Der Nussknacker – ein zauberhafter Ballettabend

Charlotte Kaup über die Premiere „Der Nussknacker“

Mit Vorfreude aber auch leichten Bedenken sah ich der Premiere des Nussknackers entgegen, insbesondere da mein Freund, welcher mich an diesem Abend begleiten sollte, klassische Ballettstücke und Rollenbilder mit besonders kritischem Auge betrachtet. Unsere Erwartungen wurden im positiven Sinne mehr als übertroffen.

Schon von der ersten Minute an war ich begeistert vom voluminösen Klang des endlich wieder voll besetzten Orchesters. Marie Jacquot dirigiert die bekannten Melodien mit viel Schwung und Leichtigkeit und lässt eine magisch vorweihnachtliche Stimmung aufkommen. An diesem Ballettabend passt einfach alles – angefangen vom kreativen Bühnenbild und den opulenten Kostümen bis hin zu der unglaublichen Energie der Tänzerinnen und Tänzer. Volpi haucht seiner Inszenierung eine große Portion Frische ein und bleibt gleichzeitig nah an der klassischen Vorlage. Auch streut er gekonnt Witz und Ironie, er spielt mit den Erwartungen und Rollen des klassischen Balletts. Man erkennt einen sympathischen Humor in vielen kleinen Szenen, der weder klamaukig noch überheblich ist und den feierlichen Charakter des Stückes gekonnt erhält.
In den Hauptrollen überzeugten Emilia Peredo Aguirre als anmutige Clara, Dukin Seo als Drosselmeier und Orazio di Bella als Nussknacker. Alle drei zeigen großartige Technik und viel Strahlkraft. Eventuell wären hier weitere, choreografisch noch anspruchsvollere Soli oder Duette möglich gewesen – in jedem Fall hätte ich gerne noch länger zugesehen.
Ein besonderes Highlight waren außerdem die Divertissements im zweiten Akt, welche von verschiedenen Choreografen gestaltet wurden und das Bewegungsrepertoire mit mehreren modernen Handschriften ergänzten.

Mein Fazit: Selten habe ich die Oper im Rhein so beseelt verlassen. Ich hoffe, dass es einem großen Publikum und insbesondere vielen Kindern ermöglicht wird dieses Stück zu sehen und Zugang zu dieser wunderbaren Kunstform zu finden.

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Bevor die junge Ärztin ihre Stelle in Mönchengladbach antrat, war sie als Ballettlehrerin im Hochschulsport tätig. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires. Durch ihre Teilnahme am Opernscout-Projekt entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für die Oper. Vor allem gefällt ihr als Scout die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Demis Volpi lässt jetzt sogar die Türen tanzen…

Michael Langenberger über die Premiere „Der Nussknacker“

und die Mäuse, Schneeflocken, Blumen, Lichterkette, Cupcakes, natürlich auch die quirlige Familie – und natürlich die Titelfigur: DER NUSSKNACKER.

Der erste Akt bettet uns in das weihnachtliche Familienfest der Stahlbaums ein. Geschäftiges Treiben von Eltern, Kindern und Verwandten. Das Reale dabei, die körpersprachliche Rolle einer jeden Figur, gewiss etwas klischeehaft tanzend, doch vielleicht gerade deshalb, weil wir uns in verschiedensten Rollen selbst wiedererkennen – für uns als Zuschauer so leicht zugänglich.
Die Kinder tanzen Gummitwist und stillen ihre Neugier – es geht über Stühle und Tische. Die Erwachsenen reagieren mit abgestufter Wichtigkeit und Strenge. Natürlich darf ein Familienfoto nicht fehlen. Alleine die Aufstellungen und Posen dazu… exzeptionell!
Dann die Bescherung. Tochter Clara bekommt den hölzernen Nussknacker geschenkt, der in der Stille der Nacht (als ferngesteuerte Figur) plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Clara, die heimlich aufgestanden in der Nacht, dann plötzlich der menschgewordenen Figur begegnet, beginnt leichtfüßig die tänzerische Annäherung zu dem unbeholfen und sich geradezu hölzern bewegenden Nussknacker.

Schon bis hier hin ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus. Unglaublich viele Details im Bühnenbild, die tänzerische Aufteilung der gesamten Bühne, die z.T. heimeligen Lichteffekte – als Zuschauer ist man im Geschehen regelrecht gefangen. Schon zur Pause gibt es tosenden Applaus und die Sehnsucht darauf, dass es im zweiten Teil so weiter gehen möge.
Doch im zweiten Akt geht es dann erst mal so richtig los! In einem Feuerwerk verschiedener Tänzergruppen – s.g. Divertissements – begleiten Clara dabei, aus dem staksigen Nussknacker einen ebenbürtig anmutig tanzenden Partner zu machen. Jedes Divertissement hält spezifische Überraschungen bereit, wie z.B. die Schneeflocken, die verträumt säuselnd zu Boden gehen oder den Nachtlichtern (nur auf dem Kopf getragene Lichterketten, die die ansonsten ganz schwarz gekleideten Tänzer nahezu unsichtbar halten), die aus dem Nichts heraus erscheinen und wieder verschwinden und dazwischen eine Art Choreografie beleuchteter Köpfe darbieten. Dabei, wie auch mit dem Tanz der Blumen, der ausschließlich die Bewegungswirkung der Gruppe und nicht das herausstellen einzelner Tänzer im Sinne hat, reißen uns die Akteure geradezu ins Entzücken.
Neben den Ideen und der Umsetzung der tänzerisch choreografischen Meisterleistung verdienen sich die Akteure hinter den Kulissen mit einer, wenn man so will choreografischen Meisterleistung eines unglaublich dynamischen Bühnenbildes und der dazugehörigen Lichtkunst ein großes Kompliment. Ob die ferngesteuerten Mäuse oder die mittanzenden Türen – das Bühnenbild spielt dynamisch mit. Subtil – man merkt es anfangs kaum – und gleichzeitig clever lassen die unterschiedlichen Größen der Türen, je mit unterschiedlich hoch angebrachten Türklinken die Tänzer auf der Bühne entsprechend ihrer Rolle als eher groß bzw. klein erscheinen. Die ganze Trickkiste der perspektivischen Bühnenbau-Künste.

Alles wäre nichts, wenn nicht die jetzt wieder vollständig besetzten Düsseldorfer Symphoniker unter der musikalischen Leitung von Marie Jacquot Tschaikowskys Klangwerk so frisch und mit großer Leichtigkeit aufgespielt hätten.
Wen wundert es dann, dass allen Akteuren mit tosendem Beifall, Standing-Ovation und Bravo-Rufen allen Akteuren für diesen großartigen Ballettabend gedankt wurde?

Ich persönlich denke jedes Mal nach einer Premiere seit Demis Volpis Einführung in das Amt des Ballettdirektors und Chefchoreografen: Mehr geht nicht! Doch mit jeder nächsten Premiere werde ich erneut von dem Ideenreichtum, aber auch seinem künstlerischen Mut und Können überrascht, wie er uns Publikum mit seiner Compagnie verzaubert – …setzt Demis Volpi immer noch eins drauf! Aus meiner Sicht schafft er neue Dimensionen des Balletttanzes – oder besser, er zieht alle Register in Sachen Balletttanzstile und verbindet diese. Das macht seine Idee von Tanz und Ballett auch zugänglich für Junge und Jüngste und wegen seiner Vielfalt reizvoll für das tanzerfahrene Publikum. Ich meine: Das ist ein neuer Maßstab für Ballett. So geht Ballett heute!

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Ballett – Der Nussknacker

Karolina Wais über die Premiere „Der Nussknacker“

Ein absolut hörenswertes und sehenswertes Stück, auch für Kinder.

Das Bühnenbild ist riesig: riesige Türen, riesiger Tannenbaum, ein Schattenspiel zu Anfang. Das Alles und das nach so langer Zeit wieder in vollständiger Besetzung spielende Düsseldorfer Symphoniker, nehmen den Zuschauer von Anfang an auf eine fantastische Reise mit.
Die Kostüme sind fabelhaft. Die einzelnen Familienmitglieder sind zum Beispiel durch farbliche Details auch als Mäuse erkennbar. Der beim Tanz wirbelnde Mantel vom Drosselbart unterstreicht seine magische Figur. Es tanzen Schneeflocken, Blumen, die Lichterkette vom Weihnachtsbaum, Muffins und Kuchen in so bezaubernden Kostümen, dass immer wieder ein Staunen im Publikum zu hören ist.
Die Choreographie ist ebenfalls bezaubernd und empfängt zwischen den einzelnen Sequenzen Applaus. Mit welch kindlicher Freude Clara, mit welcher Leichtigkeit und Anmut Claras Mutter und wie holzig der Nussknacker tanzen, ist eindrucksvoll und imponierend. Zudem sind zahlreiche Gags (der Vater trägt zum Beispiel eine Brille) in das Stück eingearbeitet, so dass es ein wunderschöner und leichter Ballettabend für die ganze Familie werden kann.
Dunkin Seo (Drosselbart) und Orazio Di Bella (Nussknacker) haben übrigens eine starke Bühnenpräsenz. Ich erkenne sie nämlich aus anderen Stücken wieder, weil sie scheinbar einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben.

Am Ende bedankt sich das Publikum mit Standing Ovations für diese fantastische Vorstellung und das völlig zu Recht. Vielen Dank

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Ein grandioses Spektakel!

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „Der Nussknacker“

Selten bin ich so beschwingt von einem Ballettabend nach Hause gekommen. Das war ein gelungenes Feuerwerk von Ideen – doch der Reihe nach:

Es beginnt mit der großartigen Interpretation der Musik von Tschaikowsky durch Marie Jacquot mit unseren Symphonikern, nicht schwer-romantisch sondern leicht und freudig klingt es, aber auch mit Verve und Nachdruck da wo es notwendig ist. Auch am zweiten Aufführungsabend, dem ich beiwohnte, gab es Extra-Applaus für die Dirigentin.

Die Choreographie von Demis Volpi mit Beteiligung Jüngerer für einige Szenen war eine Mischung klassischer und „moderner“ Bewegungen. Jede Hauptperson hatte einen eigenen Tanzstil, eine eigene Tanzsprache. Das Märchen wurde als Erwachsenwerdung des Mädchens Clara durch die Beziehung mit dem zu Weihnachten geschenkten Nussknacker interpretiert.
Die steif-puppenartigen Bewegungen des Nussknackers waren perfekt, auch der Übergang zum lebendigen Mann nach Erweckung durch Clara war überzeugend gespielt. Clara tanzte kindlich-naiv, später fraulich-schön. Die Bewegungen des Paten Drosselmeiers visualisierten überzeugend seine übernormalen Fähigkeiten. Claras Bruder Fritz wurde als frecher Lausbub präsentiert, mit toller Spielfreude und Körperbeherrschung. Die Kostüme aller Tanzenden waren stimmig und zum Teil fantasievoll, das Licht hervorragend und die Bühne mit den beweglichen Türen und Zimmerwänden ein überzeugendes Konzept.
Letztlich begeisterte sich das Publikum an einer Vielzahl von Regie- und Choreografie-Einfällen. Dazu gehörten die erste Szene vor dem noch verschlossenen Weihnachtszimmer mit Tanzen über das bei Kindern übliche gespannte Gummiband, getanzte Wangenküsse, die in immer neuen Aufstellungen erfolgten Fotos der Weihnachtsfeierrunde (perfekt auf die Musik abgestimmt), der Übergang vom Blumentanz zur Dekoration des Tisches mit Blumen oder das Einfrieren aller Bewegungen am Frühstückstisch im Schlussbild. Der Fantasie freien Lauf lies die Choreographie bei den verschiedenen Tänzen in der Traumphase (oder pubertären Neuorientierung). Der Tanz der Mäuse hatte unglaubliche Bewegungen. Der Tanz der Schneeflocken war noch etwas konventionell, dann aber Schwarzes Theater auf dunkler Bühne mit sich bewegenden Lichterkugeln (um die Köpfe der dunkel gekleideten Tanzenden), die tanzenden Türen der Kulisse, der Tanz von Cupcakes (passend geformte Röcke, in welche die Tänzerinnen versinken konnten) und dann der erotische Tanz der Blumen, zum Schluss als Blumenbeet mit sich zu Clara neigenden Blumen. Ich war fasziniert und von dem Geschehen auf der Bühne gefangen genommen.

Fazit: Zur Weihnachtszeit nehme ich für einen zweiten Besuch die ganze Familie mit, dann spielt das Ballett in Duisburg.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

„Der Nussknacker“ als Augenschmaus

Helma Kremer über die Pemiere „Der Nussknacker“

Mit Tschaikowsky bin ich aufgewachsen und kenne jede Melodie des Nussknackers, eine Inszenierung dieses Stücks habe ich jedoch noch nie gesehen. Und eigentlich bin ich nun wirklich kein Fan von klassischen Handlungsballetten  und – nicht nur, aber auch deswegen – eine große Anhängerin von Martin Schläpfer. Gespannt bin ich vor allem, weil es für mich die erste Aufführung von Demis Volpi ist. Meine Erwartungen sind also gemischt. Doch sie werden in beinahe jeder Hinsicht übertroffen und ich kann die   jubelnde Begeisterung des Premierenpublikums teilen.

Diese Inszenierung ist perfekt: Sie zerstreut auf das angenehmste, ist verspielt und kurzweilig, ohne jedoch oberflächlich zu wirken. Das ist Storytelling at it’s best! Ich kann mich an keine Aufführung der DOR erinnern, bei der die Zeit so schnell verstrich. Auch die Gewerke – Bühnenbild und Kostüme – harmonisieren bis ins kleinste Detail. Wir erleben klassisches Handlungsballett in einer wunderschönen Kulisse, mit viel Kreativität und einer guten Portion Humor umgesetzt. Dabei kommen auch psychologische Aspekte nicht zu kurz und, insbesondere im ersten Akt, einige Gruseleffekte, die E.T.A Hoffmann ihre Referenz erweisen. Fürs Gruseln zuständig ist  zum einen der Pate Drosselmeier, der schon in seiner Aufmachung eher an einen bösen Zauberer oder einen Dämon als an einen lieben Onkel erinnert. Aber auch die Darstellung der Mäuse als Alter Egos der kompletten Familie, die nach dem augenscheinlich so harmonischen Weihnachtsfest in Claras Welt eindringt und sie bedroht, hinterlassen einen nachdrücklichen Eindruck und beschwören die Schattenseiten herauf, die ein solches Familienfests zwangsläufig mit sich bringt, wenn die familiären Beziehungen in Wahrheit nicht ganz so harmonisch sind. Auch im zweiten Akt werden die schönen Bilder immer wieder durch Eingriffe des Paten Drosselmeier in Claras Entwicklung bzw. in die Entwicklung ihres Verliebtseins gestört. „Übergriffig“ ist das Wort, das mir hierzu einfällt. Dennoch überwiegt in diesem zweiten Akt der Eindruck von Leichtigkeit. Höhepunkte sind für mich der Blumenwalzer als Tanz der Rosenblüten sowie der Tanz der Cupcakes. In ihren schönen Bildern erinnert mich die Inszenierung, ganz besonders die Cupcake-Szene, an Sophia Coppolas Film „Marie Antoinette“, und hier vor allem an die „I want candy“-Szene. (Der Film gewann den Oscar für das beste Kostümdesign.)

Ich bin schon gespannt auf die nächste Inszenierung von Demis Volpi, denn die anderen Opern- und Ballettscouts versichern mir „Er kann auch anders“.

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt Düsseldorf.

Feuerwerk der fantasievollen Ideen

Dr. Sassa von Roehl über die Premiere „Der Nussknacker“

Mit dem „Nussknacker“ verband ich klassisches Ballett, wie ich es schon in meiner Kindheit kennengelernt hatte. Ich war natürlich gespannt, was Demis Volpi aus diesem Stoff machen würde.

Meine Erwartungen wurden weit übertroffen!
Die Premiere am Samstag entführte mich in eine ideensprühende Zauberwelt, in der ich vor lauter Begeisterung Zeit und Raum um mich herum vergaß, Zu Tschaikovskys vertrauten Melodien entfaltete sich ein bunter Bilderbogen mit vielfältigen Tanzdarbietungen, mit beeindruckenden Kostümen und einem märchenhaften Bühnenbild. Besonders gut gefielen mir die Divertissements, wie der Tanz der Mäuse, der Cupcakes, der Blumen, der Lichterketten und auch die Fotosession der Familie. Es ergaben sich immer wieder überraschende Konstellationen, wie ich sie auch als eifrige Ballettbesucherin noch nie gesehen habe.
Demis Volpi ist es mit der Einbeziehung junger Choreographen gelungen, einen frischen und nicht allzu ernsten Blick auf die Geschichte des Erwachsenwerdens von Clara zu werfen. Trotzdem bleibt genug Seriosität, um Claras Aufbegehren gegen die Mutter und ihre beginnenden Liebesgefühle für einen Mann in Gestalt des Nussknackers gut nachvollziehen zu können.

Ich werde die Aufführung noch einmal besuchen, um noch mehr Details zu entdecken. Das kam bei einem Ballett noch nie vor!

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“.  Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Ballett, wo richtig was los ist

Michael Langenberger über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Schauspiel ,was in einem urigen, etwas abgeranzten, argentinischen Lokal spielt. Der Klavierspieler gehört genauso dazu wie ein Postschalter. Jeder Gast und Servicemitarbeiter ist mit sich und seinen individuellen Problemen beschäftigt. Doch anstatt dass sich das Schauspiel mit Worten an sein Publikum wendet, kommuniziert jeder Darsteller durch sein ureigenes Köperbewegungs-Vokabular mit dem Publikum. Der Rolle jeder Person entsprechend, scheint die Charakteristik deren individuellen Bewegung völlig logisch und klar. Eben so, als würde man in weiter Ferne einen guten Bekannten alleine an seiner Bewegung erkennen. 
Bewegen sich viele gleichzeitig, ergibt das ein Stimmengewirr, wie wir es eben selber auch aus Lokalen kennen – hier nur eben tänzerisch. Jeder bleibt bei sich und seinen Bewegungsmustern. Die Tanzstile passen, wenn man so will, (absichtlich) überhaupt nicht zusammen und sind gleichzeitig gewissermaßen stereotyp der Rolle – Gewirr eben. Um also überall mal “reinzuhören” muss ich mich auf einzelne Tänzer konzentrieren und bemerke aus dem Augenwinkel, dass ich möglicherweise an anderer Stelle etwas Anderes verpasse. Ein einziges Wimmelbild. Überall ist richtig etwas los.

Der thematisch rote Faden dreht sich um die Fragwürdigkeit eines Todesurteils des Richters, der eben auch zu Gast ist. Über das Radio an dem Postschalter wird die Gesellschaft auf dem Laufenden gehalten. So gerät der Richter mehr und mehr unter Druck all der anderen Gäste. Die Nachricht über die erfolgte Exekution löst bei den anderen Gästen ihre eigene Bewegungs-Individualität auf und synchronisiert sich in einer gemeinsamen Attacke auf den Richter. 
Entsprechend einem “Geschlossenen Spiel” beim Schach, bei dem die Verteidigungslinien (das eigene Tanz-Vokabular) so lange wie möglich aufrecht erhalten werden, zieht der ganz in weiß gekleidete Schachspieler, als würde er das Treiben von außen betrachten, subtil die Fäden; leitet andere Bewegungssequenzen ein.
Das äußerst unterhaltsame Treiben wird, je näher das Stück ans Ende rückt, immer politischer. Befasst uns mit der politischen Verlogenheit in der Zeit der Militärdiktatur Argentiniens unter J. R. Videla. Dieser konkrete Zusammenhang ergibt sich aus der Schauspielvorlage des argentinischen Schauspiels von Julio Cortázar. Doch wer will, kann durchaus seine Fragen zu unserer heutigen Gesellschaft und dem individuellen Handeln in unserer Zeit daraus ableiten.
Und eben alles getanzt. Bis auf das Radio – kein einziges Wort. Hochpolitisch und unterhaltsam gleichzeitig. Alles “nur” Körpersprache und dennoch verstehen wir alles, egal welchen (körpersprachlichen) Dialekt. 

Demis Volpi versteht es offenbar, unser Inneres zu ergreifen – uns zu befähigen, wortlos komplexe Zusammenhänge zu erfassen und zu verstehen. So könnte sich Handlungsballett, die oft an Märchen o.ä. anlehnt sind, als eine ganz neue, eigene Kunstform zur Auseinandersetzungen mit dem realen Leben und der Vielschichtigkeit der Gesichtspunkte entwickeln – unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht u.v.a.m. Es scheint mir eine ganz besondere Fähigkeit von Amis Volpi zu sein, auf diese Spielweise Ballett gerade auch für neue und vor allem jüngere Altersgruppen zugänglich zu machen. Dazu passte dann auch, dass der begeisterte Schlussapplaus jedem Tänzer gleichermaßen galt. Es gab nicht die/den Primus inter Pares – alle sind wichtig.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Geschlossene Spiele – Nicht entspannt, aber beeindruckend

Dr. Sassa von Roehl über die Premiere „Geschlossene Spiele“

In meinem Opernscout-Notizbüchlein fand sich noch die Karte einer Aufführung von Februar 2020. Über eineinhalb Jahre dauerte die erzwungene Corona-Pause. Umso mehr freute ich mich auf den lang ersehnten Start ins Kulturgeschehen mit der Uraufführung von „Geschlossene Spiele“ – für mich die erste Arbeit des neuen Ballettdirektors und Chefchoreographs Demis Volpi. Ein Handlungsballett nach einem Schauspiel von Julio Cortazàr, bei dem die unterschiedlichen Rollen nicht gesprochen, sondern getanzt werden.

Gezeigt wird das Aufeinandertreffen völlig unterschiedlicher Menschen in einem argentinischen Restaurant während der Militärdiktatur. Ein Mann, ganz in weiß, spielt unbeteiligt mit der Salz- und Pfeffermühle auf seinem Tisch Schach. Von ihm scheinen die anderen Personen im Raum auf magische Weise abhängig zu sein. Wenn er in die Hände klatscht, halten die Tänzer inne. Ist er die Verkörperung einer höheren Instanz?
Es erscheinen zwei Kellner, ein hungriger Gast und eine amerikanische Touristin. Ein kopfloses Huhn, das verspeist werden soll, versucht zu entkommen, schafft es aber nicht und muss sich in sein grausames Schicksal fügen. Eine Andeutung auf das bald im Stück thematisierte Thema der Verurteilung zum Tode. Ein Gefühl der Beklommenheit macht sich bei mir breit. Ein weiterer Herr tritt auf. Er will mehr Koffer, als er tragen kann an einem im Lokal befindlichen Schalter mit Gepäckband einzuchecken, scheitert jedoch an irgendwelchen bürokratischen Hürden, des Angestellten hinter dem Tresen.
Ein Richter mit scharf geschnittenem Gesicht und zackigen Bewegungen kommt auf die Bühne. Er erinnert mich sofort an die todbringenden Richter der Nazidiktatur. Er trägt das Symbol der Justiz mit sich, eine Waage, benutzt sie allerdings nicht, um Recht zu sprechen, sondern um die Möhren seiner Diät abzuwiegen. Auch damit zeigt sich immer mehr das Absurde und Surreale der Situation.
Eine alte Dame in Grün betritt den Raum. Sie schleicht in langsamen Bewegungen umher. Ganz anders als zwei junge, optimistische Revolutionäre, die ein Feuerwerk an Hip-Hop zeigen. Mit der Meldung im Radio, dass ein Mensch zum Tode verurteilt wurde, bricht das Grauen in die Szene ein. Man begreift, dass der Richter in direktem Zusammenhang mit dem Urteil steht. Eine junge Frau kommt ins Lokal. Man hofft, dass sie ein wenig Leichtigkeit bringt. Das tut sie, indem sie dem sich kasteienden Richter mit einem Eisbecher in Versuchung führt. Man sieht, wie er mit sich ringt, seine Diät einzuhalten. 

Alle Akteure tanzen in ganz unterschiedlicher Art und Weise. Niemand scheint den anderen zu verstehen, jeder hat seine eigene Ausdruckssprache, lebt in seiner eignen Blase. Als jedoch der Verurteilte an seinem Galgen aus der Küchendurchreiche hängt, erkennen die Protagonisten auf der Bühne die Tragik des Geschehens und verbünden sich gegen den Richter. Sie klagen ihn für sein hartes Urteil an und bringen ihn zu Fall.

In „Geschlossene Spiele“ genieße und bewundere ich enormes tänzerisches Können. Ich erlebe einen- wenn auch nicht entspannten, so doch aufregend neuen und ungewohnten Ballettabend.

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“.  Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Wieder Ballett! Demis Volpi präsentiert ein Handlungsballett

Hubert Kolb über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Nach der Beschränkung unseres Lebens auf einen engen Kreis erleben wir wieder Fast-Normalität in Sachen Kultur – ein großartiges Gefühl!
Bisher kannte ich kein „Handlungsballett“. Ich nahm eine Kunstform war, bei der in fast pantomimischer Tanzweise das gesprochene Wort einer Handlung in Körperbewegung ausgedrückt wird. Da die Fixierung durch den Text fehlt, ergibt sich eine viel breitere und individuell unterschiedliche Wahrnehmung.
Es war ein spannender Abend, auch wenn die oft überwältigende Wirkung eines auf Emotionen und abstrakte Vorstellungen zielenden Balletts fehlte. Das glich Demis Volpi mit seinem Team in eindrucksvoller Weise durch eine Vielschichtigkeit des Geschehens in einem alt-ehrwürdigen aber einfachen Restaurant (tolles Bühnenbild, gutes Licht!) und durch eine kaum komplett wahrnehmbare Zahl von Regieeinfällen aus.
Die Charakterunterschiede zwischen den einzelnen Restaurantbesuchern (Buenos Aires in Zeiten eines totalitären Regimes) wurden perfekt in individuelle Körper- bzw. Tanzbewegungen übersetzt. Die Überzeichnung war komödiantenhaft wie bei den argentinischen Kellnern, mit spiritueller Note wie bei dem Schachspieler und Personenlenker, oder beklemmend bei dem ein Todesurteil zu verantwortenden Richter. Ebenso dienten die Kostüme sowie unterschiedliche Musikstücke oder auch Stille zur Zeichnung der Charaktere.
Die dazugehörigen Körper- bzw. Tanzbewegungen bedienten sich des vollen Spektrums vom klassischen Ballett über originelle „moderne“ Tanzformen bis zu unmenschlich abgehackten Gesten beim Richter. Sein erster Solo-„Tanz“ in kompletter Stille war beklemmend. Eine großartige Leistung des Choreographen.
Die vielen kleinen Regieeinfälle waren wegen der parallelen Handlungen im Restaurantsaal gar nicht vollständig zu würdigen. Besonders gefiel mir, dass der wilde Tanz der jungen „Revoluzzer“ in den Tanz eines Clowns (?) überging, dass der hochfliegende Rock der zur Ballerina umgekleideten amerikanischen Touristin so sehr den hochfliegenden Rockschößen des komplett weißen Schachspielers glich, und dass Sisyphos in Gestalt eines immer vergeblich Koffer-aufgebenden Mannes eine weitere Wahrheit auf die Bühne brachte.

Fazit: Danke, dass ein Stück Kultur wieder Normalität wurde! Die Vielschichtigkeit und der Detailreichtum dieses Handlungsballetts fordert die Zuschauenden heraus und dürfte zu individuell unterschiedlich wahrgenommenen Bildern führen.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

Von der Nähe in der Ferne

Charlotte Kaup über die Premiere „Far and near are all around“

Unter herausfordernden Bedingungen gelingt es der Oper am Rhein eine Bühne zu schaffen für eine Ausdrucksform, welche in der menschlichen Kultur verwurzelt ist, es schafft Grenzen zu überwinden,  die schafft auszudrücken wofür es keine Worte gibt – einen Raum für Tanz.

Juanjo Arqués eröffnet den Abend mit einer hoffnungsvollen Arbeit zum Thema Einsamkeit und Vereinzelung.

Ein klares Bühnenbild mit beeindruckender Tiefenwirkung lässt immer neue Räume entstehen und schafft in Kombination mit minimalistischer Streichmusik eine harmonische, unaufdringliche Atmosphäre.

Davor strahlen die Tänzer mit bunten Kostümen und geschmeidigen, organischen Bewegungen, die jeden einzelnen besonders hervorheben und gleichzeitig trotz Distanz in Gemeinschaft leuchten. Für mich ein wunderschönes, bewegendes und perfekt ausgewogenes Stück mit überraschend positiver, nahezu träumerischer Strahlkraft.

Das folgende Stück von Demis Volpi setzt einen starken Kontrast. Das Bühnenbild ist gewaltig, ebenfalls sehr ästhetisch, jedoch schafft es einen geschlossenen, düsteren Raum – beinahe eine Art Käfig. Passend hierzu tragen die Tänzer einheitliche, schwere Kostüme.

Musik und Tanz verschmelzen zu einer abgestimmten Einheit aus Geometrie und Repetition, die im Verlauf eine nahezu hypnotische Wirkung ausüben. Auch wenn hier zwischen den Tänzern keine Berührung stattfindet, so entsteht doch ein starker Eindruck von Gemeinschaft und lauter Stimmgewalt die den begrenzten Raum zu durchbrechen scheinen. Klassischer Tanz frisch, clever und drastisch.

Mit diesen zwei sehr unterschiedlichen Stücken bietet „Far and near are all around“ spannende Sicht- und Verarbeitungsweisen der aktuellen Situation, ohne sich jedoch davon dominieren zu lassen, denn im Mittelpunkt steht eine große, mutige Leidenschaft für Bewegung. Vielen Dank!

Charlotte_Kaup

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Vor kurzem hat die junge Ärztin eine Stelle in Mönchen Gladbach angetreten. Vorher arbeitete sie einige Jahre als Ballettlehrerin beim Hochschulsport. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und ist sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires.
Bezüglich der Oper ist sie ein Neuling, möchte dies aber gerne ändern und freut sich deshalb auf eine weitere Zeit als Scout und die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Faszinierende Details

Karolina Wais über die Premiere „Far and near are all around“

Das Opernhaus fasst laut hauseigener Internetseite 1.296 Zuschauer. Laut den Hygienemaßnahmen durften 460 Zuschauer in den Genuss einer Vorstellung kommen. Die Ballettpremiere am 15. Oktober 2020 ist ausverkauft, als die Verantwortlichen einen Tag vor der Vorstellung die weitere Auflage bekommen, dass bloß 250 Personen den Zuschauersaal betreten dürfen. Das ist eine Auslastung von bloß 20%. Nur 250 Personen dürfen sich Vorstellungen ansehen! Das ist ein so geringer Teil unserer Stadtbevölkerung und geht meiner Meinung nach in die falsche Richtung.

Umso mehr freut es mich, dass ich zu dem kleinen Teil der Bevölkerung gehören und Platz im Publikumssaal nehmen darf und das aus dem einfachen Grund, weil sich die Künstler und Mitarbeiter dazu entscheiden eine Vorstellung zwei Mal am gleichen Abend vorzuführen. Mein größter Dank an jeden Einzelnen der Beteiligten für deren Spontanität, Engagement und Leidenschaft. Sie tragen alle dazu bei, dass Kultur stattfinden kann, denn Kultur ist wichtig!

Das erste Stück SPECTRUM vom JUANJO ARQUÉS begeistert mich von der ersten Minute an. Das Bühnenbild ist minimalistisch, Rashaen Arts steht vor einer weißen Wand und tanzt in seiner Einsamkeit. Die bewegliche Wand wird von hinten beleuchtet. Nach einer Zeit taucht der Schatten einer Tänzerin auf, der sich mit Arts Tanz synchronisiert. Die Wände gehen hoch, die beiden treffen sich, kommen sich aber nicht zu nah. Es treffen andere TänzerInnen auf der Bühne ein, sie sind in farbige Kostüme gehüllt, gemeinsam ergeben sie das Spektrum eines Regenbogens, und jeder tanzt eine andere Art der Einsamkeit – die romantische, wütende, verzweifelte. Den Höhepunkt erlebt der Zuschauer, als ein Paar gemeinsam tanzt, denn sie berühren sich. Es hinterlässt in mir die Hoffnung, dass die Berührung langfristig nicht aus unserer Gesellschaft und Kultur weichen wird. Arqués widmet sich nach der „Suche nach Gemeinschaft in der Einsamkeit“. Das Stück ist eine der schönsten Suchen und bisher die schönste Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen, die ich gesehen habe. Das Streichquartett begleitet diese wundervoll und sorgt zusätzlich für eine großartige Pause zwischen den Stücken.

A SIMPLE PIECE von DEMIS VOLPI
Acht TänzerInnen stehen auf der Bühne, ihre Kostüme und die Musik von Carolina Shaw irritieren mich anfangs. Die Protagonisten haben leichte Blusen und durch ihren Stoff schwerwirkende Pluderhosen an. Ich stelle die Bewegungsfreiheit, die beim Tanz so wichtig ist, kurz in Frage. Das Musikstück ist ein achtstimmiges A-Capella-Werk.

Schnell merke ich aber wie die Bewegungen der Tänzer, durch die Kostüme unterstrichen gemeinsam mit dem Musikstück eine Gesamtheit bilden. Die Pluderhosen haben übergroßen Taschen aus denen bei jeder Bewegung rote Schnipsel, vielleicht Konfetti herausfallen.

Wie eine freudvolle Feier von großer Leichtigkeit, die uns in diesen Tagen derart abhandengekommen ist. Die Formation tanzt scheinbar die gleiche Choreografie, nach genauem Hinsehen fällt mir aber jeweils eine Person auf, die etwas anders macht. Jeder bekommt somit eine Einzelperformance in der Gesamtheit des Werks. Dadurch, dass die Geschlechterunterschiede durch die Kostüme wieder aufgehoben sind, wird die Gesamtheit der Formation noch mehr unterstützt. Ich kann mich richtig in die Bewegungen und in die Musik vertiefen, entdecke immer mehr faszinierende Details und finde das Stück schlicht und einfach raffiniert.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

Verloren in Zeit und Raum

Michael Langenberger über die Premiere „Far and near are all around“

So emotional angefasst habe ich den Generalintendanten der Düsseldorfer Oper, Prof. Christoph Meyer bislang noch nicht erlebt, als er sich vor den Zuschauern bei all seinen Mitarbeitern dafür bedankte, dass es innerhalb eines Tages möglich war, die für den Tag geplante Premiere zu einer Doppel-Premiere zu machen. Neueste Corona-Vorgaben bedeuteten die Anzahl der Plätze von 450 auf 250 zu reduzieren. Der neue Chefchoreograf Demis Volpi schlug dann vor, worauf sich innerhalb kurzer Zeit alle Aktiven des Abends einließen: „…dann lasst uns doch zwei Vorstellungen hintereinander machen…“ Vielen Dank für diesen Einsatz und gelebten Optimismus, den Virus nicht über die Kunst siegen zu lassen!

Was dann folgte, war das getanzte Statement, mit dem Virus leben zu müssen, sich jedoch nicht geschlagen zu geben. Im ersten Stück des Abends „SPECTRUM“ des spanischen Choreografen Juanjo Arqués geht es genau um die innere Zerrissenheit, sich dem anderen nicht nähern zu dürfen und besiegt am Ende in einem Pas de deux mit Feline van Dijken und Eric White den unsichtbaren Antagonisten; coronakonform, weil beide in einem Haushalt leben.

Tänzerisch herausfordernd, sich aus unterschiedlichen Bewegungen kommend zu synchronisieren. Mal mit dem Schatten der hinter einer milchigen Wand tanzenden Partnerin sich so zu synchronisieren, als wäre das Abbild auf der Mattscheibe der eigene Schatten. Mal mit spiegelsynchronen Bewegungen, die längst im inneren rhythmisch verbinden, was im Außen nicht sein darf. Wie befriedend dann das Ende mit dem eng umschlungenen Paar.

Juanjo Arqués reicht ein spartanisches, nahezu farbloses Bühnenbild mit wenigen prägnanten Lichteffekten und setzt so die im leichten, luftigen und knallbunten Dress tanzenden Akteure perfekt in Szene.

Besondere Erwähnung verdient auch das Streichquartett mit Franziska Früh, Marina Peláez Romero, Ralf Buchkremer und Nikolaus Trieb, was mit Musik von Marc Mellits „Spectrum“ live begleitet. Denn wie immer in diesen Zeiten, wo zwischen den tänzerischen Darbietungen der streng voneinander getrennten Tänzergruppen die Bühne hinter geschlossenem Vorhang gereinigt werden muss, unterhält uns Besucher das Streichquartett zwischen den beiden Tanzdarbietungen des Abends mit „Ritornello“ von Caroline Shaw. Es ist ein sehr kurzweiliges, recht witziges und vielseitiges Stück. Eigentlich stehen Streichquartette auf meiner Beliebtheitsskala nicht ganz oben auf der Liste. Doch was die Vier da an Tonfolgen und vor allem an unterschiedlichen Klangbildern aus ihren jeweiligen Streichinstrumenten holen, ist wirklich beeindruckend. Entsprechend ist dann auch ihr Applaus – bravo!

Mit „A SIMPEL PIECE“ erleben wir die zweite Uraufführung des Abends. Als Musik hat sich Demis Volpi die mit dem Pulitzer Prize of Musik geadelte Komposition „Partita for 8 Voices“ der Komponistin Caroline ausgesucht. Die A-cappella-Stimmgewalt bewegt gewissermaßen die Körper der Tänzer*innen. Mal sind es die aus dem Nichts anschwellenden, oft polyphonen Lautmalereien, die sich in nur minimalen Bewegungen ausdrücken; vielleicht nur den Oberkörper bewegen oder die Finger. Dann aber auch ausladende Bewegungen zu kraftvollen Passagen der viersätzigen Partita. Auch hier hilft das eher karge und raffiniert ausgeleuchtete Bühnenbild die Tänzer und ihr Können zu unterstützen. Der Knaller allerdings sind die Kostüme, deren Hosen ein wenig an die Kluft von Kendo-Kämpfern erinnert. In ihren dunklen, weit geschnittenen Hosen mit hohem Bund aus offenbar sehr festem Stoff wirken die Tänzer*innen geradezu geerdet. Die Oberteile aus zartem, weißen Stoff lassen den Akteuren Raum für Bewegungen, die gleichzeitig leicht erscheinen. Bei „A SIMPLE PIECE“ geht es nicht allein um Tanz, sondern einen Schmelztiegel aus Klanglauten und Tanztheater; eins fließt in andere – beides zusammen wird eins.

Wen wundert es da, dass die nur 250 Zuschauer applaudierten, als wäre es ein voll besetztes Haus – aus stürmischer Begeisterung für den Ballettabend und in Auflehnung gegen den Virus, der in der Zeit der Vorstellung jegliche Macht verlor.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

„Ne me quitte pas“

Isabel Fedrizzi über die Premiere „A First Date“

Mit den drei Ballettabenden A First Date stellt sich Demis Volpi als neuer Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein vor – er zeigt einen spannungsvollen und vielfältigen Querschnitt seiner älteren und neuen Choreographien. Weil zwei Drittel der Ballettcompagnie neue Tänzer aus aller Welt sind, ist das Thema „First Date“, „erste Begegnung“ und „Kennenlernen“ in mehrerer Hinsicht perspektivisch gut ausgewählt: die Tänzer lernen sich in der ersten gemeinsamen Spielzeit untereinander kennen, das Publikum lernt die Tänzer kennen und auch für die Tänzer ist es die erste Begegnung mit dem neuen Ballettdirektor und dem Publikum.

Die Tatsache, dass die Compagnie coronabedingt in drei Gruppen aufgeteilt wurde, in denen geprobt und auf der Bühne getanzt werden musste, macht Demis Volpi die Gestaltung seines Debüts nicht eben einfach: doch er hat mit kurzen und klein besetzten Balletten mit 1 bis max. 6 Tänzern sehr abwechslungsreiche Abende geschaffen. In der Mitte jedes Abends werden Videosequenzen mit kleinen Interviews der jeweiligen Tänzer gezeigt, Probenaufnahmen und Tanzszenen aus den ersten Tagen ihrer Begegnungen und noch jungen Zusammenarbeit – Filmisch schön komponiert von der amerikanischen Filmemacherin Daisy Long.

Der erste Ballettabend präsentiert das Thema „first date“ mal mit ernst-seriösem Blick (Chaconne, Private Light), mal exzentrisch (Allure) und mal augenzwinkernd überzogen (de la Mancha). Das innige Ballett Chaconne bildet zu Bachs live von der Solo-Violine vorgetragenen 2. Partita einen „klassischen“ und sehr gelungenen Auftakt. Der Ausschnitt aus Volpis Ballett Private Light zu Solo-Gitarrenmusik knüpft in seinem „kammerspielartigen“ Charakter daran an. Den Höhepunkt in der Mitte des Abends bildet das Solo Allure, mit dem Simone Messmer als neues Ensemblemitglied  ihr ausdrucksstarkes und beeindruckendes Debüt gibt. Volpis Uraufführung von de la Mancha, eines Parodie des Balletts Don Quixote gerät mir trotz der Ironie zu überzogen und albern.

Der zweite Abend war für mich insgesamt der Höhepunkt: Mit einem „Aufwärmtraining an der Stange“ (Whatever happened to class?) beginnt er eher etwas harmlos, zeigt aber dann mit Awáa von Aszure Barton und vor allem Demis Volpis Look for the silver linings zwei sehr schöne, kreative, moderne und berührende Stücke. Kraftvoll in Musik und Bewegung ist Awáa – fließend, fast erotisch und emotional bewegend die Uraufführung der „silver linings“ zu Musik von Chet Baker. Im „getanzten Traum“ von Le spectre de la rose hat das Duo Tanz  auf hohem Niveau gezeigt, doch waren Musik und Tanz so ganz gegenläufig, was anderswo als Gegensatz funktioniert hätte, aber  inmitten des sonst so dick aufgetragenen romantischen Klischees aus Webers Musik, Rosen-Kostüm und Fensterkulisse hier nicht passen wollte.

Der dritte Abend war in seiner reduzierten Anlage der modernste und für Auge und Ohr herausfordernste der drei. Man muss sich einlassen auf einen Abend, der mit 20-minütigen Trommelklängen und kantigen Bewegungen beginnt und sich musikalisch mit harmonisch anstrengenden Streichquartetten von P. Vasks und H. Gorecki fortsetzt… Ein Bewegungselement, das immer wiederkehrt und in dieser Intensität wie hier etwas gewöhnungsbedürftig ist, ist das Tanzen mit dem Rücken zum Publikum. Oft fügt es sich als Stilmittel ein, passt zum Ablauf; wird es lang oder zu viel angewendet, fühlt man sich als Zuschauer manchmal vom Geschehen ausgeschlossen.

Das Highlight des Abends ist Volpis Duett Chalkboard Memories, das Niklas Jendrics und Edvin Somai gefühlvoll, expressiv und wunderbar homogen auf die Bühne bringen. Ein Stück, das einen sofort gefangen nimmt und lange nicht loslässt: sehr beeindruckend.

In Coronazeiten wird vieles durch Abstandsregeln diktiert: wenig Nähe auf der Bühne, gemeinsames Tanzen nur in Bildern und mit Distanz, kleine Besetzungen, die die (Aus)Wahl der Stücke begrenzen – das prägt den Ablauf, den optischen Eindruck und letztlich auch die Stimmung, die diese Abende hinterlassen. Man wünscht sich  auf längere Sicht für alle Beteiligten wieder ein Ballettgeschehen ohne Einschränkungen.

Obwohl das Format – 70minütige Abende mit mehreren kurzen und kontrastreichen Balletten insgesamt vom Publikum sehr gut aufgenommen wurde… Wer weiß, welche Konzepte sich daraus noch entwickeln.

Ein guter und hintergründig klug gewählter Abschluss am Ende des dritten „First date“ ist das Duett „Ne me quitte pas“ von Nina Simone: Mit der Hoffnung „Verlass mich nicht“ wird man als Zuschauer aus diesem umfassenden und bleibenden Abend entlassen…

Duisburg, Opernscouts

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Exzellent getanzt

Dagmar Ohlwein über die Premiere „A First Date“

Die drei episodischen Premieren-Abende unter dem Motto „First Date“ unter der Regie des neuen Direktors des Ballett am Rhein, Demis Volpi, haben mich restlos begeistert.
Sehr gelungen und klug empfand ich das Konzept, die neu aufgestellte Compagnie und die zu erwartende Ausrichtung des neuen Ballettchefs und seines Teams unter Hinzunahme anderer Choreografen in vielen einzelnen Stücken vorzustellen. Die Vielfältigkeit der neu engagierten TänzerInnen, als auch der bereits unter Martin Schläpfer arbeitenden Protagonisten, erhielt so eine großartige Bühne, die meiner Meinung nach, auf weitere hervorragende Ballettabende hoffen lässt.

„Chaconne“ von José Limon, uraufgeführt 1942 in New York war das erste Stück des ersten Abends, großartig begleitet von der Solo-Violine, gespielt von Egor Grechishnikov. Zwei Ausschnitte aus „Private Light“ von Demis Volpi, wurden mit der Suite espanola,op 47 vom Gitarristen, Peter Graneis, dargebracht und von den TänzerInnen sehr harmonisch vertanzt.
Alexander Ivanov am Klavier begleitete bei der zweiten Episode die Uraufführung „Whatever happened to class“. Exzellent getanzt von Paula Alves, So-Yoen Kim-von der Beck, Neshama Nashman, Orazio di Bella, Evan L`Hirondelle.
Episode 3 verstand es, das Premierenstück rund werden zu lassen. Begonnen hatte es mit der ersten Begegnung, den Gefühlen des sich Gefallens oder Nichtgefallens, der Leidenschaft, dem unzertrennlich sein für eine bestimmte Zeit und am Ende steht die Trennung. Mit einem Ausschnitt aus „Love Song“, Junge Choreografen des Wiener Staatsballetts, vertanzten Feline van Dijken und Eric White die Musik von Jacques Brel
„Ne me quitte pas“ in sehr guter Ausführung. Alle Künstler verstanden es an allen drei Abenden mich in den Bann zu ziehen.

Die Reduzierung auf das Wesentliche, ohne Hinzunahme aufwändiger Kostüme, Musikbegleitung und Bühnenbilder, bot den TänzerInnen die Möglichkeit, die hohe Kunst ihrer künstlerischen Ausdrucksformen vorzustellen. Sehr gut gefielen mir die filmischen Dokumentionen von Daisy Long in jeder Episode. Passend zum Titel „First Date“ wurde das erste Zusammentreffen der neuen Compagnie mit Ihrem Ballettdirektor gezeigt. Die persönlichen Statements der Gedanken und Gefühle der TänzerInnen waren sehr bewegend für mich. „Was ist wichtig für eine gute Ballettgemeinschaft?“ „Der Zusammenhalt, das Bestreben, alles zu geben, an dem Perfekten zu arbeiten, offen zu sein für die eigene tänzerische Entwicklung“ waren die Aussagen, die authentisch und leidenschaftlich herüberkamen. Die neue Compagnie, so war mein Eindruck, entsteht und will etwas Besonderes schaffen.

Demis Volpi hat die erste Annäherung an seine TänzerInnen und auch an das Publikum hervorragend gemeistert. „Was gibt es noch außerhalb des hohen Niveaus der tänzerischen Technik?“
„Wie kann jedem Tänzer sein eigener Ausdruck gelassen werden und trotzdem die Compagnie zu einem Ganzen werden?“
Diese Fragen und Überlegungen des neuen Ballettdirektors geben mir Anlass, mich auf eine weitere großartige Ballett-Ära an der Rheinoper zu freuen.

Dagmar_Ohlwein

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin im Ruhestand nimmt sich Zeit für Kultur. Als Jugendliche lebte sie „direkt um die Ecke“ des Theaters Duisburg und hatte so schon immer viel Kontakt zur Kunst. Sie ist sehr gespannt auf das zweite Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2020/21.

Welcome Demis Volpi

Sandra Christmann über die Premiere „A First Date“

So fühlt sich sein Debüt an: der Beginn einer neuen Ära.

Drei Episoden.
Neugierig, erfrischend, modern, und dieses FIRST DATE mit dem neuen Ensemble und  Demis Volpi ist definitiv aufregend und wie bei einem ersten Date, wenn es gut gelaufen ist: man will mehr.

Unterschiedlicher können die drei Episoden nicht sein, sie zeigen das wahnsinnig große und kreative Spektrum eines bunten homogenen Ensembles und den freien Geist von Demis Volpi, der facettenreich, weltoffen und tief, uns, aber auch die Tänzer*innen in eine neue Welt holt.
Überraschend! Ich bin definitiv an weiteren Dates interessiert.

Besonders gut hat mir gefallen, dass in der ersten und zweiten Episode die einzelnen Choreografien überwiegend mit einer/m Musiker/in begleitet werden (Geige, Gitarre, Klavier).

Und bevor ich auf die großartige choreografische und tänzerische Begegnung eingehe, möchte ich etwas über die Kostüme sagen.
Katharina Schlipf hat mit ihren Kostümkreationen eine genderneutrale Einheit geschaffen, eine zweite Haut, die genau das, was wir auf der Bühne erleben, mit prägt.
Es spielt keine Rolle, ob Mann mit Mann, Frau mit Mann, Frau mit Frau tanzt, wir erleben die Tanzenden! Es ist schwer zu beschreiben, was hier passiert ist, aber es ist eine Aufhebung von alten Rollenverständnissen, Stereotypen und Standards. Das geben die Choreografien her, aber erhalten ihre Vollendung durch die Kostüme. Bravo!

Neu: Die Einspielung eines Films, der hautnah, sympathisch das Ensemble und deren Arbeit, Motivation, Emotion und Haltung zeigt. Plötzlich ist man Teil der Familie, und dem Ensemble ganz nah. Wie schön, alle persönlich kennen zu lernen. Volpi und sein Ensemble gehen von der ersten Sekunde eine Beziehung mit dem Publikum ein.

Was wirklich spürbar ist, ist das ausgehungerte Publikum und Ensemble…die Sehnsucht aller wieder zu tanzen und Tanz zu sehen. Die Pandemie hat uns kulturell auf Diät gesetzt.

Mein persönliches Highlight in der ersten Episode: Allure, Simone Messmer, eine großartige Choreografie so facettenreich, so auf den Punkt interpretiert. Messmer ist eine fantastische Tänzerin – zum Verlieben.  Stark und grazil. Präzise und einfangend, man lässt sie keine Sekunde los.
Die Choreografien sind so vielfältig, so divers, dass ich nur sagen kann, es ist wie die Landung auf einem neuen Planeten: neue Farben, neue Gerüche, neue Temperaturen.
Sehr erheiternd sind die drei Tänzer Miquel Martinez Pedro, Dukin Seo und Kauan Soares in: de la Mancha. Eine impulsive Choreografie mit einigen komischen Elementen.

Die zweite Episode beginnt im Ballettsaal, ein Gefühl wie damals bei Dawna P. Dryhorub jeden Montag im Tanzhaus NRW, erinnert mich an meine Bemühungen klassisches Ballett zu lernen. Übrigens vergebens.

Mit der Steigerung des Ensembles in eine großartige klassische Ballettperfomance, die alle Phasen des Ballettunterrichts integriert, gelingt es Volpi erneut, uns das Ensemble vorzustellen und gibt uns eine Idee davon, dass tänzerisch alles möglich ist. Jede und jeder hat ihr/sein Solo, dann verschmelzen sie in ein Ganzes. Stark und beeindruckend. Klassisches Ballett.

Besonders schön und modern ist das pax de deux von Yoav Bosidan und Daniel Smith, Ausschnitt aus Awáa. Stark, einfangend, sensibel. Die Choreografie von Aszure Barton ist berührend und reich.

Die dritte Episode startet wirklich sehr experimentell. Hier muss ich mich erst einmal einfinden.
Zitat meiner Mutter, die mich begleitet hat: „Interessant, sehr interessant“.
Das Finale des ersten Dates ist dann ein Ausschnitt aus  Love Song (Wien, 2014) getanzt von Feline va Dijken und Eric White und fängt mich wieder ein. Die Liebe mit Liebe getanzt. Leidenschaftlich, ängstlich, fordernd und erfüllend getanzt.

Zusammengefasst: MUST SEE:  FIRST DATE – der Anfang einer langen, langen Freundschaft lieber Demis Volpi und liebes Ensemble der Deutschen Oper am Rhein.

Sandra_Christmann

Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair International GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Absolut erlebenswert

Karolina Wais über die Premiere „A First Date“

Demis Volpi zeigt dem Publikum an drei Abenden eine Auswahl an seinen bisherigen Arbeiten. Dabei muss ich zugeben, dass diese Auswahl groß und sehr vielfältig ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bekommt man als Zuschauer mehrere perfekt auf sich zugeschnittene Werke zu sehen. Gerade auf Grund der Vielfältigkeit werde ich mit dieser Rezension nicht auf alle Stücke eingehen können.

Unglaublich spannend war es zuerst wieder im Publikumssaal zu sitzen und auf eine Vorstellung warten zu dürfen. Und das Warten hat sich gelohnt.

Das Bühnenbild ist durchgehend minimalistisch gehalten, so dass man sich als Zuschauer auf den einzelnen Musiker, der dadurch, dass er auf die Bühne geholt wurde zum Teil des Spektakels wird und auf die Tänzer konzentrieren kann. Dabei entsteht eine ganz andere Art der Zusammenarbeit zwischen den Tänzern und dem Musiker. Nicht jedes Stück erfreut sich zwar einer live Musik, daran gewöhne ich mich aber schnell.   

Die Kostüme sind besonders in der ersten Episode geschlechtsneutral. Ich kann zum Teil nicht erkennen, ob Tänzer oder Tänzerinnen auf der Bühne agieren und das gefällt mir. Der Mensch tanzt, der Tanz ist wichtig, das ist genial.

Da die Bühne zwischenzeitlich gesäubert werden muss, wird an jedem Abend ein Kurzfilm gezeigt, in dem die einzelnen Mitglieder der Companie vorgestellt werden. Auch wenn es zu Anfang etwas befremdlich ist, gefällt es mir doch sehr. Ich bekomme als Zuschauer einen persönlichen Bezug zu den einzelnen Mitgliedern der Companie, die an den jeweiligen Abend auf der Bühne tanzen. Das schafft sehr viel Nähe und lässt die Anonymität verstreichen. Dadurch wird eine Intimität zwischen den Zuschauern, Demis Volpi und der Companie geschaffen, die meiner Meinung nach, ein guter Grundstein für eine langfristige Beziehung sein kann/ist.

Es sind jedenfalls erste Verabredungen voller Zauber. Meine siebenjährige Tochter, die mich bei der dritten Episode begleitet, ist ebenfalls sehr begeistert.

Herzlich Willkommen in Düsseldorf! Ich freue mich auf weitere Dates.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

Defilee des Tanzes – in sechs Gruppen zum Kennen- und Liebenlernen

Michael Langenberger über die Premiere „A First Date“

Poah – war das ein Einstand des neuen Ballettdirektors und Chefchoreographen Demis Volpi – großartig!

Mit einer um ca. 2/3 erneuerten, jungen und tänzerisch neugierigen Compagnie und unter strengen Regeln seinen schöpferischen Einstand zu geben, war sicherlich eine Herausforderung der Extraklasse für Demis Volpi. Doch konzeptionell geschickt geplant, um die individuelle Bandbreite der tänzerischen Qualitäten zu präsentieren, gab es dieses Jahr eine Premiere an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Coronabedingt wurde das Ensemble in sechs Gruppen á 6-8 Tänzer*innen aufgeteilt, um sich im Fall einer Infektion eines Einzelnen, nicht gegenseitig anzustecken. Diese Gruppen durften sich weder in den Proben noch bei den Aufführungen begegnen. 

Je Abend stellten sich also zwei Gruppen tänzerisch vor. Um sich, wie gesagt, auf der Bühne nicht zu begegnen und die Bühne zwischen beiden Auftritten zu reinigen, wird in dieser Zeit das Publikum mit einem Film unterhalten, in dem einige Mitglieder der Compagnie über ihre Motive zu ihrem Engagement in Düsseldorf berichten. Zum Teil sehr junge Leute mit Tatendrang und Liebe zur Bewegung, tiefen Überzeugungen über den Wert und die Wichtigkeit der Körpersprache. Diese Einspielfilme geben dem Zuschauer einen berührenden und tiefen Einblick in die Seelen der Tänzer und deren Tanz. Danach fühlt man sich als Zuschauer ein bisschen an “Der kleine Prinz” von Antoine de Saint-Exupéry erinnert – “…Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar….”

Der Einsatz und die Hingabe, mit der sich die Akteure bewegen, bekommt dadurch eine andere, ganz neue Qualität. Man sieht die Akteure nicht einfach nur tanzen, sondern verbindet Ihre tänzerische Darbietung und den Enthusiasmus mit den Tiefen Ihrer Überzeugungen. Ein völlig neues Zuschauererlebnis.

Die große Leistung von Demis Volpi besteht meiner Meinung nach nicht nur in der Vielfalt und Verschiedenheit der Choreographien, sondern eben insbesondere auch darin, stets die beste Besetzung zu liefern. Überhaupt wird uns eine enorme Bandbreite geboten. Von klassischem Ballett über zeitgenössischen Tanz – was mich an Stücke von Martha Graham erinnert – bis hin zu Tanztheater.

Demis Volpi traut seinen Tänzern einiges zu, fordert sie heraus, führt sie an ihre Grenzen. Hier und da gehen schon mal Synchronitäten verloren oder ein*e Akteur*in verliebt sich in eine Bewegung, dass kurz der Anschluss zur Gruppe hakt. Doch es ist die Begeisterung, wieder auftreten zu dürfen, die da spürbar über die Ufer schwappt und nicht das Bedürfnis nach Selbstdarstellung.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.