Champagnergelüste und die Leichtigkeit des Seins

DieFledermaus_04_FOTO_HansJoergMichelAnnette Hausmann über die Premiere von Johann Strauss‘ „Die Fledermaus“

Im Mittelpunkt, der am Theater Duisburg aufgeführten Operetten-Premiere „Die Fledermaus“ von Johann Strauss (Sohn) steht die „bunte, lokale Welt“ Duisburgs mit seinen finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in der sich alles um eine Gesellschaft voller Unterschiede, Ideen, Bestrebungen, aber auch Gelüsten und Intrigen dreht. Mit seiner etwas eigenwilligen und überspitzten, jedoch nicht ganz ernstzunehmenden Inszenierung gelingt Axel Köhler eine Zeitreise, die mit dem Börsencrash und den einhergehenden Problemen 1873 in Wien beginnt und mit der Übertragung auf die heutige Zeit der wirtschaftlichen Nöte Duisburgs endet.

Vor Beginn der eigentlichen „Fledermaus-Handlung“ wird der Zuhörer zunächst durch die wundervolle und von den Duisburger Philharmonikern meisterhaft gespielte Ouvertüre in die Zeit der eingängigen, beschwingten Strauss-Musik des 19. Jahrhunderts entführt. Noch in Gedanken versunken, hebt sich der Vorhang und den Zuschauer erwartet ein pompöses, schrill-buntes Bühnenbild mit Puffcharakter. Genial gemacht ist der dreidimensionale Bühneneffekt, der durch die hintereinander angeordneten, goldenen Barock-Bilderrahmen hervorgerufen wird. Einerseits wird dadurch der Bezug zum 19. Jahrhundert hergestellt, andererseits können verschiedene Handlungen auf unterschiedlichen Ebenen (gleichzeitig) stattfinden. Als Zuschauer bleibt man durch den überdimensionierten Bilderrahmen immer in der Rolle des Betrachters und kann aus dieser Distanz heraus leichter über die Eigenarten, vermeintlichen Fehler und Absurditäten der „feinen, aufstrebenden“ Gesellschaft lachen – ohne sich selbst dabei hinterfragen zu müssen.
Richtet man seinen Blick verstärkt auf den Protagonisten Herrn Dr. Falke (Kay Stiefermann), so wird schnell klar, dass man eigentlich ihm, der in seiner Rolle als vermeintlicher Freund von Gabriel von Eisenstein die „Fäden in der Hand“ hält, den Verlauf des Operettenabends zu verdanken hat. Mit Einfallsreichtum und Esprit lädt er aus allen gesellschaftlichen Schichten Duisburgs Gäste zur bevorstehenden Party des Prinzen Orlofskys ein – mit dem Anreiz, an diesem Abend eine gesellschaftlich höher angesehene (Traum-)Rolle einzunehmen.
So sehr die durch „Champagnergelüste“ ausartende Party an die „Leichtigkeit des Seins“ erinnert, so sehr wird deutlich, welch‘ schauspielerische Leistung und vor allem sängerische Höchstleistung die Fledermaus-Operette mit ihren feinsinnig-meisterhaften Kompositionen den Protagonisten abverlangt. Besonders hervorzuheben ist hier Rosalindes Arie „Klänge der Heimat“ (Anne Krabbe) und das „Uhren-Duett“ zusammen gesungen mit ihrem Gatten Gabriel von Eisenstein (Norbert Ernst) sowie Adeles Arie „Mein Herr Marquis“ (Maria Perlt).
Im dritten Akt wird die „Fledermaus“ durch die Rolle des „Frosches“ (Wolfgang Reinbacher) als Gefängniswärter um eine weitere, facettenreiche Nuance der Komik bereichert. Auf geniale Weise versteht es der Schauspieler mit der deutschen Sprache zu „spielen“ und durch seine Wortspielereien das Publikum in seinen Bann zu ziehen, um der Handlung des letzten Aktes nicht nur auf humorvolle Art, sondern auch noch aufmerksam folgen zu können.
Wer bereit ist, am Ende des Jahres nicht alles so ernst zu nehmen und sich auf einen unterhaltsamen Abend einzulassen, den erwartet ein gelungener „Fledermaus-Operetten-Abend“.

28.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an GGS Hermann-Grothe-Straße in Duisburg-Bissingheim, einer Montessori-Grundschule, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Sie findet es spannend und freut sich darauf, sich als Scout für Oper und Ballett in dieser Saison wieder regelmäßig und intensiv mit Oper und Ballett auseinanderzusetzen.

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Herrlich abgefahren!

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Jürgen Ingenhaag über die Premiere von Johann Strauss‘ „Fledermaus“

Die Operette aller Operetten, „Die Fledermaus“, ist in Duisburg zu erleben: Eine bunte Revue mit eingängigen Musiknummern, klasse Darstellern, viel Wortwitz und tollen Bühnenbildern. Messerscharf und spritzig kommt schon die Ouvertüre daher. Der Duisburger Jung und zukünftige Kieler GMD, Benjamin Reiners, dirigiert, und unsere Duisburger Philharmoniker spielen natürlich in der ersten Liga. Regisseur Axel Köhler hat den Staub aus dem Libretto der 1874 uraufgeführten Operette geklopft, ohne das Stück zu vergewaltigen. Zur Entstehungszeit von Johann Strauß´ Meisterwerk hatte der „Black Friday“ noch eine ernste existenzielle Bedeutung. Am Rande des Ruins wurde gefeiert und geprasst. Mehr Schein als Sein! Nur im Theater lässt sich solch einer Gesellschaft ein Spiegel vorhalten. Damals wie heute schön übertrieben – realistisch muss nichts sein!
So dürfen wir über den eitlen, selbstgefälligen Eisenstein (Norbert Ernst) lachen, der den Ruf seines Freundes Dr. Falke (Kay Stiefermann) ruiniert hat. Die Rache der Fledermaus ermöglicht „Prince“ Orlofsky (Kimberley Boettger-Soller). Orlofskys Millionen sind sein Unglück, und so will er Duisburg zum Weltraumbahnhof machen, und davon soll Eisenstein politisch profitieren. Herrlich abgefahren – die Rakete! Sowas muss gefeiert werden. Bei der Melodie von „Ha, welch ein Fest, welche Nacht voll Freud´…“ denke ich zwangsläufig an „Klimbim“. Schön anzusehende Revue-Girls tanzen und begleiten gestenreich das „Uhren-Duett“ oder die „Klänge der Heimat“ im zweiten Akt. Weit über 3000 Lichter fährt Volker Weinhart dafür auf. Für die Pause empfehle ich ein alkoholisches Getränk, denn dann geht es ab in die Justizvollzugsanstalt, und es ist „Schluss mit lustig“! Nicht mit Gefängniswärter Frosch alias Wolfgang Reinbacher, denn die „Motivationshilfe“ von Dr. Falke hat geholfen…
Seinse kein FROSCH, ich habe DIE FLEDERMAUS bereits BLIND empfohlen.

19.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Jürgen Ingenhaag
Vorstand Musikalische Gesellschaft Rheinberg

Der Staatlich geprüfte Techniker für Druck und Medien organisiert im Vorstand der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge‘‘. Mit Rock- und Popmusik ist er aufgewachsen – sie hat ihn geprägt und trotzdem nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden; einer, der sogar die Bayreuther Festspiele besucht. Im Theater Duisburg freut er sich nach „Rheingold“ und „Walküre“ in dieser Spielzeit auf die Fortsetzung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“.

Feuerwerk der Farben und Formen

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von Johann Strauss‘ „Fledermaus“

Die Fledermaus – eine der wohl bekanntesten Operetten überhaupt – hat in Duisburg Premiere gefeiert: Ein rauschendes Fest der Farben, ein bunter Strauß berühmter Melodien, ein Feuerwerk an schrillen Ideen bei den Kostümen und den Requisiten, ein unfassbar aufwendiges und vielschichtiges Bühnenbild. Das Wichtigste – diese unsterbliche Musik von Johann Strauss – lag und liegt bei den Duisburger Philharmonikern unter dem Taktstock von Benjamin Reiners in allerbesten Händen. Das Orchester spielt mitreißend, hervorragend, schon nach der Ouvertüre hat man sich musikalisch eingelassen auf den Unfug, der da kommt und ist auf die Skurrilitäten des Genres eingestimmt…
Trotz des Salonhaften und aller „Gassenhauerqualität“ der Lieder, die viel Spielfreude verraten, klingen die Duisburger frisch und lustig, Ironie, Launenhaftigkeit oder Tänzerisches sind stets gut dosiert.

Stimmlich knüpft die Premierenbesetzung nahtlos an diese Qualität an – durchweg zur Rolle passende Stimmen mit viel Lust und Sauberkeit paaren sich mit starken schauspielerischen Leistungen aller Akteure und bereiten dem Zuschauer einen Augen- und Ohrenschmaus.

Das Bühnenbild provoziert im Moment des „Vorhang auf“ tatsächlich ein „Aaahhh“: ein in drei Ebenen hintereinander aufgeteilter „Lebensraum“ im Stadthaus des Ehepaars von Eisenstein, ausgestattet mit einer Mixtur aus Pomp und Perversitäten: Sofa und Tapeten im Zebralook, Tür und Wand in rosa Rosenoptik, rote Rautenwände mit Beleuchtung – eingefasst in dickste barocke Goldrahmen mit üppigen Ornamenten… Der Kaktus auf der Fensterbank und maigrüne Swinger am Tisch vollenden die schräge Absurdität des Raums. Aber mit Freitreppe, Loungemöbeln und Discokugeln an der Decke funktioniert die Bühne gleichermaßen als Ballsaal des Grafen Orlowski und mit Eisengittern als Gefängnis. Dorthinein schießt – für meinen Geschmack unnötig quer – der Duisburger Lokalbezug verquickt mit dem Grafen-Traum von der Raumfahrt, eine Rakete auf der Bühne, Duisburg als Bahnhofsstandort für den Weltraumtourismus… Bei allem Bizarren, das diese Operette sowieso schon bietet, ist das übers Ziel hinausgeschossen.
Tanzmusik, ein Ball beim Grafen: hier darf der Tanz nicht fehlen: eine Gruppe Tänzerinnen in Fernsehballet-Optik verleiht dem Souper des Orlofsky und dem Czardas-Vortrag Rosalindes den endgültig schräg-witzigen Kick.

Eingebunden in diese Skandalgeschichte der „feinen Gesellschaft“ sind weitere zahlreiche feine gelungene Details bei der Farbgebung, den Kostümen, Frisuren, Requisiten oder beim Wortwitz… Manches vielleicht einen Hauch zu dick aufgetragen, und in der Frequenz zu häufig, und doch bleibt am Ende ein Schmunzeln übrig und verlässt den Saal mit einem amüsierten Kopfschütteln.

Insgesamt eine gelungene Fledermaus: ein unterhaltsamer, beschwingter und lohnender Abend.

Fedrizzi_Isabel_FOTO_Tanja_BrillIsabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout für Oper und Ballett möchte sie ihre Zuschauererfahrungen erweitern und intensivieren.

Ein Glas Champagner Und: Genießen!

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Christiane Hain über die Premiere von Johann Strauss‘ „Fledermaus“

„Die Fledermaus“ von Johann Strauß (Sohn) eine der bekanntesten Wiener Operetten ist ein Jahr nach einem großen Börsenkrach von 1873 entstanden. Es ist ein Stück zwischen reiner Champagnerlaune der Neureichen und der Traurigkeit jener, die alles verloren haben.
Dr. Falke, die Fledermaus, denkt sich eine Intrige aus, um sich beim seinem Freund Gabriel von Eisenstein auf einem ausufernden Fest des Prinzen Orlofsky zu rächen. Indem er ihm die eigene, regelmäßig betrogene Gattin Rosalinde als vermeintliche Geliebte zuführt und ihn so der Lächerlichkeit preisgibt. Zeugin wird die ebenfalls eingeladene Adele, die als Putzfrau bei dem Paar arbeitet.

Inszeniert wird die Operette mit einer gewaltigen, sehr bunten und teilweise stark überzeichneten Bühnenbildern und Kostümen, die manchmal an einen schrillen Comic oder an Karneval erinnern. Man merkt den Einfluss der französischen Operette und es erinnert an Moulin Rouge und Jacques Offenbach. Das Fest wird zur Orgie und die Operette zur unterhaltsamen Komödie mit vielen Bezügen zu Duisburg und NRW. Dieser Lokalkolorit hat mir aber nicht so sehr gefallen haben, da ich es schwierig finde, mir Neureiche und verschwenderische Partys in einer Stadt wie Duisburg vorzustellen. In einer Stadt wie Düsseldorf, Berlin oder andere Metropolen in Europa mag das gelingen. Ich empfand es eher als befremdlich und nicht dem Stück dienlich. Vielleicht passt auch einfach der Wiener Walzer nicht ins Ruhrgebiet.

Über die Musik kann man nur sagen: Fantastisch. Man ist von Anfang gefangen und getragen vom Walzertakt des Johann Strauss und es waren viele im Publikum, die sich einfach im Walzertakt auf dem Sessel bewegten.
Eine wundervolle Besetzung ist Wolfgang Reinbacher als Frosch, der mit seiner Schauspielkunst begeistert, neue Akzente in das Stück bringt und mit seinem Humor mich sehr zum Lachen gebracht hat.
Stimmlich haben mich die Rosalinde und die Adele am meisten beeindruckt. Nach dem Abend weiß ich auch, dass der musikalische Anspruch an die Sänger der Operette in nichts einer Oper nachsteht. Erwähnenswert ist auch, dass bei allen Sängern  der Text der Lieder sehr gut zu verstehen war und dies bei einer noch anspruchsvollen schauspielerischen Leistung.

Meine Empfehlung für einen gelungenen Abend: Einfach vorher ein Glas Champagner trinken und den Farb- und Musikrausch genießen.

28.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Christiane Hain
Application Managerin

Christiane Hain arbeitet im IT-Bereich einer Bank in Köln. Sie ist in der Neckarstraße Duisburg aufgewachsen – in Sichtweise des Theaters, das ein fester Bestandteil im Familienleben war: Die Großmutter, die Eltern, die Schwester und sie selbst – alle waren regelmäßige Theaterbesucher. Mit einigem Abstand nähert sich die Duisburgerin jetzt wieder der Oper und dem Ballett und freut sich auf ihre neue Aufgabe als Opernscout.

Christoph Grätz über „Der Graf von Luxemburg“

Fräulein Titellos verliebt sich in Graf Mittellos

Den Theaterleuten war die Erleichterung anzumerken, dass die Premiere des Grafen von Luxemburg ohne Komplikationen über die Bühne gegangen ist. Kein Wunder, ist diese Inszenierung doch besonders opulent und mit Liebe zum Detail ausgestattet, was Bühnenbild, Kostüme und Requisite betrifft. Es kommt einem so vor, als hätten die Bühnenbildner, die Maler, die Schreiner und Schneider und alle anderen Gewerke der deutschen Oper am Rhein besonders Spaß gehabt, alles zu geben.
Schon die Eröffnungsszene war vielversprechend, in der sich das junge verliebte Bohmien-Pärchen Armand Brissard, gut gesungen von Cornel Frey, und seine Freundin Juliette Vermont (Lavinia Dames) schließlich in Farbe wälzen. Mit viel Spielfreude vorgetragen war dann auch die etwas krude Geschichte des liebestollen russischen Fürsten Basil Basilowitsch, der um die schöne Angèle Didier buhlt. Damit die Heirat standesgemäß ist, besticht er den ständig klammen René, seines Zeichens Grafen von Luxemburg, die Schöne zu heiraten und sich rasch wieder scheiden zu lassen und damit den Weg für die nun adelige Hochzeit frei zu machen. Ein Plan, der dann jedoch an der entflammenden Liebe der beiden Protagonisten scheitert: Fräulein Titellos verliebt sich in Graf Mittellos. Mit der Folge, dass dieser nun ständig vor den drei Gorillas des russischen Möchtegern-Edelmannes fliehen muss. Wäre da nicht die Respekt einflößende Gräfin Kokozowa, die der Operette schließlich die glückliche Wendung, dem Fürsten einen Dämpfer gibt und dem verliebten Paar die bereits geschlossene Ehe ermöglicht.
Die Geschichte ist recht schnell erzählt und eigentlich nicht wirklich wichtig, ja vielleicht sogar eher belanglos. Der Abend bietet seichte Unterhaltung was die Handlung betrifft, der die Musik nichts wirklich Tiefes entgegensetzt. Der Graf von Luxemburg, gespielt und gesungen von Bo Skovhus, schien mir stimmlich nicht auf der Höhe zu sein, einzelne Textpassagen kamen nicht durch und es lag nicht am Orchester, das Lukas Beikircher souverän leitete. Auch Bruce Rankin in der Rolle des Fürsten Basilowitsch hat mich an diesem Abend gesanglich nicht durchgehend überzeugend. Anders dagegen die drei Frauenstimmen, Juliane Banse als Angèle Didier, Lavinia Dames als Juliette Vermont und Doris Lamprecht als Gräfin Stasa Kokozowa , die spielerisch und gesanglich sehr präsent waren.
Der dritte Aufzug überraschte dann mit einem hohen Anteil Sprechtheater mit Bezügen zur Gegenwart, die für meinen Geschmack etwas subtiler hätten ausfallen dürfen, wie etwa die Anspielungen auf den künftigen Präsidenten der USA. Durchgängig witzig und unterhaltend waren die drei „Gorillas“ des Grafen, die nach Herzenslust alle Klischees der Russen-Mafia bedient haben. Wunderbar abgestimmt in Größe, Witz und Ausdruck war es ein großes Vergnügen den drei schrägen Typen, gespielt von Luis Fernando Piedra, Karl Walter Sprungala und David Jerusalem bei ihrer Mafia Parodie zuzusehen, die an Filmszenen aus „Manche mögen‘s heiß“ erinnerten.
Der eigentliche Star des Abends aber war kein Künstler sondern das Bühnenbild. Wie beeindruckend die Szene, in der das Gorilla-Trio den flüchtenden Grafen durch das Theater jagt. Dabei entrollt sich mittels Drehbühne vor dem Betrachter das Innenleben eines Theaterbetriebes, vom Bühneneingang über die Künstlergarderobe bis zur Kantine. Auch bei dieser Produktion sind mir sicher wieder viele Details, Anspielungen und Miniaturen der Regie entgangen. Dies mag dem zwischenzeitlichen Tempo der Inszenierung geschuldet sein, die bei aller Kurzweiligkeit auch Längen hatte, vor allem zu Beginn des dritten Aufzugs.
Meine Empfehlung: Eine Inszenierung, die unterhält und nicht weh tut, aber kein Muss.

Weitere Informationen zu „Der Graf von Luxemburg“

Christoph Grätz
arbeitet für die Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik. Als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er in seiner Arbeit zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Als Scout entdeckt er nun Oper und Ballett und freut sich, etwas davon mitteilen zu dürfen.

Martin Breil über „Der Graf von Luxemburg“

 der_graf_von_luxemburg_11_foto_hans_joerg_michel„Denn doppelt schmeckt’s dem Bübchen …“ 

Nach der „Csárdásfürstin“ und der „Zirkusprinzessin“ präsentiert die Deutsche Oper am Rhein nun ihre neueste Operettenproduktion „Der Graf von Luxemburg“ in der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog.
Die Operette von Franz Lehár wurde 1909 uraufgeführt. Die Handlung ist einfach strukturiert und bietet den roten Faden für einen Reigen populärer Melodien aus ihrer Entstehungszeit. Die Texte sind ebenso zeitgemäß, wie verblüffend (dumm).
Der Betrachter kann also in der Pause nach Hause gehen oder er lässt sich von Herzogs rasanter Inszenierung, dem tollen Bühnenbild, tollen Sängerinnen und Sängern und den Duisburger Philharmonikern auf eine feucht fröhliche Zeitreise zum Beginn des 20. Jahrhunderts mitnehmen.
Die Inszenierung nimmt im Laufe des Abends richtig Fahrt auf, sodass es schwer wird ihre vielen liebevollen kleinen Details zu erfassen. Dabei bedient sich Herzog aller technischer Mittel, die das Opernhaus zu bieten hat.
„Wir bummeln durchs Leben, was schert uns das Ziel“ und so erlebt der zunehmend berauschte Zuschauer u.a. ein Leibwächtertrio von seltener Unbeholfenheit, bei dem es schon wehtut hinzuschauen oder einen „Hausdrachen“, der auch so aussieht und als Feuerzeug herhalten muss. Der Drache wird wunderbar verkörpert von Oliver Breite, der gleich noch fünf weitere Rollen übernimmt. Das Opernhaus gerät nach und nach aus den Fugen, sodass der Zuschauer nach drei Stunden und „happy end“ das Gefühl hat an einer Tortenschlacht teilgenommen zu haben.
Vielschichtig, zuckersüß und liebevoll verziert wie eine Sahnetorte, das Dessert hat dem Bübchen geschmeckt, ganz kalorienfrei.

Weitere Informationen zu „Der Graf von Luxemburg“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

Heike Stehr über „Der Graf von Luxemburg“

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Herrlich komisch

2 Tage vor Heilig Abend feiert „Der Graf von Luxemburg“ im Theater Duisburg seine Premiere und empfängt uns mit Karnevalsstimmung in Paris, mit Charme und Schwung und mit einem Ensemble in allerbester Spiellaune. Überall auf der Bühne tut sich etwas, auch jenseits des Hauptgeschehens, so dass ich mir dringend mindestens ein Augenpaar mehr wünsche, um alles beobachten zu können. 107 Jahre nach der Uraufführung der Operette in Wien gehen mir an diesem Dezemberabend zuerst mal Lehárs Melodien direkt ins Ohr, ein verschwenderischer Reichtum an Klang und Harmonie. Besonders gefällt mir der Umgang mit den musikalischen Motiven des Stückes, immer wieder klingen sie an, scheinen leicht verändert auf, geben der Operette Konsistenz vom „Lirilari“ über „Fünfmalhunderttausend Francs“ und „Sie geht links, er geht rechts“ bis zum „Bist Du’s, lachendes Glück, das jetzt vorüberschwebt …“. Letztgenannter Valse moderato hat es mir angetan und macht die Hochzeitsszene für mich zur schönsten des ganzen Abends. Wie da plötzlich jenseits der Handlung hinter viel Klamauk und Klischee etwas Inneres und Nachdenkliches in den Figuren aufscheint, das ist gut herausgearbeitet und fein gespielt. Besonders Juliane Banses Gesang und Spiel in der Rolle der Opernsängerin Angèle Didier bleiben mir in Erinnerung. Beim Nachhören zu Hause fällt mir dann auf wie schön heutig Musik und Gesang des Abends angelegt waren, modern und spritzig vom Orchester unter Lukas Beikircher begleitet.
Für solche Momente verzeihe ich der Inszenierung Jens-Daniel Herzogs die eine oder andere in meinen Augen schon arg überzogene Albernheit zwischen Farbschlacht und quatschiger Ballettnummer. Auch der verschiedenen Komödieneinlagen und allzu deutlichen aktuellen Bezüge hätte es meiner Meinung nach nicht bedurft, aber da sind große Teile des Duisburger Premierenpublikums den Reaktionen nach vermutlich anderer Meinung.
Eine Nummer, die bei mir hingegen hervorragend funktionierte, war die des russischen chaotischen Ganoven Trios, der drei Bodyguards (gespielt von Luis Fernando Piedra, Karl Walter Sprungala und David Jerusalem) des Fürsten Basil Basilowitsch. Ständig sind sie präsent und lassen in ihrem Spiel mit viel Ernsthaftigkeit ihre Rollen herrlich komisch werden. Das ist wirklich liebevoll und detailverliebt inszeniert. Und in diesem beiden Adjektiven steckt auch der ganz besondere Reiz dieses Operettenabends, denn sie treffen gleichermaßen auch für Ausstattung und Bühnenbild der Aufführung zu. All die Details von der besten russischen Wodka-Marke bis zum witzigen Kostüm entlocken mir manch inneres Ah und Oh. Und die Bühne erst! Mathis Neidhardt zaubert sich immer wieder wandelnde und verschiebende passende Kammern und Kämmerchen aller Couleur bis hin zum stillen Örtchen für die geheime Trauung im ersten Akt. Im zweiten Akt schenkt er uns mittels Drehbühne den Weg durch ein ganzes Theater vom Hintereingang bis zu Angèles Garderobe und zurück voller überraschender Einzelheiten. Dafür, das alles in einem zweiten Durchgang noch einmal sehen zu können, hätte ich glatt auf den dritten Akt verzichtet. Vor allem, da dieser in meiner Wahrnehmung hinter den anderen beiden zurück steht und vor allem Klamauk in Hülle & Fülle zeigt. Darüber hinaus bietet er natürlich auch das gleichermaßen unvermeidliche und unverzichtbare Operettenhappyend, in dem nach Zerschlagung des dramatischen Knotens in diesem Fall gleich drei Paare vereint werden. Gediegener Applaus für gute Unterhaltung und Spielspaß!

Weitere Informationen zu „Der Graf von Luxemburg“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.