Ein Abend in der K I N O P E R….

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L’Enfant et les Sortilèges FOTO: Hans Jörg Michel

Henning Jüngst-Warmbier zur Premiere von „Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges“

Als sich der Vorhang öffnete hätte man denken können, in einem Kino im Zeitalter der russischen Avantgarde zu sein. Ein Jahrmarkt in all seinen Facetten bot sich uns Zuschauern in seiner üppigen Fülle als Zeichentrick, dadaistisch anmutend, auf der Leinwand dar. Drei großartige Artisten verschmolzen mit der imaginären Zeichentrickanimation und entführten die Zuschauer in die traurige, vom heiteren Jahrmarktstrubel überdeckte Welt Petruschkas. Begleitet von der berührenden Musik Strawinskys war es ein großartiges Erlebnis und zog mich über die ganze Länge in seinen Bann. Ob es in dieser speziellen Form auf eine Opernbühne gehört sei dahingestellt. Dies zu beurteilen möchte ich den Profi-Kritikern überlassen. Im Gegensatz zu einigen anderen Zuschauern beantworte ich jedoch die Frage mit einem klaren ‚Ja, warum nicht‘?
„L’Enfant et les Sortilèges“ war von der Art der Präsentation ähnlich angelegt wie „Petruschka“, da auch hier eine Animation die Sänger nicht nur begleitete sondern unterstützte. Die Musik Ravels schien mir nicht so eingängig wie die von Strawinsky. Die Stimmen und der Chor beeindruckten mich sehr und die „Struwwelpeter“ Botschaft war auch typisch für die Zeit, in der das Stück geschrieben und komponiert wurde.
Strawinsky machte mich glücklich, Ravel erreichte mich dagegen nicht mit der gleichen Intensität, obwohl es alles in allem ein beeindruckender und opulenter Abend war. Apropos Abend. Kino- oder Opernabend? Das muss jeder für sich entscheiden…
Ein lautes ‚Bravo‘ von mir für ein erneut beeindruckendes Werk, das die britische Theatergruppe „1927“ geschaffen hat.

Opernscouts 2017 - Henning JŸngst-Warmbier

Henning Jüngst-Warmbier
Freiberuflicher Dozent an der Zukunftswerkstatt Düsseldorf
Nach seiner langjährigen Tätigkeit als Hoteldirektor in Düsseldorf bringt Henning Jüngst-Warmbier seine berufliche und pädagogische Erfahrung heute ehrenamtlich in der Zukunftswerkstatt Düsseldorf ein: Seit mittlerweile acht Jahren realisiert er dort Projekte für und mit Langzeitarbeitslosen, Migranten und Flüchtlingen. Mit dem Kulturleben der Stadt ist er seit vielen Jahren über Freunde und Bekannte verbunden. Als Opernscout möchte er seine eigene Sichtweise präsentieren, über seine Empfindungen sprechen und erzählen, wie er das Gesehene erlebt hat.

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Petruschka in der Oper am Rhein – Strawinsky besonders erleben!

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Petruschka FOTO: Hans Jörg Michel

Katrin Gehlen über die Premiere von „Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges“

Es war ganz anders als erwartet! Großartig! Normalerweise bin ich es gewohnt, ein solches Programm beim Düsseldorf-Festival zu sehen – dann jedoch nicht Akrobatik in Kombination mit einem solch hervorragenden Orchester, sondern nur mit musikalischer Untermalung vom Band. Hier stimmte alles, allenfalls der klassische Opernbesucher könnte etwas irritiert sein, da er einfach anderes gewohnt ist. Mir persönlich hat das erste Stück des Abends sehr gefallen. Ich liebe Jahrmärkte der Jahrhundertwende (auch wenn ich sie selbst in meinem Leben nie erlebt habe ;-) sie haben so etwas Skurriles. Fettleibige Schausteller, Hau den Lukas, Ganzkörpertattoos, eigenartige Kreaturen und ein gaffendes Publikum. Darunter 3 Figuren eines Schaustellers, die zu Leben erweckt werden, sich ihrer hoffnungslosen Situation in Gefangenschaft bewusst werden und dabei unter ununterbrochener Beobachtung des Publikums stehen.
Das nächste Stück erinnerte mich sehr an Shockheaded Peter, alias Struwwelpeter, welches vor mehr als 10 Jahren im Schauspielhaus hier in Düsseldorf zu sehen war. Ein nerviges Kind, was mit Hilfe von Lektionen lernt, Mitgefühl und Dankbarkeit zu entwickeln. Und das alles auf sehr außergewöhnliche Art und Weise präsentiert, als eine Mixtur aus Comic, realen Darstellern und fantastischer Musik.

Opernscouts 2017Katrin Gehlen
Modedesignerin
Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus.

Der Zirkus auf der Bühne als Computeranimation?

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Petruschka – FOTO: Hans Jörg Michel

Jenny Ritter über die Premiere von „Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges“

Petruschka – Strawinsky
Mich störte die Art, wie die Stücke dargestellt wurden,  sehr: Die computererstellten Bilder, die ganz mühelos Tiere zerreißen können siehe „Tom und Jerry“; die überdimensionalen Vögel, die ungelenkig über die Bühne fliegen; die überdimensionalen Menschen, die einfach immer nur mit den Augen rollen – was soll das? Mir sind solche Bilder zu starr und zu steif. Die Artisten waren gut, doch wenn ich Zirkusartisten sehen will, gehe ich in den Zirkus –  der reizt mich aber nicht wirklich.

L’Enfant et les Sortilèges – Ravel
Hier waren immerhin schon mal mehr Menschen auf der Bühne, was mir besser gefallen hat. Aber auch hier: Was sollen die computererstellten Bilder? Traut man dem Publikum keine Phantasie mehr zu? Dieser Premierenabend entsprach nicht meinem Geschmack.

Opernscouts 2017

Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin
Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und ist gespannt, wie es weitergeht.

Film ab: Petruschka erobert mich auf Anhieb!

Petruschka_LEnfant_01_FOTO_HansJoergMichelHilli Hassemer über die Premiere von „Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges“

Zauberhafte, originelle und auch gruselige Bildcollagen, sie sind künstlerisch-grafisch ein helles Vergnügen und wirbeln Geist wie Sinne in die Jahrmarkt-Welt Russlands zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Vor dieser magischen Kulisse werden wir im Publikum zu staunenden Kindern. Ich bin entzückt von der intelligenten wundersamen Abfolge phantastischer Szenen. Auch die Geschichte rührt mich an. Freud und Leid der drei „Akrobaten-Puppen“ und letztendlich die Flucht Petruschkas vor den sadistischen Quälereien seines Meisters, – sie führt zu einem traurig schönen Ende. Der russisch-französische Maler Marc Chagall hätte sicher seine Freude an diesen bewegten Bildern gehabt, die Figuren erinnern mich an seine poetisch naiven Malereien, wo immer wieder einmal Mensch und Tier durch die Lüfte fliegen. Fliegen scheinen auch die drei britischen Artisten zu können, die mit großer Eleganz und Finesse zu Strawinskys Musik und phänomenal synchron mit der filmischen Ebene verschmelzen. Das Spiel ihrer Schatten in der Filmprojektion ist mir eine Augenweide. Man darf sich gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn ein akrobatischer Akt daneben ginge! In dieser perfekten, ineinander verzahnten Gesamtkomposition aus Musik, Film und echten Akrobaten muss jede Bewegung auf den Punkt stimmen. Die akribische und hochkomplexe Arbeit hinter diesem kurzweiligen Stück hat meine Bewunderung. „L’Enfant et les Sortilèges“ – obwohl mit der gleichen genialen künstlerischen Handschrift erschaffen,- erscheint mir etwas zu verblassen, hinter der opulenten „Petruschka“. Vielleicht liegt es auch an der Geschichte, die mein Interesse nur schwer binden kann, wohlmöglich auch, weil diese Musik Ravels mich nicht sonderlich berührt. Dennoch: großer Respekt vor der Leistung aller mitwirkenden Sängern, Chören und Musikern. Sehr erstaunt, wie viele Mitwirkende am Ende auf der Bühne erscheinen.
Das britische Trio namens „1927“ (Suzanne Andrade, Esme Appleton und Paul Barritt) hat die unvergessene Zauberflöte auf die Düsseldorfer Bühne gebracht – drei Mal hat sie mich schon begeistert und das vierte Mal steht im Juni an. Nun stammt die Inszenierung dieser beiden kurzen Opern von Strawinsky und Ravel erneut aus der Feder der Bilderwelt der drei Briten. Meine Erwartungen waren zugegeben hoch und auch dieser Abend war ein großes Vergnügen.

Opernscouts 2017

Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin
Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Damals noch fremd in der Stadt und mit einem „Hardcorde-Wagnerfan“ befreundet, wurde die Oper unverhofft Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Lebens. Jetzt will sie sich wieder intensiver mit Oper und Ballett befassen – genau hinschauen, zuhören, das Erlebte beschreiben. Sie sagt: „Es ist schön, wenn man sich selbst und seiner Meinung vertraut.“