Anja Spelsberg über die Premiere von b.29

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburgb.29 "The Concert" ch.: Jerome Robbins
Ballett am Rhein – b.29 „The Concert“ von Jerome Robbins FOTO: Gert Weigelt

Als Ballettneuling konnte ich die Vorstellung b.29 unverfälscht auf mich wirken lassen. Vorab lässt sich sagen, dass die drei Stücke eine Bandbreite dessen zeigen, was Ballett zu leisten im Stande ist. Vom klassischen Stück, über die Komödie bis hin zur Moderne ist alles dabei und macht auf jeden Fall Lust auf mehr. Mir persönlich hat das sehr moderne Stück „Konzert für Orchester“, inszeniert von Martin Schläpfer, am meisten zugesagt. Die Musik von Lutoslawski ist düster, bedrohlich, geradezu martialisch. Die Kompanie hat auf der Bühne, auch durch ihre Große, eine unglaubliche Präsenz. Es scheint, als würde jeder Tänzer einer eigenen Choreografie folgen und dennoch harmonieren sie miteinander. Das Stück lebt meiner Meinung nach aber auch besonders durch die stillen Momente, in denen das Orchester verstummt, der Tanz aber weitergeht. Den Opernsaal derart still zu erleben ist beeindruckend.
Das erste Stück, „Mozartiana“, konnte mich persönlich nicht überzeugen. Sicherlich ist es eine großartige tänzerische Leistung, das steht außer Frage und ist auch für den Laien zu erkennen. Die Protagonistin scheint wie die Ballerina aus der klassischen Spieluhr nahezu lautlos über die Bühne zu schweben. Wirklich wunderschön zu sehen. Dennoch war mir das Stück als solches „zu klassisch“. Ähnlich erging es mir mit dem letzten der drei Stücke „The Concert“, der Komödie. Tänzerisch toll, sehr beschwingt und schnelllebig, aber wenn ich eine Komödie sehen möchte gehe ich ins Theater. Dem Publikum schien es dennoch sehr zu gefallen, ich würde sogar behaupten das Stück sei der Publikumsliebling dieser Premiere gewesen. Noch nie habe ich gehört, dass in der Oper derart viel gelacht wurde. Und besonders im Anschluss an „Konzert für Orchester“ kann ich mir vorstellen, dass viele der Besucher noch einmal einen fröhlichen Ausklang für den Abend gebraucht haben. Alles in allem war der Ablauf des Abends jedoch sehr gelungen, die Reihenfolge der Stücke gut aufeinander abgestimmt und sehr vielfältig.

Opernscouts 2017

Anja Spelsberg
Sozialpädagogin
Anja Spelsberg ist Sozialpädagogin in der ambulanten Familienhilfe der Landeshauptstadt Düsseldorf. Sie berät und unterstützt Eltern und hilft Familien im Zusammenleben, dabei ist sie besonders in Düsseldorfs sozialen Brennpunkten unterwegs. Das allererste Interesse an der Oper weckte ihre Großmutter mit gemeinsamen Opernbesuchen. Jetzt freut sie sich, ihre Begeisterung mit anderen Besuchern zu teilen und mit den Opernscouts über die Inszenierungen zu diskutieren.

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Katrin Gehlen über die Premiere von b.29

Ballett am Rhein – b.29: „Konzert für Orchester“ von Martin Schläpfer FOTO: Gert Weigelt

Es war ein phantastischer Abend

Auch einen Tag später bin ich zutiefst beeindruckt und sehr bewegt. Mein absoluter Favorit des Abends ist die grandiose Symbiose zwischen Musik, Tanz und Bühne mit der Choreographie von Martin Schläpfer. Es ist ein Erlebnis mit anzusehen, welch hervorragendes Zusammenspiel er in all den Jahren mit seinem Ensemble entwickelt hat. Jede Bewegung perfekt, mit dem Ausdruck völliger Leichtigkeit und absoluter Körperbeherrschung umgesetzt. Ich ahne, wie schwer das sein muss, genauso wie die absolut reglose Haltung mehrerer Tänzerinnen zu Beginn des Stückes in einer Ecke der Bühne. Andere wiederum bewegen sich schwerfällig, zäh und wie in Zeitlupe mit unglaublicher Anstrengung sich am Boden windend, ganz ohne musikalische Untermalung. Mir selbst als Betrachter bleibt für einige Minuten fast der Atem stehen, bei einer solch spannungsgeladenen Atmosphäre auf der Bühne, wie auch unter uns im Publikum. Martin Schläpfer schafft es von Beginn an eine fassungslose Spannung aufzubauen, ich traute mich kaum, mich zu bewegen. Dann fällt der Blick auf das Bühnenbild mit seinen ungewöhnlich scharfen Ecken und Kanten, ein vergrößerter Tropfen an der rückwärtigen Wand, der zäh herunter zu tropfen scheint. Kostüme, die sich genau der Stimmung der Bühne anpassen, kühl und etwas düster gehalten, wie auch das Licht. Jedes Kleidungsstück für sich modern und durchaus vorstellbar auf dem Laufsteg unseres Lebens. Schläpfers Frage, wie sich der Mensch wohl verhält, wenn seine Welt in Schieflage gerät, ist überaus aktuell und gesellschaftskritisch. Immer wieder bilden sich Gruppen und vereinzelte Tänzer bleiben gefühlt auf der Strecke, erleben Verbannung und man ist doch vermeintlich nur in der Gruppe sicher. Es wird gekämpft bis zur Resignation, wobei die Tänzer und Tänzerinnen fast wie scheintot über die Bühne wanken. Doch dann blitzt wieder so etwas wie Hoffnung auf, ein neuer Kampf beginnt. Wie im wirklichen Leben. All der Wahnsinn, Befreiung und Ausgrenzung, Verlust und Trauer, Motivation und Erschöpfung, alles ausartend in einen unendlichen Kampf. Das gesamte Stück zeigt eine außergewöhnliche Leidenschaft und Dynamik und hat mich zutiefst berührt. Es bringt einen sich selbst näher, den eigenen Ängsten. Es gibt mir ein Gefühl des Lebendig-Seins. Es macht mich wieder achtsamer und bewusster für das Geschenk des Lebens. Ich liebe diese Momente. Und wenn mir kreative Menschen eine solche Freude machen, indem sie ihr ganzes Können und all die Mühe auf sich nehmen, mir solche Momente zu ermöglichen, ist das einfach phantastisch und macht mich sehr dankbar.
Jetzt aber noch zu den beiden anderen Darbietungen, die ja auch noch Erwähnung verdienen. Beim ersten Stück von George Balanchine dachte ich durchaus schon, ach, wie schön, klassisches Ballett, schöne Musik und passende Kostüme, genau das, was man sich doch unter Ballett vorgestellt hat und immer wieder eine Freude ist. Beachtung findet hier auch der herausragende Spitzentanz. Für mich absolut sehenswert. Auch das 3. Stück von Jerome Robbins, was ja schon gedacht nicht mehr der Höhepunkt des Abends werden konnte, hatte seine eigene unglaubliche Berechtigung. Amüsant und erfrischend war die Darstellung typischer Publikumsfiguren, ironisch und selbstkritisch die Eigenheit der Menschen an sich. Alles in allem erinnerte das Stück tatsächlich an ein Musical und hatte dementsprechende Szenen. Manche der Tänzerinnen übernahmen die ihr zugeteilten Paraderollen mit viel Charme und Humor. Die Menschen um mich herum, wie auch ich selbst, haben viel gelacht, was ich wunderbar finde und was den Abend insgesamt perfekt abgerundet hat. Welch ein Glück, das alles erlebt haben zu dürfen!

Katrin Gehlen
Modedesignerin
Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus.

 

 

 

Susanne Bunka über die Premiere von b.29

Ballett am Rhein – b.29: „The Concert“ von Jerome Robbins. FOTO Gert Weigelt

Ein Muss für Ballettliebhaber!

Zunächst klassisch, harmonisch, andächtig, zur wunderbaren Musik Tschaikowskys, gefolgt von Schläpfers Konzert für Orchester. Spannend, traurig, chaotisch und doch immer wieder unterlegt von kleinen Funken Hoffnung… Wunderbare Tänzer zu kraftvoller Musik; ein aufwühlendes, sinnliches Erlebnis!
Der Bruch zu Jerome Robbins scheint zunächst extrem. Das humoristische Element in dieser Choreographie – gerade nach den vorhergehenden Szenen – kommt ein wenig albern herüber. Doch spätestens nach dem „Regenschirmtanz“, gefolgt von zauberhaften Schmetterlingen ist die Entspannung da. Ein gelungenes Ende eines „Tanzabends“, der bei mir keine Wünsche offen ließ!

Opernscouts 2017

Susanne Bunka
Inhaberin des Angercafés in Urdenbach
Vor drei Jahren hat sich die ehemalige Kinderkrankenschwester Susanne Bunka einen Traum erfüllt: Zusammen mit ihrer Tochter betreibt sie das Angercafé in Urdenbach – ein Treffpunkt für alle Generationen, in dem auch Lesungen und kleine Konzerte und Chorproben stattfinden. Sie liebt die großen Opernklassiker, ist gleichermaßen offen für zeitgenössisches Musiktheater und Ballett und freut sich darauf, Ihre Eindrücke im Gespräch zu vertiefen.

 

Hilli Hassemer über die Premiere von b.29

Ballett am Rhein – b.29: „Konzert für Orchester“ von Martin Schläpfer. FOTO: Gert Weigelt

Ein wunderbares Wechselbad

Meine erste Premiere als Opern- und Ballettscout umfasst drei Stücke, die unterschiedlicher nicht sein könnten und den Zuschauer von Welt zu Welt katapultieren.
George Balanchine hat die „Mozartiana“ mit spürbarer Verehrung auf seine Muse, die junge und schöne Tänzerin Anna Farrel, zugeschnitten. Diese Choreographie war eines seiner letzten Werke. Es geht mir sofort unter die Haut, wenn aus dem Orchestergraben die ersten Klänge Mozarts „Ave verum“ die Tänzerin Feline van Dijken in Bewegung setzen. Sie ist umringt von vier jungen Mädchen, die wie jüngere Versionen von ihr selbst scheinen. Wie die geometrischen Figuren eines Kaleidoskopes wirken diese Körper vor dem strahlend blauen Hintergrund. Man kann bei dieser Symmetrie der in warmes Licht getauchten Körper auch an den „Tanz“ von Matisse denken. Im Wechselspiel bewegen sich die beiden männlichen Protagonisten auf die Bühne, Alexandre Simões als dunkler Gegenpart und Marcos Menha als van Dijkens Pas de deux Partner. Dieses Stück in seiner klassischen Strenge ist von einer Melancholie durchwirkt. Vielleicht, weil die Tänzer in ihren klassischen Figuren gefangen scheinen, vielleicht, weil in der Musik Tschaikowskys trotz heiterer Motive eine Traurigkeit mitschwingt. Vielleicht aber auch weil man den großen Balanchine vor den Augen hat, seine Vergänglichkeit als Mensch, dessen Werk jedoch weiterlebt indem es wieder aufgeführt wird. Es ist eine Freude und Wonne, die Perfektion der Tanzenden und ein eindrucksvolles Stück Tanzgeschichte zu erleben.
Martin Schläpfers Choreographie zu Witold Lutosławskis „Konzert für Orchester“ beginnt mit Stille. Sie dauert länger, als man auszuhalten glaubt. Auf dem blauen Hintergrund des vormaligen Stückes schwebt nun ein undefinierbares Wesen, ein schleierhaftes Gebilde, zwischen Kopf und Körper. Auch die vormals weich fallenden schwarzen Vorhänge sind gerafft, in stürzende Bahnen gezerrt und scheinen die Tänzer am Boden zu bedrohen. Schon jetzt spürt man den großen Sprung durch Zeit und Raum, fühlt sich an unheilvolle Science Fiction Szenen erinnert. Dann setzt die Musik ein und ein wahrer Rausch aus Musik und Tanz versetzt mich als Zuschauer in Atemlosigkeit. Fast alle Tänzer der Company sind auf der Bühne – schnell, kraftvoll und unglaublich ausdrucksstark zu furios klingender Musik. Sie scheinen zu flüchten, gegeneinander zu kämpfen, sich dann wieder zu schützen. Man fürchtet um die Tänzer, fürchtet mit Ihnen vor der unsichtbaren Bedrohung. Man fürchtet sich vor Ihnen, wenn sie wie ferngesteuert aufs Publikum zutanzen. Kaum ein Moment des Ausruhens, weder für die Tänzer noch für das Publikum. Marlúcia do Amaral wirkt noch kleiner wenn sie vor dem großen Marcos Menha steht, der sie zu beschützen und gleichzeitig zu bedrohen scheint. Am Ende setzt ein gleißendes Licht von oben alle in helle Silhouetten. Männer und Frauen formieren sich schutzsuchend zu einem Knäuel und es stockt einem noch einmal der Atem: und dann kommen sie, diese rückwärts laufenden Vierbeiner, die irgendetwas mit dem bedrohlichen Wesen auf dem Bühnenbild zu tun haben müssen. Ein ungewisses Ende. Sehr zeitgemäß. Sehr erschütternd und großartig. Dieses Stück wird mich am längsten verfolgen. Man muss das gesehen haben.
„The Concert“ von Jerome Robbins, dem letzten Stück am Abend gelingt es, den Zuschauer aus seiner Spannung zu erlösen. Zwar denke ich im ersten Moment, – als der Pianist Matan Porat den Staub vom Klavier pustet, – dass ich nach dem vorangegangenen keinen Spaß ertrage,-  aber dann packen mich die Tänzer in ihrer wunderbaren Komik. In ihrem großen tänzerischen Können. Uns allen, die wir da sitzen, wird ein Spiegel vorgehalten (nur, dass wir nicht so gut tanzen können). Die Tänzerinnen und Tänzer der Company persiflieren uns als Publikum und gleichzeitig nehmen sie sich selbst aufs Korn, Marlúcia do Amaral vertanzt sich so hinreißend, dass man nie wieder Perfektion erleben möchte.

Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin
Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Damals noch fremd in der Stadt und mit einem „Hardcore-Wagner-Fan“ befreundet, wurde das Opernhaus unverhofft zum Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Lebens. Jetzt will sie sich wieder intensiver mit Oper und Ballett befassen – genau hinschauen, zuhören, das Erlebte beschreiben. Sie sagt: „Es ist schön, wenn man sich selbst und seiner Meinung vertraut.“

 

 

 

Gisela Miller-Kipp über „Young Moves“

Sechs kleine Meisterwerke

Sechs Uraufführungen – sechs kleine Meisterwerke, zusammen ein Kosmos des modernen Balletts: von faszinierenden Bewegungsstudien, dabei auch Slow Motion, über expressive Gefühlssprache – insbesondere anrührend: Trauer – bis zur rhythmischen Ekstase – alles immer konzentriert auf die Musik; Tanz und Musik fügen sich in den unterschiedlichsten Bewegungssituationen passend zusammen. Deshalb fand ich den Abend trotz der Zusammensetzung aus gleich sechs Stücken auch nicht zu lang oder anstrengend, keines der Stücke wollte ich missen, auch keine Minute der Musik. Die ist überdies ihrerseits ein Kosmos: Klavier- und Gesangsklassiker, Trommelorchester und Swing-Jazz – es wurde Shimmy getanzt –, Bassgewummer, knisternde Klangteppichen, berstende Akkorde, Atemgeräusche und Stille – ja: Stille! – Das konzentrierte Anschauen und Anhören des Tanz-und Klanggeschehens wird vom Bühnenraum ungemein gefördert: Er ist durchgängig ruhig-abstrakt und in Grautönen gehalten, hier und da mit farbig glühenden Flächen belegt, er ist aber auch einmal gänzlich leer, und manchmal gibt es Eigenbewegung: ein riesiges Leintuch fällt vom Bühnenhimmel und umhüllt einen Körper, ein Leichentuch also, später ist es das übergroße Flügelhemd, in dem der Verstorbene wieder erscheint; an der Rampe werden mir geheimnisvolle asiatische Schriftzeichen gemalt und als Video auf den Bühnenhintergrund übertragen; ein weißes Quadrat schwenkt sich schwebend über der Bühne – kurzum: eleganter Purismus, mit einer komischen Ausnahme auch in der Bekleidung.
Mein Favorit unter den Sechsen: „edge of reason“ (am Rande der Vernunft) von Chidozie Nzerem, ein Bravourstück afrikanisch-karibischer Tanzdynamik, Marlucia do Amaral legt als absolute Spitzenleistung den Zittertanz einer Geisterseherin hin – umwerfend. – Ich will die sechs kleinen Ballette (Wun Sze Chan, Michael Foster, So-Yeon Kim, Sonny Locsin, Chidozie Nzerem, Boris Randzio) aber gar nicht einzeln und im Einzelnen beschreiben, man muss hingehen und sie sich ansehen, will man ihre jeweilige Eigenart in Tanzsprache und Stimmung erfassen und, vor allem, genießen. Dazu man muss nicht einmal tiefsinnige „Bedeutungen“ kennen oder suchen, wie etwa im Programmheft zugeschrieben, wo Aussagen beabsichtigt sind, erschließen sie sich von selbst, so eindringlich wird hier getanzt. – Eine bravouröse Gesamtleistung der „Schläpfer-Truppe“, an der man auch sehen kann, welch großes choreographisches und bühnenbildnerisches Können in ihr steckt.

Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

„Young Moves“ mit Choreographien/Uraufführungen von vier Tänzerinnen und Tänzern des Ballett am Rhein steht in der kommenden Spielzeit wieder auf dem Programm: https://operamrhein.de/de_DE/repertoire/young-moves-2017-18.1123482

Susanne Freyling-Hein über „Young Moves“

Kurzweilig, erfrischend, beeindruckend

Das Format „Young Moves“, das sechs kurze Ballette junger Choreographen auf die Bühne bringt, hat mir sehr gut gefallen. Durch die Kürze der Stücke ist es ein kurzweiliger, erfrischender Abend und doch erhält man einen guten Eindruck von der Arbeit und den Ideen der Nachwuchs-Talente. Einzelne Sequenzen wirken auf mich nicht so reif wie die Schläpfer-Choreographien der b-Reihe, dafür empfinde ich einen Großteil der Stücke als recht plakativ, was mir sehr gut gefallen hat.
Am stärksten bleibt mir das Stück 49 von So-Yeon Kim in Erinnerung: der getanzte Verlust des Partners und alle Phasen des Abschieds mit Bezug auf religiöse Trauerrituale. Super plakativ – hat mich zu Tränen gerührt!
Ebenfalls total beeindruckend: Edge of Reason von Chidozie Nzerem, der mir schon in einigen anderen Balletten als extrem charismatischer Tänzer aufgefallen ist. Die Trommel-Musik erinnert an ein Voodoo-Ritual und geht unter die Haut. Dazu passend der Tanz – instinktive Bewegungen, eine mystische Stimmung, archaisch und existenziell.
Viele frische Ideen und Momente auch in den anderen Stücken: ein sich veränderndes Bühnenbild durch projiziertes Live-Painting in No Destination oder Ballett zu Jazz-Klängen in East Coasting.
Das nächste „Young Moves“-Programm steht für 2018 fest auf meiner Liste!

Susanne Freyling-Hein
Senior Retail Development Manager bei L’oréal
Obwohl Susanne Freyling-Hein seit ihrer Kindheit Klavier spielt und sich sehr für Ausstellungen und Industriekultur interessiert, waren Oper und Ballett bis zu Beginn der letzten Spielzeit Neuland für sie. Begeistert hat sie vor allem Martin Schläpfers Ballett am Rhein. Sie schätzt den gemeinsamen Austausch, weil er den eigenen Eindrücken andere Sichtweisen gegenüber stellt. Und wenn Freunde oder Kollegen ihren Empfehlungen folgen, macht sie das durchaus ein bisschen stolz.


„Young Moves“ mit Choreographien/Uraufführungen von vier Tänzerinnen und Tänzern des Ballett am Rhein steht in der kommenden Spielzeit wieder auf dem Programm: https://operamrhein.de/de_DE/repertoire/young-moves-2017-18.1123482

Uwe Schwäch über „Young Moves“

Inspirierende Ballettmosaiken

Der letzte Ballettabend in dieser Spielzeit bietet vielseitige, bunte und sehr inspirierende Ballettmosaiken. Die sechs Uraufführungen vermitteln sich insgesamt sehr unterschiedlich, jedes Stück verfügt über einen eigenständigen Charakter und setzt unverwechselbare Akzente. Alle gemeinsam verfügen sie über eine spürbare Intensität, die von der Bühne ins Publikum getragen wird. Dazu trägt sicher bei, dass die Choreografien von Tänzerinnen und Tänzern aus der Kompanie stammen. Dies führt zu einer gegenseitigen Befruchtung, die sowohl in der tänzerischen Qualität als auch in der mentalen Aussteuerung erlebbar wird.
„No Destination“ von Wun Sze Chan wird durch den experimentellen Charakter des Stückes geprägt. Das Bühnenbild verändert sich fortlaufend durch ein Live-Painting, das auf die Bühnenrückwand projeziert wird. Sphärische, stellenweise sehr dissonante Klangkörper ersetzen eine musikalische Begleitung. Der Tanz ist archaisch, wild, kraftvoll und energetisch. Auch die Kostüme passen sich dem dynamisch-expressiven Auftritt an, wir sehen bei den Tänzerinnen viel Tüll, die Tänzer tragen halblange Gewänder. Sicher ein kreatives Tanzformat mit begrenzter Begeisterungsfähigkeit.
„Fourmis“ von Sonny Locsin entführt uns in die Welt der Ameisen. Der ständige Bewegungsfluss ist somit das zentrale charakteristische Merkmal. Im Verlauf des Stückes verändert sich diese Struktur in zunehmend statische Bewegungsmuster und es entstehen Figuren, die an Yoga erinnern. Trotz individueller Tanzbewegungen der sechs Protagonisten ist deren Harmonie spürbar.
„Andante Sostenuto“ von Boris Randzio bietet einen Tanztraum und vielleicht das klassischste Ballettstück dieses Abends. Hellblaue Kostüme in Organza, in das auch die Tänzer gehüllt sind, sowie kontemplative Klaviermusik von Schubert schaffen den Rahmen für eine verhältnismäßig leichte, anmutige Performance. Geprägt von einem hohen Maß an Intimität verschmelzen die sechs Tänzerinnen und Tänzer und bestechen durch ihr Einfühlungsvermögen.
„Edge of Reason“ von Chidozie Nzerem entführt den Zuschauer in einen Ort der Ekstase. Die temporeiche Bongo- und Trommelmusik entfacht eine dynamische und kraftvolle Entfaltung auf der Bühne. Die Tänzerinnen in Bustier-Badeanzüge kommen daher wie Amazonen und zeigen sich selbstbewusst und stark. Im zweiten Teil des Stückes sehen wir zwei Paare (w/m + m/m!) mit einem wilden, ekstatischen, aufgewühlten und auch erotischen Tanz, der die Zuschauer aus ihren Sitzen reißt. Man spürt Afrika und hat das Gefühl inmitten eines Urwaldes zu stehen. Für mich das Highlight dieses Abends.
„49“ von Se-Yeon Kim setzt auf ein Handlungsballett mit melancholischen Zügen. Tod, Abschied nehmen, Trauer, Fürsorge und Hoffnung werden einfühlsam offenbart. Zu Beginn mit einem filmischen Musikcharakter, erleben wir die Auferstehung zum Engel mit barocker Musik von J.S. Bach. Nirgendwo werden an diesem Abend menschliche Emotionen so nahe und anschaulich vermittelt wie in diesem Stück. Allerdings ist der Verlauf vorhersehbar und die Theatralik verdrängt das tänzerische Momentum.
„East Coasting“ von Michael Foster ist eine gesellschaftliche Sozialstudie und zeigt Szenen aus dem Amerika der 50er und 60er Jahre. Kostüme und Musik (die Trompeten sind unüberhörbar) sind in einen schwungvollen Tanz eingebettet und vermitteln oberflächliche Heiterkeit, die durch die gesamte Tanztruppe auf der Bühne vermittelt wird. Doch das Stück reflektiert auch psychologische Tiefen. So zieht sich ein Mann vor einer Frau aus und wird von dieser ausgelacht. Auch hier sehen wir über den Tanz eine gelungene Wiedergabe menschlicher Gefühle und sozialer Verhaltensmuster.
Bei diesem „Nachwuchs“ muss man sich über die glänzenden Perspektiven des Düsseldorfer Balletts keine Sorgen machen.

Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.