Intensität und Qualität

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Isabel Fedrizzi über die Premiere der konzertanten „Götterdämmerung“

Eine Oper konzertant? Nur Orchester und Stimme, im Konzertsaal sitzen ohne Bühnenbild, Kostüme und sonstigen Augenschmaus? Und dann bei Wagner, obendrein bei der längsten aller Ringopern? Fünfeinhalb Stunden Götterdämmerung auf einem Stuhl?

Die Perspektive klang nüchtern betrachtet nicht eben verlockend. Sicher war die Erwartungshaltung bei einigen der Premierenbesucher der konzertanten Götterdämmerung in der Mercatorhalle ähnlich niedrig wie bei mir, und dennoch haben sie sich aufgrund des nicht bespielbaren Opernhauses auf ein Wagnis eingelassen und recht zahlreich das Parkett der Mercatorhalle gefüllt.

Und wie wurden sie und ich belohnt!! Eine Aufführung in einer Intensität und Qualität wie sie wohl niemand aus dem Publikum erwartet hatte…

Die Duisburger Philharmoniker boten einen glänzenden Auftritt, zeigten sich als erstklassige Interpreten, nicht ganz ohne winzige Kritikpunkte, diese wären aber nun wirklich „Stöhnen auf höchstem Niveau“. Außerdem liegt die Aufmerksamkeit als Zuhörer (und man ist eben fast nur ZuHÖRER und nur wenig ZuSCHAUER in solch einer Aufführung) ausschließlich auf der Musik, nichts lenkt ab, kein Bühnenbild, kein Kostüm, keine Requisite, nichts zieht den Fokus auf sich – es zählt NUR die Musik. Und die war unter der Leitung von Axel Kober und den DuPhils in den besten Händen.

Ebenbürtig war die sängerische Leistung des Ensembles, dem man nur das allergrößte Lob aussprechen kann…

Brünnhilde (Alexandra Petersamer) war für mich nicht nur stimmlich das Highlight des Abends, sie hat ihre Rolle förmlich gelebt, ihre Mimik, ihr Ausdruck, ihr Spielen (das es ja nur ansatzweise in reduziertester Form gab), waren fesselnd, intensiv, packend. Corby Welch gab einen soliden und kraftvollen Siegfried: eine anspruchsvolle Partie, der er gewachsen ist, der man aber in Teilen die Kraft anhört, die sie von ihm einfordert.

Fedrizzi_Isabel_FOTO_Tanja_BrillIsabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout für Oper und Ballett möchte sie ihre Zuschauererfahrungen erweitern und intensivieren.

Ein scheinbar nicht enden wollender Abend

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Myriam Kasten über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

Als ich las, dass Siegfried 5,5 Stunden dauern wird graute es mir ein wenig vor diesem Abend. Nie zuvor habe ich so lange in einem Theaterstück gesessen. Nun denn, ich habe mich ihm gestellt. Gleich zu Anfang erfuhren wir, dass Corby Welch (Siegfried) aufgrund von Krankheit nicht die volle Leistung bringen wird, sich aber dennoch entschieden hatte den Premierenabend nicht platzen zu lassen. Dafür hat er von mir die größte Hochachtung verdient, denn mit Hinblick auf dieses sehr lange Stück hat er, wenn auch hier und da geschwächelt, eine gute Leistung gebracht. Der erste Aufzug war direkt sehr anstrengend für mich. Ich kam nur sehr schwer in die Story hinein. Die Philharmoniker haben alles gegeben und mir hat die Musik wirklich sehr gut gefallen. An einigen Stellen hätte ich mir gewünscht es wäre ein Konzert und keine Oper. Cornel Frey in seiner Rolle als Mime hat mir unwahrscheinlich gut gefallen. Der zweite Aufzug in dem Siegfried den Fafner erlegt, war sehr kurzweilig und zu weilen auch amüsant. Der dritte Aufzug hingegen verlangte meiner Konzentration alles ab. Es hat gefühlt eine Ewigkeit gedauert bis Siegfried sich traute Brünhilde zu erwecken und ebenso noch eine weitere Ewigkeit bis die Beiden sich vereinen. Brünhildes Stimme war für mich in Teilen nicht erträglich. Mein Fazit des Abends ist, ich werde mir bestimmt Wagner nochmal als Konzert anhören, aber eine solch lange Oper ist für mich persönlich nichts, ich frage mich wirklich, wer sich sowas freiwillig antut.

19.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Myriam Kasten
Projektmanagerin Tourismus bei Duisburg Kontor GmbH

Die gelernte Fotografin hat die Liebe zu ihrer Heimatstadt zum Beruf gemacht: Als Projektmanagerin im Bereich Tourismus gibt sie ihre eigene Begeisterung für die Stadt an Besuchergruppen weiter. Für sie ist das Theater Duisburg einer der großen Anziehungspunkte der Stadt. Hier hat sie schon als Kind viel Zeit verbracht – häufig nahmen sie die Eltern ins Theater mit. Ballettunterricht und das eigene Tanzen verstärkten die  Begeisterung für Musik und Tanz, besonders für die Choreographien von Youri Vàmos.

 

 

 

Die dunkle, sagenumwobene Welt von „Der Ring des Nibelungen“ – Teil 3

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Annette Hausmann über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

Als Auftakt zur fast fünfstündigen Opernpremiere von Richard Wagners „Siegfried“ kam es im Opernfoyer bereits zu einer ersten Begegnung mit Wotan, dem Wanderer, der gespenstisch-verhüllt mit Hut und abgewracktem Mantel neugierig-distanziert zwischen den ankommenden Gästen hin und her schritt.

Kaum hatte sich im Opernraum selber der eiserne Vorhang gehoben, tauchte man als Zuschauer mit „Siegfried“ in den dritten Teil der dunklen, sagenumwobenen Welt von „Der Ring des Nibelungen“ ein… – den Blick dabei fokussiert auf das karge, trostlose und düstere Innere der Schmiede des Zwergs Mime. Bei ihm als „Ziehvater“ wächst Siegfried isoliert von der Außenwelt auf. In der Oper wird diesem der Typus des furchtlosen und übernatürlich starken, aber zugleich naiven, jungen Mannes zugeschrieben, der keinerlei Kenntnis von seiner Familie, dem Ring des Nibelungen und der damit verbundenen Weltherrschaft hat.

Corby Welch als „Siegfried“ verkörperte diese Rolle trotz seiner gesundheitlichen und stimmlichen Angeschlagenheit vom ersten bis zum dritten Aufzug erstklassig. Er verstand es, seine kraftvolle, warme Tenorstimme mal energisch, mal sanft, aber immer passend zur jeweiligen Handlung einzusetzen und durch seine gekonnt naiv wirkende Gestik und Mimik vielen nonverbalen Szenen witzige Elemente zu verleihen.

Besonders begeistert hat mich Cornel Frey in seiner Rolle als Zwerg und Schmied „Mime“. Durch seine hervorragenden schauspielerischen Fähigkeiten und seine wunderbar klare sowie ausdrucksstarke Tenorstimme gelang es ihm auf geniale und äußerst facettenreiche Art und Weise, Mimes erlebte Demütigungen, seine Unruhe, aber auch Durchtriebenheit und sein haltloses Verlangen nach dem Ring des Nibelungen darzustellen. Zu Recht wird er als „Charaktertenor“ bezeichnet.

Die musikalischen Leistungen der Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Axel Kober zeugten wieder einmal von äußerster Professionalität. Axel Kober schaffte es mit viel Feingefühl, die musikalischen Kontraste herauszuarbeiten und die schauspielerischen Handlungen sinnbildschaffend zu untermalen.

So schön die Musik und die lyrischen Elemente von Wagners Libretto waren, so (ver)störend empfand ich wesentliche Inszenierungselemente, insbesondere die riesige, den Drachen symbolisierende Dampflok und das Hubschrauberwrack im dritten Aufzug. Beim Zuschauer wurden zwar sogleich Assoziationen zur Industrialisierung und zum Kapitalismus geweckt, doch ein Hubschrauberwrack als Raum und Schauplatz für freiwerdende Emotionen – inklusive Liebesduett zwischen Siegfried und Brünnhilde- ist und bleibt für mich befremdlich. Siegfrieds Entdeckung und Erkenntnis: die „große Liebe“, die ihm Furcht einflößt, traten dadurch leider in den Hintergrund.

Wer sich Wagners Musik „verschrieben“ hat und den bestehenden Vorurteilen bezüglich des „Ring des Nibelungen“ als zu lange und zu schwere Oper trotzen möchte, für den ist „Siegfried“ mit der hochkarätigen Sängerbesetzung genau das Richtige, da er der herrlichen Musik lauschen und dabei die teilweise skurrilen Bühnenbilder ausblenden wird.

28.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an GGS Hermann-Grothe-Straße in Duisburg-Bissingheim, einer Montessori-Grundschule, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Sie findet es spannend und freut sich darauf, sich als Scout für Oper und Ballett in dieser Saison wieder regelmäßig und intensiv mit Oper und Ballett auseinanderzusetzen.

Sehr sehens- und hörenswert!

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

Wagners Siegfried ist ein Männerstück: 5:2 das Verhältnis Männer zu Frauen, und die zwei Damenpartien spielen im Rahmen der Opernlänge von fünf Stunden eine eher untergeordnete Rolle. Die Hauptfigur Siegfried und sein Ziehvater Mime bestreiten die ersten knapp eineinhalb Stunden (den ersten der drei Akte) größtenteils im Alleingang, die Dialoge sind geprägt von Verachtung, Missgunst und Hass, die Szenerie ist die kalte Welt der Schmiedewerkstatt mit Metall, Eisen und Stahl… Doch dank großartiger schauspielerischer Leistungen vor allem des Zwergs Mime, aber auch Siegfrieds (und zuletzt auch des Wanderers) ist es nicht einen Moment langweilig, man taucht ein in diese rohe Welt der Nibelungen, in der es um Stärke, Siegen, Überleben geht. In dieser gelungenen Inszenierung Dietrich Hilsdorfs spielt der erste lange Teil in Mimes „rümpeliger“ Werkstatt, deren spröder, düsterer und unaufgeräumter Anblick beinahe wie ein Spiegelbild des Inneren des verbittert-bösen und rachedurstigen Schmieds selbst wirkt. Die Bühne (Dieter Richter) wie auch die Kostüme (Renate Schmitzer) in ihren ausschließlich schlammig-erdigen Farbtönen stimmen zusätzlich ein in die Seelenzustände der sich verachtenden und streitenden Charaktere des ungeliebten Stiefkinds Siegfried und dem ihm verhassten Ziehvater Mime. Duisburgs Siegfried Corby Welch, der sich morgens trotz Halsschmerzen für den Auftritt und gegen die Absage der Premiere entschied, war stimmlich deutlich eingeschränkt und sollte nicht in die Bewertung eingehen. Mime und Fafner sowie auch der Wanderer und Alberich präsentierten solide und gute Stimmen – es wären beide stellenweise besser zur Geltung gekommen, wenn das Orchester weniger voluminös geklungen hätte. Doch das ist ein akustisches Problem und wird -abhängig vom Sitzplatz- sehr unterschiedlich wahrgenommen. Denn zu laut waren sie eigentlich nicht, die Duisburger Philharmoniker, denen unter dem dynamischen und leidenschaftlichen Dirigat von Axel Kober größtes Lob gebührt für einen ausdrucksstarken und zugleich transparenten Wagner, der bis in die einzelnen Instrumentengruppen differenziert war: eine wache und homogene Orchesterleistung.

Das Bühnenbild im zweiten Teil wirkt in seiner totalen Reduktion auf eine schlicht grüne Wand mit einer einzigen Tür als schlichter Gegenpol zur realistischen Werkstattwelt Mimes. Als Treffpunkt für das offene Gespräch Wotans mit der Urmutter Erda wirkt es karg, etwas banal. Doch trotz oder vielleicht wegen der statischen Szene verfolgt man umso gebannter die Dialoge und das geladene Zweigespräch. Diese gespannte Aufmerksamkeit kann die Inszenierung insgesamt lang aufrecht erhalten – erst gegen Ende des dritten Teils, wenn sich Siegfried und Brünnhilde umturteln und zieren und so gar nicht zu ihrer Liebe finden können, spürt man dann doch die epische Breite des theatralischen Dramas… Brünnhilde mit ihrem  durchdringenden Timbre kann man  gleichermaßen überzeugend finden oder ablehnen. Für mich überwog eine klar gezeichnete Stimmführung, die gute Diktion.

Als kleinen „musikalischen“ Störfaktor habe ich das „Begleiten“ der Orchesterpartitur mit den Hammerschlägen auf das Schwert Nothung empfunden – die Idee an sich wirkte gut, für einige wenige Takte oder bestimmte Passagen auch effektvoll, hier aber zu lang und zu dominant ausgekostet. Im positiven Sinn effektvoll ist die monströse Dampfmaschinen-Lokomotive alias Drache Fafner, deren Macht und Dominanz   Siegfried mit einem gezielten Stich in den „Dampfkessel“ zunichte macht… überhaupt mangelte es nicht an guten dramaturgischen Einfällen. Würde ich diesen Siegfried also empfehlen? Ja! Er ist sehr sehens- und hörenswert.

Fedrizzi_Isabel_FOTO_Tanja_BrillIsabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout für Oper und Ballett möchte sie ihre Zuschauererfahrungen erweitern und intensivieren.

What if god is one of us?

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Jürgen Ingenhaag über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

„Siegfried“ würde ich nicht unbedingt als Einsteiger-Oper empfehlen, aber in Richard Wagners „Ring“-Zyklus ist dieses 4 1/2-stündige Werk immerhin das humoristische Intermezzo. Amüsante Aspekte hat auch unsere Rheinopern-Inszenierung von Dietrich Hilsdorf zu bieten. So startet bereits die Show vor dem eigentlichen Stück, indem ein vermeintlicher Stadtstreicher mit altem Fahrrad vor dem Theater und später im Foyer und Zuschauerraum herumwandert. „What if god is one of us?“ – Der gefallene Gott Wotan war also dieser Stadtstreicher und besucht in der Mitte des ersten Aufzugs den Zwerg Mime. Dieser verwettet übermütig seinen Kopf und albert tänzelnd um diesen „Wanderer“ herum. Cornel Frey als Mime singt und schauspielert hervorragend und erntet dafür zu Recht Bravo-Rufe. Mimes Ziehsohn Siegfried ist ein Trotzkopf und wird bekanntlich zum Helden, der das Schwert „Nothung“ neu schmiedet. Der erkrankte Hauptdarsteller Corby Welch sang diese anspruchsvolle Partie und rettete durch diesen selbstlosen Einsatz die Duisburger Premiere.

Bei Wagners Musik fliegt einem das Blech weg. Unsere Duisburger Philharmonikerin Magdalena Ernst spielt im zweiten Aufzug unsichtbar seitlich der Bühne virtuos das Horn. Zuvor imitiert Siegfried wunderbar komisch die Vogelstimmen. Dann erscheint Fafner, der Furcht erregende Wurm – hier die Dampfmaschine! Diese Szene hat mich angenehm überrascht, habe ich mir doch sonst eher einen Drachen gewünscht. Doch die Industrie-/ Kapitalismuskritik sei gestattet und ist vom Autor auch erwünscht.

Im dritten Aufzug wird Siegfried, der Drachentöter, nicht gerade zum (Frauen-)Held. Er lernt das Fürchten, als er sein Dornröschen wachküsst. Richard Wagner legt Brünnhilde warnende Worte in den Mund: „Liebe Dich und lasse von mir: Vernichte Dein Eigen nicht!“ Und dann auf einmal „Dein war ich von je! Dein werd´ ich ewig sein!“ Verstehe einer die Frauen. Happy End?! Jedenfalls werde ich mir „Siegfried“ noch mal ansehen, so wie sich andere mehrfach an einem „Herr der Ringe“-Teil erfreuen.

19.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Jürgen Ingenhaag
Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg

Der Staatlich geprüfte Techniker für Druck und Medien qualifiziert sich zurzeit zur Fachkraft für Arbeitssicherheit. Im Vorstand der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge‘‘. Mit Rock- und Popmusik ist er aufgewachsen – sie hat ihn geprägt und trotzdem nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden; einer, der sogar auch die Bayreuther Festspiele besucht. Im Theater Duisburg freut er sich nach „Rheingold“ und „Walküre“ in dieser Spielzeit auf die Fortsetzung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“.

 

Einzigartig und besonders…

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Michael Menge über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

Angst ist es, was einem vor einer Aufführung von Wagner gemacht wird. Aber warum ich habe es auch nach der Premiere nicht verstanden. Wer Serien auf Netflix binge-watched kann ohne Hemmungen und Berührungsangst in eine Aufführung des Nibelungen Rings von Richard Wagner gehen.
Das Einzige was dieses Stück für einen ungeübten Zuschauer anstrengend macht, ist die ungewohnte Verteilung von Informationen. Man ist es von Filmen oder Serien gewohnt, sehr schnell in eine Handlung geworfen zu werden, die sich rasant weiterentwickelt und es keine Pause gibt bevor dem Protagonisten das nächste unmögliche im Plot widerfährt. Dabei gibt es keine Zeit für die kleinen und leisen Dinge, die sich nur langsam entwickeln und ihre Schönheit durch Zeit offenbaren.

Ganz anders beim Ring des Nibelungen von Richard Wagner. Die Handlung entwickelt sich langsam und wird imposant von dem Orchester begleitet und pointiert. Die Musik ist nicht so komplex, wie bei Mahler aber sie beschreibt in einer kraftvollen Weise die Handlung und Charaktere des Stücks. Man bekommt den Eindruck das jedes Gefühl, jede Handlung und jeder Darsteller seine eigene sich wiederholende Melodie bekommt, die einen durch die Aufführung begleitet.

Im ersten Aufzug kann man sich die Zeit nehmen auf eine poetische Weise nach zu empfinden, wie man sich fühlt, wenn jemand erkennt, dass er nicht in die eigenen Familie passt. Das man sich aus unerklärlichen Grund anders fühlt. Man erlebt, wie sich Siegfried in einem inneren Konflikt befindet und sich mühsam die Erkenntnis seiner Herkunft mit Hilfe von Beispielen aus der Natur erarbeitet bis diese in ihm zu einer unumstößlichen Wahrheit wird.
Im dritten und letzten Aufzug wird einem gezeigt, was es bedeutet, 33 Jahre nur mit einem männlichen Zwerg verbracht zu haben und wie sich das auf den ersten Kontakt zu einer Frau auswirkt. Ich finde, mit diesem Hintergrund, dass sich Siegfried und Brünnhilde doch sehr schnell aufeinander eingelassen haben.

Bei der Premiere war Siegfried dargestellt von Corby Welch, krank und konnte demnach nicht mit seiner gewohnte Stimmkraft die Rolle ausfüllen. Hat das die Premiere schlechter gemacht? Ich finde nicht, es hat die Premiere zu einem einzigartigen Stück gemacht, was man nur erleben konnte, wenn man dort war und das macht für mich den Zauber der Oper und des Balletts aus. Auch wenn man nach Perfektion strebt, machen vermeintliche Schwächen und Fehler einen Moment zu etwas Einzigartigem und Besonderen.

28.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Michael Menge
Selbstständiger Grafikdesigner

Michael Menge ist Inhaber der Design Agentur „Oppa Franz“ aus Duisburg. Im Dialog mit seinen Kunden schaut der freie Art Direktor und Designer genau hin: „Es geht uns um den ganzheitlichen Charakter eines Unternehmens. Denn interessante Persönlichkeiten sind nicht perfekt – und spannende Marken auch nicht.“ Genau hinschauen möchte er jetzt auch als Scout für Oper und Ballett in Duisburg. Er ist sehr neugierig auf das Projekt, da er bisher wenig Berührung mit Oper oder Ballett hatte und freut sich darauf, diese Art der Darstellung und des Ausdruckes besser verstehen zu lernen.

„Angst“ vor Wagner genommen

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Anja Spelsberg über die Premiere von Wagners „Götterdämmerung“

Nach nun drei von vier Stücken des Rings kann ich sagen, dass mir die Düsseldorfer Oper mit ihrer Aufführung die „Angst“ vor Wagner genommen hat. Als Opern-Neuling darf man sich ruhig trauen und wird musikalisch weder erschlagen, noch enttäuscht.
Lediglich das Bühnenbild der „Götterdämmerung“ hat mich dieses Mal nicht überzeugt. Der meiner Meinung nach übertriebene Bezug zur Stadt hat den Ablauf des Stückes mehr gestört als unterstützt. Die abgehalfterten Funkenmariechen und die Kirmesbeleuchtung hätte man sich sparen können.
Aus Sicht einer Sozialpädagogin war die Szene in der Gudrune sich auf der Bühne den Arm abbindet und einen Schuss setzt natürlich interessant, nur gab es danach keine Auflösung der Situation. Was dies mit dem Rest des Stückes zu tun hat bleibt mir schleierhaft.

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Sozialpädagogin
Anja Spelsberg ist Sozialpädagogin in der ambulanten Familienhilfe der Landeshauptstadt Düsseldorf. Sie berät und unterstützt Eltern und hilft Familien im Zusammenleben, dabei ist sie besonders in Düsseldorfs sozialen Brennpunkten unterwegs. Das allererste Interesse an der Oper weckte ihre Großmutter mit gemeinsamen Opernbesuchen. Auch in ihrer zweiten Spielzeit als Scout freut sie sich, ihre Begeisterung mit anderen Besuchern zu teilen und mit den Opernscouts über die Inszenierungen zu diskutieren und auszutauschen.

 

Wagner einmal rheinisch

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Stefan Pütz über Richard Wagners „Götterdämmerung“

Vor mehr als 30 Jahren sah ich die Götterdämmerung im alten West-Berlin. Es war schrecklich!
Die Überhöhung des deutschen blonden Helden (tatsächlich war der Sänger annähernd zwei Meter groß und blond) in einer düsteren Welt, die gigantomanische bedrohliche Kulisse, der nicht verständliche Text aller Sänger /innen – diese schreckliche Verherrlichung des armen verratenen deutschen Helden – ich wollte nur raus aus der Staatsoper. Und nun das!
Ich war vollkommen begeistert: Hervorragende Sänger/-innen, ein phantastisches Orchester, ein angenehmes Bühnenbild, keine martialischen Kostüme und trotz der Tragik eine fast heitere Atmosphäre!
Besondere kleine Details könnten Wagnerianer ärgern, – mich haben sie gefreut:
Das alte Stahlschiff „MS Wotan“, das Kännchen Kaffee, der Soldatenchor in Karnevalsgarnitur, das Dosenbier, der Wein aus dem Plastikschlauch, die Plastikbecher, die Kirmesbeleuchtung , – man könnte noch mehr aufzählen, oder eben selbst entdecken!Ein Genuss – eine klare Empfehlung!

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Stefan Pütz

Inhaber von „Buch in Bilk“

Den Namen Stefan Pütz verbindet man mit „Buch in Bilk“, einer Buchhandlung, die es mittlerweile sogar an zwei Standorten in Unterbilk gibt. Bei Kulturveranstaltungen ist er auch gern mit einem Büchertisch präsent, denn der direkte Kontakt zu den Kunden und die persönliche Beratung ist ihm wichtig. Wichtig ist ihm jetzt – nach langer Abstinenz – auch wieder die Begegnung mit Oper und Ballett: Früher war er oft mit seinen Eltern in der Oper – heute ist er wieder neugierig darauf und offen für die kritische Auseinandersetzung mit den Düsseldorfer Scouts für Oper und Ballett.

 

Musikalisch ein beeindruckendes, ergreifendes Festspiel

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Sandra Christmann über die Premiere von Richard Wagners „Götterdämmerung“

Um es vorweg zu nehmen, fasse ich die Irritationen, Unverständnisse und Befremdungen der Wagner Inszenierung in einem Satz zusammen, um sie dort stehen zu lassen und gebührend anerkennend die unglaubliche musikalische und gesangliche Brillanz zu bewundern.

Demnach vorab:
Frankenheim Alt, grüne Plastikstühle, Strickwaren, Plastikweihnachtsbaum, aktuelle Rheinprojektion, MS Wodan, Audrey Hepburn Schwester mit entsprechender Brille, Fahrradeinsatz, Flaggenverbrennung (die Intention der Historie durchaus verstanden), Tanzmariechen und leider auch die bedruckten Vorhänge sowie definitiv auch die kleine Schußsetzung von Gutrune…
…..haben weder eine geglückte stilbrüchige Rheinatmo verschafft noch humoresk ihre Wirkung getan.

Schockverliebt war ich von der ersten Sekunde in Brünnhilde – Linda Watson. Was für eine Frau, was für eine Sängerin.
Ihre Stimme, ihre Präsenz, sie beherrschte den Saal, die Bewunderer, aber insbesondere die Tragödie. Es scheint als habe Wagner seinen „Ring“ nur für sie geschaffen.
Manche schlossen die Augen während der Premiere um zu hören, aber SIE muss man anschauen. Grandios.
Ich wusste nicht wirklich was mich erwartet, aber über 5 Stunden Wagnerersterfahrung wurden durch diese Lady ein glückliches Moment. Und dann: Hans-Peter König, der König.
Hagen, neben Brünnhilde der zweite herausragende Führer dieser Götterdämmerung. Er hat Siegfried meines Erachtens überspielt. Seine Stimme und sein Spiel waren so eindringlich, dass ich zwischendurch vergaß, dass ich nur eine Zuschauerin bin. Ich hatte „Ehr“-„Furcht“.
Es wird einem schon eine unglaubliche Konzentration abverlangt, aber mir ist völlig klar, warum es so eingefleischte Wagner-Fans gibt.
Was für ein unfangreiches Kunstwerk hier dargeboten wurde. Beeindruckend.
Und ich verbeuge mich natürlich vor Herrn Kober.
Spannend und anstrengend, komplex und eindringlich ist Wagners Komposition. Eine sehr große Leistung vom Orchester.

Und das meine ich: musikalisch war für mich dieser Abend in jeder Hinsicht ein beeindruckendes, ergreifendes Festspiel. Danke.

Christmann_Sandra_Foto2_Andreas_EndermannSandra Christmann
Kulturmanagerin

Sandra Christmann liebt Düsseldorf, ihre Wahlheimat, und die Kunst. Als Geschäftsführerin von ArtPartner Relations engagiert sie sich für die Kunstsammlungen NRW im Bereich Veranstaltungsmanagement, Sponsoring und Drittmittelakquise. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben dieser Arbeit hat sie ein Hilfsprojekt in Kenia ins Leben gerufen und schreibt ihren ersten Roman. Ihr Netzwerktalent, die Liebe zur Kunst und zum Schreiben nutzt sie jetzt auch als Opernscout.

 

Götterdämmerung – ein Rausch für die Sinne

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Michael Langenberger über die Premiere von Richard Wagners „Götterdämmerung“

Einfach berauschend was dem Ohr und dem Auge bei der Götterdämmerung geboten wird. Trotz langjähriger, mannigfaltiger Erfahrungen bei verschiedensten Live-Events, habe ich persönlich noch niemals zuvor ein solches Klangerlebnis erfahren. Dabei meine ich nicht alleine nur die Interpretation des Werkes, von der ich sagen würde: Genau so hätte es der Meister selbst dirigiert. Was Axel Kober zusammen mit den Düsseldorfer Symphoniker hier zelebriert ist zum mit der Zunge schnalzen. Ein 3-D-Raumklang, wie es selbst die allerbesten HiFi-Bausteine niemals aus einer digitalen Konserve zustande brächten, verwandelt die Bühne in einen Raum mit vielen meterweiter Tiefe – wirklich einmalig!

Dazu dann das scheinbar recht eintönige Bühnenbild, mit einer sich rheinabwärts dahingleitenden, verrosteten MS-Wotan. Für das Auge des Betrachters bewegt sich die MS-Wotan wahrhaftig. Denn unaufdringlich verwandeln sich die anfänglich den Bühnenhintergrund begrenzenden Stoffe zur Projektionsleinwand einer Rheinfahrt, gerade so, als säße man als stiller Beobachter auf einem der MS-Wotan folgenden Schiff – erlebt die Szenerie – die beeindruckend dargebotenen Gesänge und Schauspiele – lässt sich treiben und beeindrucken…

Wer sich bislang aus Sorge vor der zeitlichen Länge (<4h) dieses Monumentalwerks nicht in Oper getraut hat, sei diese Inszenierung, aus o.g. Gründen, wärmsten ans Herz gelegt. Darüber hinaus hält der Regisseur D.W. Hilsdorf Überraschungen bereit – für den einen zum Schmunzeln, für den anderen Aufreger – oder Sie belassen es bei einem Rausch für die Sinne.

Opernscouts 2018 / 2019Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt: Auf Standard und Latein folgten Salsa und Modern Contemporary Dance im tanzhaus nrw, wo er auch an öffentlichen Performances mit Profis und Laien mitwirkte. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze.

Alles Lügner!

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Benedikt Stahl über die Premiere von Richard Wagners „Götterdämmerung“

Die Oper vor der Oper beginnt zuhause mit Musik von Grace Jones. Die düsteren Rhythmen der androgynen Popkönigin stimmen ungeahnt auf die abendlichen Klangwelten ein, die bis ins Mark gehen werden und beleben den Gedanken an Wagner als einem der Wegbereiter moderner Musik.

Die Oper in der Oper beginnt mit getuntem Publikum aus allen Schichten auf der Heinrich-Heine-Allee und reicht bis ins erste Bühnenbild mit monumentalem Rheinromantik-Gemälde und drei altbacken gekleideten Nornen auf blöden Plastikstühlen. Eine Szene, die wenig dabei hilft, in dieser Geschichte anzukommen. Erst als ich die Augen schließe und das Kauderwelsch der Schicksalsfrauen ausblende, gelingt das Eintauchen in die Abgründe des sich ankündigenden Dramas. Was dann folgt, ist mit zwei Worten, die mir die geliebte Begleiterin später zuraunt, schnell beschrieben: „Alles Lügner!“ Stimmt, aber wie sie lügen, sich gegenseitig verraten, enttäuschen oder umbringen: das mitzuerleben ist grandios!

Der Held des Abends ist Hagen, mit spürbarer Lust am verführerisch Bösen, leidenschaftlich und tiefgründig gesungen und gespielt von Hans-Peter König. Der sagenhafte Siegfried, brillant dargestellt von Michael Weinius, wird als Einfaltspinsel entmystifiziert. Heldin der Sage ist Brünnhilde. Ihre Rolle als Liebende, Betrogene und schließlich als alles entscheidende Figur, die den unglücksbringenden Ring den Fluten des Rheins überlässt übernimmt Linda Watson. Auf wunderbare Weise gelingt es ihr, sowohl die verletzte Seele wie auch die Urkraft ihres Glaubens an Liebe und Gerechtigkeit in aller Präsenz auf die Bühne zu bringen.

Durchgehend allererste Klasse: musikalische Leitung und Orchester, Riesenapplaus!
Das Bühnenbild lebt vor allem vom schrottreifen Schubleichter, der Szenen auf mehreren Ebenen ermöglicht. Ansonsten lohnt es sich, wie zum Beispiel beim Auftritt des Chors als verschmutzte Düsseldorfer Karnevalsgesellschaft, ab und zu einfach die Augen zu schließen (s.o.) und das Ganze von Innen heraus zu hören.

Die Oper nach der Oper spielt nachts in den Träumen und am nächsten Tag klangvoll weiter. Sie nochmal zu sehen, könnte ich mir gut vorstellen, vielleicht dann im Dämmerlicht, den Göttern zuliebe.

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Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit: Wie Bild, Musik und Darstellung hier zusammen wirken, fasziniert ihn. Als interdisziplinär denkender Grenzgänger ist er auch an der Alanus Hochschule Bonn-Alfter tätig: Was  Architektur mit Schauspiel, Wirtschaft mit Kunst zu hat – diese Fragestellungen interessieren ihn auch in der Lehre. Nicht nur die Oberfläche, sondern die spannenden Zusammenhänge will er nun als Scout für Oper und Ballett entdecken.

 

Wagner ohne Pathos – geht das?

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Dr. Hubert Kolb über die Premiere von Richard Wagners „Götterdämmerung“

Wagner verhunzt Siegfried“ sagte Regisseur Dietrich Hilsdorf bei der öffentlichen Probe am 18. Oktober. Aus dem blonden strahlenden Held Siegfried der Nibelungensage wird in der Götterdämmerung ein in Ehebruch und Meineid verstrickter Typ, der dafür dann auch umgebracht wird. Eine gewisse Entschuldigung ist, dass ein böswillig verabreichter Zaubertrank im Spiele war. Aber die Inszenierung von Hilsdorf lässt das nicht gelten. Bei ihm wird der Zaubertrank ungetrunken verschüttet. Allein die nach einem Heroinschuss strahlende Gutrune reicht, um Siegfried seine Liebe zu Brünnhilde vergessen zu lassen. Weiterhin stellt Hilsdorf jedes Pathos in Frage, durch Mittel der Personenregie und des Bühnenbildes. Das war für mich unbefriedigend und passte nicht zur oft mächtig-vollen Musik.

Die Musik der Götterdämmerung ist eine eindrucksvolle Verschränkung von Harmonie und Disharmonie, vom Dirigenten Axel Kober einfühlsam und mit Blick auf die Bühne gestaltet. Mit dem Wagnerschen Sprechgesang kam ich nicht zurecht, jede Silbe ein meist anderer Ton, keine eigentlichen Melodien, kaum etwas das in Erinnerung bleibt. Viele tolle Stimmen, besonders Hans-Peter König als Hagen.

Fazit: Eindrucksvolle, mächtig – emotionale Musik mit Anklängen an die Moderne zu einer klassisch sagenumwobenen Handlung, welche nicht sehr glücklich in das heutige Pathos-arme Denken transformiert wurde.

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Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt.

 

Morbidität überzieht die Rheinische Frohnatur

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Hilli Hassemer über Richard Wagners „Götterdämmerung“

Da gibt’s ein Riesensammelsurium, unendlich groß ist das Archiv“

In meinen Augen verweisen diese Worte Botho Strauss‘, – sie laufen am Ende des 3. Aktes über das Sprachband,- auf das Dilemma um das Bühnenbild, die Inszenierung.
Aus einem großen Archiv zu schöpfen, verlangt eine gute Wahl, eine Reduktion.
Dies ist für mich in dieser Götterdämmerung von Dietrich W. Hilsdorf inszeniert, nicht gelungen.

Ein Sammelsurium an Bühnenelementen, Bedeutungsebenen, Zitaten und Fragmenten.
Was wollten die mit Landschaftsmotiven bedruckten Säulen am Außenrand der Bühne? Im Bühnenraum, Projektionen von gefilmten Rheinmotiven, schön, wenn man sich auf die konzentriert hätte, doch diese Lichtbilder werden von den Glühbirnen überstrahlt und so wieder schwer zu erkennen…
Darüber Vorhänge mit noch mehr Rheinmotiven.

Mir fiel es schwer, einen Fokus zu schaffen, vor lauter Inventar, wildem Stilmix, vor lauter Rheinmotivik.
So konzentrierte ich meinen überforderten Blick auf die Akteure, mein Ohr auf die Musik: Brünnhilde in der Langweile der „engen Tann“ gefangen, strickt unterm Weihnachtsbaum. Gutrune als Heroinabhängige zu stigmatisieren, – diese Darstellungen erscheinen mir als schwache Platitüde. Braucht man heute noch solche Klischees, um diese Frauen in Ihren Brüchigkeiten und Nöten darzustellen?
Der Kahn, die MS WODAN, auf dem sich die Dramen abspielen, mit seinen hohen Geländern, wirkt er unproportional und eher wie ein Käfig, – der auch das Geschehen vom Publikum distanziert. Trotz vierter Reihe erscheinen mir die Darsteller oft zu weit weg.
Über allem liegt Rost und Verfall. Der Chor als Funkengarde wirkt durch den Dreck gezogen, dazu ziemlich beschwipst. Morbidität überzieht die Rheinische Frohnatur.
Siegfried stirbt quasi im Hintergrund. Die Nummer mit den Flaggen, die ihm ins Grab gelegt werden, erschien mir vollkommen überflüssig und voller Pathos.

Eine einzige Szene hat mich wirklich gepackt und berührt, nämlich als Waltraute, wunderbar gesungen von Katarzyna Kuncio, die Walkürenschwester Brünnhildes, dieser von der Verzweiflung auf Walhall berichtet.  Das war authentisch und differenziert gespielt und stark gesungen.
Erfrischend die quirligen Rheintöchter, Anke Krabbe, Kimberley Boettger-Soller und Ramona Zaharia. Deren Spiel und Gesang  waren ein Lichtblick, heller Glanz,  in diesem ansonsten recht statischen Spiel! Warum mussten die männlichen Hauptdarsteller alle Nase lang auf einem Stuhl danieder sinken?
Vielleicht war das Collagenhafte der Inszenierung gewollt und gewünscht, mich hat es nicht überzeugt.
Die Gesangrollen sind gut besetzt, Bogdan Baciu in der Rolle des Gunther war für mich überragend. Die wunderbaren Düsseldorfer Symphoniker waren fünf Stunden lang stark und spielten von unglaublicher Qualität. Eine verlässliche Größe. Der Rest ist Theater.

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Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin

Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Klassische und auch Opernmusik sind elementare Einflüsse in ihrer Arbeit. Das erste Jahr als Opernscout hat sie mit heller Freude erlebt. Die Vielfalt und Qualität der Düsseldorfer Opern und Ballettkultur zu erleben, war für sie eine neu prägende Seh- und Hörschule. Eine Sinn-schärfende Bereicherung, die sie nicht mehr missen möchte. So freut sie sich auf die zweite Spielzeit, auf die neuen Ballett und Opernwelten, die sich ihr eröffnen werden und für die sie Worte finden muss. Der Bleistift ist gespitzt….

 

Mit der Götterdämmerung schließt sich der Kreis

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Mit der „Götterdämmerung“ schließt sich der Kreis/“DER RING“

Das Bühnenbild, das Schiff auf dem Rhein – mal mit Nebel, mal ohne – war stimmig.
Die Kostüme – in den Farben der „Clan-Zugehörigkeit“ zugeordnet, war auch stimmig.
Es gab ein paar Bilder, die einfach nur lächerlich waren:
Brünnhilde strickend unter dem Weihnachtsbaum???
Die Gäste im Karnevalskostüm mit Funkemariechen peinlich.
Dazu Kirmesbeleuchtung und Bier. Die Marke werde ich nicht verraten.
Was sollte das?

Nichts ist von den Göttern übriggeblieben – man muss auch niemandem eine Träne nachweinen. Die Macht des Gottes Wotan war auf Raub – an der Weltesche,  Diebstahl und List an  Alberich um ihm das Gold zu entreißen – aufgebaut. (Auch er ein Dieb, hat er doch das Gold den Rheintöchtern geraubt.
Siegfried: aufgewachsen ohne Liebe, Kultur und Wissen, nur mit der Aufgabe betraut, das Schwert zu schmieden und zu gebrauchen, damit Wotan seine Macht behält.
Hagen: aufgestachelt durch den Hass seines Vaters konnte sich davon nicht befreien.

Der Psychologische Aspekt:
Hass „vererbt“ sich über Generationen, wenn nicht einer diesen „Brauch“ durchbricht. Brünnhilde hätte das Zeug gehabt die Familie/die Welt zu verändern aber alleine gegen soviel Gier, Hass und Dummheit ist das nicht zu schaffen.

Mit Schwerter und Waffen, lässt sich kein Konflikt lösen. Wann wird der Mensch das begreifen, dass man mit Gewalt nichts erreichen kann. Wie immer muss die Einsicht in der kleinsten Zelle – der Familie – beginnen.

Die Erkenntnis, dass die Götter schlimmer sind als die Menschen ist auch erschreckend! Aber vielleicht sind die Menschen und die Götter EINS.

Das Begräbnis von Siegfried lässt hoffen, es werden alle Fahnen, der letzten Epochen mit ihm begraben (beginnend mit der französischen Fahne natürlich auch die Nazi-Fahne bis hin zur deutschen Fahne) es bleibt eine Weiße Fahne. Ein Neuanfang.

Für mich ein sehr bewegender und aufwühlender Abend, der mich sicherlich noch einige Zeit beschäftigen wird. Dank und Glückwunsch an alle wunderbaren Sängerinnen und Sänger, an die Düsys und an Axel Kober.

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Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin

Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und freut sich diesen als Opernscout in Düsseldorf abschließen zu können.

 

Wenn die Götter Trauer tragen…..

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Henning Jüngst-Warmbier über die Premiere von Richard Wagners ,,Götterdämmerung“

…..“Götterdämmerung“, da posaunen viele gleich in ein Einheitshorn: laut, lang, schwer verständlich, zeitraubend.

All diese Kritikaster hätten gestern Abend in der Deutschen Oper am Rhein eines Besseren belehrt werden können. In der Rheinischen Post konnte man schon morgens en detail das Bühnenbild betrachten, das die Lust auf den Abend noch steigerte.Gerade meinen Platz eingenommen, kam auch schon eine der Nornen auf die Bühne und machte es sich am Rhein vor der MS Wotan bei einer Tasse Kaffees gemütlich.
Das Vorspiel begann und ihre Schwestern gesellten sich hinzu, um uns herrlich inszeniert und vortrefflich gesungen ein, „was bisher geschah“ darzubieten.
Kaum hatten sie uns ihre düstere Prophezeihung kundgetan, hob sich der Vorhang und das Schiff steuerte langsam aber stetig in den Untergang.

Um die Sache ein wenig abzukürzen, möchte ich sagen, dass ich den Abend als einen ganz hervorragenden empfunden habe.
Brünnhilde – Linda Watson, die von mir sehr verehrte ‚raumgreifende Erscheinung‘, Gunther – der stimmgewaltige Bogdan Bacio und Hagen – der phantastische Hans-Peter König, rissen mich zu Begeisterungsstürmen hin.
Axel Kober bewies mit seinen Düsseldorfer Symphonikern einmal mehr, dass er und sein Orchester zu den ganz Großen gehören und auch der Chor bewies erneut, welche Qualität er hat! So vergingen die Stunden wie im Fluge und ich war glücklich, dieser Götterdämmerung beigewohnt zu haben.
Man sagt ja, dass die Oper erst zu Ende sei, wenn die ‚dicke Dame‘ den letzten Ton gesungen habe…, am gestrigen Abend hätte ich mir gewünscht, der Dame noch stundenlang zuhören zu können.
Das Bühnenbild hingegen, das mir morgens soviel Laune gemacht hatte, fand ich gar nicht mehr so gut gewählt und den Auftritt als Rot-Weiße-Prinzengardisten hätte man den ehrbaren Choristen ersparen können. Wen interessieren spagatübende Funkenmariechen in der Götterdämmerung?

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Henning Jüngst-Warmbier
Freiberuflicher Dozent an der Zukunftswerkstatt Düsseldorf

Nach seiner langjährigen Tätigkeit als Hoteldirektor in Düsseldorf bringt Henning Jüngst-Warmbier seine berufliche und pädagogische Erfahrung heute ehrenamtlich in der Zukunftswerkstatt Düsseldorf ein: Seit mittlerweile acht Jahren realisiert er dort Projekte für und mit Langzeitarbeitslosen, Migranten und Flüchtlingen. Mit dem Kulturleben der Stadt ist er seit vielen Jahren über Freunde und Bekannte verbunden. Auch in seiner zweiten Spielzeit als Opernscout möchte er seine eigene Sichtweise präsentieren, über seine Empfindungen sprechen und erzählen, wie er das Gesehene erlebt hat.

 

 

 

Und über allem ein Regenbogen…

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Markus Wendel über die Premiere von Richard Wagners ,,Götterdämmerung“

Richard Wagners Götterdämmerung auf einem rostigen Frachtkahn auf dem Rhein. Darauf hat die Welt gewartet. Das Regiekonzept von Dietrich W. Hilsdorf finde ich vielfältig und unterhaltsam. Brünnhilde sitzt strickend am Weihnachtsbaum, es wird gemordet, Heroin konsumiert, Fahrrad gefahren, Flaggen werden verbrannt, der Chor trägt Karnevals-Garde-Uniform, und dazu gibt es Krähen im Surround-Sound. Das mag für viele Leute streitbar sein, aber seit dem letzten Ring in Bayreuth weiß ich, was auch sonst alles funktionieren kann. Ich selbst bin immer dankbar für neue Bilder und Sichtweisen auf ein Werk.

Klar im Vordergrund stand für mich die musikalische Qualität am Premierenabend in Düsseldorf. Axel Kober trieb die Düsseldorfer Symphoniker zur Höchstleistung und baute hiermit das Fundament für eine durchgängige Spannung und Emotionalität. Er dirigierte klar, akzentuiert und unglaublich dynamisch. Respekt. Und auch der Gesang bescherte mir so einige Gänsehautmomente. Neben der unfassbaren Bühnenpräsenz von Linda Watson und Hans-Peter König erlebte ich eine bis in die Nebenrollen wunderbare Besetzung. Brünnhilde, Hagen, Siegfried, Gunther und Co. sangen und spielten, als ob es kein Morgen mehr geben würde. Wahnsinn.
Ich schreibe diesen Text einen Tag nach der Vorstellung, und ich muss sagen, ich bin nachhaltig beeindruckt.

Eine kurze und verrückte Geschichte am Rande: Meine allererste Oper war tatsächlich die Götterdämmerung. Vor fünfzehn Jahren, auch hier in Düsseldorf, und mit Linda Watson als Brünnhilde.

Ich freue mich auf den Ring-Zyklus in Düsseldorf im kommenden Jahr!

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Markus Wendel
Feuerwehrmann in Düsseldorf

Als neuer Scout folgt Markus Wendel in der Spielzeit 2018/19 frühen Spuren seiner Opernbegeisterung: Seine erste Begegnung mit Richard Wagners „Götterdämmerung“ hatte er 2003/04 im Düsseldorfer Opernhaus, und schon damals begeisterte ihn Linda Watson als Brünnhilde. Als Feuerwehrmann der Landeshauptstadt Düsseldorf kümmert sich Markus Wendel um die strategische Planung und Einsatzorganisation. Ganz besonders schätzt er seine Dienste im Opernhaus: Als Brandsicherheitswache beobachtet er die Aufführung dann von der Seitenbühne aus. „Ich mag das Gewusel hinter den Kulissen“, sagt der 39-Jährige. Was ihn aus dieser Perspektive besonders anspricht, schaut er sich gern noch einmal mit Freunden oder der Familie aus dem Zuschauerraum an.