Ein berauschender Chor

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FOTO: Monika Rittershaus

Alexandra Schiess über die Premiere von „Maria Stuarda“

Es war ein gelungener Opernabend, der Lust macht auf mehr. Die Musik Donizettis und die Chöre der Deutschen Oper am Rhein haben mich gefesselt. Die wunderbaren  Sopranstimmen und die voluminösen Gesänge des Chores ließen mich in die Zeit der Maria Stuart eintauchen. Auch das tief dunkle, puristische Bühnenbild und die Ton in Ton gehaltenen Kostüme haben mich in den dramatischen Kampf der beiden Frauen hineingezogen. Wunderbar!

Alexandra Schiess
Modedesignerin
Alexandra Schiess war Opernscout der ersten Stunde: Schon in der Spielzeit 2009/10 lernte sie das Projekt kennen und war sofort begeistert, Teil des Experiments zu sein. Mittlerweile ist sie Mutter von zwei Kindern und  freut sich, ein zweites Mal – diesmal in Duisburg – dabei sein zu dürfen. Vor allem der Tanz fasziniert die Modedesignerin, die ihre Kollektionen sowohl in Deutschland als auch international vermarktet: Sie erstellte Kostümbilder für Ballettproduktionen und pflegt eine enge Beziehung zum Ballett am Rhein. Der Oper begegnet sie mit Respekt und Freude und ist gespannt auf die neue Spielzeit.

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Starkes Bühnenbild

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Maria Stuarda – FOTO: Monika Rittershaus

Heike Stehr über die Premiere von „Maria Stuarda“

Meine zweite Opernscout-Saison beginnt kurz vor Weihnachten mit „Maria Stuarda“ von Gaetano Donizetti. Historisch gesehen steht der Konflikt der englischen Königin Elisabeth I. mit ihrer schottischen Halbschwester Maria Stuart im Mittelpunkt. Psychologisch gesehen geht es um Machtstreben, Staatsräson und Liebe. Es ist eine Art Duell zwischen Maria und Elisabetta, in dessen Zentrum ein Mann steht, Graf Leicester, welcher von Gianluca Terranova überzeugend gegeben wird. Auch ohne große eigene Arie überzeugt er mit seinem Tenor und seiner Bühnenpräsenz.
Modern und stark das Bühnenbild! Ein Gefängnis in Form eines Panopticons, das die gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch einen einzelnen Überwacher ermöglicht – eine spannende Interpretation. Geschickt spielt die Inszenierung mit Innen & Außen: Wer ist gefangen? Wer ist frei? Gefangen im Kerker der Etikette und der Staatspflichten? Frei zu lieben und zu sterben? Eifersucht? Christenpflicht? Verantwortung? Vielschichtig blättern sich die Themen des Abends auf. Als Elisabetta zu Beginn des dritten Aktes mit ihrer Entscheidung, das Todesurteil Marias zu unterzeichnen, kämpft, und fünf Kinderstatistinnen auf der Bühne den Raum einnehmen, den Maria wohl in Elisabettas Kopf besetzt, berührt mich das sehr. Donizetti lässt die Musik in dieser Oper eine große Rolle spielen und die Duisburger Philharmoniker unter Lukas Beikirchner spielen leidenschaftlich auf. Die Sopranstimmen von Maria Elizabeth Williams und Olesya Golovneva tragen die Oper, die großangelegten Arien und Duette geben die psychologische Befindlichkeit der beiden Königinnen differenziert wieder. Besonders Olesya Golovneva als Maria Stuarda gefällt mir ganz hervorragend in ihrem Rollendebüt in Duisburg.

OpernscoutsHeike Stehr
Erzieherin und Therapeutin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Die ehemalige Erzieherin und jetzige Kunsttherapeutin betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie ist schon zum zweiten Mal in Folge Opernscout in Duisburg und ist der Meinung, dass Opernbesuche ansteckend wirken sollten.  Gerne erzählt sie ihrer Familie und ihren Freunden von ihren Erlebnissen und Überraschungen, die sie bei den Premieren erlebt hat.

Ein packender Mädels-Abend

Maria Stuarda FOTO: Monika Rittershaus
Maria Stuarda FOTO: Monika Rittershaus

Kerstin Hein-Flügel über die Premiere von „Maria Stuarda“

Ein Abend mit großer Neugier auf eine unbekannte Oper stand bevor und ich wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil. Im ersten Moment offenbart sich ein kühles Bühnenbild, effektvoll ausgeleuchtetes Gefängnisgitter-Idyll à la West Side Story. Die ersten Worte werden mit Kreide auf die Wände gemalt. Nach und nach erkenne ich die gelungene Idee, dass wir gleichwohl auch in jenes Schloss blicken, in dem Maria gefangen gehalten wird. Sie gibt der Oper den Namen, doch Elisabeth bekommt die eröffnende Rolle. Die verhassten Kontrahentinnen lassen den männlichen Hauptpartien selten Raum für Beachtung. Und obwohl sich die Lords ziemlich abrackern ist dies ein Mädels-Abend. Elisabeth ist interessanter in Ihrer Mimik, die geopferte Maria am eindrucksvollsten im packenden Finale. Die Rivalinnen – zwischen Macht und Liebe – in stets gelungenem Outfit. Ich schlage mich schnell auf Marias Seite und entreiße Elisabeth im letzten Moment die Krone. Obwohl die schauspielerische Leistung der Elisabeth mich mehr überzeugte, ist die stimmliche Strahlkraft der Maria Höhepunkt des Abends. Als im Gänsehautmoment der Chor im Schlussbild mit beeindruckender Klangfülle rote Rosen wirft und eine nunmehr hinter Gitter stehende Elisabeth im Schatten ihrer Zelle verharrt, endet der Abend in einem rot getauchten Bühnenbild und schließt mit Marias Worten auf den Wänden: In my End is my beginning.

Opernscout Kerstin Hein-FlügelKerstin Hein-Flügel
Inhaberin FLORES Duisburg
Die Floristmeisterin und Dekorateurin, die sich mit ihrem Blumenladen „Flores“ in Duisburg selbstständig gemacht hat, ist mit dem Kunsthandwerk groß geworden: Schon ihre Eltern hatten ein Floristikgeschäft. Kerstin Hein-Flügel beschreibt sich als kreativen Charakter, der sich nicht nur von der Natur, sondern auch von Kunst und Musik inspirieren lässt. In ihrer Freizeit geht sie gern und oft in die Oper. Nun möchte sie im Austausch mit den anderen Opernscouts ihre Gedanken nach außen tragen.

Isabell Boyer über „Don Pasquale“

Genial, schrill, außergewöhnlich

Wenn ich ehrlich bin, ist es mir kaum möglich, die wundervolle Inszenierung des Stücks „Don Pasquale“ an der Oper am Rhein in Worte zu fassen. Von den sympathischen, gar abgedrehten Protagonisten zu den zahlreichen Kunst- und Modeeinflüssen, die ich innerhalb des Stücks überrascht und angetan registriert – und später notiert – habe, bis zur eingängigen, lebensfrohen Musik und der Luftakrobatik, die mit Comedy-Elementen den Meisterdieb durch die Szenen schickte, waren alle Ebenen der Unterhaltung abgedeckt. Ich habe mich köstlich über Norina (Elena Sancho Pereg) amüsiert, die ihrem Ernesto zuliebe die brave Ex-Nonne mimt, um dann als Furie über ihren Angetrauten Pasquale herzufallen. Ihre Beschwingtheit und freche Art blieben mir ebenso im Gedächtnis wie ihre Holly-Golightly-Posen und der Beinüberschlag aus der Befragung in Basic Instinct. Ich frage mich bis heute, ob das genau so inszeniert worden ist; wenn ja: Chapeau. Ganz großes Kino.
Don Pasquale selbst, gespielt von Lucio Gallo, und sein Arzt des Vertrauens, gespielt von Dmitri Vargin, bildeten ein geniales Gespann. Lustig, charmant und gesanglich unglaublich beeindruckend nahmen sie die Bühne für sich ein. Das Publikum fühlte sich von den beiden sofort in den Bann gezogen. Ernesto (Ioan Hotea) und Kunsträuberin Susanne Preissler runden die Gruppe mit ihren erstklassigen Fähigkeiten ab und überzeugen mit ihrem tollen Ausdruck.

Zuletzt noch ein Wort zu den Kostümen und der Kulisse: Ich war noch nie so glücklich, Kunst als Schwerpunkt im Abitur gehabt zu haben. So hat es nämlich nochmal umso mehr Spaß gemacht. Von Kleidungsstücken aus den 20er, 60er und 70er Jahren bis hin zu Kunstwerken, die an Andy Warhol und Keith Harings Werke oder die „Venus von Milo“, den „Sonnenkönig“, „Nighthawks“, oder Delacroix‘ „La Liberté guidant le peuple“ erinnern, war alles zu sehen und ließ mich auch neben der Haupthandlung eine Menge neuer Dinge entdecken.
Leider kann dieser Text, gerade auch aufgrund seiner Kürze, diesem Stück nicht gerecht werden. Dass eine weitere Oper sich zu einem meiner Lieblingsstücke entwickeln könnte, hatte ich längere Zeit bezweifelt, doch „Don Pasquale“ hat mich eines Besseren belehrt. Vielen Dank für dieses erfrischende Meisterwerk.

Weitere Informationen zu „Don Pasquale“

Isabell Boyer
Studentin
Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.

Georg Hess über „Don Pasquale“

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Temporeiche Opera buffa

Diesmal erwartet mich in der Düsseldorfer Oper „Don Pasquale“ von Gaetano Donizetti, eine Opera buffa (komische Oper) aus dem Jahre 1843 in der Inszenierung des Startenors Rolando Villazón.
Hauptdarsteller sind eine junge, attraktive Frau (Elena Sancho Pereg als Norina) die einen älterlichen, reichen Geizhalz (Lucio Gallo als Don Pasquale) an der Nase herumführt und schließlich mit ihrem eigentlichen Liebhaber (Ioan Hoteas als Ernesto) zusammenfindet aufgrund der Ränkespiele des Leibarztes (Mario Cassi als Doktor Malatesta).
Die einfache Handlung ist mit reichlich alberner Komik und zahlreichen klamaukigen Gags versehen, wobei die aktuelle Inzenierung versucht, sich mit den unterschiedlichen Geschmäckern zwischen alter und neuer Kunst und Moral auseinanderzusetzen. Das Stück hat viel Tempo und wirkt zumeist frisch, manchmal sogar überdreht und nur selten altbacken.
Alle vier Sänger (und auch die durch Nicholas Carter geführten Düsseldorfer Symphoniker) imponieren mit erstklassigen Leistungen. Besonders hat mir die Szene im dritten Akt gefallen, als sich die umwerfende Norina und Ernesto im Laternenschein vor einer Margritte-Kulisse ihre Liebe versichern.

Das Publikum ist schließlich begeistert.

Wen eine heitere Opera buffa anspricht, für den ist der Besuch sicherlich zu empfehlen.

Weitere Informationen zu „Don Pasquale“

Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

Khatuna Ehlen über „Don Pasquale“

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Bunte Mischung

Meine Erwartungen an das Stück waren ambivalent: das Thema ewiger Jugend und das Begehren des Alters, es noch einmal mit der Jugend aufnehmen zu wollen, im Mittelpunkt ein alter Mann und seine junge Frau, versprach nicht gerade eine abendfühlende Vorstellung…
Doch es kam anders: spätestens mit dem Bühnenbild, inspiriert durch Edward Hoppers Nachtschwärmer (Nighthawks, 1942) war ich für das Stück gewonnen und so trat der (eher simple) Inhalte des Stücks in den Hintergrund.
Eine bunte Mischung humoriger, teils frech inszenierter Szenen prägt, neben der Stimmgewaltigkeit der einzelnen Akteure, das gesamte Stück. Das Versprechen der Oper, alle Sinne anzusprechen wurde vollends eingelöst, kurzum: ein gelungener, kurzweiliger, bunter Abend – für ungeübte Opernbesucher zweifelsfrei zu empfehlen.

Weitere Informationen zu „Don Pasquale“

Khatuna Ehlen
Sozialarbeiterin
Sicher war es ein großer Schritt, mit 20 Jahren die Heimat Georgien zu verlassen, um in Deutschland zu studieren und heute als Sozialarbeiterin in der Familienhilfe der Landeshauptstadt Düsseldorf zu arbeiten. Ein kleiner dagegen, die Einladung zum Projekt „erlebte Oper…erlebter Tanz…“ anzunehmen und Opernscout zu werden. Nach ihrer ersten Spielzeit als Opernscout ist sie glücklich, weiter als Scout aktiv sein zu dürfen. Bisher sind die Aufführungen des Balletts am Rhein ihr klarer Favorit im Spielplan, so dass sie sich auch in der neuen Spielzeit auf mitreißende Choreographien freut.

Gisela Miller-Kipp über „Don Pasquale“

Ein großes Opernvergnügen

Der Spaß beginnt schon vor der Vorstellung: Aus schwarzem Proszenium schaut Donizettis Portrait im Goldrahmen versonnen auf sein Publikum, und wir schauen zurück und denken uns was, etwa: was der Säulenstumpf links vor der Bühne wohl soll? Zur Ouvertüre wird dann eine Kunstausstellung bestückt, läuft eine Zicke von Galeristin über das Proszenium und notiert (Preise), und als der Vorhang sich hebt, dämmert mir: Hier wird Kunst, werden Kunstbetrieb und Kunstszene verulkt. Auf dem Säulenstumpf steht nunmehr eine kleine Kopie der Venus von Milo; im Laufe des Geschehens – Handlungsmuster: steinreicher alter Hagestolz freit junges Blut, das geht in den seltensten Fällen gut (hier aber nach einer verwirrten Intrige doch, das Happy-End kommt freilich recht abrupt) – wird sie je nach Temperament und Stimmungslage der Akteure zerdeppert (Norina), mühsam wieder zusammengeklebt, auch umarmt (Don Pasquale), am Ende in zwei Teilen dem Kunstdieb geschenkt, und zwar von Don Pasquale selbst, da sich dieser Dieb zu guter Letzt als junge Blondine und neue Braut für ihn entpuppt – das im Übrigen im Wortsinne: Der vormals Dieb hängt in weißen Jonglagebändern vom Bühnenhimmel wie eine Schmetterlingspuppe. – Diesem Ansatz also: der Platzierung der Oper im Kunstmilieu, dabei in zwei grundverschiedenen, aber hochberühmten Kunstwelten, entspringen der Spielwitz und die Komik der mit viel Voraus-Presse angekündigten Inszenierung von Don Pasquale durch Rolando Villazón. Sie ist voller origineller und auch einiger verstaubter Einfälle – so plagt den alten Freier der Ischias, natürlich! –, die mich nahezu pausenlos amüsierten: als running-gag etwa der besagte Kunstdieb im schwarzen Catsuit, der in den Posen vieler filmberühmter Juwelenräuber einschließlich Abseilakrobatik durch die Szenen huscht; oder das notorisch unpassend mit Staubwedel oder Sekttablett auftretende Hausmädchen; oder das Völkchen, bei dem die junge Norina als Muse zu Hause ist: die Kunstszene der 60iger Jahre, New York – der Times Square (?) blinkt im Bühnenhintergrund. Dort tummelt und lümmelt sich in einer puristisch neon-grünlichen Wohnzimmerbar – Edward Hoppers „Nighthawks“ lassen grüßen – das abgedrehte Personal der Pop-Art und des (Folk)Pop-Rock: Kiffer und Hare-Krishna-Jünger (die säuseln auch noch vor sich hin), Andy Warhol, Gilbert & George, später dazu: Jimi Hendrix, John Lennon & Yoko Ono, Pete Townsend (? mit Gitarre) – die Bedienung kommt auf Rollschuhen daher, und alle Personifizierungen wandern nach und nach in den Chor ein, der Schlusschor besteht dann nur noch aus imitierten Warhols und Mona Lisas, fand ich sehr vergnüglich.

Ebenso amüsant die Bestückung des herrschaftlichen Kunstsalons von Don Pasquale, hier eben ein steinreicher alter Kunstsammler zu Paris – zur Orientierung schimmern durch die raumhohen Fenster Sacré Cœur und der Eiffelturm –, nachdem er durch die schnelle und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zustande gekommene Heirat unter Norinas Fuchtel geraten ist. Standen und hingen dort zuvor mit besagter Venus geschätzt ein Dutzend der berühmtesten und schönsten Gemälde aus dem Kanon der klassischen Malerei: Odalisken von Ingres, „Die Badenden“ von Fragonard – klarer Fall! –, dazu die „Mona Lisa“, das Herrschaftsporträt Ludwig des XIV. von Rigaud, „Die Freiheit führt das Volk“, „Das Floß der Medusa“ und, und, und, und tritt Norina dort zunächst kostümiert als Audrey Hepburn auf, also als kapriziöses Reh, so agiert sie bald als zänkische, aber auch verführerische Tyrannin und krempelt den Salon gründlich um. Es hängen und stehen dort dann die Ikonen der Pop-Art von Warhol, Haring, Lichtenstein & Co., dabei von Niki St. Phalle eine schwarze (!) „Nana“. Sie wird übrigens vom Kunstdieb erfolgreich entführt, woraufhin Don Paquale, im Anzug und in der Manier von Sherlock Holmes/Nick Knatterton, sie mit der Lupe sucht bzw. eine an ihrer Stelle posierende Figur beäugt. – Das sind nur einige der komischen szenischen Einfälle und bildhaften Anspielungen dieser Inszenierung; um deren ganze Fülle zu genießen, muss man in die Aufführung gehen. Und das nicht zuletzt auch darum, weil Klassiker wie Pop-Art, in einer Szene auch eine Graffitti-Mauer, fabelhaft und mit eigenem Witz und versteckter Bildkomik reproduziert bzw. imitiert sind. Dafür gehört der Malerwerkstatt der Deutschen Oper am Rhein ein außerordentliches Kompliment, wie überhaupt der so bildreich eingerichteten Bühne (Johannes Leiacker). Am witzigsten fand ich, dass auf einem der berühmten Suppendosensiebdrucke von Warhol hier nicht „Campbells Tomato Soup“, sondern „Malatesta’s Matoto suop“ (sic!) geschrieben steht – Malatesta, der Name verrät es, heißt der intrigante Advokat im Spiel.

Die Hauptpartien wurden prima gesungen und gespielt, im Parlando allen voran Lucio Gallo als Don Pasquale, im kokettem Charme Elena Sancho-Pereg als Norina; Mario Cassi war als Doktor Malatesta bestens aufgelegt, er sprang ganz kurzfristig für den erkrankten Dmitri Vargin ein; angestrengt in der Stimme wirkte auf mich nur Ioan Hotea als Ernesto – armer Graffitti-Maler und Neffe von Don Pasquale, der mit Norina das heimliche Liebespaar abgibt. Sein hochromantisches Ständchen für die Angebetete, ein veritabler Ohrwurm, singt er in hochromantischer Kulisse: der Silhouette eines Schlossparks in nächtlicher Dämmerung. Diese Szenerie steht im heftigen Kontrast zu den vorangehenden Bühnenbildern, und damit wird auch die romantische Welt ins Komische gezogen – was soll’s, es tut der Melodienseligkeit dieser Oper keinen Abbruch. Unter Nikolas Carter spielten die Düsys mit frischem Schwung und süßem Klang, und zum Schluss schaut wieder Donizetti auf sein Publikum, diesmal jedoch als Siebdruckporträt in vierfacher Farbvariation à la Warhol – noch eine schöne Bilderfindung. Standing Ovation – ein großes Opernvergnügen!

Weitere Informationen zu „Don Pasquale“

Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.