Mal für 2 Akte in eine andere Welt getaucht

Sandra Christmann über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Schon in den ersten Minuten, denen ich voller Vorfreude auf den Olymp und aller Tragödie, die zu erwarten war, entgegensah, wurde klar, dass wir hier eine Inszenierung out of the box zu erwarten haben, und ein bisschen hatte ich noch Sorge, dass wir von großem Klamauk und Trash erschlagen werden.

Es zeichnete sich sehr schnell ab, dass nicht nur Max Hopp, hier als John Styx, Großes vollbringen wird. Wie ungewöhnlich die Synchronisation der Hauptfiguren, wenn sie nicht singen, was für eine unfassbare, auf den Punkt, perfekte dargestellte Leistung, und zwar aller Protagonisten.  Mimik, Lippen, Haltung alles perfekt getimed. Eurydike, wunderbar gesungen, liebe Elena Sancho Pereg, großartig gespielt, alle Facetten der Frivolität und ihrer wunderschönen Stimme ausgeschöpft…
Und dann: die Bienchen, das Ballett. Es gehört eine große Idee, Feinsinn und eine tolle Inszenierung und Scharfsinn dazu, um durch Choreographie und Kostüm, wirklich jede und jeden im Publikum zum Lachen zu bringen. Wenn die Groteske kippt, ein wenig wie in der commedia del arte, und man in tiefster Seele so unfassbar erheitert wird, das dadurch nochmal eine ganz neue Welt aufgemacht wird, dann hat Barrie Kosky uns mit seiner Inszenierung nicht nur alle eingefangen, sondern uns auch etwas geschenkt. Und ich meine alle. Neben mir saß ein entzückendes älteres Paar, die Dame legte ihre Hand auf meinen Arm und sagte: „Ist das nicht herrlich?“

Und das schon mal vorab: in diesen Zeiten, wo wir nur einige Kilometer entfernt den Krieg vor der Türe haben, wo wir seit nunmehr 2 Jahren von einer Pandemie mitgenommen werden, die uns ja nun auch unser kulturelles Leben so dezimiert hat, dass wir weit entfernt sind von Heiterkeit und lautem Lachen. Also in diesen Zeiten einmal so rausgeholt zu werden aus der Realität und in eine Welt einzutauchen, die uns musikalisch, schauspielerisch, tänzerisch und auch sprachlich mit einer frivolen, grotesken, aber auch meisterlichen Inszenierung, alles andere vergessen lässt – das ist ein wunderbares Erlebnis und ich bin dankbar für Lug, Betrug, Begierde, Komik und sensationelle Kostüme. Victoria Behr überrascht in jeder Szene. Ihre Kostüme sind so divers, so pompös, so erotisch, dass alleine diese schon eine neue Welt aufmachen. Zugegeben, war bei den pinken Svarowski Genitalien, die geschlechterunabhängig ihre Zuordnung fanden, mein Schmunzeln ein wenig unterkühlt, aber die Kreationen von Frau Behr sind herausragend.
Der gesamte erste Akt war in allen Punkten brillant. Tatsächlich scheint es, als ginge die wunderbare Musik von Jacques Offenbach unter, aber ich entscheide mich dafür, dass sie so perfekt in die Inszenierung eingebunden ist, dass das große Gesamte aufgeht und wirkt. Der zweite Akt überrascht noch mehr mit einem fantastischen Bühnenbild von Rufus Diwiszus, überhaupt ist auch das Bühnenbild eine Welt für sich. Tatsächlich läuft der zweite Akt aus dem Ruder und das mal ohne Wertung. Superlative der Frivolität, phantastische, hinreißende Choreografien, überhaupt ist das Tanzensemble nicht nur tänzerisch sondern auch spielerisch so grandios, dass sie den Chor mit ihrer Leistung spielend auffangen, sodass manchmal gar nicht klar ist, wer ist Chor, wer ist Tanz.

Alle Disziplinen sind so ineinander verzahnt, dass ich nur sagen kann, dass auch der Gesang aller beteiligten hervorragend ist. Natürlich ist Euridike der Augen- und Ohrenstern, und ein bißchen ragen doch gesanglich die Frauen heraus. Alles in Allem: sehr sehenswert und ein Erfrischung fürs Gemüt, für den Humor, für alle Sinne. Das Abschlussbild spricht uns aus der Seele: Das Ensemble hält eine regenbogenfarbige Peace Fahne hoch. Es gab schon vorher Standing Ovations, aber da standen dann auch die letzten auf. Kultur vereint. Kultur ist politisch. Und wir brauchen Kultur!

Sandra Christmann
Managerin in der Filmproduktion, Kulturmanagerin

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie ist aktuell bei e+p films als Head of Growth tätig. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Orpheus in der Unterwelt

Karolina Wais über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Die Operette beginnt mit der Erklärung der Öffentlichen Meinung, dargestellt von Susan Maclean, deren Moralvorstellungen allerdings von Max Hopp für das Publikum übersetzt werden mussten. So erfährt der Zuschauer von Anfang an welchen Stellenwert die Öffentliche Meinung in der Inszenierung hat. Die männlichen Protagonisten geben im Laufe des Stücks der Öffentlichen Meinung nach, aus Angst ihre Reputation zu verlieren.

Die Operette setzt sich aus zwei Akten und vier Bildern zusammen. Die ersten drei Bilder haben ihren Ursprung in einer völligen Langeweile, die aber für den Zuschauer gar nicht langweilig dargestellt wird, ob Eurydike und Orpheus in ihrer Ehe, Jupiter im Olymp oder Eurydike bei Pluto in der Unterwelt. Diese Langeweile dauert aber nicht lange an, sie ist ein Sprungbrett in drei bunte, witzige und schrille Akte.
Die Opernsänger*innen, der Chor, die Tänzer*innen geben dabei stets ein stimmiges Bild ab, es ist eine Wonne dem zuzuschauen. Alle sind aufeinander abgestimmt und geben eine Glanzleistung ab. Elena Sancho Pereg imponiert mir sehr in ihrer Rolle als Eurydike, weil sie die Stärke von Eurydike sehr gut verkörpert. Das Bühnenbild gefällt mir sehr, es ist wandelbar und ganz und gar nicht langweilig. Die Kostüme sind sehr aufwendig gearbeitet, so es entsteht zum Beispiel im zweiten Akt visuell eine pastellfarbene Revolte. Das vierte Bild im zweiten Akt endet mit einem imposanten Fest. Die Fülle, die das Stück über auf der Bühne entsteht, lässt allerdings die Musik etwas verblassen. Es ist kaum eine Pause da, die es zulässt die Augen zu schließen, um die Musik zu erfahren, aus Angst das Geschehen auf der Bühne zu verpassen.

Mir gefällt die Idee, dass Max Hopp die Sprechpartien aller Sänger übernimmt. Das ist ein sehr kluger Schachzug, der sehr viele witzige Momente geschehen lässt. Das gefällt mir so sehr, dass es mich irritiert, als Max Hopp im dritten Bild John Styx, den Fährmann des Todes, verkörpert.

Das Stück erhält einen langen, stehenden Applaus und das völlig zu Recht. Insgesamt ist die Inszenierung sehr sehens/- und erlebenswert.

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

Orpheus und Eurydike

Stefanie Hüber über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Die Premiere von „Orpheus in der Unterwelt“endete mit einem frenetischen Applaus- kein Wunder, denn sowohl die musikalische, als auch die optische Leistung waren in dieser düsteren, unsicheren Zeit Balsam für die Seele.

An diesem Abend hatte ich zum 1. Mal meinen Mann als Begleitung dabei. Es kostete mich einige Überredungskünste, ihn dazu zu bewegen, mich zu begleiten, lag doch sein letzter Opernbesuch schon einige Jährchen zurück und war ihm aufgrund einer sehr konventionellen, verstaubten Aufführung in keiner positiven Erinnerung geblieben. Doch ich überzeugte ihn mit dem Argument, dass Barrie Kosky für seine außergewöhnlichen Inszenierungen bekannt wäre, und was soll ich sagen? Mein Gatte war begeistert!!!! Besonders Max Hopp als Sprecher aller Rollen und Synchronisator sämtlicher Geräusche hat ihn schwer begeistert. Da die Operette auf französisch gesungen wurde, war diese Form der Synchronisation ins Deutsche tatsächlich eine brillante Lösung.

Für meinen Form von Humor drohte das Ganze durch überzogene Wiederholungen zwar irgendwann ins Klamaukige abzurutschen, aber es gab sooo viele witzige und originelle Momente, dass das nicht weiter schlimm war. Es tat einfach gut, mal wieder lauthals hinter der Maske Tränen zu lachen! Die Handlung lief dynamisch und präzise ab wie ein Uhrwerk, es war keine Sekunde langweilig. Die Komposition Offenbachs ist wunderschön, und weist phasenweise sehr auf Einflüsse Mozarts hin. Es gibt viele Holzbläsersoli ,die erdend auf die abwechslungsreiche Musik wirken. Dem Spiel der Düsseldorfer Symphonikern fehlte mir für meinen Geschmack manchmal der Pep, und sie spielte stellenweise auch zu leise. Die Bühnenbilder waren wunderschön und originell, ebenso die Kostüme, alles mit viel Liebe fürs Detail, wie z.B. Jupiters Adiletten.

Wahrscheinlich wird mich mein Mann beim nächsten Mal wieder begleiten…

Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Rasantes Tempo, großartiger Humor

Markus Wendel über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Eins wird mir am vergangenen Premierenabend sehr schnell klar: die Musik von Jacques Offenbach wird nicht unbedingt eine Hauptrolle spielen in der Neuinszenierung von „Orpheus in der Unterwelt“ – von der Deutschen Oper am Rhein vertrauensvoll in die Hände gelegt von Barrie Kosky.

Dieser löst scheinbar jede Bremse und hat vornehmlich eins im Sinn – große und kurzweilige Unterhaltung. Es wird gekreischt und geschrien, ist dabei verrückt, sexistisch und streckenweise völlig enthemmt. Die Personenregie ist so lebendig, dass man hiermit problemlos mehrere Veranstaltungen bestücken könnte. Die perfekt einstudierten Choreographien sind geprägt von feinem, oft auch völlig übertriebenen Humor – bis hin zum absolut Grotesken. Unterstützung liefern einige wirklich unfassbare Kostüme. Viele Zuschauende hält es vor allem in der ersten Hälfte kaum auf den Sitzen vor Lachen, meine Person eingeschlossen.
Das Ensemble agiert so geschlossen wie ich es selten gesehen habe. Solisten, Chor und Tänzer/innen verschmelzen förmlich miteinander, so gut ist das Zusammenspiel. Darüber hinaus ist wirklich jede Rolle passend und glaubwürdig besetzt. Die Spielfreude ist allen deutlich anzusehen. Aber kein Wunder, in dieser Inszenierung darf sich ordentlich ausgetobt werden.

Ein wahrer Geniestreich gelingt Barrie Kosky damit, dass er die Figur des John Styx, großartig gespielt von Max Hopp, in einer Art Meta-Ebene die Dialoge (und Geräusche) der anderen Personen übernehmen lässt. Allein für dieses großartige Schauspiel möchte ich eine unbedingte Empfehlung aussprechen. Ein unfassbarer Abend. Nie habe ich mehr gelacht in der Düsseldorfer Oper. Und selten habe ich es so wert geschätzt, privilegiert zu sein und diesen unbeschwerten Abend genießen zu können – gerade in diesen Tagen keine Selbstverständlichkeit. Zum Applaus hat auch das Ensemble eine klare Botschaft: PEACE.

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Eine originelle rasante Show, mit etwas musikalischer Unterstützung

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Nach mehrfach verschobenen Terminen endlich die Premiere von Barrie Koskys Version der „weltweit ersten Operette“. Das Stück hatte als Koproduktion schon bei den Salzburger Festspielen und in der Komischen Oper Berlin Begeisterung im Publikum ausgelöst. So war es auch hier.

Trotz allen Vergnügens ob der fast endlosen Folge von originellen oder auch platten (dann Sex-betonten) Gags auf der Bühne blieb meine Reaktion zwiespältig. Wo blieb Jacques Offenbachs Werk als musikalisches Kunststück, es ist ja doch weitaus mehr als schmissiger Cancan mit hochfliegenden Röcken? Aber auch Koskys unglaublich erfolgreiche Inszenierung der Zauberflöte als auf eine Wand projizierter Comic mit Gesang sprach mich nicht an.
Das Gesamtkonzept mit einem Sprecher (Max Hopp), der alle Texte für die Protagonisten und Protagonistinnen mit verschiedenen Stimmen sprach und Körperbewegungen mit lustigen Geräuschen synchronisierte, war höchst originell und erheiterte uns alle. Viele der Tänze von Chor und Tänzern in überzeugenden Kostümen waren mitreißend, wobei simulierte Kopulationsszenen und zwischen den Beinen montierte männliche Pseudo-Geschlechtsteile doch zu deftiger Humor waren.

Die Choreographie war bis ins kleinste Detail einstudiert und Alle auf der Bühne waren sichtlich mit Spaß dabei, und ihre Begeisterung schwappte über ins Publikum. Insbesondere die Spielfreude von Elena Sancho Pereg als Eurydike war eine Augenweide. Das von Kosky modifizierte Ende war eine sinnvolle Verbeugung vor dem aktuellen Zeitgeist. Eurydike weigert sich, als Gespielin Gott Jupiter oder Ehemann Orpheus aus der Unterwelt zu folgen, oder dem Unterwelt-Chef Pluto weiter zu Diensten zu sein. Sie hat sich emanzipiert und will als Bacchantin ihr eigenständiges gutes Leben in der Unterwelt genießen. Dass diese errungene Eigenständigkeit mit einem angehefteten übergroßen männlichen Gemächt symbolisiert wurde, fand ich misslungen.

Unsere Wahrnehmung, dass wir in ernsten Zeiten Vergnügungen erleben, wurde durch die Präsentation eines großen regenbogenfarbigen Tuchs mit der Aufschrift PEACE beim Schlussapplaus besänftigt. Danke.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen.