„Was für ein Abend!“

Markus Wendel über die Premiere „One and others“

Wow, was für ein Abend

Wenn es einen roten Faden gibt, der sich durch die Spielzeiten der Deutschen Oper am Rhein zieht, ist es wohl diese Feststellung: Die größten Überraschungen bietet anscheinend immer das Ballett. So auch am vergangenen Samstag zur Premiere von „One and Others“.

Ganz leise und intim geht es los. In „Polyphonia“ werden zehn Tänze gezeigt, begleitet von einer Pianistin. Berührt bin ich von der Wärme und dem Wohlklang der Musik. Erst später – am Ende des Abends – wird mir klar, dass dieses tänzerisch etwas kühl und technisch wirkende Stück mit Bedacht gewählt wurde und einen guten Gegenpol setzt zum Rest des Abends.

Mitreißend wird es zum zweiten und titelgebenden Stück in der Choreographie von Demis Volpi. Es passt einfach alles. Spannung, Bildsprache, Tanz – wirklich herausragend. Das um die Kehlkopfgesänge kanadischer Inuit ergänzte Streichquartett trägt die Szene mit der Anmutung eines Film-Soundtracks. Auch die Geräusche fahrender Lokomotiven werden in die Klanglandschaften eingebettet. In den vom Licht geschaffenen Räumen suchen und finden sich die Tänzerinnen und Tänzer. Alles im Wandel zwischen Geborgenheit, Verlust und einer Suche nach Orientierung. Erschaffen wird eine solch unmittelbare Emotionalität, die mich bis hin zu tiefster Traurigkeit einiges durchleben lässt. In die Pause gehe ich ergriffen und nachdenklich. Und überaus dankbar.

Mit „Salt Womb“ wird es wirklich krass. Wie der Schlag eines Herzens pulsiert die Musik. Die extreme Lautstärke der Elektro-Sounds bringt die Lautsprecher des Saals an ihre Grenzen und ist körperlich spürbar. Für die Darstellung an der Deutschen Oper am Rhein wurde das ursprüngliche Ensemble auf 17 Tänzerinnen und Tänzer erweitert. Im Vordergrund steht die absolute Dynamik der Gruppe. Hart und bis zur völligen Verausgabung. Der umherfliegende Schweiß und die Beleuchtung erschaffen Atmosphären zwischen dem Berliner Berghain und dem Innern eines Stahlwerks. Eine unfassbare Performance.

Beide Daumen hoch – absolut empfehlenswert!

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

„Ein beeindruckender Ballettabend“

Helma Kremer über die Premiere „One and others“

Der Abend verspricht spannend zu werden: Unter dem Titel „One and Others“ präsentiert das Ballett am Rhein drei aktuelle Werke von drei verschiedenen Choreograph*innen zu wiederum sehr unterschiedlicher zeitgenössischer Musik.

Das erste Stück „Polyphonia“ des britischen Choreographen Christopher Wheeldon ist, wie ich dem Programmheft entnehme, ein Jugendwerk aus seiner abstrakten, neoklassischen Anfangszeit. In 10 kurzen Episoden verhandeln fünf Paare Konstellationen des Miteinanders, Anfang und Abschluss bilden vier Duos. Ich habe zunächst Schwierigkeiten, einzusteigen. Die Musik, ein Klaviersolo von György Ligeti, wirkt auf mich sperrig und sehr abstrakt. In den Bann zieht mich dann jedoch die tänzerische Präzision, mit der die schier atemberaubenden akrobatischen Leistungen entfaltet werden. So etwas habe ich im Ballett noch nie gesehen. Die Tänzer*innen stellen höchst komplizierte geometrische Figuren dar. Zunehmend wird die anfangs kalte Präzision dann  von spielerischen Elementen durchbrochen, so dass auch der Humor nicht zu kurz kommt. Damit ist das Eis gebrochen.

Das zweite Stück, das dem Ballett-Abend seinen Namen gibt, ist „One and Others“ von Demis Volpi. Auch hier geht es um das Miteinander von Individuen, nun in diversen Konstellationen. Männer und Frauen sind gleich gekleidet, so dass die Geschlechter-Trennung beinahe aufgehoben wird. Im Zusammenspiel mit der kalten Beleuchtung und den leicht nebelartigen Effekten, die die Umrisse der Tänzer*innen verschwimmen lassen, entwickelt sich eine sehr „cleane“ Atmosphäre, ähnlich der in einem Science-Fiction-Film. Dazu leisten auch die edlen Kostüme in einer blau-metallischen Farbe ihren Beitrag. Diese kühle Szenerie  steht in spannenden Widerspruch zur Musik des kanadisch-griechischen Komponisten Christos Hatzis, die mich von Beginn an sehr berührt. Das Streichquartett wird mit Sound-Einspielungen von Kehlkopfgesängen kanadischer Inuit untermalt sowie mit Geräuschen von Lokomotiven. Diese beiden Elemente verweisen bereits auf das dritte Stück. (Das fällt mir aber erst beim Schreiben auf.)

Schon nach diesem zweiten Stück, fällt der dramatische Spannungsbogen und die – auch musikalische Steigerung – der Dynamik vom ersten zum zweiten Stück auf, die sich auch in Größe und Konstellation des Ballett-Corps zeigt. Ihren Höhepunkt erfährt diese Steigerung im dritten Stück. Die Musik setzt so unvermittelt und tosend ein, dass ich das Gefühl habe, von einer Dampflok überfahren zu werden. Zu den elektronischen Beats von Ori Lichtik, die immer wieder von Sirenen-Geheul und Schüssen unterbrochen werden, bewegt, man könnte auch sagen, wälzt sich eine Gruppe von 17 Tänzern. Trotz der gleichen Tanzbewegungen wirkt das Ganze nicht wie ein Mit-, sondern wie ein Nebeneinander. Einzelne Individuen unternehmen den Versuch, auszubrechen, aber sie werden entweder isoliert oder wieder eingefangen. Zuckende Körper suggerieren eine Atmosphäre von Gewalt, Folter oder Krieg. Dabei deuten sowohl Rhythmen als auch Bewegungen auf rituelle Tänze indigener Völker, nur eben hier pervertiert. „Gleichstellung“ und „Fremdbestimmung“ sind die Begriffe, die mir dazu einfallen. Bei aller Finsternis entfaltet dieses Stück einen Sog, dem sich keiner entziehen kann.

Begeisterter Applaus und Standing Ovations für die Künstler*innen. Einer der beeindruckendsten Ballett-Abende, die ich bisher erleben durfte. Er wird lange nachwirken.

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt Düsseldorf.

„One and others“

Karolina Wais über die Premiere „One and others“

POLYPHONIA

Der Abend fängt gut mit einem Klavierspiel an, zudem vier Paare tanzen. Sie werden auf eine Art und Weise beleuchtet, so dass die Tänzer*innen vervielfacht wirken. Damit spiegeln sie die Polyphonie, also Vielstimmigkeit der Musik klug wider. Das letzte Tanzstück greift die Vielstimmigkeit mit scheinbar unbeabsichtigten Verzögerungen im Tanz auf. Die Kostüme und das Bühnenbild sind sehr schlicht gehalten, ich kann mich also vollkommen auf die Musik und den Tanz konzentrieren. Die insgesamt zehn Stücke in unterschiedlichen Formationen, mal in stoischer Haltung, mal mit viel Leichtigkeit, stets mit Präzision sind schön anzuschauen. Ein wunderbarer Einstieg in diesen Abend.

ONE AND OTHERS

Demis Volpi hat wieder ein wunderbares Stück geschaffen. Die Balletttänzer*innen tanzen scheinbar im Nebel, das schafft eine mystische Atmosphäre. Die Kostüme sind sehr schlicht in leichten Blautönen gehalten. Es wird Spitze getanzt und mit den Spitzenschuhen ein Rhythmus erzeugt, dieser Augenblick gefällt mir besonders. Ich mag auch das Zusammenspiel Lara Delfinos mit den Tänzern, sie wird zwischen ihnen gereicht, verliert sich dabei aber nie. Das Stück wird von einem Pas de deux von Lara Delfino und Dukin Seo perfekt vollendet. Sie verschmelzen förmlich ineinander.

SALT WOMB

Kraft! Bewegung! Stark! Das ist heute mein Höhepunkt des Abends. Es fängt mit lauter maschineller Techno Musik an, die Tänzer*innen bewegen sich wie in Trance um einen Tänzer. Die Bühne wird erstmal im warmen Licht getaucht. Das Gesamtbild, das dadurch entsteht, ist grandios, stark und sehr kraftvoll. Die Formation schaukelt sich in gleichmäßigen, fast tranceähnlichen kleinen Bewegungen ins Extreme. Das Stück, ursprünglich für neun Tänzer*innen inszeniert, wird für das Ballett am Rhein um acht weitere Tänzer*innen ergänzt und das ist einfach atemberaubend, weil es dadurch an noch mehr Kraft gewinnt. Die Musik ist so laut, dass ich sie körperlich spüren kann, mitwippen kann. Die Bewegungen sind mechanisch wiederholend, die Monotonie dieser Bewegungen wird aber immer wieder durch neue Transformationen unterbrochen. Sie kommen von innen heraus und sind offensichtlich so anstrengend, dass die Körper vor Schweiß glänzen, salzig werden. Die Tänzer*innen bilden zusammen einen Körper, der pulsiert. Es ist hypnotisierend und lässt mich mitfühlen. Ich will es nochmal sehen und erleben.

Vielen Dank für diesen starken Abend!

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

So hat sich modernes Ballett entwickelt – aufregend!

Hubert Kolb über die Premiere „One and others“

Mit den drei gezeigten Choreographien konnte man die aktuelle Entwicklung des Balletts mitverfolgen – auf höchstem Niveau, das war spannend.

Es begann mit dem modernen Klassiker von Christopher Wheeldon „Polyphonia“ (Jahr 2001). Das Stück hat mich innerlich nicht berührt. Klassische Ballettschritte modern angereichert, ästhetisch eindrucksvolle geometrisch orientierte Bewegungen, ich dachte an Bauhaus. Aber: Da war keine Seele im Tanz, keine Beziehung zwischen den Tanzenden wahrnehmbar, viele stationäre Tanzphasen mit Drehungen und Hebungen. Die Klaviermusikstücke von Ligeti wirkten dazu etwas hart. Nur das erste und letzte Stück hatten tollen Rhythmus. Dazu waren alle vier Paare auf der Bühne und eroberten den Raum mit schnellen Schritten und originellen Armbewegungen. Beim ersten Stück gab es dazu einen Schattenwurf der Bewegungen auf die Rückwand der Bühne, das war genial.

Als Demis Volpi – Fan war sein Stück „One and Others“ (Jahr 2015) für mich der Höhepunkt. Seele in der Musik von Hatzis und in den Bewegungen der fünf Paare, klassische Ballettschritte weiterentwickelt zu einem Ausdruckstanz, auch ganz langsame Bewegungen waren erlaubt und vermittelten Emotionen. Die Annäherung, das Werben, das Auf und Ab der Beziehungen wurden in vielen „modernen“ Bewegungen und Hebefiguren deutlich. Großartig war dann der Pas de deux von Lara Delfino und Dukin Seo. Irgendwie war es nur noch ein gemeinsamer Körper, der in dynamischen oder langsamen Bewegungen Innigkeit vermittelte, man dachte an einen platonischen Liebesakt. Ein spannender Bogen umfasste das ganze Stück, sodass ich verblüfft war, wieviel Zeit vergangen war. Der Beifall war groß.

Die andere aktuell-moderne Entwicklung des Balletts ist der komplette Verzicht auf klassisch anmutende Ballettschritte, hier bei der Choreographie von Sharon Eyal aus dem Jahre 2016, „Salt Womb“. Die knallhart stampfende Technomusik von Lichtig hatte ihre Entsprechung in maschinenartigen synchronen oft langsamen Bewegungen der 17 Tanzenden, von denen manchmal ein oder zwei eine Art Vortänzer:in war:en. Auch wenn der Rhythmus der Musik wie bei Techno üblich das Publikum und auch mich gefangen nahm, blieb das Geschehen auf der Bühne ohne Widerhall in mir. Nur eine Formation, als alle eng gedrängt im Kreis standen und die Arme nach oben streckten, beeindruckt mich. Dem starken Beifall konnte ich mich nicht anschließen.

Insgesamt bot der Abend eine tolle Erfahrung der Möglichkeiten des aktuellen Balletts!

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen.

„Ein spannender und sehr inspirierender Ballettabend“

Stefanie Hüber über die Premiere „One and others“

Die Premiere des Ballettabends mit 3 unterschiedlichen Choreographien umfasste eine grosse Spannbreite dessen, was Ballett heutzutage zu präsentieren und vermitteln vermag

Das 1. Stück namens „Polyphonia“ wurde von einem Pianisten begleitet. Die zehn Klavierstücke des Komponisten György Ligeti sind teilweise sehr dissonant. Es befinden sich dabei zwischen 2 und 8 Tänzern auf der Bühne, die vor allem klassische Ballettfiguren zeigen. Sowohl Bühnenbild als auch Kostüme sind sehr schlicht gehalten und vermitteln Stringenz und Minimalismus. Gut getanzt, jedoch meines Erachtens nicht perfekt. Es war schön anzusehen, hat mich allerdings nicht wirklich berührt.

Das 2. Stück war eine Choreographie von Demis Volpi. So wie alles von ihm bisher gesehene hat es mich sehr beeindruckt. Die dazu abgespielte Musik war ein Kammermusikstück für Streicher und erinnerte teilweise an Filmmusik. Vor allem die Cellosoli berührten mich sehr und unterstrichen die schwermütige Stimmung der Darbietung, welche sich thematisch mit der zunehmenden Suizidrate der Inuits in Kanada auseinandersetzt. Nebst der Musik gab es eingespielte Klopfgeräusche und Kehlkopfgesänge, die den archaischen Charakter unterstrichen und in krassem Widerspruch dazu standen, dass sehr viel auf Spitze getanzt wurde, was für mich wiederum für die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit stand. Vor der Bühne hing ein dünner Gazevorhang, was man auf den 1. Blick nicht sah, und das  Bühnenbild und die Tänzer leicht verschwommen erscheinen ließ. Auch das war eine großartige Lösung ,den vergänglichen, schwindenden Charakter der Atmosphäre zu unterstreichen. Der Tanz war voller Emotion und stand dadurch für mich im krassen Gegensatz zu „Polyphonia“.

Stück Nr. 3 hieß „Salt Womb“. 17 Tänzer bewegten sich meist synchron zu harter maschinenartiger Musik. Manchmal durchbrach einer der Tänzer die Synchronizität durch ein Solo, welches jedoch in der Enge der Menge stattfand, aus beispielsweise zuckenden oder wurmförmigen Bewegungen bestand, und mitnichten den befreienden Charakter hatte, den man häufig mit Soli assoziiert. Das Stück wurde ursprünglich für das „Netherlands Dance Thatre“ geschrieben. Ich habe schon einige Aufführungen diese in Den Haag ansässigen Tanzkompanie besucht und war immer beeindruckt vom deren Können und Kreativität. „Salt Womb“ war meines Erachtens wie gemacht für sie, aber auch das Ballettensemble der Deutschen Oper am Rhein performte großartig und riss fast das komplette Publikum nach dem letzten Schlussklang ekstatisch klatschend aus den Stühlen.

Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Mal für 2 Akte in eine andere Welt getaucht

Sandra Christmann über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Schon in den ersten Minuten, denen ich voller Vorfreude auf den Olymp und aller Tragödie, die zu erwarten war, entgegensah, wurde klar, dass wir hier eine Inszenierung out of the box zu erwarten haben, und ein bisschen hatte ich noch Sorge, dass wir von großem Klamauk und Trash erschlagen werden.

Es zeichnete sich sehr schnell ab, dass nicht nur Max Hopp, hier als John Styx, Großes vollbringen wird. Wie ungewöhnlich die Synchronisation der Hauptfiguren, wenn sie nicht singen, was für eine unfassbare, auf den Punkt, perfekte dargestellte Leistung, und zwar aller Protagonisten.  Mimik, Lippen, Haltung alles perfekt getimed. Eurydike, wunderbar gesungen, liebe Elena Sancho Pereg, großartig gespielt, alle Facetten der Frivolität und ihrer wunderschönen Stimme ausgeschöpft…
Und dann: die Bienchen, das Ballett. Es gehört eine große Idee, Feinsinn und eine tolle Inszenierung und Scharfsinn dazu, um durch Choreographie und Kostüm, wirklich jede und jeden im Publikum zum Lachen zu bringen. Wenn die Groteske kippt, ein wenig wie in der commedia del arte, und man in tiefster Seele so unfassbar erheitert wird, das dadurch nochmal eine ganz neue Welt aufgemacht wird, dann hat Barrie Kosky uns mit seiner Inszenierung nicht nur alle eingefangen, sondern uns auch etwas geschenkt. Und ich meine alle. Neben mir saß ein entzückendes älteres Paar, die Dame legte ihre Hand auf meinen Arm und sagte: „Ist das nicht herrlich?“

Und das schon mal vorab: in diesen Zeiten, wo wir nur einige Kilometer entfernt den Krieg vor der Türe haben, wo wir seit nunmehr 2 Jahren von einer Pandemie mitgenommen werden, die uns ja nun auch unser kulturelles Leben so dezimiert hat, dass wir weit entfernt sind von Heiterkeit und lautem Lachen. Also in diesen Zeiten einmal so rausgeholt zu werden aus der Realität und in eine Welt einzutauchen, die uns musikalisch, schauspielerisch, tänzerisch und auch sprachlich mit einer frivolen, grotesken, aber auch meisterlichen Inszenierung, alles andere vergessen lässt – das ist ein wunderbares Erlebnis und ich bin dankbar für Lug, Betrug, Begierde, Komik und sensationelle Kostüme. Victoria Behr überrascht in jeder Szene. Ihre Kostüme sind so divers, so pompös, so erotisch, dass alleine diese schon eine neue Welt aufmachen. Zugegeben, war bei den pinken Svarowski Genitalien, die geschlechterunabhängig ihre Zuordnung fanden, mein Schmunzeln ein wenig unterkühlt, aber die Kreationen von Frau Behr sind herausragend.
Der gesamte erste Akt war in allen Punkten brillant. Tatsächlich scheint es, als ginge die wunderbare Musik von Jacques Offenbach unter, aber ich entscheide mich dafür, dass sie so perfekt in die Inszenierung eingebunden ist, dass das große Gesamte aufgeht und wirkt. Der zweite Akt überrascht noch mehr mit einem fantastischen Bühnenbild von Rufus Diwiszus, überhaupt ist auch das Bühnenbild eine Welt für sich. Tatsächlich läuft der zweite Akt aus dem Ruder und das mal ohne Wertung. Superlative der Frivolität, phantastische, hinreißende Choreografien, überhaupt ist das Tanzensemble nicht nur tänzerisch sondern auch spielerisch so grandios, dass sie den Chor mit ihrer Leistung spielend auffangen, sodass manchmal gar nicht klar ist, wer ist Chor, wer ist Tanz.

Alle Disziplinen sind so ineinander verzahnt, dass ich nur sagen kann, dass auch der Gesang aller beteiligten hervorragend ist. Natürlich ist Euridike der Augen- und Ohrenstern, und ein bißchen ragen doch gesanglich die Frauen heraus. Alles in Allem: sehr sehenswert und ein Erfrischung fürs Gemüt, für den Humor, für alle Sinne. Das Abschlussbild spricht uns aus der Seele: Das Ensemble hält eine regenbogenfarbige Peace Fahne hoch. Es gab schon vorher Standing Ovations, aber da standen dann auch die letzten auf. Kultur vereint. Kultur ist politisch. Und wir brauchen Kultur!

Sandra Christmann
Managerin in der Filmproduktion, Kulturmanagerin

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie ist aktuell bei e+p films als Head of Growth tätig. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Orpheus in der Unterwelt

Karolina Wais über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Die Operette beginnt mit der Erklärung der Öffentlichen Meinung, dargestellt von Susan Maclean, deren Moralvorstellungen allerdings von Max Hopp für das Publikum übersetzt werden mussten. So erfährt der Zuschauer von Anfang an welchen Stellenwert die Öffentliche Meinung in der Inszenierung hat. Die männlichen Protagonisten geben im Laufe des Stücks der Öffentlichen Meinung nach, aus Angst ihre Reputation zu verlieren.

Die Operette setzt sich aus zwei Akten und vier Bildern zusammen. Die ersten drei Bilder haben ihren Ursprung in einer völligen Langeweile, die aber für den Zuschauer gar nicht langweilig dargestellt wird, ob Eurydike und Orpheus in ihrer Ehe, Jupiter im Olymp oder Eurydike bei Pluto in der Unterwelt. Diese Langeweile dauert aber nicht lange an, sie ist ein Sprungbrett in drei bunte, witzige und schrille Akte.
Die Opernsänger*innen, der Chor, die Tänzer*innen geben dabei stets ein stimmiges Bild ab, es ist eine Wonne dem zuzuschauen. Alle sind aufeinander abgestimmt und geben eine Glanzleistung ab. Elena Sancho Pereg imponiert mir sehr in ihrer Rolle als Eurydike, weil sie die Stärke von Eurydike sehr gut verkörpert. Das Bühnenbild gefällt mir sehr, es ist wandelbar und ganz und gar nicht langweilig. Die Kostüme sind sehr aufwendig gearbeitet, so es entsteht zum Beispiel im zweiten Akt visuell eine pastellfarbene Revolte. Das vierte Bild im zweiten Akt endet mit einem imposanten Fest. Die Fülle, die das Stück über auf der Bühne entsteht, lässt allerdings die Musik etwas verblassen. Es ist kaum eine Pause da, die es zulässt die Augen zu schließen, um die Musik zu erfahren, aus Angst das Geschehen auf der Bühne zu verpassen.

Mir gefällt die Idee, dass Max Hopp die Sprechpartien aller Sänger übernimmt. Das ist ein sehr kluger Schachzug, der sehr viele witzige Momente geschehen lässt. Das gefällt mir so sehr, dass es mich irritiert, als Max Hopp im dritten Bild John Styx, den Fährmann des Todes, verkörpert.

Das Stück erhält einen langen, stehenden Applaus und das völlig zu Recht. Insgesamt ist die Inszenierung sehr sehens/- und erlebenswert.

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

Orpheus und Eurydike

Stefanie Hüber über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Die Premiere von „Orpheus in der Unterwelt“endete mit einem frenetischen Applaus- kein Wunder, denn sowohl die musikalische, als auch die optische Leistung waren in dieser düsteren, unsicheren Zeit Balsam für die Seele.

An diesem Abend hatte ich zum 1. Mal meinen Mann als Begleitung dabei. Es kostete mich einige Überredungskünste, ihn dazu zu bewegen, mich zu begleiten, lag doch sein letzter Opernbesuch schon einige Jährchen zurück und war ihm aufgrund einer sehr konventionellen, verstaubten Aufführung in keiner positiven Erinnerung geblieben. Doch ich überzeugte ihn mit dem Argument, dass Barrie Kosky für seine außergewöhnlichen Inszenierungen bekannt wäre, und was soll ich sagen? Mein Gatte war begeistert!!!! Besonders Max Hopp als Sprecher aller Rollen und Synchronisator sämtlicher Geräusche hat ihn schwer begeistert. Da die Operette auf französisch gesungen wurde, war diese Form der Synchronisation ins Deutsche tatsächlich eine brillante Lösung.

Für meinen Form von Humor drohte das Ganze durch überzogene Wiederholungen zwar irgendwann ins Klamaukige abzurutschen, aber es gab sooo viele witzige und originelle Momente, dass das nicht weiter schlimm war. Es tat einfach gut, mal wieder lauthals hinter der Maske Tränen zu lachen! Die Handlung lief dynamisch und präzise ab wie ein Uhrwerk, es war keine Sekunde langweilig. Die Komposition Offenbachs ist wunderschön, und weist phasenweise sehr auf Einflüsse Mozarts hin. Es gibt viele Holzbläsersoli ,die erdend auf die abwechslungsreiche Musik wirken. Dem Spiel der Düsseldorfer Symphonikern fehlte mir für meinen Geschmack manchmal der Pep, und sie spielte stellenweise auch zu leise. Die Bühnenbilder waren wunderschön und originell, ebenso die Kostüme, alles mit viel Liebe fürs Detail, wie z.B. Jupiters Adiletten.

Wahrscheinlich wird mich mein Mann beim nächsten Mal wieder begleiten…

Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Rasantes Tempo, großartiger Humor

Markus Wendel über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Eins wird mir am vergangenen Premierenabend sehr schnell klar: die Musik von Jacques Offenbach wird nicht unbedingt eine Hauptrolle spielen in der Neuinszenierung von „Orpheus in der Unterwelt“ – von der Deutschen Oper am Rhein vertrauensvoll in die Hände gelegt von Barrie Kosky.

Dieser löst scheinbar jede Bremse und hat vornehmlich eins im Sinn – große und kurzweilige Unterhaltung. Es wird gekreischt und geschrien, ist dabei verrückt, sexistisch und streckenweise völlig enthemmt. Die Personenregie ist so lebendig, dass man hiermit problemlos mehrere Veranstaltungen bestücken könnte. Die perfekt einstudierten Choreographien sind geprägt von feinem, oft auch völlig übertriebenen Humor – bis hin zum absolut Grotesken. Unterstützung liefern einige wirklich unfassbare Kostüme. Viele Zuschauende hält es vor allem in der ersten Hälfte kaum auf den Sitzen vor Lachen, meine Person eingeschlossen.
Das Ensemble agiert so geschlossen wie ich es selten gesehen habe. Solisten, Chor und Tänzer/innen verschmelzen förmlich miteinander, so gut ist das Zusammenspiel. Darüber hinaus ist wirklich jede Rolle passend und glaubwürdig besetzt. Die Spielfreude ist allen deutlich anzusehen. Aber kein Wunder, in dieser Inszenierung darf sich ordentlich ausgetobt werden.

Ein wahrer Geniestreich gelingt Barrie Kosky damit, dass er die Figur des John Styx, großartig gespielt von Max Hopp, in einer Art Meta-Ebene die Dialoge (und Geräusche) der anderen Personen übernehmen lässt. Allein für dieses großartige Schauspiel möchte ich eine unbedingte Empfehlung aussprechen. Ein unfassbarer Abend. Nie habe ich mehr gelacht in der Düsseldorfer Oper. Und selten habe ich es so wert geschätzt, privilegiert zu sein und diesen unbeschwerten Abend genießen zu können – gerade in diesen Tagen keine Selbstverständlichkeit. Zum Applaus hat auch das Ensemble eine klare Botschaft: PEACE.

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Orpheus in der Unterwelt – Qualitätsklamauk

Michael Langenberger über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Keine Frage, was uns die Akteure, egal ob Sänger, Ballett, Chor boten, war feinste Präzisionsarbeit. Die Idee der Barrie Kosky Inszenierung, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Stück zieht: Alle Sprechpassagen der Sänger durch einen Synchronsprecher zu präsentieren. Diese Aufgabe übernimmt Max Hopp, der nicht nur die Texte aller Sänger, egal ob Frau ob Mann spricht, sondern auch noch Geräusche wie quietschende Türen oder einzelne Schritte vertont und damit großes Amüsement im Publikum auslöst. Alles muss und ist bis in kleinste Detail “getimt”, damit die gesprochenen Mundbewegungen der stimmlosen Sänger genau zum Text von Max Hopp passen. Eine richtig gute Idee, die Mitspielern und Publikum sichtlich Spaß macht. Dadurch entwickelt sich auf der Bühne eine Eigendynamik, die die Musik gewissermaßen auf das Notwendige reduziert.

Natürlich tun die Bühnenbilder, unglaublich kreative Kostüme und eben nicht zu vergessen Chor- und Balletteinlagen in bekannt bester Qualität ein Übriges für das Bühnenspektakel.
Wie eben auch beim Essen, isst man von allem zu viel, gibt es irgendwann Bauchweh. Das war für mich der Zeitpunkt, wo der Synchronsprecher Max Hopp in die Rolle des “John Styx” stieg und anfing zu singen. Gewissermaßen konsequent wäre m.E z.B. gewesen, wenn ein Opernsänger die Gesangspassagen von “John Styx” synchron gesungen hätte. Doch so hatte ich den Eindruck, als ob die gesamte Inszenierung um die Person Max Hopp herum konstruiert worden wäre. Ich glaube, damit hängt auch zusammen, dass es dem Stück an dramaturgischer Dynamik fehlte. Immer Vollgas. Kann man machen, ist aber nicht meins. 

Ein besonderes Lob gebührt dieses Mal der Opernorganisation; die mehrfachen Corona bedingten Verschiebungen, verbunden mit all dem Aufwand, der um uns Zuschauer notwendig war, perfekt gemanagt. Chapeau!
Engagierter Applaus für das Stück wechselte zu tosendem Applaus, als ein Banner mit dem ’Schriftzug “Peace” auf Regenbogenflagge nach vorne gehalten wurde. Es wird mir klar, welcher Luxus es ist, dass wir in einer Vorstellung sitzen und uns über Kleinigkeiten auslassen, während in Europa Krieg ist.

Ganz persönlich würde ich mir so sehr wünschen, wenn gerade die Künstler, egal welcher Nationalität, mit aller künstlerischer Freiheit den Frieden vorleben.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Eine originelle rasante Show, mit etwas musikalischer Unterstützung

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „Orpheus in der Unterwelt“

Nach mehrfach verschobenen Terminen endlich die Premiere von Barrie Koskys Version der „weltweit ersten Operette“. Das Stück hatte als Koproduktion schon bei den Salzburger Festspielen und in der Komischen Oper Berlin Begeisterung im Publikum ausgelöst. So war es auch hier.

Trotz allen Vergnügens ob der fast endlosen Folge von originellen oder auch platten (dann Sex-betonten) Gags auf der Bühne blieb meine Reaktion zwiespältig. Wo blieb Jacques Offenbachs Werk als musikalisches Kunststück, es ist ja doch weitaus mehr als schmissiger Cancan mit hochfliegenden Röcken? Aber auch Koskys unglaublich erfolgreiche Inszenierung der Zauberflöte als auf eine Wand projizierter Comic mit Gesang sprach mich nicht an.
Das Gesamtkonzept mit einem Sprecher (Max Hopp), der alle Texte für die Protagonisten und Protagonistinnen mit verschiedenen Stimmen sprach und Körperbewegungen mit lustigen Geräuschen synchronisierte, war höchst originell und erheiterte uns alle. Viele der Tänze von Chor und Tänzern in überzeugenden Kostümen waren mitreißend, wobei simulierte Kopulationsszenen und zwischen den Beinen montierte männliche Pseudo-Geschlechtsteile doch zu deftiger Humor waren.

Die Choreographie war bis ins kleinste Detail einstudiert und Alle auf der Bühne waren sichtlich mit Spaß dabei, und ihre Begeisterung schwappte über ins Publikum. Insbesondere die Spielfreude von Elena Sancho Pereg als Eurydike war eine Augenweide. Das von Kosky modifizierte Ende war eine sinnvolle Verbeugung vor dem aktuellen Zeitgeist. Eurydike weigert sich, als Gespielin Gott Jupiter oder Ehemann Orpheus aus der Unterwelt zu folgen, oder dem Unterwelt-Chef Pluto weiter zu Diensten zu sein. Sie hat sich emanzipiert und will als Bacchantin ihr eigenständiges gutes Leben in der Unterwelt genießen. Dass diese errungene Eigenständigkeit mit einem angehefteten übergroßen männlichen Gemächt symbolisiert wurde, fand ich misslungen.

Unsere Wahrnehmung, dass wir in ernsten Zeiten Vergnügungen erleben, wurde durch die Präsentation eines großen regenbogenfarbigen Tuchs mit der Aufschrift PEACE beim Schlussapplaus besänftigt. Danke.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen.

Stadtreise mit Bach

Benedikt Stahl über die Premiere „Weihnachtsoratorium“ – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Kennen Sie das nicht auch? Man unternimmt einen Kurzausflug übers Wochenende in eine große, spannende Stadt, vielleicht Rom oder New York und ist gespannt auf die vorab studierten und vertrauten Bilder. Vor Ort jedoch erscheinen sie komplett anders. Das unablässige Hupen, Grollen und Fauchen der Autoschlangen, das Mischmasch der vielen unterschiedlichen Gerüche, Menschenmengen, die durch die Straßen drängen, Lichter, Farben, das Ein- und Ausatmen. Alles ist laut, von allem gibt es viel zu viel und die Nächte sind in der Tat durchwacht.

Da kann es passieren, dass sich der eigentliche Reisegenuss erst im Nachgang und zuhause in gewohnter, ruhiger Umgebung einstellt. Aus dem schrillen, bunten Treiben formt die wählerische Erinnerung eine eindrucksvolle Gedankenmalerei, die einen mit allem Gezeter versöhnt und die Beziehung zu dieser Stadt auf eine besondere Weise prägt.

Irgendwie so ähnlich geht es mir mit der Inszenierung des Weihnachtsoratoriums in der Düsseldorfer Oper. Das bekannte Bachwerk übernimmt dabei die Rolle der vertrauten Bilder und die Reiselust ist groß! Dann passiert das, womit ich nicht gerechnet hatte: das dichte Gedränge auf der Bühne, die Klangraserei und die viel zu vielen Gleichzeitigkeiten laufen einander den Rang ab. Es zischt, es schreit, es blitzt, es jauchzt! Als wäre es ein abgestimmter Teil der Regie, zückt die Dame vor mir ständig ihr Smartphone um alles festzuhalten (als wenn das ginge) und stören laut plappernde Nachbarn, die wahrscheinlich nur den falschen Zug genommen haben. Eigentlich kaum auszuhalten, wären da nicht die wunderbare Musik und wirklich prachtvoll ausgeleuchtete Bühnenbilder mit zauberhaft aufeinander abgestimmten Kostümfarben. Wenn ich zwischendurch die Augen ein wenig zusammenkneife und die Störgeräusche einfach überhöre, wird daraus eine erinnerungswürdige Gesamtkomposition, die eine Reise wert ist! Am besten aber mit leichtem Gepäck, ohne zu viele Vorstellungen im Kopf und dazu bereit, mindestens eine Nacht nicht schlafen zu können. Ist ja auch viel zu aufregend, was da geschah…

Benedikt Stahl

Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle Komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

Tradition trifft Moderne – absolut gelungen?

Karolina Wais über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Ich muss zugeben, dass ich die moderne Umsetzung des Weihnachtsoratoriums erstmal auf mich wirken lassen musste, um die schönen und gelungenen Feinheiten zu erkennen.

Wenn ich an Weihnachten denke, denke ich an Gemütlichkeit, Düfte und an Lichter, welche die Dunkelheit erhellen – ich romantisiere Weihnachten total inklusive der Frohen Botschaft, die die Liebe und Harmonie in uns Allen entstehen lassen kann. Ich habe also eher eine romantische Inszenierung erwartet. Diese ist aber absolut schmerzfrei in unseren Alltag geholt worden, inkl. eines Toilettenganges in einer Bar.
Das Bühnenbild ist überraschend modern, die kreierten Räume beweglich. Der Chor ist komplett in die Inszenierung integriert, was mir sehr gefällt. Ich liebe es, wenn der Chor sichtbar und nicht nur hörbar ist. Einzelne Sänger werden von einzelnen Musikern auf der Bühne begleitet, was für zauberhafte und einzigartige Momente sorgt.

Wer offen für neue Ideen ist, insbesondere bei einem Stück wie dem Weihnachtsoratorium und absolut guter Musik, sowie hervorragendem Gesang lauschen will, sollte diese Oper sehen und hören. Zumal die Inszenierung in unseren Alltag und in diese Zeit zu adaptieren absolut mutig ist, weil eben nicht romantisch und verkitscht.
Und darum geht es ja eigentlich, dass wir in diesen unseren modernen Alltag einen Weg finden die Frohe Botschaft, die Liebe zu leben.

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Schöne Momente, aber wenig Weihnachtsstimmung

Charlotte Kaup über die Premiere „Weihnachtsoratorium“

Etwas müde und ratlos hat es mich zurückgelassen, dieses Düsseldorfer Weihnachtsoratorium und so fällt es mir nicht leicht, meine Eindrücke in Worte zu fassen. Das fast dreistündige Werk erzählt die Weihnachtsgeschichte – eine bekannte Handlung, die alljährlich rituell rezitiert wird. Bachs Oratorium, eine Abfolge von Chorälen, Bibeltexten und Lobgesängen, sticht denn auch weniger durch Handlung als durch musikalische Gestaltung hervor.

Insofern hat sich die Oper am Rhein Großes vorgenommen: ein Vokalwerk mit spirituellem Charakter soll den Erzählgewohnheiten der Gegenwart angepasst werden.
In einem raffinierten rotierenden Bühnenbild werden viele kleine Episoden erzählt. Zahlreiche Klischeecharaktere versuchen, die großen Fragen unserer Zeit anzureißen, ohne dabei die Musik aus dem Fokus zu verlieren. Das Ganze ist garniert mit teils drastisch expliziten Bildern. In poppigen Farben wird auf der Bühne geboren und gestorben und natürlich opernhaft gestritten und vertragen. Das Bühnengeschehen kontrastiert die gleichförmig repetitiven und abstrakt sakralen Texte des Oratoriums und es entsteht gelegentlich gar Situationskomik. Es ist ein aufwändiger und auch mutiger Umsetzungsversuch bei dem die vielen Mitwirkenden – ob Solisten oder Chormitglieder – hingebungsvoll ihre individuellen Rollen interpretieren.

Meinen persönlichen Geschmack trifft die Inszenierung eher nicht. Ich empfinde sie als zu wuselig, ablenkend von den Feinheiten und der Erhabenheit der Musik und trotz allem Drama eher oberflächlich. Teile der zweiten Hälfte verbringe ich deshalb mit geschlossenen Augen, um mich mehr auf die Musik zu konzentrieren. Hier gibt es einige wunderbare Passagen von Klarinette und Oboe, welche dem Stück wieder etwas Zartheit verleihen. Musikalisch herausragend sind außerdem Countertenor Terry Wey – mit der „Schlafe“-Arie ein Höhepunkt des Abends, die Sopranistin Anke Krabbe und die Tenöre Andrés Sulbarán und Cornel Frey.

Mein Gesamtfazit: Ein Abend mit schönen Momenten, musikalischen Highlights und überwältigendem schauspielerischen Engagement aller Mitwirkenden aber auch einigen Längen und eher wenig besinnlicher Weihnachtsstimmung.

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Bevor die junge Ärztin ihre Stelle in Mönchengladbach antrat, war sie als Ballettlehrerin im Hochschulsport tätig. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires. Durch ihre Teilnahme am Opernscout-Projekt entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für die Oper. Vor allem gefällt ihr als Scout die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Große Erwartungen

Markus Wendel über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Bei und nach dieser Vorstellung habe ich etwas erlebt, was mir in dieser Form noch nicht passiert war in der Düsseldorfer Oper. Ich habe mich geärgert. Und zwar richtig. Geärgert über eine Inszenierung und eine immer wiederkehrende Frage: wer um Himmels Willen konnte so etwas zulassen?

Das Bach’sche Weihnachtsoratorium ist schon ein Schwergewicht in der Musikgeschichte. Teile davon kenne ich seit vielen Jahren. Und ich war wirklich neugierig, welche Form von Inszenierung man diesem andächtigen und christlichen Werk angedeihen lassen würde. Leider war es genau dies, wozu ich keinen Zugang finden konnte.
Dabei war die Musik wirklich großartig! Axel Kober ist in gewohnt zügigem Tempo durch die Partitur, der er damit eine wahre Frischzellenkur einverleibt hat. Die Düsseldorfer Symphoniker haben so klar und akzentuiert musiziert, dass ich auch in Reihe 13 das Gefühl hatte, direkt am Orchestergraben zu sitzen. Der Chor hatte eine Durchschlagskraft, die wahrscheinlich noch die eine oder andere geschlossene Tür hat überwinden können. Und auch die insgesamt vierzehn Solistinnen und Solisten haben haben mich auf voller Linie überzeugt.
Die Inszenierung und die zum Bach’schen Werk hinzugefügten Textpassagen klammere ich dennoch aus, ich möchte wirklich keinem auf die Füße treten. Bilder und Videos kann man sich auf der Seite der Rheinoper anschauen. Kunst hat viele Gesichter und am Ende werde ich nicht böse sein, weil mich mal etwas nicht erreicht hat.

Ein paar Tage später schreibe ich nun diesen Text. Und der Abend der Vorstellung hat mich immer noch nicht ganz losgelassen. Wenn ich die Augen schließe, höre ich noch immer die Musik. Und mit dieser ist da ein Gefühl. Ganz warm und vertraut. Weihnachten steht vor der Tür.

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Krippenspiel mit Aufforderung zum Aufbruch

Michael Langenberger über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Ich musste dieses Mal schon länger darüber nachdenken, was ich schreibe. Denn was uns als szenische Umsetzung des Bach’schen Weihnachtsoratoriums in Form einer ausgewachsenen Oper gezeigt wurde, ist mit wenigen Worten schwer zu beschreiben. 

Die erste Hälfte stellt uns die Frage: Was wäre, wenn sich die berühmte Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium hier und heute in unserer urbanen, hyperbeschleunigten Stadt wiederholen würde? Wie würden wir ihn empfangen und wie begegnen wir ihm…
Das kubisch geschlossene Bühnenbild konfrontiert uns mit der Distanz unserer Lebensverhältnisse zueinander, identifiziert Partikularinteressen.

Das alles ist für die Besucher, die als Benchmark ausschließlich das gediegene, hochehrwürdige Meisterwerk von Karl Richter aus dem heimischen Plattenschrank dagegenhalten, vielleicht schwer zu ertragen. Denn die musikalische Interpretation folgt z.B. in Geschwindigkeit und Rhythmik eher dem Bühnenspiel als dem Klischee. Doch bekommt das Bach’sche Werk genau deshalb auch einen neuen Ausdruck, eine angemessene Frische. Entgegen starr stehenden Chören entwickelt der Chor durch seine nahezu ständige Präsents als singende Mimen auf der Bühne, auch aus den Körperbewegungen heraus, gesangliche Dynamik, die Axel Kober am Pult durch sein Dirigat auch zulässt. Teilweise sind Musiker der Düsseldorfer Symphoniker in kammerorchestralen Zusammensetzungen auf der Bühne statt im Graben und damit tief ins Geschehen eingebettet. Womit wir dann auch schon in der zweiten Hälfte wären.
Hier bin ich überwältigt von dem was ich unter großer Bühnen- bzw. Opernkunst verstehe: Die Umsetzung der gegenwärtigen Situation und Bedürfnisse, Fragestellungen und Lösungsoptionen als intellektuelles Angebot an die Zuschauer ohne Moralin gehobenen Zeigefinger. Das geschlossene Bühnenbild der ersten Hälfe weicht einer dreidimensionalen offenen Durchdringung der Gesellschaft. Lässt alle möglichen Facetten des Lebens zeitgleich und ebenso richtig wie falsch zu, so wie eben unser reales Leben heute ist. Dadurch werden zeitgleich verschiedenste Ängste und Nöte, Versäumnisse und Disruptionen angeboten. Jeder Zuschauer wird intuitiv und individuell die Geschichten erkennen, die ihn betreffen. Unmöglich emotional allem gleichzeitig zu folgen. Doch das ist überhaupt nicht schlimm. Denn letztlich fordert uns das neu erschaffene Opernwerk auf, nicht in weihnachtlicher Demut und untertäniger Passivität zu versinken, sondern selbst aktiv zu werden und Grenzen zu sprengen – ganz im besten positiven und mitmenschlichen Sinne aller Religionen, Altersgruppen, Herkünfte etc.

Und seien wir mal ehrlich – und auch bitte diejenigen, die den Maßstab an der sakralen Darbietung anlegen: Nur selten wird das Gesamtwerk an einem Abend aufgeführt. Wenn doch, dann geht man meist trotz Bach-Meisterwerk erschöpft nach Hause. Die Opernaufführung hingegen ist so kurzweilig, dass die Zeit verfliegt und es danach jede Menge zu reflektieren und besprechen gibt. J.S. Bach, ja auch bekannt als flexibel und experimentierfreudig, wäre sicherlich sehr mit diesem Opern-Meisterwerk einverstanden gewesen.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Ein mutiges Konzept gibt neue Perspektiven

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Das Weihnachtsoratorium szenisch zu begleiten, und dann kein klassisches Krippenspiel o.Ä., sondern eine Übertragung in heutige Zeit – das ist mutig und bleibt längerfristig in Erinnerung, auch wenn nicht alles gelungen war.

Maria und Joseph suchen überall anklopfend last minute in einer anonymen Großstadt (schöne Bauhaus-Kulisse auf Drehbühne) ein Zimmer für die Geburt des kleinen Babys. Die hilfsbereiten Gastgeber sehen in dem Kind etwas Besonderes und bald sind viele Menschen in der Stadt unterwegs, um das Kind zu besehen. Die Sehnsucht nach Sinn und Erlösung, nach einem neuen Lebensinhalt wird deutlich. Das Ganze entgleitet in Reliquienverehrung und Geschäftemacherei. Und doch führt diese Gesellschaftskritik an Ende zu einer Lösung, zur alles bewältigenden Liebe, für die zum Schluss eine Demo mit Slogans auf Pappschildern einen parodistisch fröhlichen Ausklang bereitete.
In diese Szenerie bauten die Regisseurin und mehrere Mitwirkende eine große Zahl von kleinen symbolträchtigen Handlungen ein, zum Teil parallel laufend. Mir gelang es nicht, alle Vorgänge zu entschlüsseln, und manche der Ereignisse wirkten eher befremdlich, wie zum Beispiel das Öffnen einer Toilettentür, hinter der sich ein Bauarbeiter erleichterte und dem eine Rolle Toilettenpapier zugeworfen wurde.

Trotz allem: Respekt für dieses mutige Konzept!

Axel Kober präsentierte einen prall-vitalen Bach ohne große Differenzierung und mit hohem Tempo. Der laute Hall in einer Kirche sollte vielleicht nachgeahmt werden. Meiner mehr puristisch-transparenten Vorstellung der Bachmusik wurden nur die Abschnitte gerecht, während derer ein Streichquartett oder Solisten auf der Bühne musizierten. Trotz der überwiegend überzeugenden Stimmen gab es immer wieder Schwierigkeiten, im Takt der Musik zu bleiben. Ein Höhepunkt war einmal mehr die Leistung des Opernchores, der im zweiten Teil ohne Pause auf der Bühne hervorragend schauspielerte und durchgehend auswendig singen musste. Der musikalische Glanzpunkt schließlich war der Countertenor Terry Wey, dessen mit zartem klaren Klang gesungenen Arien eine zu Bach passende Ohrenweide waren.

Fazit: Das traditionelle Weihnachtsoratorium szenisch an unsere Lebenskultur und Lebensprobleme angepasst. Wenn das nicht zu kontroversen Reaktionen führte, wäre es langweilig.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

„Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Dr. Sassa von Roehl über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Ich kann mich als absoluten Bach-Fan bezeichnen. Wenn immer ich eine schwierige Aufgabe am Schreibtisch zu erledigen habe, höre ich dazu Musik von Bach. Seine Musik vermag es, wie keine andere meine Gedanken zu ordnen und zu strukturieren. Auch das Weihnachtsoratorium darf in keinem Jahr fehlen. Jeden Dezember lausche ich gerührt und andächtig mit meiner Familie dem erhabenen Werk und verlasse die Kirche in feierlicher und verzückter Stimmung. Auch zur Bescherung am Weihnachtsabend gehört das Oratorium dazu. Das Video auf der Seite der Deutschen Oper am Rhein versetzte mich in ähnlich Stimmung und ich war voller Vorfreude auf die Aufführung.

Doch die Übertragung des Geschehens von Christi Geburt in die profane Alltagssituation einer Stadtgesellschaft verlangte mir erst einmal einiges ab. Ich fühlte mich an das hastige, laute, enge und ziemlich unangenehme Treiben in der Düsseldorfer Altstadt erinnert, vor dem ich gerade mit ganz anderen Erwartungen ins Opernhaus geflohen war. Ich hatte große Schwierigkeiten mich auf das bunte, turbulente und für mich manchmal unverständliche Geschehen einzulassen. Getragen von den wunderbar vertrauten Melodien und den schönen Stimmen begann ich darüber nachzudenken, wie vielfältig die Reaktion auf die Nachricht des Erlösers auch heute wäre und wie relevant sie zu jeder Zeit ist. Und so konnte ich den Ansatz der „Szenen einer schlaflosen Nacht“ langsam nachvollziehen und in die Hoffnung auf eine bessere Welt einstimmen.

Kein Abend in der gewohnten Komfortzone des Weihnachtsoratoriums, aber spannend, mit sehr relevanten Denkanstößen und langanhaltenden Nachwirkungen.

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“.  Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Der Nussknacker – ein zauberhafter Ballettabend

Charlotte Kaup über die Premiere „Der Nussknacker“

Mit Vorfreude aber auch leichten Bedenken sah ich der Premiere des Nussknackers entgegen, insbesondere da mein Freund, welcher mich an diesem Abend begleiten sollte, klassische Ballettstücke und Rollenbilder mit besonders kritischem Auge betrachtet. Unsere Erwartungen wurden im positiven Sinne mehr als übertroffen.

Schon von der ersten Minute an war ich begeistert vom voluminösen Klang des endlich wieder voll besetzten Orchesters. Marie Jacquot dirigiert die bekannten Melodien mit viel Schwung und Leichtigkeit und lässt eine magisch vorweihnachtliche Stimmung aufkommen. An diesem Ballettabend passt einfach alles – angefangen vom kreativen Bühnenbild und den opulenten Kostümen bis hin zu der unglaublichen Energie der Tänzerinnen und Tänzer. Volpi haucht seiner Inszenierung eine große Portion Frische ein und bleibt gleichzeitig nah an der klassischen Vorlage. Auch streut er gekonnt Witz und Ironie, er spielt mit den Erwartungen und Rollen des klassischen Balletts. Man erkennt einen sympathischen Humor in vielen kleinen Szenen, der weder klamaukig noch überheblich ist und den feierlichen Charakter des Stückes gekonnt erhält.
In den Hauptrollen überzeugten Emilia Peredo Aguirre als anmutige Clara, Dukin Seo als Drosselmeier und Orazio di Bella als Nussknacker. Alle drei zeigen großartige Technik und viel Strahlkraft. Eventuell wären hier weitere, choreografisch noch anspruchsvollere Soli oder Duette möglich gewesen – in jedem Fall hätte ich gerne noch länger zugesehen.
Ein besonderes Highlight waren außerdem die Divertissements im zweiten Akt, welche von verschiedenen Choreografen gestaltet wurden und das Bewegungsrepertoire mit mehreren modernen Handschriften ergänzten.

Mein Fazit: Selten habe ich die Oper im Rhein so beseelt verlassen. Ich hoffe, dass es einem großen Publikum und insbesondere vielen Kindern ermöglicht wird dieses Stück zu sehen und Zugang zu dieser wunderbaren Kunstform zu finden.

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Bevor die junge Ärztin ihre Stelle in Mönchengladbach antrat, war sie als Ballettlehrerin im Hochschulsport tätig. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires. Durch ihre Teilnahme am Opernscout-Projekt entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für die Oper. Vor allem gefällt ihr als Scout die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Was will man mehr?

Markus Wendel über die Premiere „Der Nussknacker“

Alles beginnt wie eine Weihnachtserinnerung aus Kindertagen. Das Wohnzimmer ist abgeschlossen, durch die milchige Scheibe in der Tür erscheint die Silhouette des Weihnachtsbaums. Dahinter geschäftiges Treiben der Familie. Der Baum wird geschmückt, es wird angestoßen und Geschenke werden platziert.

Es dauert nur wenige Minuten, dann hat mich Demis Volpi’s Inszenierung von „Der Nussknacker“ gepackt. Erinnert an die eigene Kindheit rund um die Feiertage lehne ich mich entspannt zurück.
Es folgen zwei wunderbare Stunden mit vielen Ideen, einer kreativen Ausstattung und – einem seit langer Zeit endlich wieder voll besetzten Orchester. Die Dirigentin Marie Jacquot packt ordentlich zu. Von ruhig bis kraftvoll leitet sie das Orchester durch ein breites Spektrum von Emotionen.
Das Ballett-Ensemble wirkt wie aus einem Guss und zeigt große Spielfreude. Gerade in den lustigen Szenen spürt man dazu eine ganz wunderbare Leichtigkeit.
Einige der Tänze wurden von jungen Choreographinnen und Choreographen verantwortet. Wie ich finde absolut gelungen. Hier werden – nicht nur kostümlich – ganz besondere Ausrufezeichen gesetzt. An die Bilder der Leuchtkugeln, Rosen und Cupcakes werde ich mich wohl noch eine ganze Weile erinnern.
Und da sind wir an einem für mich ganz wesentlichen Punkt: An diesem Abend wird bewusst auf Experimente verzichtet. Eingängigkeit und Wohlfühlen ist angesagt. Zwei Dinge, die ich in den letzten Jahren regelmäßig vermisst habe beim Ballett am Rhein.

Mit einer großen Portion an Ohrwürmern geht es nach ca. 2 ½ Stunden wieder nach Hause. Und ich frage mich: Was will man eigentlich mehr? Mir fällt nichts ein – außer einem riesigen Dankeschön für einen wirklich gelungenen Abend.

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Demis Volpi lässt jetzt sogar die Türen tanzen…

Michael Langenberger über die Premiere „Der Nussknacker“

und die Mäuse, Schneeflocken, Blumen, Lichterkette, Cupcakes, natürlich auch die quirlige Familie – und natürlich die Titelfigur: DER NUSSKNACKER.

Der erste Akt bettet uns in das weihnachtliche Familienfest der Stahlbaums ein. Geschäftiges Treiben von Eltern, Kindern und Verwandten. Das Reale dabei, die körpersprachliche Rolle einer jeden Figur, gewiss etwas klischeehaft tanzend, doch vielleicht gerade deshalb, weil wir uns in verschiedensten Rollen selbst wiedererkennen – für uns als Zuschauer so leicht zugänglich.
Die Kinder tanzen Gummitwist und stillen ihre Neugier – es geht über Stühle und Tische. Die Erwachsenen reagieren mit abgestufter Wichtigkeit und Strenge. Natürlich darf ein Familienfoto nicht fehlen. Alleine die Aufstellungen und Posen dazu… exzeptionell!
Dann die Bescherung. Tochter Clara bekommt den hölzernen Nussknacker geschenkt, der in der Stille der Nacht (als ferngesteuerte Figur) plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Clara, die heimlich aufgestanden in der Nacht, dann plötzlich der menschgewordenen Figur begegnet, beginnt leichtfüßig die tänzerische Annäherung zu dem unbeholfen und sich geradezu hölzern bewegenden Nussknacker.

Schon bis hier hin ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus. Unglaublich viele Details im Bühnenbild, die tänzerische Aufteilung der gesamten Bühne, die z.T. heimeligen Lichteffekte – als Zuschauer ist man im Geschehen regelrecht gefangen. Schon zur Pause gibt es tosenden Applaus und die Sehnsucht darauf, dass es im zweiten Teil so weiter gehen möge.
Doch im zweiten Akt geht es dann erst mal so richtig los! In einem Feuerwerk verschiedener Tänzergruppen – s.g. Divertissements – begleiten Clara dabei, aus dem staksigen Nussknacker einen ebenbürtig anmutig tanzenden Partner zu machen. Jedes Divertissement hält spezifische Überraschungen bereit, wie z.B. die Schneeflocken, die verträumt säuselnd zu Boden gehen oder den Nachtlichtern (nur auf dem Kopf getragene Lichterketten, die die ansonsten ganz schwarz gekleideten Tänzer nahezu unsichtbar halten), die aus dem Nichts heraus erscheinen und wieder verschwinden und dazwischen eine Art Choreografie beleuchteter Köpfe darbieten. Dabei, wie auch mit dem Tanz der Blumen, der ausschließlich die Bewegungswirkung der Gruppe und nicht das herausstellen einzelner Tänzer im Sinne hat, reißen uns die Akteure geradezu ins Entzücken.
Neben den Ideen und der Umsetzung der tänzerisch choreografischen Meisterleistung verdienen sich die Akteure hinter den Kulissen mit einer, wenn man so will choreografischen Meisterleistung eines unglaublich dynamischen Bühnenbildes und der dazugehörigen Lichtkunst ein großes Kompliment. Ob die ferngesteuerten Mäuse oder die mittanzenden Türen – das Bühnenbild spielt dynamisch mit. Subtil – man merkt es anfangs kaum – und gleichzeitig clever lassen die unterschiedlichen Größen der Türen, je mit unterschiedlich hoch angebrachten Türklinken die Tänzer auf der Bühne entsprechend ihrer Rolle als eher groß bzw. klein erscheinen. Die ganze Trickkiste der perspektivischen Bühnenbau-Künste.

Alles wäre nichts, wenn nicht die jetzt wieder vollständig besetzten Düsseldorfer Symphoniker unter der musikalischen Leitung von Marie Jacquot Tschaikowskys Klangwerk so frisch und mit großer Leichtigkeit aufgespielt hätten.
Wen wundert es dann, dass allen Akteuren mit tosendem Beifall, Standing-Ovation und Bravo-Rufen allen Akteuren für diesen großartigen Ballettabend gedankt wurde?

Ich persönlich denke jedes Mal nach einer Premiere seit Demis Volpis Einführung in das Amt des Ballettdirektors und Chefchoreografen: Mehr geht nicht! Doch mit jeder nächsten Premiere werde ich erneut von dem Ideenreichtum, aber auch seinem künstlerischen Mut und Können überrascht, wie er uns Publikum mit seiner Compagnie verzaubert – …setzt Demis Volpi immer noch eins drauf! Aus meiner Sicht schafft er neue Dimensionen des Balletttanzes – oder besser, er zieht alle Register in Sachen Balletttanzstile und verbindet diese. Das macht seine Idee von Tanz und Ballett auch zugänglich für Junge und Jüngste und wegen seiner Vielfalt reizvoll für das tanzerfahrene Publikum. Ich meine: Das ist ein neuer Maßstab für Ballett. So geht Ballett heute!

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Ballett – Der Nussknacker

Karolina Wais über die Premiere „Der Nussknacker“

Ein absolut hörenswertes und sehenswertes Stück, auch für Kinder.

Das Bühnenbild ist riesig: riesige Türen, riesiger Tannenbaum, ein Schattenspiel zu Anfang. Das Alles und das nach so langer Zeit wieder in vollständiger Besetzung spielende Düsseldorfer Symphoniker, nehmen den Zuschauer von Anfang an auf eine fantastische Reise mit.
Die Kostüme sind fabelhaft. Die einzelnen Familienmitglieder sind zum Beispiel durch farbliche Details auch als Mäuse erkennbar. Der beim Tanz wirbelnde Mantel vom Drosselbart unterstreicht seine magische Figur. Es tanzen Schneeflocken, Blumen, die Lichterkette vom Weihnachtsbaum, Muffins und Kuchen in so bezaubernden Kostümen, dass immer wieder ein Staunen im Publikum zu hören ist.
Die Choreographie ist ebenfalls bezaubernd und empfängt zwischen den einzelnen Sequenzen Applaus. Mit welch kindlicher Freude Clara, mit welcher Leichtigkeit und Anmut Claras Mutter und wie holzig der Nussknacker tanzen, ist eindrucksvoll und imponierend. Zudem sind zahlreiche Gags (der Vater trägt zum Beispiel eine Brille) in das Stück eingearbeitet, so dass es ein wunderschöner und leichter Ballettabend für die ganze Familie werden kann.
Dunkin Seo (Drosselbart) und Orazio Di Bella (Nussknacker) haben übrigens eine starke Bühnenpräsenz. Ich erkenne sie nämlich aus anderen Stücken wieder, weil sie scheinbar einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben.

Am Ende bedankt sich das Publikum mit Standing Ovations für diese fantastische Vorstellung und das völlig zu Recht. Vielen Dank

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Ein grandioses Spektakel!

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „Der Nussknacker“

Selten bin ich so beschwingt von einem Ballettabend nach Hause gekommen. Das war ein gelungenes Feuerwerk von Ideen – doch der Reihe nach:

Es beginnt mit der großartigen Interpretation der Musik von Tschaikowsky durch Marie Jacquot mit unseren Symphonikern, nicht schwer-romantisch sondern leicht und freudig klingt es, aber auch mit Verve und Nachdruck da wo es notwendig ist. Auch am zweiten Aufführungsabend, dem ich beiwohnte, gab es Extra-Applaus für die Dirigentin.

Die Choreographie von Demis Volpi mit Beteiligung Jüngerer für einige Szenen war eine Mischung klassischer und „moderner“ Bewegungen. Jede Hauptperson hatte einen eigenen Tanzstil, eine eigene Tanzsprache. Das Märchen wurde als Erwachsenwerdung des Mädchens Clara durch die Beziehung mit dem zu Weihnachten geschenkten Nussknacker interpretiert.
Die steif-puppenartigen Bewegungen des Nussknackers waren perfekt, auch der Übergang zum lebendigen Mann nach Erweckung durch Clara war überzeugend gespielt. Clara tanzte kindlich-naiv, später fraulich-schön. Die Bewegungen des Paten Drosselmeiers visualisierten überzeugend seine übernormalen Fähigkeiten. Claras Bruder Fritz wurde als frecher Lausbub präsentiert, mit toller Spielfreude und Körperbeherrschung. Die Kostüme aller Tanzenden waren stimmig und zum Teil fantasievoll, das Licht hervorragend und die Bühne mit den beweglichen Türen und Zimmerwänden ein überzeugendes Konzept.
Letztlich begeisterte sich das Publikum an einer Vielzahl von Regie- und Choreografie-Einfällen. Dazu gehörten die erste Szene vor dem noch verschlossenen Weihnachtszimmer mit Tanzen über das bei Kindern übliche gespannte Gummiband, getanzte Wangenküsse, die in immer neuen Aufstellungen erfolgten Fotos der Weihnachtsfeierrunde (perfekt auf die Musik abgestimmt), der Übergang vom Blumentanz zur Dekoration des Tisches mit Blumen oder das Einfrieren aller Bewegungen am Frühstückstisch im Schlussbild. Der Fantasie freien Lauf lies die Choreographie bei den verschiedenen Tänzen in der Traumphase (oder pubertären Neuorientierung). Der Tanz der Mäuse hatte unglaubliche Bewegungen. Der Tanz der Schneeflocken war noch etwas konventionell, dann aber Schwarzes Theater auf dunkler Bühne mit sich bewegenden Lichterkugeln (um die Köpfe der dunkel gekleideten Tanzenden), die tanzenden Türen der Kulisse, der Tanz von Cupcakes (passend geformte Röcke, in welche die Tänzerinnen versinken konnten) und dann der erotische Tanz der Blumen, zum Schluss als Blumenbeet mit sich zu Clara neigenden Blumen. Ich war fasziniert und von dem Geschehen auf der Bühne gefangen genommen.

Fazit: Zur Weihnachtszeit nehme ich für einen zweiten Besuch die ganze Familie mit, dann spielt das Ballett in Duisburg.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

„Der Nussknacker“ als Augenschmaus

Helma Kremer über die Pemiere „Der Nussknacker“

Mit Tschaikowsky bin ich aufgewachsen und kenne jede Melodie des Nussknackers, eine Inszenierung dieses Stücks habe ich jedoch noch nie gesehen. Und eigentlich bin ich nun wirklich kein Fan von klassischen Handlungsballetten  und – nicht nur, aber auch deswegen – eine große Anhängerin von Martin Schläpfer. Gespannt bin ich vor allem, weil es für mich die erste Aufführung von Demis Volpi ist. Meine Erwartungen sind also gemischt. Doch sie werden in beinahe jeder Hinsicht übertroffen und ich kann die   jubelnde Begeisterung des Premierenpublikums teilen.

Diese Inszenierung ist perfekt: Sie zerstreut auf das angenehmste, ist verspielt und kurzweilig, ohne jedoch oberflächlich zu wirken. Das ist Storytelling at it’s best! Ich kann mich an keine Aufführung der DOR erinnern, bei der die Zeit so schnell verstrich. Auch die Gewerke – Bühnenbild und Kostüme – harmonisieren bis ins kleinste Detail. Wir erleben klassisches Handlungsballett in einer wunderschönen Kulisse, mit viel Kreativität und einer guten Portion Humor umgesetzt. Dabei kommen auch psychologische Aspekte nicht zu kurz und, insbesondere im ersten Akt, einige Gruseleffekte, die E.T.A Hoffmann ihre Referenz erweisen. Fürs Gruseln zuständig ist  zum einen der Pate Drosselmeier, der schon in seiner Aufmachung eher an einen bösen Zauberer oder einen Dämon als an einen lieben Onkel erinnert. Aber auch die Darstellung der Mäuse als Alter Egos der kompletten Familie, die nach dem augenscheinlich so harmonischen Weihnachtsfest in Claras Welt eindringt und sie bedroht, hinterlassen einen nachdrücklichen Eindruck und beschwören die Schattenseiten herauf, die ein solches Familienfests zwangsläufig mit sich bringt, wenn die familiären Beziehungen in Wahrheit nicht ganz so harmonisch sind. Auch im zweiten Akt werden die schönen Bilder immer wieder durch Eingriffe des Paten Drosselmeier in Claras Entwicklung bzw. in die Entwicklung ihres Verliebtseins gestört. „Übergriffig“ ist das Wort, das mir hierzu einfällt. Dennoch überwiegt in diesem zweiten Akt der Eindruck von Leichtigkeit. Höhepunkte sind für mich der Blumenwalzer als Tanz der Rosenblüten sowie der Tanz der Cupcakes. In ihren schönen Bildern erinnert mich die Inszenierung, ganz besonders die Cupcake-Szene, an Sophia Coppolas Film „Marie Antoinette“, und hier vor allem an die „I want candy“-Szene. (Der Film gewann den Oscar für das beste Kostümdesign.)

Ich bin schon gespannt auf die nächste Inszenierung von Demis Volpi, denn die anderen Opern- und Ballettscouts versichern mir „Er kann auch anders“.

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt Düsseldorf.

Feuerwerk der fantasievollen Ideen

Dr. Sassa von Roehl über die Premiere „Der Nussknacker“

Mit dem „Nussknacker“ verband ich klassisches Ballett, wie ich es schon in meiner Kindheit kennengelernt hatte. Ich war natürlich gespannt, was Demis Volpi aus diesem Stoff machen würde.

Meine Erwartungen wurden weit übertroffen!
Die Premiere am Samstag entführte mich in eine ideensprühende Zauberwelt, in der ich vor lauter Begeisterung Zeit und Raum um mich herum vergaß, Zu Tschaikovskys vertrauten Melodien entfaltete sich ein bunter Bilderbogen mit vielfältigen Tanzdarbietungen, mit beeindruckenden Kostümen und einem märchenhaften Bühnenbild. Besonders gut gefielen mir die Divertissements, wie der Tanz der Mäuse, der Cupcakes, der Blumen, der Lichterketten und auch die Fotosession der Familie. Es ergaben sich immer wieder überraschende Konstellationen, wie ich sie auch als eifrige Ballettbesucherin noch nie gesehen habe.
Demis Volpi ist es mit der Einbeziehung junger Choreographen gelungen, einen frischen und nicht allzu ernsten Blick auf die Geschichte des Erwachsenwerdens von Clara zu werfen. Trotzdem bleibt genug Seriosität, um Claras Aufbegehren gegen die Mutter und ihre beginnenden Liebesgefühle für einen Mann in Gestalt des Nussknackers gut nachvollziehen zu können.

Ich werde die Aufführung noch einmal besuchen, um noch mehr Details zu entdecken. Das kam bei einem Ballett noch nie vor!

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“.  Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Mit Mozart im Wald

Benedikt Stahl über die Premiere „La clemenza di Tito“

Oje, mittlerweile sind drei Wochen vergangen seit ich in Mozarts „La Clemenza di Tito“ war und der Text dazu ist immer noch nicht geschrieben. Leider hat mir persönlich aber auch die Aufführung nicht so sehr gefallen und was soll man da schon sagen? Beim Waldspaziergang in der goldenen Herbstsonne, flüstert Mozart mir zu, es vielleicht mal mit dem zu versuchen, was gut war. Und ist. Der Schlingel.


Gut war und ist: die Musik! Und außerdem – soviel ich als Nichtmusiker davon verstehe – wunderbar gespielt und gesungen von den Düsseldorfer Symphonikern, dem Chor der Oper und allen Sängerinnen und Sängern! Das bekommt zu Recht viel Beifall.
Gut war und ist: das Drama! Eigentlich hochaktuell, wie sich die politische Elite (und eigentlich alle) in einer Mischung aus Eifersucht, Neid, Angst, Machtbesessenheit und Missgunst mordlüstern verfolgt. Am besten spielt man das als eindringliche Mahnung vor Sondierungs- und Koalitionsgesprächen – obwohl, nein, aus denen scheint ja auch ohne Oper etwas zu werden. Dann vielleicht vor der kommenden Vereidigung der nächsten Bundesregierung. Mozart hätte da etwas mitzugeben, das nachklingt.
Gut war und ist: dass, wenn die gezeigten Bilder irgendwie nicht mit den inneren übereinstimmen, man ganz einfach die Augen schließen und sich zum Beispiel eine wunderbare weite und weiße Treppe vorstellen kann, auf der sich die Protagonisten, ähnlich wie auf Raffaels Fresko der Schule von Athen einfinden, um dort das Leben zu spielen.
Gut war und ist: die Oper überhaupt! Erst recht, wenn man es aufgrund einer Fahrradpanne gerade noch zur letzten Minute schafft und sich dann darüber freut, endlich wieder einmal eine richtige Oper zu sehen.

Gut war und ist: immer irgendwas!

Danke Herr Mozart fürs Flüstern und Danke Oper Düsseldorf für die Einladung!

Benedikt Stahl

Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle Komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

…am Ende alle Fragen offen…

Michael Langenberger zur Premiere „La clemenza di Tito“

Mozart-Oper – alles klar, sollte man denken. Allerdings mit „La clemenza di Tito” verhält es sich ein wenig anders. Doch von Anfang: Also, zeitgleich mit der Zauberflöte komponierte Mozart eine Auftragsoper zur Krönung Kaiser Leopolds II. zum König von Böhmen. Allerdings entstand das Werk in Rekordzeit von um die 3 Wochen. Nicht viel Zeit also zur Komposition vieler Arien, zumal sich der kränkelnde Komponist nahezu zeitgleich auch noch um das berühmte Klarinettenkonzert und das Requiem kümmern musste. Stattdessen erleben wir reichlich Rezitative. 

Das Stück dreht sich darum, wie aus dem blutrünstigen militärischen Oberbefehlshaber Titus ein “idealer Herrscher” römischer Kaiser wurde, wie uns Historiker wissen lassen. Intrigante Freund- und Liebschaften, denen er zu Opfer fallen soll, entgeht er durch Zufall und steht nun vor der Frage, wie er mit dem Hochverrat umgehen soll.
Erst deutlich nach der Aufführung wird mir klar, was Mozart hier mit uns Zuschauern macht. In unserer Opern-Scout-Runde nach der Aufführung gibt es wie immer unterschiedliche Meinungen. Mehrheitlich, auch ich, sind wir der Meinung, dass uns das Stück emotional nicht besonders berührt hat. Andererseits gibt es klare Meinungen, wie man mit dem Hochverrat umgehen muss.
Ich stimme diesbezüglich der Inszenierung von Michael Schulz mit seinem eigentlich nicht ganz werktreuen Ende nicht zu. Meiner Meinung nach widerspricht die Schlussinszenierung dem, was möglicherweise Mozarts Anliegen war, nämlich bei der Inthronisierung Leopolds II., auf die Kraft der Vergebung und damit auf eine gesellschaftliche Weiterentwicklung hinzuweisen. Vergessen wir nicht, wie stark Mozart in den letzten Monaten vor seinem Tod die fünf Ideale (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität) der Freimaurer, deren Mitglied er war, z.B. auch in der Zauberflöte, versucht hat den Menschen näher zu bringen.
Anders herum, und noch einmal mit vielen Stunden Abstand, wird mir erst klar, wie emotional uns das Stück doch berührt hat – wir uns zu einem spontanen Urteil haben hinreißen zu lassen. Mozart fordert uns mit unserer Haltung heraus: Wie wären wir mit Titus Situation umgegangen…? Würden wir das spontane Urteil zum Hochverrat damals, bezogen auf einen Hochverrat in der heutigen Zeit genauso fällen? In sofern ist diese Oper, wie uns das wahre Leben der letzten Monate und Jahre zeigen, hochpolitisch, brandaktuell und in diesem Sinne vielleicht immer mal eine Erinnerung daran, sich selbst zu täglichen Umgangsformen und Konsequenzen zu hinterfragen.

Die Oper an sich ist wenig spektakulär. Man mag mich Lügen strafen, doch eine der schönsten der wenigen Arien (“Ah, perdona primo affetto”) bedient sich m.E. reichlich beim Thema der Händel- Oper “Alcina”. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb, ein wahrer Genuss, genauso wie auch durchweg alle Choreinlagen. Wie immer singen die Chormitglieder nicht nur brillant, sondern spielen ihre Rollen als Darsteller in dieser Inszenierung, die mit wenig Schauspiel und dynamischen Bühnenbildern u.v.a.m., den sonst so Mozart-typischen Attraktionen, auskommen muss. Es zeigt sich wieder einmal, wie toll die Besetzungscouch im eigenen Hause der Deutschen Oper am Rhein bestückt ist. Alle Solisten brillieren in ihren Rollen, kommen allerdings, weil es eben vergleichsweise wenige große Arien gibt, nur unterschiedlich zu Geltung. So wundert es auch nicht, dass die beiden männlichen Solisten eher etwas zurückzufallen scheinen. Doch wie könnte einen das auch wundern, wenn vier so starke Frauenstimmen, zumal auch noch mit melodiösen Arien gesegnet, den Schwerpunkt des Klangteppichs liefern? …eben dem Werke geschuldet.
Endlich mal wieder ein ganz normaler Opernabend, mit Halbzeitpause! Dafür, dass „La clemenza di Tito“ vergleichsweise statisch und Rezitative eher zu ermüdenden Handlungslängen führen, bin ich selbst überrascht, wie kurzweilig und leicht die rund 2 3/4 Stunden verfliegen. Auch in dieser Hinsicht überrascht mich das Werk. 

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

La clemenza di Tito

Stefanie Hüber über die Premiere „La clemenza di Tito“

Nachdem der Premierenbesuch von “Geschlossene Spiele“ nur 7 Tage vorher mich durch seine Vielfalt sowohl musikalisch als auch visuell sehr begeistert hat, empfand ich die Aufführung von „La clemenza di Tito“ als Gegenpol recht reizarm.

Das lag einmal an der Handlung, die recht simpel gestrickt war, als auch an den vertrauten Mozartklängen. Beides, sowohl Handlung als auch  Musik, haben mich nicht überzeugt und ich finde , dass diese Oper zu Recht zu einer von Mozarts schwächeren gehört.
Gesanglich begeisterte mich vor allem Sarah Ferede. Auch Maria Kataevas Mezzosopran gefiel mir sehr, allerdings hatte sie zeitweise mit Intonationsproblemen zu kämpfen.
Bühnenbild und Kostüme bestanden aus vielen nicht gelungenen Stilbrüchen, Dadurch wirkte beides überfrachtet.
Zwischendurch gab es durchaus Szenen, in denen die Oper in Schwung kam, vor allem wenn der Opernchor in Szene trat. Jedoch flachte die Handlung immer wieder ab, so dass ich mich stellenweise langweilte.
Die Klarinettensoli auf der Bühne waren zwar schön gespielt ,jedoch wirkten die beiden Musiker seltsam deplatziert, als wären sie ungewollt auf die Bühne gezerrt worden.

Nach dem trotzdem lange anhaltenden Schlussapplaus verließ ich, von der Choreographie enttäuscht, jedoch musikalisch versöhnt den Zuschauerraum.

Stefanie Hüber

Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Endlich wieder Oper!

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „La clemenza di Tito“

Nach langer Wartezeit endlich wieder Oper! Mit schwerem klassisch-roten Samtvorhang und roten Polstern: die Premiere von La Clemenza di Tito.

Schon mit den ersten Klängen der Ouvertüre wurde klar, hier dirigiert jemand (Marie Jacquot) mit der Fähigkeit, Mozart Frische, Dynamik und Transparenz zu verleihen. Das war ein Genuss, wo es doch so schwierig ist, Mozart ohne ausgeleierte Melodien zu spielen.
Dann kam das Stirnrunzeln. Das Bühnenbild war trotz der praktischen zwei Ebenen mit vielen Türen wenig ansprechend – unzählige senkrechte und waagerechte Eisenstreben störten die visuelle Wahrnehmung der Protagonisten, die in modernen und nicht überzeugenden Kostümen auftraten. Dafür war die Personenregie und das Schauspielen der Sänger ein schöner Ausgleich.
Mozarts letzte Oper hat viele schöne Musik, aber auch lange Phasen mit Sprechgesang. Die Stimmen waren sehr gut gewählt, nur der Kaiser Titus (Jussi Myllys) fiel etwas ab. Am besten gefiel mir Heidi Elisabeth Meier mit ihrer klaren und Mozart-haft weichen Stimme. Höhepunkte waren neben wenigen Arien die Szenen mit dem wieder eindrucksvollen Chor. So wirkte das Klagen über den vermeintlichen Tod des Kaisers am Ende des ersten Aktes auf mich beklemmend schön.
In seiner Inszenierung hatte sich Michael Schulz einen vom Libretto abweichenden Schluss einfallen lassen, der zwar nicht zum erwarteten schönen Ausklang à la Hollywood führte, aber eine politisch-realistische Note auf die Bühne brachte. Mehr sei nicht verraten.

Fazit: Eine letztlich ernste Oper, die dank Mozart, der Dirigentin, dem Chor und den passenden Stimmen einen sehr belebenden Abend bewirkte.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

„Geschlossene Spiele“ von Demis Volpi

Stefanie Hüber über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Das war die erste Choreographie von Demis Volpi, die ich zu sehen bekommen habe und ich bin schon jetzt ein Riesenfan von ihm.
Dabei hat er es in Düsseldorf wirklich nicht leicht , da er als Nachfolger von Martin Schläpfer in riesige Fußstapfen tritt.

Das Handlungsballett basiert auf einem Theaterstück von Julio Cortazar und spielt irgendwann im Zeitraum der argentinischen Militärdiktatur. Demis Volpi, selbst Argentinier ,ist noch zu jung , um von dieser Ära persönlich etwas mitbekommen zu haben, dennoch wird sie ihn indirekt geprägt haben.
Da ich die Schauspielvorlage nicht kenne, ist das Ballettstück für mich schwer interpretierbar, zudem auf der Bühne auch dadurch, das immer mehr Protagonisten erscheinen und auch bleiben, mehrere Handlungsstränge parallel ablaufen.
Jeder Tänzer hat einen individuellen Tanz-und Bewegungsstil und auch die Kostüme unterscheiden sich völlig voneinander. Die einzelnen Charaktere werden persifliert und in völlig übertriebenen Bewegungen dargestellt.
Die für mich zentrale Figur, der Richter, wird von einem sehr grossen und blonden Tänzer getanzt und hat ein sehr charismatisches Auftreten. Sein Aussehen erweckt sofort bei mir die Assoziation zum Naziregime. Er trägt zwar keine Uniform, aber bewegt sich zeitweise trotzdem im Stechschritt. Passend zu der Tatsache ,dass er über Leben und Tod richtet, gibt es eine Szene ,in der er stark zitternd auf seinem Stuhl sitzt, was mich an die Hinrichtung auf einem elektrischen Stuhl erinnert.

Keiner der Charaktere ist unwichtig und wirkt als Statist oder untergeordnet; und so ausgewogen ist auch der Schlussapplaus , der jeden  der hervorragendenTänzer, die auch  schauspielerisch eine hervorragende Leistung geliefert haben, fast gleich euphorisch beklatscht.

Stefanie Hüber

Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.