Eine Handvoll Donizetti und zwei Handvoll Slapstick

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Don Pasquale FOTO: Hans Jörg Michel

Heike Stehr über die Premiere von „Don Pasquale“

Opera buffa, scherzhafte Oper, 175 Jahre alt und immer wieder gerne gespielt: „Don Pasquale“ steht auf dem Premierenprogramm der Deutschen Oper am Rhein in Duisburg in der Regie des mexikanischen Startenors Rolando Villazón. Und der greift mit beiden Händen in einen schier unerschöpflich scheinenden Fundus aus Klamauk, Klischees, Gags, Anspielungen, Referenzen an Kunst und Film … und lässt ein wildes Kostümfest zwischen alten Bildern und modernen Skulpturen über die Bühne rasen. Altbackenes und Modernes, Krishna-Outfits und Miniröcke, Warhol-Fans und akrobatische Diebin, Besenkammer und x-beinige Knickse wirbeln Durcheinander. Und ich… flüstere meiner Begleiterin ein leises „too much“ zu und schließe besser die Augen. Ich lausche dem schwungvollen Spiel der Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von David Crescenzi, mag besonders den Gesang von Ibrahim Yesilay in der Rolle des Ernesto, die er auch schauspielerisch von naiv bis glückstrunken überzeugend gestaltet (okay, ich gebe zu, ich habe doch noch gelegentlich geschaut, aber als dann z.B. die Diebin im Nana-Kostüm albern über die Bühne hüpfte, auch ganz schnell wieder zugemacht). Ich genieße stattdessen die Energie, die der Chor auf die Bühne und in den Saal bringt, und zum Schluss das musikalische Happy End. „Ende gut, alles gut“ – so jedenfalls sagt das Sprichwort.

OpernscoutsHeike Stehr
Erzieherin und Therapeutin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Die ehemalige Erzieherin und jetzige Kunsttherapeutin betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie ist schon zum zweiten Mal in Folge Opernscout in Duisburg und ist der Meinung, dass Opernbesuche ansteckend wirken sollten.  Gerne erzählt sie ihrer Familie und ihren Freunden von ihren Erlebnissen und Überraschungen, die sie bei den Premieren erlebt hat.

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Dramma buffo im Wimmelbild

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Don Pasquale FOTO: Hans Jörg Michel

Astrid Klooth über die Premiere von „Don Pasquale“

Donizettis komische Oper stellt die altbekannte Story vom alten, wohlhabenden Mann, der junge Frau freit und kläglich scheitert, in den Mittelpunkt. Da es sich um eine opera buffa handelt, wird der Stoff locker-leicht behandelt: Am Ende steht einem Happy End für junge Frau mit jungem Mann nichts mehr im Wege, und auch für den Alten deutet sich eine positive Wendung an. Der Kontrast von Alt und Jung wird im Bühnenbild widergespiegelt durch die Gegenüberstellung alter, klassischer Malerei (Delacroix, Leonardo etc.) und Pop Art (Keith Haring, Roy Lichtenstein, Andy Warhol u.a.). Während der alternde Don Pasquale seine edle Behausung mit alten Meistern geradezu vollstellt, ist Norina, die gefreite Maid, der Mittelpunkt einer szenigen (Lebens-) Künstlerkolonie, die für die Moderne steht und im Finale natürlich mit dem jungen Maler Ernesto zusammenkommt, dem brotlosen Malerneffen Don Pasquales. Anspielungen auf Kunst und Bohème, Klassik und Moderne dominieren die gesamte Aufführung. Chormitglieder und Solisten treten als Warhol, Mona Lisa, Yoko Ono u. a. auf, das Bühnenbild changiert zwischen New York und Paris, Dennis Hoppers emblematisches Werk „Nighthawks“, obwohl für die Vereinzelung des modernen Menschen stehend, dient als Kulisse für die (sich selbst) feiernde in-crowd um Norina. Dezent geht anders, aber da es sich um eine veritable opera buffa handelt, sollte man diese Aufführung nicht durch die politisch korrekte, teutonische  Analysebrille betrachten, sondern sich auf dieses lebens- und farbenfrohe Wimmelbild einlassen, insbesondere da auch Chor und Solisten mit sichtlicher Freude dabei sind. Eine besondere Entdeckung war für mich an diesem Abend der junge Tenor Ibrahim Yesilay in der Rolle des Ernesto, doch auch der bewährte Günes Gürle in der Rolle des Don Pasquale und Lavinia Dames als Norina  trugen zur gekonnten Leichtigkeit des Abends bei.

Opernscouts

Astrid Klooth
Oberstudienrätin im Hochschuldienst
Langjähriges Mitglied im Philharmonischer Chor, Mitwirkende im Theaterring Duisburg und Besitzerin eines Opernabonnements – Astrid Klooth ist dem Orchester und Theater seit vielen Jahren verbunden. Besonders wichtig bei der Rolle als Opernscout ist ihr der Meinungsaustausch mit den anderen Scouts über die Premieren. Die Uni-Dozentin hat fast täglich mit jungen Menschen zu tun und hofft, durch ihre Beiträge ihr Interesse am Musiktheater einer breiteren Schicht zugänglich machen zu können.

Ein berauschender Chor

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FOTO: Monika Rittershaus

Alexandra Schiess über die Premiere von „Maria Stuarda“

Es war ein gelungener Opernabend, der Lust macht auf mehr. Die Musik Donizettis und die Chöre der Deutschen Oper am Rhein haben mich gefesselt. Die wunderbaren  Sopranstimmen und die voluminösen Gesänge des Chores ließen mich in die Zeit der Maria Stuart eintauchen. Auch das tief dunkle, puristische Bühnenbild und die Ton in Ton gehaltenen Kostüme haben mich in den dramatischen Kampf der beiden Frauen hineingezogen. Wunderbar!

Alexandra Schiess
Modedesignerin
Alexandra Schiess war Opernscout der ersten Stunde: Schon in der Spielzeit 2009/10 lernte sie das Projekt kennen und war sofort begeistert, Teil des Experiments zu sein. Mittlerweile ist sie Mutter von zwei Kindern und  freut sich, ein zweites Mal – diesmal in Duisburg – dabei sein zu dürfen. Vor allem der Tanz fasziniert die Modedesignerin, die ihre Kollektionen sowohl in Deutschland als auch international vermarktet: Sie erstellte Kostümbilder für Ballettproduktionen und pflegt eine enge Beziehung zum Ballett am Rhein. Der Oper begegnet sie mit Respekt und Freude und ist gespannt auf die neue Spielzeit.

Starkes Bühnenbild

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Maria Stuarda – FOTO: Monika Rittershaus

Heike Stehr über die Premiere von „Maria Stuarda“

Meine zweite Opernscout-Saison beginnt kurz vor Weihnachten mit „Maria Stuarda“ von Gaetano Donizetti. Historisch gesehen steht der Konflikt der englischen Königin Elisabeth I. mit ihrer schottischen Halbschwester Maria Stuart im Mittelpunkt. Psychologisch gesehen geht es um Machtstreben, Staatsräson und Liebe. Es ist eine Art Duell zwischen Maria und Elisabetta, in dessen Zentrum ein Mann steht, Graf Leicester, welcher von Gianluca Terranova überzeugend gegeben wird. Auch ohne große eigene Arie überzeugt er mit seinem Tenor und seiner Bühnenpräsenz.
Modern und stark das Bühnenbild! Ein Gefängnis in Form eines Panopticons, das die gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch einen einzelnen Überwacher ermöglicht – eine spannende Interpretation. Geschickt spielt die Inszenierung mit Innen & Außen: Wer ist gefangen? Wer ist frei? Gefangen im Kerker der Etikette und der Staatspflichten? Frei zu lieben und zu sterben? Eifersucht? Christenpflicht? Verantwortung? Vielschichtig blättern sich die Themen des Abends auf. Als Elisabetta zu Beginn des dritten Aktes mit ihrer Entscheidung, das Todesurteil Marias zu unterzeichnen, kämpft, und fünf Kinderstatistinnen auf der Bühne den Raum einnehmen, den Maria wohl in Elisabettas Kopf besetzt, berührt mich das sehr. Donizetti lässt die Musik in dieser Oper eine große Rolle spielen und die Duisburger Philharmoniker unter Lukas Beikirchner spielen leidenschaftlich auf. Die Sopranstimmen von Maria Elizabeth Williams und Olesya Golovneva tragen die Oper, die großangelegten Arien und Duette geben die psychologische Befindlichkeit der beiden Königinnen differenziert wieder. Besonders Olesya Golovneva als Maria Stuarda gefällt mir ganz hervorragend in ihrem Rollendebüt in Duisburg.

OpernscoutsHeike Stehr
Erzieherin und Therapeutin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Die ehemalige Erzieherin und jetzige Kunsttherapeutin betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie ist schon zum zweiten Mal in Folge Opernscout in Duisburg und ist der Meinung, dass Opernbesuche ansteckend wirken sollten.  Gerne erzählt sie ihrer Familie und ihren Freunden von ihren Erlebnissen und Überraschungen, die sie bei den Premieren erlebt hat.

Ein packender Mädels-Abend

Maria Stuarda FOTO: Monika Rittershaus
Maria Stuarda FOTO: Monika Rittershaus

Kerstin Hein-Flügel über die Premiere von „Maria Stuarda“

Ein Abend mit großer Neugier auf eine unbekannte Oper stand bevor und ich wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil. Im ersten Moment offenbart sich ein kühles Bühnenbild, effektvoll ausgeleuchtetes Gefängnisgitter-Idyll à la West Side Story. Die ersten Worte werden mit Kreide auf die Wände gemalt. Nach und nach erkenne ich die gelungene Idee, dass wir gleichwohl auch in jenes Schloss blicken, in dem Maria gefangen gehalten wird. Sie gibt der Oper den Namen, doch Elisabeth bekommt die eröffnende Rolle. Die verhassten Kontrahentinnen lassen den männlichen Hauptpartien selten Raum für Beachtung. Und obwohl sich die Lords ziemlich abrackern ist dies ein Mädels-Abend. Elisabeth ist interessanter in Ihrer Mimik, die geopferte Maria am eindrucksvollsten im packenden Finale. Die Rivalinnen – zwischen Macht und Liebe – in stets gelungenem Outfit. Ich schlage mich schnell auf Marias Seite und entreiße Elisabeth im letzten Moment die Krone. Obwohl die schauspielerische Leistung der Elisabeth mich mehr überzeugte, ist die stimmliche Strahlkraft der Maria Höhepunkt des Abends. Als im Gänsehautmoment der Chor im Schlussbild mit beeindruckender Klangfülle rote Rosen wirft und eine nunmehr hinter Gitter stehende Elisabeth im Schatten ihrer Zelle verharrt, endet der Abend in einem rot getauchten Bühnenbild und schließt mit Marias Worten auf den Wänden: In my End is my beginning.

Opernscout Kerstin Hein-FlügelKerstin Hein-Flügel
Inhaberin FLORES Duisburg
Die Floristmeisterin und Dekorateurin, die sich mit ihrem Blumenladen „Flores“ in Duisburg selbstständig gemacht hat, ist mit dem Kunsthandwerk groß geworden: Schon ihre Eltern hatten ein Floristikgeschäft. Kerstin Hein-Flügel beschreibt sich als kreativen Charakter, der sich nicht nur von der Natur, sondern auch von Kunst und Musik inspirieren lässt. In ihrer Freizeit geht sie gern und oft in die Oper. Nun möchte sie im Austausch mit den anderen Opernscouts ihre Gedanken nach außen tragen.

Isabell Boyer über „Don Pasquale“

Genial, schrill, außergewöhnlich

Wenn ich ehrlich bin, ist es mir kaum möglich, die wundervolle Inszenierung des Stücks „Don Pasquale“ an der Oper am Rhein in Worte zu fassen. Von den sympathischen, gar abgedrehten Protagonisten zu den zahlreichen Kunst- und Modeeinflüssen, die ich innerhalb des Stücks überrascht und angetan registriert – und später notiert – habe, bis zur eingängigen, lebensfrohen Musik und der Luftakrobatik, die mit Comedy-Elementen den Meisterdieb durch die Szenen schickte, waren alle Ebenen der Unterhaltung abgedeckt. Ich habe mich köstlich über Norina (Elena Sancho Pereg) amüsiert, die ihrem Ernesto zuliebe die brave Ex-Nonne mimt, um dann als Furie über ihren Angetrauten Pasquale herzufallen. Ihre Beschwingtheit und freche Art blieben mir ebenso im Gedächtnis wie ihre Holly-Golightly-Posen und der Beinüberschlag aus der Befragung in Basic Instinct. Ich frage mich bis heute, ob das genau so inszeniert worden ist; wenn ja: Chapeau. Ganz großes Kino.
Don Pasquale selbst, gespielt von Lucio Gallo, und sein Arzt des Vertrauens, gespielt von Dmitri Vargin, bildeten ein geniales Gespann. Lustig, charmant und gesanglich unglaublich beeindruckend nahmen sie die Bühne für sich ein. Das Publikum fühlte sich von den beiden sofort in den Bann gezogen. Ernesto (Ioan Hotea) und Kunsträuberin Susanne Preissler runden die Gruppe mit ihren erstklassigen Fähigkeiten ab und überzeugen mit ihrem tollen Ausdruck.

Zuletzt noch ein Wort zu den Kostümen und der Kulisse: Ich war noch nie so glücklich, Kunst als Schwerpunkt im Abitur gehabt zu haben. So hat es nämlich nochmal umso mehr Spaß gemacht. Von Kleidungsstücken aus den 20er, 60er und 70er Jahren bis hin zu Kunstwerken, die an Andy Warhol und Keith Harings Werke oder die „Venus von Milo“, den „Sonnenkönig“, „Nighthawks“, oder Delacroix‘ „La Liberté guidant le peuple“ erinnern, war alles zu sehen und ließ mich auch neben der Haupthandlung eine Menge neuer Dinge entdecken.
Leider kann dieser Text, gerade auch aufgrund seiner Kürze, diesem Stück nicht gerecht werden. Dass eine weitere Oper sich zu einem meiner Lieblingsstücke entwickeln könnte, hatte ich längere Zeit bezweifelt, doch „Don Pasquale“ hat mich eines Besseren belehrt. Vielen Dank für dieses erfrischende Meisterwerk.

Weitere Informationen zu „Don Pasquale“

Isabell Boyer
Studentin
Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.

Georg Hess über „Don Pasquale“

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Temporeiche Opera buffa

Diesmal erwartet mich in der Düsseldorfer Oper „Don Pasquale“ von Gaetano Donizetti, eine Opera buffa (komische Oper) aus dem Jahre 1843 in der Inszenierung des Startenors Rolando Villazón.
Hauptdarsteller sind eine junge, attraktive Frau (Elena Sancho Pereg als Norina) die einen älterlichen, reichen Geizhalz (Lucio Gallo als Don Pasquale) an der Nase herumführt und schließlich mit ihrem eigentlichen Liebhaber (Ioan Hoteas als Ernesto) zusammenfindet aufgrund der Ränkespiele des Leibarztes (Mario Cassi als Doktor Malatesta).
Die einfache Handlung ist mit reichlich alberner Komik und zahlreichen klamaukigen Gags versehen, wobei die aktuelle Inzenierung versucht, sich mit den unterschiedlichen Geschmäckern zwischen alter und neuer Kunst und Moral auseinanderzusetzen. Das Stück hat viel Tempo und wirkt zumeist frisch, manchmal sogar überdreht und nur selten altbacken.
Alle vier Sänger (und auch die durch Nicholas Carter geführten Düsseldorfer Symphoniker) imponieren mit erstklassigen Leistungen. Besonders hat mir die Szene im dritten Akt gefallen, als sich die umwerfende Norina und Ernesto im Laternenschein vor einer Margritte-Kulisse ihre Liebe versichern.

Das Publikum ist schließlich begeistert.

Wen eine heitere Opera buffa anspricht, für den ist der Besuch sicherlich zu empfehlen.

Weitere Informationen zu „Don Pasquale“

Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.