Neue Wege

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Petruschka – FOTO: Hans Jörg Michel

Georg Hess über die Premiere von „Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges“

„Bin ich tatsächlich in der Oper?“ mag sich der ein oder andere der Besucher an diesem Premierenabend verwundert  gedacht haben. Der Vorhang öffnet sich zunächst für eine Art Zeichentrickfilm, welcher den Zuschauer in eine russische Jahrmarktatmosphäre zu Anfang des letzten Jahrhunderts versetzt. Nach einigen Minuten werden drei leibhaftige Akteure, keine Opernsänger sondern vielmehr Artisten, in die Handlung eingeflochten. Jeder Schritt, jede Bewegung von ihnen ist genau einstudiert und passt sekundengenau zum Animationsfilm, so dass sich die handgezeichneten Bilder mit ihrem Spiel und ihren artistisch und manchmal waghalsigen Kunststücken verbinden, alles untermalt von der fabelhaften Musik Strawinskys, vorgetragen im verborgenen Orchestergraben von den Düsseldorfer Symphonikern unter der Leitung von Marc Piollet. Den Bühnenkünstlern nimmt man sowohl optisch als auch schauspielerisch ihre jeweiligen (wort- und gesanglosen) Rollen als clownesker Petruschka (überragend ausdrucksvoll Tiago Alexandre Fonseca), als zauberhafte, akrobatische Ptitschka (Pauliina Räsänen) und als Kraftprotz Patap (Slava Volkov) ab. Es passt alles wunderbar zusammen. Mal lustig, mal romantisch, mal beängstigend, mal traurig, mal temporeich, mal beschwingt und schließlich mit der Botschaft über das große Gut der Freiheit, die Petruschka am Ende leider nur im Tod findet. Der zweite Teil des Abends ist eine ähnliche Arbeit. Wieder treffen sich Trickfilm und Akteure, diesmal allerdings in größerer Zahl und mit viel Gesang, sogar der Chor der Deutschen Oper nimmt teil. Die Szenerie findet diesmal in einem Kinderzimmer statt, in welchem ein Kind (dargestellt durch Kimberley Boettger-Soller) zunächst seine Umgebung (insbesondere Gegenstände und Tiere) malträtiert, die sich dann wehrt und schließlich das Kind zur Räson bringt. Auch hier fasziniert der perfekt aufeinander abgestimmte Ablauf des Films mit den tatsächlichen Aktionen der Bühnenspieler. Jede Mimik stimmt zur Animation, wenngleich die Handlung im Vergleich zum überragenden ersten Stück nach meiner Einschätzung zurückbleibt und die Kostüme zwar sehr ideenreich aber teilweise verspielt und gelegentlich bieder wirken. Dennoch ist auch „L’Enfant et les Sortilèges“ ein künstlerisches Highlight. An diesem Abend habe ich mächtig gestaunt über die Verwebung von Film, Varieté, Komik und klassischer Musik um am Ende vollauf begeistert zu sein von der Konzeption der britischen Theatergruppe „1927“.
Eine wirkliche Empfehlung für alle, die Oper für verstaubt und altbacken halten.

Opernscouts 2017

Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

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Petruschka in der Oper am Rhein – Strawinsky besonders erleben!

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Petruschka FOTO: Hans Jörg Michel

Katrin Gehlen über die Premiere von „Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges“

Es war ganz anders als erwartet! Großartig! Normalerweise bin ich es gewohnt, ein solches Programm beim Düsseldorf-Festival zu sehen – dann jedoch nicht Akrobatik in Kombination mit einem solch hervorragenden Orchester, sondern nur mit musikalischer Untermalung vom Band. Hier stimmte alles, allenfalls der klassische Opernbesucher könnte etwas irritiert sein, da er einfach anderes gewohnt ist. Mir persönlich hat das erste Stück des Abends sehr gefallen. Ich liebe Jahrmärkte der Jahrhundertwende (auch wenn ich sie selbst in meinem Leben nie erlebt habe ;-) sie haben so etwas Skurriles. Fettleibige Schausteller, Hau den Lukas, Ganzkörpertattoos, eigenartige Kreaturen und ein gaffendes Publikum. Darunter 3 Figuren eines Schaustellers, die zu Leben erweckt werden, sich ihrer hoffnungslosen Situation in Gefangenschaft bewusst werden und dabei unter ununterbrochener Beobachtung des Publikums stehen.
Das nächste Stück erinnerte mich sehr an Shockheaded Peter, alias Struwwelpeter, welches vor mehr als 10 Jahren im Schauspielhaus hier in Düsseldorf zu sehen war. Ein nerviges Kind, was mit Hilfe von Lektionen lernt, Mitgefühl und Dankbarkeit zu entwickeln. Und das alles auf sehr außergewöhnliche Art und Weise präsentiert, als eine Mixtur aus Comic, realen Darstellern und fantastischer Musik.

Opernscouts 2017Katrin Gehlen
Modedesignerin
Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus.

Der Zirkus auf der Bühne als Computeranimation?

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Petruschka – FOTO: Hans Jörg Michel

Jenny Ritter über die Premiere von „Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges“

Petruschka – Strawinsky
Mich störte die Art, wie die Stücke dargestellt wurden,  sehr: Die computererstellten Bilder, die ganz mühelos Tiere zerreißen können siehe „Tom und Jerry“; die überdimensionalen Vögel, die ungelenkig über die Bühne fliegen; die überdimensionalen Menschen, die einfach immer nur mit den Augen rollen – was soll das? Mir sind solche Bilder zu starr und zu steif. Die Artisten waren gut, doch wenn ich Zirkusartisten sehen will, gehe ich in den Zirkus –  der reizt mich aber nicht wirklich.

L’Enfant et les Sortilèges – Ravel
Hier waren immerhin schon mal mehr Menschen auf der Bühne, was mir besser gefallen hat. Aber auch hier: Was sollen die computererstellten Bilder? Traut man dem Publikum keine Phantasie mehr zu? Dieser Premierenabend entsprach nicht meinem Geschmack.

Opernscouts 2017

Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin
Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und ist gespannt, wie es weitergeht.

Film ab: Petruschka erobert mich auf Anhieb!

Petruschka_LEnfant_01_FOTO_HansJoergMichelHilli Hassemer über die Premiere von „Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges“

Zauberhafte, originelle und auch gruselige Bildcollagen, sie sind künstlerisch-grafisch ein helles Vergnügen und wirbeln Geist wie Sinne in die Jahrmarkt-Welt Russlands zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Vor dieser magischen Kulisse werden wir im Publikum zu staunenden Kindern. Ich bin entzückt von der intelligenten wundersamen Abfolge phantastischer Szenen. Auch die Geschichte rührt mich an. Freud und Leid der drei „Akrobaten-Puppen“ und letztendlich die Flucht Petruschkas vor den sadistischen Quälereien seines Meisters, – sie führt zu einem traurig schönen Ende. Der russisch-französische Maler Marc Chagall hätte sicher seine Freude an diesen bewegten Bildern gehabt, die Figuren erinnern mich an seine poetisch naiven Malereien, wo immer wieder einmal Mensch und Tier durch die Lüfte fliegen. Fliegen scheinen auch die drei britischen Artisten zu können, die mit großer Eleganz und Finesse zu Strawinskys Musik und phänomenal synchron mit der filmischen Ebene verschmelzen. Das Spiel ihrer Schatten in der Filmprojektion ist mir eine Augenweide. Man darf sich gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn ein akrobatischer Akt daneben ginge! In dieser perfekten, ineinander verzahnten Gesamtkomposition aus Musik, Film und echten Akrobaten muss jede Bewegung auf den Punkt stimmen. Die akribische und hochkomplexe Arbeit hinter diesem kurzweiligen Stück hat meine Bewunderung. „L’Enfant et les Sortilèges“ – obwohl mit der gleichen genialen künstlerischen Handschrift erschaffen,- erscheint mir etwas zu verblassen, hinter der opulenten „Petruschka“. Vielleicht liegt es auch an der Geschichte, die mein Interesse nur schwer binden kann, wohlmöglich auch, weil diese Musik Ravels mich nicht sonderlich berührt. Dennoch: großer Respekt vor der Leistung aller mitwirkenden Sängern, Chören und Musikern. Sehr erstaunt, wie viele Mitwirkende am Ende auf der Bühne erscheinen.
Das britische Trio namens „1927“ (Suzanne Andrade, Esme Appleton und Paul Barritt) hat die unvergessene Zauberflöte auf die Düsseldorfer Bühne gebracht – drei Mal hat sie mich schon begeistert und das vierte Mal steht im Juni an. Nun stammt die Inszenierung dieser beiden kurzen Opern von Strawinsky und Ravel erneut aus der Feder der Bilderwelt der drei Briten. Meine Erwartungen waren zugegeben hoch und auch dieser Abend war ein großes Vergnügen.

Opernscouts 2017

Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin
Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Damals noch fremd in der Stadt und mit einem „Hardcorde-Wagnerfan“ befreundet, wurde die Oper unverhofft Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Lebens. Jetzt will sie sich wieder intensiver mit Oper und Ballett befassen – genau hinschauen, zuhören, das Erlebte beschreiben. Sie sagt: „Es ist schön, wenn man sich selbst und seiner Meinung vertraut.“