Heike Stehr über „Don Carlo“

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Zwischen Sehnsucht und Pflicht

Ein Samstagabend im Juni in der Oper in Duisburg am Rhein, „Don Carlo“ stand auf dem Programm. Verdis düsterste Oper … hatte ich irgendwo gelesen, aber in der Inszenierung von Guy Joosten strahlte zunächst einmal das Bühnenbild, eine Adaption des Renaissancepalastes „dei Diamanti“ von Ferrara. Die Räume veränderten sich ständig, die Wände schwebten hinein oder heraus, sie wurden glänzend oder gaben Durchblicke frei, die Farben changierten, das Licht spielte mit … das war optisch sehr reizvoll vom Bühnenbildner Alfons Flores arrangiert. Die Kostüme verwirrten mich ein bisschen … zwischen historisch und modern war das ausgestattet, irgendwie unentschieden und ich erkannte darin kein Konzept außer „schön anzusehen“.
Dabei wollte Guiseppe Verdi, der keine andere seiner Opern so häufig verändert, gekürzt und neu gefasst hat wie diese, garantiert viel mehr. Der Stoff handelt von Freiheit und Freundschaft, von Liebe und Verzicht, von Verrat, Eifersucht und einer gestörten Beziehung zwischen Vater und Sohn auf der menschlichen und von Staat, Politik, Kirche und Inquisition auf der politischen Ebene. Die beiden Ebenen sind durch private und politische Intrigen durchaus spannend verknüpft und auch der Fakt, dass schon Verdi drei verschiedene Schlussfassungen lieferte zeigt, die Komplexität des Themas.

Die Musik stellte das absolute Highlight des Abends dar, ausdrucks- und stimmungsstark, die Personen fein charakterisierend, inhaltliche Zusammenhänge über die Melodien unterstützend, das Geschehen tragend. Die Duisburger Philharmoniker unter Lukas Beikircher gaben, sich selbst passend zurückhaltend, den Sängern genug Raum an den richtigen Stellen und spielten dennoch präsent und den verdischen Kosmos ausfüllend. Dazu kamen die starken Stimmen der Solisten, von denen mir Gianluca Terranova und Celine Byrne am meisten im Gedächtnis blieben. Besonders ihr Abschiedsduett ging mir musikalisch unter die Haut: „Wir sehen uns wieder in einer besseren Welt, schon schlägt für uns die erste Stunde der Ewigkeit …“
Der musikalisch überzeugende Abend ließ mich regietechnisch gesehen allerdings mit einigen Fragen zurück. Zum Glück waren wir in der Einführung und hörten dort, dass Guy Joosten den historisch belegten Fakt, dass der Infant von Spanien geistig eingeschränkt war, in die Person des Don Carlos einfließen lässt. So ließen sich die Brüche in Gianluca Terranovas Interpretation der Figur gedanklich integrieren, erzeugten andererseits aber auch den Zweifel in mir, ob dieser Carlos Flandern jemals würde retten können, und nahmen dem Stück damit von seiner politischen Dimension. „Der Fokus liegt auf der privaten Geschichte“ sagt der Regisseur im Interview und das fand ich schade. Denn wie sich bei Verdi Mächtige, Liebende und Freiheitsliebende einer allmächtigen und gefährlichen verführerischen religiösen Kraft, in diesem Falle der Inquisition, beugen müssen, das hat Potential und eine Aktualität, die mir in dieser Inszenierung zu wenig ausgelotet wurde. Das Autodafé empfand ich als aussageschwächste Szene. Religiöser Fanatismus und falsche Ideale, eine stets tödlich drohende geistliche Macht … da wäre mehr drin gewesen.
Andererseits haben mich die „private Geschichte“ und deren Umsetzung durchaus in ihren Bann gezogen. Die menschlichen Verstrickungen und Ränke, das Wanken zwischen den eigenen Wünschen und der Pflicht, zwischen dem Freiheitsideal und dem Taktieren, zwischen Sehnsucht nach Freundschaft und Herrschersein hat die Inszenierung mir durchaus glaubhaft und ergreifend vermittelt und mich damit gut und kurzweilig unterhalten.

Weitere Informationen zu „Don Carlo“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.

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Stephanie Küthe über „Don Carlo“

Was für ein grandioser Opernabend!

Regisseur Guy Joosten hat ein modernes, packendes Familiendrama inszeniert, wie es heute nicht besser geschrieben werden könnte. Dass bei ihm die private Tragödie im Mittelpunkt steht, zeigt schon das Bühnenbild: Ort der Inszenierung sind ausschließlich die vermeintlich privaten Schlafzimmer der Protagonisten, wo jedoch Hofstaat und Inquisition ein- und ausgehen. Und auch die prunkvollen goldenen Palastwände, die immer wieder transparent werden, bieten keine Privatsphäre – eindrucksvoll, wie Joosten das Scheitern von Elisabettas und Carlos Liebe an der Kontrolle des Staates und der Kirche auf allen Ebenen darstellt.
Dass die Geschichte so berührt und fesselt, liegt vor allem an der schauspielerischen Leistung der Darsteller, allen voran Gianluca Terranova in der Titelpartie. Aber auch musikalisch überzeugten an diesem Abend ausnahmslos Alle. Celine Byrne als Elisabeth zieht den Zuhörer vor allem mit ihren leisen Tönen ganz in ihren Bann und auch Bogdan Baciu beeindruckt als Posa, um nur zwei Sänger aus einer durchweg phantastischen Besetzung zu nennen. Auch Chor und Orchester brillierten in gewohnter Präzision, unter der musikalischen Gesamtleitung von Lukas Beikircher.
Am Ende gab es stehende Ovationen – zu Recht!

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Stephanie Küthe
Tätig im Eventmanagement eines Energiekonzerns
Seit ihrer Kindheit begeistert sich Stephanie Küthe für das Musiktheater, sang im Kinderchor der Bonner Oper und stand jahrelang in verschiedensten Produktionen selbst auf der Bühne. Die Diplom-Kauffrau und Musikwissenschaftlerin singt heute wieder mit Begeisterung im Chor und verpasst keine Inszenierung der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout freut sie Sich darauf, ihre Gedanken zu Inszenierungen in Worte zu fassen und andere mit ihrer Begeisterung anstecken zu können. Ganz besonders gespannt ist sie dabei auf den Austausch mit anderen Opern- und Ballettscouts.

Martin Breil über „Don Carlo“

Armer Don Carlo….

Das Schöne an der Oper ist, dass man dort Geschichten erlebt, die es sonst nirgendwo gibt.
Stellen Sie sich vor, ihr Sohn liebt ihre Frau, mit der Sie in dritter Ehe verheiratet sind. Oder, andersherum, die (Stief-) Mutter ist in ihren Sohn verliebt, obwohl Sie mit dessen Vater verheiratet ist. Oder, Sie als Sohn, müssten Ihren Vater ermorden, um Ihre „Mutter“ für sich zu erobern… Unglaublich !
Don Carlo, Sohn des spanischen Königs Philipp II., weiß nicht mehr ein noch aus. Er liebt Elisabetta, Prinzessin von Frankreich, die ihm versprochen wurde und nun mit seinem Vater verheiratet ist. Sein einziger Freund Rodrigo di Posa, ein von Carlos Vater unterdrückter Freiheitskämpfer, hält zu ihm.
Giuseppe Verdi hat nach der Vorlage von Friedrich Schiller mit „Don Carlo“ ein großartiges Drama über das Freiheits- und Unabhängigkeitsstreben sowohl politisch als auch aus Staatsräson unterdrückter Individuen geschaffen.
Am Anfang wirkt die Oper sehr statisch und wenig handlungsbetont. Aber Verdi versteht es, die Gefühle und Emotionen der verschiedenen Individuen mit ihren Ängsten und Nöten musikalisch derart treffend zum Ausdruck zu bringen, dass es für ihn keines großen Bühnenspektakels bedarf, um sein Publikum zu fesseln.
Das Bühnenbild besticht zunächst aufgrund seiner goldenen Wände, die sich, streng orthogonal angeordnet, im Laufe des Abends, von intimen Gemächern, zu einem Richtplatz und schließlich in ein Königsgrab verwandeln.
Die Soli, Duette, Terzette und Quartette sind so ausdrucksstark, dass es genügt, mit dem Bühnenbild Stimmungen optisch nur anzudeuten. Celine Byrne als Elisabetta beeindruckt mich dabei stimmlich am meisten. Das gesamte Ensemble und die Duisburger Philharmoniker beweisen an diesem Abend während der dreistündigen Vorstellung wieder einmal große Klasse.

Diese Inszenierung ist emotional noch stärker als „Aida“, das Bühnenbild schlichter, aber dadurch inspirierender, ich kann sie sehr empfehlen- aber Vorsicht, anspruchsvoll und anstrengend!

Weitere Informationen zu „Don Carlo“

Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

Kathrin Pilger über b.31

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburgb.31  SH-Boom  ch.: Lightfoot/Leon
Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg b.31 SH-Boom ch.: Lightfoot/Leon

Auf die Spitze getrieben

In seinem jüngsten Meisterwerk hat Martin Schläpfer in gewohnter Qualität erneut drei ganz unterschiedliche Stoffe verwoben: Den Auftakt des Abends machte das Stück „Obelisco“, eine „eigene Wiederaufnahme“ von 2007, damals für das ballettmainz choreografiert, hier jedoch in gänzlich neuem Gewand präsentiert. Zu einem musikalischen Stilmix, wie er gewagter nicht sein könnte (von Marla Glen bis Wolfgang Amadeus Mozart), bewegen sich die Tänzerinnen und Tänzer mit teils großen Gesten. Die Geschlechter sind optisch nur schwer zu unterscheiden, tragen doch Männer und Frauen identische Kostüme. Das Ganze wird auf die Spitze getrieben angesichts der in hochhackigen Damenschuhen tanzenden Männer.
Das zweite Stück, „Adagio Hammerklavier“, ein Klassiker von Hans van Manen, führt den Zuschauer vermeintlich zurück in die Welt des klassischen Balletts. Drei Paare, die Damen in hellblauen Tüllkleidern und mit Spitzenschuhen, die Herren in gerippten Leggings, die an winterliche Unterhosen erinnern, und mit freiem Oberkörper schweben gleichsam über die Bühne. Dazu erklingt das Adagio aus Beethovens Hammerklaviersonate in ungewohnter, pointiert bedächtiger Langsamkeit. Fast fühlt man sich an Filmaufnahmen in Zeitlupe erinnert; das Zuschauen ist sehr entspannt.
Völlig anders, nämlich eine eher angespannte Aufmerksamkeit erzeugend, ist die Wirkung des dritten Stückes, „SH-BOOM!“ der am Nederlands Dans Theater tätigen Choreografen Sol León und Paul Lightfoot. Zu Beginn ist nur ein Mann im schwarzen Anzug im Scheinwerferlicht am Rand der Bühne zu sehen. Im immer gleichen Muster vollführt er Schritte, vor und zurück. Dabei lächelt er gekünstelt aus seinem weiß geschminkten Gesicht. Später ist die Bühne gefüllt mit Menschen in merkwürdiger Kleidung: Die Damen tragen uniformähnliche braune Kleider; einige Herren treten in Unterwäsche mit Kniestrümpfen auf, bei anderen gibt es noch ein offenes Hemd mit Krawatte, gleichsam Reste menschlicher Zivilisation. Die Szenerie gipfelt in einer männlichen Nacktszene, die überraschenderweise nicht platt, sondern witzig daherkommt. Beschwingend untermalt wird das Geschehen auf der Bühne von Liebesliedern der 1920er bis 50er Jahre.
Insgesamt ist b.31 in der interessanten Zusammenstellung eine sehr gelungene Neuinterpretation bewährter Ballettchoreografien. Der Abend war durchgehend unterhaltsam und ist  daher auch für Balletteinsteiger sehr empfehlenswert!

Weitere Informationen zu b.31

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Kathrin Pilger
Landesarchiv NRW Duisburg
Kathrin Pilger ist Dezernatsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecherin beim Landesarchiv NRW in Duisburg. Sie hat großes Interesse an Kunst und Kultur, Oper und Ballett früher aber nur selten besucht. Seit sie beides als Opernscout begleitet, ist sie begeistert von beiden Genres. Einen Abend im Ballett oder in der Oper empfindet sie als erlebnisreich und spannend und oft ist sie auch emotional von der Musik und der Ästhetik des Tanzes berührt. Dieses Gefühl von Glück möchte sie an andere Menschen weitergeben.

Heike Stehr über b.31

Das Leben ist ein Traum

Die Ballettpremiere b.31 stand auf dem Programm des neuen Abends als Scout und zugegebenermaßen freute ich mich ganz besonders auf diese, auf die Ballettcompagnie der Deutschen Oper am Rhein, auf das Erzählen mittels Tanz, Körper, Bewegung, Dynamik und die Geschichten in den Bildern, die dabei gezeichnet werden.

Das erste Stück des dreiteiligen Abends lässt uns eintauchen in Martin Schläpfers Reich aus Poesie, Geheimnis und Vielfalt. Wie in einer Collage setzt Schläpfer ein spannungsreiches Bild aus sieben heterogenen Musiken zusammen von Marla Glenn bis Mozart, von mir-vertraut bis mir-ganz-neu und nennt es „Obelisco“. Doch „in Stein gemeißelt“ ist hier gar nichts. Nicht einmal das Stück selbst, das 2007 für das ballettmainz entstand und nun 10 Jahre später neu einstudiert und grundsätzlich überarbeitet wurde. Martin Schläpfer sagte dazu selbst im Interview: “ … man muss die Glut wieder entfachen, damit eine Arbeit leuchtet … Man muss jede Kreation wieder neu texten. Man arbeitet mit andern Tänzern, anderem Licht, anderer Bühne. Das ist fast mehr Arbeit als eine neue Choreografie.“ Und diese Arbeit mit den Tänzern der Deutschen Oper am Rhein ergibt eine Kreation, die überzeugt und in den Bann zieht. So verschieden wie die Musiken sind die Tanzereignisse, besonders berühren mich die beiden Solotänze. Marcus Pei tanzt eindrücklich zu Schuberts „Du bist die Ruh“ und Marlúcia di Amaral zeigt 7 Minuten Spitzentanz bewegt-bewegend zu „Anâgâmin“ von Giacinto Scelsi. Hinterlegt sind alle Stücke von einem sparsamen Bühnenbild, verbunden durch verschiedene Kostüme aus dem gleichen Spitzenstoff, auf dem das Licht mit tanzt, und durchzogen von der virtuosen Bewegungskunst der Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie.

Nach der ersten Pause erklingt das Adagio aus Beethovens Sonate Nr. 29 für das Hammerklavier in einer extrem langsamen Einspielung von Christoph Eschenbach. Und das, was Hans van Manen 1973 tänzerisch dazu kreierte, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Balanceakt, ein Tanz am Rande des Gleichgewichts … als ob sich ein Pendel immer wieder ganz langsam zum Umkehrpunkt bewegt und dort gleichsam anzuhalten scheint … so fühlen sich in mir die Bewegungen der Tänzer an, voller Virtuosität und Behutsamkeit. Drei Paare tanzen auf Spitzenschuhen, gemeinsam, in Gruppen und jedes seinen eigenen Pas des deux, das ist bestechend schön und tief berührend. Im Hintergrund wellt sich ein blass blaues Tuch im Luftzug, fragil und melancholisch wie der Tanz, und mit dem Hin und Her des Pendels zieht in mir die vollkommene Ruhe ein. Eigentlich möchte ich jetzt genau da bleiben.

Aber nach einer weiteren Pause folgt ja noch „SH-BOOM!“ von Sol León und Paul Lightfoot. Das Stück irritiert mich zunächst mit fratzenhafter Ironie und slapstickhaftem übertriebenem Humor. Populäre Hits der 20er bis 50er Jahre reißen mich aus meinem klassischem Ballettzauber und wollen mich mit schmissiger Musik in eine ganz andere Richtung des Tanzens locken. Mit vielfältigen tänzerischen Mitteln bei hohem Tempo und gleichzeitiger Präzision und Genauigkeit der Bewegungen agiert die Compagnie in diesem „Revuetheater“. Spätestens in dem Moment, in dem vier Tänzerinnen in vier Lichtkegeln synchron tanzen, packt mich dann auch das letzte Stück des Abends mit seiner Lebendigkeit und Energie. „Life could be a dream“ versprechen der titelgebende Song des Stücksund die kleinen Zettelchen, die zum Finale auf uns hinab flattern. Aber warum nur steht das in Konjunktiv, frage ich mich … Das Leben ist ein Traum, wenn man einen solchen Ballettabend erleben darf.

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Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.

Martin Breil über b.31

„Life could be a dream“  oder  „lebst Du noch ?“

Drei Bilder, die gegensätzlicher nicht sein könnten und doch ein Ganzes. So könnte man die Premiere von b.31 im Theater Duisburg zusammenfassen.
In seiner Choreographie „Obelisco“ führt Martin Schläpfer seinem Publikum die Diversität des Menschen, der Musik und des Balletts vor Augen. In sieben Szenen präsentiert er gegensätzlichste Gangarten, sei es auf Plateausohlen, High Heels oder Zehenspitzen und zu unterschiedlichsten Musikstilen. Bewegen wir uns nicht trotzdem alle auf dem gleichen Planeten und rotieren um eine gemeinsame (Erd-)Achse, die einem Obelisken gleicht? Abwechslungsreich und spannend ist das und macht vor Konventionen keinen Halt.
„Adagio Hammerklavier“ des Altmeisters Hans van Manen ist eine Verbeugung vor der Schönheit. Drei in gazegleichen Kostüme gehüllte Paare bewegen sich zu einer von Christoph Eschenbach extrem entschleunigten Interpretation von Beethovens Meisterwerk, dem Adagio der „Großen Sonate für das Hammerklavier Nr. 29 B-Dur op.106“. Im Hintergrund nur ein, in schier unendlicher Kontinuität, wellenförmig wogendes Tuch als Bühnenbild. Intimer und andächtiger geht es kaum. Die totale Reduzierung der Ausdrucksmittel auf das Wesentliche versetzt mich in Andacht. Die Ästhetik der Bewegungen ist kaum zu fassen, einfach traumhaft.
Der Traum vom Erfolg auf den Brettern, die die Welt bedeuten, bringt so manchen zur Herausgabe seines letzten Hemdes. So zu erleben bei „Sh Boom!“, dem letzten Teil des Abends. Mit bitterer Ironie führen uns Sol Leon & Paul Lightfoot in unterschiedlichen Revuenummern den Glanz und Glamour der Unterhaltungsindustrie vor Augen. Deren Faszination beruht allerdings in der Regel auf dem Schweiß und der Hingabe der Künstler. Eine ganz andere Form der Traumdeutung im Vergleich zu den vorher gezeigten Bildern. Peppig und skurril endet der Abend im Konfettiregen.
Wieder einmal beglückt Martin Schläpfer sein Publikum mit einem spannenden, abwechslungsreichen Ballettprogramm, das, wie ich meine, wegen seiner Zusammenstellung zu den eindrucksvollsten seiner Produktionen an der DOR zählt.

Weitere Informationen zu b.31

Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

Ralf Kreiten über b.31

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg
b.31  Obelisco  c.: Martin Schläpfer

Begeisternder Ballettabend – Tanz zwischen Spaß, Schönheit und Slapstick

b.31 nennt Martin Schläpfer den neuen dreiteiligen Ballettabend, der am Samstag in Duisburg eine begeisternde Premiere feierte.
In Teil eins zeigt Martin Schläpfer seine 2007er Choreographie aus Mainz, allerdings frisch überarbeitet. Da stampfen drei Paare in glänzenden Plateaustiefeln wie auf einem Laufsteg, dann sucht ein Paar die Balance und geht an die Dehnungsgrenzen. Ein bedrückend beeindruckendes Solo, sieben Minuten auf Spitze, verlangt von Marlúcia do Amaral höchste Perfektion und Konzentration – Bravo. Zum Schluss noch ein Pas de deux zum „Opernball“ auf schwarzen Highheels.
Beim Tanz um den imaginären Obelisken stehen Füße und Schuhe im Mittelpunkt der sieben kleinen Szenen. Geht es also um den Kontakt zur Erde, zur Welt, und wie wir damit umgehen? Auf jeden Fall bringt Schläpfer seine Tänzer, begleitet von einem unorthodoxen Musikmix (an diesem Abend aus der Konserve), an den Rand des Möglichen.
Ballett zum Zurücklehnen und Genießen folgt in Teil zwei. Die Choreographie von Hans van Manen aus 1973 zu Beethovens „Adagio Hammerklavier“ ist sehr langsam, harmonisch und von betörender Schönheit, wenn die drei Paare, die Männer in weißen Hosen mit freiem Oberkörper und glitzernden Ketten, die Frauen in wehenden Kleidern, in ihren Bewegungen gleichsam über die Bühne fließen. Auf der schwarzen Bühne unterstreicht das im Hintergrund in gleichmäßigen Wellen wehende weiße Tuch diese Leichtigkeit des Tanzes.
Ein Traum von einem Ballett.
Slapstick und Klamauk, bestimmen den dritten Teil, „Sh-Boom“, von Sol León und Paul Lightfoot. Wir werden zurückversetzt in die Zeiten einer Revue aus den 20er / 30er Jahren. Seien es der mechanisch grinsende Clown, die beiden Tänzer mit der affektierten „Sprechrolle“, vermeintliche Nummerngirls oder die Herren, die ihre Hosen verloren haben und in Feinripp weiter agieren; dies ist alles ein herrlicher Spaß, mit immer wieder perfekt tanzenden Solisten.
Insgesamt große Kunst und große Unterhaltung, die auch den weniger ballettbegeisterten Zuschauer mitnimmt.

Weitere Informationen zu b.31

OpernscoutsRalf KreitenRalf Kreiten
Abteilungsleiter Sparkasse Krefeld
Schon vor 30 Jahren hat Ralf Kreiten über ein Theaterabo seine Liebe für die klassische Musik, besonders für die Oper, entdeckt. Seit 4 Jahren Duisburger, genießt er jetzt das kulturelle Angebot der Stadt, insbesondere die Aufführungen der Deutschen Oper am Rhein. Über seine Tätigkeit als Opernscout bekommt er jetzt auch einen Zugang zum Ballett, oft ist er sogar sehr begeistert. Diese Erfahrung gibt er gerne an andere Duisburger weiter, um vielleicht auch deren Interesse zu wecken Neues zu entdecken.