Kontrastreich – wunderbar – auf höchstem Niveau!

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Annette Hausmann über die Premiere von „b.42“

Im Vorfeld hatte ich mich bereits aufgrund der hervorragenden Ballettinszenierungen im vergangenen Jahr auf die Premiere „b.42“ gefreut…- und ich muss sagen: ich wurde in keinster Weise enttäuscht!

Square Dance
Wohl überlegt und passend gewählt beginnt der Ballettabend mit Balanchines neoklassischem Stück „Square Dance“.
Auf den ersten Blick ist es Ballett in seiner „Reinform“.
Sechs Tänzerpaare tanzen geordnet auf einer „requisitenlosen“ Bühne, deren Wand türkis beleuchtet ist. Bekleidet sind sie entsprechend ihrer traditionellen, geschlechterspezifischen Rollen mit körperbetonten Trikots in Form von Röcken bzw. Hosen.
Durch Balanchines bewusste Reduzierung auf das Wesentliche tritt die Handlung in den Hintergrund. Stattdessen wird ein Freiraum geschaffen für das rein Visuell-Auditive, für den Tanz und die wundervolle barocke Musik von Vivaldi und Corelli.
Erst dadurch nehme ich die im Verlauf der Inszenierung mit eingeflossenen Elemente des amerikanischen Volkstanzes „Square Dance“ wahr.
So schweben die Tänzer nicht nur mit einer scheinbar sinnlichen Leichtigkeit über die Bühne, sondern zeigen im nächsten Moment ausdrucksstark und mit einer unglaublichen Schnelligkeit Tanzschritte, Figuren und Formationen, die ich in dieser Kombination bislang noch in keiner Ballettaufführung zu sehen bekommen habe. Insbesondere die expressive Beinarbeit fasziniert mich und mein Blick wird magisch davon angezogen.
Die beiden Solotänze von Sonja Dvorak und Orazio Di Bella, die ebenfalls der ehemalige amerikanische Startänzer Bart Cook einstudiert hat, machen deutlich, wieviel an Disziplin, Präzision, Ausdauer und Kraft von den Tänzern abverlangt wird, um Ballettkunst auf höchstem Niveau präsentieren zu können.

Symphonic Poem
Stille… – Dunkelheit…
So beginnt Remus Şucheanăs Uraufführung „Symphonic Poem“, zu der er sich durch die Komposition „Metacosmos“ der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir hat inspirieren lassen.
Inmitten dieser angespannten Stille erwachen die ersten Tänzer und beginnen sich wie tanzende Schatten über weiche fließende Bewegungen aus ihrer Kauerstellung zu befreien.
Mit Einsetzen der „metacosmischen“ Klänge werden für den Zuschauer allmählich die außergewöhnlichen und bunten Kostüme sichtbar, die an Kobolde oder Fabelwesen erinnern. Anfänglich scheinen die Klänge die Körper dieser Wesen in Bewegung zu setzen, doch im Verlauf der sich entfaltenden Klangwelt werden sie mittels ihrer weichen, leisen und oftmals synchronen Bewegungen eins mit dieser Musik und den dargestellten Naturphänomenen.
Es ist ein Geben und Nehmen, ein Kommen und Gehen…

Şucheană ist es auf geniale Weise gelungen, seine Ballettinszenierung auf drei Ebenen (Orchestergraben, Bühne und über den Tänzern schwebende Schlagzeuger-Podeste) „spielen“ zu lassen, um so den Untergrund, die Erde und den Himmel darzustellen. Chapeau!

Reformationssymphonie
Mit Martin Schläpfers „Reformationssymphonie“ ist der Spannungsbogen des Ballettabends „b.42“ vollendet. Wieviel Tiefgründiges, Sinnliches und zugleich aufwühlend Nachdenkliches in einer Choreographie „stecken“ kann, die eine historische, lutherbezogene Geschichte vom Glauben und (Ver-)Zweifeln erzählt, hat Schläpfer wieder einmal bewiesen.

Gleich zu Beginn werde ich mit Gegensätzen und Kontrasten konfrontiert, die mich spüren lassen, dass ich keine Zeit zum Träumen habe, sondern gesellschaftskritisch mitdenken und konzentriert sein muss.
Wie aus dem dunklen Schein der Nacht treten die Tänzer tippelnd, dynamisch in einheitlichen, enganliegenden schwarzen Trikots auf die Bühne. Die traditionellen Geschlechterrollen verschwimmen… – Männer, die anmutig im Duett miteinander tanzen oder Frauen, die sich impulsiv und lautstark mit schwarzen Spitzenschuhen „Gehör“ verschaffen. Ausgelöst durch diese Art der Inszenierung und die dazu passende, ausdrucksstarke Musik von Mendelssohn-Bartholdy lassen mich die Gedanken vom Drang nach Freiheit, aber gleichzeitigem Gefangensein, von der Individualität und Gleichheit eines jeden Menschen und dem Wunsch nach Harmonie trotz immerwährender Kämpfe nicht los und beschäftigen mich noch nachhaltig.

„b.42“ ist absolut empfehlenswert: kontrastreich – wunderbar – auf höchstem Niveau!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an einer Montessori-Grundschule in Duisburg-Bissingheim, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Der Austausch zwischen den Opernscouts schaffe „eine andere Wahrnehmung von Oper und Ballett“. In ihrer ersten Spielzeit begeistert sie ganz besonders  Martin Schläpfers Ballett „Schwanensee“: „Mit seiner Kraft und Ausdrucksstärke war es eine der genialsten Vorstellungen meines Lebens“.

 

Ein sehr abwechslungsreicher Ballettabend

Cellokonzertch:Martin Schläpfer
Cellokonzert ch:Martin Schläpfer

Stefan Pütz über die Premiere von „b.41“

„Forgotten Land“ von Jiri Kiliáns mit der Sinfonia da Requiem von Benjamin Britten:
Ein phantastisches Bühnenbild, passende Kostüme, bei grandioser Musik:
Sechs Paare tanzen vor einer beeindruckenden, düsteren Meereslandschaft – ein toller Anfang!

Lamentation” und „Steps in the Street” von Martha Graham:
Nun folgt mit Martha Grahams Lamentation ein Stück strenger Konzentration, reduziert auf puristische Kostüme und wenige kraftvolle Gesten.
Auch das zweite Stück Grahams, Steps in the Street, besticht durch klare und drastische Formsprache.
Das Stück wirkt modern und mitreißend und regt zur Diskussion an.

Nach der zweiten Pause kam dann Schläpfers neuestes Werk,zur Musik des zweiten Cellokonzertes von Schostakowitsch:
Wieder einmal wird eine große Geschichte mit enormer Besetzung erzählt, die meines Erachtens nicht zu Ende erzählt wird.
Ein lebendiges Treibens, bunte Kostüme, sehr viele Aktionen und  viele parallel verlaufende Geschichten, aber kein wirklicher Erzählstrang …
Einen roten Faden konnte ich nicht erkennen aber das ist nicht immer wichtig …

Da dieses Stück einen starken Kontrapunkt zu den vorherigen „strengen“ Stücken bildete, war der Abend für mich ein großer Genuss …

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Stefan Pütz
Inhaber von „Buch in Bilk“

Den Namen Stefan Pütz verbindet man mit „Buch in Bilk“, einer Buchhandlung in Unterbilk. Bei Kulturveranstaltungen ist er gern mit einem Büchertisch präsent, denn direkter Kontakt zu Kunden und persönliche Beratung sind ihm wichtig. Wichtig ist ihm jetzt – nach langer Abstinenz – auch wieder die Begegnung mit Oper und Ballett. Wagner Inszenierungen findet er grundsätzlich nicht sonderlich unterhaltsam, vom Ring am Rhein war er allerdings hellauf begeistert. Die Wagner Inszenierungen der Deutschen Oper am Rhein sind „besser als anderswo“.

Ein großartiger Ballettabend

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Michael Menge über die Premiere von „b.42“

Ein Premierenabend, von dem der Klang der Bewegungen in mir lange nachhallen wird.

Blau, Grau und klar beginnt die Vorstellung mit einem Ballett von George Balanchine, das durch die Reduktion auf den absoluten Ausdruck des Körpers die Musik für das Publikum sichtbar werden lässt. Die klassische Choreografie die ihre beeindruckende Tiefe durch Präzision erzeugt, wird durch witzige und lebendige Elemente die die naive Freude an der Bewegung ausdrücken überraschend nahbar. Man bekommt den Eindruck, dass dem Betrachter*in ein leichterer Zugang geschenkt wird, da er/sie sich in seiner/ihrer fehlerhaften Menschlichkeit wieder erkennt.

Natur, Glitzer und Weiblichkeit bestimmen die zweite Choreografie des Abends zu der Musik von Anna Thorvaldsdottir die einen zu Beginn erst mal mit einer endlosen Stille alleine lässt.
Die Basis der ersten Ballett-Aufführung bestand aus einer klaren Struktur zwischen den Geschlechtern, der Reduktion auf den Menschen und der Visualisierung von Musik. Die Ballettchoreografie von Remus Şucheană hat mit diesen Parametern nur wenig zu tun. Er inszeniert Mutternatur durch eine in den Mittelpunkt gestellte Weiblichkeit der Tänzerinnen neben denen die männlichen Künstler nur eine schüchterne Nebenrolle spielen. Die Musik von Anna Thorvaldsdottir beginnt sehr vorsichtig und sanft und steigert sich im Laufe der Inszenierung zu einem komplexen und dramatischen Klanggebäude was die Tänzer*innen für Ihre Bewegungen nutzen.

Das Spiel mit nicht definierten oder vertauschten Geschlechterrollen, der Kampf um Individualität und die bedrohliche Kraft der Masse in einem leeren Raum bestimmen die Dramatik des Stückes von Martin Schläpfer. Man bekommt den Eindruck, dass es nicht um den Ausdruck und die Bewegung geht, aus denen die Choreografie besteht, sondern dass Martin Schläpfer sein Ballett von der Reduktion auf die körperliche Kraft der Tänzer*innen befreit und dadurch einen Schritt weiter geht als die beiden anderen Inszenierungen. Damit bildet diese Choreografie zu der komplexen und vielfältigen Musik von Mendelssohn einen grandiosen Abschluss.

Die kuratierte Abfolge der drei Ballettchoreografien macht diesen Abend zu etwas Großartigem.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Michael Menge
Selbstständiger Grafikdesigner

Michael Menge ist Inhaber der Designagentur „Oppa Franz“ aus Duisburg. Im Dialog mit seinen Kunden schaut der Art Direktor und Designer genau hin: „Es geht uns um den ganzheitlichen Charakter eines Unternehmens. Denn interessante Persönlichkeiten sind nicht perfekt – und spannende Marken auch nicht.“ Als Opernneuling gestartet, hat er an dieser Kunstform großen Gefallen gefunden: „Duisburg bietet vielschichtiges, modernes Musiktheater und kann auf dieses Angebot sehr stolz sein.“

Sehr gelungener Abend!

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Christiane Hain über die Premiere von „b.42“

Ein dreiteiliger Ballettabend, der so unterschiedlich ist und doch die Lust und Kunst an der Umsetzung des Tanzes zur Musik vereint.

Den Auftakt macht George Balanchines ‚Square Dance‘ – Eine Mischung von bekannter barocker Musik von Vivaldi und Corelli, des akademischen, klassischen Balletts, einem amerikanischen Volkstanz und einer schlichten blauen Bühne. Die Duisburger Balletcompanie setzt hervorragend die technisch sehr anspruchsvolle Choreografie bei hohem Tempo um. Man muss sich bei der New York City Ballett Stiftung bewerben, und nur wenn man technisch gut genug ist, werden die Stücke mit einem Ex Tänzer des Balletts – in diesem Falle ist es Bart Cook – einstudiert. Dies allein spricht schon für sich. Neoklassisistische Ballette von Balanchine stehen für reines Ballett, nur auf das Notwendigste reduziert, d.h. kein Bühnenbild und einfache, aber wirkungsvolle Kostüme der Tänzer, bei denen man jedem Muskel bewundern kann. Vom amerikanischen Square Dance erkennt man gewisse Strukturen, die Solisten übernehmen teilweise die Funktion des Callers und so vermischen sich Soli und Tanz des Corps de Ballett sehr harmonisch. Im Gegensatz zum klassischen Ballett werden die einzelnen Bewegungen nicht ganz bis zum letzten Präzision ausgeführt oder es werden Figuren aus dem Volkstanz in klassische Bewegungen umgesetzt.

Im Gegensatz dazu steht die Uraufführungvon ‚Symphonic Poem‘ der Choreografie des Ballettdirektors Remus Sucheana (ein ehemaliger Tänzer der Companie) bei seiner Inszenierung einer isländischen zeitgenössischen Musik von Anna Thorvaldsdottir. Die Bühne ist effektvoll mit Licht ausgeleuchtet. Die Tänzer und Musiker teilen sich auf drei Ebenden auf. Drei Schlagzeuger schweben auf der Bühne, die anderen Musiker sind im Orcherstergraben und in der Mitte befinden sich die Tänzer. Diese tragen erdfarbende Kostüme wobei die Männer eher schlichte Kutten tragen und die Frauen – märchenhafte, aufwendige geschnittene Kleidung und somit scheinen eher Wesen als Menschen auf der Bühne zu tanzen. Der Beginn ist schon sehr ungewöhnlich, da die Tänzer minutenlang ohne Musik tanzen und beim Zuschauer sich die Spannung auf die Musik, den ersten Ton erhöht. Dieses Stück ist eher ausdruckstänzerisch geprägt. Der Tanz ist anfänglich leicht und beschwingt und steigert sich im Lauf des Stückes. Die Musik ist bei weitem nicht so harmonisch wie die barocke Musik, aber sehr außergewöhnlich und so gegensätzlich und gewaltig, wie die Natur in Island.

Den Schlusspunkt bildet Martin Schläpfers zeitgenössische Interpretation von Mendelsohns Reformationsymphonie –eine geistliche, tragende Musik, die nicht so eingängig ist, wie Corelli oder Vivaldi. Die Tänzer sind in schwarze Trikots gekleidet. Ein Bühnenbild gibt es nicht. Als Zuschauer kann man sich ganz auf die Tänzer und deren Bewegungen zur Musik konzentrieren. Die Bewegungen, die Schläpfer seine Tänzer ausüben lässt, sind teilweise sehr ungewöhnlich, überraschend für ein Ballett, passen aber hervorragend zur Musik und sind ein Markenzeichen des Choreographen. Es ist ungewöhnlich Männer in Frauen Posen zu sehen und auch Frauen, die in schwarzen Spitzenschuhen tanzen, diese aber nicht zart und leise nutzen, sondern hart in den Boden rammen. Frauen übernehmen scheinbar die Männerrolle.  Ein Stück voller Gegensätze.

Sehr gelungener Abend!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Christiane Hain
Application Managerin

Christiane Hain arbeitet im IT-Bereich einer Bank in Düsseldorf. Sie ist in der Neckarstraße Duisburg aufgewachsen – in Sichtweise des Theaters, das ein fester Bestandteil im Familienleben war: Die Großmutter, die Eltern, die Schwester und sie selbst – alle waren regelmäßige Theaterbesucher. Ihre Tätigkeit als Opernscout führt dazu, dass sie wieder bewusster ins Theater geht und die Aufführungen als einen wichtigen Ausgleich zum Berufsleben betrachtet.

Eine Empfehlung – „b.42“!

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Dagmar Ohlwein über die Premiere von „b.42“

Dieser Ballettabend hat bei mir, eine wenig erfahrene Ballett-Zuschauerin, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Bis auf Martin Schläpfer waren mir die beiden weiteren Choreographen des Ballettabends unbekannt.

Im ersten Stück des Abends „Square Dance“ von George Balanchine wurde die Musik von Antonio Vivaldi und Arcangelo Corelli vertanzt. Die Künstler erschienen in transparenten, weissen/grauen Kostümen auf der Bühne. Der Tanz wirkte leicht und unangestrengt, mehr im klassischen Ballettstil angesiedelt als im modernen Ballett. Erst im weiteren Verlauf der tänzerischen Darbietungen wurde mir die Verbindung zum amerikanischen Square Dance deutlicher. Die rechteckige Anordnung der Tanzpaare, die im schnellen Wechsel stattfindenden Neuformationen rechtfertigten den Titel dieser Choreographie. Am Schluss der Aufführung erschienen die 4 Soloviolinisten auf der Bühne, wie es bei einem typischen amerikanischen Square Dance Abend üblich ist. Dieses Angleichen eines volkstümlichen Tanzes in die Ballettwelt ist großartig. Sowohl die TänzerInnen als auch die Musiker waren hervorragend in der gesamten Umsetzung dieses Stückes.

Das zweite Ballett „Symphonic Poem“ unter der Choreographie  von Remus Şucheană beeindruckte mich mit seiner Musik und den Kostümen der TänzerInnen besonders. Metacosmos von Anna Thorvaldsdottir war nicht „atonal“, wie ich es befürchtet hatte, sondern eine für mich sehr eindringliche, emotionale Musik. Die Komposition allein ruft Bilder einer wilden Natur und elementarer Gewalten wach. Sie wurde durch den Tanz und durch die starken Farben der Kostüme noch lebendiger. Die Verkörperung der Elemente, die aus vermeintlich tiefem Schlaf in wilde, ungebändigte Bewegungen aufbrechen, war phantastisch. Die optischen Effekte dieses Balletts im Zusammenhang mit dem über der Bühne freischwebenden Schlagzeugensemble bildeten für mich eine Einheit mit dem Können und den Darbietungen der TänzerInnen. Das tänzerische Können aller Protagonisten war im ersten Stück des Abends deutlich sichtbarer, für mich bei Symphonic Poem allerdings nicht weniger großartig.

Martin Schläpfers Reformationssymphonie war insgesamt für mich gesehen der Höhepunkt des Abends. Die in meinen Augen unübertroffene Kunst Herrn Schläpfers in einem Ballett so viel Emotionalität, so viel Tiefe und Eindringlichkeit zu schaffen, kam auch hier wieder zum Ausdruck. In der Schläpfer Kompanie wirkt jeder Tänzer, sich seiner Verantwortung zeitgenössische und ausdrucksstarke Tanzkunst zu zeigen, sehr bewusst. Kerstin Feig und Julie Thirault verstanden es, das in dieser Einstudierung herauszuarbeiten. Durch die tänzerische Darbietung wurde mir die Felix Mendelsohn Bartholdy Sinfonie näher gebracht. Wie viel in einer Ballettaufführung steckt und welch hohe Kunst es ist, tänzerisch Themen darzustellen, ist mir an diesem Ballettabend  in großartiger Weise klar geworden. Eine Empfehlung – „b.42“!

Dagmar_Ohlwein

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin ist gerade im Ruhestand angekommen und widmet nun einen großen Teil ihrer Zeit der Kultur. Das heißt für sie regelmäßig diverse Kulturangebote warzunehmen. Als Jugendliche hat sie „direkt um die Ecke“ vom Theater Duisburg gelebt und so schon immer viel Kontakt zur Kunst gehabt. Sie ist sehr gespannt auf ihr erstes Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2019/20.

Einfach genial!

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Vinuar Amuka über die Premiere von „b.42“

Die Aufführung „b.42“ vereint drei einzelne Ballettstücke, die von unterschiedlichen Richtungen geprägt sind.

Zu Beginn wird das Ballettstück „Square Dance“ von George Balanchine aufgeführt.
Es ist klassisch geprägt, mit schlichter Kostümierung, die die Körper der Tänzer in den Vordergrund stellen soll.
Die Licht- und Schattenspiele betonen die Proportionen der darstellenden Tänzer, die anmutig und adrett eine fröhliche und idealisierte Welt dem Zuschauer präsentieren.
Die Leichtigkeit, der teils schwebende Anblick der Tänzer, setzt eine Präzision der Darbietung voraus und spricht für eine hohe tänzerische Fähigkeit des Ensembles.

Darauf folgend wird das Ballettstück „Symphonic Poem“ von Remus Şucheană aufgeführt.
Die ersten Minuten werden musikalisch nicht begleitet und sind von Stille geprägt.
Gespannt wartet man auf den Anfang der Musik und versucht gleichzeitig im Dunkeln der Bühne die Silhouetten der Tänzer zu erkennen.
Überraschend zeigen sich Bewegungen aus dem Bühnenbild heraus, die dann als Tänzer hervortreten.
Die Kostümierung der Tänzerinnen sind in Naturtönen gehalten, entfalten sich organisch und in sich verschlungen nach außen.
Die Kostümierung der Tänzer sind ebenfalls in Naturtönen gehalten, sind aber entlang des Körpers geschnitten.
Die Musik von Anna Thorvaldsdottir nimmt die Tänzer auf, umhüllt sie und trägt sie mit sich. Ähnlich einer Welle, die aufwirbelt und mitträgt, entwickelt sich im fließenden Übergang der Tanz der Darsteller hin zu einer aufbrausenden Brandung ins Finale.
Von Anfang an dominiert die Weiblichkeit durch die kraftvolle und maskuline Darstellung der Tänzerinnen.
Die Darbietung erzeugt Spannung, fesselt und macht neugierig auf die Entwicklung der Handlung.

Zuletzt wird das Ballettstück „Reformationssymphonie“ von Martin Schläpfer aufgeführt.
Zu Beginn führen männliche Tänzer im Duett eine weiblich anmutende Choreografie auf. Das Duett erweitert sich bis hin zum Ensemble.
Die Tänzer sind schwarz kostümiert, sogar die Spitzenschuhe der Tänzerinnen sind in schwarz gehalten. Das Bühnenbild ist ebenfalls in schwarz gehalten.
Die Rollen der Tänzer werden durch Lichteffekte betont. Hierbei dominiert zuerst die Weiblichkeit, die sich durch das Auftippen der Ballettschläppchen hörbar macht, militärisch ähnlich.
Die Tanzgruppe wird im Verlauf der Handlung zunehmend homogener im Ausdruck und geschlechtsunspezifischer in der Darstellung, fokussierend auf ein Tanzpaar, das im Tanz auseinander driftet.
Während die Frau nach dem Ablösen vom Mann in der Gruppe aufgeht, verzweifelt der Mann und geht von der Masse ausgestoßen zugrunde.
Es bleibt unbeantwortet, ob der Mann durch die Ablösung der Frau oder durch die bestimmende und abweisende Masse verzweifelt und zugrunde geht.
Gerade diese letzte Szene wirkt verstörend sowie aufregend auf den Zuschauer und hinterlässt die Erwartung an einer Lösung. Dieses Ballettstück ist einfach genial und exzellent!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Vinuar Amuka
Sozialpädagogische Familienhelferin

Die 37 jährige Irakerin lebt seit ihrer Jugend in Deutschland und arbeitet als sozialpädagogische Familienhelferin. Sie hegt eine starke Begeisterung für Oper und Ballett. Um Inszenierungen besser bewerten und nachvollziehen zu können nimmt sie Gesangs- und Klavierunterricht. Als Scout erhofft sie sich die Oper noch intensiver zu erleben und wahrzunehmen. Sie findet, dass man in der Oper „vielem aus dem realen Leben begegnet, aber ganz anders damit umgeht“.

Es darf gestaunt, geschmunzelt und applaudiert werden

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Ballett der Staatsoper Hannover „Daphnis / Lost Love“ ein Ballettabend von Jörg Mannes

Jürgen Ingenhaag über die Premiere von „b.42“

„b.42“ hat das, was einen kurzweiligen Ballettabend ausmacht: mal klassisch-schön oder experimentell, mal bunt oder schwarz-weiß. Es darf gestaunt, zwischendurch applaudiert und sogar geschmunzelt werden.

Großartige Tanzkunst und vollkommene Körper gibt es bei „Square Dance“ von George Balanchine zu bestaunen. Das Wechselspiel von Ensemble- und Solo-Tanz zu den schnellen und langsamen Sätzen der Barockmusik ist stimmig.

Beim „Symphonic Poem“ von Remus Şucheană wird Neuland zwischen Feuer und Eis betreten. Nach langer Stille setzt die experimentelle Musik der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir ein. Die Tänzer in ihren futuristischen und farbigen Kostümen sind eine Augenweide, allen voran Marlúcia do Amaral. Auch das Bühnenbild beeindruckt, und ganz toll finde ich die Idee der drei Podeste mit den „Schießbuden“ der drei Schlagwerker um Kersten Stahlbaum & Co.

Nach der zweiten Pause folgt Martin Schläpfers Choreographie „Reformationssymphonie“, die man vielleicht bald zu seinen Klassikern zählen darf. Es ist faszinierend, dass sich die Tänzer sowohl leicht als auch kraftvoll auf Zehenspitzen bewegen können. Diese Inszenierung lebt auch durch den Schwarz-Weiß-Kontrast – „aus dem Licht ins Dunkel“ oder umgekehrt?

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Jürgen Ingenhaag
Fachkraft für Arbeitssicherheit

Als Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert Jürgen Ingenhaag klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Als Opernscout versteht er sich als „Botschafter für das Theater Duisburg“. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge“. Seine Leidenschaft für Rock- und Popmusik hat ihn nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden.

Größte Vielfalt für Auge und Ohr

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von „b.42“

Der neue Ballettabend „b.42“ ist ein beeindruckendes ästhetisches Erlebnis. Dreiteilig angelegt bietet der Abend größte Vielfalt für Auge und Ohr, spannende musikalische und tänzerische Variation. Den Anfang macht George Balanchines Ballett Square Dance: 1957 in New York uraufgeführt, im Ablauf und Kostümen aber bis heute unverändert, ist es in seiner schlichten, tänzerisch reinen und reduzierten Art ein wunderbarer Auftakt. Die freie, ganz undekorierte und nur sanft-fahl beleuchtete Bühne ist der Schauplatz für sechs Tänzerpaare, die in weißen hautengen Anzügen/Trikots und Spitzenschuhen eine vierteilige Tanz-„Revue“ zeigen. Nach „klassischem Ballett“ sieht es aus und einen Moment lang unerwartet und überraschend wirkt dazu die barocke Musik von Vivaldi und Corelli. Balanchines Devise „ein Ballett mag eine Handlung haben, aber das visuelle Spiel, nicht die Handlung ist wesentlich“ wird sichtbar: Die vier Teile des Balletts, bestehend aus Ensembles in verschiedenen Variationen, Pas de Deux sowie auch Soli, entführen in eine Welt, in der es weniger um das Erzählen einer Geschichte geht, sondern um das Wahrnehmen von Bildern und die Freude an der geordneten künstlerisch gestalteten Bewegung.

Musikalisch neu und fremd kommt das zweite Ballett daher: das Werk Metacosmos der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir, ein Klang- und Geräuschwirrwarr mit übereinandergeschichteten Tönen, Klangfetzen Melodiefragmenten dient Remus Șucheană für sein ästhetisch aufregendes Ballett Symphonic Poem, das hier uraufgeführt wurde. Aufwendige Kostüme mit weiten Trompetenärmeln, unkonventionellen Hüten fesseln das Auge und laden zum wilden Assoziieren ein… Eine ideenreiche Bewegungswelt eröffnet Remus Șucheană über die ersten 10 Minuten des Werkes hinweg, in denen sich von einem einzigen leisen tiefen Ton ausgehend eine groß angelegte vielfach dissonante Steigerung aufbaut. Nach dem wüsten Höhepunkt, auf dem sich die Welle gebrochen hat (in einem nach erlösenden großen Unisono des Orchesters), ebbt die Welle langsam ab und kommt in kleinen Bewegungen zur Ruhe.

Martin Schläpfers puristische Reformationssymphonie vollendet die Trias des Abends. Zum dritten Mal wählt er ein symphonisches Werk für eine Choreographie und sagt: Eine Sinfonie als Ballett funktioniert nur, wenn alle Tänzerinnen und Tänzer realisieren, wie wesentlich ihre Energie, ihr Geist ist, sich alle wie die einzelnen Stimmen im Orchester zu einem Ganzen fügen…“. Und sein Anspruch, „sich dem orchestralen Klang entgegenzustellen – ihm zu begegnen durch Präsenz, Magie, Fokus und nicht allein durch körperliche Kraft“, ist vollends erfüllt, die Compagnie setzt das präzise und überzeugend um. In schwarze, enge Anzüge gekleidet verschwindet der Unterschied zwischen Männern und Frauen, die Tänzerschar bildet eine Einheit, formiert sich ständig neu, stetig auf der Suche nach den tieferen Fragen des Menschseins… Ein einzelnes Solo kurz vor Ende, intensiv und eindringlich wie ein Gebet getanzt, lässt auch die sakrale Komponente der Reformationssymphonie augenfällig werden. Die schlicht blau beleuchtete Bühne, die Tänzer in schwarzem Kostüm und eine bis ins Detail ausgefeilte und nach dem Gehalt der  Musik horchende Choreographie: das ist tief beeindruckend und gibt reichlich zum Nachdenken und „Heraus- bzw. Hineinlesen“ mit auf den Weg… Eine große Bereicherung.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Der ganze Abend ein Gesamtkunstwerk

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Mila Langbehn über die Premiere von „b.42“

Was für eine faszinierende Komposition diese drei Werke miteinander ergeben, ein zutiefst berührendes Gesamtkunstwerk!

Im Licht der blauen Stunde beginnt der Abend mit einer sinnlich-locker-lässig-eleganten Variante des klassischen Balletts. Der Tanz als Verbildlichung von Klang, zeigt sich hier ganz im Dienste der lyrischen Musik: in vielen Sprüngen, scheinbar von Schwerkraft befreit und in langen Armen, die weiche Wellen in den Raum zeichnen. Die Kostüme sind wie eine zweite Haut, hell pastellfarben, den Körper umschmeichelnd. Das weiche Licht auf den geschmeidig Tanzenden wird durch das strahlende Türkisblau der Kulisse gesteigert.

Danach wird es dunkel, aber farbenreicher: wesenhaft, fast animalisch bevölkern die Tanzenden die Bühne. Das kunstvoll gemalte Bühnenbild erinnert mich an Astwerk im Wind. In diesem stark die Phantasie anregenden Stück erscheinen die Tanzenden in ihren aufwendigen Kostümen teils wie Fische oder Vögel, teils wie rollende Findlinge oder Wellen. Die abstrakte Musik nehme ich kaum wahr, wie eine gelungene Filmmusik verschmilzt sie einfach mit dem Geschehen. Und das, obwohl drei Musiker äußerst präsent über dem Geschehen schweben.

Im letzten Stück befinden wir uns wiederum in einer sehr handfesten Welt der Körperkraft, menschlicher Leidenschaft und hartem Schwarz-Weiß. Sehr spannungsreich lösen sich die weißen Körper aus dem tiefen Schatten der Kulisse und verschwinden wieder darin. Die Grenzen zum Tanztheater werden überschritten, große Gesten knallen ins grelle Streiflicht. Hier erleben wir Muskelmacht und Kraft! Dieses Stück ist so wuchtig wie das erste zart ist, so laut wie das zweite leise ist.

Vieles gäbe es noch zu sagen über diesen sinnesbetörenden Abend mit Standing Ovations. Ein Detail nur zum Schluss: In der Dichte sinnlicher Eleganz und dramatischer Düsternis war dennoch Platz für Humor, für drollig-trollhaft Marschierende oder eine freche Primaballerina, die X-Beine macht. Perfekt!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Mila Langbehn
Landart-Künstlerin

Die selbstständige Landart-Künstlerin hat als Amateur-Tänzerin mit klassischer Ausbildung selbst öfter auf der Bühne gestanden. Heute beschäftigt sie sich mit Landschaftskunst. Kunstaustellungen. Beim Theatererlebnis fasziniert sie insbesondere das Zusammenspiel aus den verschiedenen Komponenten Musik, Kostüm, Bühnenbild und Gesang. Besuche im Theater sind für sie ein angenehmer Gegensatz zum alltäglichen Leben und aus den Vorstellungen zieht sie oft auch Inspiration und Vergleicht diese mit ihrer eigenen Arbeit.

Eine wundervolle Komposition

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Miriam Kasten über die Premiere von „b.42“

Als eingefleischter Ballett-Fan habe ich mich sehr auf „b.42“ gefreut. Choreographien von Balanchine haben mich schon als Kind begeistert und auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht. Balanchine ist Ballett in Perfektion. Den Tänzern wird alles abverlangt. Es ist eine perfekte Mischung aus Leichtigkeit und Eleganz gepaart mit großen Gesten und Stärke. Durchweg sind die Tänzer hoch Konzentriert und strahlen dennoch sehr die Freude aus die sie bei diesem Stück haben. Das Bühnenbild ist lediglich eine blaue Wand und sonst nur die nackte Bühne. Es wird sich auf das wesentliche konzentriert was ich für perfekt halte. Die Kostüme sind ein transparenter Hauch von nichts damit die Körper perfekt zur Geltung kommen. Der Applaus und die Bravo rufe am Ende dieses Teils sprechen für sich.

Der zweite Teil des Abends von Remus Sucheana startet düster und still. Lediglich Umrisse von einigen wenigen Tänzern sind auf der Bühne zu erkennen. Es bleibt sehr lange still, ein mutiger Zug von Sucheana, eine schwere Aufgabe für das Publikum. Nur ganz langsam werden einige Lichtstreifen auf der Bühne hell und dazu startet eine Klangwelt der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir. Ebenso langsam steigert sich der Tanz von vorsichtigen Bewegungen bis hin zu einem Vulkanausbruch. Island ist allgegenwärtig, ebenso im Bühnenbild bei dem man an Schnee und schwarzes Vulkangestein denken muss. Eine wundervolle Komposition in der Musk und Tanz Eins werden.

Den Abschluss macht Martin Schläpfers Reformationssymphonie. Von Beginn an eine sehr kraftvolle Choreographie. Die Tänzer allesamt in den gleichen schwarzen Trikots. Die Herren tanzen filigran, die Damen poltern schweren Schrittes in schwarzen Spitzenschuhen auf die Bühne. Die Geschlechterrolle ist getauscht und verschwimmt schließlich. Lediglich die unkoordinierte Darstellung des verzweifelten Luthers passt mir nicht ins Bild und lenkt mich vom restlichen Tanz ab. Auf der Bühne sucht man vergeblich ein Bühnenbild. Es gibt keins. Auch hier steht der Tanz absolut im Vordergrund.

Über den kompletten Abend bringen alle Tänzer eine tief beeindruckende Leistung. Scheinbar Minuten lang stehen sie unbewegt auf den Spitzen. Das Gesamtbild ist wunderschön und durch die hervorragende Leistung der Philharmoniker wird es zu einem echten Erlebnis. Von mir eine ganz klare Empfehlung.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Myriam Kasten
Projektmanagerin Tourismus bei Duisburg Kontor GmbH

Die gelernte Fotografin hat die Liebe zu ihrer Heimatstadt zum Beruf gemacht: Als Projektmanagerin im Bereich Tourismus gibt sie ihre eigene Begeisterung für die Stadt an Besuchergruppen weiter. Für sie ist das Theater Duisburg einer der großen Anziehungspunkte der Stadt. Als großer Ballettfan hat sie Martin Schläpfers „Schwanensee“ in der Spielzeit 2018/19 positiv überrascht und die „Götterdämmerung“ in der Mercatorhalle vollkommen begeistert.

Es ist ein Abschied aber kein dramatischer

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Karolina Wais über „b.41“

FORGOTTEN LAND von Jiří Kylián
Das Bühnenbild begeistert mich. Es ist das Meer, je nach Beleuchtung wütend und kraftvoll oder still und delikat. Anfangs ist es ganz still als die Tänzer zu tanzen beginnen, so dass der Tanz förmlich zu hören ist. Die Kostüme sind aus fließenden Stoffen gefertigt. Ich bin hingerissen von der Stimmigkeit der ganzen Aufführung. Das Bühnenbild, die Kostüme, die Musik und der Tanz stehen einzeln für das Meer, für dessen Wucht und Ruhe. Zusammen ergeben sie eine perfekte Darstellung des Meeres und dessen Kraft.
Ich erinnere mich wie gerne ich das Meer in all seinen Facetten betrachte.

LAMENTATION / STEPS IN THE STREET von Marta Graham
Kantig. Das kommt mir in den Sinn. Eine Wehklage aber darf und muss kantig sein. Die Tänzerin trägt ein schlauchförmiges Kleid, das jede ihrer Bewegungen unterstreicht. Sie wiegt sich hin und her, ist wie in ihrem Kleid gefangen, versucht sich zu befreien. Sie lamentiert tanzend und das so gut, dass ich das Gefühl habe sie zeigt ihren inneren Kampf. Die Musik unterstreicht diese Zerrissenheit perfekt.

Wieder Stille, die Tänzerinnen bewegen sich langsam, mit gekreuzten Armen rückwärts auf der Bühne bis eine übrig bleibt. Ich höre den Tanz ohne Musik so gerne. Gemeinsam tanzen sie einen imaginären Kampf, der von der Musik perfekt unterstrichen wird. Ich bin ein Fan von Martha Graham.

CELLOKONZERT von Martin Schläpfer
Alle Kostüme sind delikat im gleichen Ton gehalten, doch niemand trägt das gleiche Kostüm. Das Bühnenbild finde ich unruhig, was in mir zu Anfang auch etwas Unruhe auslöst. Ich weiß nicht wo ich hinblicken und wohin ich meine Konzentration lenken soll.
Im Verlauf des Stückes findet die komplette Kompanie zeitweilig Platz auf der Bühne und es finden verschiedene Tänze in verschiedenen Gruppierungen statt. Am Ende verlassen Einzelne die Bühne, manche zögernd, manche entschlossen, ein Rest bleibt.
Ich erinnere mich an ein Interview mit Martin Schläpfer in dem er sagt, es ginge um Abschied aber keinen dramatischen. So finde ich für mich einen Bezug zu dem Stück. Eine Kompanie erschafft erst gemeinsam getragen von einzelnen Tänzern ein gesamtes Stück. Über die Jahre hinweg sind viele verschiedene Stücke in verschiedenen Konstellationen der Mitglieder entstanden und aufgeführt worden. Und jetzt trennen sich ihre Wege. Es ist ein Abschied aber kein dramatischer.

Insgesamt ist es ein hinreißender Ballettabend.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Großes Spektakel zum Schluss

Forgitten Land ch: Jiri Kylian
Forgotten Land ch: Jiri Kylian

Sandra Christmann über die Premiere von „b.41“

Ich bin verliebt. In einen Choreographen:

Jiří Kylián. – Um genauer zu sein in seine Choreographie.

Nicht eine einzige Sekunde habe ich geblinzelt. Sensationelle Kostüme, ich werde John F. Macfarlane auflauern müssen, so wunderschön sind die Kleider der Tänzerinnen. Atemberaubend.
Dass sich diese Choreographie mit den Gewalten mit Substanziellem beschäftigt, wird uns von der ersten Bewegung an klar. Gewaltig und hingebungsvoll, perfekt. Ich meine nicht nur die Perfektion der tänzerischen Leistung, sondern die Perfektion der Überraschung dieser Inszenierung.
Neue Bewegungen, neues Zusammenspiel, raffinierte Passagen, es verlangt große Konzentration das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren, wenn die einzelnen Protagonisten brillieren. Bewunderung trifft da mein Gefühl.
Was für ein Glück zuzuschauen.
Mutig das Emsemble ins Pas de deux mit Benjamin Brittens „Sinfonia da Requiem op. 20“ zu schicken, aber es geht auf.
Die 6 Paare tanzen leidenschaftlich und schneidend präzise um ihr Leben und das mit einer Eleganz und scheinbaren Leichtigkeit, dass es einen zutiefst ergreift, mitnimmt und berührt. Grandios!!!!!
Überhaupt ist der gesamte Ballettabend von unfassbar großer Profession und Ergreifung geprägt.

Auf eine sicherlich andere Art bei „Lamentation“ von Martha Graham. Das war ein kurzes Moment mit Camille Andriot, sehr  künstlerisch, athletisch, leise in den Bewegungen, sehr fein und dann auch schon wieder vorbei. Aber es musste gesehen werden. Interessant und Anmutig.

Female Power auch in „Steps in the Street”. Schöne Choreopraphie und eine schöne Lichtinstallation. Wun Sze Chan ist natürlich nicht das erste Mal eine herausragende Größe des Ensembles, sie  ist mit jeder Bewegung  so unfassbar überzeugend und stark. Ich bin ein Fan.
Insgesamt: eine energische kraftvolle, fast militärische Choreographie.
Eine gute Entscheidung die Kostüme, schlicht und schwarz zu kreieren.

Das große Spektakel zum Schluss, Martin Schläpfers letzte Kreation „Cellokonzert“ ist eine Choreographie für das gesamte Ensemble.
Wieder wunderbare Kostüme, diese von Hélène Vergnes. Ein wenig 20er Jahre Anmutung, lasziv, betont, schöne dezente Farbspiele.
Die Choreographie ist spektakulär an Varianz:  Soli, Pas de deux, dann wieder das gesamte Ensemble, ebenfalls ergreifend, aber anders als „Forgotten Land“, dass an diesem Abend nun mal nicht mehr zu erreichen ist.
Dennoch genauso überraschend. Lange, wunderschöne Choreografien, die sich meines Erachtens perfekt mit dem Cello paaren.

Herausragend: Marcos Menha.

Ich hatte das schon zum Saisonende geschrieben und knüpfe da wieder an:
Das Ballettensemble der deutschen Oper am Rhein hat Weltklasse.

Sandra_Christmann

Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair Internantional GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Abschiedsstimmung

Cellokonzertch:Martin Schläpfer
Cellokonzert ch:Martin Schläpfer

Helma Kremer über die Premiere von „b.41“

Am 16. Oktober 2009 wurde mit b.01 die erste Ballettpremiere von Martin Schläpfer in der Deutschen Oper am Rhein gezeigt, mit einer Uraufführung von Martin Schläpfer („3. Sinfonie von Lutoslawski“). Es war meine erste Schläpfer-Vorstellung und wirkte, nach 13 Jahren Handlungsballett in Düsseldorf unter Ballett-Direktor Youri Vamos, auf mich wie ein befreiendes Frühlingsgewitter. Ich war sofort Schläpfer-Fan. Beinahe genau zehn Jahre nach dem Besuch von b.01 sehe ich – vierzig Vorstellungen später – b.41. Der Abend ist bereits geprägt von Abschiedsstimmung. Die Themenauswahl – Tod, Trauer und Krieg – unterstreichen dieses Gefühl und ebenso die Musikauswahl: „Sinfonia da Requiem“ und „Cellokonzert“, eine der letzten Kompositionen von Schostakowitsch. Nicht zuletzt ist es die letzte Uraufführung von Martin Schläpfer in Düsseldorf.

„Forgotten Land“ (Jirí Kylián)
Die herrliche Musik, die „Sinfonia da Requiem“ von Benjamin Britten, bietet alle Facetten eines großen Musik-Dramas. Auch das Bühnenbild beeindruckt mich sehr: Wenngleich das Meer sein zentrales Element ist, weckt es in mir auch Assoziationen zum Hades. Die langen Kleider der Tänzerinnen in den fließenden Stoffen schmiegen sich um die Bewegungen und lassen sie manchmal eher erahnen als erkennen, was dem Tanz hier etwas Geheimnisvolles und Erhabenes gibt. Ganz besonders gut gefällt mir Alexandra Liashenko.

„Lamentation“ und „Steps in the Street“ (Martha Graham)
Eine Solo-Tänzerin sitzt auf einer Bank. Ihre Bewegung zum Klavierstück op 3 Nr. 2 von Zoltán Kodály werden eingeschränkt durch den lilafarbenen Stoff-Schlauch, in welchem sie steckt. So wie das Gefühl von Trauer und Schmerz den Blick auf die Welt trübt und es unmöglich macht, sich frei durch diese zu bewegen. Dieses Stück ist in seiner Deutlichkeit so beklemmend wie Edvard Munchs Bild „Der Schrei“. Und die Protagonisten ähneln sich sogar.
Nach der Engführung in „Lamentation“ erscheinen sowohl die Klänge der Musik als auch die Bewegungen der Tänzerinnen in „Steps in the Street“ belebend, aber nur im ersten Moment. Immer stärker entwickelt sich das Gefühl eines großen Unbehagens, denn immer militärischer wird die Musik, immer uniformer und mechanischer der Tanz. Die Tänzerinnen in schwarz erinnern mich in ihrer Erscheinung und ihren Bewegungen an die schwebenden Wudang-Kämpfer(-innen) aus dem Film „Tiger and Dragon“ meines Lieblingsregisseurs Ang Lee. Ich kannte Martha Graham noch nicht und bin begeistert. Seit der Premiere habe ich viel über sie im Internet gelesen. Mir gefällt ihre Charakterisierung von Tanz: „Dance is the hidden language of the soul.“

„Cellokonzert“ (Uraufführung von Martin Schläpfer)
In diesem Stück holt Martin Schläpfer die gesamte Compagnie auf die Bühne und erweist so ihr und den letzten 10 Jahren in Düsseldorf seine Referenz. Und auch der Spitzentanz kommt nun zum ersten Mal zum Einsatz und führt den Abend auf seine Weise zum Höhepunkt. Aber sei es, dass die Musik mich strapaziert, sei es, dass das Stück mich intellektuell überfordert (hätte ich mir mal die Einführung angehört) … eine Woche nach dem Besuch der Premiere ist mir gerade diese letzte Inszenierung kaum im Gedächtnis geblieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Figuren des Corps de Ballet vom Parkett aus nicht erkennbar sind – ich frage mich, ob er Eindruck vom ersten Rang aus ein anderer ist? Ich erinnere leider nur einzelne Tänzer und Tänzerinnen, keinen roten Faden. Auch in diesem Stück beeindrucken Alexandra Liashenko und wie immer die wundervolle Marlúcia do Amaral, die gerade den Faust-Preis für die Odette in Schläpfers „Schwanensee“ gewonnen hat, mit ihrer unvergleichlichen Bühnenpräsenz.

Helma_Kremer

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem. Voluntariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Durch ihre Großeltern kam sie bereits als Kind mit der Oper in Kontakt, ihre erste Aufführung im Opernhaus war „Hänsel und Gretel“. Dennoch interessiert sie sich eigentlich eher fürs Ballett, als für die Oper. Sie freut sich in ihrer ersten Spielzeit als Opern- und Ballettscout auf die regelmäßigen Theaterbesuche

Konzentration und Spannung

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Markus Wendel über die Premiere von „b.41“

Als sich zum ersten Ballettstück „Forgotton Land“ der Vorhang hebt, scheint eine blechern-bedrohliche Welle meterhohen Ausmaßes geradezu in das Publikum hineinzubrechen. Von der Beleuchtung unterstützt entsteht eine wunderbar dunkle und packende Atmosphäre, als Grundlage für den Tanz von sechs Paaren zu einem Requiem von Benjamin Britten. Ein schöner Auftakt für einen Abend, an dem ein breites Spektrum der Ballett-Kunst gezeigt wird. Kostüme, Stimmung, Musik, alles scheint wie aus einem Guss. Lediglich die Bewegungen erscheinen mir streckenweise ein Wenig zu schnell für die ruhige und getragene Musik.

Mit den beiden anfolgenden Stücken wird die Konzentration weiter forciert, die Aufmerksamkeit der Zuschauer komplett auf die Bühne geholt. Den Stücken von Martha Graham kann sich anscheinend niemand im Publikum entziehen, denn es ist zum Zerreißen still im Zuschauersaal. Die starken Bilder fordern und holen mich deutlich aus meiner Komfortzone. Bei dem Solo-Tanz „Lamentation“ ist die entstehende Beklemmung enorm, und die Message für mich unglaublich aktuell. Es scheint mir wie eine Übersetzung der Gefühle von Flucht, Vertreibung und Ausgegrenztheit.

Auch „Steps in the street” ist kein Stück zum Wohlfühlen. Von scheinbar zufälligen Begegnungen mehrerer Menschen wird hier der Übergang in ein totalitäres Regime gezeigt. Ein sich diesem Entgegenstellen erscheint wie ein nicht zu gewinnender Kampf gegen einen übermächtigen und brutalen Gegner. Ein starkes Stück mit einer starken Aussage. Die Luft ist bis zum letzten Moment zum Zerreißen gespannt.

Martin Schläpfer hat es nach den drei sehr konzentrierten Stücken merklich schwer. Fairerweise muss ich hierzu sagen, dass ich auch in der Vergangenheit nur selten Zugang zu seinen Stücken bekommen konnte. Heute erscheint es mir, als mache er auch bei seiner letzten Uraufführung als Ballettdirektor in Düsseldorf/Duisburg einfach weiter wie bisher. Kein Gefühl des Abschieds, keine mutigen Veränderungen oder Neuerungen. Und somit sehen wir ein nach meinem Empfinden überladenes und wenig akzentuiertes Stück, dem ich weder einen roten Faden noch eine besondere Botschaft entnehmen kann. Auch eine Vielzahl an sehr skurrilen Bewegungen und die scheinbar zufällige Kostümwahl sorgen bei mir für Irritation.

Kurzum, der Abend bietet viele Facetten des Balletts, eine klare Empfehlung möchte ich besonders für die beiden Stücke von Martha Graham aussprechen. Weitere Stücke von ihr wären für mich ein absoluter Besuchsgrund für zukünftige Ballett-Abende.

Markus_Wendel

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“. Überrascht war er davon, dass die Ballettinszenierungen 2018/19 ihn sogar mehr faszinierten als die Operninszenierungen.

Vielversprechender Beginn

Steps on the streetch: Martha Graham
Steps on the street ch: Martha Graham

Stefanie Hüber über die Premiere von „b.41“

Mein erster Abend als Opernscout beginnt sehr vielversprechend mit dem Stück „Forgotten Land“ von Jiří Kylián. Schon die ersten Klänge der Düsseldorfer Symphoniker ziehen mich in ihren Bann, zumal ich ein großer Fan Benjamin Brittens „Synfonia da Requiem“ bin.
Die Tänzer, die sich langsam, wie gegen einen Widerstand kämpfend, in Richtung Bühnenbild bewegen, erinnern mich an eine Gruppe von Lemmingen. Die Bewegungen der in Einklang mit dem Bühnenbild gekleideten Tänzer sind zeitweise entschlossen, zeitweise aufbegehrend mit Gesten, die an Wellen oder Vögel erinnern.
Doch auch folkloristische Tanzelemente meine ich zu erkennen.
Insgesamt empfinde ich die Inszenierung als sehr stimmig und sogartig und sie bewegt mich sehr.

Das darauffolgende Tanzsolo “ Lamentation“ von Martha Graham berührt in seiner Schlichtheit mit nur einer Tänzerin, die in ein lila Stretchröhrenkostüm gehüllt ist. Das Stück wird nur von Klaviermusik begleitet und erinnert dadurch an die Stummfilme der 20er-Jahre.
Die Beengtheit der Tänzerin in ihrem Schlauch erweckt in mir klaustrophobische Gefühle, so dass ich erleichtert bin, dass „Lamentation“ schon nach wenigen Minuten endet.
Die kraftvollen, energetischen Bewegungen vom darauffolgenden „Steps in the Street“ stellen für mich einen wohltuenden Kontrast da und sind für mich ein Sinnbild des getanzten Feminismus, zumal der teilweise archaisch anmutende Tanzstil  mich an Amazonen erinnert.
Insgesamt wird mir Martha Graham in positiver Erinnerung bleiben, wogegen mich „Cellokonzert“ von Martin Schläpfer enttäuscht und sehr anstrengt.

Schostakowitschs Cellokonzert finde ich furchtbar!

Die dazu gelieferte Tanzperformance empfinde ich als anstrengend und überfrachtet, die Kostüme gefallen mir auch nicht.
Ich finde insgesamt keinen Zugang,was mich traurig stimmt, da es Schläpfers letzte Inszenierung in Düsseldorf ist und er mir schon viele großartige Abende beschert hat…

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Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

 

…für jeden etwas dabei.

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Michael Langenberger über die Premiere von „b.41“

Vorab: Wie auch einige Male zuvor, habe ich sehr von der “Opernwerkstatt“, die einige Tage vor einer Premiere von der Oper angeboten wird, profitiert. Dort bekommt man einiges, dann natürlich noch ohne die Kostüm-und Bühnenausstattung, sondern sehr auf die wesentlichen Elemente der verschiedensten Stücke konzentriert, über die kommende Aufführung gezeigt und erläutert.

Gleich bei „Forgotten Land“ von Jirí Kylián war mir klar, das wird ein vergnüglicher Ballettabend. Tänzerische Macht durch sehr vielfältige Bilder und Bewegungen. Paarweise in großer Präzision und Ausdrucksstärke, als Gruppe oft in Wellenbewegungen, die ganze Bühne einbeziehend, raumgreifend. All das mit traumhaft schönen, farblich perfekt aufeinander abgestimmten Kostümen, langen Kleidern. Einfach mitreißend. Ein Knaller als Auftakt!

Danach dann “Lamentation” und „Steps in the Street” von Martha Graham, eine der Protagonistinnen des zeitgenössischen Tanzes und revolutionär zu Ihrer Zeit in der 1930er Jahren.

Tanz auf einer Bank sitzend – geht nicht? Irrtum, diese Idee bezieht alle drei Dimensionen ein, ohne dass die Person sich auf der Bühne vom Fleck bewegt. Wenn Sie sich dann noch ein Stoffschlauch-Kostüm vorstellen, das die Tänzerin von innen her zu immer neuen Formen und Ausdrücken verbindet – faszinierend!

Die „Steps in the Street” – eine Choreographie, die in meinen Augen von der präzisen Harmonie der Tänzerinnen und Tänzer lebt. Sobald sich das Ensemble zu Linien oder Carrés formiert, geht es darum seine tänzerische Individualität den z.T. hart getakteten Bewegungen der Gruppe zu unterwerfen. Ein bisschen “West Side Story”- Flair. Lösen sich die Gruppen auf, spielt die individuelle Qualität eines jeden Ensemble-Mitglieds die entscheidende Rolle.

Martin Schläpfers Idee, seine letzte Uraufführung mit einer Choreographie für sein gesamtes Düsseldorfer Ensemble zu dem 2.Cellokonzert von Schostakowitsch zu gestalten, ist sicherlich vielschichtig zu verstehen. So wie dieses Konzert eines der letzten Kompositionen von Schostakowitsch war, könnte man die Choreographie als Martin Schläpfers Abschiedswerk von dem Düsseldorfer Ballettensemble und -Publikum verstehen. In jedem Fall wird dem Zuschauer einiges abverlangt. Das gesamte Ballettensemble, alle auf einmal auf der Bühne, entfaltet schon eine Wucht und Dynamik an sich. In sehr unterschiedlich schnellen tänzerischen Einzeleinlagen, mal raumgreifend, mal punktuell, lässt Schläpfer seine Truppe noch einmal zeigen, was in Ihnen steckt. Man darf sagen, nicht umsonst zählen die hier versammelten Tänzer zu den Besten.

Einzig – Schostakowitschs Kompositionen zählen insgesamt nicht wirklich zu den musikalisch eingängigsten Klängen. Das 2. Cellokonzert ist wirklich schwere Kost.

Alles in allem, mit den unterschiedlichen, zumeist recht zurückhaltenden Bühnenbildern, wieder einer perfekten Beleuchtung, virtuos gespielter Musik – ganz so, wie erwartet, ein wunderschöner und mitreißender Ballettabend. Einen herzlichen Dank an alle Beteiligten!

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Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Vielseitiger Ballettgenuss

Cellokonzertch:Martin Schläpfer
Cellokonzert ch:Martin Schläpfer

Sassa von Roehl über die Premiere von „b.41“

Beim Beginn des Ballettabends b.41 mit Jiří Kylián „Forgotten Land“ stimmte für meinen Geschmack alles. Mit dem Heulen des Windes, der ernsten Musik von Benjamin Brittens  „Sinfonia da Requiem“ und den entschlossenen Bewegungen der Tänzer wurde ich sofort in den Bann der eindrucksvollen Szenerie gezogen. Es ist eine düstere Stimmung, in der mich die klaren Bewegungen der Tanzpaare faszinieren. Ihre anmutigen Figuren werden durch die fließenden Stoffe in paarweise identischen Farben betont. Das sich passend zu Musik und Tanz ändernde Licht verstärkt den Eindruck von großen Gefühlen, wie Liebe, Schmerz und Vergänglichkeit. Wir können noch so sehr dagegen ankämpfen – am Ende sind wir machtlos dem immer gleichen Gesetz von Werden und Vergehen ausgeliefert.

Nach einer kurzen Pause geht es mit starken Frauen weiter: Martha Grahams Choreographie „Lamentation“, eindrucksvoll umgesetzt von Camille Andriot. Die Tänzerin vollführt in einem elastischen Stoffschlauch sitzend Bewegungen, die das Gefühl großer Klage und Verzweiflung auslösen. Ich fühle mich an die Skulptur „Mutter mit totem Sohn“ von Käthe Kollwitz in der neuen Wache Unter den Linden in Berlin erinnert, der zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Ein kurzes Stück, das unmittelbar unter die Haut geht und an das man sich durch seine Intensität lange, wenn nicht sogar für immer erinnern wird.

Ebenfalls von Martha Graham, der großen Revolutionärin des klassischen Balletts,  folgt „Steps in the Street“. Frauen, die sich sehr geometrisch, beinahe wie aufgezogen bewegen. Ihre weiße Haut in schwarzen Kleidern und vor schwarzem Hintergrund wirkt verletzlich. Die wie in einem militärischen Drill vollführten, harten Schritte und Armbewegungen stehen dazu im Gegensatz. Die spannungsgeladene Motorik löst bei mir die Assoziation zu Charlie Chaplins „Der große Diktator“ aus. Sicherlich beides eine Warnung vor dem Faschismus und damit ein Tanzstück, das nichts an Aktualität verloren hat.

Eine erneute Pause sorgt für eine mentale Trennung zum nächsten Stück, mit dem Martin Schläpfer seine Zeit in Düsseldorf beendet und nach Wien wechselt. Er hat sich dafür das 2.Cellokonzert von Schostakowitsch ausgesucht. Die Musik mutet sicherlich nicht umsonst spröde und unbequem an. Am Ende seines Lebens komponiert, zieht Schostakowitsch Resumée und nimmt Abschied, doch am Schluss fühlt man etwas Befriedetes, er akzeptiert sein Schicksal. Schläpfers Tanz dazu entzieht sich in weiten Teilen meiner Deutung. Immer, wenn ich meine, etwas interpretieren zu können, nimmt das Geschehen eine andere Wendung. Trotzdem erfreue ich mich an den herrlichen Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer, allen voran Marlúcia do Amaral, deren Ausdrucksstärke ich schon bei vielen Aufführungen bewundert habe. Schläpfer zeigt an diesem Abend noch einmal all sein vielfältiges Können und das seiner Compagnie. Das allein ist schon ein Genuss an sich, da braucht man gar keine andere Erzählung dahinter.

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Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“. Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

 

Bewegte Klangkunst

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Benedikt Stahl über die Premiere von „b.41“

Der Abend beginnt mit „Forgotten Land“ von Jiří Kylián. Die Musik von Benjamin Britten trägt das groß inszenierte Bild, das an eine Meerlandschaft erinnert. Davor der Tanz, meisterhaft choreografiert und abgestimmt auf die Klänge, das Licht, die Farben. Eine etwas üppige aber schöne und in sich schlüssig komponierte Aufführung, die das Eintauchen in die bewegte Bühne leicht macht.

Die beiden Stücke von Martha Graham verlangen mehr, als nur Hingabe.

„Lamentation“ zeigt eine einzelne Figur, die an eine Skulptur erinnert, die aus sich heraus will. Ausdruckstark dargestellt von Camille Andriot, die sich zum Klavierstück von Zoltán Kodály auf einer Bank sitzend in einem Tuch bewegt, das ihren Körper umschließt. Sie windet sich, strebt auf, ringt, kreist, holt aus, zieht sich zurück, bäumt sich auf, will sich befreien und kommt in den letzten Klängen zur Ruhe. Vorläufig. Dann brausender Applaus. Ohne Zweifel ist der gerechtfertigt – dennoch wünschte ich mir danach erst mal nur Stille und mehr Raum für dieses Erlebnis.

„Steps in the Street“ ist von außerordentlicher Intensität der Körpersprachen bestimmt. Das Militärische in den Bewegungen und in der Musik wirkt bedrohlich. Die scharf ausgeleuchteten Bilder hallen nach. Die gewollte Mahnung gegen Krieg und Faschismus ist auch heute noch sehr gut nachvollziehbar und aktueller denn je.

Eine weitere Pause und danach das „Cellokonzert“ von Martin Schläpfer.

Mit diesem großartigen Werk gelingt ein prachtvolles Klanggemälde. Immer wieder füllt und bewegt sich die Bühne zur Musik von Schostakowitsch. Die Tänzer fügen die Teile zu einem Ganzen, lassen innere Stimmen ebenso zur Geltung kommen wie kraftvolle Gesten. Ein farbenfrohes Ballettaquarell, dessen Stimmungen ineinander fließen und dass noch lange nachleuchtet.

Unbedingte Empfehlung!

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Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

Ein großer Bogen durch Zeit und Stil der modernen Ballettgeschichte

Forgitten Land ch: Jiri Kylian
Forgitten Land ch: Jiri Kylian

Charlotte Kaup über die Premiere von „b.41“

Kylián, Graham, Schläpfer – b.41 schlägt einen großen Bogen durch Zeit und Stil der modernen Ballettgeschichte.

Es geht um Vergänglichkeit an diesem Abend. Kylián findet eine umwerfende Formsprache für große Themen und verzaubert vom ersten Moment an. Sechs Paare tanzen vor einer beeindruckenden, düsteren Meereslandschaft und erscheinen hingerissen von Naturgewalten.

Sein Tanz bildet dabei in seiner Abwechslung aus Ruhe und Unruhe eine untrennbare Einheit mit Benjamin Brittons Musik, als wäre sie eigens für ihn geschrieben.

Das gewaltige Bühnenbild, welches durch diskrete Lichtakzente die Atmosphäre geschickt untermalt, in Kombination mit den wallenden Kostümen und unglaublich fließenden, erhabenen Bewegungen gibt dem ganzen Stück etwas sakrales und entführt den Zuschauer für den Moment in eine beinahe surreale Welt.

Nach dem ästhetisch sehr harmonischen und zugleich aufrüttelnden Beginn folgt mit Martha Grahams „Lamentation“ ein Stück strenger Konzentration, reduziert auf wenige, jedoch extrem kraftvolle Gesten. Dazu ein wunderbar klarer Ausdruck von Camille Andriot im Zusammenspiel mit Eduardo Boechat am Klavier – für mich einer der stärksten Momente des Abends.

Auch das zweite Stück Grahams, „Steps in the Street“, besticht durch klare und drastische Formsprache. Noch Jahrzehnte nach der Uraufführung hat das Stück nichts an Aktualität verloren, es wirkt modern und mitreißend und bietet reichlich Anknüpfungspunkte zu aktuellen Themen.

Den Abschluss bildet Martin Schläpfers Cellokonzert – die letzte Uraufführung des Choreografen an der Deutschen Oper am Rhein. Es gibt viel zu sehen – bunte Kostüme, quirlige Gruppentänze, reichlich Parallelhandlungen, zuweilen irritierende Brüche und immer wieder bildhafte Gesten des Abschieds.

Anders als bei Kylián oder Graham ist der Zugang nicht so leicht zu finden, da die vielen unterschiedlichen Reize zeitweise überwältigend wirken und teils etwas zusammenhanglos erscheinen. Dennoch bietet das Stück ein interessantes Gegengewicht zu den beiden vorangegangenen. Man wird zum Beobachter eines lebendigen Treibens und muss selbst entscheiden, wovon man seinen Blick anziehen lässt. Viele einzelne Momente, abwechslungsreiche Kompositionen und auch der spannungsvolle Einsatz des Spitzenschuhs haben mir dabei sehr gut gefallen.

Alles in allem für mich ein sehr vielfältiger und absolut sehenswerter Ballettabend!

Charlotte_Kaup

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Vor kurzem hat die junge Ärztin eine Stelle in Mönchen Gladbach angetreten. Vorher arbeitete sie einige Jahre als Ballettlehrerin beim Hochschulsport. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und ist sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires.
Bezüglich der Oper ist sie ein Neuling, möchte dies aber gerne ändern und freut sich deshalb auf ihre Zeit als Scout und die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Ballett kann so verschieden sein – beglückend oder schwer zu deuten

Cellokonzert
ch:Martin Schläpfer

Hubert Kolb über die Premiere von „b.41“

Die Liste von besonderen Gästen mit Betreuung durch das Pressereferat war so lang wie schon lange nicht mehr: es stand die letzte neue Choreographie von Martin Schläpfer vor seinem Wechsel nach Wien an.

Dabei hatte Martin Schläpfer Verständnis für das Publikum. Vor seinem anspruchsvollen Werk hatte er drei kürzere, ältere Choreographien zum Genießen ins Programm genommen.

Das erste Stück war Forgotten Land von Jiří Kylián mit der Sinfonia da Requiem von Benjamin Britten. Es war ein großartig getanztes Werk über den Rhythmus von Leben und Sterben, umgesetzt als dem Meer, den Gezeiten, Wellen und Strudel abgeschaute Bewegungen von sechs Paaren. Eine so stimmende Einheit von Tänzer, fließender Bewegung und Musik habe ich selten erlebt. Der Beifall war der stärkste des ganzen Abends.

Die beiden nächsten Stücke waren Klassiker der Choreographin Martha Graham, aus den 1930er Jahren. Die damals moderne Musik passte zur strengen Geometrie der Bewegungen. Martha Grahams Tanzstil ist aber nicht mein Geschmack. Die ruckartigen etwas mechanisch wirkenden Bewegungen kamen mir oft wie die von Tanzpuppen vor. Beide Werke erreichten daher nicht mein Inneres.

Nach der zweiten Pause kam dann Schläpfers neuestes Werk, zur Musik des zweiten Cellokonzertes von Schostakowitsch (Nikolaus Trieb und die DüSys mit Axel Kober waren großartig.). Das ganze Tanzensemble musste zum Abschied ran, das führte öfter zu eindrucksvollen Gruppenchoreographien auf der Bühne, mit guten Lichteffekten, aber mich nicht überzeugenden Bühnenbild und Kostümen.

Schon in der öffentlichen Probe der Ballettwerkstatt war zu erleben, wie Martin Schläpfer auch kleine Details der komplexen Tanzbewegungen korrigierte. Zum Teil fand ich die Bewegungen faszinierend, zum Teil störte der abrupte Wechsel zu anderen Tanzformen. Ein roter Faden mit einer emotional wahrnehmbaren Botschaft war nicht erkennbar. Aber Schläpfer dürfte alle Bewegungen sehr genau in Hinblick auf die Musik und das Gesamtwerk durchdacht haben. Es erschloss sich mir nur nicht. Dafür sollte ich das Stück mindestens noch einmal sehen!

Fazit: Ein Ballettabend mit großer Bandbreite und einer überzeugenden Entwicklung von emotional stimmigem Tanz über eine eher mechanische Tanzform zu der komplexen Choreographie von Martin Schläpfer.

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Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt.

Erschütternd

b.39     „44 duos“ch: Martin Schläpfer
b.39 „44 duos“ ch: Martin Schläpfer

Stefan Pütz über die Premiere von „b.39“

Dieser Abend wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben … er war einfach erschreckend! Nach  der Vorführung konnte man mich fast als wütend bezeichnen, so hoffte ich nach mehreren Wochen der Entspannung und des Abstandes ein milderes Urteil finden zu können, – es ist leider zwecklos  –  es bleibt dabei!
Drei absolut unterschiedliche  Ballettstücke an einem Abend ,- erst einmal ein erfreulicher Umstand! An früheren Ballettabenden z.B. „b.37“ war diese Vielfalt  auch erfrischend und bereichernd.
Das erste Stück „Dances with Piano“ von Altmeister Hans van Manen war ästhetisch und immerhin stimmig, jedoch ohne Höhepunkte und war als fast langweilig zu bezeichnen. Thema war die Beziehung zwischen Mann und Frau, dargestellt von drei Duos. „Atmosphères“ von Martin Chaix  wirkte sehr düster und irgendwie pubertär. Trotz einer starken Bildsprache, passenden Kostümen, hervorragend dargebotener Tanzkunst und guter Choreographie konnte das Stück mich nicht überzeugen. Aber immerhin ein Kontrapunkt zum ersten Stück. Viele Zuschauer  verabschiedeten sich schon jetzt nach dem zweiten Stück, doch ich glaube, sie konnten nicht erahnen, welches Glück sie hatten…
Das dritte Stück „ 44 Duos“ von Martin Schläpfer mit der Musik von Béla Bartók erschien mir so unerträglich nichtssagend, dass ich nach dem zehnten Auftritt hoffte, dass ich mich bei der Zahl 44 geirrt hätte – dem war leider nicht so …Eine schier endlose Abfolge von leider unzusammenhängenden Episoden ohne Spannungsbogen folgten nun gnadenlos aufeinander. Die grausigen Kostüme taten ein Übriges …

Bislang wurde ich als Opernscout durch die hohe Qualität der Opern- und Ballettaufführungen verwöhnt – es muss wahrscheinlich auch solche ernüchternde Abende geben um die dargebotene hohe Qualität weiterhin erkennen und schätzen zu können.
Puetz_Stefan_Foto2_Andreas_Endermann Stefan Pütz
Inhaber von „Buch in Bilk“

Den Namen Stefan Pütz verbindet man mit „Buch in Bilk“, einer Buchhandlung, die es mittlerweile sogar an zwei Standorten in Unterbilk gibt. Bei Kulturveranstaltungen ist er auch gern mit einem Büchertisch präsent, denn der direkte Kontakt zu den Kunden und die persönliche Beratung ist ihm wichtig. Wichtig ist ihm jetzt – nach langer Abstinenz – auch wieder die Begegnung mit Oper und Ballett: Früher war er oft mit seinen Eltern in der Oper – heute ist er wieder neugierig darauf und offen für die kritische Auseinandersetzung mit den Düsseldorfer Scouts für Oper und Ballett.

In guter Erinnerung…

b.39  atmosphere
ch: Martin Chaix

Katrin Gehlen über die Premiere von „b.39“

Der Ballettabend ist mir trotz vereinzelter Verständnisschwieigkeiten in guter Erinnerung geblieben.

Beim ersten Stück von Hans van Manen kommen klassische Ballettliebhaber meiner Meinung nach wieder ganz auf ihre Kosten. Vor allem der dritte Pas de deux, der den Abschluss der Begegnung von Mann und Frau beschreibt, ist sehr gefühlvoll und wunderbar in seiner ganzen Ausdrucksweise. Auch die Kostüme sind sehr geschmackvoll und beweisen Eleganz in einer raffinierten Schlichtheit.

Das zweite Stück von Martin Chaix hat mir besonders gefallen. Schon der Hintergrund der Bühne weist auf eine gewisse Erotik hin. Dargestellt ist ein verschwommener weiblicher Akt, eine Fotografie des Choreographen selbst. Bewegung, Musik, Licht und Kostüme sind sehr gut aufeinander abgestimmt. In der letzte Szene erscheint das schöne Bild des Hintergrundmotivs.

Das letzte Stück von Martin Schläpfer hat mich diesmal weniger angesprochen. Von den Kostümen die ganze Zeit derart abgelenkt, konnte ich mich nicht auf den Tanz konzentrieren. Zu sehr habe ich innerlich im Konflikt gelegen, sogar immer wieder den Blick abgewendet. Zu dem ganzen Stück konnte ich leider keinen Zugang finden.

Gehlen_Katrin_Foto_Andreas_EndermannKatrin Gehlen
Modedesignerin

Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus. 

Eine abgefahrene Mischung

b.35. Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg
Abendlied. ch.: Remus Sucheana

Markus Wendel über die Premiere von „b.39“

Am heutigen Premierenabend erwarten uns drei Ballette, choreographiert von drei Herren, die dem Düsseldorfer Publikum nicht unbekannt sind.

Den Auftakt macht ein kleines Stück von Hans van Manen. Leider finde ich nicht wirklich einen Zugang hierzu, mir fehlt eine gewisse Leichtigkeit, es wirkt auf mich sehr überlegt und aufgesetzt. Ein wahrer Genuss ist die musikalische Begleitung durch die ganz hervorragende Pianistin.

Beim zweiten Stück des Abends hingegen werde ich sprichwörtlich aus dem Stuhl gerissen. Würde der Film-Regisseur Ridley Scott ein Ballett schaffen, würde es wahrscheinlich ähnlich aussehen, und was wir hier erleben, setzt sich sofort an die Spitze der besten Ballette, die ich hier gesehen habe. Unser ehemaliges Ensemble-Mitglied Martin Chaix schafft für uns in einem düsteren Raum ein wirklich beeindruckendes Gesamtkunstwerk. Nebel wandert über die Bühne, schwarz ist die dominierende Farbe, im Hintergrund schwebt die verwaschene Silhouette einer unbekleideten Frau. Zeitweilig wird die Szenerie von einem grellen Lichtstrahl durchschnitten, einem brutalen Gegenpunkt zu den vielen romantisch-intimen Momenten, inmitten dieser Science-Fiction-artigen Kulisse. Tanz, Choreographie, Kostüme, Beleuchtung, und auch die Abmischung der Musik: alles zieht mich in seinen Bann, trifft genau meinen Geschmack, und meine Vorliebe zu düsteren Inszenierungen. Bravo!

Martin Schläpfer hingegen bleibt mir ein Rätsel. Von ihm ist das letzte, und auch längste Stück an diesem Abend. Neben der ohnehin nicht ganz einfachen Musik von Bela Bartók bleibt mir der Zugang zu dieser Aneinanderreihung von Einzelsequenzen leider verwehrt.

Zusammenfassend ist es für mich ein herausfordernder Abend, mit großem Lob und Dank an Martin Chaix, für sein »Atmosphères«!

Wendel_Markus_Foto_Andreas_EndermannMarkus Wendel
Feuerwehrmann in Düsseldorf

Als neuer Scout folgt Markus Wendel in der Spielzeit 2018/19 frühen Spuren seiner Opernbegeisterung: Seine erste Begegnung mit Richard Wagners „Götterdämmerung“ hatte er 2003/04 im Düsseldorfer Opernhaus, und schon damals begeisterte ihn Linda Watson als Brünnhilde. Als Feuerwehrmann der Landeshauptstadt Düsseldorf kümmert sich Markus Wendel um die strategische Planung und Einsatzorganisation. Ganz besonders schätzt er seine Dienste im Opernhaus: Als Brandsicherheitswache beobachtet er die Aufführung dann von der Seitenbühne aus. „Ich mag das Gewusel hinter den Kulissen“, sagt der 39-Jährige. Was ihn aus dieser Perspektive besonders anspricht, schaut er sich gern noch einmal mit Freunden oder der Familie aus dem Zuschauerraum an.

far too much…

b.39  Dances with
ch.: Hans van Manen

Michael Langenberger über die Premiere von „b.39“

Wenn die Besten alles geben, dann kann es eben auch passieren, dass über das Ziel hinaus geschossen wird. So passiert bei der Premiere b.39.

Zu gekonnt kombinierten Klängen, zeigte uns Hans van Manen mit spartanischem Bühnenbild und zauberhaft gefühlvoll getanzten Szenen dreier Paare in “Dances with Piano”, eine Choreographie, von der dieses Mal die Männer mit Szenenapplaus profitierten. Wahrscheinlich lag es daran, dass deren Tanz körpersprachlich jeweils Geschichten erzählten, die so manch einer mit verbalen Erklärungen nicht zustande brächte. Spritzig und pointiert vorgebracht, wurden diese mit lautem Beifall belohnt. Genau wie das ganze Stück, zu dem natürlich noch die dazu gehörigen Ballerinen gehörten. Mit Recht bekam die Pianistin Schaghajegh Nosrati ebenfalls großen Applaus – aus meiner Sicht für ihre Bach-Interpretationen. Sehr rhythmisch, eben gerade noch kein Jazz à la Jacques Loussier. Toll gespielt, getanzt, choreographiert – einfach sehr schön.

Und dann ging’s in die Vollen. Gib alles – hat Martin Chaix sich wohl gedacht, als er bis zu insgesamt 22 Tänzerinnen und Tänzer zu “Atmosphères” z.T. wild über die Bühne fegen ließ. War es avantgardistischer oder archaischer Tanz – ich weiß es nicht. Für mich war es ein Zuviel an allem; eine herausfordernde Musikwahl, viele spezielle Effekte, gerne mit viel Rauch und Nebel und zu viel Verschiedenes zum gleichen Zeitpunkt auf der Bühne. Ich merkte es besonders daran, weil der eher ruhige Mittelteil zu Beethovens Adagio Cantabile aus der Sonate Pathétique mich kurz zu erden vermochte, bevor es wieder ungestüm weiterging. Hätte Martin Chaix das Eine oder Andere weggelassen, all meine Sinne hätten es ihm mit Begeisterung für das Erfassbare gedankt.

Dem jungen Meister Martin Chaix folgte mit “44 Duos” zum Abschluss des Abends, die Choreographie des großen Meisters des Balletts, Martin Schläpfer. Vermutlich hatte Béla Bartók die Violin-Duos als Etüden – eben als Übungsstück und nicht als Konzertreihe komponiert. Sicherlich meisterschaftlich von Catherine Ribes und Dragos Manza vorgetragen, dennoch als Übungsstücke für die Violonisten, anstatt für 1200 Ballettbesucher- Ohrenpaaren gedacht. Wie immer beim Ballett am Rhein, eine großartige tänzerische Leistung des gesamten Ensembles. Doch vermochten es die Tänzer nicht, den visuellen Eindruck, der z.T. wirklich schrecklichen Kostüme, soweit aufzuheben, dass es wirklich Spaß machte hinzuschauen. Es zeigt sich, wenn jedes “Gewerk” alles aufbietet was geht, das Maximale aus sich herausholt, doch nichts so recht aufeinander abgestimmt ist, zerstören sich die großartigen Künste jedes einzelnen Meisterhandwerks gegenseitig. Auch für mich, in der Form, eine wirklich neue Erkenntnis…

Opernscouts 2018 / 2019

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt: Auf Standard und Latein folgten Salsa und Modern Contemporary Dance im tanzhaus nrw, wo er auch an öffentlichen Performances mit Profis und Laien mitwirkte. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze.

Die Tänzer geben: Alles!

b.39     „44 duos“
ch: Martin Schläpfer

Hilli Hassemer über die Premiere von „b.39“

Dances with piano von Hans van Manen. Ich sage nur: Stille Größe!
Nur ein Klavier, – wunderbar gespielt von Schaghajegh Nosrath, begleitet die Tanzenden. Und wie der Titel, klar, pur und ehrlich, erscheint mir auch die Choreografie! Drei Paare, – sie erinnern mich in ihrem schlichten Erscheinungsbild an die Skulpturen des Bildhauers Stefan Balkenhol, – dialogisieren im Tanz.
Silbrig im Innenfutter, flattern die Röcke der Tänzerinnen und auch das erscheint mir symbolhaft, – unscheinbar und schlicht auf den ersten Blick, aber mit wundersamen Glanz, der aus dem Inneren strahlt. Zwischen die pas de deux‘ grätschen drei Tänzer zu Ausschnitten aus den Goldberg Variationen von Bach. In ihrem verwegenen Tanz konterkarieren die drei Haudegen die vorangegangene Strenge mit Humor und Lässigkeit. Sehr großartig. Man will gar nicht, dass es aufhört.
Viel zu kurz vergehen mir Dances with piano. Viel zu schnell schließt sich der Vorhang hinter diesem Understatement an berührendem Tanz und der wunderbaren Choreografie des alten Meisters. Mein Sahnehäubchen des Abends, aber das weiß ich erst am Ende.

Atmosphères von Martin Chaix gerät für mich schon von Beginn an in eine Schieflage. Das Bühnenbild: die Fotografie eines über die ganze Wand diagonal gestreckten, anämischen Frauenaktes, der sich langsam aus dem Trockeneisnebel windet, – wird in meinen Augen viel zu wichtig. Dieser Körper konkurriert während des ganzen Stückes mit den Tanzenden.
Chaix schafft eindrucksvolle Tanz-Szenen, die Musik ist ein Traum, aber ich bleibe insgesamt relativ unberührt. Zu viel Rauch wird da Effekt haschend in die Luft geblasen.

Zu Martin Schläpfers „44 Duos für zwei Violinen“: es sind derer mindestens 22 zu viel. Es gibt einen Punkt, etwa in der Mitte der Aufführung, an dem meine Aufmerksamkeit in die Knie sinkt. In meiner Wahrnehmung verschwimmen alle Tanzstücke der Duettpartner zu einem Großen Etwas. Eine Frustration macht sich in mir breit und zwar über mein eigenes Unvermögen, den wunderbaren Tänzern noch weiter aufmerksam zu folgen.
Die Arbeit der Tänzer ist einmal wieder beachtlich und beeindruckend. Bis an die Schmerzgrenze setzen sie ihren Körper ein,- geben: Alles.
Das Bühnenbild ist großartig, eine Reihung voran Fäden schwebenden Fragmenten, die sich zu einer wunderschönen abstrakten Einheit ergänzen.
Schläpfers Idee ist ersichtlich – aber er will zu viel und überspannt den Bogen. Meine Lust auf mehr,- wie nach dances with piano, bleibt aus.

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Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin

Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Klassische und auch Opernmusik sind elementare Einflüsse in ihrer Arbeit. Das erste Jahr als Opernscout hat sie mit heller Freude erlebt. Die Vielfalt und Qualität der Düsseldorfer Opern und Ballettkultur zu erleben, war für sie eine neu prägende Seh- und Hörschule. Eine Sinn-schärfende Bereicherung, die sie nicht mehr missen möchte. So freut sie sich auf die zweite Spielzeit, auf die neuen Ballett und Opernwelten, die sich ihr eröffnen werden und für die sie Worte finden muss. Der Bleistift ist gespitzt….

Den Musikern und Tänzern gilt meine Hochachtung

b.39  Dances with
ch.: Hans van Manen

Jenny Ritter über die Premiere von „b.39“

Dances with Piano   (Deutsche Erstaufführung)   Hans van Manen
Dieser große alte Herr ist doch eine verlässliche Größe, stets zeigt er das Ballett in voller Schönheit und Ästhetik – auch dieses Stück war in seiner Schönheit ein Genuss. Harmonische Bilder, Beleuchtung und Kostüme ergaben ein schönes Ganzes, der Tanz der Paare zeigte alle Fassetten des männlich/weiblichen Zusammentreffens sehr ausdrucksstark. Wunderschön spielerisch war für mich der Tanz der drei Männer – siegessicher, mit Spaß und Spiel bewegten sie sich zur schönsten Musik des Abends: den Goldberg-Variationen von Bach.
Dank dem großen Meister, den Tänzern und der Pianistin.

Atmosphères ( Uraufführung)  Martin Chaix
Zunächst fand ich die Figur im Hintergrund ganz anziehend – als sie noch im Nebel  lag,  doch dann zeigte sich ein völlig unerotischer, androgyner, kopfloser Körper, und so empfand ich auch den Rest des Tanzes: anstrengend. Die scharrenden Geräusche des Spitzentanzes erinnerten mich an einfallende Heuschreckenhorden, schon unheimlich; – ich konnte dem Ganzen nichts Schönes entnehmen – auch der Musik nicht. Ich muss jedoch den Musikern und Tänzern meine Hochachtung aussprechen; denn die haben immer und zu jeder Zeit ihr Bestes gegeben.

44 Duos (Uraufführung) Martin Schläpfer
Hat mich leider in keiner Weise angesprochen, zu lang, zu viele schreckliche Kostüme und die Musik traf auch nicht meinen Geschmack – und nicht nur meinen, die Damen um mich herum haben auch gestöhnt und gelitten!

Doch auch hier waren die Tänzer und Musiker einfach Spitzenklasse!!!

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Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin

Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und freut sich diesen als Opernscout in Düsseldorf abschließen zu können.

„b.38“ – Eine angenehme Überraschung

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b.38 Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg „Sinfonie Nr. 1“ ch: Remus Sucheana

Jürgen Ingenhaag über „b.38“

Unvoreingenommen und ohne Erwartung bin ich in den dreiteiligen Ballettabend „b.38“ hineingegangen, um dann angenehm überrascht zu werden!
Sergej Rachmaninows 1. Sinfonie ist von Remus Sucheana zu einer Tanzgeschichte über Krieg und Frieden verarbeitet worden. Tolle Kostüme und Frisuren ergänzen die klassischen und zeitgenössischen Tanzbilder. Dem trügerischen Frieden folgt das hoffnungslose Ende vom untergehenden Volk.
Das lässt nachdenklich zurück.
„One flat thing, reproduced“ von William Forsythe und der nervigen Computermusik ist ein relativ kurzes Stück. Der Tanz mit Tischen, auf Tischen und seinen schnellen Bewegungsabläufen spornt das Ballett-Ensemble zur Höchstleistung an. Am Südpol, wo das Stück spielt, scheint es diesen Körperbeherrschenden nicht kalt zu sein. Respektvolle Ovationen!
Nummer 3 ist dann das augenzwinkernde Stück „Ulenspiegeltänze“ des Chefchoreographen Martin Schläpfer. Till Eulenspiegel hält der Gesellschaft den Spiegel vor, treibt seinen Schabernack und lässt auf dem Vulkan tanzen… Hier begeistern auch die Video-Einspielungen mit teils harmlosen und teils bedrohlichen Bildern. Ich finde es einen genialen Einfall, dass Schläpfer nicht die Musik von Richard Strauss, sondern die letzte Sinfonie von Sergej Prokofjew mit ursprünglichem Schlusssatz verwendet hat. Großes Lob auch für die Duisburger Philharmoniker unter Wen-Pin Chien und ihrer exzellenten Interpretationen der russischen Meisterwerke von Rachmaninow und Prokofjew!

19.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Jürgen Ingenhaag
Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg

Der Staatlich geprüfte Techniker für Druck und Medien qualifiziert sich zurzeit zur Fachkraft für Arbeitssicherheit. Im Vorstand der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge‘‘. Mit Rock- und Popmusik ist er aufgewachsen – sie hat ihn geprägt und trotzdem nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden; einer, der sogar auch die Bayreuther Festspiele besucht. Im Theater Duisburg freut er sich nach „Rheingold“ und „Walküre“ in dieser Spielzeit auf die Fortsetzung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“.

Eine kontrastreiche Vielfalt und vielfältige Kontraste

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b.38 Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg „One flat thing reproduced“ ch.: William Forsythe

Annette Hausmann über die Premiere von „b.38“

Was wird mich bei zwei Ballett-Uraufführungen und einer Reproduktion erwarten? Diese Gedanken schwirrten vor Beginn der Premiere „b.38“ in meinem Kopf herum. Nach dem Ballettabend lautete meine Antwort: Eine kontrastreiche Vielfalt und vielfältige Kontraste.

Für die erste Uraufführung des Abends ließ sich Ballettdirektor Remus Sucheana durch Rachmaninows „Sinfonie Nr. 1“ inspirieren, die in ihm Bilder einer zerrissenen Welt weckten und ihn zur tänzerischen Umsetzung einer Kriegsgeschichte voller Gegensätze von Kampf, Friede, Demütigung, Hoffnung, (Ver-)Gewalt(-igung), Freude, Resignation, Tod und Freiheit bewegte.
Fast zeitgleich mit dem ersten Taktschlag des Kapellmeisters Wen-Pin Chien befindet man sich als Zuschauer mitten in der Kriegsthematik: zwei Tänzer erscheinen auf der Bühne, strecken ihr Bein zu einem Gewehr nach vorne und verharren für einen Moment in dieser Tanzposition. Im Hintergrund befindet sich eine gewaltige Mauer, die gleichzeitig ein aufgeschlagenes Buch darstellen soll. Das imposante Bühnenbild von Drako Petrovic zieht während der Aufführung immer wieder meinen Blick in seinen Bann und weckt in mir die Vorstellung, als wenn die Protagonisten aus dem Buch „herausgelesen“ worden seien, um uns ihr persönliches Kriegserlebnis über die Form des Tanzes als körperliche Ausdrucksmöglichkeit emotional näher zu bringen. In vielen Tanzszenen ist Remus Sucheana dies auch auf einem sehr hohen Niveau gelungen, wie zum Beispiel bei der Gegenüberstellung der unterschiedlichen, kriegsgeprägten Rollen: auf der einen Seite die uniformierten Soldaten und Soldatinnen, deren emotionslose Körperhaltung sowie die stechschrittmäßigen Tanzbewegungen hart, angespannt und fremdbestimmt wirken. Auf der anderen Seite die einfach gekleideten Bürger und Bürgerinnen, deren zumeist schnellen Rumpf- und Beinbewegungen weich und geschmeidig sind, Freude und Freiheit, im nächsten Moment aber auch Trauer, Resignation und Zerbrechlichkeit ausdrücken. Hervorzuheben ist auch die Abschlussszene, in der alle Protagonisten vor der Mauer gleichzeitig in den Untergrund „fahren“ – offenbleibt, ob sie den Tod als einzigen Ausweg in die grenzlose Freiheit wählen oder einfach nur wieder ins Buch „zurückgelesen“ werden…

Insgesamt empfand ich es als sehr grenzwertig, Rachmaninows wundervolle Jugendsinfonie zu nutzen, um ein Handlungsballett rund um das Thema „Krieg“ zu schaffen.

Im zweiten Teil nach der Pause: trügerische Stille…
Plötzlich schiebt eine 14-köpfige Tanzcompanie lautstark 20 Tische auf die Bühne und ordnet jeweils fünf Tische hintereinander geometrisch exakt in vier Reihen an.
Auf dieser begrenzten und scheinbar einengenden Bewegungsfläche soll getanzt werden? Und wie!!
Mit Einsetzen der elektronischen Klangkulisse trifft mich das Ballettstück „One Flat Thing, Reproduced“ wie ein unvorhersehbares Naturspektakel; 20 Minuten „Voll-Power“ strömen auf mich ein. Sowohl das Entladen angestauter Energien als auch das „Anstupsen“ eines Dominosteins scheinen nicht mehr aufzuhalten zu sein. Die sportlich-leger gekleideten Tänzer beginnen wie bunte Flummis zu tanzen. Jedoch nicht im klassischen Sinne, sondern vielmehr ist es ein experimentelles Bewegen auf höchstem Niveau. Impulse werden abgegeben, angenommen, weitergegeben oder mit eigenen Bewegungsformen beantwortet, dynamisch-schnell, präzise-vorausschauend, freudvoll-kooperativ, synchron-asynchron, genial und immer wieder verblüffend. Scheinbar ein pulsierendes Chaos, das bei genauerer Betrachtung eine perfekt aufeinander abgestimmte Tanzchoreographie ist, bei der nichts dem Zufall überlassen wird.
In William Forsythes Phantasie sind die Tische Eisschollen und Eisberge mit gefährlichen Kanten. In Verbindung mit der außergewöhnlichen Klangcollage eine phantastische Assoziation, die auch mir als Zuschauer Raum für eigene Bilder und Interpretationen inmitten einer Eislandschaft lässt.

„One Flat Thing, Reproduced“ ist für mich eine absolut sehenswerte Expeditionsreise ins Land der fast unmöglich erscheinenden, expressiven Bewegungswelt des Menschen.

Den Abschluss des Ballettarrangements „b.38“ bilden die „Ulenspiegeltänze“ zur Sinfonie Nr. 7 von Prokofjew – die zweite Uraufführung des Abends. Der Vorhang hebt sich und ein wunderbares Bühnenbild des Künstlers Keso Dekker mit Perlenschnüren und Ballsaalcharakter eröffnet sich dem Zuschauer. An der Rückwand eine Videoprojektion, die uns das Bild einer, uns mit dem Rücken zugewandten, überdimensionierten Eule zeigt; mal schaut sie weise, mal teuflisch, aber sie scheint immer allgegenwärtig zu sein.
Wer meint, ihm werden im letzten Ballettstück nette Till-Eulenspiegel-Geschichten aus Kindheitstagen tänzerisch präsentiert, der irrt sich. Denn schließlich „steckt“ Martin Schläpfer hinter der Choreographie. Er führt uns „an der Nase“ herum, überrascht uns von hinten, tritt zum Teil anmutig, aber manchmal auch bedrohlich-beängstigend in Erscheinung und hält uns regelmäßig auf gesellschaftskritische Weise den Spiegel vor.
Die tänzerischen Leistungen, insbesondere die ausdrucksstarken Tanzbewegungen von Yuko Kato oder das Solo von Feline van Dijken waren wieder erstklassig und äußerst bemerkenswert.
Martin Schläpfer beweist mit Prokofjews 7. Sinfonie wiederholt sein Feingefühl für eine wundervoll passende und sinnstiftende Musik. Den Duisburger Philharmonikern gelingt es dabei, die musikalischen Gegensätze und Überraschungsmomente des Komponisten auch für ein eher ungeschultes Ohr genau herauszuarbeiten. Durch die Videoprojektion, die mir sehr gut gefallen hat, ermöglicht sich Martin Schläpfer auf schelmische Art selber, seiner Choreographie noch weitere Nuancen zu verleihen – so auch beim Einblenden eines Bildes der Wiener Staatsoper. Spätestens jetzt ist einem als Zuschauer klar, dass durch den Perspektivenwechseln jedem von uns der Spiegel vorgehalten wird.

Am Ende der „Ulenspiegel“ ziehe ich für mich das Fazit, dass sie sehenswert sind, aber das Ballettstück insgesamt zu wenig Inhalt aufweist und mir daher auch der Spannungsbogen fehlt.

28.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an GGS Hermann-Grothe-Straße in Duisburg-Bissingheim, einer Montessori-Grundschule, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Sie findet es spannend und freut sich darauf, sich als Scout für Oper und Ballett in dieser Saison wieder regelmäßig und intensiv mit Oper und Ballett auseinanderzusetzen.

b.38 ist etwas sehr Besonderes

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von „b.38“

Der Ballettabend b.38 ist etwas sehr Besonderes – man sollte ihn  unbedingt ansehen, weil er auch für  Nicht-Ballettfans ein richtig  beeindruckendes Erlebnis bietet.

Der dreiteilige Abend beginnt mit der  Uraufführung des Balletts Sinfonie  Nr.1 des rumänischen  Choreographen und Tänzers Remus  Șucheană, der an die Stelle Martin Schläpfers treten wird, wenn dieser  im nächsten Jahr das Ballett am  Rhein verlässt und nach Wien gehen  wird. Der Titel Sinfonie Nr.1 bezieht  sich auf die Musik zu diesem Ballett:  Sergej Rachmaninows erste Sinfonie  – ein dramatisches, animalisches, fast  trotziges Werk, auf das Remus  Șucheană seine Geschichte von  Krieg und Liebe, Verlust und  Sehnsucht, von Schrecken und  Hoffnung choreografiert. Die düsteren  und sehr intensiven Farben dieser  facettenreichen Musik finden sich  wieder im höchst eindrucksvollen Bühnenbild (Darko Petrovic): eine in ihrer Schlicht- und Einfachheit fast bedrohlich wirkende Mauer, die wie ein geöffnetes Buch hochkant die Szene begrenzt und den Blick auf das lenkt, was davor passiert. Menschliche Dramen, Paare, die sich finden, sich trennen müssen, weil die Männer in den Krieg ziehen, die Sehnsucht nach Menschlichkeit, Familienleben und Normalität. Auch Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt sind zu sehen, Hoffnung auf Frieden und bessere Zeiten. Die Kostüme passen sich realistisch in die Szenerie ein: Soldatenuniformen, angelehnt an jene der 1930er Jahre, im Kontrast zu bürgerlicher Kleidung, praktische Schnitte, dazu Frisuren, 44 wie man sie aus Bildern jener Zeiten kennt. In Verbindung mit dem unglaublich starken Ausdruck der Tänzer wird diese Geschichte aufwühlend lebendig. Man wird sogartig hineingezogen, fühlt und erlebt mit und bleibt – insbesondere beim tiefgründigen Ende – mit absoluter Aufmerksamkeit und angehaltenem Atem zurück…

Auf ganz andere Weise beeindruckend ist das zweite Tanzstück, das durch unfassbare Akrobatik besticht: 20 große breite Tische werden von 20 Tänzern vorn auf die Bühne gezogen und auf alle nur erdenklichen Arten genutzt: darauf liegend, wischend, sitzend, ziehend, stehend, mit Füßen tippend, unter ihnen hindurch gerollt, drumherum getanzt… One flat thing, reproduced, hat Choreograf William Forsythe sein Bewegungskunstwerk getauft. Zunächst herrscht auf, neben und unter den Tischen Chaos, zwischendurch lichtet sich das Treiben, Tänzer in kleinen Gruppen reduzieren die Impulse fürs Auge, dann wieder scheinbar ungeordnetes Chaos. Dazu eine Klang- und Geräuschwelt von Thom Willems, die das Chaos akustisch bestätigt… Zutiefst beeindruckend ist die tänzerische Leistung, die akurate Abstimmung, das Timing, die Präzision, die notwendig ist, um sich nicht an den Tischkanten zu verletzen und einen solchen rauschhaften Strudel an Bewegung zu meistern. Aber gefallen? Nein, das tut es nicht sehr – die Musik ist anstrengend, das Chaos bietet keinen Halt fürs Auge, keiner der zahllosen Impulse wird zu Ende geführt, das Auge kann auf nichts ruhen – alles bleibt offen und undurchschaubar. Respekt beschreibt den Eindruck vielleicht eher.

Musikalisch und erzählerisch versöhnlicher ist das dritte Ballett: Martin Schläpfers uraufgeführte Ulenspiegeltänze entführen ein wenig in magische Welten. Till Eulenspiegel, der rebellische Narr, Gaukler, legendäre Streichspieler dient dem Choreografen Martin Schläpfer nur als hintergründiger Nährboden für seine sehr konkret in der Jetztzeit festgemachten Ideen. Die Bühne eröffnet eine nächtliche Szene, nebelig, herabhängende Schnüre von oben werden zu beiden Seiten gezogen, wie ein nur wenig geöffneter Vorhang. Eulen als Motiv tauchen auf, als Nachttier in Videosequenzen oder Eulenaugen, die alles beobachten. Ein großer Kronleuchter oder ein prunkvoller Theatersaal werden eingeblendet und verändern die Atmosphäre. Wenig passend das Portrait Stalins, das im Bühnenhintergrund erscheint. Die Tänzer, in eng anliegende Anzüge gehüllt, die aussehen, als sei der Körper mit Pastellfarben bemalt, sorgen auch hier für fesselnde Stimmungen – ausdrucksvolle Bewegungen, die den Menschen den Spiegel vorhalten, die Menschen darauf stoßen, wie die Realität aussieht, mit allen Schrägheiten und Narreteien… so ist es von Martin Schläpfer gedacht. Und so kommt es auch an. Es braucht eine Weile, bis die Eindrücke verarbeitet sind, aber dann ist die Begeisterung für diesen vielseiteigen Abend um so größer…

Fedrizzi_Isabel_FOTO_Tanja_BrillIsabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout für Oper und Ballett möchte sie ihre Zuschauererfahrungen erweitern und intensivieren.

So herrlich selbsterklärend

b.36 Ballett am Rhein Düsseldorf DuisburgSCHWANENSEE ch.: Martin Schläpfer
„b.36 – Schwanensee“ Camille Andriot (Odile) FOTO: Gert Weigelt

Alexandra Schiess über die Premiere von Martin Schläpfers ,,Schwanensee“

Die Ballettpremiere Schwanensee von Martin Schläpfer ergreift mich auch knapp zwei Wochen danach, nachhaltig. Für mich ist es ein emotional sehr berührendes Handlungsballett der Sonderklasse.

Die so allseits bekannte, wie tragend, anregende Komposition Tschaikowskys erhält in diesem wundervoll inszenierten Ballett eine völlig neue Interpretation. Musik und Tanz fusionieren derartig schön, aber auch anders, dass das Märchen des Schwanensees auf eine ganz selbstverständliche Art nacherzählt wird. Klar, verständlich werden über den Tanz die Charaktere und die Handlung hervorgehoben. Es braucht weder aufwendiges Bühnenbild, noch auffällige Kostüme. Beides fügt sich wahrhaftig leise in das Gesamtbild ein und spiegelt die Persönlichkeiten in ihrer Stimmung und ihrem Umfeld wieder. Die Solisten als auch das Corps de Ballett haben mich, wirklich jeder in seiner Rolle, begeistert. Jede Tänzerin, jeder Tänzer beweist eine große Darstellungskraft, tänzerisch als auch schauspielerisch.

Bestimmte Stilmomente regten zum Nachdenken an, wie das sekundenlange ‚Nachhallen‘ des Tanzes ohne Musik- ein typischer Moment für Martin Schläpfer. Emotionen wie Freude, Wut und Traurigkeit wirken getanzt so herrlich selbsterklärend. Man taucht ab in dieses Märchen, leidet, hofft und bangt mit Siegfried, wünscht, dass alles gut wird… und so verzweifelt selbst der Betrachter am Ende des Stückes, denn hier heißt es nicht, wie im Märchen gewohnt, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…

28.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.
Alexandra Schiess
Modedesignerin

Alexandra Schiess war Opernscout der ersten Stunde: Schon in der Spielzeit 2009/10 lernte sie das Projekt kennen und war sofort begeistert, Teil des Experiments zu sein. Mittlerweile ist sie Mutter von zwei Kindern und freut sich, ein zweites Mal – diesmal in Duisburg – dabei sein zu dürfen. Vor allem der Tanz fasziniert die Modedesignerin, die ihre Kollektionen sowohl in Deutschland als auch international, wie zum Beispiel in Paris, Rom und San Francisco vermarktet: Sie erstellte Kostümbilder für Ballettproduktionen in Dortmund und Hannover und pflegt eine enge Beziehung zum Ballett am Rhein. Der Oper begegnet sie mit Respekt und Freude und ist gespannt auf die neue Spielzeit.