Endlich wieder Oper! Eine bedeutende und erschütternde Parabel

Hubert Kolb über die Premiere „Der Kaiser von Atlantis“

Trotz Atemmaske und Abstandsregeln – großen Dank dafür, dass ein Opernbesuch wieder möglich gemacht wurde und das künstlerische Team mit viel Einsatz die Oper „Der Kaiser von Atlantis“ vorbereitet und eindrucksvoll präsentiert hat!

Für fast Alle und auch für mich war diese einaktige Oper unbekannt, und doch ist ein großes und bedeutsames Werk deutscher Kultur, entstanden im Vorzeige-KZ Theresienstadt in den Jahren 1943-1944. Mit großem Mut haben Peter Kein ein Libretto gedichtet und Victor Ullmann die musikalische Umsetzung besorgt. Während der damaligen Proben wurde das Stück nach und nach politisch-moralisch entschärft und kam dennoch nicht zur Uraufführung. Soweit möglich, wurde in Düsseldorf die ursprüngliche Fassung auf die Bühne gebracht.

Die Parabel ist tiefgründig und grandios, sie sollte offenbar den Mithäftlingen die innere Stärke geben, sich über ihre Lebensbedingungen und die Todgeweihtheit zu erheben. In der Parabel verliert der Kaiser nach einem Aufruf zum Kampf Aller gegen Alle (der totale Krieg) alle Macht, weil der Tod, großartig gesungen von Luke Stoker, unter diesen Bedingungen nicht mehr seine Aufgaben wahrnehmen will. Kein Mensch kann mehr sterben, der Kaiser ist machtlos. Erst als der Kaiser mit dem Tod aushandelt, mit seinem eigenen Sterben wieder die frühere Balance von Leben, Lieben und Sterben zu ermöglichen, ist die Lebensharmonie wieder erreicht.

Victor Ullmanns harte Musik mit Trommel, Fanfare und Marsch-Rhythmik weicht einem weicheren melodischen Klang, als Liebe und Tod wieder in das Leben treten. Das Publikum war still und betroffen.

Das Stück wirkte in mir länger nach. Dafür war besonders wichtig, dass Inszenierung (Ilaria Lanzino) und Bühnenbild (Emine Güner) die Parabel nicht als Nazi-Stück oder mit Bezug auf Corona inszenierten, sondern als immerwährendes Gleichnis. Eine minimalistische Bühne mit vielen gespannten Seilen als eine Art Gefängnis für die Menschen, auch für den Kaiser. Die Seile fallen zu Boden, als die Angst vor dem Kaiser schwindet. So, wie der Text eine große Zahl von „Shakespeare-artigen“ Wahrheiten präsentierte, fügte Ilaria Lanzino eine Vielzahl von symbolhaften Bildern und Handlungen ein, welche zusammen mit dem immer sehr einfühlsamen Dirigat von Axel Kober ein überzeugendes Gesamtkunstwerk ergaben.

Fazit: Danke, dass Oper wieder möglich geworden ist. Die in diesem selten gespielten Stück präsentierte Parabel war berührend und bewegend. Hierfür war entscheidend, dass die Inszenierung der Versuchung widerstand, ein historisch oder aktuell verortetes politisches Stück zu präsentieren, sondern ein zeitloses Gleichnis von Leben, Liebe und Tod zeichnete.

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Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen.

Ein musikalischer Zeitzeuge

Markus Wendel über die Premiere „Der Kaiser von Atlantis“

Die Inszenierung ist wahrlich gelungen. Die Verortung wunderbar düster und zeitlos, ganz nach meinem Geschmack. Das Ensemble singt hervorragend. Irgendwie scheint alles aus einem Guss zu sein an diesem Abend, zur Premiere von „Der Kaiser von Atlantis“. Und doch bleibt all dies zurück, tritt in den Hintergrund, erscheint mir nicht wichtig. Denn das Stück erfährt eine so untrennbar starke Verbindung zu seiner Entstehungsgeschichte, dass bereits seine pure Aufführung an sich gewürdigt werden sollte.

Ich erlebe eine emotional aufwühlende Vorstellung wie selten zuvor.

Die Handlung ist geprägt vom Tod, aber auch vom Versuch des Lebens, ja des Überlebens. Am Ende verklärt in eine vorherrschende Todessehnsucht. Dem Regime des brutalen Kaisers scheint kein Entrinnen möglich. Sogar der Tod persönlich verweigert seinen Dienst. Die wenigen Botschaften der Liebe wirken einsam und hoffnungslos. Und dennoch scheint es Hoffnung zu geben. Streckenweise ist es für mich nur schwer zu ertragen, auf welche Weise die eigentlichen Botschaften des Stücks transportiert werden sollten. Die harten Bilder der aktuellen Inszenierung verstärken diese Wirkung obendrein.

Hier und da blitzt feiner Humor durch den Text und die musikalische Untermalung. Auch der Blick durch die Brille der heutigen Zeit lässt einige Grotesken erscheinen, die mich zum Lächeln, wenn nicht sogar zum Lachen bringen möchten. Doch dies dringt nicht nach außen. Denn in allem spüre ich den Herzschlag einer unguten Zeit.

Für die aktuelle Corona-Situation ist das Werk scheinbar wie gemacht: wenige Darsteller, klein besetztes Orchester und obendrein kurz und ohne Pause. Aber wie sollte es auch anders sein bei einem Stück, welches innerhalb eines Konzentrationslagers entstand und dort zur Uraufführung geplant war. Vielleicht liegt aber genau in dieser Überschaubarkeit und Klarheit der Schlüssel zu einer solch eingängigen Wirkung.

In aller Form danke ich der Deutschen Oper am Rhein für diesen berührenden Abend, wenngleich ich mit folgendem Satz enden möchte:

Es bleibt die Faust in der Magengrube.

Markus_Wendel

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.