Martin Breil über „Der Graf von Luxemburg“

 der_graf_von_luxemburg_11_foto_hans_joerg_michel„Denn doppelt schmeckt’s dem Bübchen …“ 

Nach der „Csárdásfürstin“ und der „Zirkusprinzessin“ präsentiert die Deutsche Oper am Rhein nun ihre neueste Operettenproduktion „Der Graf von Luxemburg“ in der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog.
Die Operette von Franz Lehár wurde 1909 uraufgeführt. Die Handlung ist einfach strukturiert und bietet den roten Faden für einen Reigen populärer Melodien aus ihrer Entstehungszeit. Die Texte sind ebenso zeitgemäß, wie verblüffend (dumm).
Der Betrachter kann also in der Pause nach Hause gehen oder er lässt sich von Herzogs rasanter Inszenierung, dem tollen Bühnenbild, tollen Sängerinnen und Sängern und den Duisburger Philharmonikern auf eine feucht fröhliche Zeitreise zum Beginn des 20. Jahrhunderts mitnehmen.
Die Inszenierung nimmt im Laufe des Abends richtig Fahrt auf, sodass es schwer wird ihre vielen liebevollen kleinen Details zu erfassen. Dabei bedient sich Herzog aller technischer Mittel, die das Opernhaus zu bieten hat.
„Wir bummeln durchs Leben, was schert uns das Ziel“ und so erlebt der zunehmend berauschte Zuschauer u.a. ein Leibwächtertrio von seltener Unbeholfenheit, bei dem es schon wehtut hinzuschauen oder einen „Hausdrachen“, der auch so aussieht und als Feuerzeug herhalten muss. Der Drache wird wunderbar verkörpert von Oliver Breite, der gleich noch fünf weitere Rollen übernimmt. Das Opernhaus gerät nach und nach aus den Fugen, sodass der Zuschauer nach drei Stunden und „happy end“ das Gefühl hat an einer Tortenschlacht teilgenommen zu haben.
Vielschichtig, zuckersüß und liebevoll verziert wie eine Sahnetorte, das Dessert hat dem Bübchen geschmeckt, ganz kalorienfrei.

Weitere Informationen zu „Der Graf von Luxemburg“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

Heike Stehr über „Der Graf von Luxemburg“

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Herrlich komisch

2 Tage vor Heilig Abend feiert „Der Graf von Luxemburg“ im Theater Duisburg seine Premiere und empfängt uns mit Karnevalsstimmung in Paris, mit Charme und Schwung und mit einem Ensemble in allerbester Spiellaune. Überall auf der Bühne tut sich etwas, auch jenseits des Hauptgeschehens, so dass ich mir dringend mindestens ein Augenpaar mehr wünsche, um alles beobachten zu können. 107 Jahre nach der Uraufführung der Operette in Wien gehen mir an diesem Dezemberabend zuerst mal Lehárs Melodien direkt ins Ohr, ein verschwenderischer Reichtum an Klang und Harmonie. Besonders gefällt mir der Umgang mit den musikalischen Motiven des Stückes, immer wieder klingen sie an, scheinen leicht verändert auf, geben der Operette Konsistenz vom „Lirilari“ über „Fünfmalhunderttausend Francs“ und „Sie geht links, er geht rechts“ bis zum „Bist Du’s, lachendes Glück, das jetzt vorüberschwebt …“. Letztgenannter Valse moderato hat es mir angetan und macht die Hochzeitsszene für mich zur schönsten des ganzen Abends. Wie da plötzlich jenseits der Handlung hinter viel Klamauk und Klischee etwas Inneres und Nachdenkliches in den Figuren aufscheint, das ist gut herausgearbeitet und fein gespielt. Besonders Juliane Banses Gesang und Spiel in der Rolle der Opernsängerin Angèle Didier bleiben mir in Erinnerung. Beim Nachhören zu Hause fällt mir dann auf wie schön heutig Musik und Gesang des Abends angelegt waren, modern und spritzig vom Orchester unter Lukas Beikircher begleitet.
Für solche Momente verzeihe ich der Inszenierung Jens-Daniel Herzogs die eine oder andere in meinen Augen schon arg überzogene Albernheit zwischen Farbschlacht und quatschiger Ballettnummer. Auch der verschiedenen Komödieneinlagen und allzu deutlichen aktuellen Bezüge hätte es meiner Meinung nach nicht bedurft, aber da sind große Teile des Duisburger Premierenpublikums den Reaktionen nach vermutlich anderer Meinung.
Eine Nummer, die bei mir hingegen hervorragend funktionierte, war die des russischen chaotischen Ganoven Trios, der drei Bodyguards (gespielt von Luis Fernando Piedra, Karl Walter Sprungala und David Jerusalem) des Fürsten Basil Basilowitsch. Ständig sind sie präsent und lassen in ihrem Spiel mit viel Ernsthaftigkeit ihre Rollen herrlich komisch werden. Das ist wirklich liebevoll und detailverliebt inszeniert. Und in diesem beiden Adjektiven steckt auch der ganz besondere Reiz dieses Operettenabends, denn sie treffen gleichermaßen auch für Ausstattung und Bühnenbild der Aufführung zu. All die Details von der besten russischen Wodka-Marke bis zum witzigen Kostüm entlocken mir manch inneres Ah und Oh. Und die Bühne erst! Mathis Neidhardt zaubert sich immer wieder wandelnde und verschiebende passende Kammern und Kämmerchen aller Couleur bis hin zum stillen Örtchen für die geheime Trauung im ersten Akt. Im zweiten Akt schenkt er uns mittels Drehbühne den Weg durch ein ganzes Theater vom Hintereingang bis zu Angèles Garderobe und zurück voller überraschender Einzelheiten. Dafür, das alles in einem zweiten Durchgang noch einmal sehen zu können, hätte ich glatt auf den dritten Akt verzichtet. Vor allem, da dieser in meiner Wahrnehmung hinter den anderen beiden zurück steht und vor allem Klamauk in Hülle & Fülle zeigt. Darüber hinaus bietet er natürlich auch das gleichermaßen unvermeidliche und unverzichtbare Operettenhappyend, in dem nach Zerschlagung des dramatischen Knotens in diesem Fall gleich drei Paare vereint werden. Gediegener Applaus für gute Unterhaltung und Spielspaß!

Weitere Informationen zu „Der Graf von Luxemburg“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.

Astrid Klooth über „Der Graf von Luxemburg“

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Zsa Zsa ist tot – es lebe Lehár

Was verbindet das jüngst verstorbene Hollywood Sternchen und die Lehársche Operette „Der Graf von Luxemburg“? Es ist nicht nur die in der K.u.K. Monarchie wurzelnde  Herkunft, sondern das gemeinsame Thema des Oszillierens zwischen Liebe und Materialismus, der  Tauschhandel von Jugend,  Bling Bling und Status.
Nach dem Siegeszug des Genres der Operette, ausgelöst vom Erfolg der 1905 uraufgeführten „Lustigen Witwe“ schreibt Lehár in nur wenigen Wochen 1909 „Der Graf von Luxemburg“.
René Graf von Luxemburg, der  aufgrund seines ausschweifenden Lebensstils stets von Geldnöten geplagt wird, geht auf das Angebot eines russischen Mafia-Fürsten ein, seinen Titel für ein hübsches Sümmchen zum Tausch anzubieten. So soll Angèle, eine dem Ende ihrer Karriere nahe Sängerin, den Grafen inkognito heiraten, den  solchermaßen erhaltenden Adelstitel drei Monate lang tragen dürfen, um schließlich standesgemäß nach Ablauf der dreimonatigen Ehedauer den russischen Fürsten ehelichen zu können.
Natürlich siegt nach allerlei Irrungen und Wirrungen die Liebe zwischen René und Angèle  über das mafiös-korrupte Konstrukt der „standesgemäßen“ Eheschließung.
Das klassische  Thema des Seelenverkaufs an schnöden Mammon und Status, die Prostitution von Individualität und Gefühl, das in jeder gelungenen Operette auch zum Tragen kommt, wird in der  Inszenierung von Jens-Daniel Herzog anhand der eklektizistischen Gestaltung von Bühnenbild, Kostümen und Requisiten verdeutlicht. Gebrochen wird diese Zeitlosigkeit jedoch, wenn die Liedtexte zu tagespolitischen Themen (Trump, Digitalisierung etc.) Stellung nehmen. Dies fand ich wenig gelungen, wenn auch die Aktualisierung von Operettentexten in der Tradition von Lehárs Werken steht. Auch hätte auf eine Ausdehnung der Sprechpassagen verzichtet werden können, denn für meinen Geschmack hatte die dreistündige Inszenierung Längen und Durchhänger, die weniger gelungenen Klamaukeinlagen geschuldet waren.
Ein sehr guter Einfall war jedoch  die Verwendung einer  Drehbühne, welche die Dynamik und Komik der Operette unterstützt. Ebenso gefiel mir mit welch Liebe zum Detail Kostüme und Bühnenbild gestaltet wurden – man muss sicherlich mehr als eine Vorstellung besuchen, um alle witzigen Einzelheiten wahrnehmen zu können. Auch die Spiel- und Sangesfreude der Darsteller, allen voran der  versierte Bariton Bo Skovhus  als Graf von Luxemburg und die brilliante Sopranistin Juliane Banse als Angèle, konnten mich überzeugen. Dennoch hätte eine Straffung der abwechslungsreichen Aufführung insgesamt gut getan.

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Opernscouts
Astrid KloothAstrid Klooth
Oberstudienrätin im Hochschuldienst
Durch ihre Mitgliedschaften im Philharmonischen Chor und im Theaterring Duisburg ist Astrid Klooth Orchester und Theater seit vielen Jahren verbunden. Als Uni-Dozentin hat sie fast täglich mit jungen Menschen zu tun und hofft, durch ihre Beiträge ihr Interesse am Musiktheater einer breiteren Schicht zugänglich machen zu können.

 

Ralf Kreiten über „Der Graf von Luxemburg“

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Leicht durchschaubare Liebesgeschichte mit ernstem Hintergrund

Die Operette aus dem Jahre 1909 erzählt von einer zur damaligen Zeit nicht standesgemäßen Liebesbeziehung: Der insolvente René, Graf von Luxemburg, willigt ein, gegen Zahlung einer halben Million, die bürgerliche Operndiva Angèle Didier zum Schein zu heiraten, damit diese in die höheren Kreise aufsteigen und nach einer Scheidung (in 3 Monaten) den russischen Grafen Basil heiraten kann. Doch René erkennt seinen Identitätsverlust und die in ihm aufflammende Liebe zu der Frau, die er bei der Hochzeit nicht sehen, sondern nur an der Hand berühren durfte; der Beginn einer operettentypischen Liebesbeziehung.
Jens-Daniel Herzog nimmt das Stück in seiner Inszenierung aber nicht auf die leichte Operettenschulter, sondern will uns auch die ernsten Töne der Geschichte deutlich machen. Dabei ist der Grad zwischen Klamotte, Tragödie oder Rührstück schmal; meist findet er den richtigen Weg, manchmal rutsch er mir, wie bei den Slapstick-Einlagen der russischen Mafiabande des Grafen oder bei den Auftritten (in fünf Rollen) des Schauspielers Oliver Breite), zu sehr in den Klamauk ab; der teilweise tagesaktuelle Bezug hat mir dagegen gut gefallen und entspricht ja auch dem Operettengenre. Diskussionswürdig ist in dem Zusammenhang aber wohl die Farb-Schlacht im Quartier der befreundeten Bohemiens; der Sinn hat sich mir nicht erschlossen – witzig fand ich es allemal.
Das von Mathis Neidhardt entworfene Bühnenbild, vor allem mit der häufig kreisenden Drehbühne, ist faszinierend und passt hervorragend zur Story.
Musik war auch. Zwar bietet diese Lehár-Operette keine Gassenhauer, trotzdem ist die Musik eingängig, mal leicht, mal mit mehr Nachdruck und von den Duisburger Philharmonikern, geleitet von Lukas Beikircher, souverän gespielt. Bo Skovhus in der Titelrolle kommt mit seiner kräftigen Tenorstimme erst im Laufe des 2. Aktes auf Touren, wirkt für mich aber auch da noch manchmal angestrengt. Viel besser hat mir da Juliane Branses lyrischer Sopran in der Rolle der Angèle Didier gefallen. In ihren Duetten harmonieren beide aber ausgezeichnet. Mit ihrem späten, aber sehr schwungvollen Auftritt löst die Gräfin Stasa Kokozowa den Knoten aller Verwirrungen und diesen Auftritt macht Doris Lamprecht zu einem einmaligen Erlebnis; herrlich! Mit dem durchweg exzellent agierenden Ensemble schwingt sich „Lehár – Schwung und Schmäh“ durch das Duisburger Haus.
Klamotte, Tragödie oder Rührstück? Entscheiden Sie selbst.

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Opernscouts
Ralf KreitenRalf Kreiten
Abteilungsleiter Sparkasse Krefeld
Schon vor 30 Jahren hat Ralf Kreiten über ein Theaterabo seine Liebe für die klassische Musik, besonders für die Oper, entdeckt. Seit 4 Jahren Duisburger, genießt er jetzt das kulturelle Angebot der Stadt, insbesondere die Aufführungen der Deutschen Oper am Rhein. Über seine Tätigkeit als Opernscout bekommt er jetzt auch einen Zugang zum Ballett, oft ist er sogar sehr begeistert. Diese Erfahrung gibt er gerne an andere Duisburger weiter, um vielleicht auch deren Interesse zu wecken Neues zu entdecken.

Kathrin Pilger über „Der Graf von Luxemburg“

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Melodien mit Ohrwurmcharakter

Er ist ein Lebemann und hat sein ganzes Vermögen durchgebracht: René Graf von Luxemburg steht mit dem Rücken an der Wand. Da kommt ihm der Deal mit dem reichen Fürsten Basil Basilowitsch sehr gelegen, soll er doch nichts weiter tun, als dessen bürgerliche Geliebte, die Sängerin  Angèle, zum Schein zu heiraten, um sich – so ist der Plan – nach drei Monaten scheiden zu lassen und ihr auf diese Weise den Adelstitel zu verschaffen. Dann stünde einer Heirat ihrerseits mit dem Fürsten Basilowitsch nichts mehr entgegen. Dafür soll René ein Honorar von 500.000 Francs erhalten. Gesagt, getan: Die Heirat findet als anonyme Zeremonie statt, ohne dass die beiden Neuvermählten sich sehen können. René bekommt das Geld, das er sofort wieder mit seinen Freunden verprasst. Doch etwas ist geblieben: Während der Hochzeit hat er sich in seine fremde Braut, von der er nur eine Hand zum Ringtausch und ihren Duft zu spüren bekam, verliebt und begibt sich nun auf die Suche nach dieser geheimnisvollen Frau. Wie es das Genre verlangt, gibt es nach etlichen Irrungen und Wirrungen ein Happyend. Bis dahin sind allerdings viele Hindernisse zu überwinden…
Franz Lehárs Operette „Der Graf von Luxemburg“, die 1909 im Theater an der Wien uraufgeführt wurde und die nun am vergangenen Donnerstag im Theater Duisburg Premiere feierte, ist bis ins Detail liebevoll inszeniert. Ein bunter Strauß von Nebenfiguren und –handlungen schmückt sozusagen die Haupthandlung, das ganze Stück zeigt sich als einziges Kostümfest, opulent bis ins Bühnenbild. Das Stück lebt von der ironischen Brechung teils banaler Realitäten. In diesem Zusammenhang sehr witzig ist der Einsatz des Schauspielers Oliver Breite in einer multiplen Sprechrolle: Aufgrund von angeblichem Personalmangel muss er gleich in fünf verschiedene Rollen schlüpfen, unter anderem in die des Hausmeisters, des Portiers und der Kellnerin (!). Belebend ist der Wechsel von gesprochenen und gesungenen Dialogen – viele der fröhlichen Melodien haben Ohrwurmcharakter. Die gesangliche Qualität  des Ensembles bewegte sich durchgehend auf hohem Niveau, die musikalische Begleitung durch die Duisburger Philharmoniker wirkte spritzig und leicht.
Alles in allem ist das Stück sehr empfehlenswert, besonders für Menschen, die einem Opernbesuch aufgrund der oft tragischen Geschichten in klassischen Opern eher skeptisch begegnen.

Weitere Informationen zu „Der Graf von Luxemburg“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Kathrin Pilger
Landesarchiv NRW Duisburg
Kathrin Pilger ist Dezernatsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecherin beim Landesarchiv NRW in Duisburg. Sie hat großes Interesse an Kunst und Kultur, Oper und Ballett früher aber nur selten besucht. Seit sie beides als Opernscout begleitet, ist sie begeistert von beiden Genres. Einen Abend im Ballett oder in der Oper empfindet sie als erlebnisreich und spannend und oft ist sie auch emotional von der Musik und der Ästhetik des Tanzes berührt. Dieses Gefühl von Glück möchte sie an andere Menschen weitergeben.

Isabell Boyer über „Der Graf von Luxemburg“

Die reinste Gefühlsachterbahn

der_graf_von_luxemburg_06_foto_hans_joerg_michelAls ich am Samstag in die Düsseldorfer Oper schritt, formulierte sich in meinem Kopf nur eine Aussage: Winter und Weihnachtszeit heißt Operettenzeit. So meine Theorie. Ich stellte mich schon im Vorhinein auf etwas Lockeres, Heiteres ein, hatte ich doch noch die Zirkusprinzessin positiv in Erinnerung. Nachdem ich mich gesetzt hatte und mir der wundervoll bis zum letzten Platz gefüllt aussehende Saal aufgefallen war, lehnte ich mich entspannt zurück und betrachtete das von einem Glühbirnenrahmen erhellte Bühnenbild, das sich vor mir eröffnete.
Die Handlung war recht simpel und innerhalb weniger Szenen verständlich. Zugegeben, ich konnte mich mit dem Anfang nicht anfreunden. Der erste Akt wirkte wie ein Stück in sich mit einem traurigen Ende und für einen Moment war ich ein wenig ernüchtert darüber, dass das Potential, was zwischendurch gezeigt wurde, durch die sehr ernste Ausführung der Stücke und durch die vom Orchester verschluckten Worte des Protagonisten nicht ausgenutzt wurde.
Dann aber nach der Pause begann der zweite Akt und Gott, wie ich mich getäuscht habe! Innerhalb weniger Minuten änderte sich die ernste, melodramatische Stimmung in etwas Amüsantes, Freches und Frisches. Es tat so gut, zu sehen, wie altes Material genommen und in einen modernen Kontext erhoben wurde. Auch die Kabaretteinwürfe vom Hausmeister/Manager/Zimmermädchen/Kellner haben mir außerordentlich gut gefallen. Mein persönliches Highlight war aber das Paradestück der alten Gräfin Kokozowa, gespielt von Susan Maclean, das zum einen unglaublich gut gespielt und gesungen war, andererseits aber auch einen wundervollen Kommentar zur heutigen Gesellschaft gegeben hat und es wagte, auch mal die heikleren Themen auf die ernste Bühne der Oper zu bringen. Ich kann für diese Neuinterpretation nur ein großes Dankeschön aussprechen und hoffe, dass sich dieser Trend des Verbindens von Vergangenheit und Gegenwart weiter durchsetzt.
Selten bin ich mit einem so positiven Gefühl im Bauch heimgefahren. Ein wohl inszenierter Brückenschlag für das neue Jahr.

Weitere Informationen zu „Der Graf von Luxemburg“

Isabell Boyer
Studentin
Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.

Georg Hess über „Der Graf von Luxemburg“

Weder Fisch noch Fleisch?

der_graf_von_luxemburg_12_foto_hans_joerg_michelHier bin ich nun auf meiner Erkundungstour durch die „Welt der Düsseldorfer Oper“ nach Ballett und Oper bei der Operette (laut Wikipedia „ein musikalisches Bühnenwerk“) angelangt. Auf dem Programm steht das Stück „Der Graf von Luxemburg“ von Franz Léhar, welches erstmals vor über hundert Jahren, nämlich 1909, aufgeführt wurde.
Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: Ein verarmter Graf (René Graf von Luxemburg) stellt sich gegen großzügige Entlohnung eines Fürsten (Basil Basilowitsch) für eine kurze Ehe mit einer bürgerlichen Sängerin (Angèle Didier) zur Verfügung um diese in den Adelsstand zu heben, damit sie sich hiernach mit dem Fürsten verehelichen kann. Der Graf und die Sängerin finden aber selbst Gefallen aneinander. Der Fürst möchte sich damit nicht arrangieren, muss aber schließlich auf Befehl des Zaren eine alte Gräfin (Stasa Kokozowa) heiraten. Das gute Ende für den Grafen und die Sängerin ist schließlich gesichert.
Die Story hört sich also sehr nach Komödie und Ohnsorg-Theater an. Für mich passt dies zunächst nicht zu opernähnlicher Musik und Gesang. Dem Regisseur Jens-Daniel Herzog gelingt es dennoch hervorragend mit dem seichten Stoff, welcher über drei Akte und somit über fast drei Stunden verteilt ist, den Zuschauer/-hörer zu unterhalten, indem er die einfache Handlung akzeptiert, in die Gegenwart überträgt und mit reichlich Kitsch und Trash mit Farbschlachten, Russenmafia, frivolen Damen (und Herren) sowie reichlich groteskem Wortwitz bestückt. Beste Unterstützung erhält er hierbei durch den Bühnenbildner Mathis Neidhardt und die Kostümbildnerin Sibylle Gädeke, die mit zahlreichen detailreichen Bühnenbildern (wobei auch die Möglichkeiten der Drehbühne einen Höhepunkt darstellen) und vielen extravaganten Kostümen die skurrile und absurde Szenerie zusätzlich persiflieren.
Musikalisch setzten für mich mit Unterstützung der Düsseldorfer Symphoniker der Graf als Titelheld (gespielt durch Bo Skovhus) und die Gräfin, die im dritten Akt durch Susan Maclean ihren Auftritt findet, die Höhepunkte. Warum Letztere jedoch ihren  gesanglichen Part auch noch mit einem Ausritt in die trumpsche und sonstige Weltpolitik ergänzen musste, hat sich mir nicht so recht erschlossen.
Schauspielerisch und komödiantisch war für mich Oliver Breite der Star des Abends, der sich im wahrsten Sinne des Wortes in zahlreiche Kostüme „zwängte“, sichtlich sich verausgabte und hervorragenden Wortwitz souverän zum Besten gab.
Insgesamt war diese Mischung aus Komödientheater („Fisch“) und klassischer Musik („Fleisch“) ein unterhaltsamer Abend in der Oper am Rhein, der mich und meine Begleitung am Schluss mit wenig Schwere sondern eher viel Leichtigkeit in die Nacht entließ.

Weitere Informationen zu „Der Graf von Luxemburg“

Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.