Weltraumdschungelkönige

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Sandra Christmann über die Premiere von „Die Fledermaus“

Hatte das Johann Strauss im Sinn?

Ich bin für Blödsinnigkeit durchaus zu haben – diese hat Axel Köhler vollends ausgeschöpft.

Dank Frank Philipp Schlössmann konnten wir doch noch einen Blick in das Wohnzimmer von Gianni Versace werfen – imponierend! Direkt gefolgt von dem „kleinen“ Gatsby Arrangement in der Big Bang Theorie Raketenstation. All das im goldenen Rahmen, wie wir ihn zu Großmutters Zeiten kennen, barock, prunkvoll und nur für Jagdszenen zu verwenden. Das Ganze mit  80er Jahre Lichtinstallationen einer Roller Blade Disco aus Wisconsin verhübscht.

Überraschend, voll ausgetobt, aber exzellent im Detail und somit eine der Disziplinen, die den Abend bereichert haben.

In gleicher Manier die Köstüme. Pornös:
Biene Maja im Weltraumglitzer-Suit, Lack, Plastik-Glamour, Leopardenprints, Negligees, Hotpants, bedruckte Männerslips, Table Dance Schürzen-Outfits – ein Fest.
Ein bunter Mix aus galaktischem Holiday on Ice Trash und Altweiber auf der Ratinger nach 20.00 Uhr.

Gesanglich war ganz klar Adele, gesungen von Lavinia Dames meine Favoritin – raumgreifend, durchdringend und auch schauspielerisch überzeugend. Bezaubernd.
Und natürlich hat Wolfgang Reinbacher den Frosch einverleibt und mit den ihm nun mal vorgegeben textlichen Plattheiten charmant performed.

Soweit: Und doch schmeckt die Inszenierung nach an einem großen Eintopf aus Klimbim, Ohnsorgtheater und Zirkusdirektorenauftritte mit einer Priese Peinlichkeit…
Es tat auch punktuell weh.

Wir haben durchaus viel gelacht, keine Frage, Sie kennen das, wenn es kippt, wenn es so plakativ grotesk schreit, dass man lachen muss.

Die Musik passte tatsächlich, der fröhliche Walzer  –  hätte aber durchaus im österreichischen Kontext bestehen bleiben können – die Inszenierung ins NRW Gefüge , dem Düsseldorfer Politklüngel und der Steigenbergerhäme zu setzen, erinnerte ein bisschen an die Frankenheimkiste der Götterdämmerung vor 1 Jahr. Und war nur angetriggert, somit nicht überzeugend.

Meine erste und letzte Operette?: Absolut Ja!

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Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair Internantional GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Beschwingte Unterhaltung – aber banal und seicht

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Hubert Kolb über die Premiere von „Die Fledermaus“

Operette muss man mögen heißt es, ich mag sie nicht. Klischeehafte Charaktere, oberflächliche Texte die zu banal sind, um wirklich lustig zu sein, und billige Situationskomik. Immerhin kenne ich jetzt dieses früher sehr beliebte Werk.

Was hat mir gefallen? Eine Augenweide waren die von einem barocken Bilderrahmen eingefasste Bühne, die bunten Kostüme, die Personenregie und Choreographie. Da war Schwung drin. Regisseur Axel Köhler versuchte eine Auffrischung des Stückes durch viele aktuelle und lokale Bezüge, und durch eine ironische Überhöhung des Geschehens. Oft war das nicht überzeugend. Die Abfolge weithin bekannte „Wiener“ Melodien regte zunächst an, begann dann aber zu ermüden. Dirigent Benjamin Reiners vermied den schmalzigen Klang und brachte viel erfrischende Dynamik in die Musik. Die Singstimmen waren fast allesamt herrlich anzuhören und passten in der Klangfarbe gut zusammen. Adele (Lavinia Dames) erhielt mit Recht den stärksten Applaus, abgesehen vom Interpreten der Sprechrolle des Gefängniswärters Frosch, dem 81-jährigen Wolfgang Reinbacher vom D’Haus. Leider waren viele seiner Bemerkungen etwas seicht und von vordergründigem Humor. In dieser Phase ging der Schwung der Aufführung verloren, und man wartete auf ein Ende des letzten Aktes. Zum Schlussgeschehen viel dem Regisseur leider nichts Originelles oder wenigstens Belebendes ein.

Fazit: Der schwungvolle Beginn, die Bühne, Kostüme und fröhliche Musik regen an, dann aber geht Vieles in Klamauk, Banalität und spannungsarmer Handlung unter.

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Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt.

 

Kurzweilig, spannend und kontrastreich

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Annette Hausmann über die Premiere von „La Bohème“

„La Bohème“ von Giacomo Puccini ist bis heute eine der meist aufgeführten Opern, deren Geschichte vom Leben, der Liebe und dem Leiden verarmter Bohemiens erzählt. Fernab der bürgerlichen Normen leben sie ihre Kunst und lassen sich trotz widriger Umstände das Träumen nicht nehmen.

Musikalisch gesehen verzauberte mich dieser Premierenabend auf wundersame Weise. Unter der Leitung von Antonino Fogliani gelang es den Duisburger Philharmonikern auf höchstem Niveau Puccinis wunderbare Musik, die voller Emotionen und harmonisch warmer Klänge „steckt“, ausdrucksstark und präzise darzubieten.

Ebenso bemerkenswert waren die schauspielerischen und gesanglichen Leistungen der Solisten sowie des Opernchors. Im Einklang mit dem Orchester sangen sie ihre jeweilige Rolle authentisch, einfühlsam und zugleich gefühlsstark. Die Wärme und Harmonie, die die einzelnen Stimmen in ihrer Gesamtheit im Duett und Quartett ausstrahlten, gingen regelrecht „unter die Haut“.

Allerdings gelang es mir im Verlauf der Opernpremiere nicht, mich ausschließlich auf eine „musikalische Traumreise“ zu begeben, da die Inszenierung des jungen Regisseurs Philipp Westerbarkei und das Bühnenbild von Tatjana Ivschina bewusst einen absoluten Gegenpol dazu setzten.

Westerbarkei ließ die gesamte Liebes- und Lebensgeschichtete der Bohemiens als eine Art Erinnerungsfilm Rudolphos an seine geliebte Mimì in einem halbrunden, blassgrün gekachelten Raum spielen, der eher einem Sanatorium oder einer Psychiatrie glich. Bis zum Schluss verströmte diese Inszenierung in Verbindung mit dem Bühnenbild eine gewisse sterile Kälte, schaffte Irritationen und forderte den Zuschauer nicht nur kognitiv, sondern auch zu eigenen Interpretationen heraus.

Die Oper „La Bohème“, mit der Westerbarkei durch seine „klinisch-reine“ Inszenierung „verstaubte“ Opernstrukturen aufbricht, kann ich nur empfehlen. Sie ist kurzweilig, spannend und kontrastreich. Sollte das Moderne zwischenzeitlich zu sehr irritieren – einfach Augen schließen und der herrlichen Musik lauschen.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an einer Montessori-Grundschule in Duisburg-Bissingheim, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Der Austausch zwischen den Opernscouts schaffe „eine andere Wahrnehmung von Oper und Ballett“. In ihrer ersten Spielzeit begeistert sie ganz besonders  Martin Schläpfers Ballett „Schwanensee“: „Mit seiner Kraft und Ausdrucksstärke war es eine der genialsten Vorstellungen meines Lebens“.

 

Ein gelungener Abend

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Christiane Hain über die Premiere von „La Bohème“

Eine der bekanntesten Opern von Giacomo Puccini ist „La Bohème“. Sie erzählt von dem einfachen Leben der Bohemiens die sich gegen die Normen der bürgerlichen Gesellschaft stellen, wenig Geld haben, aber von der Freude und der großen Liebe im Leben träumen.

Dies ist das erste Mal, das ich diese Oper höre und sehe. Um mein Fazit vorwegzunehmen: Reingehen, sich von der Musik verzaubern lassen und die zeitgenössische Inszenierung auf sich wirken lassen. Es ist ein gelungener Abend.

Der Zuschauer wird von Anfang an von der Musik Puccinis, die voller Emotionen ist, mitgenommen auf eine Reise durch das Leben bzw. die Erinnerungen des  Rodolfos, an seine Zeit in Paris. Das Stück wird getragen durch die Musik, die hervorragend durch die Duisburger Philharmoniker zusammen mit ihrem Dirigenten interpretiert wird.

Die schauspielerische und gesangliche Darbietung von Rodolfo und seinen Freunden ist auf einem sehr hohen Niveau  und sehr ausgewogen. Die vier Darsteller lassen das Leben zwischen Hunger, Trauer,  Suche nach Liebe und ausgelassener Freude sehr lebendig werden. Mimì und Musetta sind zwei ganz unterschiedliche Frauen, die eine sehr ernsthaft und die andere sehr flatterhaft. Es ist sehr interessanter, dass beide Frauen dieselbe Frisur und Kleidung haben, dadurch identisch wirken und so eine Typisierung für die Liebe stattfindet.

Wer bei „La Bohème“ nun ein opulentes Bühnenbild erwartet, wird enttäuscht. Die Hauptakteure verlassen in den 4 Bildern nicht den Raum. Der Zuschauer muss sich die räumlichen Wechsel vorstellen, was nicht immer einfach ist. Der Raum mit grünen Fliesen an der Wand lässt den Zuschauer fragen, ob es sich hierbei um ein Schwimmbad, Raum in einem Bahnhof oder Sanatorium handelt. Auf jeden Fall symbolisiert dieser die Kälte, in der die Bohemians leben, da sie einfach kein Geld zum Heizen haben. Ein guter Einfall ist die zweite Ebene, auf der das Treiben auf dem Weihnachtsmarkt stattfindet. Dies wird hervorragend durch den Chor der deutschen Oper am Rhein und dem Kinderchor in Szene gesetzt. Hervorzuheben sind hier auch die tollen Kleider der Pariser Bürger.

Der junge Regisseur Philipp Westerbarkei fordert in der Inszenierung den Zuschauer heraus, sich mit dem Stück auseinanderzusetzen, man muss aufpassen, um alle Details zu bemerken. Es bleiben einige Szenen ungeklärt, offen und unterschiedlich interpretierbar. Dies schien nicht allen Zuschauern zu gefallen, die ihr Missfallen auch am Ende durch einige Buhrufe bekundeten. Überwogen hat jedoch die Zustimmung zur Musik und Inszenierung.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Christiane Hain
Application Managerin

Christiane Hain arbeitet im IT-Bereich einer Bank in Düsseldorf. Sie ist in der Neckarstraße Duisburg aufgewachsen – in Sichtweise des Theaters, das ein fester Bestandteil im Familienleben war: Die Großmutter, die Eltern, die Schwester und sie selbst – alle waren regelmäßige Theaterbesucher. Ihre Tätigkeit als Opernscout führt dazu, dass sie wieder bewusster ins Theater geht und die Aufführungen als einen wichtigen Ausgleich zum Berufsleben betrachtet.

Eine Oper über die Eindrücke des Lebens

06.11.2019, DU Duisburg , Deutsche Oper am Rhein, Theater der Stadt Duisburg , Generalprobe.
06.11.2019, DU Duisburg , Deutsche Oper am Rhein, Theater der Stadt Duisburg , Generalprobe.

Vinuar Amuka über die Premiere von „La Bohème“

La Bohème, die Oper über die Eindrücke des Lebens in der Großstadt, der unverhofften und stark empfundenen Liebe; über das Leben der Bohemien, jene unbekümmerte und unkonventionelle Künstlernatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Jene, die oftmals verarmt, das Leben improvisieren, frei gestalten, abseits der bürgerlichen Normen.
Folgerichtig interessierte mich beim Besuch der Oper, wie das aktuellste aller Themen im Leben, nämlich wie die Liebe in dieser Aufführung inszeniert wird.

Das erste Bild erscheint entgegen dem Erwarteten nicht jene Mansarden Kemenate hoch oben unter dem Dach, die oft beschrieben den Rahmen für die Handlung gibt, sondern ein eintöniger Raum einem Keller oder Krankenhauszimmer ähnelnd, halbrund und kleiner als die Bühne an sich. Genau in diesem Raum werden die persönlichen, subjektiven und augenblicklichen Eindrücke dargeboten, die mich und auch das Publikum sofort zum Teil der Handlung und des Geschehens machte.

Die ersten Handlungssequenzen im „Kellerraum“, die mehr oder minder miteinander verbunden sind, fordern zunächst die höchste Konzentration, um das Geschehen zu verstehen und einzuordnen.
Die Bohemien, deren Schicksal in diesem Raum miteinander verknüpft zu sein scheint und die gar gleich gekleidet sind. Sie erleiden Armut und Not. Scheitern im Alltäglichen (Rodolfo verbrennt sein literarisches Werk, um nicht zu erfrieren). Schaffen es dennoch durch skurrile Zufälle und Finessen das Alltägliche zu überstehen.

Ganz unverhofft lernt Rodolfo genau in diesem Raum Mimì kennen, die sich scheinbar dorthin verirrt hat.
Es ist Liebe auf den ersten Blick, ergreifend und fesselnd.

Die Freunde wollen in einem Café feiern, die Vorweihnachtszeit genießen.
In der Inszenierung zeigt sich das Pariser Stadtleben, oberhalb des Raumes der Bohemien, wie eine Art parallele Realität zum Leben dieser. Die Pariser vergnügen sich mit Einkäufen von Spielzeug, in opulenter, rötlicher ausgestatteter Kleidung, mit aufeinander abgestimmten Bewegungen, während im Raum gegen Hunger und Not getrotzt wird.

Im zweiten Bild der Oper entwickelt sich ein sehr spannungsreicher Contest der Arten der Liebe. Welche Art der Liebe ist standhafter? Die lockere, offene Liebe zwischen Marcello und Musetta? Unstetig, unverbindlich, die Freiheit der Taten ermöglicht (Musetta lässt sich von älteren Liebhabern aushalten).
Oder die tiefe Liebe zwischen Rodolfo und Mimì, die letztendlich von Zwängen und Pflichten belastet wird?

Besonders ergreifend im dritten Bild und im Wesentlichen durch die Musik Puccini’s, die äußerst fließende und weiche Übergänge hat, dadurch vollkommen harmonisch die Trennung der sich liebenden Mimì und Rodolfo begleitet und erlebbar macht. Wer hat sich noch nicht so verzweifelt gefühlt wie Mimì, als sie die Trennung versuchte zu überstehen? Alleine, an einer Wand lehnend?

Mimì und Rodolfo mussten sich zwar trennen, verschoben aber die Trennung bis zum Frühling, um im Winter nicht vereinsamt zu sein.

Im vierten Bild schließlich muss Mimì durch eine lang andauernde Erkrankung sterben. Trotz der Versuche Musetta’s und der Bohemien, das letzte Hab und Gut zu verkaufen, um medizinische Hilfe herbeizuschaffen.

In tiefster Trauer, durch einen expressiven Schrei Rodolfo’s zutiefst erlebbarer Schmerz um den Tod Mimì’s, der nur durch die hervorragende schauspielerische Fähigkeit der darstellenden Künstler ermöglicht wird, endet die Handlung der Oper, nur ahnend, ob all das ein Wahnsinn, eine Erinnerung oder doch eine Momentaufnahme des wahren Lebens ist?

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Vinuar Amuka
Sozialpädagogische Familienhelferin

Die 37 jährige Irakerin lebt seit ihrer Jugend in Deutschland und arbeitet als sozialpädagogische Familienhelferin. Sie hegt eine starke Begeisterung für Oper und Ballett. Um Inszenierungen besser bewerten und nachvollziehen zu können nimmt sie Gesangs- und Klavierunterricht. Als Scout erhofft sie sich die Oper noch intensiver zu erleben und wahrzunehmen. Sie findet, dass man in der Oper „vielem aus dem realen Leben begegnet, aber ganz anders damit umgeht“.

La Bohème als Kammerspiel

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von „La Bohème“

Eigentlich ist diese La Bohème ein Kammerspiel: das Geschehen spielt sich von Anfang bis Ende in einem Raum ab, es sind nur sieben Personen beteiligt und der thematische Schwerpunkt lässt sich (vielleicht etwas reduziert ausgedrückt) mit einem Wort umreißen: die LIEBE. Es sind verschiedene Facetten der Liebe, die in der Duisburger Bohème die Hauptrolle spielen: oberflächliche, einseitige, eifersüchtige, tief empfundene und enttäuschte Liebe… die sechs Hauptpersonen verzaubern durch eine riesengroße stimmliche Intensität kombiniert mit einer großartigen schauspielerischen Leistung. Alles wirkt echt, authentisch und ungekünstelt – dadurch fesseln die Figuren und ihr Schicksal wirkt aufrichtig anrührend. Das ist zu einem großen Teil der Verdienst der Sänger, deren Stimmen so wunderbar passend ausgewählt sind, dass die Besetzung nicht besser sein könnte. Den anderen Teil des Lobs verdient die Inszenierung des jungen  Philipp Westerbarkei: sein Kammerspiel im halbrunden, gekachelten Raum wirkt zu Beginn nüchtern und räumlich wie atmosphärisch begrenzt, so dass man einen Moment lang befremdet ist. Aber schnell und beinahe unmerklich wird die vermeintliche Leere im Lauf der ersten Szenen schon durch so intensives Spielen, packenden Gesang und aufmerksames Wahrnehmen-Wollen aller Details mit reichlich Atmosphäre und Stimmung gefüllt. Die einzige große Veränderung der Bühnensituation, bei der eine Marktszenerie im oberen hinteren Bühnenbereich sichtbar wird, ist dabei überraschend, sehr effektvoll und wirkt wie ein „Bild im Bild“. Diese, wie auch andere dramaturgische Feinheiten erschließen sich nicht immer sofort – das macht aber nichts, sind es doch gerade diese Eindrücke, die noch lange nachwirken und zum nachträglichen Rätseln und Heruminterpretieren einladen…

Die Duisburger Philharmoniker haben sich bei der Premiere mit Ruhm bekleckert: ein wunderbarer Orchesterklang, dicht und homogen und trotzdem bis in die einzelnen Instrumentengruppen hinein durchsichtig und klangschön. Nach einem recht voluminösen Einstieg ist das Orchester in musikalischer Hochform gewesen – Puccinis zeitlose, bewegende und schöne Musik war in besten Händen.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Ein gelungener Abend mit nachwirkenden Eindrücken

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Dagmar Ohlwein über die Premiere von „La Bohème“

Für mich war diese Puccini Oper eine großartige Aufführung in moderner Form. Der Abend hat mich begeistert zum einen durch die wunderbaren Stimmen der Protagonisten, allen voran Liana Aleksanyan als Mimi und Eduardo Aladrén als Rodolfo. Ihre Stimmen berührten mich tief und klingen noch nach. Zum anderen rundeten Chor und Kinderchor und die Duisburger Philharmoniker einmal mehr die überragende Darstellung hervorragend ab.

Wahrhaft überzeugend wirkte auf mich die schauspielerische Leistung insbesondere der vier Bohemiens, dargestellt von Bogdan Baciu, Luke Stroker, Eduardo Aladrén und Richard Šveda. Die Regiearbeit von Philipp Westerbarkai ist eine Inspiration für „altehrwürdige“ Opern,  diese in eine für unsere Zeit moderne Form zu bringen. Große Operngesten, deren Bedeutung oft gar nicht mehr bekannt ist, fehlen wohltuend. Das Auftreten der Darsteller ist zeitgemäß, so dass die Botschaft des Stückes meiner Meinung nach viel intensiver hervortritt: das Leben der Bohème; diese Kunst, die gekennzeichnet ist durch nicht nachlassende Selbstinszenierung und dem Versuch mit Nichtstun trotzdem ein komfortables, luxuriöses Leben zu führen. Dabei scheitern sie, die Bohemiens, allerdings gnadenlos  an den Notwendigkeiten des alltäglichen Lebens.  Vermeintliche Kreativität, schwache künstlerische Fähigkeiten und Selbstbetrug lassen sie auf ihrer Suche nach dem paradiesischen Leben in einer traurigen, verzweifelten Situation enden. Hervorragend wurde das bei dieser Aufführung herausgearbeitet

Nicht ganz erschlossen hat sich für mich in seiner Bedeutung das Bühnenbild, desweiteren das fast schon unsäglich nervende Hantieren Rodolfos mit seinen Manuskript-Blättern.

Ein Besuch der Oper lohnt sich in meinen Augen in jedem Fall, ein gelungener Abend mit noch nachwirkenden Eindrücken. Ein großes Lob geht an alle Darsteller und Philipp Westerbarkai.

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Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin ist gerade im Ruhestand angekommen und widmet nun einen großen Teil ihrer Zeit der Kultur. Das heißt für sie regelmäßig diverse Kulturangebote warzunehmen. Als Jugendliche hat sie „direkt um die Ecke“ vom Theater Duisburg gelebt und so schon immer viel Kontakt zur Kunst gehabt. Sie ist sehr gespannt auf ihr erstes Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2019/20.