Wirre wulstige Worte zu treibend tosenden Tönen …

DasRheingold_12_FOTO_HansJoergMichelHeike Stehr über die Premiere von „Das Rheingold“

Diese „Rheingold“ – Premiere der Deutschen Oper am Rhein im Theater Duisburg war mein erstes Experiment, mich Wagner operntechnisch zu nähern und ich gestehe es direkt: Er ist meine Sache nicht. Die Texte voller bombastischer Alliterationen und schwülstiger Worthülsen beleidigen mein lyrisches Empfinden geradezu: „Schwarzes schwieliges Schwefelgezwerg!“ Aua! Die pompöse Musik rauscht an mir vorbei und berührt mich kaum. Aber vielleicht ist es ja auch vielfach schwerer einen Wagner-Nicht-Liebhaber wie mich bei der Stange zu halten als einen Wagner-Freund mit einer Aufführung zu erfreuen. Und ersteres tat diese Premiere allemal. Was mich zunächst einfing, waren das Bühnenbild, die Videoprojektionen, die Kostüme und die manchmal beinahe statischen Bilder, die die Figurenkonstellationen auf der Bühne erzeugten. Das hat mein Auge erfreut. Die meiner Meinung nach beste und packendste Szene spielt im 3. Bild in Nibelheim, der Unterwelt. Das Reich der Nibelungen, wird als Bergwerksstollen lebendig und hier passiert – nach der Starre der Götterwelt – mal endlich was. Mime, der Bruder des Zwerges Alberich dargestellt von Florian Simson, ist mein Star des Abends, gesanglich und schauspielerisch. Auch die Idee, Wagner hier mit dem Lokalkolorit von Loren und Hauern in Szene zu setzen, gefällt mir gut und macht es lebendig. Dass die List, mit der Wotan und Loge den Zwerg fangen, der List des Gestiefelten Katers gleicht, durch die er den bösen Zauberer besiegt, finde ich lustig und folge mit einem Lächeln auf den Lippen dem Gemetzel des 4. Bildes. Die merkwürdige Vertrautheit zwischen Freia und Fasolt verwirrt mich und als sie dann „Hilfe! Hilfe!“ singt, bin ich mir nicht mehr sicher, was hier ernst ist und was Parodie. Zum Schluss gibt es ein Happy-End mit Wotan und Fricka auf dem Weg nach Walhalla und beglückte die Wagner-Fans. Ich bin auch zufrieden, denn ich habe mein Wagner-Experiment für heute mit der Erkenntnis beendet, dass die Droge Wagner-Musik bei mir zwar nicht funktioniert, ich mich aber auch von anderen Seiten einer Inszenierung gut unterhalten lassen kann.

Opernscouts

Heike Stehr
Erzieherin und Therapeutin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Die ehemalige Erzieherin und jetzige Kunsttherapeutin betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie ist schon zum zweiten Mal in Folge Opernscout in Duisburg und ist der Meinung, dass Opernbesuche ansteckend wirken sollten. Gerne erzählt sie ihrer Familie und ihren Freunden von ihren Erlebnissen und Überraschungen, die sie bei den Premieren erlebt hat.

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Stabreim im Boudoir

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FOTO: Hans Jörg Michel

Astrid Klooth über die Premiere von „Das Rheingold“

Zweieinhalb Stunden Wagner ohne Pause – von früheren Inszenierungen wusste ich, dass aus dramaturgischen Gründen das „Rheingold“ ohne Pause gespielt wird; allerdings fiel es mir diesmal besonders schwer, mich über den gesamten Zeitraum zu konzentrieren. Dies mag der mangelnden Frischluftzufuhr im vollbesetzten  Parkett geschuldet gewesen sein, aber vor allem aufführungsspezifische Gründe gehaben haben: Auch wenn mir in der Einführung nahegebracht worden war, dass Wagner als Zeitgenosse der Revolution von 1848 in der Figur des Siegfried einen genuin deutschen Sozialrevolutionär erschaffen wollte, erschloss sich mir nicht, warum, in Anlehnung an den naturalistischen und gesellschaftskritischen französischen Schriftsteller Emile Zola, die Handlung, besonders im ersten Bild, in ein Boudoir-Bordell mit Pariser Flair eingebettet sein musste. So geriet, für meinen Geschmack, die ohnehin schon „Alberiche“ Handlung des ‚Rheingolds‘ zur komischen Groteske, von Loge als Conferencier – Entertainer moderiert. Wohlweislich war dem Werk dann auch das Heine Zitat „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …“ (Achtung: Anspielung Loreley – Rheintöchter, für die Eingeweihten: Es-Dur Akkord) vorangestellt worden. Nichtsdestotrotz hat mich die Duisburger Aufführung überzeugt, und das lag vor allem an den vorzüglichen Sängern, allen voran James Rutherford (Wotan), Stefan Heidemann (Alberich), Ramona Zaharia (Erda) und den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Axel Kober.

Opernscouts

Astrid Klooth
Oberstudienrätin im Hochschuldienst
Langjähriges Mitglied im Philharmonischer Chor, Mitwirkende im Theaterring Duisburg und Abonnentin des Opernabos – Astrid Klooth ist dem Orchester und Theater seit vielen Jahren verbunden. Besonders wichtig bei der Rolle als Opernscout ist ihr der Meinungsaustausch mit den anderen Scouts über die Premieren. Die Uni-Dozentin hat fast täglich mit jungen Menschen zu tun und hofft, durch ihre Beiträge ihr Interesse am Musiktheater einer breiteren Schicht zugänglich machen zu können.

Heranführung an Wagner

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FOTO: Hans Jörg Michel

Alexandra Schiess über die Premiere von „Das Rheingold“

Ganz ehrlich…? Mit gemischten Gefühlen fuhr ich über die Autobahnbrücke der A42 von Rheinberg Richtung Duisburg, zur dortigen Premiere der Deutschen Oper am Rhein. Das erste Mal nach acht Jahren, denn damals hatte ich schon das Glück, die Premieren in Düsseldorf begleiten zu dürfen. Mal wieder Stau, das Gedankenkarussell startet… Wie sehr ich mich freue auf meine Aufgabe als Opernscout steht außer Frage. Aber zu Richard Wagner, seinem Ring der Nibelungen, verbindet mich nicht viel. Vorher habe ich mich eingelesen, aber reicht das aus, um nach der Aufführung meine Meinung kund zu tun? Im Opernhaus angekommen, das erste Treffen mit den anderen Scouts. Einige haben schon richtige Erfahrungen mit Wagners Ring und Rheingold – Oh weh! Nun wird es dunkel. Der Vorhang öffnet sich… Das Bühnenbild zeigt einen möblierten Raum in Anlehnung an die Zeit Richard Wagners, aber viele kleine Details, technische Raffinessen, lassen diesen einen Raum immer wieder und auch während der Aufführung verändern. Spannende und überraschende Momente ziehen mich von Beginn an in den Bann und meine Augen wandern in jeden Winkel der Bühne, es gibt sehr viel zu entdecken. Zum Beispiel wird das Geschehen auf der Bühne zeitversetzt an die Rückwand projiziert. Die Bühne erscheint umso größer. Es lenkt von der Handlung nicht ab. Die Kostüme überzeugen mich ebenfalls. Durch ihre Gestaltung untermalen sie die verschiedenen Persönlichkeiten und Charaktere sehr gut. Ich lerne während des Stückes die Charaktere kennen und zuzuordnen. Dabei hilft, dass das Kostümbild generell der Kostümgeschichte angepasst ist, jedoch in einigen Momenten überspitzt dargestellt wird. Die Rheintöchter wirken in ihren pastellfarbenen Negligékleidchen wie gewollt, arg frivol. Dann gibt es einen Moment, in dem ich kurz darüber nachdenke, warum Herr Wagner keine Möglichkeit der Pause in seiner Komposition zuließ… Ein wenig egoistisch, finde ich, da ich schon den Wunsch verspüre einmal kurz Luft zu holen oder die Beine zu vertreten. Denn die fantastische Bild- Orchester und Stimmgewalt (durchweg alle Sänger-und Sängerinnen, sowie die Duisburger Philharmoniker überzeugten durch ihr Können) will sich in mir ein wenig setzen. Doch dieses kleine, gedankliche Tief verschwindet alsbald die rechte Bühnenseite unter lautem Grollen gesprengt wird und eine Lore, beladen mit Kohle, von Bergbauarbeitern über die Bühne geschoben wird. Ungläubig schaue ich in das riesige Loch in der Seitenwand und bin fasziniert von der Idee, das ‚Rheingold‘ als das Gold des Ruhrpotts darzustellen. Wie passend transformiert! Vielleicht runzelt manch Wagner-Liebhaber bei dieser Inszenierung die Stirn… Mich hat es dem Ring jedoch näher gebracht!

OpernscoutsAlexandra Schiess
Modedesignerin
Alexandra Schiess war Opernscout der ersten Stunde: Schon in der Spielzeit 2009/10 lernte sie das Projekt kennen und war sofort begeistert, Teil des Experiments zu sein. Mittlerweile ist sie Mutter von zwei Kindern und freut sich, ein zweites Mal – diesmal in Duisburg – dabei sein zu dürfen. Vor allem der Tanz fasziniert die Modedesignerin, die ihre Kollektionen sowohl in Deutschland als auch international, wie zum Beispiel in Paris, Rom und San Francisco vermarktet: Sie erstellte Kostümbilder für Ballettproduktionen in Dortmund und Hannover und pflegt eine enge Beziehung zum Ballett am Rhein. Der Oper begegnet sie mit Respekt und Freude und ist gespannt auf die neue Spielzeit.

Überraschung für Wagner-Kenner

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FOTO: Hans Jörg Michel

Sabine Josten über die Premiere von „Das Rheingold“

Der Gesang und die Musik der Philharmoniker sind grandios. Hier kommen die Zuhörer voll auf ihre Kosten und werden nicht enttäuscht. Wagner-Kenner werden überrascht sein: Als Zuschauer erleben wir eine bunte und moderne Kulisse mit Szenen die aus einer anderen Zeit kommen und die Besucher so einen vollkommen anderen Weg in das Stück finden. Man ist überrascht von dem Burlesque und dem wilden Treiben zu Beginn des Stücks und erschrocken über die Brutalität zum Ende des Stücks, wenn die Hand von Alberich abgetrennt wird. In der Zwischenzeit erlebt man etwas Ruhrgebietsromantik wenn die Loren eingefahren kommen. Insofern offenbart sich immer etwas Überraschendes und man versucht die Zusammenhänge zu finden, was des Öfteren schwerfällt. Am Ende weiß man auch, was das Zitat ganz am Anfang mit Wagner und Rheingold zu tun hat. Dieses ist nämlich von Heine und lautet: „Ich weiß nicht was soll es bedeuten?“

OpernscoutsSabine Josten
Immobilienökonomin und Mediatorin
Als engagierte Bürgerin setzt sich Sabine Josten für die Zukunft Duisburgs ein. Unter anderem ist sie Mitglied der Zeitzeugenbörse Duisburg e.V. und verfasst ab und an einen Artikel für den „Lokalkompass“. Sie stand fünf Jahre lang als Statistin bei der Deutschen Oper am Rhein auf der Bühne und durfte zum Beispiel im Rheingold das Gold tragen. Nach wie vor ist sie begeistert vom Kulturgut Oper. Gerne möchte sie auch andere Menschen dafür begeistern.

 

 

Enttäuschende Inszenierung, großartige Musik

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FOTO: Hans Jörg Michel

Stephanie Küthe über die Premiere von „Das Rheingold“

So genial ich bisher jede Inszenierung von Dietrich Hilsdorf fand – der „Ring“ durch die Brille von Zola gesehen und in den bürgerlichen Salon des 19. Jahrhunderts verlegt, hat mich leider enttäuscht. Zu sehr vermisse ich die Welt der Götter und Riesen, die düstere Unterwelt Nibelheims und die Unterwasserwelt des Rheins, die Wagner für sein „Rheingold“ vorgesehen hat und die sich in seiner Musik so wunderbar deutlich wiederspiegelt. Hier stattdessen verlegt auf eine Varietébühne mit Loge als Conférencier – als Zuschauer fühle ich mich da schon fast auf den Arm genommen. Für die Nibelungensage, die schon ohne großartige szenische Deutung großen Raum für das eigene Kopfkino lässt, ist mir Hilsdorfs Interpretation zu eng abgesteckt. Die Allgemeingültigkeit und Zeitlosigkeit – meiner Meinung nach die größte Stärke des Rings – geht mir hier zu sehr verloren. So sehr mich die Inszenierung auch enttäuscht, Axel Kober macht es am Pult doppelt wieder gut: was für ein musikalisch grandioser Abend! Sowohl die Duisburger Philharmoniker als auch das gesamte Sängerensemble überzeugen vom ersten bis zum letzten Ton und liefern Wagner vom Feinsten – schon allein dafür lohnt sich der Besuch im Duisburger Opernhaus allemal: „Das Rheingold“ macht trotz Allem Lust auf die Fortsetzung!

OpernscoutsStephanie Küthe
Eventmanagerin
Sie sei in der Oper aufgewachsen, sagt Stephanie Küthe, die von klein auf bis zum Ende ihres Studiums im Kinderchor der Deutschen Oper sang. Ihre Leidenschaft fürs Musiktheater führte sie bereits zu Jobs in der Dramaturgie, beim Bonner Opernmagazin und, nach einem Studium der Musikwissenschaften, in die Musicalbranche. Als „Wagner-Frau“ hat sie die Inszenierung vom „Rheingold“ schon in Düsseldorf gesehen und freut sich, im Rahmen des Opernscout-Projekts, die weiteren Teile des „Rings“ in Duisburg zu sehen.

Zukunftsgestaltung mit Wagner

 

 

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FOTO: Hans Jörg Michel

Dirk Sander über die Premiere von „Das Rheingold“

Warum kommt mir das Rheingold in den Sinn, gerade hier in Paris auf dem Global Social Business Summit 2017, wo wir uns aus der ganzen Welt versammeln, um über Lösungsansätze für unsere aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen zu diskutieren und ein Netzwerk von ZukunftsmacherInnen spinnen? Wie war das damals in Deutschland des Jahres 1869? Es war die Zeit des Umbruchs und Aufbruchs in eine neue unbekannte Zukunft. Euphorischer Fortschrittsglaube und romantische Ressentiments, letztere scheinen auch in Wagners Werken durch, waren die antipodischen Antreiber zukunftsgestaltender sozialer Bewegungen in Europa und der westlichen Welt. Heute bin ich in Paris umringt von Menschen aus Bangladesch, Kolumbien, Afrika und vielen anderen Staaten dieser Erde. Sie verstehen sich als ZukunftsmacherInnen einer neuen sozialen Bewegung, die nichts weniger zum Ziel hat, als die Rettung des Planeten. Unser Planet ist bedroht, weil sich die wohlfahrtsfördernde Ökonomisierung und Rationalisierung  in den westlichen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert auch in den Ländern des Globalen Südens durchsetzt und damit die Nachfrage von bald 10 Milliarden Menschen bedienen muss. Das geht nicht ohne soziale und ökologische Kosten, wie wir seit Beginn der Industrialisierung und heute durch die Digitalisierung leidlich erfahren. Das ahnten auch schon die romantischen Intellektuellen des „Fin de siecle“ und dämonisierten die ökonomischen und technologischen Fortschrittskräfte. Wohin das im 20. Jahrhundert führte, wissen wir. Heute hier in Paris erscheinen mir Wagners Riesen als die Erbauer eines irdischen Walhallas, eine Trutzburg gegen die zunehmend unwirtlich werdende Natur, die den Menschen vor den lebensbedrohlichen Folgen seiner Handlungen abschirmt und ihn unsensibel macht, für seine eigenen Daseinsbedingungen. Die Technisierung der Welt im Namen des Humanismus führte im 20. Jahrhundert zu einem Transhumanismus, der in dialektischer Umkehrung die Entmachtung des Menschen und den Verlust der Liebe zeitigte. Hier auf dem Global Social Business Summit gestalten wir konkrete Lösungen im Namen eines neuen revitalisierten Humanismus:  die Wiederermächtigung des Menschen durch die empathische Einsicht, dass uns keine Burg vor der Natur schützen kann. Meine allegorische Schlüsselfigur des Rheingolds und des gesamten Rings lautet daher: Brünnhilde als die Inkarnation der Liebe.

Opernscouts

Dirk Sander
Inkubator Manager Social Impact Lab
„Break up the concrete“ lautet das Motto des gebürtigen Duisburgers, der früher schon als Regiehospitant an der Deutschen Oper am Rhein tätig war und seitdem auf viele verschiedene Rollen in seinem Lebenstheater zurückblickt. Ob als Banker, Entwicklungshelfer in Afrika oder Inkubator beim Social Impact Lab in Duisburg – Dirk Sander möchte mit seinen Fragen und Ideen etwas für eine gerechtere Gesellschaft bewirken. Durch das Scout-Projekt kann er nun seine Verbundenheit mit der Oper wieder aufleben lassen – statt hinter der Bühne nun im Zuschauersaal.

Heike Stehr über „Don Carlo“

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Zwischen Sehnsucht und Pflicht

Ein Samstagabend im Juni in der Oper in Duisburg am Rhein, „Don Carlo“ stand auf dem Programm. Verdis düsterste Oper … hatte ich irgendwo gelesen, aber in der Inszenierung von Guy Joosten strahlte zunächst einmal das Bühnenbild, eine Adaption des Renaissancepalastes „dei Diamanti“ von Ferrara. Die Räume veränderten sich ständig, die Wände schwebten hinein oder heraus, sie wurden glänzend oder gaben Durchblicke frei, die Farben changierten, das Licht spielte mit … das war optisch sehr reizvoll vom Bühnenbildner Alfons Flores arrangiert. Die Kostüme verwirrten mich ein bisschen … zwischen historisch und modern war das ausgestattet, irgendwie unentschieden und ich erkannte darin kein Konzept außer „schön anzusehen“.
Dabei wollte Guiseppe Verdi, der keine andere seiner Opern so häufig verändert, gekürzt und neu gefasst hat wie diese, garantiert viel mehr. Der Stoff handelt von Freiheit und Freundschaft, von Liebe und Verzicht, von Verrat, Eifersucht und einer gestörten Beziehung zwischen Vater und Sohn auf der menschlichen und von Staat, Politik, Kirche und Inquisition auf der politischen Ebene. Die beiden Ebenen sind durch private und politische Intrigen durchaus spannend verknüpft und auch der Fakt, dass schon Verdi drei verschiedene Schlussfassungen lieferte zeigt, die Komplexität des Themas.

Die Musik stellte das absolute Highlight des Abends dar, ausdrucks- und stimmungsstark, die Personen fein charakterisierend, inhaltliche Zusammenhänge über die Melodien unterstützend, das Geschehen tragend. Die Duisburger Philharmoniker unter Lukas Beikircher gaben, sich selbst passend zurückhaltend, den Sängern genug Raum an den richtigen Stellen und spielten dennoch präsent und den verdischen Kosmos ausfüllend. Dazu kamen die starken Stimmen der Solisten, von denen mir Gianluca Terranova und Celine Byrne am meisten im Gedächtnis blieben. Besonders ihr Abschiedsduett ging mir musikalisch unter die Haut: „Wir sehen uns wieder in einer besseren Welt, schon schlägt für uns die erste Stunde der Ewigkeit …“
Der musikalisch überzeugende Abend ließ mich regietechnisch gesehen allerdings mit einigen Fragen zurück. Zum Glück waren wir in der Einführung und hörten dort, dass Guy Joosten den historisch belegten Fakt, dass der Infant von Spanien geistig eingeschränkt war, in die Person des Don Carlos einfließen lässt. So ließen sich die Brüche in Gianluca Terranovas Interpretation der Figur gedanklich integrieren, erzeugten andererseits aber auch den Zweifel in mir, ob dieser Carlos Flandern jemals würde retten können, und nahmen dem Stück damit von seiner politischen Dimension. „Der Fokus liegt auf der privaten Geschichte“ sagt der Regisseur im Interview und das fand ich schade. Denn wie sich bei Verdi Mächtige, Liebende und Freiheitsliebende einer allmächtigen und gefährlichen verführerischen religiösen Kraft, in diesem Falle der Inquisition, beugen müssen, das hat Potential und eine Aktualität, die mir in dieser Inszenierung zu wenig ausgelotet wurde. Das Autodafé empfand ich als aussageschwächste Szene. Religiöser Fanatismus und falsche Ideale, eine stets tödlich drohende geistliche Macht … da wäre mehr drin gewesen.
Andererseits haben mich die „private Geschichte“ und deren Umsetzung durchaus in ihren Bann gezogen. Die menschlichen Verstrickungen und Ränke, das Wanken zwischen den eigenen Wünschen und der Pflicht, zwischen dem Freiheitsideal und dem Taktieren, zwischen Sehnsucht nach Freundschaft und Herrschersein hat die Inszenierung mir durchaus glaubhaft und ergreifend vermittelt und mich damit gut und kurzweilig unterhalten.

Weitere Informationen zu „Don Carlo“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.