg bietet vielschichtiges, modernes Musiktheater und kann auf dieses Angebot sehr stolz sein.“

Sehr gelungener Abend!

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Christiane Hain über die Premiere von „b.42“

Ein dreiteiliger Ballettabend, der so unterschiedlich ist und doch die Lust und Kunst an der Umsetzung des Tanzes zur Musik vereint.

Den Auftakt macht George Balanchines ‚Square Dance‘ – Eine Mischung von bekannter barocker Musik von Vivaldi und Corelli, des akademischen, klassischen Balletts, einem amerikanischen Volkstanz und einer schlichten blauen Bühne. Die Duisburger Balletcompanie setzt hervorragend die technisch sehr anspruchsvolle Choreografie bei hohem Tempo um. Man muss sich bei der New York City Ballett Stiftung bewerben, und nur wenn man technisch gut genug ist, werden die Stücke mit einem Ex Tänzer des Balletts – in diesem Falle ist es Bart Cook – einstudiert. Dies allein spricht schon für sich. Neoklassisistische Ballette von Balanchine stehen für reines Ballett, nur auf das Notwendigste reduziert, d.h. kein Bühnenbild und einfache, aber wirkungsvolle Kostüme der Tänzer, bei denen man jedem Muskel bewundern kann. Vom amerikanischen Square Dance erkennt man gewisse Strukturen, die Solisten übernehmen teilweise die Funktion des Callers und so vermischen sich Soli und Tanz des Corps de Ballett sehr harmonisch. Im Gegensatz zum klassischen Ballett werden die einzelnen Bewegungen nicht ganz bis zum letzten Präzision ausgeführt oder es werden Figuren aus dem Volkstanz in klassische Bewegungen umgesetzt.

Im Gegensatz dazu steht die Uraufführungvon ‚Symphonic Poem‘ der Choreografie des Ballettdirektors Remus Sucheana (ein ehemaliger Tänzer der Companie) bei seiner Inszenierung einer isländischen zeitgenössischen Musik von Anna Thorvaldsdottir. Die Bühne ist effektvoll mit Licht ausgeleuchtet. Die Tänzer und Musiker teilen sich auf drei Ebenden auf. Drei Schlagzeuger schweben auf der Bühne, die anderen Musiker sind im Orcherstergraben und in der Mitte befinden sich die Tänzer. Diese tragen erdfarbende Kostüme wobei die Männer eher schlichte Kutten tragen und die Frauen – märchenhafte, aufwendige geschnittene Kleidung und somit scheinen eher Wesen als Menschen auf der Bühne zu tanzen. Der Beginn ist schon sehr ungewöhnlich, da die Tänzer minutenlang ohne Musik tanzen und beim Zuschauer sich die Spannung auf die Musik, den ersten Ton erhöht. Dieses Stück ist eher ausdruckstänzerisch geprägt. Der Tanz ist anfänglich leicht und beschwingt und steigert sich im Lauf des Stückes. Die Musik ist bei weitem nicht so harmonisch wie die barocke Musik, aber sehr außergewöhnlich und so gegensätzlich und gewaltig, wie die Natur in Island.

Den Schlusspunkt bildet Martin Schläpfers zeitgenössische Interpretation von Mendelsohns Reformationsymphonie –eine geistliche, tragende Musik, die nicht so eingängig ist, wie Corelli oder Vivaldi. Die Tänzer sind in schwarze Trikots gekleidet. Ein Bühnenbild gibt es nicht. Als Zuschauer kann man sich ganz auf die Tänzer und deren Bewegungen zur Musik konzentrieren. Die Bewegungen, die Schläpfer seine Tänzer ausüben lässt, sind teilweise sehr ungewöhnlich, überraschend für ein Ballett, passen aber hervorragend zur Musik und sind ein Markenzeichen des Choreographen. Es ist ungewöhnlich Männer in Frauen Posen zu sehen und auch Frauen, die in schwarzen Spitzenschuhen tanzen, diese aber nicht zart und leise nutzen, sondern hart in den Boden rammen. Frauen übernehmen scheinbar die Männerrolle.  Ein Stück voller Gegensätze.

Sehr gelungener Abend!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Christiane Hain
Application Managerin

Christiane Hain arbeitet im IT-Bereich einer Bank in Düsseldorf. Sie ist in der Neckarstraße Duisburg aufgewachsen – in Sichtweise des Theaters, das ein fester Bestandteil im Familienleben war: Die Großmutter, die Eltern, die Schwester und sie selbst – alle waren regelmäßige Theaterbesucher. Ihre Tätigkeit als Opernscout führt dazu, dass sie wieder bewusster ins Theater geht und die Aufführungen als einen wichtigen Ausgleich zum Berufsleben betrachtet.

Eine Empfehlung – „b.42“!

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Dagmar Ohlwein über die Premiere von „b.42“

Dieser Ballettabend hat bei mir, eine wenig erfahrene Ballett-Zuschauerin, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Bis auf Martin Schläpfer waren mir die beiden weiteren Choreographen des Ballettabends unbekannt.

Im ersten Stück des Abends „Square Dance“ von George Balanchine wurde die Musik von Antonio Vivaldi und Arcangelo Corelli vertanzt. Die Künstler erschienen in transparenten, weissen/grauen Kostümen auf der Bühne. Der Tanz wirkte leicht und unangestrengt, mehr im klassischen Ballettstil angesiedelt als im modernen Ballett. Erst im weiteren Verlauf der tänzerischen Darbietungen wurde mir die Verbindung zum amerikanischen Square Dance deutlicher. Die rechteckige Anordnung der Tanzpaare, die im schnellen Wechsel stattfindenden Neuformationen rechtfertigten den Titel dieser Choreographie. Am Schluss der Aufführung erschienen die 4 Soloviolinisten auf der Bühne, wie es bei einem typischen amerikanischen Square Dance Abend üblich ist. Dieses Angleichen eines volkstümlichen Tanzes in die Ballettwelt ist großartig. Sowohl die TänzerInnen als auch die Musiker waren hervorragend in der gesamten Umsetzung dieses Stückes.

Das zweite Ballett „Symphonic Poem“ unter der Choreographie  von Remus Şucheană beeindruckte mich mit seiner Musik und den Kostümen der TänzerInnen besonders. Metacosmos von Anna Thorvaldsdottir war nicht „atonal“, wie ich es befürchtet hatte, sondern eine für mich sehr eindringliche, emotionale Musik. Die Komposition allein ruft Bilder einer wilden Natur und elementarer Gewalten wach. Sie wurde durch den Tanz und durch die starken Farben der Kostüme noch lebendiger. Die Verkörperung der Elemente, die aus vermeintlich tiefem Schlaf in wilde, ungebändigte Bewegungen aufbrechen, war phantastisch. Die optischen Effekte dieses Balletts im Zusammenhang mit dem über der Bühne freischwebenden Schlagzeugensemble bildeten für mich eine Einheit mit dem Können und den Darbietungen der TänzerInnen. Das tänzerische Können aller Protagonisten war im ersten Stück des Abends deutlich sichtbarer, für mich bei Symphonic Poem allerdings nicht weniger großartig.

Martin Schläpfers Reformationssymphonie war insgesamt für mich gesehen der Höhepunkt des Abends. Die in meinen Augen unübertroffene Kunst Herrn Schläpfers in einem Ballett so viel Emotionalität, so viel Tiefe und Eindringlichkeit zu schaffen, kam auch hier wieder zum Ausdruck. In der Schläpfer Kompanie wirkt jeder Tänzer, sich seiner Verantwortung zeitgenössische und ausdrucksstarke Tanzkunst zu zeigen, sehr bewusst. Kerstin Feig und Julie Thirault verstanden es, das in dieser Einstudierung herauszuarbeiten. Durch die tänzerische Darbietung wurde mir die Felix Mendelsohn Bartholdy Sinfonie näher gebracht. Wie viel in einer Ballettaufführung steckt und welch hohe Kunst es ist, tänzerisch Themen darzustellen, ist mir an diesem Ballettabend  in großartiger Weise klar geworden. Eine Empfehlung – „b.42“!

Dagmar_Ohlwein

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin ist gerade im Ruhestand angekommen und widmet nun einen großen Teil ihrer Zeit der Kultur. Das heißt für sie regelmäßig diverse Kulturangebote warzunehmen. Als Jugendliche hat sie „direkt um die Ecke“ vom Theater Duisburg gelebt und so schon immer viel Kontakt zur Kunst gehabt. Sie ist sehr gespannt auf ihr erstes Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2019/20.

Einfach genial!

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Vinuar Amuka über die Premiere von „b.42“

Die Aufführung „b.42“ vereint drei einzelne Ballettstücke, die von unterschiedlichen Richtungen geprägt sind.

Zu Beginn wird das Ballettstück „Square Dance“ von George Balanchine aufgeführt.
Es ist klassisch geprägt, mit schlichter Kostümierung, die die Körper der Tänzer in den Vordergrund stellen soll.
Die Licht- und Schattenspiele betonen die Proportionen der darstellenden Tänzer, die anmutig und adrett eine fröhliche und idealisierte Welt dem Zuschauer präsentieren.
Die Leichtigkeit, der teils schwebende Anblick der Tänzer, setzt eine Präzision der Darbietung voraus und spricht für eine hohe tänzerische Fähigkeit des Ensembles.

Darauf folgend wird das Ballettstück „Symphonic Poem“ von Remus Şucheană aufgeführt.
Die ersten Minuten werden musikalisch nicht begleitet und sind von Stille geprägt.
Gespannt wartet man auf den Anfang der Musik und versucht gleichzeitig im Dunkeln der Bühne die Silhouetten der Tänzer zu erkennen.
Überraschend zeigen sich Bewegungen aus dem Bühnenbild heraus, die dann als Tänzer hervortreten.
Die Kostümierung der Tänzerinnen sind in Naturtönen gehalten, entfalten sich organisch und in sich verschlungen nach außen.
Die Kostümierung der Tänzer sind ebenfalls in Naturtönen gehalten, sind aber entlang des Körpers geschnitten.
Die Musik von Anna Thorvaldsdottir nimmt die Tänzer auf, umhüllt sie und trägt sie mit sich. Ähnlich einer Welle, die aufwirbelt und mitträgt, entwickelt sich im fließenden Übergang der Tanz der Darsteller hin zu einer aufbrausenden Brandung ins Finale.
Von Anfang an dominiert die Weiblichkeit durch die kraftvolle und maskuline Darstellung der Tänzerinnen.
Die Darbietung erzeugt Spannung, fesselt und macht neugierig auf die Entwicklung der Handlung.

Zuletzt wird das Ballettstück „Reformationssymphonie“ von Martin Schläpfer aufgeführt.
Zu Beginn führen männliche Tänzer im Duett eine weiblich anmutende Choreografie auf. Das Duett erweitert sich bis hin zum Ensemble.
Die Tänzer sind schwarz kostümiert, sogar die Spitzenschuhe der Tänzerinnen sind in schwarz gehalten. Das Bühnenbild ist ebenfalls in schwarz gehalten.
Die Rollen der Tänzer werden durch Lichteffekte betont. Hierbei dominiert zuerst die Weiblichkeit, die sich durch das Auftippen der Ballettschläppchen hörbar macht, militärisch ähnlich.
Die Tanzgruppe wird im Verlauf der Handlung zunehmend homogener im Ausdruck und geschlechtsunspezifischer in der Darstellung, fokussierend auf ein Tanzpaar, das im Tanz auseinander driftet.
Während die Frau nach dem Ablösen vom Mann in der Gruppe aufgeht, verzweifelt der Mann und geht von der Masse ausgestoßen zugrunde.
Es bleibt unbeantwortet, ob der Mann durch die Ablösung der Frau oder durch die bestimmende und abweisende Masse verzweifelt und zugrunde geht.
Gerade diese letzte Szene wirkt verstörend sowie aufregend auf den Zuschauer und hinterlässt die Erwartung an einer Lösung. Dieses Ballettstück ist einfach genial und exzellent!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Vinuar Amuka
Sozialpädagogische Familienhelferin

Die 37 jährige Irakerin lebt seit ihrer Jugend in Deutschland und arbeitet als sozialpädagogische Familienhelferin. Sie hegt eine starke Begeisterung für Oper und Ballett. Um Inszenierungen besser bewerten und nachvollziehen zu können nimmt sie Gesangs- und Klavierunterricht. Als Scout erhofft sie sich die Oper noch intensiver zu erleben und wahrzunehmen. Sie findet, dass man in der Oper „vielem aus dem realen Leben begegnet, aber ganz anders damit umgeht“.

Es darf gestaunt, geschmunzelt und applaudiert werden

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Ballett der Staatsoper Hannover „Daphnis / Lost Love“ ein Ballettabend von Jörg Mannes

Jürgen Ingenhaag über die Premiere von „b.42“

„b.42“ hat das, was einen kurzweiligen Ballettabend ausmacht: mal klassisch-schön oder experimentell, mal bunt oder schwarz-weiß. Es darf gestaunt, zwischendurch applaudiert und sogar geschmunzelt werden.

Großartige Tanzkunst und vollkommene Körper gibt es bei „Square Dance“ von George Balanchine zu bestaunen. Das Wechselspiel von Ensemble- und Solo-Tanz zu den schnellen und langsamen Sätzen der Barockmusik ist stimmig.

Beim „Symphonic Poem“ von Remus Şucheană wird Neuland zwischen Feuer und Eis betreten. Nach langer Stille setzt die experimentelle Musik der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir ein. Die Tänzer in ihren futuristischen und farbigen Kostümen sind eine Augenweide, allen voran Marlúcia do Amaral. Auch das Bühnenbild beeindruckt, und ganz toll finde ich die Idee der drei Podeste mit den „Schießbuden“ der drei Schlagwerker um Kersten Stahlbaum & Co.

Nach der zweiten Pause folgt Martin Schläpfers Choreographie „Reformationssymphonie“, die man vielleicht bald zu seinen Klassikern zählen darf. Es ist faszinierend, dass sich die Tänzer sowohl leicht als auch kraftvoll auf Zehenspitzen bewegen können. Diese Inszenierung lebt auch durch den Schwarz-Weiß-Kontrast – „aus dem Licht ins Dunkel“ oder umgekehrt?

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Jürgen Ingenhaag
Fachkraft für Arbeitssicherheit

Als Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert Jürgen Ingenhaag klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Als Opernscout versteht er sich als „Botschafter für das Theater Duisburg“. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge“. Seine Leidenschaft für Rock- und Popmusik hat ihn nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden.

Größte Vielfalt für Auge und Ohr

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von „b.42“

Der neue Ballettabend „b.42“ ist ein beeindruckendes ästhetisches Erlebnis. Dreiteilig angelegt bietet der Abend größte Vielfalt für Auge und Ohr, spannende musikalische und tänzerische Variation. Den Anfang macht George Balanchines Ballett Square Dance: 1957 in New York uraufgeführt, im Ablauf und Kostümen aber bis heute unverändert, ist es in seiner schlichten, tänzerisch reinen und reduzierten Art ein wunderbarer Auftakt. Die freie, ganz undekorierte und nur sanft-fahl beleuchtete Bühne ist der Schauplatz für sechs Tänzerpaare, die in weißen hautengen Anzügen/Trikots und Spitzenschuhen eine vierteilige Tanz-„Revue“ zeigen. Nach „klassischem Ballett“ sieht es aus und einen Moment lang unerwartet und überraschend wirkt dazu die barocke Musik von Vivaldi und Corelli. Balanchines Devise „ein Ballett mag eine Handlung haben, aber das visuelle Spiel, nicht die Handlung ist wesentlich“ wird sichtbar: Die vier Teile des Balletts, bestehend aus Ensembles in verschiedenen Variationen, Pas de Deux sowie auch Soli, entführen in eine Welt, in der es weniger um das Erzählen einer Geschichte geht, sondern um das Wahrnehmen von Bildern und die Freude an der geordneten künstlerisch gestalteten Bewegung.

Musikalisch neu und fremd kommt das zweite Ballett daher: das Werk Metacosmos der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir, ein Klang- und Geräuschwirrwarr mit übereinandergeschichteten Tönen, Klangfetzen Melodiefragmenten dient Remus Șucheană für sein ästhetisch aufregendes Ballett Symphonic Poem, das hier uraufgeführt wurde. Aufwendige Kostüme mit weiten Trompetenärmeln, unkonventionellen Hüten fesseln das Auge und laden zum wilden Assoziieren ein… Eine ideenreiche Bewegungswelt eröffnet Remus Șucheană über die ersten 10 Minuten des Werkes hinweg, in denen sich von einem einzigen leisen tiefen Ton ausgehend eine groß angelegte vielfach dissonante Steigerung aufbaut. Nach dem wüsten Höhepunkt, auf dem sich die Welle gebrochen hat (in einem nach erlösenden großen Unisono des Orchesters), ebbt die Welle langsam ab und kommt in kleinen Bewegungen zur Ruhe.

Martin Schläpfers puristische Reformationssymphonie vollendet die Trias des Abends. Zum dritten Mal wählt er ein symphonisches Werk für eine Choreographie und sagt: Eine Sinfonie als Ballett funktioniert nur, wenn alle Tänzerinnen und Tänzer realisieren, wie wesentlich ihre Energie, ihr Geist ist, sich alle wie die einzelnen Stimmen im Orchester zu einem Ganzen fügen…“. Und sein Anspruch, „sich dem orchestralen Klang entgegenzustellen – ihm zu begegnen durch Präsenz, Magie, Fokus und nicht allein durch körperliche Kraft“, ist vollends erfüllt, die Compagnie setzt das präzise und überzeugend um. In schwarze, enge Anzüge gekleidet verschwindet der Unterschied zwischen Männern und Frauen, die Tänzerschar bildet eine Einheit, formiert sich ständig neu, stetig auf der Suche nach den tieferen Fragen des Menschseins… Ein einzelnes Solo kurz vor Ende, intensiv und eindringlich wie ein Gebet getanzt, lässt auch die sakrale Komponente der Reformationssymphonie augenfällig werden. Die schlicht blau beleuchtete Bühne, die Tänzer in schwarzem Kostüm und eine bis ins Detail ausgefeilte und nach dem Gehalt der  Musik horchende Choreographie: das ist tief beeindruckend und gibt reichlich zum Nachdenken und „Heraus- bzw. Hineinlesen“ mit auf den Weg… Eine große Bereicherung.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Der ganze Abend ein Gesamtkunstwerk

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Mila Langbehn über die Premiere von „b.42“

Was für eine faszinierende Komposition diese drei Werke miteinander ergeben, ein zutiefst berührendes Gesamtkunstwerk!

Im Licht der blauen Stunde beginnt der Abend mit einer sinnlich-locker-lässig-eleganten Variante des klassischen Balletts. Der Tanz als Verbildlichung von Klang, zeigt sich hier ganz im Dienste der lyrischen Musik: in vielen Sprüngen, scheinbar von Schwerkraft befreit und in langen Armen, die weiche Wellen in den Raum zeichnen. Die Kostüme sind wie eine zweite Haut, hell pastellfarben, den Körper umschmeichelnd. Das weiche Licht auf den geschmeidig Tanzenden wird durch das strahlende Türkisblau der Kulisse gesteigert.

Danach wird es dunkel, aber farbenreicher: wesenhaft, fast animalisch bevölkern die Tanzenden die Bühne. Das kunstvoll gemalte Bühnenbild erinnert mich an Astwerk im Wind. In diesem stark die Phantasie anregenden Stück erscheinen die Tanzenden in ihren aufwendigen Kostümen teils wie Fische oder Vögel, teils wie rollende Findlinge oder Wellen. Die abstrakte Musik nehme ich kaum wahr, wie eine gelungene Filmmusik verschmilzt sie einfach mit dem Geschehen. Und das, obwohl drei Musiker äußerst präsent über dem Geschehen schweben.

Im letzten Stück befinden wir uns wiederum in einer sehr handfesten Welt der Körperkraft, menschlicher Leidenschaft und hartem Schwarz-Weiß. Sehr spannungsreich lösen sich die weißen Körper aus dem tiefen Schatten der Kulisse und verschwinden wieder darin. Die Grenzen zum Tanztheater werden überschritten, große Gesten knallen ins grelle Streiflicht. Hier erleben wir Muskelmacht und Kraft! Dieses Stück ist so wuchtig wie das erste zart ist, so laut wie das zweite leise ist.

Vieles gäbe es noch zu sagen über diesen sinnesbetörenden Abend mit Standing Ovations. Ein Detail nur zum Schluss: In der Dichte sinnlicher Eleganz und dramatischer Düsternis war dennoch Platz für Humor, für drollig-trollhaft Marschierende oder eine freche Primaballerina, die X-Beine macht. Perfekt!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Mila Langbehn
Landart-Künstlerin

Die selbstständige Landart-Künstlerin hat als Amateur-Tänzerin mit klassischer Ausbildung selbst öfter auf der Bühne gestanden. Heute beschäftigt sie sich mit Landschaftskunst. Kunstaustellungen. Beim Theatererlebnis fasziniert sie insbesondere das Zusammenspiel aus den verschiedenen Komponenten Musik, Kostüm, Bühnenbild und Gesang. Besuche im Theater sind für sie ein angenehmer Gegensatz zum alltäglichen Leben und aus den Vorstellungen zieht sie oft auch Inspiration und Vergleicht diese mit ihrer eigenen Arbeit.

Eine wundervolle Komposition

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Miriam Kasten über die Premiere von „b.42“

Als eingefleischter Ballett-Fan habe ich mich sehr auf „b.42“ gefreut. Choreographien von Balanchine haben mich schon als Kind begeistert und auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht. Balanchine ist Ballett in Perfektion. Den Tänzern wird alles abverlangt. Es ist eine perfekte Mischung aus Leichtigkeit und Eleganz gepaart mit großen Gesten und Stärke. Durchweg sind die Tänzer hoch Konzentriert und strahlen dennoch sehr die Freude aus die sie bei diesem Stück haben. Das Bühnenbild ist lediglich eine blaue Wand und sonst nur die nackte Bühne. Es wird sich auf das wesentliche konzentriert was ich für perfekt halte. Die Kostüme sind ein transparenter Hauch von nichts damit die Körper perfekt zur Geltung kommen. Der Applaus und die Bravo rufe am Ende dieses Teils sprechen für sich.

Der zweite Teil des Abends von Remus Sucheana startet düster und still. Lediglich Umrisse von einigen wenigen Tänzern sind auf der Bühne zu erkennen. Es bleibt sehr lange still, ein mutiger Zug von Sucheana, eine schwere Aufgabe für das Publikum. Nur ganz langsam werden einige Lichtstreifen auf der Bühne hell und dazu startet eine Klangwelt der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir. Ebenso langsam steigert sich der Tanz von vorsichtigen Bewegungen bis hin zu einem Vulkanausbruch. Island ist allgegenwärtig, ebenso im Bühnenbild bei dem man an Schnee und schwarzes Vulkangestein denken muss. Eine wundervolle Komposition in der Musk und Tanz Eins werden.

Den Abschluss macht Martin Schläpfers Reformationssymphonie. Von Beginn an eine sehr kraftvolle Choreographie. Die Tänzer allesamt in den gleichen schwarzen Trikots. Die Herren tanzen filigran, die Damen poltern schweren Schrittes in schwarzen Spitzenschuhen auf die Bühne. Die Geschlechterrolle ist getauscht und verschwimmt schließlich. Lediglich die unkoordinierte Darstellung des verzweifelten Luthers passt mir nicht ins Bild und lenkt mich vom restlichen Tanz ab. Auf der Bühne sucht man vergeblich ein Bühnenbild. Es gibt keins. Auch hier steht der Tanz absolut im Vordergrund.

Über den kompletten Abend bringen alle Tänzer eine tief beeindruckende Leistung. Scheinbar Minuten lang stehen sie unbewegt auf den Spitzen. Das Gesamtbild ist wunderschön und durch die hervorragende Leistung der Philharmoniker wird es zu einem echten Erlebnis. Von mir eine ganz klare Empfehlung.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Myriam Kasten
Projektmanagerin Tourismus bei Duisburg Kontor GmbH

Die gelernte Fotografin hat die Liebe zu ihrer Heimatstadt zum Beruf gemacht: Als Projektmanagerin im Bereich Tourismus gibt sie ihre eigene Begeisterung für die Stadt an Besuchergruppen weiter. Für sie ist das Theater Duisburg einer der großen Anziehungspunkte der Stadt. Als großer Ballettfan hat sie Martin Schläpfers „Schwanensee“ in der Spielzeit 2018/19 positiv überrascht und die „Götterdämmerung“ in der Mercatorhalle vollkommen begeistert.

Es ist ein Abschied aber kein dramatischer

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Karolina Wais über „b.41“

FORGOTTEN LAND von Jiří Kylián
Das Bühnenbild begeistert mich. Es ist das Meer, je nach Beleuchtung wütend und kraftvoll oder still und delikat. Anfangs ist es ganz still als die Tänzer zu tanzen beginnen, so dass der Tanz förmlich zu hören ist. Die Kostüme sind aus fließenden Stoffen gefertigt. Ich bin hingerissen von der Stimmigkeit der ganzen Aufführung. Das Bühnenbild, die Kostüme, die Musik und der Tanz stehen einzeln für das Meer, für dessen Wucht und Ruhe. Zusammen ergeben sie eine perfekte Darstellung des Meeres und dessen Kraft.
Ich erinnere mich wie gerne ich das Meer in all seinen Facetten betrachte.

LAMENTATION / STEPS IN THE STREET von Marta Graham
Kantig. Das kommt mir in den Sinn. Eine Wehklage aber darf und muss kantig sein. Die Tänzerin trägt ein schlauchförmiges Kleid, das jede ihrer Bewegungen unterstreicht. Sie wiegt sich hin und her, ist wie in ihrem Kleid gefangen, versucht sich zu befreien. Sie lamentiert tanzend und das so gut, dass ich das Gefühl habe sie zeigt ihren inneren Kampf. Die Musik unterstreicht diese Zerrissenheit perfekt.

Wieder Stille, die Tänzerinnen bewegen sich langsam, mit gekreuzten Armen rückwärts auf der Bühne bis eine übrig bleibt. Ich höre den Tanz ohne Musik so gerne. Gemeinsam tanzen sie einen imaginären Kampf, der von der Musik perfekt unterstrichen wird. Ich bin ein Fan von Martha Graham.

CELLOKONZERT von Martin Schläpfer
Alle Kostüme sind delikat im gleichen Ton gehalten, doch niemand trägt das gleiche Kostüm. Das Bühnenbild finde ich unruhig, was in mir zu Anfang auch etwas Unruhe auslöst. Ich weiß nicht wo ich hinblicken und wohin ich meine Konzentration lenken soll.
Im Verlauf des Stückes findet die komplette Kompanie zeitweilig Platz auf der Bühne und es finden verschiedene Tänze in verschiedenen Gruppierungen statt. Am Ende verlassen Einzelne die Bühne, manche zögernd, manche entschlossen, ein Rest bleibt.
Ich erinnere mich an ein Interview mit Martin Schläpfer in dem er sagt, es ginge um Abschied aber keinen dramatischen. So finde ich für mich einen Bezug zu dem Stück. Eine Kompanie erschafft erst gemeinsam getragen von einzelnen Tänzern ein gesamtes Stück. Über die Jahre hinweg sind viele verschiedene Stücke in verschiedenen Konstellationen der Mitglieder entstanden und aufgeführt worden. Und jetzt trennen sich ihre Wege. Es ist ein Abschied aber kein dramatischer.

Insgesamt ist es ein hinreißender Ballettabend.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Großes Spektakel zum Schluss

Forgitten Land ch: Jiri Kylian
Forgotten Land ch: Jiri Kylian

Sandra Christmann über die Premiere von „b.41“

Ich bin verliebt. In einen Choreographen:

Jiří Kylián. – Um genauer zu sein in seine Choreographie.

Nicht eine einzige Sekunde habe ich geblinzelt. Sensationelle Kostüme, ich werde John F. Macfarlane auflauern müssen, so wunderschön sind die Kleider der Tänzerinnen. Atemberaubend.
Dass sich diese Choreographie mit den Gewalten mit Substanziellem beschäftigt, wird uns von der ersten Bewegung an klar. Gewaltig und hingebungsvoll, perfekt. Ich meine nicht nur die Perfektion der tänzerischen Leistung, sondern die Perfektion der Überraschung dieser Inszenierung.
Neue Bewegungen, neues Zusammenspiel, raffinierte Passagen, es verlangt große Konzentration das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren, wenn die einzelnen Protagonisten brillieren. Bewunderung trifft da mein Gefühl.
Was für ein Glück zuzuschauen.
Mutig das Emsemble ins Pas de deux mit Benjamin Brittens „Sinfonia da Requiem op. 20“ zu schicken, aber es geht auf.
Die 6 Paare tanzen leidenschaftlich und schneidend präzise um ihr Leben und das mit einer Eleganz und scheinbaren Leichtigkeit, dass es einen zutiefst ergreift, mitnimmt und berührt. Grandios!!!!!
Überhaupt ist der gesamte Ballettabend von unfassbar großer Profession und Ergreifung geprägt.

Auf eine sicherlich andere Art bei „Lamentation“ von Martha Graham. Das war ein kurzes Moment mit Camille Andriot, sehr  künstlerisch, athletisch, leise in den Bewegungen, sehr fein und dann auch schon wieder vorbei. Aber es musste gesehen werden. Interessant und Anmutig.

Female Power auch in „Steps in the Street”. Schöne Choreopraphie und eine schöne Lichtinstallation. Wun Sze Chan ist natürlich nicht das erste Mal eine herausragende Größe des Ensembles, sie  ist mit jeder Bewegung  so unfassbar überzeugend und stark. Ich bin ein Fan.
Insgesamt: eine energische kraftvolle, fast militärische Choreographie.
Eine gute Entscheidung die Kostüme, schlicht und schwarz zu kreieren.

Das große Spektakel zum Schluss, Martin Schläpfers letzte Kreation „Cellokonzert“ ist eine Choreographie für das gesamte Ensemble.
Wieder wunderbare Kostüme, diese von Hélène Vergnes. Ein wenig 20er Jahre Anmutung, lasziv, betont, schöne dezente Farbspiele.
Die Choreographie ist spektakulär an Varianz:  Soli, Pas de deux, dann wieder das gesamte Ensemble, ebenfalls ergreifend, aber anders als „Forgotten Land“, dass an diesem Abend nun mal nicht mehr zu erreichen ist.
Dennoch genauso überraschend. Lange, wunderschöne Choreografien, die sich meines Erachtens perfekt mit dem Cello paaren.

Herausragend: Marcos Menha.

Ich hatte das schon zum Saisonende geschrieben und knüpfe da wieder an:
Das Ballettensemble der deutschen Oper am Rhein hat Weltklasse.

Sandra_Christmann

Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair Internantional GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Abschiedsstimmung

Cellokonzertch:Martin Schläpfer
Cellokonzert ch:Martin Schläpfer

Helma Kremer über die Premiere von „b.41“

Am 16. Oktober 2009 wurde mit b.01 die erste Ballettpremiere von Martin Schläpfer in der Deutschen Oper am Rhein gezeigt, mit einer Uraufführung von Martin Schläpfer („3. Sinfonie von Lutoslawski“). Es war meine erste Schläpfer-Vorstellung und wirkte, nach 13 Jahren Handlungsballett in Düsseldorf unter Ballett-Direktor Youri Vamos, auf mich wie ein befreiendes Frühlingsgewitter. Ich war sofort Schläpfer-Fan. Beinahe genau zehn Jahre nach dem Besuch von b.01 sehe ich – vierzig Vorstellungen später – b.41. Der Abend ist bereits geprägt von Abschiedsstimmung. Die Themenauswahl – Tod, Trauer und Krieg – unterstreichen dieses Gefühl und ebenso die Musikauswahl: „Sinfonia da Requiem“ und „Cellokonzert“, eine der letzten Kompositionen von Schostakowitsch. Nicht zuletzt ist es die letzte Uraufführung von Martin Schläpfer in Düsseldorf.

„Forgotten Land“ (Jirí Kylián)
Die herrliche Musik, die „Sinfonia da Requiem“ von Benjamin Britten, bietet alle Facetten eines großen Musik-Dramas. Auch das Bühnenbild beeindruckt mich sehr: Wenngleich das Meer sein zentrales Element ist, weckt es in mir auch Assoziationen zum Hades. Die langen Kleider der Tänzerinnen in den fließenden Stoffen schmiegen sich um die Bewegungen und lassen sie manchmal eher erahnen als erkennen, was dem Tanz hier etwas Geheimnisvolles und Erhabenes gibt. Ganz besonders gut gefällt mir Alexandra Liashenko.

„Lamentation“ und „Steps in the Street“ (Martha Graham)
Eine Solo-Tänzerin sitzt auf einer Bank. Ihre Bewegung zum Klavierstück op 3 Nr. 2 von Zoltán Kodály werden eingeschränkt durch den lilafarbenen Stoff-Schlauch, in welchem sie steckt. So wie das Gefühl von Trauer und Schmerz den Blick auf die Welt trübt und es unmöglich macht, sich frei durch diese zu bewegen. Dieses Stück ist in seiner Deutlichkeit so beklemmend wie Edvard Munchs Bild „Der Schrei“. Und die Protagonisten ähneln sich sogar.
Nach der Engführung in „Lamentation“ erscheinen sowohl die Klänge der Musik als auch die Bewegungen der Tänzerinnen in „Steps in the Street“ belebend, aber nur im ersten Moment. Immer stärker entwickelt sich das Gefühl eines großen Unbehagens, denn immer militärischer wird die Musik, immer uniformer und mechanischer der Tanz. Die Tänzerinnen in schwarz erinnern mich in ihrer Erscheinung und ihren Bewegungen an die schwebenden Wudang-Kämpfer(-innen) aus dem Film „Tiger and Dragon“ meines Lieblingsregisseurs Ang Lee. Ich kannte Martha Graham noch nicht und bin begeistert. Seit der Premiere habe ich viel über sie im Internet gelesen. Mir gefällt ihre Charakterisierung von Tanz: „Dance is the hidden language of the soul.“

„Cellokonzert“ (Uraufführung von Martin Schläpfer)
In diesem Stück holt Martin Schläpfer die gesamte Compagnie auf die Bühne und erweist so ihr und den letzten 10 Jahren in Düsseldorf seine Referenz. Und auch der Spitzentanz kommt nun zum ersten Mal zum Einsatz und führt den Abend auf seine Weise zum Höhepunkt. Aber sei es, dass die Musik mich strapaziert, sei es, dass das Stück mich intellektuell überfordert (hätte ich mir mal die Einführung angehört) … eine Woche nach dem Besuch der Premiere ist mir gerade diese letzte Inszenierung kaum im Gedächtnis geblieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Figuren des Corps de Ballet vom Parkett aus nicht erkennbar sind – ich frage mich, ob er Eindruck vom ersten Rang aus ein anderer ist? Ich erinnere leider nur einzelne Tänzer und Tänzerinnen, keinen roten Faden. Auch in diesem Stück beeindrucken Alexandra Liashenko und wie immer die wundervolle Marlúcia do Amaral, die gerade den Faust-Preis für die Odette in Schläpfers „Schwanensee“ gewonnen hat, mit ihrer unvergleichlichen Bühnenpräsenz.

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Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem. Voluntariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Durch ihre Großeltern kam sie bereits als Kind mit der Oper in Kontakt, ihre erste Aufführung im Opernhaus war „Hänsel und Gretel“. Dennoch interessiert sie sich eigentlich eher fürs Ballett, als für die Oper. Sie freut sich in ihrer ersten Spielzeit als Opern- und Ballettscout auf die regelmäßigen Theaterbesuche

Konzentration und Spannung

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Markus Wendel über die Premiere von „b.41“

Als sich zum ersten Ballettstück „Forgotton Land“ der Vorhang hebt, scheint eine blechern-bedrohliche Welle meterhohen Ausmaßes geradezu in das Publikum hineinzubrechen. Von der Beleuchtung unterstützt entsteht eine wunderbar dunkle und packende Atmosphäre, als Grundlage für den Tanz von sechs Paaren zu einem Requiem von Benjamin Britten. Ein schöner Auftakt für einen Abend, an dem ein breites Spektrum der Ballett-Kunst gezeigt wird. Kostüme, Stimmung, Musik, alles scheint wie aus einem Guss. Lediglich die Bewegungen erscheinen mir streckenweise ein Wenig zu schnell für die ruhige und getragene Musik.

Mit den beiden anfolgenden Stücken wird die Konzentration weiter forciert, die Aufmerksamkeit der Zuschauer komplett auf die Bühne geholt. Den Stücken von Martha Graham kann sich anscheinend niemand im Publikum entziehen, denn es ist zum Zerreißen still im Zuschauersaal. Die starken Bilder fordern und holen mich deutlich aus meiner Komfortzone. Bei dem Solo-Tanz „Lamentation“ ist die entstehende Beklemmung enorm, und die Message für mich unglaublich aktuell. Es scheint mir wie eine Übersetzung der Gefühle von Flucht, Vertreibung und Ausgegrenztheit.

Auch „Steps in the street” ist kein Stück zum Wohlfühlen. Von scheinbar zufälligen Begegnungen mehrerer Menschen wird hier der Übergang in ein totalitäres Regime gezeigt. Ein sich diesem Entgegenstellen erscheint wie ein nicht zu gewinnender Kampf gegen einen übermächtigen und brutalen Gegner. Ein starkes Stück mit einer starken Aussage. Die Luft ist bis zum letzten Moment zum Zerreißen gespannt.

Martin Schläpfer hat es nach den drei sehr konzentrierten Stücken merklich schwer. Fairerweise muss ich hierzu sagen, dass ich auch in der Vergangenheit nur selten Zugang zu seinen Stücken bekommen konnte. Heute erscheint es mir, als mache er auch bei seiner letzten Uraufführung als Ballettdirektor in Düsseldorf/Duisburg einfach weiter wie bisher. Kein Gefühl des Abschieds, keine mutigen Veränderungen oder Neuerungen. Und somit sehen wir ein nach meinem Empfinden überladenes und wenig akzentuiertes Stück, dem ich weder einen roten Faden noch eine besondere Botschaft entnehmen kann. Auch eine Vielzahl an sehr skurrilen Bewegungen und die scheinbar zufällige Kostümwahl sorgen bei mir für Irritation.

Kurzum, der Abend bietet viele Facetten des Balletts, eine klare Empfehlung möchte ich besonders für die beiden Stücke von Martha Graham aussprechen. Weitere Stücke von ihr wären für mich ein absoluter Besuchsgrund für zukünftige Ballett-Abende.

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Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“. Überrascht war er davon, dass die Ballettinszenierungen 2018/19 ihn sogar mehr faszinierten als die Operninszenierungen.

Vielversprechender Beginn

Steps on the streetch: Martha Graham
Steps on the street ch: Martha Graham

Stefanie Hüber über die Premiere von „b.41“

Mein erster Abend als Opernscout beginnt sehr vielversprechend mit dem Stück „Forgotten Land“ von Jiří Kylián. Schon die ersten Klänge der Düsseldorfer Symphoniker ziehen mich in ihren Bann, zumal ich ein großer Fan Benjamin Brittens „Synfonia da Requiem“ bin.
Die Tänzer, die sich langsam, wie gegen einen Widerstand kämpfend, in Richtung Bühnenbild bewegen, erinnern mich an eine Gruppe von Lemmingen. Die Bewegungen der in Einklang mit dem Bühnenbild gekleideten Tänzer sind zeitweise entschlossen, zeitweise aufbegehrend mit Gesten, die an Wellen oder Vögel erinnern.
Doch auch folkloristische Tanzelemente meine ich zu erkennen.
Insgesamt empfinde ich die Inszenierung als sehr stimmig und sogartig und sie bewegt mich sehr.

Das darauffolgende Tanzsolo “ Lamentation“ von Martha Graham berührt in seiner Schlichtheit mit nur einer Tänzerin, die in ein lila Stretchröhrenkostüm gehüllt ist. Das Stück wird nur von Klaviermusik begleitet und erinnert dadurch an die Stummfilme der 20er-Jahre.
Die Beengtheit der Tänzerin in ihrem Schlauch erweckt in mir klaustrophobische Gefühle, so dass ich erleichtert bin, dass „Lamentation“ schon nach wenigen Minuten endet.
Die kraftvollen, energetischen Bewegungen vom darauffolgenden „Steps in the Street“ stellen für mich einen wohltuenden Kontrast da und sind für mich ein Sinnbild des getanzten Feminismus, zumal der teilweise archaisch anmutende Tanzstil  mich an Amazonen erinnert.
Insgesamt wird mir Martha Graham in positiver Erinnerung bleiben, wogegen mich „Cellokonzert“ von Martin Schläpfer enttäuscht und sehr anstrengt.

Schostakowitschs Cellokonzert finde ich furchtbar!

Die dazu gelieferte Tanzperformance empfinde ich als anstrengend und überfrachtet, die Kostüme gefallen mir auch nicht.
Ich finde insgesamt keinen Zugang,was mich traurig stimmt, da es Schläpfers letzte Inszenierung in Düsseldorf ist und er mir schon viele großartige Abende beschert hat…

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Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

 

…für jeden etwas dabei.

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Michael Langenberger über die Premiere von „b.41“

Vorab: Wie auch einige Male zuvor, habe ich sehr von der “Opernwerkstatt“, die einige Tage vor einer Premiere von der Oper angeboten wird, profitiert. Dort bekommt man einiges, dann natürlich noch ohne die Kostüm-und Bühnenausstattung, sondern sehr auf die wesentlichen Elemente der verschiedensten Stücke konzentriert, über die kommende Aufführung gezeigt und erläutert.

Gleich bei „Forgotten Land“ von Jirí Kylián war mir klar, das wird ein vergnüglicher Ballettabend. Tänzerische Macht durch sehr vielfältige Bilder und Bewegungen. Paarweise in großer Präzision und Ausdrucksstärke, als Gruppe oft in Wellenbewegungen, die ganze Bühne einbeziehend, raumgreifend. All das mit traumhaft schönen, farblich perfekt aufeinander abgestimmten Kostümen, langen Kleidern. Einfach mitreißend. Ein Knaller als Auftakt!

Danach dann “Lamentation” und „Steps in the Street” von Martha Graham, eine der Protagonistinnen des zeitgenössischen Tanzes und revolutionär zu Ihrer Zeit in der 1930er Jahren.

Tanz auf einer Bank sitzend – geht nicht? Irrtum, diese Idee bezieht alle drei Dimensionen ein, ohne dass die Person sich auf der Bühne vom Fleck bewegt. Wenn Sie sich dann noch ein Stoffschlauch-Kostüm vorstellen, das die Tänzerin von innen her zu immer neuen Formen und Ausdrücken verbindet – faszinierend!

Die „Steps in the Street” – eine Choreographie, die in meinen Augen von der präzisen Harmonie der Tänzerinnen und Tänzer lebt. Sobald sich das Ensemble zu Linien oder Carrés formiert, geht es darum seine tänzerische Individualität den z.T. hart getakteten Bewegungen der Gruppe zu unterwerfen. Ein bisschen “West Side Story”- Flair. Lösen sich die Gruppen auf, spielt die individuelle Qualität eines jeden Ensemble-Mitglieds die entscheidende Rolle.

Martin Schläpfers Idee, seine letzte Uraufführung mit einer Choreographie für sein gesamtes Düsseldorfer Ensemble zu dem 2.Cellokonzert von Schostakowitsch zu gestalten, ist sicherlich vielschichtig zu verstehen. So wie dieses Konzert eines der letzten Kompositionen von Schostakowitsch war, könnte man die Choreographie als Martin Schläpfers Abschiedswerk von dem Düsseldorfer Ballettensemble und -Publikum verstehen. In jedem Fall wird dem Zuschauer einiges abverlangt. Das gesamte Ballettensemble, alle auf einmal auf der Bühne, entfaltet schon eine Wucht und Dynamik an sich. In sehr unterschiedlich schnellen tänzerischen Einzeleinlagen, mal raumgreifend, mal punktuell, lässt Schläpfer seine Truppe noch einmal zeigen, was in Ihnen steckt. Man darf sagen, nicht umsonst zählen die hier versammelten Tänzer zu den Besten.

Einzig – Schostakowitschs Kompositionen zählen insgesamt nicht wirklich zu den musikalisch eingängigsten Klängen. Das 2. Cellokonzert ist wirklich schwere Kost.

Alles in allem, mit den unterschiedlichen, zumeist recht zurückhaltenden Bühnenbildern, wieder einer perfekten Beleuchtung, virtuos gespielter Musik – ganz so, wie erwartet, ein wunderschöner und mitreißender Ballettabend. Einen herzlichen Dank an alle Beteiligten!

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Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Vielseitiger Ballettgenuss

Cellokonzertch:Martin Schläpfer
Cellokonzert ch:Martin Schläpfer

Sassa von Roehl über die Premiere von „b.41“

Beim Beginn des Ballettabends b.41 mit Jiří Kylián „Forgotten Land“ stimmte für meinen Geschmack alles. Mit dem Heulen des Windes, der ernsten Musik von Benjamin Brittens  „Sinfonia da Requiem“ und den entschlossenen Bewegungen der Tänzer wurde ich sofort in den Bann der eindrucksvollen Szenerie gezogen. Es ist eine düstere Stimmung, in der mich die klaren Bewegungen der Tanzpaare faszinieren. Ihre anmutigen Figuren werden durch die fließenden Stoffe in paarweise identischen Farben betont. Das sich passend zu Musik und Tanz ändernde Licht verstärkt den Eindruck von großen Gefühlen, wie Liebe, Schmerz und Vergänglichkeit. Wir können noch so sehr dagegen ankämpfen – am Ende sind wir machtlos dem immer gleichen Gesetz von Werden und Vergehen ausgeliefert.

Nach einer kurzen Pause geht es mit starken Frauen weiter: Martha Grahams Choreographie „Lamentation“, eindrucksvoll umgesetzt von Camille Andriot. Die Tänzerin vollführt in einem elastischen Stoffschlauch sitzend Bewegungen, die das Gefühl großer Klage und Verzweiflung auslösen. Ich fühle mich an die Skulptur „Mutter mit totem Sohn“ von Käthe Kollwitz in der neuen Wache Unter den Linden in Berlin erinnert, der zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Ein kurzes Stück, das unmittelbar unter die Haut geht und an das man sich durch seine Intensität lange, wenn nicht sogar für immer erinnern wird.

Ebenfalls von Martha Graham, der großen Revolutionärin des klassischen Balletts,  folgt „Steps in the Street“. Frauen, die sich sehr geometrisch, beinahe wie aufgezogen bewegen. Ihre weiße Haut in schwarzen Kleidern und vor schwarzem Hintergrund wirkt verletzlich. Die wie in einem militärischen Drill vollführten, harten Schritte und Armbewegungen stehen dazu im Gegensatz. Die spannungsgeladene Motorik löst bei mir die Assoziation zu Charlie Chaplins „Der große Diktator“ aus. Sicherlich beides eine Warnung vor dem Faschismus und damit ein Tanzstück, das nichts an Aktualität verloren hat.

Eine erneute Pause sorgt für eine mentale Trennung zum nächsten Stück, mit dem Martin Schläpfer seine Zeit in Düsseldorf beendet und nach Wien wechselt. Er hat sich dafür das 2.Cellokonzert von Schostakowitsch ausgesucht. Die Musik mutet sicherlich nicht umsonst spröde und unbequem an. Am Ende seines Lebens komponiert, zieht Schostakowitsch Resumée und nimmt Abschied, doch am Schluss fühlt man etwas Befriedetes, er akzeptiert sein Schicksal. Schläpfers Tanz dazu entzieht sich in weiten Teilen meiner Deutung. Immer, wenn ich meine, etwas interpretieren zu können, nimmt das Geschehen eine andere Wendung. Trotzdem erfreue ich mich an den herrlichen Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer, allen voran Marlúcia do Amaral, deren Ausdrucksstärke ich schon bei vielen Aufführungen bewundert habe. Schläpfer zeigt an diesem Abend noch einmal all sein vielfältiges Können und das seiner Compagnie. Das allein ist schon ein Genuss an sich, da braucht man gar keine andere Erzählung dahinter.

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Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“. Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

 

Bewegte Klangkunst

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Benedikt Stahl über die Premiere von „b.41“

Der Abend beginnt mit „Forgotten Land“ von Jiří Kylián. Die Musik von Benjamin Britten trägt das groß inszenierte Bild, das an eine Meerlandschaft erinnert. Davor der Tanz, meisterhaft choreografiert und abgestimmt auf die Klänge, das Licht, die Farben. Eine etwas üppige aber schöne und in sich schlüssig komponierte Aufführung, die das Eintauchen in die bewegte Bühne leicht macht.

Die beiden Stücke von Martha Graham verlangen mehr, als nur Hingabe.

„Lamentation“ zeigt eine einzelne Figur, die an eine Skulptur erinnert, die aus sich heraus will. Ausdruckstark dargestellt von Camille Andriot, die sich zum Klavierstück von Zoltán Kodály auf einer Bank sitzend in einem Tuch bewegt, das ihren Körper umschließt. Sie windet sich, strebt auf, ringt, kreist, holt aus, zieht sich zurück, bäumt sich auf, will sich befreien und kommt in den letzten Klängen zur Ruhe. Vorläufig. Dann brausender Applaus. Ohne Zweifel ist der gerechtfertigt – dennoch wünschte ich mir danach erst mal nur Stille und mehr Raum für dieses Erlebnis.

„Steps in the Street“ ist von außerordentlicher Intensität der Körpersprachen bestimmt. Das Militärische in den Bewegungen und in der Musik wirkt bedrohlich. Die scharf ausgeleuchteten Bilder hallen nach. Die gewollte Mahnung gegen Krieg und Faschismus ist auch heute noch sehr gut nachvollziehbar und aktueller denn je.

Eine weitere Pause und danach das „Cellokonzert“ von Martin Schläpfer.

Mit diesem großartigen Werk gelingt ein prachtvolles Klanggemälde. Immer wieder füllt und bewegt sich die Bühne zur Musik von Schostakowitsch. Die Tänzer fügen die Teile zu einem Ganzen, lassen innere Stimmen ebenso zur Geltung kommen wie kraftvolle Gesten. Ein farbenfrohes Ballettaquarell, dessen Stimmungen ineinander fließen und dass noch lange nachleuchtet.

Unbedingte Empfehlung!

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Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

Ballett kann so verschieden sein – beglückend oder schwer zu deuten

Cellokonzert
ch:Martin Schläpfer

Hubert Kolb über die Premiere von „b.41“

Die Liste von besonderen Gästen mit Betreuung durch das Pressereferat war so lang wie schon lange nicht mehr: es stand die letzte neue Choreographie von Martin Schläpfer vor seinem Wechsel nach Wien an.

Dabei hatte Martin Schläpfer Verständnis für das Publikum. Vor seinem anspruchsvollen Werk hatte er drei kürzere, ältere Choreographien zum Genießen ins Programm genommen.

Das erste Stück war Forgotten Land von Jiří Kylián mit der Sinfonia da Requiem von Benjamin Britten. Es war ein großartig getanztes Werk über den Rhythmus von Leben und Sterben, umgesetzt als dem Meer, den Gezeiten, Wellen und Strudel abgeschaute Bewegungen von sechs Paaren. Eine so stimmende Einheit von Tänzer, fließender Bewegung und Musik habe ich selten erlebt. Der Beifall war der stärkste des ganzen Abends.

Die beiden nächsten Stücke waren Klassiker der Choreographin Martha Graham, aus den 1930er Jahren. Die damals moderne Musik passte zur strengen Geometrie der Bewegungen. Martha Grahams Tanzstil ist aber nicht mein Geschmack. Die ruckartigen etwas mechanisch wirkenden Bewegungen kamen mir oft wie die von Tanzpuppen vor. Beide Werke erreichten daher nicht mein Inneres.

Nach der zweiten Pause kam dann Schläpfers neuestes Werk, zur Musik des zweiten Cellokonzertes von Schostakowitsch (Nikolaus Trieb und die DüSys mit Axel Kober waren großartig.). Das ganze Tanzensemble musste zum Abschied ran, das führte öfter zu eindrucksvollen Gruppenchoreographien auf der Bühne, mit guten Lichteffekten, aber mich nicht überzeugenden Bühnenbild und Kostümen.

Schon in der öffentlichen Probe der Ballettwerkstatt war zu erleben, wie Martin Schläpfer auch kleine Details der komplexen Tanzbewegungen korrigierte. Zum Teil fand ich die Bewegungen faszinierend, zum Teil störte der abrupte Wechsel zu anderen Tanzformen. Ein roter Faden mit einer emotional wahrnehmbaren Botschaft war nicht erkennbar. Aber Schläpfer dürfte alle Bewegungen sehr genau in Hinblick auf die Musik und das Gesamtwerk durchdacht haben. Es erschloss sich mir nur nicht. Dafür sollte ich das Stück mindestens noch einmal sehen!

Fazit: Ein Ballettabend mit großer Bandbreite und einer überzeugenden Entwicklung von emotional stimmigem Tanz über eine eher mechanische Tanzform zu der komplexen Choreographie von Martin Schläpfer.

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Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt.

Großartige Kunst!

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Benedikt Stahl über die Premiere von „b.40“

Was mit b.40 auf der Düsseldorfer Bühne gezeigt wird, ist durchdrungen von Experimentierfreude,  wunderbaren Bildern und Lust an reinster Darstellung. Von der ersten bis zur letzten Minute füllen vor allem die Tänzer und Musiker die Oper mit großartiger Kunst!
Es beginnt mit Pacific von Mark Morris, dessen im Programmheft wiedergegebenes Zitat: „I‘m a musician and my medium is dancing“ eindrucksvoll nachzuvollziehen ist. Bewegung, Musik und Bilder fließen ineinander wie die intensiven Farbverläufe des Lichts und der Kostüme. Alles ist erstklassig aufeinander abgestimmt.

Locus Trio von Trisha Brown ist mein Lieblingsstück an diesem Abend. Eine Aufführung ganz ohne Musik. Die Bewegungsabläufe der Tänzer interagieren mit unsichtbaren Ordnungsstrukturen im Raum. Sie be- und umschreiben einen sich zunehmend verdichtenden Ort. Das stille Spiel der Tänzer hat zugleich etwas geheimnisvolles wie klärendes. Ihre tranceartige Stimmung springt über, ich könnte ihnen noch stundenlang so zusehen.

Dann Night Wandering von Merce Cunningham. Ein erzählerisches Stück und in seiner Entfaltung ein sehr gelungener Kontrast zur vorherigen Aufführung. Die Szene wird von einem Mann in orange und einer Frau in Fellkleid bestimmt. Diese Kostümentwürfe nach Ideen des Künstlers Robert Rauschenberg, nehmen die Betrachter mit in eine Welt jenseits aller Zivilisation. Die suchende Bewegung der beiden Gestalten durch den dunklen Raum hat etwas ursprüngliches und ihr Verschmelzen im Mondlicht der Schlussszene bleibt eindrucksvoll in meiner Erinnerung.

Zum Abschluss dann noch die Offenbach Overtures. Mir ehrlich gesagt zu voll, zu laut, zu rot und viel zu grell. Allerdings bin ich auch überhaupt kein Offenbach-Fan und die tänzerische Leistung der großen Truppe ist ganz ohne Zweifel erstklassig!

Insgesamt ein wunderbarer Abend, der sich wirklich gelohnt hat und der übrigens nochmal ein ganz anderes Amerika zeigt, als das, was sich in der Tagespresse fortwährend festsetzt: frisch, spielerisch, intensiv, freidenkend, avantgardistisch.

Bravo!

Stahl_Benedikt_Foto2_Andreas_EndermannBenedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit: Wie Bild, Musik und Darstellung hier zusammen wirken, fasziniert ihn. Als interdisziplinär denkender Grenzgänger ist er auch an der Alanus Hochschule Bonn-Alfter tätig: Was  Architektur mit Schauspiel, Wirtschaft mit Kunst zu hat – diese Fragestellungen interessieren ihn auch in der Lehre. Nicht nur die Oberfläche, sondern die spannenden Zusammenhänge will er nun als Scout für Oper und Ballett entdecken.

 

 

 

 

 

 

 

Modern Dance – Zug verpasst

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Sandra Christmann über die Premiere von „b.40“

Die tänzerische Qualität lässt sich nicht in Frage stellen. Unser Ballett kann Großes.

Pacific – Mark Morris
Für mich die beste Performance des Abends, ganz im alten 90er Stil – Modern Dance aus den Anfangsjahren. Die schönsten Kostüme des Abends. Solide, im positiven Sinne, choreografisch nicht überraschend, aber darum ging es an diesem Abend ja auch nicht.
Locus Trio – Trisha Brown
Still war’s – da bin ich wohl ein altmodischer Hase, die Musik gehört dazu – somit offenbar etwas für die intellektuellen Tanzhasen. Es ist wie bei einer Probe zuzuschauen. Eine Werkprobe, ohne Musik, somit ist jeder körperliche Kraftakt zu hören und somit geht auch die Leichtigkeit des Tanzes verloren.
Night Wandering – Merce Cunningham
Auch dieses Pas de deux zeigt die enorme Kraftanstrengung. Interessant im Sinne damals „neuer“ Aktzente. Sonst bleibt es dabei: Synchron, kraftvoll, unberührend. Musikalisch für mich ganz persönlich grausam. Die Kostüme habe ich nicht verstanden und wenn sie 10x von Robert Rauschenberg sind.
Offenbach Overtures – Paul Taylor:
Während um mich herum Brava, Begeisterung und anhaltender Applaus stürmen, sitze ich regungslos da. Insbesondere das favorisierte Finale als Highlight besprochen, erinnert an eine Mischung aus YMCA, Polka, und Puppentheater. Einziger Lichtblick: Doris Becker – wunderbare Tänzerin, sie wäre eine, die es hätte retten können.
Ihr könnte man stundenlang zusehen, eine wunderschöne, grazile und einfangende Tänzerin.

Alles in Allem gab es keine großen Erwartungen und diese wurden auch nicht erfüllt.
Unser herausragendes Ballettensemble hat gut gemeistert und hat hoffentlich bald wieder wie gewohnt kreativen, choreografischen, überraschenden Unterbau.

Christmann_Sandra_Foto2_Andreas_EndermannSandra Christmann
 Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf, ihre Wahlheimat, und die Kunst. Sie engagiert sie sich bei ArtFair Internantional GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben dieser Arbeit hat sie ein Hilfsprojekt in Kenia ins Leben gerufen. Ihr Netzwerktalent, die Liebe zur Kunst und zum Schreiben nutzt sie jetzt auch als Opernscout.

Statt zu essen – mal ein perfektes Ballett-Menu genießen

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Michael Langenberger über die Premiere von „b.40“

Wer ins Gourmet-Restaurant geht, weiß vorher, dass es da nicht um Burger- oder Pizza geht. Genauso wie jemand, der zum Ballett in die Düsseldorfer Oper geht, eben auch vorher weiß, dass ihm eine Auswahl erlesenster tänzerischer “Gourmet-Stücke” kredenzt werden. So auch jetzt wieder bei „b.40”.
Chefchoreograph Martin Schläper hält unter der großen Überschrift American Modern Dance ein fein abgestimmtes Ballett-Menu, äußerst unterschiedlicher, doch gerade dadurch sich ergänzender Inszenierungen für uns bereit. Für jeden Geschmack etwas; für den Ballett-Gourmet purer Genuss.

“Vorspeise” Pacific – Choreographie: Mark Morris
Moderne Klänge, die zwar harmonisch sind, jedoch nicht unbedingt musikalisch leicht ins Ohr gehen, bereiten Alina Bercu, Doo-Min Kim und Franziska Früh einen spritzigen Auftakt für ein farbenfrohen Auftritt von insgesamt 9 Tänzerinnen/Tänzern, der raumgreifend und abwechslungsreich Ohren und Augen Spass bereiten. Die Perfekte Grundlage für Lust auf mehr.
“1. Zwischengericht“ Locus Trio – Choreographie: Trisha Brown
Meine Sitznachbarn tuschelten “… das kann ich auch…”. Ich schätze mal, meine Sitznachbarn irren da gewaltig. Zwei Tänzerinnen und ein Tänzer, alle ganz in weiss gekleidet, liefern verschiedenste auf sich und das System organisierte Bewegungsmuster, innerhalb eines auf dem Tanzboden markierten Carrés, in bestem Modern-Dance-Verständnis ab. Obwohl ohne jegliche Musik, erleben wir Takt, Rhythmus und Dynamik. Konzentration auf Bewegung, den begrenzten Raum und Achtsamkeit auf die Mittänzer. Ein “Filetstück” Modern-Dance- Genusses (im Sinne von Modern Dance = Ballettqualität ohne gestellte Figuren und konzentriert auf optimale natürliche Körperbewegungsfähigkeit).
“2. Zwischengericht” Night Wandering – Choreographie: Merce Cunningham
Zu teilweise dissonanten Klängen mit einigen rhythmischen Brüchen, virtuos gespielt begleitet Alina Bercu am Klavier, Wun Sze Chan und Bruno Narnhammer bei ihrer Nachtwanderung in einem Modern-Dance Pas de deux. Das lange Fell-Kleid von Wun Sze Chan wirkt dabei auf mich gelegentlich sie in ihrer Bewegungsfähigkeit begrenzend. Doch hat die sich aus den Materialgründen ergebene Geradlinigkeit ihrer Bewegung auch ihren Reiz. Ich fand es eine extravagante Darbietung. Also noch ein „Filetstück“ zusammen mit der Musik dazu, den gesamten Rahmen von Modern-Dance Interpretation nutzend.
“Dessert” Offenbach Overtures – Choreographie: Paul Taylor
Spritzig, wuchtig, farbenfroh und musikalisch für die nicht so experimentierfreudigen Ballettbesucher, vollständig versöhnend, dann zu Abschluss szenisch getanzte Beobachtungen aus dem normalen Leben aus Offenbachs Zeit. Es geht um Liebe, sich necken, Duell und Versöhnung, Soldaten und elegante Damen, alle in knallroten Kostümen, besonders wirksam durch einen weißen Tanzboden in Szene gesetzt. Ein Augen- und Ohrenschmaus, so wie witziges Ballett, perfekt getanzt, gerne gesehen wird.

Ein vorzüglich zusammengestelltes Menu, mit feinsten Zutaten, großem Können aller “Köche” die dazu beigetragen haben; spitzig, anmutig, vielfältig. Sattgesehen und gehört, ohne erschlagen zu sein. Ein gelungener Abend.

Opernscouts 2018 / 2019

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt: Auf Standard und Latein folgten Salsa und Modern Contemporary Dance im tanzhaus nrw, wo er auch an öffentlichen Performances mit Profis und Laien mitwirkte. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze.

Eine Erfrischung mit Tiefgang

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Markus Wendel über die Premiere von „b.40“

Mit der vorletzten Ballett-Kreation dieser Spielzeit wird uns ein ganz besonderer Abend versprochen, mit vier gänzlich unterschiedlichen Stücken in der großen Tradition des American Modern Dance. Die Stücke sind allesamt nicht neu, feiern aber in dieser Zusammenstellung eine interessante und einzigartige Premiere.

Den Auftakt macht mit PACIFIC ein locker-leicht getanztes Stück, mit unangestrengter Piano- und Streicher-Begleitung. Alle Tänzerinnen und Tänzer tragen Röcke, was vielleicht seltsam klingen mag, im Ergebnis aber einige wunderbar ästhetische Bilder liefert. Ein gelungener Auftakt.
Nach der ersten Pause erleben wir zwei anspruchsvolle und kurze Stücke. LOCUS TRIO ist eine Art vertanzte Yoga-Stunde, in klinisch reiner Erscheinung, ohne Musik, und mit Bewegungsabläufen, die mich an einen mathematisch-geometrischen Zufallsmodus erinnern.
NIGHT WANDERING finde ich in seiner musikalischen Untermalung durchaus anstrengend, überzeugt mich allerdings mit einigen wirklich interessanten Haltefiguren, und einem nachdenklichen, intimen Ende.
Auch zeitlich eine angenehme Punktlandung.
Nach der zweiten Pause wird es turbulent. OFFENBACH OVERTURES ist sehr lebendig, mit einer ordentlichen Portion Humor, verrückten Charakteren, und einer Vielzahl kleiner Geschichten. Für mich das Highlight des heutigen Abends, vor allem aufgrund der musikalischen Eingängigkeit, vielen bekannten Melodien, und einer wirklich einfallsreich-witzigen Choreographie. Großes Lob auch an die Beleuchter, die es geschafft haben, gänzlich ohne Kulissen einen atmosphärisch dichten Rahmen zu schaffen, was für alle Stücke des heutigen Abends gilt.

Zusammenfassend ein wirklich schöner Ballett-Abend, den ich gerade aufgrund der gebotenen Vielfalt in guter Erinnerung behalten werde. Vielen Dank, und gerne mehr davon!

Wendel_Markus_Foto_Andreas_EndermannMarkus Wendel
Feuerwehrmann in Düsseldorf

Als neuer Scout folgt Markus Wendel in der Spielzeit 2018/19 frühen Spuren seiner Opernbegeisterung: Seine erste Begegnung mit Richard Wagners „Götterdämmerung“ hatte er 2003/04 im Düsseldorfer Opernhaus, und schon damals begeisterte ihn Linda Watson als Brünnhilde. Als Feuerwehrmann der Landeshauptstadt Düsseldorf kümmert sich Markus Wendel um die strategische Planung und Einsatzorganisation. Ganz besonders schätzt er seine Dienste im Opernhaus: Als Brandsicherheitswache beobachtet er die Aufführung dann von der Seitenbühne aus. „Ich mag das Gewusel hinter den Kulissen“, sagt der 39-Jährige. Was ihn aus dieser Perspektive besonders anspricht, schaut er sich gern noch einmal mit Freunden oder der Familie aus dem Zuschauerraum an.

Ein vierblättriges Kleeblatt

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Jenny Ritter über die Premiere von „b.40“

Ein Abend: 4  Stücke! Ein Thema:  American  Modern  Dance

1.Stück PACIFIC – Mark Morris
Gleich zu Beginn: ein wunderschönes Bühnenbild, das eigentlich gar keins ist. Es besteht nur aus Farbe: schwarz mit blauem Hintergrund, die ersten Tänzer tragen lange weiße  Röcke mit blauem Muster, die Frauen lange weiße Kleider mit blauem Muster. Das ergibt beim Tanzen wunderschöne Figuren. Das gleiche wiederholt sich mit grün, dann rot, und dann mischen sich die Farben – alles ist wunderschön und  ästhetisch anzusehen. Die kleine musikalische Besetzung besteht aus einem Trio (Franziska Früh/Violine,  Duo-Min-Kim/Violoncello, Aline Bercu/Klavier)
2.Stück LOCUS TRIO – Trisha Brown
weiß gekleidete Tänzer, auf dem Boden sind Quadrate (die vom Parkett aus nicht ganz einsehbar sind) in denen die Tänzer uns „Yoga für Fortgeschrittene“ präsentieren – ganz ohne Musik.
3.Stück Night Wandering – Merce Cunningham
Hier sind nur zwei Tänzer: Ein Paar alles sehr reduziert auch die Musik, die Kostüme Fell und erdig – hat sich mir nicht erschlossen. Jedoch ausdrucksstark getanzt!
4.Stück Offenbach Overtures – Paul Taylor
gleich zu Beginn, der Vorhang geht auf: wow, ein Bild, das sich mir sofort einprägt. Alles ist in rot schwarz gehalten. Wunderschön dynamisch und ästhetisch anzusehen. Endlich  Musik, die belebt, die Freude macht, die einlädt zum Tanzen von Jacques Offenbach. Herrlich, ich bin berauscht vom Tempo, von der Schönheit des Tanzes und vom Witz. Wieder gibt es eine Szene, die nur von Männern getanzt wird, witzig und voller Harmonie. Das Stück endet mit dem ersten Bild, das eine wunderschöne Postkarte abgeben würde, die ganze Vorstellung findet nur in den  Farben: Rot und Schwarz statt. Das Ganze ist ein Fest der Sinne.

Wie immer ist zum Schluss festzustellen, dass die Zusammensetzung der einzelnen Stücke genau in der richtige Reihenfolge erfolgte. Es war ein wunderschöner Abend, mein Dank geht an die wunderbaren Tänzer und Musiker und die vielen Beteiligten, die zum Gelingen des Abends beigetragen haben.

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Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin

Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und freut sich diesen als Opernscout in Düsseldorf abschließen zu können.