Stephanie Küthe über „Don Carlo“

Was für ein grandioser Opernabend!

Regisseur Guy Joosten hat ein modernes, packendes Familiendrama inszeniert, wie es heute nicht besser geschrieben werden könnte. Dass bei ihm die private Tragödie im Mittelpunkt steht, zeigt schon das Bühnenbild: Ort der Inszenierung sind ausschließlich die vermeintlich privaten Schlafzimmer der Protagonisten, wo jedoch Hofstaat und Inquisition ein- und ausgehen. Und auch die prunkvollen goldenen Palastwände, die immer wieder transparent werden, bieten keine Privatsphäre – eindrucksvoll, wie Joosten das Scheitern von Elisabettas und Carlos Liebe an der Kontrolle des Staates und der Kirche auf allen Ebenen darstellt.
Dass die Geschichte so berührt und fesselt, liegt vor allem an der schauspielerischen Leistung der Darsteller, allen voran Gianluca Terranova in der Titelpartie. Aber auch musikalisch überzeugten an diesem Abend ausnahmslos Alle. Celine Byrne als Elisabeth zieht den Zuhörer vor allem mit ihren leisen Tönen ganz in ihren Bann und auch Bogdan Baciu beeindruckt als Posa, um nur zwei Sänger aus einer durchweg phantastischen Besetzung zu nennen. Auch Chor und Orchester brillierten in gewohnter Präzision, unter der musikalischen Gesamtleitung von Lukas Beikircher.
Am Ende gab es stehende Ovationen – zu Recht!

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Stephanie Küthe
Tätig im Eventmanagement eines Energiekonzerns
Seit ihrer Kindheit begeistert sich Stephanie Küthe für das Musiktheater, sang im Kinderchor der Bonner Oper und stand jahrelang in verschiedensten Produktionen selbst auf der Bühne. Die Diplom-Kauffrau und Musikwissenschaftlerin singt heute wieder mit Begeisterung im Chor und verpasst keine Inszenierung der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout freut sie Sich darauf, ihre Gedanken zu Inszenierungen in Worte zu fassen und andere mit ihrer Begeisterung anstecken zu können. Ganz besonders gespannt ist sie dabei auf den Austausch mit anderen Opern- und Ballettscouts.

Martin Breil über „Don Carlo“

Armer Don Carlo….

Das Schöne an der Oper ist, dass man dort Geschichten erlebt, die es sonst nirgendwo gibt.
Stellen Sie sich vor, ihr Sohn liebt ihre Frau, mit der Sie in dritter Ehe verheiratet sind. Oder, andersherum, die (Stief-) Mutter ist in ihren Sohn verliebt, obwohl Sie mit dessen Vater verheiratet ist. Oder, Sie als Sohn, müssten Ihren Vater ermorden, um Ihre „Mutter“ für sich zu erobern… Unglaublich !
Don Carlo, Sohn des spanischen Königs Philipp II., weiß nicht mehr ein noch aus. Er liebt Elisabetta, Prinzessin von Frankreich, die ihm versprochen wurde und nun mit seinem Vater verheiratet ist. Sein einziger Freund Rodrigo di Posa, ein von Carlos Vater unterdrückter Freiheitskämpfer, hält zu ihm.
Giuseppe Verdi hat nach der Vorlage von Friedrich Schiller mit „Don Carlo“ ein großartiges Drama über das Freiheits- und Unabhängigkeitsstreben sowohl politisch als auch aus Staatsräson unterdrückter Individuen geschaffen.
Am Anfang wirkt die Oper sehr statisch und wenig handlungsbetont. Aber Verdi versteht es, die Gefühle und Emotionen der verschiedenen Individuen mit ihren Ängsten und Nöten musikalisch derart treffend zum Ausdruck zu bringen, dass es für ihn keines großen Bühnenspektakels bedarf, um sein Publikum zu fesseln.
Das Bühnenbild besticht zunächst aufgrund seiner goldenen Wände, die sich, streng orthogonal angeordnet, im Laufe des Abends, von intimen Gemächern, zu einem Richtplatz und schließlich in ein Königsgrab verwandeln.
Die Soli, Duette, Terzette und Quartette sind so ausdrucksstark, dass es genügt, mit dem Bühnenbild Stimmungen optisch nur anzudeuten. Celine Byrne als Elisabetta beeindruckt mich dabei stimmlich am meisten. Das gesamte Ensemble und die Duisburger Philharmoniker beweisen an diesem Abend während der dreistündigen Vorstellung wieder einmal große Klasse.

Diese Inszenierung ist emotional noch stärker als „Aida“, das Bühnenbild schlichter, aber dadurch inspirierender, ich kann sie sehr empfehlen- aber Vorsicht, anspruchsvoll und anstrengend!

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Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

Jessica Gerhold über „Don Carlo“

Inszenierungen vergleichen

Ein schweres Stück! Das bespickt ist mit allen erdenklichen Konflikten, die eine Oper groß werden lassen: Eine historische politische Figur, Kirche und Staatsoberhäupter im Machtkampf, verbotene Liebe und Leidenschaft, Familienverstrickungen, die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung. Eigentlich wahnsinnig spannende Themen. Emotional wurde ich auch durch alle Akte immer tiefer in den Bann gezogen, es ergriff mich aber leider nicht vollends. Woran dies lag? Nun, das Bühnenbild war nicht der Grund! Wie fast immer, war ich „hin und weg“ von der genialen einfachen Idee, die den Zuschauer in die verschiedenen Schauplätze wie u.a. die königlichen Gemächer entführte. Es wirkte wie ein gewaltiger goldener Käfig dem man nicht entfliehen kann, mit durchlässigen Mauern die doch Ohren haben. Ein Kompliment an die Bühnenbildnerideen!
Auch die Stimmen waren im Zusammenspiel mit den Philharmonikern ergreifend. Alleine das Spiel von Gianluca Terranova als Don Carlo fand ich teilweise zu statisch. Am charismatischsten und herausstechendsten empfand ich persönlich Bogdan Baciu, hier in der Rolle von Di Posa. Alle Frauen waren stark besetzt und authentisch umgesetzt!
Schlussendlich lädt das Stück zu anregenden Diskussionen an und motivierte mich ungemein mir eine zukünftige „Don Carlo“- Aufführung zum Vergleich anzuschauen!

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Jessica Gerhold
Gymnasiallehrerin
Jessica Gerhold ist gebürtige Duisburgerin und arbeitet als Gymnasiallehrerin. Von jeher hat sie sich für das Theater interessiert.  Bei ihrer Berufung zum Opernscout war sie eher skeptisch, ob sich ihre bisher eher distanzierte Haltung zu Oper und Ballett verändern würde. Nach ihrer ersten Spielzeit sind die Zweifel verflogen. Sie ist stolz auf das, was in ihrer Heimatstadt geleistet wird und hofft, dass sich zukünftig viel mehr Menschen von der Leistung der Künstler live faszinieren lassen.

Uwe Schwäch über „Don Carlo“

Ungewöhnlich modern und dennoch konventionell

DonCarlo_08_FOTO_HansJoergMichelEin Opernklassiker in neuem Gewand. So erscheint die in Gold getränkte Inszenierung von Don Carlo ungewöhnlich modern und dennoch konventionell. Modernität vermittelt sich weitgehend über das Bühnenbild, das sich auf der einen Seite farblich opulent und auf der anderen Seite puristisch, fast gegenstandslos zeigt. Demgegenüber steht eine stellenweise statische Führung der Protagonisten. Bewegungen und Interaktionen werden eher durch räumliche als durch zwischenmenschliche Akzente gesetzt. Das ist nicht neu und daher auch nicht spannungsgeladen.

Stimmlich ist die Oper bestens besetzt. Die männlichen Protagonisten Don Carlo (Tenor), Rodrigo di Posa (Bariton) und König Filippo (Bass) sind stimmlich versiert und der „Treueschwur“ von Don Carlo und Rodrigo am Ende des ersten Akts setzt ein musikalisches Highlight und leitet das mit hoher Wiedererkennbarkeit ausgestattete Leitmotiv der Oper ein. Die in Schwarz gekleidete Elisabetta singt in schwärmerischer Melancholie und macht ihre Traurigkeit deutlich spürbar. Der gut eingestellte Chor erfährt in dieser Verdi-Oper eine vergleichsweise geringe Bedeutung, dabei findet sich in den bunten, leuchtenden Kostümen des Hofstaats ein erkennbarer Widerspruch zu den dunklen Gewändern der Heiligen Inquisition. Dieser Kontrast symbolisiert eine gelungene Zustandsbeschreibung des spanischen Hofes zu jener Zeit und zeigt mit erhobenem Zeigefinger auf Konventionen und die Unterdrückung weltlicher Bedürfnisse.

Weitere Informationen zu „Don Carlo“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/don-carlo.1047756

OpernscoutsUwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter

Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Weil ihn nicht nur das Kunsterlebnis, sondern auch der gemeinsame Austausch darüber bereichert, freut er sich jetzt auf den Dialog mit den Opernscouts.

Isabell Boyer über „Don Carlo“

Vom Tod für die Liebe, die Freiheit und die Gerechtigkeit

DonCarlo_07_FOTO_HansJoergMichelAm Samstag eröffnete sich für mich ein Spiel der besonderen Art: Eindrucksvoll schimmern metallische Muster hinter dem Vorhang hervor, der schließlich offenbart, was meisterlich geschaffen wurde. Abstrakt, aber edel, zeigt sich vor den Zuschauern ein Konstrukt – aus Gängen und Wänden, die sich zu immer neuen Räumlichkeiten verändern – in seiner simplen, grafischen Gestaltung. Manchmal halb transparent, manchmal für Blicke undurchdringlich, wird es genutzt, um unsere Augen zu führen und uns zu zeigen, was die Protagonisten sehen, erahnen oder voller Schrecken betrachten.

Schon zu Beginn, als das Leid des Prinzen geschildert wird, zeigt sich, versteckt hinter den funkelnden Mauern, der Anblick des königlichen Ehepaares, das sich im Ehebett eingefunden hat. Don Carlos ist hin und her gerissen, er wirkt verflucht, fast verrückt geworden durch die Liebe, die er für Elisabeth empfindet. Sein Freund Rodrigo, Marquis Posa, erfährt von seinen Qualen und versucht, ihm zur Seite zu stehen. Sehr eindrucksvoll vermitteln Gianluca Terranova und Laimonas Pautienius die innige Freundschaft der beiden Männer, die für dieselbe Sache kämpfen wollen, in einem unvergleichlichen Duett.

Allgemein ist die musikalische Umsetzung der Oper Verdis in dieser Aufführung hervorragend gelungen. Sowohl das Orchester, das unter der Leitung von Andriy Yurkevych glänzt, als auch der Chor und die Protagonisten, überzeugen mit ihrem Können und ihrer ausgezeichneten Dynamik. Sie zeigen ihre Vielseitigkeit und beeindrucken mit einem (in den meisten Fällen) sehr authentischen Ausdruck. Für die Ohren ist diese Oper also eine wahre Wohltat. Selbst die etwas längeren Aufbaupausen werden vom Orchester geschickt überbrückt und somit nicht allzu negativ vom Publikum aufgefasst. Das Kostüm, das Licht und die Kulissen sind geschickt gewählt, nicht zu altertümlich, nicht zu modern, sodass man sich diese Handlung sehr wohl in einem solchen Rahmen vorstellen kann.

Insgesamt hat mich Don Carlo besonders dann bewegt, wenn es um die verschiedenen Wege und Arten der Liebe ging. Von brüderlicher Liebe, bis hin zur absoluten Liebe zur Gerechtigkeit für die Menschen und zur Freiheit der Gedanken; von verlorener, verratener Liebe und einer Liebschaft, die verboten ist, deckt diese Oper alles ab. Man weiß in manchen Momenten nicht, ob man den Handelnden helfen möchte oder sie fortzerren möchte, ob man ihnen die Schmerzen ersparen soll, oder ob man es geschehen lassen sollte. Diese Oper wirft Fragen auf.

Gibt es noch heute eine Macht, die der Inquisition, die in Don Carlo eine so tragende, zerstörerische Rolle übernimmt, gleich kommt? Wer wäre ihr unterworfen? Und vor allem: Was bleibt am Ende übrig?

Der Zuschauer hat hier die Wahl, hinter die Kulissen zu blicken, zwischen den Zeilen zu lesen. Allein deswegen, um sich auf dieses Gedankenspiel einzulassen, empfehle ich dieses Stück.

Den Denkern und den Genießern ausgefeilter Musik lege ich Don Carlo ans Herz – das Ensemble wird Ihnen einen angenehmen Abend bescheren.

Weitere Informationen zu „Don Carlo“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/don-carlo.1047756

OpernscoutsIsabell Boyer
Studentin

Auf unseren jüngsten Opernscout sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Als Opernscout berufen worden zu sein ist eine Ehre für sie. Sie ist sehr froh, dabei zu sein und hofft auf eine schöne Zeit.

 

Christina Irrgang über „Don Carlo“

Ehrlich und authentisch bis ins kleinste Detail

DonCarlo_10_FOTO_HansJoergMichelMein erster Gedanke: Diese Inszenierung ist vollkommen und schafft es, auf jeder der sie herausbildenden künstlerischen Ebenen zu begeistern! Bühne, Kostüme, Licht, dann Orchester, Sänger und Chor… drei einviertel Stunden verfliegen im Rausch von Darstellung und Gesang, wobei alle Beteiligten eine wirklich meisterhafte Leistung vollbracht haben. „Don Carlo“ in der Deutschen Oper am Rhein ist ehrlich und authentisch bis ins kleinste Detail, und so vehement, wie ich diese Oper am Premierenabend wahrgenommen habe, möchte ich sie dem interessierten Publikum empfehlen!

Alfons Flores errichtet aus einem einzigen grafischen Element durch dessen Wiederholung und architektonische Platzierung einen golden schimmernden Palast, der sich mobil an jeder neuen Situation auf der Bühne ausrichtet. Flores erzeugt dabei Räume wie auch Zwischenräume, werden seine Elemente durch die Lichtinszenierung von Manfred Voss in zweischneidigen und existenziellen Momenten zu transparenten Membranen. Voss wiederum setzt die Dramaturgie durch prismatische Lichtfacetten ein, steigert die Emotionen der Sängerinnen und Sänger und lässt sie wiederum verdunkeln. Da ist Olesya Golovneva als Elisabetta di Valois, die in ihrer sanften Sopranstimme ihr Schicksal zwischen ungewollter und ersehnter Existenz verkündet. Die Kostümbildnerin Eva Krämer hat nicht nur ihre, sondern insgesamt die Garderobe der Darsteller mit einem äußerst feinsinnigen Blick bemessen: wirken sie doch detailgetreu den Gemälden der flämischen Meister entsprungen, die Zeit, aus der die „Histoire de Dom Carlos, Fils de Philippe II. Roy d’Espagne“ des Abbé de St. Réal (1672) stammt, welche schließlich 1783 die historische Vorlage für Friedrich Schillers „Don Karlos“ bildete. Verschlossenheit und schwarze Strenge gegen seidenschillernde Opulenz: Krämers Vielfalt an Stoffen und Schnitten spiegelt oftmals die Charakteristik und Zerrissenheit der Seelen ihrer Trägerinnen und Träger wider, ob weltlich, kirchlich, königlich oder denunziert.

Guy Joostens Inszenierung des „Don Carlo“ greift an jeder Stelle ineinander, und so bildet das Visuelle und Akustische eine Emulsion aus Authentizität, die mit jedem Ton, jedem Laut und jedem Akt im musikalischen Fluss Giuseppe Verdis neu gesetzt und ausgefochten wird. Es ist ein Kampf mit und gegen Gott, dem Schicksal ergeben sowie ihm entrinnend. „Wenn Liebe zerbricht, tötet sie vor dem Tod“, erklingt es im Duett zwischen Elisabetta und Don Carlo im letzten Akt. Unterdrückte Liebe aus Staatsgründen und königlicher Rangfolge ist glücklicherweise kein Thema, das uns als Zuschauer unmittelbar betrifft. Aber das Hoffen auf eine bessere, auf eine andere Welt, wie es Elisabetta und Don Carlo – statt im Ehebett auf dem Grab liegend – als Ausweg ihrer unerfüllten Sehnsucht beschwören, trifft doch im Sinnbild des Jenseits als Zufluchtsort sehr pointiert ein zeitgenössisches Politikum. Wie real leben wir?

Diese Inszenierung der Oper „Don Carlo“ ist im Verlauf ihrer Darbietung und ihrer wahnsinnig guten Stimmen deshalb immer wieder so authentisch, weil sie so umsichtig ist: realistisch und absurd, überschwänglich und karg, laut und leise, provokant und zurückhaltend, jetztbezogen und außerzeitlich, hier und dort – und irgendwie absolut, in dem, was sie ist.

Weitere Informationen zu „Don Carlo“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/don-carlo.1047756#

OpernscoutsChristina Irrgang
Freie Autorin

Christina Irrgang lebt und arbeitet als freie Autorin in Düsseldorf. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der sie aktuell über den Fotografen Heinrich Hoffmann im Kontext politischer Bildstrategien promoviert. Parallel zum Schreiben verfolgt sie im künstlerischen Bereich ihr Musik-Projekt BAR, das sie 2013 mit Lucas Croon gegründet hat. In der Spielzeit 2015/16 ist sie zum zweiten Mal begeisterter Opern-und Ballett-Scout!

Gisela Miller-Kipp über „Don Carlo“

Eine große Oper über eine politische und eine menschliche Tragödie

DonCarlo_01_FOTO_HansJoergMichelDon Carlos – hier „Don Carlo“ – ist klassischer Stoff und große Oper über eine politische und eine menschliche Tragödie – in der Deutschen Oper am Rhein jetzt mit solcher jugendlichen Leidenschaft aufgeführt, mit solchem Schwung dahinmusiziert, dass sich aller Moder von Klassik verflüchtigt, dass man bewegt wird bzw. sich bewegen lassen kann, auch wenn man die Geschichte zur Genüge kennt.

Tragende Partie dabei ist Gianluca Terranova als Carlos. Er singt und spielt über zweieinhalb Stunden lang Liebesleid und innere Zerrissenheit mit Inbrunst und großer Stimmkraft – dass er dabei gelegentlich pressen musste, was soll’s, das Orchester machte es ihm, wie allen Sängern, auch nicht unbedingt leicht, es überspielte sie ab und an, das ist nicht fein. – Musiziert wird also „italienisch“, das heißt mit Bravour und melodiösem Schwung, und der ist bei Verdi natürlich mitreißend. Stimmlich war der Attacke nur noch Ramona Zaharia als intrigante Prinzessin Eboli gewachsen; sie war auch bildschön anzusehen mit schwarzer Haarpracht und lachsroter Corsagenrobe, deren üppig fallenden Brokat sie energisch tänzelnd raffte – das erinnerte mich übrigens an die Brokatmalerei bei Zurbarán, die man jüngst im museum kunst palast bewundern konnte, vielleicht eine absichtliche Anspielung, wer weiß, die Inszenierung steckt voll schöner Verweise. Ramona Zaharia also gab beim Schlussapplaus die Prima Donna durchaus zu Recht.

Die anderen Hauptpartien fielen gegen diese beiden herausragenden Temperamentsleistungen ab, agierten konventionell und eher statuarisch, was beim Großinquisitor – mit voll tragendem Bass: Sami Luttinen – allerdings zur Rolle gehört. Olesya Golovneva als unglückliche Königin Elisabeth hielt mit ihrer Stimme hörbar Maß. Adrian Sâmpetrean (König Philipp II) sang einen gepflegten Bass, und Marquis Posa (eine historische Erfindung Schillers) einen kraftvollen Bariton – die leidenschaftliche Jugendliebe zwischen ihm und Don Carlos, von der die Musik erzählt, wird hier voll ausgespielt. Insofern überzeugte mich sehr, dass in dieser Inszenierung (Guy Joosten) ein junges Ensemble agiert – stimmliche Reife ist dabei nicht die entscheidende Größe.

Die Inszenierung rückt das private Schicksal nach vorn und hält sich in puncto Jugend an die Realgeschichte: Don Carlos und Elisabeth von Valois, die ihm versprochene Braut, sind in jenem Schicksalsjahr (1559/60), in dem Carlos Thronfolger wird und sein Vater, der König, sich Elisabeth selbst zuführt, tatsächlich erst 15 Jahre alt – beide verlieren sozusagen Knall auf Fall ihre Liebe, ihre Freiheit und ihre Jugend. Daran kann man seelisch Schaden nehmen, und genau das passiert hier. Don Carlos spielt von Anfang an mit Tick, besonders derangiert ist er in der Großen Versammlung vor dem Autodafé. Dort tritt er mit dem hohen weißen Spitzhut auf, der für Ketzer steht, mit dem wir heute aber unweigerlich den Ku-Klux-Klan assoziieren, trägt dazu einen weißen Überwurf mit Andreaskreuz – steht für den reuigen Sünder, gehört aber auch zum Templerorden, die Bildverweise sind mehrdeutig! – und benimmt sich bizarr. So weit so glaubwürdig herzzerreißend. Dass er aber minutenlang – also, bis er seine Arie zu Ende gesungen hat – seinem Vater und König mit einer Pistole vor der Nase herumfuchtelt, vor versammelten Granden!, ist lachhaft. Ebenso neben der Kapp‘ der Auftritt der Vertreter der stolzen flandrischen Stände in derselben Szene, nämlich mit Eselskappen (Ketzer!) und im Hasenhüpfgang! – vor solchen Komikern brauchten weder König noch Inquisition schweres Geschütz aufzufahren!

Als weitere eindrucksvoll berührende Szene mit unfreiwilliger Komik, leider, erinnere ich mich an die Abschiedsszene Don Carlos–Elisabeth – ein wunderschönes Duett, auch wunderschön gesungen, Gianluca Terranova darf zeigen, dass er Mezza-Voce kann. Beide versprechen sich ein Wiedersehen im Himmel, dies aber, wiederum symbolisch aufgeladen, am Grabe Karls des V., und zwar auch auf der Grabplatte, dort kniend, sitzend und liegend (!), ein wahrhaft schräger Regieeinfall – um bei derlei Posen Halt zu geben, war die Grabplatte aufgeschrägt. Der inneren Dramatik tat das durchaus Abbruch.

Zuletzt noch zum Bühnenbild (Alfons Flores), ich fand es in Ästhetik und Raumfunktion nahezu genial: Es besteht aus raumhohen Diamantfassaden in königlichem Gold. Sie gleissen in dem für diese Fassaden typischen geometrischen Licht- und Schattenspiel, wirken prächtig und mächtig und zugleich bedrohlich, sind bei szenischem Bedarf aber auch durchscheinend – so sieht man dahinter etwa die Vertreter der allmächtigen und hier tatsächlich allgegenwärtigen Religion stehen, ein glorioser Einfall – und lassen sich blitzschnell vom Schnürboden herunter zu unterschiedlich großen Räumen fügen. So senkt sich auch ein eckiger Turm aus vier Fassenteilen auf die Bühne: das Gefängnis der Ketzer, an dessen Mauern die Flammen lodern, das Gefängnis aber auch von Don Carlos, in dessen Inneren man ihn sitzen sieht, während außen vor den Mauern die mit seinem Schicksal befassten Protagonisten agieren.

Auf der Bühne als Hauptmöbel ein großes Doppelbett, in Purpur (Königfarbe!) und Karmesin (Kardinalsrot!) aufgedeckt. Es dient als Ort von Aufbahrung, Getändel, Liebeswahn und Verführung, und in der privaten Szene zwischen König und Königin ist es in zwei Einzelbetten auseinandergerückt – kurzum: Die Bühne setzt ästhetisch absolut überzeugend das auf ihr spielende Gefühls-, Seelen- und Herrschaftsdrama um. Schon sie allein lohnt den Besuch dieser Oper. – Am Premierenabend gab es viele Vorhänge, zum Schluss Standing Ovations für Sänger und Spiel, während ein Teil des Publikums bereits hinauseilte zur Garderobe – eine in Düsseldorf besonders ausgeprägte Unart.

Weitere Informationen zu „Don Carlo“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/don-carlo.1047756

OpernscoutsGisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Nichts nährt Seele, Sinne und Phantasie besser zum Ausgleich wissenschaftlicher Tätigkeit als die Oper!“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Ihre große Rezeptionserfahrung bringt sie nun in die Runde der Opernscouts ein. Seit ihrem Ruhestand ist sie besonders bürgerschaftlich engagiert, u.a. als Lese-Mentorin und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit; kulturell  tummelt sie sich noch im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast.