Stadtreise mit Bach

Benedikt Stahl über die Premiere „Weihnachtsoratorium“ – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Kennen Sie das nicht auch? Man unternimmt einen Kurzausflug übers Wochenende in eine große, spannende Stadt, vielleicht Rom oder New York und ist gespannt auf die vorab studierten und vertrauten Bilder. Vor Ort jedoch erscheinen sie komplett anders. Das unablässige Hupen, Grollen und Fauchen der Autoschlangen, das Mischmasch der vielen unterschiedlichen Gerüche, Menschenmengen, die durch die Straßen drängen, Lichter, Farben, das Ein- und Ausatmen. Alles ist laut, von allem gibt es viel zu viel und die Nächte sind in der Tat durchwacht.

Da kann es passieren, dass sich der eigentliche Reisegenuss erst im Nachgang und zuhause in gewohnter, ruhiger Umgebung einstellt. Aus dem schrillen, bunten Treiben formt die wählerische Erinnerung eine eindrucksvolle Gedankenmalerei, die einen mit allem Gezeter versöhnt und die Beziehung zu dieser Stadt auf eine besondere Weise prägt.

Irgendwie so ähnlich geht es mir mit der Inszenierung des Weihnachtsoratoriums in der Düsseldorfer Oper. Das bekannte Bachwerk übernimmt dabei die Rolle der vertrauten Bilder und die Reiselust ist groß! Dann passiert das, womit ich nicht gerechnet hatte: das dichte Gedränge auf der Bühne, die Klangraserei und die viel zu vielen Gleichzeitigkeiten laufen einander den Rang ab. Es zischt, es schreit, es blitzt, es jauchzt! Als wäre es ein abgestimmter Teil der Regie, zückt die Dame vor mir ständig ihr Smartphone um alles festzuhalten (als wenn das ginge) und stören laut plappernde Nachbarn, die wahrscheinlich nur den falschen Zug genommen haben. Eigentlich kaum auszuhalten, wären da nicht die wunderbare Musik und wirklich prachtvoll ausgeleuchtete Bühnenbilder mit zauberhaft aufeinander abgestimmten Kostümfarben. Wenn ich zwischendurch die Augen ein wenig zusammenkneife und die Störgeräusche einfach überhöre, wird daraus eine erinnerungswürdige Gesamtkomposition, die eine Reise wert ist! Am besten aber mit leichtem Gepäck, ohne zu viele Vorstellungen im Kopf und dazu bereit, mindestens eine Nacht nicht schlafen zu können. Ist ja auch viel zu aufregend, was da geschah…

Benedikt Stahl

Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle Komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

Tradition trifft Moderne – absolut gelungen?

Karolina Wais über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Ich muss zugeben, dass ich die moderne Umsetzung des Weihnachtsoratoriums erstmal auf mich wirken lassen musste, um die schönen und gelungenen Feinheiten zu erkennen.

Wenn ich an Weihnachten denke, denke ich an Gemütlichkeit, Düfte und an Lichter, welche die Dunkelheit erhellen – ich romantisiere Weihnachten total inklusive der Frohen Botschaft, die die Liebe und Harmonie in uns Allen entstehen lassen kann. Ich habe also eher eine romantische Inszenierung erwartet. Diese ist aber absolut schmerzfrei in unseren Alltag geholt worden, inkl. eines Toilettenganges in einer Bar.
Das Bühnenbild ist überraschend modern, die kreierten Räume beweglich. Der Chor ist komplett in die Inszenierung integriert, was mir sehr gefällt. Ich liebe es, wenn der Chor sichtbar und nicht nur hörbar ist. Einzelne Sänger werden von einzelnen Musikern auf der Bühne begleitet, was für zauberhafte und einzigartige Momente sorgt.

Wer offen für neue Ideen ist, insbesondere bei einem Stück wie dem Weihnachtsoratorium und absolut guter Musik, sowie hervorragendem Gesang lauschen will, sollte diese Oper sehen und hören. Zumal die Inszenierung in unseren Alltag und in diese Zeit zu adaptieren absolut mutig ist, weil eben nicht romantisch und verkitscht.
Und darum geht es ja eigentlich, dass wir in diesen unseren modernen Alltag einen Weg finden die Frohe Botschaft, die Liebe zu leben.

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Schöne Momente, aber wenig Weihnachtsstimmung

Charlotte Kaup über die Premiere „Weihnachtsoratorium“

Etwas müde und ratlos hat es mich zurückgelassen, dieses Düsseldorfer Weihnachtsoratorium und so fällt es mir nicht leicht, meine Eindrücke in Worte zu fassen. Das fast dreistündige Werk erzählt die Weihnachtsgeschichte – eine bekannte Handlung, die alljährlich rituell rezitiert wird. Bachs Oratorium, eine Abfolge von Chorälen, Bibeltexten und Lobgesängen, sticht denn auch weniger durch Handlung als durch musikalische Gestaltung hervor.

Insofern hat sich die Oper am Rhein Großes vorgenommen: ein Vokalwerk mit spirituellem Charakter soll den Erzählgewohnheiten der Gegenwart angepasst werden.
In einem raffinierten rotierenden Bühnenbild werden viele kleine Episoden erzählt. Zahlreiche Klischeecharaktere versuchen, die großen Fragen unserer Zeit anzureißen, ohne dabei die Musik aus dem Fokus zu verlieren. Das Ganze ist garniert mit teils drastisch expliziten Bildern. In poppigen Farben wird auf der Bühne geboren und gestorben und natürlich opernhaft gestritten und vertragen. Das Bühnengeschehen kontrastiert die gleichförmig repetitiven und abstrakt sakralen Texte des Oratoriums und es entsteht gelegentlich gar Situationskomik. Es ist ein aufwändiger und auch mutiger Umsetzungsversuch bei dem die vielen Mitwirkenden – ob Solisten oder Chormitglieder – hingebungsvoll ihre individuellen Rollen interpretieren.

Meinen persönlichen Geschmack trifft die Inszenierung eher nicht. Ich empfinde sie als zu wuselig, ablenkend von den Feinheiten und der Erhabenheit der Musik und trotz allem Drama eher oberflächlich. Teile der zweiten Hälfte verbringe ich deshalb mit geschlossenen Augen, um mich mehr auf die Musik zu konzentrieren. Hier gibt es einige wunderbare Passagen von Klarinette und Oboe, welche dem Stück wieder etwas Zartheit verleihen. Musikalisch herausragend sind außerdem Countertenor Terry Wey – mit der „Schlafe“-Arie ein Höhepunkt des Abends, die Sopranistin Anke Krabbe und die Tenöre Andrés Sulbarán und Cornel Frey.

Mein Gesamtfazit: Ein Abend mit schönen Momenten, musikalischen Highlights und überwältigendem schauspielerischen Engagement aller Mitwirkenden aber auch einigen Längen und eher wenig besinnlicher Weihnachtsstimmung.

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Bevor die junge Ärztin ihre Stelle in Mönchengladbach antrat, war sie als Ballettlehrerin im Hochschulsport tätig. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires. Durch ihre Teilnahme am Opernscout-Projekt entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für die Oper. Vor allem gefällt ihr als Scout die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Dekonstruktion – und dann…?

Helma Kremer über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach ist mir seit meiner Kindheit vertraut: Meine Mutter sang im Madrigalchor Neuss und ich erinnere mich an wundervolle Bach’sche Weihnachtsoratorien im Kloster Knechtssteden unter der Leitung des unvergessenen Bernd Kronen. Nun also eine szenische Umsetzung. „Die zentrale Frage dieser Aufführung lautet Von was wollen wir erlöst werden und wie?“ lese ich in der Vorankündigung. Sie ist „ein Ergebnis des Nachdenkens, welche Stücke das Publikum gerade braucht.“ Zur Vorbereitung werfe ich sicherheitshalber einen Blick in Wikipedia, denn: Die Musik ist mir zwar vertraut, aber ich bin alles andere als eine Bach-Expertin oder gar eine wirkliche Kennerin des Werks. „Das Weihnachtsoratorium ist ein sechsteiliges Oratorium für Soli, gemischten Chor und Orchester von Johann Sebastian Bach. Feierliche Eröffnungs- und Schlusschöre, die Vertonung der neutestamentlichen Weihnachtsgeschichte in den Rezitativen, eingestreute Weihnachtschoräle und Arien der Gesangssolisten prägen das Oratorium.“ Die neutestamentliche Weihnachtsgeschichte kenne ich ebenfalls nur in groben Zügen. Das ist einer der Momente, in denen ich mir wünsche, ich hätte mehr auf meinen Vater gehört („Die fundierte Kenntnis der Bibel ist ein Muss für Geisteswissenschaftler.“)

Anfangs fällt es mir leicht, die Handlung nachzuvollziehen: Christi Geburt wird in das Hier und Jetzt einer Stadtgesellschaft verlegt. Was danach folgt, ist sind dann wohl Antworten auf die Frage: Von was wollen wir erlöst werden und wie? Vieles bleibt für mich verwirrend. Würde ich die Texte besser kennen, könnte ich wenigstens die Unterschiede zur zeitgenössischen Interpretation (besser) ausmachen. Offensichtlich bin ich nicht genug „im Thema“ und hätte mich besser vorbereiten sollen. Die Botschaft ist – zunächst –  trotzdem klar. Wir erleben eine Dekonstruktion, die die Audience zwingt, sich von vertrauten und liebgewordenen Heiligtümern zu verabschieden. Und was dann?

Das versöhnliche und positive Ende kann man sicher mit Humor nehmen… Zumindest vermag das offenbar fast jeder im Publikum, außer mir. Ich fühle mich auf den Arm genommen. Die zahlreichen Schilder, die alle um dasselbe kreisen „All you need is love!“ verärgern mich, statt mich zu erheitern. Dieses Fazit erscheint mir allzu platt. Genauer gesagt: Der Komplexität eines solchen Werkes nicht angemessen und auch insgesamt zu leicht, als dass es den durch die zeitgenössische Interpretation aufgetanen Abgründen wirklich etwas entgegensetzen könnte. Ein solches Ende erwarte ich in einem Film wie „Love actually“, dort ist es auch vollkommen in Ordnung. Aber hier? Wenn schon Dekonstruktion, dann bitte richtig, denke ich mir. Dann sollte man der Audience auch zumuten, den Scherbenhaufen auszuhalten, den man angerichtet hat. Denn nur dann wirkt eine solche Inszenierung meines Erachtens auch nach.

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt.

Große Erwartungen

Markus Wendel über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Bei und nach dieser Vorstellung habe ich etwas erlebt, was mir in dieser Form noch nicht passiert war in der Düsseldorfer Oper. Ich habe mich geärgert. Und zwar richtig. Geärgert über eine Inszenierung und eine immer wiederkehrende Frage: wer um Himmels Willen konnte so etwas zulassen?

Das Bach’sche Weihnachtsoratorium ist schon ein Schwergewicht in der Musikgeschichte. Teile davon kenne ich seit vielen Jahren. Und ich war wirklich neugierig, welche Form von Inszenierung man diesem andächtigen und christlichen Werk angedeihen lassen würde. Leider war es genau dies, wozu ich keinen Zugang finden konnte.
Dabei war die Musik wirklich großartig! Axel Kober ist in gewohnt zügigem Tempo durch die Partitur, der er damit eine wahre Frischzellenkur einverleibt hat. Die Düsseldorfer Symphoniker haben so klar und akzentuiert musiziert, dass ich auch in Reihe 13 das Gefühl hatte, direkt am Orchestergraben zu sitzen. Der Chor hatte eine Durchschlagskraft, die wahrscheinlich noch die eine oder andere geschlossene Tür hat überwinden können. Und auch die insgesamt vierzehn Solistinnen und Solisten haben haben mich auf voller Linie überzeugt.
Die Inszenierung und die zum Bach’schen Werk hinzugefügten Textpassagen klammere ich dennoch aus, ich möchte wirklich keinem auf die Füße treten. Bilder und Videos kann man sich auf der Seite der Rheinoper anschauen. Kunst hat viele Gesichter und am Ende werde ich nicht böse sein, weil mich mal etwas nicht erreicht hat.

Ein paar Tage später schreibe ich nun diesen Text. Und der Abend der Vorstellung hat mich immer noch nicht ganz losgelassen. Wenn ich die Augen schließe, höre ich noch immer die Musik. Und mit dieser ist da ein Gefühl. Ganz warm und vertraut. Weihnachten steht vor der Tür.

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Krippenspiel mit Aufforderung zum Aufbruch

Michael Langenberger über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Ich musste dieses Mal schon länger darüber nachdenken, was ich schreibe. Denn was uns als szenische Umsetzung des Bach’schen Weihnachtsoratoriums in Form einer ausgewachsenen Oper gezeigt wurde, ist mit wenigen Worten schwer zu beschreiben. 

Die erste Hälfte stellt uns die Frage: Was wäre, wenn sich die berühmte Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium hier und heute in unserer urbanen, hyperbeschleunigten Stadt wiederholen würde? Wie würden wir ihn empfangen und wie begegnen wir ihm…
Das kubisch geschlossene Bühnenbild konfrontiert uns mit der Distanz unserer Lebensverhältnisse zueinander, identifiziert Partikularinteressen.

Das alles ist für die Besucher, die als Benchmark ausschließlich das gediegene, hochehrwürdige Meisterwerk von Karl Richter aus dem heimischen Plattenschrank dagegenhalten, vielleicht schwer zu ertragen. Denn die musikalische Interpretation folgt z.B. in Geschwindigkeit und Rhythmik eher dem Bühnenspiel als dem Klischee. Doch bekommt das Bach’sche Werk genau deshalb auch einen neuen Ausdruck, eine angemessene Frische. Entgegen starr stehenden Chören entwickelt der Chor durch seine nahezu ständige Präsents als singende Mimen auf der Bühne, auch aus den Körperbewegungen heraus, gesangliche Dynamik, die Axel Kober am Pult durch sein Dirigat auch zulässt. Teilweise sind Musiker der Düsseldorfer Symphoniker in kammerorchestralen Zusammensetzungen auf der Bühne statt im Graben und damit tief ins Geschehen eingebettet. Womit wir dann auch schon in der zweiten Hälfte wären.
Hier bin ich überwältigt von dem was ich unter großer Bühnen- bzw. Opernkunst verstehe: Die Umsetzung der gegenwärtigen Situation und Bedürfnisse, Fragestellungen und Lösungsoptionen als intellektuelles Angebot an die Zuschauer ohne Moralin gehobenen Zeigefinger. Das geschlossene Bühnenbild der ersten Hälfe weicht einer dreidimensionalen offenen Durchdringung der Gesellschaft. Lässt alle möglichen Facetten des Lebens zeitgleich und ebenso richtig wie falsch zu, so wie eben unser reales Leben heute ist. Dadurch werden zeitgleich verschiedenste Ängste und Nöte, Versäumnisse und Disruptionen angeboten. Jeder Zuschauer wird intuitiv und individuell die Geschichten erkennen, die ihn betreffen. Unmöglich emotional allem gleichzeitig zu folgen. Doch das ist überhaupt nicht schlimm. Denn letztlich fordert uns das neu erschaffene Opernwerk auf, nicht in weihnachtlicher Demut und untertäniger Passivität zu versinken, sondern selbst aktiv zu werden und Grenzen zu sprengen – ganz im besten positiven und mitmenschlichen Sinne aller Religionen, Altersgruppen, Herkünfte etc.

Und seien wir mal ehrlich – und auch bitte diejenigen, die den Maßstab an der sakralen Darbietung anlegen: Nur selten wird das Gesamtwerk an einem Abend aufgeführt. Wenn doch, dann geht man meist trotz Bach-Meisterwerk erschöpft nach Hause. Die Opernaufführung hingegen ist so kurzweilig, dass die Zeit verfliegt und es danach jede Menge zu reflektieren und besprechen gibt. J.S. Bach, ja auch bekannt als flexibel und experimentierfreudig, wäre sicherlich sehr mit diesem Opern-Meisterwerk einverstanden gewesen.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Ein mutiges Konzept gibt neue Perspektiven

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Das Weihnachtsoratorium szenisch zu begleiten, und dann kein klassisches Krippenspiel o.Ä., sondern eine Übertragung in heutige Zeit – das ist mutig und bleibt längerfristig in Erinnerung, auch wenn nicht alles gelungen war.

Maria und Joseph suchen überall anklopfend last minute in einer anonymen Großstadt (schöne Bauhaus-Kulisse auf Drehbühne) ein Zimmer für die Geburt des kleinen Babys. Die hilfsbereiten Gastgeber sehen in dem Kind etwas Besonderes und bald sind viele Menschen in der Stadt unterwegs, um das Kind zu besehen. Die Sehnsucht nach Sinn und Erlösung, nach einem neuen Lebensinhalt wird deutlich. Das Ganze entgleitet in Reliquienverehrung und Geschäftemacherei. Und doch führt diese Gesellschaftskritik an Ende zu einer Lösung, zur alles bewältigenden Liebe, für die zum Schluss eine Demo mit Slogans auf Pappschildern einen parodistisch fröhlichen Ausklang bereitete.
In diese Szenerie bauten die Regisseurin und mehrere Mitwirkende eine große Zahl von kleinen symbolträchtigen Handlungen ein, zum Teil parallel laufend. Mir gelang es nicht, alle Vorgänge zu entschlüsseln, und manche der Ereignisse wirkten eher befremdlich, wie zum Beispiel das Öffnen einer Toilettentür, hinter der sich ein Bauarbeiter erleichterte und dem eine Rolle Toilettenpapier zugeworfen wurde.

Trotz allem: Respekt für dieses mutige Konzept!

Axel Kober präsentierte einen prall-vitalen Bach ohne große Differenzierung und mit hohem Tempo. Der laute Hall in einer Kirche sollte vielleicht nachgeahmt werden. Meiner mehr puristisch-transparenten Vorstellung der Bachmusik wurden nur die Abschnitte gerecht, während derer ein Streichquartett oder Solisten auf der Bühne musizierten. Trotz der überwiegend überzeugenden Stimmen gab es immer wieder Schwierigkeiten, im Takt der Musik zu bleiben. Ein Höhepunkt war einmal mehr die Leistung des Opernchores, der im zweiten Teil ohne Pause auf der Bühne hervorragend schauspielerte und durchgehend auswendig singen musste. Der musikalische Glanzpunkt schließlich war der Countertenor Terry Wey, dessen mit zartem klaren Klang gesungenen Arien eine zu Bach passende Ohrenweide waren.

Fazit: Das traditionelle Weihnachtsoratorium szenisch an unsere Lebenskultur und Lebensprobleme angepasst. Wenn das nicht zu kontroversen Reaktionen führte, wäre es langweilig.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

„Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Dr. Sassa von Roehl über die Premiere „Weihnachtsoratorium – Szenen einer schlaflosen Nacht“

Ich kann mich als absoluten Bach-Fan bezeichnen. Wenn immer ich eine schwierige Aufgabe am Schreibtisch zu erledigen habe, höre ich dazu Musik von Bach. Seine Musik vermag es, wie keine andere meine Gedanken zu ordnen und zu strukturieren. Auch das Weihnachtsoratorium darf in keinem Jahr fehlen. Jeden Dezember lausche ich gerührt und andächtig mit meiner Familie dem erhabenen Werk und verlasse die Kirche in feierlicher und verzückter Stimmung. Auch zur Bescherung am Weihnachtsabend gehört das Oratorium dazu. Das Video auf der Seite der Deutschen Oper am Rhein versetzte mich in ähnlich Stimmung und ich war voller Vorfreude auf die Aufführung.

Doch die Übertragung des Geschehens von Christi Geburt in die profane Alltagssituation einer Stadtgesellschaft verlangte mir erst einmal einiges ab. Ich fühlte mich an das hastige, laute, enge und ziemlich unangenehme Treiben in der Düsseldorfer Altstadt erinnert, vor dem ich gerade mit ganz anderen Erwartungen ins Opernhaus geflohen war. Ich hatte große Schwierigkeiten mich auf das bunte, turbulente und für mich manchmal unverständliche Geschehen einzulassen. Getragen von den wunderbar vertrauten Melodien und den schönen Stimmen begann ich darüber nachzudenken, wie vielfältig die Reaktion auf die Nachricht des Erlösers auch heute wäre und wie relevant sie zu jeder Zeit ist. Und so konnte ich den Ansatz der „Szenen einer schlaflosen Nacht“ langsam nachvollziehen und in die Hoffnung auf eine bessere Welt einstimmen.

Kein Abend in der gewohnten Komfortzone des Weihnachtsoratoriums, aber spannend, mit sehr relevanten Denkanstößen und langanhaltenden Nachwirkungen.

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“.  Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Unbedingt sehenswert!

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Tristan und Isolde“

Wagneropern sind immer ein Wagnis: meist sehr lang, episch im Text und irgendwo zwischen wirr und fantastisch in der inhaltlichen Anlage… vermutlich gibt es daher wenig zwischen Wagnerfetischist und Wagnergegner… jetzt stand im Theater Duisburg die Premiere von Tristan und Isolde auf dem Programm, ein „5-Stunden-Wagnis“, das sich für mich als Gewinn herausgestellt hat.

Die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Axel Kober waren gut aufgelegt, hier und da hätte man sich bei der Lautstärke vielleicht etwas mehr Zurückhaltung gewünscht, um der einen oder anderen Stimme mehr Vordergrund zu gönnen.
Alexandra Petersamer, die auch in der konzertanten Götterdämmerung von 2019 schon in Brünnhildes Rolle glänzte, war auch hier stimmlich ohne Frage der Star des Abends. Nicht nur ihr volumenreicher und wandelbarer Sopran hat restlos überzeugt, auch  ihre Rolle als Isolde hat sie zwischen Liebestollheit, Wut, Enttäuschung und Hoffnung wunderbar ausdrucksvoll ausgefüllt. Daniel Frank hat die fordernde Tristan-Partie an ihrer Seite gut und solide gesungen und gespielt, konnte aber an Stimmkraft und Bühnenpräsenz nicht ganz aus dem Schatten der Isolde heraustreten.
Beeindruckend, also stimmlich gut besetzt, waren für mich auch die Rollen der Brangäne (Katarzyna Kuncio) und König Marke (Hans-Peter König). Überhaupt war es ein einheitlich hohes Stimmniveau – das machte das Zuhören genussvoll und  kurzweilig.
Auch das Auge kam auf seine Kosten: es war viel Bühnenmaschinerie im Einsatz: ein doppelter Boden teilte die Bühne in der Vertikale aus und schuf mehrere Ebenen für die Schauplätze – trotzdem waren es wenige und reduzierte „Bühnenbilder“ und Requisiten, die aber völlig ausreichten, um die Umstände und Vorgänge anzudeuten – Und vor allem viel Raum ließen für den eigentlichen Fokus der Oper: das Innenleben der Liebenden, die wirre Gefühlswelt, die extremen Emotionen im Verlauf dieser komplizierten Liebe. Um diese noch deutlicher hervorzuheben, gab es eine äußerst wirkungsvolle dramaturgische Idee: eine kleine fünfköpfige Instrumentalgruppe aus Streichern und Englischhorn spielte nicht im Orchestergraben, sondern wurde jeweils passend zur Szene unmittelbar neben den Sängern  positioniert – dieser Effekt ließ Stimmen und Ensemblemusik klanglich verschmelzen und unterstrich die Handlung, meist den inneren Konflikt, umso mehr.

So entstand insgesamt ein schlanker,  reduzierter Wagner, der aber alles Wesentliche in den Vordergrund rückt und den Blick freigibt auf den Kern der Sache… nicht nur für Wagnerfans  unbedingt sehenswert, finde ich!

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Psychedelic-Trip durch Raum und Zeit

Jürgen Ingenhaag über die Premiere „Tristan und Isolde“

Isoldes Liebestod ist zweifellos der Höhepunkt eines fünf-stündigen Abends.

Wenn Alexandra Petersamer als Isolde von Erlösung singt und sich allmählich die leere Bühne mit Orchestermusikern füllt, bleibt kein Auge trocken. Man ist überwältigt und sprachlos. Eine weitere Gänsehaut jagt mir nach dem langen Schlussapplaus unser Gang durchs Theater zur Nachbesprechung ein. Vorbei an der großen Bühne begegnen unserer Opernscout-Gruppe viele Künstler und Bühnentechniker – Menschen aus Fleisch und Blut, die ein wirkliches und lebendiges Musiktheater erst möglich machen. Ich empfinde Respekt und Dankbarkeit.
Großer Dank geht an die Rheinoper, die in der verrückten Zeit einer nicht enden wollenden Pandemie das Experiment wagt, ein Werk von Richard Wagner aufzuführen. Eberhard Kloke dünnte die Partitur aus ohne sie zu entstellen. Ein direkter Vergleich ist schwer möglich, denn wie oft hört man schon den „Tristan“? Auf der Bühne spielen ein Streichquartett und ein Englischhorn eine wichtige Rolle. Fernab des Orchestergrabens klingt das sehr intim. Überhaupt muss es ja nicht immer laut sein, oder? Aber als das Liebespaar im zweiten Aufzug kein Ende seiner Träumereien finden will, steht es am Morgen einer lautstarken Bläsergruppe gegenüber. Wer wünscht sich schon, so unsanft geweckt zu werden?!
„Den ich hassen will, kann ich lieben.“ Das trifft auf Isolde im ersten Aufzug zu. „Liebe macht blind und krank“ (– und manch einer stirbt an gebrochenem Herzen). Das ist Tristan im dritten Aufzug. Daniel Frank überrascht spätestens hier mit seiner wohlklingenden Tenorstimme, die sich anfangs gegen seine Partnerin schwerer behaupten konnte. Der Komponist Richard Wagner hat sich mit diesem Werk von seiner verbotenen Liebe zu Frau Mathilde Wesendonck selbst therapiert. Der Regisseur Dorian Dreher hat uns in einer außergewöhnlichen unblutigen Inszenierung dieses Psychodrama vor Augen geführt.

Lassen wir uns darauf ein, genießen wir die Droge Wagner und folgen einem Psychedelic-Trip durch Raum und Zeit!

Jürgen Ingenhaag
Fachkraft für Arbeitssicherheit

Als Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert Jürgen Ingenhaag klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Als Opernscout versteht er sich als „Botschafter für das Theater Duisburg“. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge“. Seine Leidenschaft für Rock- und Popmusik hat ihn nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden.

Mit Mozart im Wald

Benedikt Stahl über die Premiere „La clemenza di Tito“

Oje, mittlerweile sind drei Wochen vergangen seit ich in Mozarts „La Clemenza di Tito“ war und der Text dazu ist immer noch nicht geschrieben. Leider hat mir persönlich aber auch die Aufführung nicht so sehr gefallen und was soll man da schon sagen? Beim Waldspaziergang in der goldenen Herbstsonne, flüstert Mozart mir zu, es vielleicht mal mit dem zu versuchen, was gut war. Und ist. Der Schlingel.


Gut war und ist: die Musik! Und außerdem – soviel ich als Nichtmusiker davon verstehe – wunderbar gespielt und gesungen von den Düsseldorfer Symphonikern, dem Chor der Oper und allen Sängerinnen und Sängern! Das bekommt zu Recht viel Beifall.
Gut war und ist: das Drama! Eigentlich hochaktuell, wie sich die politische Elite (und eigentlich alle) in einer Mischung aus Eifersucht, Neid, Angst, Machtbesessenheit und Missgunst mordlüstern verfolgt. Am besten spielt man das als eindringliche Mahnung vor Sondierungs- und Koalitionsgesprächen – obwohl, nein, aus denen scheint ja auch ohne Oper etwas zu werden. Dann vielleicht vor der kommenden Vereidigung der nächsten Bundesregierung. Mozart hätte da etwas mitzugeben, das nachklingt.
Gut war und ist: dass, wenn die gezeigten Bilder irgendwie nicht mit den inneren übereinstimmen, man ganz einfach die Augen schließen und sich zum Beispiel eine wunderbare weite und weiße Treppe vorstellen kann, auf der sich die Protagonisten, ähnlich wie auf Raffaels Fresko der Schule von Athen einfinden, um dort das Leben zu spielen.
Gut war und ist: die Oper überhaupt! Erst recht, wenn man es aufgrund einer Fahrradpanne gerade noch zur letzten Minute schafft und sich dann darüber freut, endlich wieder einmal eine richtige Oper zu sehen.

Gut war und ist: immer irgendwas!

Danke Herr Mozart fürs Flüstern und Danke Oper Düsseldorf für die Einladung!

Benedikt Stahl

Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle Komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

…am Ende alle Fragen offen…

Michael Langenberger zur Premiere „La clemenza di Tito“

Mozart-Oper – alles klar, sollte man denken. Allerdings mit „La clemenza di Tito” verhält es sich ein wenig anders. Doch von Anfang: Also, zeitgleich mit der Zauberflöte komponierte Mozart eine Auftragsoper zur Krönung Kaiser Leopolds II. zum König von Böhmen. Allerdings entstand das Werk in Rekordzeit von um die 3 Wochen. Nicht viel Zeit also zur Komposition vieler Arien, zumal sich der kränkelnde Komponist nahezu zeitgleich auch noch um das berühmte Klarinettenkonzert und das Requiem kümmern musste. Stattdessen erleben wir reichlich Rezitative. 

Das Stück dreht sich darum, wie aus dem blutrünstigen militärischen Oberbefehlshaber Titus ein “idealer Herrscher” römischer Kaiser wurde, wie uns Historiker wissen lassen. Intrigante Freund- und Liebschaften, denen er zu Opfer fallen soll, entgeht er durch Zufall und steht nun vor der Frage, wie er mit dem Hochverrat umgehen soll.
Erst deutlich nach der Aufführung wird mir klar, was Mozart hier mit uns Zuschauern macht. In unserer Opern-Scout-Runde nach der Aufführung gibt es wie immer unterschiedliche Meinungen. Mehrheitlich, auch ich, sind wir der Meinung, dass uns das Stück emotional nicht besonders berührt hat. Andererseits gibt es klare Meinungen, wie man mit dem Hochverrat umgehen muss.
Ich stimme diesbezüglich der Inszenierung von Michael Schulz mit seinem eigentlich nicht ganz werktreuen Ende nicht zu. Meiner Meinung nach widerspricht die Schlussinszenierung dem, was möglicherweise Mozarts Anliegen war, nämlich bei der Inthronisierung Leopolds II., auf die Kraft der Vergebung und damit auf eine gesellschaftliche Weiterentwicklung hinzuweisen. Vergessen wir nicht, wie stark Mozart in den letzten Monaten vor seinem Tod die fünf Ideale (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität) der Freimaurer, deren Mitglied er war, z.B. auch in der Zauberflöte, versucht hat den Menschen näher zu bringen.
Anders herum, und noch einmal mit vielen Stunden Abstand, wird mir erst klar, wie emotional uns das Stück doch berührt hat – wir uns zu einem spontanen Urteil haben hinreißen zu lassen. Mozart fordert uns mit unserer Haltung heraus: Wie wären wir mit Titus Situation umgegangen…? Würden wir das spontane Urteil zum Hochverrat damals, bezogen auf einen Hochverrat in der heutigen Zeit genauso fällen? In sofern ist diese Oper, wie uns das wahre Leben der letzten Monate und Jahre zeigen, hochpolitisch, brandaktuell und in diesem Sinne vielleicht immer mal eine Erinnerung daran, sich selbst zu täglichen Umgangsformen und Konsequenzen zu hinterfragen.

Die Oper an sich ist wenig spektakulär. Man mag mich Lügen strafen, doch eine der schönsten der wenigen Arien (“Ah, perdona primo affetto”) bedient sich m.E. reichlich beim Thema der Händel- Oper “Alcina”. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb, ein wahrer Genuss, genauso wie auch durchweg alle Choreinlagen. Wie immer singen die Chormitglieder nicht nur brillant, sondern spielen ihre Rollen als Darsteller in dieser Inszenierung, die mit wenig Schauspiel und dynamischen Bühnenbildern u.v.a.m., den sonst so Mozart-typischen Attraktionen, auskommen muss. Es zeigt sich wieder einmal, wie toll die Besetzungscouch im eigenen Hause der Deutschen Oper am Rhein bestückt ist. Alle Solisten brillieren in ihren Rollen, kommen allerdings, weil es eben vergleichsweise wenige große Arien gibt, nur unterschiedlich zu Geltung. So wundert es auch nicht, dass die beiden männlichen Solisten eher etwas zurückzufallen scheinen. Doch wie könnte einen das auch wundern, wenn vier so starke Frauenstimmen, zumal auch noch mit melodiösen Arien gesegnet, den Schwerpunkt des Klangteppichs liefern? …eben dem Werke geschuldet.
Endlich mal wieder ein ganz normaler Opernabend, mit Halbzeitpause! Dafür, dass „La clemenza di Tito“ vergleichsweise statisch und Rezitative eher zu ermüdenden Handlungslängen führen, bin ich selbst überrascht, wie kurzweilig und leicht die rund 2 3/4 Stunden verfliegen. Auch in dieser Hinsicht überrascht mich das Werk. 

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

La clemenza di Tito

Stefanie Hüber über die Premiere „La clemenza di Tito“

Nachdem der Premierenbesuch von “Geschlossene Spiele“ nur 7 Tage vorher mich durch seine Vielfalt sowohl musikalisch als auch visuell sehr begeistert hat, empfand ich die Aufführung von „La clemenza di Tito“ als Gegenpol recht reizarm.

Das lag einmal an der Handlung, die recht simpel gestrickt war, als auch an den vertrauten Mozartklängen. Beides, sowohl Handlung als auch  Musik, haben mich nicht überzeugt und ich finde , dass diese Oper zu Recht zu einer von Mozarts schwächeren gehört.
Gesanglich begeisterte mich vor allem Sarah Ferede. Auch Maria Kataevas Mezzosopran gefiel mir sehr, allerdings hatte sie zeitweise mit Intonationsproblemen zu kämpfen.
Bühnenbild und Kostüme bestanden aus vielen nicht gelungenen Stilbrüchen, Dadurch wirkte beides überfrachtet.
Zwischendurch gab es durchaus Szenen, in denen die Oper in Schwung kam, vor allem wenn der Opernchor in Szene trat. Jedoch flachte die Handlung immer wieder ab, so dass ich mich stellenweise langweilte.
Die Klarinettensoli auf der Bühne waren zwar schön gespielt ,jedoch wirkten die beiden Musiker seltsam deplatziert, als wären sie ungewollt auf die Bühne gezerrt worden.

Nach dem trotzdem lange anhaltenden Schlussapplaus verließ ich, von der Choreographie enttäuscht, jedoch musikalisch versöhnt den Zuschauerraum.

Stefanie Hüber

Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Endlich wieder Oper!

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „La clemenza di Tito“

Nach langer Wartezeit endlich wieder Oper! Mit schwerem klassisch-roten Samtvorhang und roten Polstern: die Premiere von La Clemenza di Tito.

Schon mit den ersten Klängen der Ouvertüre wurde klar, hier dirigiert jemand (Marie Jacquot) mit der Fähigkeit, Mozart Frische, Dynamik und Transparenz zu verleihen. Das war ein Genuss, wo es doch so schwierig ist, Mozart ohne ausgeleierte Melodien zu spielen.
Dann kam das Stirnrunzeln. Das Bühnenbild war trotz der praktischen zwei Ebenen mit vielen Türen wenig ansprechend – unzählige senkrechte und waagerechte Eisenstreben störten die visuelle Wahrnehmung der Protagonisten, die in modernen und nicht überzeugenden Kostümen auftraten. Dafür war die Personenregie und das Schauspielen der Sänger ein schöner Ausgleich.
Mozarts letzte Oper hat viele schöne Musik, aber auch lange Phasen mit Sprechgesang. Die Stimmen waren sehr gut gewählt, nur der Kaiser Titus (Jussi Myllys) fiel etwas ab. Am besten gefiel mir Heidi Elisabeth Meier mit ihrer klaren und Mozart-haft weichen Stimme. Höhepunkte waren neben wenigen Arien die Szenen mit dem wieder eindrucksvollen Chor. So wirkte das Klagen über den vermeintlichen Tod des Kaisers am Ende des ersten Aktes auf mich beklemmend schön.
In seiner Inszenierung hatte sich Michael Schulz einen vom Libretto abweichenden Schluss einfallen lassen, der zwar nicht zum erwarteten schönen Ausklang à la Hollywood führte, aber eine politisch-realistische Note auf die Bühne brachte. Mehr sei nicht verraten.

Fazit: Eine letztlich ernste Oper, die dank Mozart, der Dirigentin, dem Chor und den passenden Stimmen einen sehr belebenden Abend bewirkte.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

Wunderschöne Musik

Stefanie Hüber über die Premiere „Masel Tov!“

Dies war mein 1. Opernscoutabend seit Februar, ich war völlig ausgehungert nach Kultur und hab mich dementsprechend auf diesen Abend  gefreut.

Die Oper „Masel Tov“ von Mieczyslav  war mir bislang unbekannt ,ebenso der Komponist, wie ich gestehen muss. Und das, obwohl er äußerst produktiv war.
Die Musik erinnert sehr an Schostakowitsch , mit dem er eng befreundet war, und dessen Musik ich größtenteils sehr mag.  Auch seine Musik, die der musikalischen Epoche des Expressionismus zuzuordnen ist, beinhaltet viele dissonante Akkorde, viel Schwermut und dann aber auch wieder wunderschöne, das Ohr  versöhnende Klänge, bei denen mir als Hörer ganz warm ums Herz wird und die mich teilweise zu Tränen rühren.

Die Kammerorchesterbesetzung bestand aus vier Holzbläsern, vier Streichern, einem Piano und einer Trompete . Diese Besetzung unterstreicht meines Erachtens den Klezmercharakter vieler Orchesterpassagen dieser Oper und ein besonderes Lob möchte ich dem Klarinettisten für sein Spiel aussprechen.
Wobei ich sagen muss, dass das komplette Orchester, die grandiose musikalische Vorlage von „Masel Tov“ für mein Empfinden sehr, sehr gut gespielt hat.

Auch das Libretto hat mich begeistert und wurde von allen Sängern hervorragend umgesetzt. Die Handlung ist relativ einfach , teilweise witzig und als sozialkritisch zu betrachten. Was mich jedoch befremdet ,ist, dass Musik und Handlung als Einheit betrachtet für mich überhaupt keinen Sinn ergeben und sich somit der Zugang für mich schon nach kurzer Zeit völlig versperrt. Die Handlung hätte eine leichtere musikalische Begleitung gebraucht, damit man nicht das Interesse an ihr verliert.

Doch bei diese Oper von Weinberg wirken Musik und Handlung wie Kontrahenten und ich habe mich emotional relativ bald ausgeklinkt . Dennoch ging mein Bemühen, mich auf die wunderschöne Musik zu konzentrieren,  passagenweise auf, so dass ich am Ende trotzdem nicht enttäuscht war.

Stefanie_Hüber

Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Ungewöhnliches in Corona-Zeiten

Michael Langenberger über die Premiere „Masel Tov!“

Um es gleich vorweg zu sagen, niemand der ausführenden Künstler kann etwas dafür, dass ich die musikalische Komposition von Mieczyslaw Weinberg als anstrengend empfinde. Deswegen erlebe ich die Aufführung in einer gewissen inneren Anspannung. Eine kurze Erlösung für meine Ohren erklingt etwa zur Halbzeit mit “Hab‘ geweint 3 Bäche Tränen”, nach meinem Empfinden die einzige melodische Stelle des ganzen Stücks.

Allerdings bin ich von dem unfassbar klar verständlich gesungenem Text des Gesangs tief beeindruckt. Es hätte die eingeblendeten Begleittexte oberhalb der Bühne überhaupt nicht bedurft, um alles genau zu verstehen. So exzellent habe ich das zumindest noch in keiner Oper gehört. Ein dickes Kompliment an alle Sänger*innen! Gleiches gilt dann auch für das Orchester, was vermutlich Corona-bedingt in einer Besetzung spielt, wo jedes Instrument nur je mit einer Person besetzt ist. Jeder Patzer, egal von wem, wäre sofort aufgefallen.

Überhaupt, allen Mitarbeitern der Oper gehört hier meine ganze Anerkennung. Von Regie über Bühnenbild, Kostüme, Licht und auch allen anderen vor und hinter den Kulissen. Wahrscheinlich weil ich mit der Musik so gefremdelt habe, gehörte meine ganze Aufmerksamkeit u.a. den scheinbaren Nebensächlichkeiten, die – ganz sicher Corona-bedingt – sonst vielleicht auch nicht so auffallen. Vom 2. Rang aus, eben etwas erhöht sitzend, konnte ich in den Rücken des auf der Orchesterbühne provisorisch platzierten und nach oben offenen “Souffleusen-Kastens” sehen. Spannend die konzentrierte Arbeit der Souffleuse Ute Gherasim zu sehen, die ganz offenbar nicht nur bei Texthängern hilft, sondern auch sehr aktiv mit den Händen mitdirigiert.

Sollte übrigens diesen Beitrag jemand Verantwortliche/r aus der Politik lesen, hier ein Beispiel zu dem Hygienekonzept der Oper auf der Bühne. Das die schauspielerischen Qualitäten des Düsseldorfer Opern-Ensembles ganz außer Frage stehen, muss hier nicht erwähnt werden. Doch in gewisser Weise spaßig ist es dann schon, wie die Bühnenkünstler die Abstandsregeln beachten, sich ein bisschen so wie sich abstoßende Magneten verhalten. So wird die Übergabe von Gegenständen fast zu einer Art Tanz, indem einer etwas ablegt, dann schnell nach hinten ausweicht, ohne den Blickkontakt zu verlieren, weil in diesem nächsten Moment das Gegenüber den Gegenstand aufnimmt – wo sonst eine persönliche Übergabe üblich wäre. Derartige „Distanz-Szenen” gibt es immer wieder. Irgendwie ist jedem klar, es müsste körpersprachlich eigentlich anders sein. Egal was es auch sei, die Corona-Abstandsregeln werden akkurat befolgt und verleihen gleichzeitig der Aufführungen tänzerischen Charme.

Wenngleich ich diese Oper sicherlich nicht zu meinen Lieblingswerken zählen werde, war es doch ein kurzweiliger Abend. Es gab so viele geschickte Umsetzungsdetails in dieser einaktigen Oper zu erleben, dass es doch einiges zu erzählen gibt und sicherlich damit auch länger in Erinnerung bleibt.

Michael_Langenberger

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Revolution am Herd

Markus Wendel über die Premiere „Masel Tov!“

Eins vorweg: „Masel Tov! Wir gratulieren!“ ist kein einfacher Abend. Das Kammerspiel um die Verlobungsvorbereitungen inmitten der Küche eines jüdischen Herrenhauses ist ein Wechselspiel aus Drama und Komödie, Oper und Schauspiel. Und ein deutlich durchscheinender Revolutionsgedanke macht es mir an einigen Stellen (vor allem am Ende) unmöglich, Verständnis für die dargestellte Wertung der Geschehnisse aufzubringen. Wobei letzteres ausdrücklich im Stück selbst Begründung findet und nicht in der Art der Inszenierung. Auch die zahlreichen heiteren Elemente lassen das dramatische Fundament nur um so schwerer erscheinen.

Ein Lob gilt dem gesamten Ensemble: die Textverständlichkeit ist enorm hoch, Übertitel hätte ich an diesem Abend nicht gebraucht. Auch das kleine Orchester verbreitet eine Klangfülle, die groß besetzten Abenden in nichts nachsteht.

Norbert Ernst in der Rolle des Reb Alter ist – ich kann es nicht anders beschreiben – sensationell. Präsenz, Darstellung, hier passt einfach alles. Sattelfest und überzeugend in seiner Rolle – es ist mir eine Freude ihm an diesem Abend zuzusehen.

Überraschende Einblicke in Richtung der für gewöhnlich unsichtbaren Unterstützung für die Sänger*innen bietet die Ausgestaltung des Arbeitsbereiches der Souffleuse. Der „Kasten“ ist in den Orchestergraben verschoben, nach oben hin offen und einsehbar. Ich finde es bemerkenswert, mit welcher Präzision Frau Gherasim die Einsätze anzeigt und vorbereitet. Immer wieder wandern meine Blicke zu ihr und ihrem behutsam beleuchteten Notenblatt.

Ein kleines Ausstattungs-Detail für alle Richard Wagner Fans: es gibt ein Wiedersehen mit dem Herd aus der aktuellen Walküre-Inszenierung.

Und doch liegt über allem ein Gefühl der Schwere. Denn auch die Auswirkungen der aktuellen Geschehnisse in der Gesundheitslage finden unmittelbaren Einzug in den Zuschauerraum. Die Premiere ist ausverkauft – mit gerade einmal 200 Zuschauenden. Und wenige Tage später werden die Sitzplätze für mindestens einen Monat leer bleiben.

Ich wünsche den Kulturschaffenden weiterhin viel Kraft und bitte bleiben Sie alle gesund!

Markus_Wendel

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Räume der Kunst

Benedikt Stahl über die Premiere „Vissi d’arte“

Nach langer Abstinenz freue ich mich, auf diese Weise wieder von und in der Oper abgeholt zu werden: ein Streifzug durch bekannte und für mich auch neue Klänge, der leicht fällt, verspielt ist und auf den ich mich gerne und gutgelaunt einlasse.

Experimentierfreudig, mit Leidenschaft und nicht zuletzt auch mit spürbarer Liebe geben sich die Darsteller und Musiker dem kurzen Abendspaziergang hin, nutzen den Raum des Machbaren und schöpfen, wie man so sagt, aus dem Vollen. Die Bilder sind reich, bisweilen überladen und üppig: Opernbühne. Die Musik erhebt sich, erwacht, wie aus einem langen Schlaf und vermählt sich mit allem Licht, jeder Bewegung, und dem Rausch der Farben.

Mir scheint, mit jedem neuen angedeuteten Stück verdichtet sich die Nähe zwischen Publikum und Bühne und man wird selbst zum Mitwirkenden der Aufführung. Da kann passieren, was glücklich macht: das Nachdenken hält an, macht Platz für das Spüren, lässt Sorgen, Nöte und Zwänge vergessen, öffnet die Räume der Kunst und erzeugt ein Sein im Hier und Jetzt. Soweit ich mich erinnere bei mir vor allem gegen Ende – oder war das erst der Anfang? In der wunderbar vorgetragenen Arie: „Ah! Ich habe Deinen Mund geküsst, Jochanaan“ scheint der Schlüssel zu liegen zum Beginn einer neuen Zeit, klingen Schmerz und Freude des Lebens wie Seelenverwandte.

Dann gehen irgendwann die Türen auf und man fällt befreit in die Zeit.

Benedikt_Stahl

Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle Komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

Einmal von allem, bitte

Markus Wendel über die Premiere „Vissi d’arte“

Was für eine Show! Nach der Vorstellung waren wir Opernscouts uns einig: viel mehr kann man eigentlich nicht an einem Abend auf die Bühne bringen als an diesem Premierenabend.

Es scheint, als hätte man sämtliche Opern der Musikgeschichte in eine Kiste gepackt, kräftig geschüttelt, und dann einige volle Hände davon auf der Bühne verteilt. Zwei Seiten lang ist die Auflistung der Stücke im Programmheft.

Der Abend entstand aufgrund und inmitten des vergangenen Corona-Lockdowns, und es gehört Mut dazu. Denn es ist nicht einer dieser leichten und einfachen musikalischen Zusammenschnitte. Es ist ein anspruchsvoller Abend, der in einer aufwendigen Produktion vor allem eins vermitteln möchte: Sehnsucht.

Der musikalische Apparat ist deutlich verkleinert. Über weite Strecken werden die großen Momente der Operngeschichte von zwei Pianos interpretiert. Und genau das ist das Konzept: durch Weglassen und Reduktion eine Sehnsucht erzeugen. Die Sehnsucht nach großer Oper, nach großem Orchester und einem personenstark besetzten Chor.

Für mich geht das Konzept auf, ich bin wirklich berührt von der Vielzahl der gebotenen Zitate und Anspielungen. Und gleichwohl ist es fast schmerzlich, dem „kleinen musikalischen Besteck“ zuzuhören, denn in meinem Hinterkopf laufen durchgängig die Klänge einer großen Besetzung.

Mit einigen klamaukigen Zwischenspielen kann ich nicht viel anfangen, dennoch sind diese wahrscheinlich gut gewählt, weil hierdurch die gesamte Bandbreite möglicher Stimmungen aufgenommen wird.

Zu wahrlicher Größe erwächst der Abend durch die szenische Darbietung. Hier werden viele Register gezogen, die bühnentechnisch möglich sind. Hubpodien rasen hoch und runter, große Projektionen erweitern das Bühnengeschehen, und interessante Perspektivwechsel lassen mich wirklich staunen. Die Bildkompositionen sind wie Kunstwerke und wirken nach. Manchmal denke ich daran, eine Pausen-Taste zu drücken, um den einen oder anderen Moment noch ein wenig länger zu betrachten.

Aus der Not erwächst große Kreativität. Der vergangene Abend ist ein gutes Beispiel.

Vielen Dank! Die Bühne ist zurückerobert!

Markus_Wendel

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

The Art of Losing

Helma Kremer über die Premiere „Vissi d’arte“

Die Premiere von „Vissi d’arte – Eine Liebeserklärung an die Opernbühne“ ist für mich die erste Opern-Vorstellung seit Beginn der Corona-Pandemie. Ich bin gespannt, aber auch ein wenig ängstlich: Was wird mich erwarten? Wird es womöglich eher ein Abend, an dem einem (mal wieder) vor Augen geführt wird, dass nichts mehr ist, wie es war und man sich fragt, wann die Normalität wieder Einzug hält, auch in den Kulturbetrieb?

Erwartungsgemäß ist schon beim Eintritt ins Opernhaus alles anders: Die Besucher tragen Mundschutz und halten Abstand, man begrüßt sich mit einem Winken, statt mit Küsschen und natürlich gilt es auch hier, das unvermeidliche Kontaktformular auszufüllen. Die Anzahl, oder besser die „Unterzahl“ der Besucher im Zuschauerraum wirkt befremdlich, vor allem für eine Premiere. Sicherheitsbedingt ist der Raum gerade mal mit einem Viertel der Normalkapazität belegt, die Reihen vor und hinter mir sind leer, ebenso die Plätze links und rechts von mir. Aber dann geht’s los: „Vissi d’arte – eine Liebeserklärung an die Opernbühne!“ heißt diese Produktion, die während, oder besser gesagt, unter Corona, entstanden ist. Und sie scheint dem, unter COVID 19-Bedingungen, agierenden Opernbetrieb wirklich auf den (gequälten) Leib geschrieben. „Eine Liebeserklärung“ – allerdings… und was für eine!

Schon die Auswahl der Arien, Ouvertüren und Lieder bringt so viel von allem, was Opernliebhabern am Herzen liegt. Dieser Abend bietet künstlerisch nur das Beste, sowohl hinsichtlich der gesanglichen als auch hinsichtlich der schauspielerischen Leistungen. Meine persönliche Neuentdeckung ist Heidi Elisabeth Meier, die unter anderem in den Arien der Königin der Nacht  begeistert. Minimalismus ist hier ein adäquater Kunstgriff, um Sehnsucht zu erzeugen. Ouvertüren erklingen als Klavierlieder, die das Orchester umso schmerzlicher vermissen lassen. Ein Bruchteil des Chors erscheint – mit Mundschutz – auf der Bühne und summt die berühmte Arie „Lippen schweigen“ von Franz Léhar.

Diese Produktion, die in ihrer ganz eigentümlichen Kombination aus schonungsloser Ehrlichkeit und künstlerischen Schönheit einfach berühren muss, liefert EINE Antwort – womöglich auch DIE Antwort – auf die Frage „Wie geht man (in der Kunst) mit der Pandemie um?“

Die szenische Umsetzung der erzählten Geschichte(n) ist ebenfalls brillant. Schließlich heißt es „eine Liebeserklärung an die OpernBÜHNE“. Der Orchestergraben fährt hoch und wieder herunter, zuweilen ist er mit fünf oder sechs Musikern besetzt, ein anderes Mal ist er ganz verwaist. Ein Perspektivenwechsel ermöglicht dem Publikum den Blick von der Bühne aus in den ebenfalls verwaisten Zuschauerraum. Die Bühne selbst wirkt verwahrlost: Plastik-Müll fliegt herum und auch die Sänger und Sängerinnen sind mit Plastik abgedeckt wie Lebensmittel, die es gilt, frisch zu halten. Mitten in den Höhepunkt einer Arie platzen Bühnenarbeiter und fangen mit dem Abbau an. Die verängstigte Sängerin flüchtet sich in den Orchestergraben.

Das Stück liefert auch mir eine Antwort auf meine persönliche Befürchtung, den Opernalltag anlässlich des Besuchs einer Vorführung unter Corona-Bedingungen nur umso schmerzlicher zu vermissen: Dass Leid und Schmerz Kunst schaffen können, ist nichts Neues. Auch nicht, dass sich der Charakter in der Krise beweist. Aber hier wurde ein Gesamtkunstwerk erschaffen, ein „Phoenix aus der Asche“ par excellence. So schließt die Aufführung denn auch mit dem großen Finale „Des cendres de ton coeur…on est grand par l’amour“ aus „Hoffmanns Erzählungen“. Und als die Türen zu den hell erleuchteten Foyers aufgehen, und ich denke, die Vorstellung sei nun beendet, beschert sie mir dann noch den wundervollsten Opern-Moment ever…

Ich werde die Vorstellung ganz sicher noch ein zweites Mal besuchen; schon allein, um dieses Finale noch einmal erleben zu dürfen.

Helma_Kremer

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt Düsseldorf.

Entstanden im Herzen, zum Streicheln der Seele

Michael Langenberger über die Premiere „Vissi d’arte“

Das Programmheft beschreibt VISSI D’ARTE als “Eine Liebeserklärung an die Opernbühne” – Meines Erachtens ein klarer Fall von Understatement. Für mich ist es einzigartiges, philosophisches Musiktheater. Randvoll mit anspruchsvollen Allegorien und hintergründigen Gesichtspunkten, Abwägungen und Lösungsoptionen, dabei ganz leicht in sich aufnehmbar. Schafft ständige Neugier und Freude.

VISSI D’ARTE ist ein Opernwerk, was ich zumindest so in seiner Art, noch nie zuvor als Idee für eine Oper gesehen habe. Es ist ein Musikschauspiel über die Gefühlslage der Bühnentätigen in Corona-Lockdown-Zeiten. Es philosophiert zwischen Generalpause mit Fermate (eine Pause ohne zeitliche Festlegung…) und den realen Gefühlen der Opernschaffenden. Es schreibt keine neue Musik, sondern bindet statt dessen rund 15 musikalische Highlights, zumeist bekannter Opern und Operetten, in die Momente der Leere und Einsamkeit ein und lässt so, musikalisch, Stillstand und Düsternis vergessen; weist optimistisch in die Zukunft.

Wie im Zeitraffer werden wir Zuschauer in die ganze Zerrissenheit der letzten Monate hineingezogen. Mit allen Mitteln, die Schauspiel, Bühnenbild samt manches Mal vorgeblendeter Filmszenen möglich machen, schauen wir durch die Augen des Opernbetriebs, wie es der Oper, den Künstlern, der Kultur in Zeiten der Pandemie bislang ging. Die Zuschauer werden zeitweise visuell in den Hintergrund der Bühne mit Blick auf den leeren Opernsaal transponiert. Man wird wahrhaftig, in den Schuhen der Künstler stehend, emotional in die Realität der letzten Monate geführt, um im nächsten Moment durch hervorragend intonierte Arien wieder mit dem ganzen Optimismus auf eine tolle Zukunft herausgerissen zu werden.

Bei der Entwicklung dieses wirklich einmaligen Bühnenwerks, schlägt die Stunde der Arrangeure und Dramaturgie und vor allem der Umsetzungskreativität, den Rahmen der strengen Corona-Begrenzung 100%ig einzuhalten und mit den verrücktesten Ideen, bislang Undenkbares praktisch umzusetzen und das Publikum immer wieder ins Staunen zu versetzen. Sie meinen, ich schreibe hier um des Kaisers Bart herum? Sage nicht, was Sie alles erleben werden? Stimmt, es wäre zu schade, Sie der Überraschungen zu berauben, die Sie erwarten – finde ich.

Es ist der Weckruf, sich von der Pandemie nicht unterkriegen zu lassen. Alle Kreativität und die verrücktesten Ideen auszuspielen. Sein Leben weiterhin mit aller Schönheit zu begehen. Seine Aufgaben nur eben ganz anders zu erledigen. Die notwendigen Regeln zu beachten und gleichzeitig die ganze Lebensfreude, alles Schaffen, alles Tun, die schönsten Klänge unser Herz erwärmen lassen. Indem das Opernteam so agiert, bekommt man als Zuschauer immer wieder wohlige Gänsehaut.

Und noch eins wird mit diesem Stück sehr klar, es ist wirklich keine Selbstverständlichkeit, dass Opernsänger nicht nur hervorragend singen, sondern auch derart ausdrucksstark schauspielern können. Ein wenig, fast wie eine Trance, nehmen sie uns Zuschauer mit in ihre Gefühlswelt. Wie in vielen Opern zuvor schon erlebt, ist diesbezüglich das Ensemble der Oper am Rhein optimal besetzt.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Ein wundervoller Neuanfang an der Duisburger Oper

Mila Langbehn über die Premiere „Comedian Harmonists in Concert“

Diese erste Premiere nach der Corona-Zwangspause hat mich sehr berührt. So sehr berührt wie ich es schon viele Jahre nicht mehr bei einer Vorstellung erlebt habe. Der Riesenapplaus am Ende des Abends entsprach vollkommen meiner eigenen Freude und tiefen Dankbarkeit.

Natürlich sind da diese Einschränkungen, angefangen bei den wenig eleganten Masken, unserem Abstand überall zu allen, um dann im nur halb besetzen Zuschauerraum isoliert zu klatschen bis hin zu unübersehbaren Abstandsregeln auf der Bühne … Ja, aber hier ist es, als ob alle diese Einschränkungen miteinander bewirken, dass das Wesentliche, das, worauf es wirklich ankommt in dieser schwierigen Zeit, eine umso größere Wirkung entfalten kann. Es ist der auferlegte, wie auch der bewusst gewählte Purismus, dieser Inszenierung, der genau das freizusetzen vermag, wonach unsere Seele sich sehnt.

Nein, dies ist keine Show, wie man beim Titel „Comedian Harmonists in Concert“ vielleicht vermutet. Kein Entertainment! Kein „Wir lenken Euch jetzt mal mit was Nettem von Euren Corona-Sorgen ab.“ Die Dramaturgin Heili Schwarz-Schütte hat da einen anderen Ansatz:
kein Pomp – nur ein Flügel und die Bühne, so wie sie ist
keine Lightshow – aber Erhellung
keine Stimmen aus dem Off – ein Erzähler, ausdrucksstark (Dirk Weiler)
kein Orchester – ein Pianist, der musikalische Leiter selbst (Patrick Francis Chestnut)
keine Soundtechnik – dafür echte Stimmen, echt gute Stimmen (Cornel Frey, Luis Fernando Piedra, Florian Simson, Günes Gürle und Dmitri Vargin).
Überhaupt kein Brimborium, weder bei den Kostümen, noch bei der Choreographie – überall schlichte Eleganz und feine Akzente – durchaus humorvoll!

Kein Glanz, kein Gold!?
Aber ja! Der goldene Glanz der Comedian Harmonists, das ist etwas zutiefst Menschliches, was da intensiv von der Bühne zu uns ins Publikum strahlt. Wir sehen es mit dem Herzen. Das Wesentliche, das was uns Menschen ausmacht, tief innen drin. Und wir fühlen und wir hören es mit jedem Ton dieser sehr gekonnten wie auch wundervoll ehrlichen Darbietung.
Warum der Mensch singt? Warum es die Oper gibt? An diesem Abend können Sie es intensiv erleben.

Duisburg, Opernscouts

Mila Langbehn
Landart-Künstlerin

Die selbstständige Landart-Künstlerin hat als Amateur-Tänzerin mit klassischer Ausbildung selbst öfter auf der Bühne gestanden. Heute beschäftigt sie sich mit Landschaftskunst und Kunstaustellungen. Beim Theatererlebnis fasziniert sie insbesondere das Zusammenspiel aus den verschiedenen Komponenten Musik, Kostüm, Bühnenbild und Gesang. Besuche im Theater sind für sie ein angenehmer Gegensatz zum alltäglichen Leben und aus den Vorstellungen zieht sie oft auch Inspiration und Vergleicht diese mit ihrer eigenen Arbeit.

Endlich wieder Oper! Eine bedeutende und erschütternde Parabel

Hubert Kolb über die Premiere „Der Kaiser von Atlantis“

Trotz Atemmaske und Abstandsregeln – großen Dank dafür, dass ein Opernbesuch wieder möglich gemacht wurde und das künstlerische Team mit viel Einsatz die Oper „Der Kaiser von Atlantis“ vorbereitet und eindrucksvoll präsentiert hat!

Für fast Alle und auch für mich war diese einaktige Oper unbekannt, und doch ist ein großes und bedeutsames Werk deutscher Kultur, entstanden im Vorzeige-KZ Theresienstadt in den Jahren 1943-1944. Mit großem Mut haben Peter Kein ein Libretto gedichtet und Victor Ullmann die musikalische Umsetzung besorgt. Während der damaligen Proben wurde das Stück nach und nach politisch-moralisch entschärft und kam dennoch nicht zur Uraufführung. Soweit möglich, wurde in Düsseldorf die ursprüngliche Fassung auf die Bühne gebracht.

Die Parabel ist tiefgründig und grandios, sie sollte offenbar den Mithäftlingen die innere Stärke geben, sich über ihre Lebensbedingungen und die Todgeweihtheit zu erheben. In der Parabel verliert der Kaiser nach einem Aufruf zum Kampf Aller gegen Alle (der totale Krieg) alle Macht, weil der Tod, großartig gesungen von Luke Stoker, unter diesen Bedingungen nicht mehr seine Aufgaben wahrnehmen will. Kein Mensch kann mehr sterben, der Kaiser ist machtlos. Erst als der Kaiser mit dem Tod aushandelt, mit seinem eigenen Sterben wieder die frühere Balance von Leben, Lieben und Sterben zu ermöglichen, ist die Lebensharmonie wieder erreicht.

Victor Ullmanns harte Musik mit Trommel, Fanfare und Marsch-Rhythmik weicht einem weicheren melodischen Klang, als Liebe und Tod wieder in das Leben treten. Das Publikum war still und betroffen.

Das Stück wirkte in mir länger nach. Dafür war besonders wichtig, dass Inszenierung (Ilaria Lanzino) und Bühnenbild (Emine Güner) die Parabel nicht als Nazi-Stück oder mit Bezug auf Corona inszenierten, sondern als immerwährendes Gleichnis. Eine minimalistische Bühne mit vielen gespannten Seilen als eine Art Gefängnis für die Menschen, auch für den Kaiser. Die Seile fallen zu Boden, als die Angst vor dem Kaiser schwindet. So, wie der Text eine große Zahl von „Shakespeare-artigen“ Wahrheiten präsentierte, fügte Ilaria Lanzino eine Vielzahl von symbolhaften Bildern und Handlungen ein, welche zusammen mit dem immer sehr einfühlsamen Dirigat von Axel Kober ein überzeugendes Gesamtkunstwerk ergaben.

Fazit: Danke, dass Oper wieder möglich geworden ist. Die in diesem selten gespielten Stück präsentierte Parabel war berührend und bewegend. Hierfür war entscheidend, dass die Inszenierung der Versuchung widerstand, ein historisch oder aktuell verortetes politisches Stück zu präsentieren, sondern ein zeitloses Gleichnis von Leben, Liebe und Tod zeichnete.

Kolb_Hubert_Foto_Andreas_Endermann

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen.

Nostalgische Stimmung auf der Bühne

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Comedian Harmonists in Concert“

Mit dem Premierenabend „Comedian Harmonists in Concert“ hat die Deutsche Oper am Rhein in Duisburg einen sehr gelungenen Wiedereinstieg in die neue Spielzeit gefunden.

Die Geschichte des legendären Männer-Vokalquintetts aus den 20er und 30er Jahren bringen fünf Solisten aus dem Ensemble der Rheinoper mitsamt Pianist auf die Bühne: Vokal mit den wohlbekannten Ohrwürmern wie „Veronika, der Lenz ist da“, „Liebling, mein Herz lässt Dich grüßen“ und natürlich dem „kleinen grünen Kaktus“ und verbal in Form der humorig erzählten wechselvollen Geschichte der Gesangscombo.

Die Zeit ab 1928: Die Gesangsmitglieder finden nach und nach zusammen, sie  proben unter widrigen Bedingungen in Berlin, haben erste zaghafte Erfolge auf kleinen Bühnen. Mit Enthusiasmus und hartnäckigem Durchhaltevermögen starten die fünf Sänger sowie Pianist ihre Karriere aus dem Nichts. Das Aufkommen der Schellackplatte hilft ihnen dabei. Ein begeistertes Publikum beschert den Herren im Frack, die ihre eigene Kunst zwar vom musikalischen Anspruch ernst nehmen, aber ihr Unterhaltungsgenre auch mit viel Augenzwinkern betrachten, eine steile Karriere und Berühmtheit weit über die Landesgrenzen hinaus.

Songs wie „Creole love call“, „Kannst Du pfeifen, Johanna?“ oder „Schöne Isabella von Kastilien“ funktionieren auch heute noch als Stimmungsmacher überall auf der Welt und waren Grundlage des anhaltenden Erfolges. Sie dürfen auch an diesem Abend nicht fehlen.

Die fünf Sänger der Deutschen Oper am Rhein machen ihre Sache gesanglich sehr gut, kleine Soli werden gerecht unter den Sängern verteilt und –trotz Singen und Agieren auf Abstand-  gelingt ihnen ein sauber intoniertes und aufeinander abgestimmtes Miteinander. Dabei ist es nicht einfach, eine „Show“ à la Comedian Harmonists zu bieten: Die Corona-Regeln befehlen beim Singen einen 3-Meter-Mindestabstand untereinander, auch einen sehr großen Abstand vom Bühnenrand, der Pianist mit Flügel bildet nicht den Mittelpunkt, sondern den Hintergrund. Räumlich also viel Distanz – stimmlich nicht – hier überzeugen die Herren sehr, wie sie so stilecht auftreten im schwarzen Frack und weißer Fliege, mit zeitgemäß pomadiger und korrekt gescheitelter Frisur. Auch mit kleinen Mini-Choreographien, humorigen Gesten, die die Liedtexte untermalen, guten Lichteffekten und passender Mimik zaubern sie eine nostalgische Stimmung auf die Bühne.

Dennoch bleibt das Gefühl von „der guten alten Zeit“ hier keineswegs ungetrübt: Die Geschichte der Unterhaltungs-Combo ist eben nicht nur die staunenswert-fröhlich-romantische eines rasanten Aufstiegs, sondern auch die tragische eines politisch erzwungenen Abbruchs durch die Nationalsozialisten, die dem Ensemble 1935 wegen der jüdischstämmigen Mitglieder ein Berufsverbot erteilten. Ein brutales und jähes Ende für die legendären Comedian Harmonists… Irgendwo zwischen der Hoffnung eines „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines Stückchen Glück, und ich träum davon in jedem Augenblick…“ und der ansteckenden Fröhlichkeit eines „Ich hab‘ für Dich ‘nen Blumentopf bestellt“ lässt man sich von den emotionalen Stimmungen gern mitreißen – die Zuhörer haben es mit enthusiastischem Applaus gedankt.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Ein musikalischer Zeitzeuge

Markus Wendel über die Premiere „Der Kaiser von Atlantis“

Die Inszenierung ist wahrlich gelungen. Die Verortung wunderbar düster und zeitlos, ganz nach meinem Geschmack. Das Ensemble singt hervorragend. Irgendwie scheint alles aus einem Guss zu sein an diesem Abend, zur Premiere von „Der Kaiser von Atlantis“. Und doch bleibt all dies zurück, tritt in den Hintergrund, erscheint mir nicht wichtig. Denn das Stück erfährt eine so untrennbar starke Verbindung zu seiner Entstehungsgeschichte, dass bereits seine pure Aufführung an sich gewürdigt werden sollte.

Ich erlebe eine emotional aufwühlende Vorstellung wie selten zuvor.

Die Handlung ist geprägt vom Tod, aber auch vom Versuch des Lebens, ja des Überlebens. Am Ende verklärt in eine vorherrschende Todessehnsucht. Dem Regime des brutalen Kaisers scheint kein Entrinnen möglich. Sogar der Tod persönlich verweigert seinen Dienst. Die wenigen Botschaften der Liebe wirken einsam und hoffnungslos. Und dennoch scheint es Hoffnung zu geben. Streckenweise ist es für mich nur schwer zu ertragen, auf welche Weise die eigentlichen Botschaften des Stücks transportiert werden sollten. Die harten Bilder der aktuellen Inszenierung verstärken diese Wirkung obendrein.

Hier und da blitzt feiner Humor durch den Text und die musikalische Untermalung. Auch der Blick durch die Brille der heutigen Zeit lässt einige Grotesken erscheinen, die mich zum Lächeln, wenn nicht sogar zum Lachen bringen möchten. Doch dies dringt nicht nach außen. Denn in allem spüre ich den Herzschlag einer unguten Zeit.

Für die aktuelle Corona-Situation ist das Werk scheinbar wie gemacht: wenige Darsteller, klein besetztes Orchester und obendrein kurz und ohne Pause. Aber wie sollte es auch anders sein bei einem Stück, welches innerhalb eines Konzentrationslagers entstand und dort zur Uraufführung geplant war. Vielleicht liegt aber genau in dieser Überschaubarkeit und Klarheit der Schlüssel zu einer solch eingängigen Wirkung.

In aller Form danke ich der Deutschen Oper am Rhein für diesen berührenden Abend, wenngleich ich mit folgendem Satz enden möchte:

Es bleibt die Faust in der Magengrube.

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Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

„Es ist die Eifersucht. Die Gewalt der Liebe“

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Karolina Wais über die Premiere von „Alcina“

Es gibt ihn, es gibt tatsächlich diesen Augenblick in der Oper, der einen zu Tränen rühren kann. Ich habe ihn an diesem Abend erlebt.

Es ist der Moment am Ende des zweiten Aktes als sich die Bühne teilt.
Ein übergroßer Schatten Alcinas wird auf die Bühne projiziert. Alcina singt zerrissenen Herzens ihre jüngere und die ältere Version herbei.
Es wird mir bewusst, dass ich mich in Augenblicken voller Verzweiflung oft an meine Kindheit erinnere, um mich darauf zu besinnen, was mir in schwierigen Situationen Halt gegeben hat.
Gleichzeitig denke ich an mein zukünftiges, weiseres Ich, welches sich über die Vergänglichkeit dieser Augenblicke bewusst ist.

Dann legt sich die junge Alcina in der Embryonalstellung hin, die gegenwärtige Alcina tut es ihr nach. Sie verschmelzen förmlich in einer Umarmung. Der Körper erinnert die Psyche an die Zeit, zu welcher alle Bedürfnisse erfüllt sind, die Zeit im Bauch der Mutter.
Der Mensch ist hier geschützt, umarmt, gewogen, unbeschwert, geliebt…
So kann man sich über die Verzweiflung erheben.

Eigentlich wäre meine Rezension jetzt fertig, ich möchte aber noch erwähnen wie beeindruckend ich das Bühnenbild fand.
Es hat raffiniert, durch den perspektivischen Einsatz von mehreren Balkenelementen und Lichteffekten, eine Insel angedeutet. Ich hatte den Eindruck, hinter dem Bühnenbild fängt das Meer an.

Die Inszenierung tragen vier Frauen als Hauptrollen, sie sind hervorragend.
Maria Kataeva (Ruggiero) spielt authentisch ihre männliche Rolle.
Shira Patchornik, die Zweitbesetzung an diesem Abend singt/spielt voller Leichtigkeit und Anmut. Ich schaue und höre ihr gerne zu.
Jacquelyn Wagner (Alcina) und Wallis Giunta (Bradamante) können mithalten und sorgen für einen mich sehr berührenden Abend.
Vielen Dank dafür.

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Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Zauber der Klänge

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Benedikt Stahl über die Premiere von „Alcina“

In Erinnerung an die wunderbare Alcina-Premiere gehe ich nochmal der Frage nach, was mich daran am meisten beeindruckt hat und lande immer wieder vor allem bei der zauberhaften Musik.

Warum, so frage ich mich, ist das Zusammenspiel von Stimmen und Instrumenten, das Erzählerische, Herzergreifende, Warme, hier so einzigartig faszinierend.
Ein Gespräch mit meinem Bruder Marcus, der sich seit Jahrzehnten als Instrumentenbauer mit dem Zauber alter Klänge beschäftigt, liefert Erhellendes. Sofort kommt er ins Schwärmen und begründet dieses Phänomen unter anderem damit, dass die alten Instrumente der menschlichen Stimme so nah seien.
Ihre breit angelegten Klangfarben, so meint er, gingen mit ihrem Leuchten bis unter die Haut, ihre Transparenz sei deutlich höher und durchscheinender als bei neuen Instrumenten und je nachdem wer diese Musik singt oder spielt, wären die darin verborgenen Emotionen so unmittelbar zu spüren, dass einem mitunter der Atem weg bleibe.

Wie wahr! Das kann ich sehr gut nachempfinden und beschreibt meine Bewegtheit an diesem Abend (und danach) sehr zutreffend.
Vor allem die vier weiblichen Hauptpersonen Jaquelyn Wagner (Alcina), Maria Kataeva (Ruggiero), Shira Patchornik (Morgana) und Wallis Giunta (Bradamante) schaffen es mit ihren Arien und im Zusammenspiel mit dem grandiosen Orchester der neuen Düsseldorfer Hofmusik unter der Leitung von Axel Kober, tiefste Empfindungen zu berühren.
Das muss man gehört und erlebt haben!

Darüber hinaus gelingt der niederländischen Regisseurin Lotte de Beer eine Inszenierung, die das Programm der Düsseldorfer Oper wirklich bereichert.
Die Ideen für Bühne, Licht und Farben fallen für mich persönlich zwar ein bisschen zu üppig und ausladend aus, schaffen es aber dennoch sehr eindrücklich, die Erzählung stimmungsreich zu pointieren.
Das Spiel mit der sich stetig verändernden räumlichen Tiefe nimmt (trotz der etwas wackligen Bühnenkonstruktion) den Zuschauer tatsächlich mit auf eine Insel der Liebe, die dort all ihre Untiefen auszubreiten vermag und am Ende ist man doch irgendwie erleichtert, dass alles nur ein Spiel war. Oder?

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Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

 

 

Alte Musik 2.0

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Markus Wendel über die Premiere von „Alcina“

Es ist schon etwas Besonderes, wenn musikalische Stücke unglaublichen Alters zur Aufführung kommen.
Ich finde, es geht mit einem besonderen Zauber einher, wenn es dunkel wird im Theatersaal und Musik erklingt wie bereits vor fast dreihundert Jahren. Und so hatte ich in den ersten Minuten der vergangenen Premiere die Augen geschlossen. Um dies zu spüren, um dies als Fenster zu nutzen in eine längst vergangene Zeit.

Die Handlung ist völlig kompliziert. Auch unter Zuhilfenahme von Programmheft, Einführung und Übertiteln habe ich das verworrene Verwechslungs-Spiel nicht verstanden.

Szenisch bietet die Bühne mit ihrer extremen Perspektive einige spannende Möglichkeiten.
Das Bild wird im Verlauf erst fragmentiert und verschoben, am Ende dekonstruiert und aufgelöst. Wirklich gut ergänzt sich die ästhetisch-dunkle Lounge-Atmosphäre der Bühne mit dem Regiekonzept.
Durch Dopplungen von Personen und Handlungssträngen wird das Verwirrspiel in Bilder gerückt, die mich auch in den Tagen nach der Premiere noch beschäftigen. Bravo!

Eine große Überraschung für mich ist die Neue Düsseldorfer Hofmusik.
Alte Musik ist wirklich nicht meins, und bei einer Spielzeit von fast drei Stunden (und das ist schon gekürzt) echt fordernd. Aber an dieser Stelle verbinden sich zwei Dinge auf ganz wunderbare Weise.
Zum einen ist da die akzentuierte Instrumentierung. Bis zum Ende treten immer neue Variationen von Instrumenten in den Vordergrund und schaffen eine Vielzahl musikalischer Stimmungen.
Zum anderen verleiht Axel Kober der Musik eine Frische und Modernität, die den Staub der Jahrhunderte mit scheinbarer Leichtigkeit hinfort zu pusten vermag.

Gesanglich möchte ich kein Urteil abgeben, dafür habe ich bislang zu wenig alte Musik gehört.
Großartig finde ich in jedem Fall die israelische Sopranistin Shira Patchornik in der Rolle der Morgana.

Am Ende ist „Alcina“ wahrscheinlich das anstrengendste Stück, dass ich an der Deutschen Oper am Rhein gesehen habe.
Dennoch empfinde ich es als Bereicherung, und allen Freunden der alten Musik möchte ich es empfehlen.

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Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“. Überrascht war er davon, dass die Ballettinszenierungen 2018/19 ihn sogar mehr faszinierten als die Operninszenierungen.

Alcina – love is all you need

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Charlotte Kaup über „Alcina“

Alcina – love is all you need
So scheint es zumindest an diesem Abend in der Oper am Rhein. In der Barockoper von Georg Friedrich Händel dreht sich alles um Liebe, Eifersucht, Liebe, Hass, Liebe, Betrug und, achso – hatte ich Liebe erwähnt?

Der etwa dreistündige Opernabend sticht in vielerlei Hinsicht positiv hervor und verzaubert durch seine wunderbaren und historisch anmutenden Klänge der Neuen Düsseldorfer Hofmusik.
Zusätzlich zu bestaunen sind vier hervorragende Sängerinnen in den Hauptrollen, allen voran Jaquelyn Wagner, welche durch ihre Stimme und auch dank ihrer Präsenz eine imposante Alcina verkörpert und Wallis Giunta als Bradamante, die mit ihrem Schauspiel große Lebendigkeit auf die Bühne bringt.
Zentral ist außerdem ein raffiniertes Bühnenbild, welches die Handlung sehr klar untermalt und gleich in der Anfangsszene mit der Musik zu verschmelzen scheint. Üppig, floral und organisch beginnend, bis hin zu einer kühlen geometrischen Dekonstruktion.

In den zweieinhalb Stunden zwischen diesen spektakulären Endpunkten spielt sich jedoch eine für mich etwas quälend elongierte Handlung ab. Getrieben von vordergründiger Liebe, falschen Schwüren und dem wiederholten Missverständnis, bleibt das Stück im anscheinend zeitlosen Sumpf zwischenmenschlicher Seichtigkeit stecken.
Wenngleich in dieser Interpretation die Frauen in der dominanten Rolle auftreten, hängt deren Erfüllung scheinbar davon ab, geliebt zu werden und Macht auszuüben.
Am Ende wird der Narzissmus, die Machtgier zu Einsamkeit und Abhängigkeit.

Positiv zu erwähnen sind in jedem Fall die Statisten, welchen in der Gruppe eine durchaus tragende Rolle als stummes Gegengewicht zu Alcina bilden.
Mal in witzigen, mal bedrückenden Passagen erweitern sie das Stück um eine starke symbolische Bildsprache.

Thematisch sind die Grenzen des Stückes wohl vor fast 300 Jahren gesetzt worden.
Der Rest ist eine sehr sehenswerte, erfrischend andere und grandios inszenierte, gespielte und vertonte Oper.

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Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Vor kurzem hat die junge Ärztin eine Stelle in Mönchen Gladbach angetreten. Vorher arbeitete sie einige Jahre als Ballettlehrerin beim Hochschulsport. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und ist sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires.
Bezüglich der Oper ist sie ein Neuling, möchte dies aber gerne ändern und freut sich deshalb auf ihre Zeit als Scout und die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern

Wer sich etwas wirklich Besonderes gönnen will…

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Michael Langenberger über die Premiere von „Alcina“

Premiere von “Alcina”. Ein großartiger, ein besonderer Abend. Besonders nicht nur weil es sich um eine Barockoper handelt, ein Genre, was nicht so oft auf dem Spielplan steht. Besonders auch wegen der vorzüglichen Besetzung aller Positionen vor, auf und hinter der Bühne.
Und großartig, weil Regisseurin Lotte de Beer, als Frau, am Ende eben auch eine denkbare Auflösung eines intriganten Machtspiels von Frauen an Männern anbietet, was man einem Mann wahrscheinlich so nicht hätte durchgehen lassen.
So schafft Lotte de Beer mit einer Oper aus dem Jahr 1735, ohne Stilbruch, eine Inszenierung, die Top modern in die heutige Zeit passt und dabei gleichzeitig sehr werktreu ist. G. F. Händel wäre begeistert gewesen! Ich war es auf jeden Fall.

Die Ouvertüre erklingt – kraftvoll, geradezu spritzig, vorgetragen von der “Neuen Düsseldorfer Hofmusik“ unter Generalmusikdirektor Axel Kober.
Klingt gar nicht alt, obwohl auf Original Barockinstrumenten gespielt. Mehr Klang, mehr Sicht auf die virtuosen Akteure für das Publikum, weil die Musiker aus einem erhöhten Orchestergraben heraus spielen. Die Musiker selbst haben so selbst auch mit Blickkontakt zur Bühne. Jeder Einsatz sitzt.
Überhaupt, das Klangvergnügen aller Sängerinnen und Sänger wirkt fragil. Im Zusammenspiel mit dem Orchester, ausbalanciert. Insgesamt eher ein Werk der leiseren Töne und trotzdem dynamisch.
Die Akteure auf der Bühne geben alles, mit ihren Stimmen und schauspielerischen Qualitäten. Mir fällt es schwer, da jemanden besonders hervorzuheben.

Einzig das Kostüm der Alcina hat man m.E. unvorteilhaft ausgesucht.
Mit bedeckten Schultern und Schuhen mit niedrigeren Absätzen, hätte Alcina noch besser ins Gesamtbild gepasst; eine unwesentliche Kleinigkeit sicherlich, doch vielleicht das “i”-Tüpfelchen.

Genial finde ich auch das Bühnenbild, aus äußerst wandlungsfähigen “Inseln” mit Pergola ähnlichen 3-D-Gestellen in Fluchtpunktperspektive, die der Bühne verschiedenste Impressionen und damit dem Schauspielerischen wertvolle Unterstützung liefert.
Im Zusammenspiel mit unglaublich wirkungsvollen Beleuchtungseffekten und zusätzlichen Bildprojektionen, entsteht ein wahrer Zauber für die Augen.

Besonders pfiffig ist, wie gesagt, Lotte de Beers Idee, durch wortlose Spielszenen der Statisten, eine psychologische Auflösung von Alcinas Irrweg dem Zuschauer als zusätzliche Handlung in der eigentlichen Story der Oper anzubieten.
Das tolle daran, dem Zuschauer erschließt sich diese eingeschlossene Handlung erst gegen Ende der Oper.

Ich fand es eine der insgesamt vollkommensten Operninszenierungen, die ich je gesehen habe.

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Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.