„Es ist die Eifersucht. Die Gewalt der Liebe“

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Karolina Wais über die Premiere von „Alcina“

Es gibt ihn, es gibt tatsächlich diesen Augenblick in der Oper, der einen zu Tränen rühren kann. Ich habe ihn an diesem Abend erlebt.

Es ist der Moment am Ende des zweiten Aktes als sich die Bühne teilt.
Ein übergroßer Schatten Alcinas wird auf die Bühne projiziert. Alcina singt zerrissenen Herzens ihre jüngere und die ältere Version herbei.
Es wird mir bewusst, dass ich mich in Augenblicken voller Verzweiflung oft an meine Kindheit erinnere, um mich darauf zu besinnen, was mir in schwierigen Situationen Halt gegeben hat.
Gleichzeitig denke ich an mein zukünftiges, weiseres Ich, welches sich über die Vergänglichkeit dieser Augenblicke bewusst ist.

Dann legt sich die junge Alcina in der Embryonalstellung hin, die gegenwärtige Alcina tut es ihr nach. Sie verschmelzen förmlich in einer Umarmung. Der Körper erinnert die Psyche an die Zeit, zu welcher alle Bedürfnisse erfüllt sind, die Zeit im Bauch der Mutter.
Der Mensch ist hier geschützt, umarmt, gewogen, unbeschwert, geliebt…
So kann man sich über die Verzweiflung erheben.

Eigentlich wäre meine Rezension jetzt fertig, ich möchte aber noch erwähnen wie beeindruckend ich das Bühnenbild fand.
Es hat raffiniert, durch den perspektivischen Einsatz von mehreren Balkenelementen und Lichteffekten, eine Insel angedeutet. Ich hatte den Eindruck, hinter dem Bühnenbild fängt das Meer an.

Die Inszenierung tragen vier Frauen als Hauptrollen, sie sind hervorragend.
Maria Kataeva (Ruggiero) spielt authentisch ihre männliche Rolle.
Shira Patchornik, die Zweitbesetzung an diesem Abend singt/spielt voller Leichtigkeit und Anmut. Ich schaue und höre ihr gerne zu.
Jacquelyn Wagner (Alcina) und Wallis Giunta (Bradamante) können mithalten und sorgen für einen mich sehr berührenden Abend.
Vielen Dank dafür.

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Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Zauber der Klänge

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Benedikt Stahl über die Premiere von „Alcina“

In Erinnerung an die wunderbare Alcina-Premiere gehe ich nochmal der Frage nach, was mich daran am meisten beeindruckt hat und lande immer wieder vor allem bei der zauberhaften Musik.

Warum, so frage ich mich, ist das Zusammenspiel von Stimmen und Instrumenten, das Erzählerische, Herzergreifende, Warme, hier so einzigartig faszinierend.
Ein Gespräch mit meinem Bruder Marcus, der sich seit Jahrzehnten als Instrumentenbauer mit dem Zauber alter Klänge beschäftigt, liefert Erhellendes. Sofort kommt er ins Schwärmen und begründet dieses Phänomen unter anderem damit, dass die alten Instrumente der menschlichen Stimme so nah seien.
Ihre breit angelegten Klangfarben, so meint er, gingen mit ihrem Leuchten bis unter die Haut, ihre Transparenz sei deutlich höher und durchscheinender als bei neuen Instrumenten und je nachdem wer diese Musik singt oder spielt, wären die darin verborgenen Emotionen so unmittelbar zu spüren, dass einem mitunter der Atem weg bleibe.

Wie wahr! Das kann ich sehr gut nachempfinden und beschreibt meine Bewegtheit an diesem Abend (und danach) sehr zutreffend.
Vor allem die vier weiblichen Hauptpersonen Jaquelyn Wagner (Alcina), Maria Kataeva (Ruggiero), Shira Patchornik (Morgana) und Wallis Giunta (Bradamante) schaffen es mit ihren Arien und im Zusammenspiel mit dem grandiosen Orchester der neuen Düsseldorfer Hofmusik unter der Leitung von Axel Kober, tiefste Empfindungen zu berühren.
Das muss man gehört und erlebt haben!

Darüber hinaus gelingt der niederländischen Regisseurin Lotte de Beer eine Inszenierung, die das Programm der Düsseldorfer Oper wirklich bereichert.
Die Ideen für Bühne, Licht und Farben fallen für mich persönlich zwar ein bisschen zu üppig und ausladend aus, schaffen es aber dennoch sehr eindrücklich, die Erzählung stimmungsreich zu pointieren.
Das Spiel mit der sich stetig verändernden räumlichen Tiefe nimmt (trotz der etwas wackligen Bühnenkonstruktion) den Zuschauer tatsächlich mit auf eine Insel der Liebe, die dort all ihre Untiefen auszubreiten vermag und am Ende ist man doch irgendwie erleichtert, dass alles nur ein Spiel war. Oder?

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Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

 

 

Alte Musik 2.0

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Markus Wendel über die Premiere von „Alcina“

Es ist schon etwas Besonderes, wenn musikalische Stücke unglaublichen Alters zur Aufführung kommen.
Ich finde, es geht mit einem besonderen Zauber einher, wenn es dunkel wird im Theatersaal und Musik erklingt wie bereits vor fast dreihundert Jahren. Und so hatte ich in den ersten Minuten der vergangenen Premiere die Augen geschlossen. Um dies zu spüren, um dies als Fenster zu nutzen in eine längst vergangene Zeit.

Die Handlung ist völlig kompliziert. Auch unter Zuhilfenahme von Programmheft, Einführung und Übertiteln habe ich das verworrene Verwechslungs-Spiel nicht verstanden.

Szenisch bietet die Bühne mit ihrer extremen Perspektive einige spannende Möglichkeiten.
Das Bild wird im Verlauf erst fragmentiert und verschoben, am Ende dekonstruiert und aufgelöst. Wirklich gut ergänzt sich die ästhetisch-dunkle Lounge-Atmosphäre der Bühne mit dem Regiekonzept.
Durch Dopplungen von Personen und Handlungssträngen wird das Verwirrspiel in Bilder gerückt, die mich auch in den Tagen nach der Premiere noch beschäftigen. Bravo!

Eine große Überraschung für mich ist die Neue Düsseldorfer Hofmusik.
Alte Musik ist wirklich nicht meins, und bei einer Spielzeit von fast drei Stunden (und das ist schon gekürzt) echt fordernd. Aber an dieser Stelle verbinden sich zwei Dinge auf ganz wunderbare Weise.
Zum einen ist da die akzentuierte Instrumentierung. Bis zum Ende treten immer neue Variationen von Instrumenten in den Vordergrund und schaffen eine Vielzahl musikalischer Stimmungen.
Zum anderen verleiht Axel Kober der Musik eine Frische und Modernität, die den Staub der Jahrhunderte mit scheinbarer Leichtigkeit hinfort zu pusten vermag.

Gesanglich möchte ich kein Urteil abgeben, dafür habe ich bislang zu wenig alte Musik gehört.
Großartig finde ich in jedem Fall die israelische Sopranistin Shira Patchornik in der Rolle der Morgana.

Am Ende ist „Alcina“ wahrscheinlich das anstrengendste Stück, dass ich an der Deutschen Oper am Rhein gesehen habe.
Dennoch empfinde ich es als Bereicherung, und allen Freunden der alten Musik möchte ich es empfehlen.

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Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“. Überrascht war er davon, dass die Ballettinszenierungen 2018/19 ihn sogar mehr faszinierten als die Operninszenierungen.

Alcina – love is all you need

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Charlotte Kaup über „Alcina“

Alcina – love is all you need
So scheint es zumindest an diesem Abend in der Oper am Rhein. In der Barockoper von Georg Friedrich Händel dreht sich alles um Liebe, Eifersucht, Liebe, Hass, Liebe, Betrug und, achso – hatte ich Liebe erwähnt?

Der etwa dreistündige Opernabend sticht in vielerlei Hinsicht positiv hervor und verzaubert durch seine wunderbaren und historisch anmutenden Klänge der Neuen Düsseldorfer Hofmusik.
Zusätzlich zu bestaunen sind vier hervorragende Sängerinnen in den Hauptrollen, allen voran Jaquelyn Wagner, welche durch ihre Stimme und auch dank ihrer Präsenz eine imposante Alcina verkörpert und Wallis Giunta als Bradamante, die mit ihrem Schauspiel große Lebendigkeit auf die Bühne bringt.
Zentral ist außerdem ein raffiniertes Bühnenbild, welches die Handlung sehr klar untermalt und gleich in der Anfangsszene mit der Musik zu verschmelzen scheint. Üppig, floral und organisch beginnend, bis hin zu einer kühlen geometrischen Dekonstruktion.

In den zweieinhalb Stunden zwischen diesen spektakulären Endpunkten spielt sich jedoch eine für mich etwas quälend elongierte Handlung ab. Getrieben von vordergründiger Liebe, falschen Schwüren und dem wiederholten Missverständnis, bleibt das Stück im anscheinend zeitlosen Sumpf zwischenmenschlicher Seichtigkeit stecken.
Wenngleich in dieser Interpretation die Frauen in der dominanten Rolle auftreten, hängt deren Erfüllung scheinbar davon ab, geliebt zu werden und Macht auszuüben.
Am Ende wird der Narzissmus, die Machtgier zu Einsamkeit und Abhängigkeit.

Positiv zu erwähnen sind in jedem Fall die Statisten, welchen in der Gruppe eine durchaus tragende Rolle als stummes Gegengewicht zu Alcina bilden.
Mal in witzigen, mal bedrückenden Passagen erweitern sie das Stück um eine starke symbolische Bildsprache.

Thematisch sind die Grenzen des Stückes wohl vor fast 300 Jahren gesetzt worden.
Der Rest ist eine sehr sehenswerte, erfrischend andere und grandios inszenierte, gespielte und vertonte Oper.

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Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Vor kurzem hat die junge Ärztin eine Stelle in Mönchen Gladbach angetreten. Vorher arbeitete sie einige Jahre als Ballettlehrerin beim Hochschulsport. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und ist sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires.
Bezüglich der Oper ist sie ein Neuling, möchte dies aber gerne ändern und freut sich deshalb auf ihre Zeit als Scout und die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern

Wer sich etwas wirklich Besonderes gönnen will…

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Michael Langenberger über die Premiere von „Alcina“

Premiere von “Alcina”. Ein großartiger, ein besonderer Abend. Besonders nicht nur weil es sich um eine Barockoper handelt, ein Genre, was nicht so oft auf dem Spielplan steht. Besonders auch wegen der vorzüglichen Besetzung aller Positionen vor, auf und hinter der Bühne.
Und großartig, weil Regisseurin Lotte de Beer, als Frau, am Ende eben auch eine denkbare Auflösung eines intriganten Machtspiels von Frauen an Männern anbietet, was man einem Mann wahrscheinlich so nicht hätte durchgehen lassen.
So schafft Lotte de Beer mit einer Oper aus dem Jahr 1735, ohne Stilbruch, eine Inszenierung, die Top modern in die heutige Zeit passt und dabei gleichzeitig sehr werktreu ist. G. F. Händel wäre begeistert gewesen! Ich war es auf jeden Fall.

Die Ouvertüre erklingt – kraftvoll, geradezu spritzig, vorgetragen von der “Neuen Düsseldorfer Hofmusik“ unter Generalmusikdirektor Axel Kober.
Klingt gar nicht alt, obwohl auf Original Barockinstrumenten gespielt. Mehr Klang, mehr Sicht auf die virtuosen Akteure für das Publikum, weil die Musiker aus einem erhöhten Orchestergraben heraus spielen. Die Musiker selbst haben so selbst auch mit Blickkontakt zur Bühne. Jeder Einsatz sitzt.
Überhaupt, das Klangvergnügen aller Sängerinnen und Sänger wirkt fragil. Im Zusammenspiel mit dem Orchester, ausbalanciert. Insgesamt eher ein Werk der leiseren Töne und trotzdem dynamisch.
Die Akteure auf der Bühne geben alles, mit ihren Stimmen und schauspielerischen Qualitäten. Mir fällt es schwer, da jemanden besonders hervorzuheben.

Einzig das Kostüm der Alcina hat man m.E. unvorteilhaft ausgesucht.
Mit bedeckten Schultern und Schuhen mit niedrigeren Absätzen, hätte Alcina noch besser ins Gesamtbild gepasst; eine unwesentliche Kleinigkeit sicherlich, doch vielleicht das “i”-Tüpfelchen.

Genial finde ich auch das Bühnenbild, aus äußerst wandlungsfähigen “Inseln” mit Pergola ähnlichen 3-D-Gestellen in Fluchtpunktperspektive, die der Bühne verschiedenste Impressionen und damit dem Schauspielerischen wertvolle Unterstützung liefert.
Im Zusammenspiel mit unglaublich wirkungsvollen Beleuchtungseffekten und zusätzlichen Bildprojektionen, entsteht ein wahrer Zauber für die Augen.

Besonders pfiffig ist, wie gesagt, Lotte de Beers Idee, durch wortlose Spielszenen der Statisten, eine psychologische Auflösung von Alcinas Irrweg dem Zuschauer als zusätzliche Handlung in der eigentlichen Story der Oper anzubieten.
Das tolle daran, dem Zuschauer erschließt sich diese eingeschlossene Handlung erst gegen Ende der Oper.

Ich fand es eine der insgesamt vollkommensten Operninszenierungen, die ich je gesehen habe.

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Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Feierlich und befremdlich

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Sassa von Roehl über die Premiere von „Alcina“

Höre ich Georg Friedrich Händels Musik, erfasst mich ein feierliches, erhabenes Gefühl. So ging es mir auch schon bei den ersten Klängen von Händels 1735 in London uraufgeführten Oper Alcina.
Besonders die weichen Töne der historischen Instrumente der Neuen Düsseldorfer Hofmusik, dirigiert von Axel Kober lösten eine wunderbare Festlichkeit in mir aus.
Die sich langsam aus anfänglichen Lichtpunkten bildende üppige Blütenpracht stimmte mich auf die an Flora und Fauna reiche Zauber-Insel der Alcina ein. Umso mehr war ich enttäuscht, als sich der Vorhang hob und ich mich der profanen Welt einer Ferienclub-Atmosphäre gegenüber sah.
Die Bar am Pool eines Urlaubsressorts passte für mich so gar nicht zur romantischen Musik Händels und den herrlichen Stimmen der Sängerinnen. Ich hätte mit einer reduzierten Bühne gerne mehr Spielraum für meine Phantasie gehabt. Als die Drinks sogar noch zu Händels aufregenden Rhythmen „geshaked“ wurden, war mir die Diskrepanz zu krass.
Später, als das Reich Alcinas unterging und alles leer und öd wurde, konnte ich mich wieder mit dem Bühnenbild versöhnen und mit der verlassenen, desillusionierten Zauberin mit verlaufender Wimperntusche richtig mitleiden.
Auch die Darstellung der gealterten Alcina am Ende der Oper fand ich grandios, die der verzauberten Liebhaber einfallsreich

Neben der herrlichen Musik beeindruckten mich vor allem die vier Sängerinnen.
Allen voran die eingesprungene Shira Patchornik als Alcinas Schwester Morgana.
Die wunderbare Arie „verdi prati“,  gesungen von Maria Kataeva brachten mich an den Rand der Tränen. Sie ist für mich der Höhepunkt der gesamten Oper. Die klangliche Exzellenz und Vielfalt trugen mich ohne Weiteres über das für mich nicht immer stimmige Bühnenbild hinweg.
So ging ich erfüllt von einem denkwürdigen Musikerlebnis und dem professionellen und mitreißenden Können der Künstlerinnen nach Hause. Ich möchte dieses Erlebnis eines aufregenden Liebesreigens zum Valentinstag 2020 nicht missen und werde mich sicherlich immer sehr positiv daran erinnern.

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Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“. Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Schluss mit den Vorurteilen!!!

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Stefanie Hüber über die Premiere von „Alcina“

Richtig gefreut hatte ich mich auf „ Alcina“ nicht, da ich mir eine barocke Oper nicht wirklich spannend vorstellen konnte.
Barocke Musik empfinde ich als langweilig, und ehrlich gesagt, wusste ich ,bevor ich mich jetzt mit diesem Thema auseinandersetzte, gar nicht dass es soooo viele Barockopern gibt, allein von Händel um die 60!!!

Um so toller war dann der Abend:
Zunächst mal dieses Superorchester. Eine interessante Besetzung, die ich so nicht kannte und deren Instrumente mir nicht alle bekannt waren.
Da gab es noch die gute alte Blockflöte als Vorstufe zu der bis dahin noch nicht erfundenen Klarinette. Insgesamt empfand ich das komplette Instrumentenspiel von der Intonation und Dynamik her als nahezu perfekt.
Die Musik war für mich unerwartet dramatisch und dynamisch und unterstützte dadurch die Handlung, damit hätte ich, wie vorher schon zugegeben, nie gerechnet.
Es gab wunderbare Arien, von allen Sängern wunderschön vorgetragen, wobei mir persönlich Alcinas Gesang (Jacqueline Wagner) am besten gefiel.
Die Bühneninstallation war großartig, sie ließ ohne große Umbauten viele unterschiedliche Varianten zu, und auch Beleuchtung und Mobiliar passten perfekt dazu.
Zeitlich empfand ich die Inszenierung als eine Mischung aus den 20er und 50er Jahren. Ein bisschen Great Gatsby-Athmo (Alkohol,Sex und sinnlos die Zeit totschlagen) kombiniert mit dem Gesellschaftsbild der 50er.
Zwar war Alcina die männerfressende Amazone, doch die anderen Frauen auf der Insel waren doch eher sehr angepasst und trugen Petticoats und Frisuren aus jener Zeit, als Frauen vorrangig hübsches Beiwerk zu sein hatten.
Super gefallen hat mir die Szene von Bradamantes Verwandlung von Mann zu Frau, wie sie ihre Mütze auszieht und die lange rothaarige Mähne schüttelt, könnte man glatt zur Shampooreklame umfungieren!!!
Zu langweilig empfand ich die Darstellung von Alcina als alte Frau.
Nachdem ich endlich geschnallt hab, wer das sein soll, hätte ich mehr erwartet, vielleicht dass sie als offensichtlich verhärmter und vielleicht auch ausgemergelter dargestellt worden wäre.

Alles in allem war es ein berauschender Opernabend, und ich bin sicher ,dass ich durch diese positive Überraschung demnächst offener für neue Erlebnisse sein werde, Schluss mit den Vorurteilen!!!

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Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Absolut sehenswert!

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Christiane Hain über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Charles Gounods Oper über Shakespeares Romeo et Juliette  ist eine sehens- und hörenswerte Oper,  die leider viel zu selten auf dem Spielplan steht.
Musikalisch wieder hervorragend von den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Marie Jacquot umgesetzt.
Erwähnenswert ist auch wieder einmal der Chor der deutschen Oper am Rhein, der in dieser Oper eine tragend Rolle spielen und singen durfte.

Der junge Regisseur Philipp Westerbarkei legt dieses Stück auf einen Marktplatz in Verona, ein sparsames Bühnenbild, ein schwarzer Kubus mit vielen Stühlen und einen Berg, der bei der Trauung von Romeo und Juliette eine wichtige Rolle spielt, aber schwierig zu bespielen ist.
Dagegen beeindruckend ist das Bühnenbild durch das Lichtspiel eines übergroßen Kreuzes um im letzten Akt die Kirche darzustellen.
Schön auch die Idee das Hochzeitskleid von Juliette aus der vermeintlichen Leiche von Tybalt zu ziehen und den toten Tybalt in der letzten Szene als dämonischer Geist auferstehen und agieren zu lassen. Ein genialer Einfall von Westerbarkei.
Schwierig ist dagegen die Rolle des jungen Liebespaares zu verstehen.
Das junge Mädchen trägt dasselbe silberne Glitzerkleid wie Juliette. So erkennt man den Bezug zu Romeo und Juliette, aber der Sinn erschließt sich mir nicht. Zumal die beiden in den letzten Szenen gar nicht mehr auftreten. Was ist also deren Rolle?

Insbesondere beeindrucken die schauspielerische Leistung der  Sänger, die intensive Ausprägung der Charaktere und das Halten der interaktive Spannung über das ganze Stück hinweg.
Westerbarkei versteht es eine Geschichte auf die Bühne zu bringen.
Sängerisch herausragend sind Sylvia Hamvasi als Juliette und Miriam Albano als Stephano, die so frisch spielt und singt. Eigentlich ist die Rolle für sie zu klein.

Was werden ich meinen Freunden über den Abend erzählen:  Absolut sehenswert!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Christiane Hain
Application Managerin

Christiane Hain arbeitet im IT-Bereich einer Bank in Düsseldorf. Sie ist in der Neckarstraße Duisburg aufgewachsen – in Sichtweise des Theaters, das ein fester Bestandteil im Familienleben war: Die Großmutter, die Eltern, die Schwester und sie selbst – alle waren regelmäßige Theaterbesucher. Ihre Tätigkeit als Opernscout führt dazu, dass sie wieder bewusster ins Theater geht und die Aufführungen als einen wichtigen Ausgleich zum Berufsleben betrachtet.

Das Epizentrum der Female Power

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Sandra Christmann über die Premiere von „Alcina“

Dass ausgerechnet barocke Musik, Georg Friedrich Händel, mir den bisher süßesten Abend meiner Opernscoutära beschert, war nicht absehbar, aber umso erfreulicher. Ein wunderbarer Abend.
Die Musik, neue Düsseldorfer Hofmusik – oh mein Gott – Künstler! Und der Herr Kober ist ein absoluter Rockstar!!! Das habe ich nicht erwartet.
Man kann sich in der Musik über Stunden verlieren, würde dort nicht fesselndes Drama den Ton angeben.

Denn:
Lotte de Beer (für mich): ein Ausnahmetalent.
Was ist da los, dass sie eine solch unfassbar präzise, grandiose Inszenierung so auf die Bühne bringt, dass wir Gäste mit ungebrochener Konzentration, Dauergänsehaut, Wohlgefühl, Freude und Respekt diesen Abend als Geschenk entgegennehmen.
Ladies Power  of the very finest.

Shira Patchornik als Morgana
Wallis Giunta als Bradamante
Jacquelyn Wagner als Alcina
Maria Kataeva als Ruggiero

Wallis Giunta. Betörend für alle Sinne. Würde sie nicht auch noch so wunderbar singen, reichte es aus ihrem Spiel nur zuzusehen und sie anzustarren.
Keine der Sängerinnen steht der anderen nach, jede für sich kann sich der ungeteilten Aufmerksamkeit sicher sein.  Gesanglich war es Champagner.
Sie und Maria Kataeva in Männerrollen überzeugen kraftvoll und spielerisch, so glaubhaft, dass die Männer dieser Inszenierung verblassen.

Meines Erachtens liegt die wirklich hohe Kunst dieser Inszenierung aus allen Disziplinen das Beste vereint zu haben.
Das Bühnenbild ist absolut fantastisch – excellente Lichtregie – die Kostüme auf den Punkt. Keine Längen! Dramaturgisch eine Meisterleistung.

Nicht alles hat sich mir in der Handlung erschlossen, was nicht an der Darstellung, sondern definitiv an mir lag. Aber die Liebeswirren, die Intriganz, das Begehren, die Ohnmacht, den Kampf, die Leidenschaft habe ich gefühlt.
Das alles auf Italienisch, der Sprache der Liebe. Sono grata.

PERFETTO! MUST SEE!

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Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair Internantional GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Langweilige Barockoper? Musik- und Bühnengenuss!!

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Hubert Kolb über die Premiere von „Alcina“

Manchmal etwas anspruchsvoll und vermutlich langweilig, so hatte ich mir Opern von Händel vorgestellt. Immerhin hat er über fünfzig Opern komponiert, immer mit Blick auf kommerziellen Erfolg in London.
Welche Überraschung war dann der genussvolle Abend in der Oper am Rhein!

Drei Punkte waren hierfür verantwortlich:

  1. Als Klangkörper diente die Neue Düsseldorfer Hofmusik, welche auf alten oder nachgebauten Instrumenten im halb hochgehobenen Orchestergraben spielte. Dirigent GMD Axel Kober erreichte ein technisch und musikalisch hohes Niveau. Instrumentalmusik und Gesang waren eine bemerkenswerte Einheit, mit angenehmer Dynamik.
  2. Die Stimmen der vier weiblichen Hauptpersonen waren in der Klangfarbe gut auf einander abgestimmt, Gesang und Spiel auf der Bühne waren eindrucksvoll. Bemerkenswert war dabei die Leistung der aus Wiesbaden aus Krankheitsgründen eingesprungenen israelischen Sopranistin Shira Patchornik in der Rolle der Morgana.
    Passend zur Rolle der Inselherrscherin Alcina hatte Jacquelyn Wagner eine dominante Präsenz auf der Bühne.
    „Unsere“ Maria Kataeva spielte die Hosenrolle des Ruggiero perfekt.
    Wallis Giunta als Bradamante war ebenfalls überzeugend, mit enormer körperlicher Lebendigkeit.
    Die beiden Solisten für die „echten“ Männer waren nicht so gut gewählt.
    Und es gab so viele melancholisch-schöne Arien der Sängerinnen, mit barockgemäßer Wiederholung der unerwartet eingängigen Melodien.
    Dass an einigen Stellen gekürzt wurde, war dennoch gut.
  3. Die Inszenierung, die Bühne, die Kostüme, das Licht und die Personenregie waren eine gelungene Gesamtkomposition.
    Das Geschehen um die Zauberin Alcina, welche Männer zu ihrem Eigengenuss verhext und später durch deren Verwandlung in Tiere oder Steine loswird, wurde in die heutige Zeit transponiert, etwas „me too“ anders herum.
    Die Bühne wirkte wie ein Wellness-Resort auf einer Insel.
    Nach dem Bruch des Zaubers und dem Happy-End für Alcinas Opfer (aber nicht für sie selbst), verwandelte sich alles in eine kahle Umwelt.
    Der Paradiesgarten, die Kostüme und das schöne Licht waren nur Genuss-orientierte Zauberei.

Fazit: Die Inszenierung von Lotte de Beer und die musikalische Interpretation durch Axel Kober gaben dieser Oper etwas schwungvoll Modernes. Dazu kam der Genuss herrlicher barocker Arien im großartigen Zusammenspiel mit dem Barockorchester. Langer Beifall, der in Standing Ovations mündete.

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Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt.

Eine musikalisch-lyrische Zeitreise

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Annette Hausmann über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Mit dem ersten Auftakt der dramatischen Oper „Roméo et Juliette“, die Charles Gounod 1867 auf der Grundlage von Shakespeares gleichnamiger und weltbekannter Tragödie schuf, begebe ich mich auf eine musikalisch-lyrische Zeitreise quer durch Europa.
Als „Reiseführer“ hätte kein Geeigneterer als der Regisseur Philipp Westerbarkei ausgewählt werden können.
Tiefsinnig und mit der nötigen Portion Provokation ist ihm die Adaption seiner Operninszenierung in die heutige Zeit perfekt gelungen.

Der Vorhang hebt sich und gleich zu Beginn erwartet einen eine Bühnenkulisse, die wenig südländischen Flair „versprüht“ und nur mit viel Phantasie eine italienische Piazza erkennen lässt. Der Bühnenboden ist mit einer Folie überzogen, die Assoziationen von „Glanz und Gloria“, „Kälte und Glätte“ hervorruft und in der sich alle Bewegungshandlungen der Protagonisten widerspiegeln.
Am Ende der Bühne, auf der sich übereinander gestapelte Stühle befinden, ragt ein riesiger Felsen mit einer beleuchteten Madonna hervor.
Schnell wird dieser düster wirkende Bühnenraum durch die hervorragenden Stimmen und schauspielerischen Leistungen des Opernchors mit Leben und Volumen gefüllt.
In ihren bunten, glitzernden Kostümen verkörpern sie in Zeitlupe Macarena tanzend die vermeintlich lustige, ausgelassene Gesellschaft, die Capulet am Abend des Ferragostos anlässlich der bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter Juliette mit Pâris zur Party eingeladen hat.
Inmitten dieses Treibens treffen Roméo und Juliette aufeinander und ihr Schicksal durch die gesellschaftliche Vergiftung nimmt schleichend seinen Lauf. Ausdrucksstark wird dies sinnbildlich durch die rauchende und Juliette kreisförmig umschließende Gesellschaft dargestellt.
Juliette, gesungen von Sylvia Hamvasi, strahlt nur äußerlich durch ihr silberfarbenes Glitzerkleid; innerlich sträubt sie sich gegen die gesellschaftlichen Zwänge.
In ihren anspruchsvollen Arien singt sie von ihrer ersehnten Freiheit und ihrem Wunsch, träumen und leben zu dürfen (-„Je veux vivre dans le rêve, qui m’enivre…“).
Sie bricht regelrecht aus ihrer Rolle aus, steigt auf immer höher aufeinander gestapelte Stühle und verleiht auf diese Weise ihrem Bestreben, „frei zu sein wie ein Vogel, der zum Himmel fliegt“, noch mehr Ausdruckskraft.
Für Roméo, solide dargestellt und gesungen von Gustavo de Gennaro, scheint Juliette von Anfang an unerreichbar zu sein.

Im Verlauf der Inszenierung wird das Bühnenbild (Tatjana Ivschina) und die Lichttechnik (Volker Weinhart) zunehmend beeindruckender.
Die quadratisch angeordnete Beleuchtung wird abgesenkt und erscheint wie ein abgegrenztes Lichtermeer oder gar Lichterlabyrinth, in dem Roméo und Juliette im unruhigen Schein der „süßen Nacht der Liebe“ ihre innige Verbundenheit besingen und gleichzeitig ihrer „Gedankenflut“ freien Lauf lassen. Einfach genial!
Gleichzeitig wird die Bühne zum Kirchenraum, in dem die Hochzeitszeremonie stattfindet, zu der ein gewaltiges Orgelpräludium erklingt und der Chor einen weiteren starken Auftritt hat, der „unter die Haut“ geht.
Parallel zum tragischen Ende der Oper hebt sich langsam ein Bühnenelement, unter dem „love is a losing game“ zu lesen ist. Anfänglich irritiert es mich, doch es entspricht genau Westerbarkeis Fazit von einer sich selbst und andere vergiftenden Gesellschaft, in der das „individuelle Glück“ und das „Andersdenken“ nicht akzeptiert wird, sodass nur der Freitod der einzige Ausweg zur ersehnten Freiheit ist.

Mit „Roméo et Juliette“ schafft Westerbarkei eine großartige, vielschichtige und sehenswerte Oper.
Dabei besitzt er den Mut, das Rädchen der traditionellen Operntragödie zeitgemäß weiterzudrehen, sodass die Geschichte von „Romeo und Julia“ weiterhin unsterblich bleibt.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an einer Montessori-Grundschule in Duisburg-Bissingheim, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Der Austausch zwischen den Opernscouts schaffe „eine andere Wahrnehmung von Oper und Ballett“. In ihrer ersten Spielzeit begeistert sie ganz besonders  Martin Schläpfers Ballett „Schwanensee“: „Mit seiner Kraft und Ausdrucksstärke war es eine der genialsten Vorstellungen meines Lebens“.

Nicht nur für Shakespeare-Fans!

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Die Liebesgeschichte von Romeo und Julia erzählt die wohl  berühmteste Tragödie der Literaturgeschichte… auch der französische Romantiker Charles Gounod hat sich des Sujets angenommen und das Libretto von Jules Barbier und Michel Carré als Grundlage für seine lyrische, dreistündige epische Oper gewählt.
Bei der Premiere in Duisburg war seine romantische Musik bei den hervorragenden Duisburger Philharmonikern in besten Händen – maßgeblich dafür verantwortlich war auch die neue erste Kapellmeisterin der Oper Marie Jacquot, unter deren wacher und engagierter musikalischer Leitung sich das Orchester in Bestform zeigte und den Facetten- und Farbenreichtum der Partitur wunderschön zum Klingen brachte.
Auch der Chor, der eine größere Rolle in der Oper spielte, glänzte mit epischen Chören und homogenem Ton.

Die Kulissen auf der Bühne, ein großer Felsen mit beleuchteter Madonnenfigur, erwiesen sich als wandelbar und einfallsreich. Mit wenigen aber effektiven Mitteln (Regen) und passenden Requisiten bot der Bühnenaufbau den Sängern einen ebenso passenden wie auch herausfordernden Hintergrund (auf Stuhlberge steigen, im Liegen und Bücken singen) für ihre dramatisch-tragische Geschichte.
Viel Atmosphäre schuf auch das oft fahle, schummrige Licht, das ebenso als Spiegelbild des „düsteren Innenlebens“ der Akteure wie auch als Nacht-Stimmung zu sehen sein konnte.
Die Regie der Oper führte Philipp Westerbarkei, ebenfalls an der Rheinoper mit La Bohème zu sehen.
Er taucht seine Love story in ein schrilles, zeitgenössisch geprägtes Licht: bunte Kostüme von Mini-Mode, leuchtfarbigen Anzügen  bis zu Glitzer- und Pailettenkleidern, Zigaretten rauchende Akteure sowie ein Macarena-tanzender Chor… assoziativ und mutig ist seine Herangehensweise in jedem Fall – passend oder stimmig erschien manches aber nicht.
Geteilter Meinung darf man vor allem über seine Quintessenz „LOVE IS A LOSING GAME“ sein, die am Ende der Oper als Leuchtschrift auf der Unterseite einer Wand erscheint, die ins Bühnenhaus hochgezogen wird… für mich kein schlüssiges Fazit der Aufführung.
Einen wesentlichen Bruch mit der Geschichte führt Philipp Westerbarkeit am Ende sowieso herbei: Juliette tötet sich nicht selbst, nachdem sie Roméos Sterben miterleben musste, sondern wird resigniert zu ihrer bevorstehenden „Zwangs-Hochzeit“ mit Paris getragen.
Hier gefiele mir eine Vorlagentreue besser… Die Sänger darf man loben: Sylvia Hamvasi als Juliette sang sich nach kleiner Anlaufphase gut in ihre Rolle hinein, überzeugte mit einer gut geführten Stimme bis in die Koloraturen hinein. Von ihrer lodernden Liebesglut zu Roméo konnte sie das Publikum allerdings weniger überzeugen.
Gustavo de Gennaro bot einen solide gesungenen und gespielten Roméo.
Vor allem aus musikalischer Sicht ein wirklich genussvoller Abend (denn Gounods üppiger romantischer und harmonieseliger Tonfall funktioniert im Ernstfall kurzzeitig auch mit geschlossenen Augen).
Trotz Meinungsverschiedenheiten über einzelne Regieideen ist diese Oper unbedingt lohnend – nicht nur für Shakespeare-Fans!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Kultverdächtig!

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Mila Langbehn über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Das Ende, das nehme ich gleich vorweg, das Ende finde ich richtig gut. Juliette will sich erdolchen, als ihr geliebter Roméo tot vor ihr liegt. Aber es kommt ganz anders: Ein starker Mann, Pâris, trägt sie von Roméo weg – zur Trauung!
Ich finde, das ist eine interessante Variante, die gute Denkanstöße gibt.

Leider ist der Rest der Inszenierung weniger erfreulich, denn leider wird an diesem Abend nicht nur Juliette zwangsvermählt.

Auf der einen Seite ist da die Oper von Charles Gounod.
Ich kannte Gounods Werke noch nicht und bin überrascht wie sehr er mich begeistert! Die neue Dirigentin, Marie Jacquot, hat diese Oper mit den Duisburger Philharmonikern großartig umgesetzt. Das ist Samt und Seide für die Ohren!
Ich bin hin und weg, wiege mich in Wohlklängen und genieße dank der Übersetzung in den Übertiteln feinste Lyrik der Extraklasse.
Die Stimmen der Solist*innen gefallen mir alle sehr.
Und der Chor! Gänsehaut pur.

Auf der anderen Seite ist da die Inszenierung von Westerbarkei.
Nun ja, für meine Ohren war’s wunderschön. Für meine Augen war’s schön, als der Schmerz nachließ.
Im Nachklang allerdings, da wurde mir klar: Das Stück ist schwer kultverdächtig!
Es enthält einfach alles, was ein echtes B-Movie ausmacht, das etwa 20 Jahre später Kult wird: billige Pappmaché-Kulissen (großer Felsen auf Rädern), Zaunpfähle, die nicht winken, sondern erschlagen (eine monströse Leuchtschrift), hölzerne Schauspielerei, einen Zombie (der Geist Tybalts), böse Beleuchtung in Liebesszenen (OP-Tisch-tauglich), übles Outfit (Julia in den ersten Akten), sinnlose Gewalt (zu den Morden musste noch eine Vergewaltigung mit rein), plumpe Kopien und peinliche Zitate … ja, und zwischendrin vereinzelt – quasi als das Salz in der Suppe – wirklich gute Szenen!

Diese unglaubliche Mischung, das muss ihm mal einer nachmachen, diesem Westerbarkei.
Das ist kultverdächtig!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Mila Langbehn
Landart-Künstlerin

Die selbstständige Landart-Künstlerin hat als Amateur-Tänzerin mit klassischer Ausbildung selbst öfter auf der Bühne gestanden. Heute beschäftigt sie sich mit Landschaftskunst. Kunstaustellungen. Beim Theatererlebnis fasziniert sie insbesondere das Zusammenspiel aus den verschiedenen Komponenten Musik, Kostüm, Bühnenbild und Gesang. Besuche im Theater sind für sie ein angenehmer Gegensatz zum alltäglichen Leben und aus den Vorstellungen zieht sie oft auch Inspiration und Vergleicht diese mit ihrer eigenen Arbeit.

Jugendlicher Leichtsinn und Übermut

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Jürgen Ingenhaag über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Shakespeares „Romeo und Julia“ als Musiktheater kenne ich nur als „Westside Story“ von Leonard Bernstein, deshalb freut es mich ganz besonders, an der Rheinoper Charles Gounods selten gespieltes Musikdrama „Roméo et Juliette“ erleben zu dürfen.
Philipp Westerbarkei inszeniert hier einen „Sommernachtsalbtraum“ mit der (nur aus dem Parkett heraus lesbaren) Schlusserkenntnis „love is a loosing game“.
Da lässt sich „too much love will kill you“ hinzufügen oder die große traurige Erkenntnis, dass es „keine Liebe mehr unter den Menschen gibt“.

Roméo verfällt der Liebe auf den ersten Blick, und ihn kümmert es auch nicht, als „Feigling“ bezeichnet zu werden solange er seiner „Flamme“ nah sein darf.
Juliette kommt Roméos Flirt sehr entgegen, will sie doch ihrer strengen Familie entfliehen und singt ihre Freiheits-Arie auf einem Berg aus Stühlen (wo man als Sicherheitsfreund kaum hinschauen mag).
Auch die Trauungszeremonie wird szenisch und optisch auf einem künstlichen Felsen in die Höhe getrieben, ehe das Paar zu Klippenspringern wird und den „Sprung ins kalte Wasser“ einer verbotenen Ehe wagt. Das ist doch mal eine gelungene Darstellung von jugendlichem Leichtsinn und Übermut!

Neben Roméo und Juliette brilliert der Chor als dritter „Hauptdarsteller“.
Der darf als Partygesellschaft tanzen und zanken, als lästige Nachbarn rauchen, saufen und Juliette Capulet bloßstellen.
Das ist großes Theater, und vor allem die Schluss-Szene des dritten Akts mit „Tag der Trauer…“ ist rührselig und mit dem einsetzenden Regen passend und beeindruckend inszeniert.
An dieser Stelle muss ich vor allem die Blechbläser der Duisburger Philharmoniker loben, die wohlklingend eine feierliche Atmosphäre erzeugen und wunderschöne Musik spielen.

Teilweise empfinde ich Szene und Text als nicht ganz stimmig (die Erscheinung des toten Tybalt im vierten Akt ist viel zu lang und lästig).
Gerne werde ich diese Oper ein weiteres Mal besuchen, um weitere Inszenierungsdetails zu entdecken und Gounods schöne Melodien zu genießen!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Jürgen Ingenhaag
Fachkraft für Arbeitssicherheit

Als Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert Jürgen Ingenhaag klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Als Opernscout versteht er sich als „Botschafter für das Theater Duisburg“. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge“. Seine Leidenschaft für Rock- und Popmusik hat ihn nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden.

Eine Fülle von Augen-und Ohrenreizen

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Dagmar Ohlwein über die Premiere von „Roméo et Juliette“

„Roméo et Juliette“ von Charles Gounod ist ein Meisterwerk der französischen Opernromantik.
Um Romantik und das Schwelgen in berührenden, leidenschaftlichen Gesangsszenen geht es Philipp Westerbarkai in dieser Inszenierung in erster Linie, meiner Einschätzung nach, nicht.
Wie schon in anderen Opernaufführungen gelingt es ihm „Roméo et Juliette“, diese dramatische Liebesgeschichte zunächst von William Shakespeare auf die Bühne gebracht, in hervorragender Weise so modern und zeitgemäß zu gestalten, dass dieser Opernabend einmal mehr spannend, nachdenkenswert und inspirierend für mich wurde.

Schon mit den Kostümen, die im Stil der 50er Jahre gestaltet sind, bietet sich dem Zuschauer ein buntes, aufregendes Bild auf einer nächtlichen Piazza von Verona.
Das Bühnenbild und der großartige Gesang des Chores der Deutschen Oper am Rhein lässt den Zuschauer eintauchen in eine heiße Sommernacht und in die Partygesellschaft der Familie Capulet.
Es ist Ferragosto, die Protagonisten, Juliette dargestellt von Sylvia Hamvasi und Gustavo de Gennaro als Roméo, der Sohn der verfeindeten Familie Montague, begegnen sich. Sowohl die Schauspielkunst als auch die gesangliche Leistung des Chores sind hervorragend.
Die Stimmen von Sylvia Hamvasi und auch Gustavo de Gennaro stechen für mich nicht besonders hervor.

Das Liebesdrama nimmt in bekannter Weise seinen Lauf.
Dabei wurde mein Blick mehr auf die einzelnen Darsteller gelenkt.
Da ist Juliette, die in meinen Augen um Freiheit, im weitesten Sinn Emanzipation kämpft.
Will Roméo vielleicht den Schmerz um eine verlorene Liebe mit einer neuen, der vermeintlich größten Liebe seines Lebens, Juliette, vergessen? Wie tief und innig die Liebe dieses weltberühmten Liebespaares während eines langen Lebens sich entwickelt hätte, bleibt für immer und ewig, typisch für solche Liebesdramen, offen.
Tybalt, der Cousin Juliettes, wird zum Mörder und durch Roméo zum Gemordeten.
Er bleibt auch als schon Getöteter präsent auf der Bühne. Sein durchgehender Auftritt als Gemordeter hat mich hin und wieder ein wenig irritiert .
Er, wie auch Mercutio, der ermordete Freund Roméos, und das berühmteste Liebespaar aller Zeiten sind Opfer einer hasserfüllten, blutigen Feindschaft zweier Familien.

Diese Tragödie hat Philipp Westerbarkei in großartiger Weise neu auf die Bühne gebracht. Applaus und große Anerkennung für die intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema.
Anspielungen, Hinweise und Andeutungen zu Westerbarkais und vielleicht auch Gounods Gedanken zu dem Thema sind zahlreich in der Inszenierung zu finden: eine „instabile“ Stuhlkonstruktion auf der sich die Juliette häufig bewegt, die eventuell aufzeigen möchte, dass nichts im Leben stabil ist, wir uns immer auf unsicherem Grund bewegen.
„Je veux vivre“ singt sie in einer Arie, löst ihre bis dahin aufgesteckten Haare, entledigt sich ihrer Schuhe. Sie möchte raus aus ihren Familienzwängen, frei leben und entscheiden.

Ein Schauspiel/Ballettpaar, Maria Sauckel-Plock und Egor Reider, das in den Pausen zwischen dem 1. und 2., 2. und 3. Akt auftritt, soll vielleicht auf sehr subtile, feine Weise den Fokus auf die Befindlichkeiten zweier frisch verliebter Menschen richten. Eine Fülle von Augen-und Ohrenreizen.
Nicht unerwähnt möchte ich noch das phantastische Dirigat von Marie Jacquot lassen. Mein Fazit: Ein interessanter, belebender, erfrischender Opernabend.

Dagmar_Ohlwein

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin ist gerade im Ruhestand angekommen und widmet nun einen großen Teil ihrer Zeit der Kultur. Das heißt für sie regelmäßig diverse Kulturangebote warzunehmen. Als Jugendliche hat sie „direkt um die Ecke“ vom Theater Duisburg gelebt und so schon immer viel Kontakt zur Kunst gehabt. Sie ist sehr gespannt auf ihr erstes Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2019/20.

Einfach Grandios

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Stefan Pütz über die Premiere von “ I puritani“

Rolando Villazón hat diese klassische Oper im“ Belcanto“ mit einem hervorragenden Orchester, großer schauspielerischer Qualität und allen Facetten des Liebesdramas inszeniert.
Ein großartiges passendes Bühnenbild, starke Chöre, passende „puritanische“ Kostüme,  phantastische Musik und eine hervorragende Besetzung konnten mich absolut überzeugen.
Die Handlung des Stücks ist „mager“ und sehr überschaubar – kann aber vernachlässigt werden… Adela Zaharia spielte die verwirrte, liebeskranke, verstörte Elvira, die Wandlungen und  Veränderungen nicht verstehen kann und dem Wahnsinn verfällt. Der Onkel  (Bogdan Talos), aber auch der junge Geliebte (Tenor Ioan Hotea) konnten mich auch an mancher Stelle gesanglich überzeugen.
Adela Zaharia ist jedoch für mich unschlagbar und jeder Freund der klassischen Oper sollte sie sehen  und hören wollen! Villazón ließ sich einige interessante Dinge einfallen, die eine bereichernde Ergänzung zu der doch sehr überschaubaren Handlung darstellten

… ein wirklich grandioser Abend!!

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Stefan Pütz
Inhaber von „Buch in Bilk“

Den Namen Stefan Pütz verbindet man mit „Buch in Bilk“, einer Buchhandlung in Unterbilk. Bei Kulturveranstaltungen ist er gern mit einem Büchertisch präsent, denn direkter Kontakt zu Kunden und persönliche Beratung sind ihm wichtig. Wichtig ist ihm jetzt – nach langer Abstinenz – auch wieder die Begegnung mit Oper und Ballett. Wagner Inszenierungen findet er grundsätzlich nicht sonderlich unterhaltsam, vom Ring am Rhein war er allerdings hellauf begeistert. Die Wagner Inszenierungen der Deutschen Oper am Rhein sind „besser als anderswo“.

Weltraumdschungelkönige

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Sandra Christmann über die Premiere von „Die Fledermaus“

Hatte das Johann Strauss im Sinn?

Ich bin für Blödsinnigkeit durchaus zu haben – diese hat Axel Köhler vollends ausgeschöpft.

Dank Frank Philipp Schlössmann konnten wir doch noch einen Blick in das Wohnzimmer von Gianni Versace werfen – imponierend! Direkt gefolgt von dem „kleinen“ Gatsby Arrangement in der Big Bang Theorie Raketenstation. All das im goldenen Rahmen, wie wir ihn zu Großmutters Zeiten kennen, barock, prunkvoll und nur für Jagdszenen zu verwenden. Das Ganze mit  80er Jahre Lichtinstallationen einer Roller Blade Disco aus Wisconsin verhübscht.

Überraschend, voll ausgetobt, aber exzellent im Detail und somit eine der Disziplinen, die den Abend bereichert haben.

In gleicher Manier die Köstüme. Pornös:
Biene Maja im Weltraumglitzer-Suit, Lack, Plastik-Glamour, Leopardenprints, Negligees, Hotpants, bedruckte Männerslips, Table Dance Schürzen-Outfits – ein Fest.
Ein bunter Mix aus galaktischem Holiday on Ice Trash und Altweiber auf der Ratinger nach 20.00 Uhr.

Gesanglich war ganz klar Adele, gesungen von Lavinia Dames meine Favoritin – raumgreifend, durchdringend und auch schauspielerisch überzeugend. Bezaubernd.
Und natürlich hat Wolfgang Reinbacher den Frosch einverleibt und mit den ihm nun mal vorgegeben textlichen Plattheiten charmant performed.

Soweit: Und doch schmeckt die Inszenierung nach an einem großen Eintopf aus Klimbim, Ohnsorgtheater und Zirkusdirektorenauftritte mit einer Priese Peinlichkeit…
Es tat auch punktuell weh.

Wir haben durchaus viel gelacht, keine Frage, Sie kennen das, wenn es kippt, wenn es so plakativ grotesk schreit, dass man lachen muss.

Die Musik passte tatsächlich, der fröhliche Walzer  –  hätte aber durchaus im österreichischen Kontext bestehen bleiben können – die Inszenierung ins NRW Gefüge , dem Düsseldorfer Politklüngel und der Steigenbergerhäme zu setzen, erinnerte ein bisschen an die Frankenheimkiste der Götterdämmerung vor 1 Jahr. Und war nur angetriggert, somit nicht überzeugend.

Meine erste und letzte Operette?: Absolut Ja!

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Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair Internantional GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Ein grandioses Werk

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Stefan Pütz über die Premiere von „Samson et Dalila“

„Samson et Dalila“ – ein grandioses Werk von Camille Saint-Saëns

Schon der Beginn der aus dem Untergrund hochfahrende Chor der Bauarbeitersklaven, die mit ihren Stirnlampen das Publikum blenden ist beeindruckend. In dieser Aufführung sind alle Elemente der klassischen Oper enthalten: Kampf, Widerstand, Rache, Gier, Liebe, Eifersucht, Verzweiflung, Intrige, Mordlust, Verrat, Größenwahn und der unausweichliche Untergang.
Gesanglich und schauspielerisch ist Ramona Zaharia als Dalila dominant – eine „Wucht“. Sie ist in ihrer mit ihrer Stimme immer präsent und verführerisch. Der Höhepunkt ist ihre Arie, „Mon cœur s’ouvre à ta voix“ mit Samson.
Auch Michael Weinius als Samson überzeugt ebenso stimmlich, doch schauspielerisch „fehlt da ein wenig“.
Der Oberpriester Dagon, super gut gespielt und gesungen von Simon Neal gefiel mir auch sehr. Besonders die Chöre, Dalila und das große Orchester unter der Leitung von Marie Jacquot, konnten an diesem Abend gefallen.

Ein toller Abend!

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Stefan Pütz
Inhaber von „Buch in Bilk“

Den Namen Stefan Pütz verbindet man mit „Buch in Bilk“, einer Buchhandlung in Unterbilk. Bei Kulturveranstaltungen ist er gern mit einem Büchertisch präsent, denn direkter Kontakt zu Kunden und persönliche Beratung sind ihm wichtig. Wichtig ist ihm jetzt – nach langer Abstinenz – auch wieder die Begegnung mit Oper und Ballett. Wagner Inszenierungen findet er grundsätzlich nicht sonderlich unterhaltsam, vom Ring am Rhein war er allerdings hellauf begeistert. Die Wagner Inszenierungen der Deutschen Oper am Rhein sind „besser als anderswo“.

Beschwingte Unterhaltung – aber banal und seicht

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Hubert Kolb über die Premiere von „Die Fledermaus“

Operette muss man mögen heißt es, ich mag sie nicht. Klischeehafte Charaktere, oberflächliche Texte die zu banal sind, um wirklich lustig zu sein, und billige Situationskomik. Immerhin kenne ich jetzt dieses früher sehr beliebte Werk.

Was hat mir gefallen? Eine Augenweide waren die von einem barocken Bilderrahmen eingefasste Bühne, die bunten Kostüme, die Personenregie und Choreographie. Da war Schwung drin. Regisseur Axel Köhler versuchte eine Auffrischung des Stückes durch viele aktuelle und lokale Bezüge, und durch eine ironische Überhöhung des Geschehens. Oft war das nicht überzeugend. Die Abfolge weithin bekannte „Wiener“ Melodien regte zunächst an, begann dann aber zu ermüden. Dirigent Benjamin Reiners vermied den schmalzigen Klang und brachte viel erfrischende Dynamik in die Musik. Die Singstimmen waren fast allesamt herrlich anzuhören und passten in der Klangfarbe gut zusammen. Adele (Lavinia Dames) erhielt mit Recht den stärksten Applaus, abgesehen vom Interpreten der Sprechrolle des Gefängniswärters Frosch, dem 81-jährigen Wolfgang Reinbacher vom D’Haus. Leider waren viele seiner Bemerkungen etwas seicht und von vordergründigem Humor. In dieser Phase ging der Schwung der Aufführung verloren, und man wartete auf ein Ende des letzten Aktes. Zum Schlussgeschehen viel dem Regisseur leider nichts Originelles oder wenigstens Belebendes ein.

Fazit: Der schwungvolle Beginn, die Bühne, Kostüme und fröhliche Musik regen an, dann aber geht Vieles in Klamauk, Banalität und spannungsarmer Handlung unter.

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Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt.

 

Alles nur eine Frage der Kommunikation…

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Benedikt Stahl über die Premiere von „I puritani“

Zwischen den Jahren. Irgendwo in Nordholland. Nach einem ausgiebigen Strandspaziergang bei dem der Blick bis zum Horizont und vielleicht auch ein wenig in das Dahinter die Stimmung prägt. Ein leckeres Abendessen mit einem guten Glas Wein.

„Hast Du eigentlich Deinen Operntext zu I Puritani schon geschrieben?“

„Nein, ehrlich gesagt noch nicht. Mit dem Weihnachtsfest und den vielen schönen und fröhlichen Begegnungen mit der Familie und Freunden gab es einfach noch keine Zeit dafür. Aber wo Du mich gerade fragst, was würdest Du denn so im Nachhinein sagen?“

„Na, ich würde zum Beispiel etwas über die sehr gute Musik schreiben. Die sehr schönen Arien und Duette. Adela Zaharia als Elvira, sie ist wunderbar! Bogdan Taloş als Sir Giorgio, der vom ersten Moment an so präsent ist. Günes Gürle als Lord Gualtiero Valton mit unglaublicher Tiefe. Der Chor und das Orchester, richtig stark!“

„Ja, das war wirklich eine beeindruckende Inszenierung und die Musik von Bellini zieht einen im Laufe des Abends immer mehr in ihren Bann, verzaubert geradezu!“

„Die Bühne fand ich auch toll! Die einfache Szene, das Licht, die Raumideen.“

„Nicht unbedingt ganz mein Höhepunkt und über die Plastikgewehre sehe ich mal lieber großzügig hinweg, das war überflüssiges Zeug. Das Schlichte aber und sowohl die düsteren Farben wie auch die Kostüme fand ich ganz stimmig.“

„Du hast Recht, die Musik war wirklich wunderschön. Die Handlung jedoch ziemlich verdreht, vor allem die Texte.“

„Allerdings, ziemlich verworrenes Zeug. Ähnlich abstrus wie die Wagnerschen Wortfantastereien. Als wir nach der Pause ganz vorne am Orchestergraben saßen, konnte man die Übertitelung ohnehin kaum noch lesen. Das war im Grunde auch vollkommen unnötig, die Dramatik der Klänge und die Bilder auf der Bühne sprechen für sich. Wenn man dann noch die Gelegenheit hat den Dirigenten Antonio Fogliano zu beobachten, mit welcher Hingabe und Inbrunst er das Stück leitet, dann ist jedes Wort überflüssig. Und was den Inhalt betrifft: Du würdest wahrscheinlich sagen, alles nur eine Frage der Kommunikation. Hätten die alle mal vernünftig miteinander geredet, hätte es mit Sicherheit kein solches Drama gegeben.“

„Das stimmt. Nur, was ist schon eine Oper ohne ein richtiges Drama?“

„In der Tat und ein wunderbarer Abend war es auch!“

In diesem Sinne, und passend zum Jahreswechsel, ein ganz großes Dankeschön an alle Beteiligten, insbesondere an Tanja Brill und ihre Mitarbeiter, die uns immer so nett betreuen, die Sänger, die Musiker, das Personal, die Opernleitung, allen, die dazu beitragen, dass so etwas möglich ist!

Von Herzen auch ein Dank an Judith, mit der ich schon so viele schöne Opernabende erleben durfte und deren Begleitung jede Aufführung einzigartig macht!

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Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

Ein beeindruckender Abend

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Karolina Wais über die Premiere von „I puritani“

Der Anfang der Oper wird durch ein stilles Schauspiel vollzogen, so dass ich mich komplett in das Bühnenbild verlieren kann. Das Bühnenbild ist fantastisch. Die Wände sind erstmal holzvertäfelt und von einem Klinker umrahmt. In der Mitte ist eine runde Öffnung. Es ist unverkennbar, dass hier gleichzeitig die Kirche und das Parlament repräsentiert wird.

Im Laufe des Stücks wird ersichtlich wie sehr das Bühnenbild durch Lichtspiele wandelbar ist. Die Lichteffekte unterstreichen gekonnt die Stimmung, die gerade auf der Bühne herrscht. Je nachdem ob es Trauer, Verzweiflung oder Freude ist.

Im zweiten Akt wird die Holvertäfelung von den Wänden entfernt, die Atmosphäre, die dadurch entsteht, unterstreicht Elviras Wahnsinn perfekt.

Am besten gefällt mir aber der Augenblick, in dem das Bühnenbild zum Teil hochgefahren wird und ein Wald dahinter zum Vorschein kommt. Wirklich atemberaubend, besonders wenn man nicht darauf vorbereitet ist.

Die Kostüme der Puritaner sind in schlichtem Schwarz gehalten, das Schwarz wird aber durch ebenfalls schwarze Ledereinsätze gebrochen. Die Schlichtheit der Kostüme der Puritaner unterstreicht die pompösen, vorwiegend in lila gehaltenen Kostümen der Royalisten. Die Kostüme fügen sich perfekt in das Bühnenbild ein.

Ich freue mich Adela Zaharia, die Elvira spielt erlebt haben zu dürfen. Ihre Stimme, ihre Körpersprache zeugt von Perfektion. So sehr, dass ich ihren Wahnsinn spüren und nachvollziehen kann, den Wahnsinn von ihrem Geliebten von jetzt auf gleich verlassen worden zu sein.

Das Stück ist für meinen Begriff schauspielerisch und gesangstechnisch tadellos besetzt, von jedem einzelnen Sänger bis hin zu dem Chor.

Das Orchester umrahmt die Vorstellung zusätzlich akustisch hervorragend und macht es zu einem beeindruckenden Opernabend, der zu Recht mit Standing Ovations gehuldigt wird.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Ein genussvoller Abend

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Stefanie Hüber über die Premiere von „I puritani“

Die Premiere von „I puritani“ einer Oper in 3 Akten von Vincenco Bellini hat mir einen sehr genussvollen Abend beschert.  Die Inszenierung von Rolando Villazón war meines Erachtens nach sehr ansprechend und auch das nicht dem Original entsprechende Ende war äußerst gelungen.

Obwohl die Handlung der Oper mit 2 Sätzen erzählt ist und keine spannenden Wendungen bietet ( und das bei einer Länge von 3 Stunden!) habe ich mich keinen Moment gelangweilt.
Die einzelnen Szenen gingen fliessend ineinander über und es waren häufig sehr viele Darsteller auf der Bühne, so dass für den Zuschauer wenig Verschnaufpause blieb.
Jedoch empfand ich diese Tatsache nicht als überfrachtend, sondern dies führte zu einer Dynamik, die die Aufführung aufgrund des schon erwähnten Handlungsmangels sonst leicht als langatmig hätte erscheinen lassen.
Dadurch gab es jedoch viel zu entdecken und zu bestaunen und auch die in die Handlung eingebauten Umbauten geschahen spielerisch und fliessend.

Auch das Bühnenbild von Dieter Richter hat mir gefallen: Minimalistisch und doch nicht ZU cool,es unterstrich den puritanischen Gedanken ebenso wie die schlichten Kostüme, gestaltet von Susanne Hubrich.

Gesanglich überzeugte  die komplette Besetzung, doch vor allem die grandiose Besetzung der Elvira durch Adela Zaharia liess mich noch Tage später schwärmen, WAS FÜR EINE STIMME!!!

Sie besitzt auch viel schauspielerisches Talent und verkörperte dadurch die Rolle der, erst sehr mädchenhaften und später dem Wahnsinn verfallenden Elvira, großartig.

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Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Belcanto als spannender Psycho-Krimi

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Helma Kremer über die Premiere von „I puritani“

Von Bellini hatte ich bereits die Norma gesehen. I Puritani kannte ich nicht und hatte entsprechend keine Vergleichsmöglichkeiten und auch keine Erwartungen. Lediglich, dass es eine der berühmtesten Belcanto-Opern ist, war mir bekannt. Und eigentlich ist Belcanto nicht unbedingt mein Lieblingsgenre.

Kurz vor der Aufführung höre ich mir die spannende Einführung von Chefdramaturgin Anna Melcher an. Sie beleuchtet aufschlussreiche Aspekte der Entstehungsgeschichte, insbesondere zum Libretto. Außerdem gibt sie, sehr subtil, wichtige Hinweise auf die psychologischen Besonderheiten der Inszenierung, auf die ich daher im Folgenden ein umso größeres Augenmerk legen werde.

Die Inszenierung, die ich dann in den folgenden dreieinhalb Stunden erleben darf, ist die beste Opern-Aufführung, die ich, seit meinem ersten Opern-Besuch, Humperdincks „Hänsel und Gretel“ vor über vierzig Jahren, in der Deutschen Oper am Rhein gesehen habe. Die Sänger und Sängerinnen sind überragend und überzeugen in gesanglicher Hinsicht ebenso wie mit schauspielerischen Fähigkeiten. Adela Zahira als Elvira übertrifft alle anderen. Auch Bühnenbild und Kostüme gefallen mir sehr gut (Gott sei Dank kein unnötiger Transfer ins Zeitgenössische).

Rolando Villazón und sein Team haben es geschafft, das als, zumindest in Teilen, missglückt und konstruiert geltende Libretto bzw. die brüchige Handlung als spannenden Psycho-Krimi zu inszenieren, der weder auf mich noch auf meine kompetente Begleitung (meine Schwester, die Musikerin in der Familie) an irgend einer Stelle bemüht oder peinlich wirkt. Die anderen Zuschauer und Zuschauerinnen scheinen ebenfalls enthusiastisch:  Derart begeistert habe ich das Düsseldorfer Opern-Premieren-Publikum noch nicht erlebt.

Die Handlung wird vorrangig aus dem Blickwinkel von Elvira geschildert. Ebendiese Fokussierung auf ihre Perspektive verleiht dieser typischen Frauenfigur des 17. Jahrhunderts, die – im Gegensatz zu den männlichen Figuren – zur Passivität verdammt ist, und nur abwarten kann, welche Entscheidungen die handelnden Männer um sie herum treffen, eine Präsenz, die beeindruckt.

Auch die Darstellung der Hauptfiguren als vielschichtige und facettenreiche Charaktere überzeugt. Auf Schwarz-Weiß-Malerei wird durchweg verzichtet. Elviras Wahnsinn kündigt sich bereits vor Arturos vermeintlichem Treuebruch an. Eine mögliche  – und nur angedeutete – Ursache ist  sexueller Missbrauch seit der Kindeit/Jugend. Diese Zeichnung der Figur scheint mir plausibler als die gängige Darstellung, die in Arturos Verrat den alleinigen Anlass für Elviras geistige Umnachtung sieht.

Die Aufführung wird vom Publikum gefeiert! Verdienter, langanhaltender Applaus und nicht enden wollende „Bravo“-Rufe für Sängerinnen und Sänger, musikalische Leitung und Regie.

Irritiert bin ich in den folgenden Wochen von den Kritiker-Rezensionen, die die Inszenierung durchweg negativ(er) beurteilen und sich in ihrem Lob auf die musikalischen Leistungen beschränken. (Allerdings habe ich bisher nur Online-Rezensionen von männlichen Kritikern lesen können.)

Diese Inszenierung von Rolando Villazón in Düsseldorf darf man sich als Opern-Fan nicht entgehen lassen. Und wer noch kein Opern-Fan ist, wird es vielleicht nach dem Besuch dieser Aufführung.

Helma_Kremer

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem. Voluntariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Durch ihre Großeltern kam sie bereits als Kind mit der Oper in Kontakt, ihre erste Aufführung im Opernhaus war „Hänsel und Gretel“. Dennoch interessiert sie sich eigentlich eher fürs Ballett, als für die Oper. Sie freut sich in ihrer ersten Spielzeit als Opern- und Ballettscout auf die regelmäßigen Theaterbesuche

Ein intensives und bewegendes Erlebnis

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Sandra Christmann über die Premiere von „I puritani“

Bis auf  kurze Kostüm-Highlightmomente (Brautkleid Elviras und Kostüm der Königswitwe) sind eben diese das mit puritanischste an der Oper  – sonst eher nichts.

Doch natürlich der inhaltliche Rahmen, denn das gesamte Verlangen, die glühende Liebe, der Wahnsinn der Elvira sowie das Drama, die Tragik und die Spannung sind eingebettet in den historischen Kontext zur Zeiten der Puritaner.

Rolando Villazón hat die perfekte klassische Oper inszeniert und zu meiner großen Freude sie zu keinem Zeitpunkt mit irgendwelchen „modernen“ Stilfehlern versehen, sondern geradezu diszipliniert mit voller Qualität im Sinne einer großen Oper mit Belcanto, hervorragendem Orchester, großer schauspielerischer Qualität und allen Facetten des Liebesdramas kreiert. Großartiges Bühnenbild von Dieter Richter

Und die perfekte Besetzung:
Adela Zaharia – atemberaubend – das habe ich schon einmal geschrieben: sie hat eine so starke, ergreifende Bühnenpräsenz, die leider alle weiteren Protagonisten als Beiwerk erscheinen lässt.
Sie ist so unfassbar wandelbar als verirrte, verwirrte, liebeskranke, geistesauffällige Frau, fast ein Mädchen, zumindest als der grapschende Onkel Giorgio sich ihr so anbiedernd nähert.

Übrigens auch eine großartige Leistung, tolle Stimme von Bogdan Taloş!!!

Elvira fängt einen ein. Ich habe mit gelitten, hatte Sehnsucht, wünschte mir nichts mehr als Arturo zurück und war zutiefst bewegt, wenn sie in ihrem irren, verzweifelnden Wahnsinn, liebeskrank in wachen Momenten erneut in ihr Leid zurücksank.

So muss sich unerfüllte Liebe anfühlen.

Ich hatte eine Freundin als Begleitung mitgenommen, die vorher noch nie in der Oper gewesen ist und sie hatte definitiv keine Vorstellung was zu erwarten war.
Sie bedankt sich noch heute bei mir: „das war das Intensivste, was ich seit Langem erlebt habe, ich bin da in eine Welt geführt worden, die mich musikalisch und von der Inszenierung her in etwas Bewegendes hat eintauchen lassen, dass es meine Vorstellungskraft übertroffen hat“

(So in etwa waren ihre Worte und ich kann das voll und ganz nachvollziehen)

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Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair Internantional GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Musikgenuss und wirre Geschichte

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Sassa von Roehl über die Premiere von „I puritani“

Bellini kam es in seiner 1835 uraufgeführten Belcanto Oper „I Puritani“ wohl eher darauf an, seine Musikideen umzusetzen, als eine nachvollziehbare und spannende Geschichte zu erzählen. Genau dies spürt man auch bei der gegenwärtigen Inszenierung in der Deutschen Oper am Rhein durch Rolando Villazón.
Als Zuhörerin schwelge ich im musikalischen Wohlgefühl herrlicher Stimmen und harmonischer Melodien. Solisten und Chor begeistern mich ohne Ausnahme.

Die Handlung allerdings macht mich eher nervös. Was hat mir die Auspeitschung und der Pranger zu sagen? Was hat die Frau verbrochen, die eine Tafel mit einem Kreuz um den Hals bekommt? Die Hauptfigur Elvira kommt mir von Anfang an in einer dominanten Männerwelt alleingelassen und hilflos vor. Sie wirkt kindlich naiv mit ihrem Kopfkissen. Die Rolle des Onkels erschließt sich mir nicht. Elvira weicht seinen Annährungsversuchen immer wieder aus, fordert ihn jedoch auf, sie Tochter zu nennen. Er eröffnet ihr schließlich, dass sie den Mann ihrer Träume heiraten darf, obwohl er aus dem politisch feindlichen Lager kommt. Elvira jedoch zeigt keine übermäßige Freude, wie eigentlich zu erwarten wäre. Ihre Gestik passt deshalb für mich nicht zu dieser frohen Nachricht. Sie ringt mit den Händen und hält sich die Finger an die Schläfe, wie in einem melodramatisch übertriebenen Helene Courths-Mahler Film. Dabei wird sie doch erst später verrückt, als ihr Bräutigam sich kurz vor der Hochzeit entschließt, seiner Pflicht als treuer Royalist nachzukommen und die Königin zu retten. Dann allerdings wiederholen sich genau diese Gesten im Übermaß wieder. Nun bekommt auch Elvira eine Tafel mit Kreuz um den Hals und ich folgere, dass nun auch sie aus der Gemeinschaft der Puritaner ausgestoßen wird, wie die Dame im ersten Akt. Man nimmt ihr die Tafel ab, aber Elvira zieht es vor, dass auch jeder erkennen kann, dass sie von Sinnen ist und hängt sich die Tafel wieder um. In diesem ganzen Durcheinander kommt Arturo mit der Königin zurück und ich freue mich auf das Happy End, aber es kommt nicht und ehe ich begreife, was da eigentlich passiert, ist die Oper zu Ende!

Mein Fazit lautet deshalb, ein absolut lohnender akustischer Genuss, bei dem man die Handlung weder zu ernst nehmen darf noch sie durchdringen muss. Man sollte sich zurücklehnen, dann und wann die Augen schließen und der herrlichen Musik lauschen.

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Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“. Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Frauen-Power par excellence

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Markus Wendel über die Premiere von „I puritani“

Es gibt Abende, die einem ganz deutlich im Gedächtnis bleiben. Die vergangene Premiere zu Vincenzo Bellinis Oper „I puritani“ im Düsseldorfer Opernhaus konnte bei mir mit gefühlter Leichtigkeit einen dieser besonderen Plätze einnehmen.
Dabei ist die Musik Bellinis eigentlich gar nicht so mein Fall. Zu verspielt, zu schnell und zu wenig musikalisch ausgedrücktes Drama sind Attribute, die mit sogleich auf der Zunge liegen. In Kombination mit einer herausragenden Besetzung und der wirklich ambitionierten Produktion konnte ich die Oper, deren Musik mir vor dem Besuch bereits bekannt war, jedoch ganz neu erleben.

Rolando Villazón stellt hier eine bemerkenswert frische, lebendige und zugleich tiefgründige Inszenierung auf die Beine, wie ich es in dieser Intensität zuletzt bei „Roméo et Juliette“ erlebt habe. Viel mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht schreiben, um dem geneigten Leser die vielen überraschenden Momente nicht vorweg zu nehmen. Aber eins sei gesagt: Bis hin zum Ende wird dem Zuschauer eine Regie-Arbeit dargeboten, auf die das Düsseldorfer Haus wahrhaft stolz sein darf. Bereits beim Besuch der Opernwerkstatt (dort war die komplette Generalprobe zu sehen) konnte sich jeder ein Bild von der schier unerschöpflichen Energie machen, die in Herrn Villazon steckt, und wie er diese auf das Produktionsteam überträgt.

Die wahrhaften Heldinnen dieses Abends sind für mich Adela Zaharia und Sarah Ferede. In ihren Rollen als Elvira und Enrichetta singen und spielen sie die gesamte Männerschaft sowie den Chor in Grund und Boden. Und dies sage ich gleichauf mit der Feststellung, dass der Premierenabend mit der wahrscheinlich besten und stimmigsten Gesamt-Besetzung einherging, die ich bislang in Düsseldorf erleben durfte. Mein Applaus gilt somit allen Beteiligten, wobei die beiden Damen unangefochten die ersten Plätze einnehmen.

Ich konnte als Opernscout schon für viele Veranstaltungen meine Empfehlung aussprechen, „I puritani“ möchte ich Ihnen jedoch ganz besonders ans Herz legen!

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Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“. Überrascht war er davon, dass die Ballettinszenierungen 2018/19 ihn sogar mehr faszinierten als die Operninszenierungen.

Musikalischer Genuss, unpassende Action auf der Bühne

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Hubert Kolb über die Premiere von “ I puritani“

Rolando Villazón als Opernregisseur steht für perfekte Unterhaltung, das war meine Erinnerung an Villazóns erste Regiearbeit an der Düsseldorfer Oper, Don Pasquale.

Da muss „I puritani“ eine echte Herausforderung gewesen sein: I puritani steht für schöne Belcanto-Arien (oder ein Duett), aber fast ohne Handlung auf der Bühne. Also erfand der Regisseur zusätzliche Aktionen auf der Bühne. Dieser war ein Kirchen/Parlaments/Burginnenraum (von Dieter Richter) mit unzähligen Türen, damit der Chor schnell einströmen konnte, oder Einzelpersonen hier auftauchen und da verschwinden konnten. Dazu eine Auspeitschung, ein fahrbarer Pranger, ein fahrbares Gestell für Maschinengewehre und mehr. Vieles passte nicht zum Text, manchmal war es dennoch kurzweilig, dann aber wieder ablenkend.

Ansonsten zeigten sich das Ensemble und die Gäste von ihrer besten Seite. Der Chor war großartig. Adela Zaharia als Elvira ab dem zweiten Akt ebenfalls großartig, mit tollem Körperausdruck und passender Personenregie, der Belcanto-Tenor Ioan Hotea fast fehlerfrei. Der Bass von Bogdan Taloş als Sir Giorgio eine Ohrenweide. Der Zusammenklang mit den sehr gut kontrollierten Duisburger Philharmonikern unter Antonino Fogliani gelang ganz außergewöhnlich gut.

Fazit: Rolando Villazon steht für Entertainment auf hohem Niveau, und das war hier einschließlich der musikalischen Leistung wirklich so. Da war man bereit, die Übertreibungen an Bühnenhandlung zu akzeptieren, und auch den ungewöhnlichen Schluss, der das Hollywood-Happyend verdarb. Dieser Schluss erinnerte an eine ähnlich unerwartete Schlussszene von Roméo et Juliette, damals ausgedacht von Regisseur Philipp Westerbarkei.

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Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt.

Belcanto – ein wahrhaftig schöner Gesang

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Michael Langenberger über die Premiere von „I puritani“

Wie das Stichwort Belcanto schon sagt: Auf den Gesang kommt es an.

Dass Adela Zaharia das Genre beherrscht wie kaum jemand anderer, hat sie uns schon im vergangen Jahr als Maria Stuarda perfekt demonstriert. So umgarnt sie uns auch dieses Jahr in I puritani als Elvira mit ihren Belcanto-Künsten. Mir gefallen dabei ganz besonders die Passagen, in denen ihre Stimmdynamik – das Laut und Leise – sich z.B. in den Gesang des Chorgesangs einbettet und/oder hervorhebt. Dazu dann auch noch ihre hingebungsvolle Schauspielkunst. Sie allein ist schon ein Kunstwerk.

Gleiches gilt für den Chor der Düsseldorfer Oper. Ein Chor, mit schauspielerischen Qualitäten. Beides auf höchstem Niveau. Wirklich ein Genuss.

Doch auch die männlichen Hauptrollen sind wunderbar besetzt. Bogdan Taloş (Sir Giorgio), Ioan Hotea (Lord Arturo Talbot) und Jorge Espino (Sir Ricardo Forth) liefern, jeder für sich genommen, bestes Belcanto gepaart mit schauspielerischer Hingebung ab.

Liegt es daran, dass man für die musikalische Leitung Antonino Fogliani als Vincenzo Bellinis Landsmann und Spezialist für das Genre das Dirigat übergeben hat? Es kommt offenbar alles musikalisch Gute zusammen. Was hier was oder wen beflügelt, ich vermag es nicht zu sagen. Es geht zu Herzen, was man mit den Ohren hört.

Aufwendig ist das Bühnenbild zwar, doch ist es mir insgesamt zu düster. Sicherlich, zu Puritanern passt ein düsteres, eher schwarz/weisses Bühnenbild. Doch wenn das Auge durch den Auftritt von ein paar wenigen Soldaten in farbigen Uniformen schon Entspannung findet, scheint mir das düstere übertrieben. Die Qualitäten der Beleuchter schafften es oft auch nicht das Bühnenbild spannender zu machen. Außerdem fand ich die zahlreichen Aktivitäten und die Anzahl an Personen auf der Bühne – der gesamte Chor, plus einer enormen Menge an speilenden Statisten, plus die Solisten – unübersichtlich und der Belcanto-Idee abträglich.

Doch insgesamt, eben für den Musikliebhaber, ein tolles Hörerlebnis, was – da bin ich mit den Worten von Rolando Villazón bei der anschließenden Premierenfeier einig – wirklich Weltklasse ist.

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Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Kurzweilig, spannend und kontrastreich

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Annette Hausmann über die Premiere von „La Bohème“

„La Bohème“ von Giacomo Puccini ist bis heute eine der meist aufgeführten Opern, deren Geschichte vom Leben, der Liebe und dem Leiden verarmter Bohemiens erzählt. Fernab der bürgerlichen Normen leben sie ihre Kunst und lassen sich trotz widriger Umstände das Träumen nicht nehmen.

Musikalisch gesehen verzauberte mich dieser Premierenabend auf wundersame Weise. Unter der Leitung von Antonino Fogliani gelang es den Duisburger Philharmonikern auf höchstem Niveau Puccinis wunderbare Musik, die voller Emotionen und harmonisch warmer Klänge „steckt“, ausdrucksstark und präzise darzubieten.

Ebenso bemerkenswert waren die schauspielerischen und gesanglichen Leistungen der Solisten sowie des Opernchors. Im Einklang mit dem Orchester sangen sie ihre jeweilige Rolle authentisch, einfühlsam und zugleich gefühlsstark. Die Wärme und Harmonie, die die einzelnen Stimmen in ihrer Gesamtheit im Duett und Quartett ausstrahlten, gingen regelrecht „unter die Haut“.

Allerdings gelang es mir im Verlauf der Opernpremiere nicht, mich ausschließlich auf eine „musikalische Traumreise“ zu begeben, da die Inszenierung des jungen Regisseurs Philipp Westerbarkei und das Bühnenbild von Tatjana Ivschina bewusst einen absoluten Gegenpol dazu setzten.

Westerbarkei ließ die gesamte Liebes- und Lebensgeschichtete der Bohemiens als eine Art Erinnerungsfilm Rudolphos an seine geliebte Mimì in einem halbrunden, blassgrün gekachelten Raum spielen, der eher einem Sanatorium oder einer Psychiatrie glich. Bis zum Schluss verströmte diese Inszenierung in Verbindung mit dem Bühnenbild eine gewisse sterile Kälte, schaffte Irritationen und forderte den Zuschauer nicht nur kognitiv, sondern auch zu eigenen Interpretationen heraus.

Die Oper „La Bohème“, mit der Westerbarkei durch seine „klinisch-reine“ Inszenierung „verstaubte“ Opernstrukturen aufbricht, kann ich nur empfehlen. Sie ist kurzweilig, spannend und kontrastreich. Sollte das Moderne zwischenzeitlich zu sehr irritieren – einfach Augen schließen und der herrlichen Musik lauschen.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an einer Montessori-Grundschule in Duisburg-Bissingheim, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Der Austausch zwischen den Opernscouts schaffe „eine andere Wahrnehmung von Oper und Ballett“. In ihrer ersten Spielzeit begeistert sie ganz besonders  Martin Schläpfers Ballett „Schwanensee“: „Mit seiner Kraft und Ausdrucksstärke war es eine der genialsten Vorstellungen meines Lebens“.

 

Ein gelungener Abend

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Christiane Hain über die Premiere von „La Bohème“

Eine der bekanntesten Opern von Giacomo Puccini ist „La Bohème“. Sie erzählt von dem einfachen Leben der Bohemiens die sich gegen die Normen der bürgerlichen Gesellschaft stellen, wenig Geld haben, aber von der Freude und der großen Liebe im Leben träumen.

Dies ist das erste Mal, das ich diese Oper höre und sehe. Um mein Fazit vorwegzunehmen: Reingehen, sich von der Musik verzaubern lassen und die zeitgenössische Inszenierung auf sich wirken lassen. Es ist ein gelungener Abend.

Der Zuschauer wird von Anfang an von der Musik Puccinis, die voller Emotionen ist, mitgenommen auf eine Reise durch das Leben bzw. die Erinnerungen des  Rodolfos, an seine Zeit in Paris. Das Stück wird getragen durch die Musik, die hervorragend durch die Duisburger Philharmoniker zusammen mit ihrem Dirigenten interpretiert wird.

Die schauspielerische und gesangliche Darbietung von Rodolfo und seinen Freunden ist auf einem sehr hohen Niveau  und sehr ausgewogen. Die vier Darsteller lassen das Leben zwischen Hunger, Trauer,  Suche nach Liebe und ausgelassener Freude sehr lebendig werden. Mimì und Musetta sind zwei ganz unterschiedliche Frauen, die eine sehr ernsthaft und die andere sehr flatterhaft. Es ist sehr interessanter, dass beide Frauen dieselbe Frisur und Kleidung haben, dadurch identisch wirken und so eine Typisierung für die Liebe stattfindet.

Wer bei „La Bohème“ nun ein opulentes Bühnenbild erwartet, wird enttäuscht. Die Hauptakteure verlassen in den 4 Bildern nicht den Raum. Der Zuschauer muss sich die räumlichen Wechsel vorstellen, was nicht immer einfach ist. Der Raum mit grünen Fliesen an der Wand lässt den Zuschauer fragen, ob es sich hierbei um ein Schwimmbad, Raum in einem Bahnhof oder Sanatorium handelt. Auf jeden Fall symbolisiert dieser die Kälte, in der die Bohemians leben, da sie einfach kein Geld zum Heizen haben. Ein guter Einfall ist die zweite Ebene, auf der das Treiben auf dem Weihnachtsmarkt stattfindet. Dies wird hervorragend durch den Chor der deutschen Oper am Rhein und dem Kinderchor in Szene gesetzt. Hervorzuheben sind hier auch die tollen Kleider der Pariser Bürger.

Der junge Regisseur Philipp Westerbarkei fordert in der Inszenierung den Zuschauer heraus, sich mit dem Stück auseinanderzusetzen, man muss aufpassen, um alle Details zu bemerken. Es bleiben einige Szenen ungeklärt, offen und unterschiedlich interpretierbar. Dies schien nicht allen Zuschauern zu gefallen, die ihr Missfallen auch am Ende durch einige Buhrufe bekundeten. Überwogen hat jedoch die Zustimmung zur Musik und Inszenierung.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Christiane Hain
Application Managerin

Christiane Hain arbeitet im IT-Bereich einer Bank in Düsseldorf. Sie ist in der Neckarstraße Duisburg aufgewachsen – in Sichtweise des Theaters, das ein fester Bestandteil im Familienleben war: Die Großmutter, die Eltern, die Schwester und sie selbst – alle waren regelmäßige Theaterbesucher. Ihre Tätigkeit als Opernscout führt dazu, dass sie wieder bewusster ins Theater geht und die Aufführungen als einen wichtigen Ausgleich zum Berufsleben betrachtet.