Ein Auf und Ab der Gefühle

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FOTO: Hans Jörg Michel

Henning Jüngst-Warmbier über die Premiere von „Madama Butterfly“

Wie sehr hatte ich mich auf den Abend gefreut, war es zwar nicht meine 1. Butterfly, so jedoch die erste, bei der ich öffentlich meine Meinung kundtun durfte. Kurz und gut, die Aufführung konnte mich von der Inszenierung und auch teilweise von den Stimmen her wahrlich nicht überzeugen. Das Orchester begeisterte mich vollends und das rettete mich über und mir den Abend. Der 1. Akt in der amerikanischen Botschaft gefiel mir gut, brachte er doch die ganze Kälte und Macht der amerikanischen Invasoren zum Ausdruck. Der Konsul war eine echte Offenbarung für mich, während Herr Pinkerton einen das Grausen lehrte. Ein großes Glück für das Auditorium, dass er im 2. Akt nicht mehr sonderlich in Erscheinung trat. Cio-Cio San bezauberte mich mit Ihrer wunderbaren Stimme, überzeugte mich aber überhaupt nicht in der Darstellung einer 15 jährigen Geisha… Und das Zitat der Bomben ist schon vor 40 Jahren während des Vietnamkrieges bemüht worden und macht es deshalb auch nicht besser. Trotzdem berührt mich jede Butterfly, da konnte auch die sehr eigenwillige Deutung des Selbstmordes bei mir ein tiefes Durchatmen nicht verhindern…

Opernscouts 2017 - Henning JŸngst-WarmbierHenning Jüngst-Warmbier
Freiberuflicher Dozent an der Zukunftswerkstatt Düsseldorf
Nach seiner langjährigen Tätigkeit als Hoteldirektor in Düsseldorf bringt Henning Jüngst-Warmbier seine berufliche und pädagogische Erfahrung heute ehrenamtlich in der Zukunftswerkstatt Düsseldorf ein: Seit mittlerweile acht Jahren realisiert er dort Projekte für und mit Langzeitarbeitslosen, Migranten und Flüchtlingen. Mit dem Kulturleben der Stadt ist er seit vielen Jahren über Freunde und Bekannte verbunden. Als Opernscout möchte er seine eigene Sichtweise präsentieren, über seine Empfindungen sprechen und erzählen, wie er das Gesehene erlebt hat.

 

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Große Momente

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FOTO: Hans Jörg Michel

Georg Hess über die Premiere von „Madama Butterfly“

Im ersten Akt, in welchem die Annäherung und die spätere Hochzeit der Geisha Butterfly und des amerikanischen Marineoffiziers Pinkerton dargestellt wurden, begeisterte mich besonders das gewaltige Bühnenbild mit den später einstürzenden Säulen, die den Beginn der Leidenszeit der Butterfly markierten. Ganz anders die Szenerie im weiteren Verlauf der Oper: Ein Gerüst wie auf einem Abenteuerspielplatz als Aussichtsturm der Hauptdarstellerin und ein darum kreisendes Miniaturschiff, veralberten eher die ernste Situation – da hätte ich mir etwas Markanteres gewünscht. Stimmlich war die Butterfly (Liana Aeksanyan) überwältigend, besonders die berühmte Arie „Un bel di vedremo“ war ein erster famoser Moment, der den Besuch dieser im Jahre 1904 erstmals aufgeführten Oper von Puccini für sich alleine schon lohnt. Zoran Todorovich (Pinkerton), der mir letztes Jahr in Otello mein größtes Opernerlebnis bescherte, wird mir aus dieser Ausführung leider nicht nachhaltig in Erinnerung bleiben. Der Konsul Sharpless (Bogdan Baciu) konnte zumindest an diesem Abend mich und das übrige Publikum eher überzeugen. Nachdem ich mich mit der atonalen Musik in der kürzlich in Düsseldorf aufgeführten Oper ‚Wozzeck‘ gar nicht anfreunden konnte, bot mir diesmal die Musik der Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Antonino Fogliani einen 2 1/2 stündigen Hörgenuss. Besonders eine längere gesanglose Passage zum Ende des zweiten Aktes, in welchem das sehnsüchtige Warten von Butterfly auf die Rückkehr Pinkertons von den Düsseldorfer Symphonikern ausgedrückt wurde, war für mich an diesem Abend ein Highlight dieses Klassikers.

Opernscouts 2017

Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

Ein musikalischer Hochgenuss

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FOTO: Hans Jörg Michel

Katrin Gehlen über die Premiere von „Madama Butterfly“

Diesmal bin ich wohl mit hoher Erwartung gekommen: Nicht ratsam, fällt es einem doch dann schwer, unvoreingenommen zu bleiben und offen und neugierig sich der neuen Situation anzupassen. Musikalisch war der Abend ein Hochgenuss, hervorragend die Stimmen der Cio-Cio-San und des Konsuls, welcher eindeutig mein Favorit war. Optisch jedoch konnte ich mich mit der Inszenierung nicht anfreunden, fand keinen Zugang, ich blieb unberührt. Da half auch diesmal kein Kind auf der Bühne. Als Zuschauer war ich weit weg auf meinem Opernstuhl. Schloss ich zwischendurch dagegen die Augen, wurde ich mitgerissen in einen gefühlvollen Wirbel aus Schmerz und Hingabe. Das sehr amerikanisch stilisierte Bühnenbild hat wohl sicherlich seinen Zweck erfüllt, nämlich eine kühle Atmosphäre zu schaffen. Mir fehlte allerdings ein sichtbarer Kontrast, der die japanische Tradition wiedergegeben hätte. Etwas, an was ich mich hätte halten können, um einen visuell-emotionalen  Zugang zu finden. Auch fehlte mir persönlich so etwas wie eine Gruppendynamik. Aber vielleicht lässt das Thema des Stücks dies nicht unbedingt zu, da sich jeder nun mal in sein eigenes Schicksal oder in seine eigene Rolle einbringen soll, was die Madama Butterfly unter dieser Betrachtung wirklich hervorragend dargestellt hat.

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Katrin Gehlen
Modedesignerin
Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus.

Die späte Rache der Cio-Cio-San

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FOTO: Hans Jörg Michel

Hilli Hassemer über die Premiere von „Madama Butterfly“

Der Vorhang hebt sich und mir stockt kurz der Atem. Ein architektonischer Irrwitz, der ad absurdum geführte Säulenwald der amerikanischen Botschaft.  Dieses zuviel an Beton stellt die brutale  (aber auch lächerliche) Übermacht der amerikanischen Kolonialmacht dar.  Das Modell eines japanischen Hauses, welches Pinkerton sich erhandelt hat, wie auch die Ehe mit der Geisha, es wirkt wie ein verlorenes Kleinod in dieser erschlagenden Kulisse. Der Zusammenprall der antagonistischen Kulturen Amerikas und Japans wurde in meinen Augen von Alfons Flores in diesem Bühnenbild überzeugend in Szene gesetzt. Unvergessen bleibt mir der erste Auftritt  Liana Aleksanyans als Butterfly mit den wunderbaren Sängerinnen des Opernchores. Inmitten der abweisenden Säulen-Szenerie gleitet  Cio-Cio-San umgeben von ihren  Freundinnen über die Drehbühne in den Vordergrund. In ein fast überirdisches Licht getaucht, Papierschirme haltend, wie eine Ansammlung zauberhafter Schmetterlinge, singen sich die Frauen vor das Publikum. Butterflys schöne Stimme übertönt alle und berührt mich augenblicklich. Man möchte einfach, dass dieser traumhafte Moment nicht zu schnell vergeht und ahnt schon: Das flüchtige, poetische Intermezzo, diese heile märchenhafte Frequenz, sie ist ein Traum und der hellste Moment dieser Aufführung. Die Tragödie nimmt zwingend ihren Verlauf. Pinkerton, mit seinem chauvinistischen Credo „America Forever“, verkörpert sehr zeitgemäß den amerikanischen Antihelden. Das Ende des ersten Aktes ist fulminant und verstörend. Assoziationen zum Atombombenabwurf auf Nagasaki sind unvermeidlich, – für mich an dieser Stelle zu eindeutig. Das Geräusch des Flugzeuges evoziert die Kriegsassoziation und überlädt die Szene mit Bedeutung. Pinkerton verlässt Japan. Dies ist der Abschied von den illusorischen  Erwartungen einer Fünfzehnjährigen: Butterflys Welt bricht zusammen und steht in Trümmern, innen wie außen. Diese düstere Trümmerlandschaft ist das Setting bis ans traurige Ende Butterflys. Emma Sventelius als Suzuki im Blumenduett mit Cio-Cio-San ist hinreißend. Im langen Orchesterspiel am Ende des zweiten Aktes kommt man in den puren Genuss der Qualität der großartigen Düsseldorfer Symphoniker und der wunderbaren Musik Puccinis. Zoran Todorovich in der Rolle des Pinkerton reicht mit seiner Stimme an diesem Abend nicht an Butterfly oder den großartigen Bogdan Baciu in der Rolle des Konsul Sharpless heran,  er wirkt verhalten, vielleicht erkältet und kann nicht betören. Während der Proben überzeugte Liana Aleksanyan, die Butterfly, den Regisseur von einer Änderung seines Regiekonzepts: Sie wollte, dass Pinkerton ihren Selbstmord miterlebt und diesen Alptraum mit in sein zukünftiges Leben nimmt. Die späte Rache der Cio-Cio-San.

Opernscouts 2017Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin
Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Damals noch fremd in der Stadt und mit einem „Hardcorde-Wagnerfan“ befreundet, wurde die Oper unverhofft Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Lebens. Jetzt will sie sich wieder intensiver mit Oper und Ballett befassen – genau hinschauen, zuhören, das Erlebte beschreiben. Sie sagt: „Es ist schön, wenn man sich selbst und seiner Meinung vertraut.“

Erschreckend und tragisch zugleich – die Liebesgeschichte einer 15-Jährigen

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FOTO: Hans Jörg Michel

Jenny Ritter über die Premiere von „Madama Butterfly“

Die Musik und die Stimmen waren schön. Der Konsul und die Butterfly waren sehr beeindruckend. Gut gefallen hat mir auch Suzuki. Das Bühnenbild war für die ersten Bilder passend, jedoch störte mich im Laufe des Stückes das ewige „Karussellfahren“. Der plötzliche Bombenabwurf war für mich 40 Jahre zu früh – jedoch drückte er den Seelenzustand der Cio-Cio-San aus. Die Geschichte ist bekannt und doch immer wieder erschreckend, wie Männer in einflussreichen Positionen – und die Gewinner des Krieges – sich nehmen, was sie wollen und das für wenig Geld. Butterfly, eine 15-jährige Geisha (ein Kind), träumt von einer anderen Welt und gibt dafür alles auf, auch sich selber, dafür zahlt sie den höchsten Preis: Sie gibt ihr Leben. Die ganze Tragik lag in der Szene des Wartens auf den Geliebten auf dem „Aussichtsturm“ – nur Instrumentalmusik: Tragisch, traurig, hoffnungslos! Wie ihr Leben. Puccini sagt: „Chi ha vissuto per amore, per amore si mori“ (Wer nur durch die Liebe gelebt hat, wird durch die Liebe sterben“).

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Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin
Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und ist gespannt, wie es weitergeht.

Weniger ist mehr

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FOTO: Hans Jörg Michel

Susanne Bunka über die Premiere von „Madama Butterfly“

Ein schwacher Zoran Todorovich als Pinkerton; eine Liana Aleksanyan, die zunächst nicht der Vorstellung einer zarten, 15-jährigen Geisha entsprach, dann stimmlich mehr als überzeugend die Madame Butterfly gab… Dieser Opernabend war ein Wechselbad der Gefühle und des Hörgenusses. Diese Oper bietet eine zu Herzen gehende, traurige Liebesgeschichte und ergreifende Musikpassagen. Doch aufgrund einer zeitweise übertriebenen Regiearbeit, die manchmal nach Schlichtheit schrie, fiel es mir schwer, mich fallen zu lassen und das Leid Cio-Cio-Sans wirklich mitzufühlen. Weniger wäre mehr gewesen!

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Susanne Bunka
Inhaberin des Angercafés in Urdenbach
Vor drei Jahren hat sich die ehemalige Kinderkrankenschwester Susanne Bunka einen Traum erfüllt: Zusammen mit ihrer Tochter betreibt sie das Angercafé in Urdenbach – ein Treffpunkt für alle Generationen, in dem auch Lesungen und kleine Konzerte und Chorproben stattfinden. Sie liebt die großen Opernklassiker, ist gleichermaßen offen für zeitgenössisches Musiktheater und Ballett und freut sich darauf, Ihre Eindrücke im Gespräch zu vertiefen.