La clemenza di Tito

Stefanie Hüber über die Premiere „La clemenza di Tito“

Nachdem der Premierenbesuch von “Geschlossene Spiele“ nur 7 Tage vorher mich durch seine Vielfalt sowohl musikalisch als auch visuell sehr begeistert hat, empfand ich die Aufführung von „La clemenza di Tito“ als Gegenpol recht reizarm.

Das lag einmal an der Handlung, die recht simpel gestrickt war, als auch an den vertrauten Mozartklängen. Beides, sowohl Handlung als auch  Musik, haben mich nicht überzeugt und ich finde , dass diese Oper zu Recht zu einer von Mozarts schwächeren gehört.
Gesanglich begeisterte mich vor allem Sarah Ferede. Auch Maria Kataevas Mezzosopran gefiel mir sehr, allerdings hatte sie zeitweise mit Intonationsproblemen zu kämpfen.
Bühnenbild und Kostüme bestanden aus vielen nicht gelungenen Stilbrüchen, Dadurch wirkte beides überfrachtet.
Zwischendurch gab es durchaus Szenen, in denen die Oper in Schwung kam, vor allem wenn der Opernchor in Szene trat. Jedoch flachte die Handlung immer wieder ab, so dass ich mich stellenweise langweilte.
Die Klarinettensoli auf der Bühne waren zwar schön gespielt ,jedoch wirkten die beiden Musiker seltsam deplatziert, als wären sie ungewollt auf die Bühne gezerrt worden.

Nach dem trotzdem lange anhaltenden Schlussapplaus verließ ich, von der Choreographie enttäuscht, jedoch musikalisch versöhnt den Zuschauerraum.

Stefanie Hüber

Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Endlich wieder Oper!

Dr. Hubert Kolb über die Premiere „La clemenza di Tito“

Nach langer Wartezeit endlich wieder Oper! Mit schwerem klassisch-roten Samtvorhang und roten Polstern: die Premiere von La Clemenza di Tito.

Schon mit den ersten Klängen der Ouvertüre wurde klar, hier dirigiert jemand (Marie Jacquot) mit der Fähigkeit, Mozart Frische, Dynamik und Transparenz zu verleihen. Das war ein Genuss, wo es doch so schwierig ist, Mozart ohne ausgeleierte Melodien zu spielen.
Dann kam das Stirnrunzeln. Das Bühnenbild war trotz der praktischen zwei Ebenen mit vielen Türen wenig ansprechend – unzählige senkrechte und waagerechte Eisenstreben störten die visuelle Wahrnehmung der Protagonisten, die in modernen und nicht überzeugenden Kostümen auftraten. Dafür war die Personenregie und das Schauspielen der Sänger ein schöner Ausgleich.
Mozarts letzte Oper hat viele schöne Musik, aber auch lange Phasen mit Sprechgesang. Die Stimmen waren sehr gut gewählt, nur der Kaiser Titus (Jussi Myllys) fiel etwas ab. Am besten gefiel mir Heidi Elisabeth Meier mit ihrer klaren und Mozart-haft weichen Stimme. Höhepunkte waren neben wenigen Arien die Szenen mit dem wieder eindrucksvollen Chor. So wirkte das Klagen über den vermeintlichen Tod des Kaisers am Ende des ersten Aktes auf mich beklemmend schön.
In seiner Inszenierung hatte sich Michael Schulz einen vom Libretto abweichenden Schluss einfallen lassen, der zwar nicht zum erwarteten schönen Ausklang à la Hollywood führte, aber eine politisch-realistische Note auf die Bühne brachte. Mehr sei nicht verraten.

Fazit: Eine letztlich ernste Oper, die dank Mozart, der Dirigentin, dem Chor und den passenden Stimmen einen sehr belebenden Abend bewirkte.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

„Geschlossene Spiele“ von Demis Volpi

Stefanie Hüber über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Das war die erste Choreographie von Demis Volpi, die ich zu sehen bekommen habe und ich bin schon jetzt ein Riesenfan von ihm.
Dabei hat er es in Düsseldorf wirklich nicht leicht , da er als Nachfolger von Martin Schläpfer in riesige Fußstapfen tritt.

Das Handlungsballett basiert auf einem Theaterstück von Julio Cortazar und spielt irgendwann im Zeitraum der argentinischen Militärdiktatur. Demis Volpi, selbst Argentinier ,ist noch zu jung , um von dieser Ära persönlich etwas mitbekommen zu haben, dennoch wird sie ihn indirekt geprägt haben.
Da ich die Schauspielvorlage nicht kenne, ist das Ballettstück für mich schwer interpretierbar, zudem auf der Bühne auch dadurch, das immer mehr Protagonisten erscheinen und auch bleiben, mehrere Handlungsstränge parallel ablaufen.
Jeder Tänzer hat einen individuellen Tanz-und Bewegungsstil und auch die Kostüme unterscheiden sich völlig voneinander. Die einzelnen Charaktere werden persifliert und in völlig übertriebenen Bewegungen dargestellt.
Die für mich zentrale Figur, der Richter, wird von einem sehr grossen und blonden Tänzer getanzt und hat ein sehr charismatisches Auftreten. Sein Aussehen erweckt sofort bei mir die Assoziation zum Naziregime. Er trägt zwar keine Uniform, aber bewegt sich zeitweise trotzdem im Stechschritt. Passend zu der Tatsache ,dass er über Leben und Tod richtet, gibt es eine Szene ,in der er stark zitternd auf seinem Stuhl sitzt, was mich an die Hinrichtung auf einem elektrischen Stuhl erinnert.

Keiner der Charaktere ist unwichtig und wirkt als Statist oder untergeordnet; und so ausgewogen ist auch der Schlussapplaus , der jeden  der hervorragendenTänzer, die auch  schauspielerisch eine hervorragende Leistung geliefert haben, fast gleich euphorisch beklatscht.

Stefanie Hüber

Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Ballett, wo richtig was los ist

Michael Langenberger über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Schauspiel ,was in einem urigen, etwas abgeranzten, argentinischen Lokal spielt. Der Klavierspieler gehört genauso dazu wie ein Postschalter. Jeder Gast und Servicemitarbeiter ist mit sich und seinen individuellen Problemen beschäftigt. Doch anstatt dass sich das Schauspiel mit Worten an sein Publikum wendet, kommuniziert jeder Darsteller durch sein ureigenes Köperbewegungs-Vokabular mit dem Publikum. Der Rolle jeder Person entsprechend, scheint die Charakteristik deren individuellen Bewegung völlig logisch und klar. Eben so, als würde man in weiter Ferne einen guten Bekannten alleine an seiner Bewegung erkennen. 
Bewegen sich viele gleichzeitig, ergibt das ein Stimmengewirr, wie wir es eben selber auch aus Lokalen kennen – hier nur eben tänzerisch. Jeder bleibt bei sich und seinen Bewegungsmustern. Die Tanzstile passen, wenn man so will, (absichtlich) überhaupt nicht zusammen und sind gleichzeitig gewissermaßen stereotyp der Rolle – Gewirr eben. Um also überall mal “reinzuhören” muss ich mich auf einzelne Tänzer konzentrieren und bemerke aus dem Augenwinkel, dass ich möglicherweise an anderer Stelle etwas Anderes verpasse. Ein einziges Wimmelbild. Überall ist richtig etwas los.

Der thematisch rote Faden dreht sich um die Fragwürdigkeit eines Todesurteils des Richters, der eben auch zu Gast ist. Über das Radio an dem Postschalter wird die Gesellschaft auf dem Laufenden gehalten. So gerät der Richter mehr und mehr unter Druck all der anderen Gäste. Die Nachricht über die erfolgte Exekution löst bei den anderen Gästen ihre eigene Bewegungs-Individualität auf und synchronisiert sich in einer gemeinsamen Attacke auf den Richter. 
Entsprechend einem “Geschlossenen Spiel” beim Schach, bei dem die Verteidigungslinien (das eigene Tanz-Vokabular) so lange wie möglich aufrecht erhalten werden, zieht der ganz in weiß gekleidete Schachspieler, als würde er das Treiben von außen betrachten, subtil die Fäden; leitet andere Bewegungssequenzen ein.
Das äußerst unterhaltsame Treiben wird, je näher das Stück ans Ende rückt, immer politischer. Befasst uns mit der politischen Verlogenheit in der Zeit der Militärdiktatur Argentiniens unter J. R. Videla. Dieser konkrete Zusammenhang ergibt sich aus der Schauspielvorlage des argentinischen Schauspiels von Julio Cortázar. Doch wer will, kann durchaus seine Fragen zu unserer heutigen Gesellschaft und dem individuellen Handeln in unserer Zeit daraus ableiten.
Und eben alles getanzt. Bis auf das Radio – kein einziges Wort. Hochpolitisch und unterhaltsam gleichzeitig. Alles “nur” Körpersprache und dennoch verstehen wir alles, egal welchen (körpersprachlichen) Dialekt. 

Demis Volpi versteht es offenbar, unser Inneres zu ergreifen – uns zu befähigen, wortlos komplexe Zusammenhänge zu erfassen und zu verstehen. So könnte sich Handlungsballett, die oft an Märchen o.ä. anlehnt sind, als eine ganz neue, eigene Kunstform zur Auseinandersetzungen mit dem realen Leben und der Vielschichtigkeit der Gesichtspunkte entwickeln – unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht u.v.a.m. Es scheint mir eine ganz besondere Fähigkeit von Amis Volpi zu sein, auf diese Spielweise Ballett gerade auch für neue und vor allem jüngere Altersgruppen zugänglich zu machen. Dazu passte dann auch, dass der begeisterte Schlussapplaus jedem Tänzer gleichermaßen galt. Es gab nicht die/den Primus inter Pares – alle sind wichtig.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Geschlossene Spiele – Nicht entspannt, aber beeindruckend

Dr. Sassa von Roehl über die Premiere „Geschlossene Spiele“

In meinem Opernscout-Notizbüchlein fand sich noch die Karte einer Aufführung von Februar 2020. Über eineinhalb Jahre dauerte die erzwungene Corona-Pause. Umso mehr freute ich mich auf den lang ersehnten Start ins Kulturgeschehen mit der Uraufführung von „Geschlossene Spiele“ – für mich die erste Arbeit des neuen Ballettdirektors und Chefchoreographs Demis Volpi. Ein Handlungsballett nach einem Schauspiel von Julio Cortazàr, bei dem die unterschiedlichen Rollen nicht gesprochen, sondern getanzt werden.

Gezeigt wird das Aufeinandertreffen völlig unterschiedlicher Menschen in einem argentinischen Restaurant während der Militärdiktatur. Ein Mann, ganz in weiß, spielt unbeteiligt mit der Salz- und Pfeffermühle auf seinem Tisch Schach. Von ihm scheinen die anderen Personen im Raum auf magische Weise abhängig zu sein. Wenn er in die Hände klatscht, halten die Tänzer inne. Ist er die Verkörperung einer höheren Instanz?
Es erscheinen zwei Kellner, ein hungriger Gast und eine amerikanische Touristin. Ein kopfloses Huhn, das verspeist werden soll, versucht zu entkommen, schafft es aber nicht und muss sich in sein grausames Schicksal fügen. Eine Andeutung auf das bald im Stück thematisierte Thema der Verurteilung zum Tode. Ein Gefühl der Beklommenheit macht sich bei mir breit. Ein weiterer Herr tritt auf. Er will mehr Koffer, als er tragen kann an einem im Lokal befindlichen Schalter mit Gepäckband einzuchecken, scheitert jedoch an irgendwelchen bürokratischen Hürden, des Angestellten hinter dem Tresen.
Ein Richter mit scharf geschnittenem Gesicht und zackigen Bewegungen kommt auf die Bühne. Er erinnert mich sofort an die todbringenden Richter der Nazidiktatur. Er trägt das Symbol der Justiz mit sich, eine Waage, benutzt sie allerdings nicht, um Recht zu sprechen, sondern um die Möhren seiner Diät abzuwiegen. Auch damit zeigt sich immer mehr das Absurde und Surreale der Situation.
Eine alte Dame in Grün betritt den Raum. Sie schleicht in langsamen Bewegungen umher. Ganz anders als zwei junge, optimistische Revolutionäre, die ein Feuerwerk an Hip-Hop zeigen. Mit der Meldung im Radio, dass ein Mensch zum Tode verurteilt wurde, bricht das Grauen in die Szene ein. Man begreift, dass der Richter in direktem Zusammenhang mit dem Urteil steht. Eine junge Frau kommt ins Lokal. Man hofft, dass sie ein wenig Leichtigkeit bringt. Das tut sie, indem sie dem sich kasteienden Richter mit einem Eisbecher in Versuchung führt. Man sieht, wie er mit sich ringt, seine Diät einzuhalten. 

Alle Akteure tanzen in ganz unterschiedlicher Art und Weise. Niemand scheint den anderen zu verstehen, jeder hat seine eigene Ausdruckssprache, lebt in seiner eignen Blase. Als jedoch der Verurteilte an seinem Galgen aus der Küchendurchreiche hängt, erkennen die Protagonisten auf der Bühne die Tragik des Geschehens und verbünden sich gegen den Richter. Sie klagen ihn für sein hartes Urteil an und bringen ihn zu Fall.

In „Geschlossene Spiele“ genieße und bewundere ich enormes tänzerisches Können. Ich erlebe einen- wenn auch nicht entspannten, so doch aufregend neuen und ungewohnten Ballettabend.

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“.  Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Wieder Ballett! Demis Volpi präsentiert ein Handlungsballett

Hubert Kolb über die Premiere „Geschlossene Spiele“

Nach der Beschränkung unseres Lebens auf einen engen Kreis erleben wir wieder Fast-Normalität in Sachen Kultur – ein großartiges Gefühl!
Bisher kannte ich kein „Handlungsballett“. Ich nahm eine Kunstform war, bei der in fast pantomimischer Tanzweise das gesprochene Wort einer Handlung in Körperbewegung ausgedrückt wird. Da die Fixierung durch den Text fehlt, ergibt sich eine viel breitere und individuell unterschiedliche Wahrnehmung.
Es war ein spannender Abend, auch wenn die oft überwältigende Wirkung eines auf Emotionen und abstrakte Vorstellungen zielenden Balletts fehlte. Das glich Demis Volpi mit seinem Team in eindrucksvoller Weise durch eine Vielschichtigkeit des Geschehens in einem alt-ehrwürdigen aber einfachen Restaurant (tolles Bühnenbild, gutes Licht!) und durch eine kaum komplett wahrnehmbare Zahl von Regieeinfällen aus.
Die Charakterunterschiede zwischen den einzelnen Restaurantbesuchern (Buenos Aires in Zeiten eines totalitären Regimes) wurden perfekt in individuelle Körper- bzw. Tanzbewegungen übersetzt. Die Überzeichnung war komödiantenhaft wie bei den argentinischen Kellnern, mit spiritueller Note wie bei dem Schachspieler und Personenlenker, oder beklemmend bei dem ein Todesurteil zu verantwortenden Richter. Ebenso dienten die Kostüme sowie unterschiedliche Musikstücke oder auch Stille zur Zeichnung der Charaktere.
Die dazugehörigen Körper- bzw. Tanzbewegungen bedienten sich des vollen Spektrums vom klassischen Ballett über originelle „moderne“ Tanzformen bis zu unmenschlich abgehackten Gesten beim Richter. Sein erster Solo-„Tanz“ in kompletter Stille war beklemmend. Eine großartige Leistung des Choreographen.
Die vielen kleinen Regieeinfälle waren wegen der parallelen Handlungen im Restaurantsaal gar nicht vollständig zu würdigen. Besonders gefiel mir, dass der wilde Tanz der jungen „Revoluzzer“ in den Tanz eines Clowns (?) überging, dass der hochfliegende Rock der zur Ballerina umgekleideten amerikanischen Touristin so sehr den hochfliegenden Rockschößen des komplett weißen Schachspielers glich, und dass Sisyphos in Gestalt eines immer vergeblich Koffer-aufgebenden Mannes eine weitere Wahrheit auf die Bühne brachte.

Fazit: Danke, dass ein Stück Kultur wieder Normalität wurde! Die Vielschichtigkeit und der Detailreichtum dieses Handlungsballetts fordert die Zuschauenden heraus und dürfte zu individuell unterschiedlich wahrgenommenen Bildern führen.

Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unerwartet gut gefällt.

Wunderschöne Musik

Stefanie Hüber über die Premiere „Masel Tov!“

Dies war mein 1. Opernscoutabend seit Februar, ich war völlig ausgehungert nach Kultur und hab mich dementsprechend auf diesen Abend  gefreut.

Die Oper „Masel Tov“ von Mieczyslav  war mir bislang unbekannt ,ebenso der Komponist, wie ich gestehen muss. Und das, obwohl er äußerst produktiv war.
Die Musik erinnert sehr an Schostakowitsch , mit dem er eng befreundet war, und dessen Musik ich größtenteils sehr mag.  Auch seine Musik, die der musikalischen Epoche des Expressionismus zuzuordnen ist, beinhaltet viele dissonante Akkorde, viel Schwermut und dann aber auch wieder wunderschöne, das Ohr  versöhnende Klänge, bei denen mir als Hörer ganz warm ums Herz wird und die mich teilweise zu Tränen rühren.

Die Kammerorchesterbesetzung bestand aus vier Holzbläsern, vier Streichern, einem Piano und einer Trompete . Diese Besetzung unterstreicht meines Erachtens den Klezmercharakter vieler Orchesterpassagen dieser Oper und ein besonderes Lob möchte ich dem Klarinettisten für sein Spiel aussprechen.
Wobei ich sagen muss, dass das komplette Orchester, die grandiose musikalische Vorlage von „Masel Tov“ für mein Empfinden sehr, sehr gut gespielt hat.

Auch das Libretto hat mich begeistert und wurde von allen Sängern hervorragend umgesetzt. Die Handlung ist relativ einfach , teilweise witzig und als sozialkritisch zu betrachten. Was mich jedoch befremdet ,ist, dass Musik und Handlung als Einheit betrachtet für mich überhaupt keinen Sinn ergeben und sich somit der Zugang für mich schon nach kurzer Zeit völlig versperrt. Die Handlung hätte eine leichtere musikalische Begleitung gebraucht, damit man nicht das Interesse an ihr verliert.

Doch bei diese Oper von Weinberg wirken Musik und Handlung wie Kontrahenten und ich habe mich emotional relativ bald ausgeklinkt . Dennoch ging mein Bemühen, mich auf die wunderschöne Musik zu konzentrieren,  passagenweise auf, so dass ich am Ende trotzdem nicht enttäuscht war.

Stefanie_Hüber

Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Ungewöhnliches in Corona-Zeiten

Michael Langenberger über die Premiere „Masel Tov!“

Um es gleich vorweg zu sagen, niemand der ausführenden Künstler kann etwas dafür, dass ich die musikalische Komposition von Mieczyslaw Weinberg als anstrengend empfinde. Deswegen erlebe ich die Aufführung in einer gewissen inneren Anspannung. Eine kurze Erlösung für meine Ohren erklingt etwa zur Halbzeit mit “Hab‘ geweint 3 Bäche Tränen”, nach meinem Empfinden die einzige melodische Stelle des ganzen Stücks.

Allerdings bin ich von dem unfassbar klar verständlich gesungenem Text des Gesangs tief beeindruckt. Es hätte die eingeblendeten Begleittexte oberhalb der Bühne überhaupt nicht bedurft, um alles genau zu verstehen. So exzellent habe ich das zumindest noch in keiner Oper gehört. Ein dickes Kompliment an alle Sänger*innen! Gleiches gilt dann auch für das Orchester, was vermutlich Corona-bedingt in einer Besetzung spielt, wo jedes Instrument nur je mit einer Person besetzt ist. Jeder Patzer, egal von wem, wäre sofort aufgefallen.

Überhaupt, allen Mitarbeitern der Oper gehört hier meine ganze Anerkennung. Von Regie über Bühnenbild, Kostüme, Licht und auch allen anderen vor und hinter den Kulissen. Wahrscheinlich weil ich mit der Musik so gefremdelt habe, gehörte meine ganze Aufmerksamkeit u.a. den scheinbaren Nebensächlichkeiten, die – ganz sicher Corona-bedingt – sonst vielleicht auch nicht so auffallen. Vom 2. Rang aus, eben etwas erhöht sitzend, konnte ich in den Rücken des auf der Orchesterbühne provisorisch platzierten und nach oben offenen “Souffleusen-Kastens” sehen. Spannend die konzentrierte Arbeit der Souffleuse Ute Gherasim zu sehen, die ganz offenbar nicht nur bei Texthängern hilft, sondern auch sehr aktiv mit den Händen mitdirigiert.

Sollte übrigens diesen Beitrag jemand Verantwortliche/r aus der Politik lesen, hier ein Beispiel zu dem Hygienekonzept der Oper auf der Bühne. Das die schauspielerischen Qualitäten des Düsseldorfer Opern-Ensembles ganz außer Frage stehen, muss hier nicht erwähnt werden. Doch in gewisser Weise spaßig ist es dann schon, wie die Bühnenkünstler die Abstandsregeln beachten, sich ein bisschen so wie sich abstoßende Magneten verhalten. So wird die Übergabe von Gegenständen fast zu einer Art Tanz, indem einer etwas ablegt, dann schnell nach hinten ausweicht, ohne den Blickkontakt zu verlieren, weil in diesem nächsten Moment das Gegenüber den Gegenstand aufnimmt – wo sonst eine persönliche Übergabe üblich wäre. Derartige „Distanz-Szenen” gibt es immer wieder. Irgendwie ist jedem klar, es müsste körpersprachlich eigentlich anders sein. Egal was es auch sei, die Corona-Abstandsregeln werden akkurat befolgt und verleihen gleichzeitig der Aufführungen tänzerischen Charme.

Wenngleich ich diese Oper sicherlich nicht zu meinen Lieblingswerken zählen werde, war es doch ein kurzweiliger Abend. Es gab so viele geschickte Umsetzungsdetails in dieser einaktigen Oper zu erleben, dass es doch einiges zu erzählen gibt und sicherlich damit auch länger in Erinnerung bleibt.

Michael_Langenberger

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Revolution am Herd

Markus Wendel über die Premiere „Masel Tov!“

Eins vorweg: „Masel Tov! Wir gratulieren!“ ist kein einfacher Abend. Das Kammerspiel um die Verlobungsvorbereitungen inmitten der Küche eines jüdischen Herrenhauses ist ein Wechselspiel aus Drama und Komödie, Oper und Schauspiel. Und ein deutlich durchscheinender Revolutionsgedanke macht es mir an einigen Stellen (vor allem am Ende) unmöglich, Verständnis für die dargestellte Wertung der Geschehnisse aufzubringen. Wobei letzteres ausdrücklich im Stück selbst Begründung findet und nicht in der Art der Inszenierung. Auch die zahlreichen heiteren Elemente lassen das dramatische Fundament nur um so schwerer erscheinen.

Ein Lob gilt dem gesamten Ensemble: die Textverständlichkeit ist enorm hoch, Übertitel hätte ich an diesem Abend nicht gebraucht. Auch das kleine Orchester verbreitet eine Klangfülle, die groß besetzten Abenden in nichts nachsteht.

Norbert Ernst in der Rolle des Reb Alter ist – ich kann es nicht anders beschreiben – sensationell. Präsenz, Darstellung, hier passt einfach alles. Sattelfest und überzeugend in seiner Rolle – es ist mir eine Freude ihm an diesem Abend zuzusehen.

Überraschende Einblicke in Richtung der für gewöhnlich unsichtbaren Unterstützung für die Sänger*innen bietet die Ausgestaltung des Arbeitsbereiches der Souffleuse. Der „Kasten“ ist in den Orchestergraben verschoben, nach oben hin offen und einsehbar. Ich finde es bemerkenswert, mit welcher Präzision Frau Gherasim die Einsätze anzeigt und vorbereitet. Immer wieder wandern meine Blicke zu ihr und ihrem behutsam beleuchteten Notenblatt.

Ein kleines Ausstattungs-Detail für alle Richard Wagner Fans: es gibt ein Wiedersehen mit dem Herd aus der aktuellen Walküre-Inszenierung.

Und doch liegt über allem ein Gefühl der Schwere. Denn auch die Auswirkungen der aktuellen Geschehnisse in der Gesundheitslage finden unmittelbaren Einzug in den Zuschauerraum. Die Premiere ist ausverkauft – mit gerade einmal 200 Zuschauenden. Und wenige Tage später werden die Sitzplätze für mindestens einen Monat leer bleiben.

Ich wünsche den Kulturschaffenden weiterhin viel Kraft und bitte bleiben Sie alle gesund!

Markus_Wendel

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Einmal von allem, bitte

Markus Wendel über die Premiere „Vissi d’arte“

Was für eine Show! Nach der Vorstellung waren wir Opernscouts uns einig: viel mehr kann man eigentlich nicht an einem Abend auf die Bühne bringen als an diesem Premierenabend.

Es scheint, als hätte man sämtliche Opern der Musikgeschichte in eine Kiste gepackt, kräftig geschüttelt, und dann einige volle Hände davon auf der Bühne verteilt. Zwei Seiten lang ist die Auflistung der Stücke im Programmheft.

Der Abend entstand aufgrund und inmitten des vergangenen Corona-Lockdowns, und es gehört Mut dazu. Denn es ist nicht einer dieser leichten und einfachen musikalischen Zusammenschnitte. Es ist ein anspruchsvoller Abend, der in einer aufwendigen Produktion vor allem eins vermitteln möchte: Sehnsucht.

Der musikalische Apparat ist deutlich verkleinert. Über weite Strecken werden die großen Momente der Operngeschichte von zwei Pianos interpretiert. Und genau das ist das Konzept: durch Weglassen und Reduktion eine Sehnsucht erzeugen. Die Sehnsucht nach großer Oper, nach großem Orchester und einem personenstark besetzten Chor.

Für mich geht das Konzept auf, ich bin wirklich berührt von der Vielzahl der gebotenen Zitate und Anspielungen. Und gleichwohl ist es fast schmerzlich, dem „kleinen musikalischen Besteck“ zuzuhören, denn in meinem Hinterkopf laufen durchgängig die Klänge einer großen Besetzung.

Mit einigen klamaukigen Zwischenspielen kann ich nicht viel anfangen, dennoch sind diese wahrscheinlich gut gewählt, weil hierdurch die gesamte Bandbreite möglicher Stimmungen aufgenommen wird.

Zu wahrlicher Größe erwächst der Abend durch die szenische Darbietung. Hier werden viele Register gezogen, die bühnentechnisch möglich sind. Hubpodien rasen hoch und runter, große Projektionen erweitern das Bühnengeschehen, und interessante Perspektivwechsel lassen mich wirklich staunen. Die Bildkompositionen sind wie Kunstwerke und wirken nach. Manchmal denke ich daran, eine Pausen-Taste zu drücken, um den einen oder anderen Moment noch ein wenig länger zu betrachten.

Aus der Not erwächst große Kreativität. Der vergangene Abend ist ein gutes Beispiel.

Vielen Dank! Die Bühne ist zurückerobert!

Markus_Wendel

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

The Art of Losing

Helma Kremer über die Premiere „Vissi d’arte“

Die Premiere von „Vissi d’arte – Eine Liebeserklärung an die Opernbühne“ ist für mich die erste Opern-Vorstellung seit Beginn der Corona-Pandemie. Ich bin gespannt, aber auch ein wenig ängstlich: Was wird mich erwarten? Wird es womöglich eher ein Abend, an dem einem (mal wieder) vor Augen geführt wird, dass nichts mehr ist, wie es war und man sich fragt, wann die Normalität wieder Einzug hält, auch in den Kulturbetrieb?

Erwartungsgemäß ist schon beim Eintritt ins Opernhaus alles anders: Die Besucher tragen Mundschutz und halten Abstand, man begrüßt sich mit einem Winken, statt mit Küsschen und natürlich gilt es auch hier, das unvermeidliche Kontaktformular auszufüllen. Die Anzahl, oder besser die „Unterzahl“ der Besucher im Zuschauerraum wirkt befremdlich, vor allem für eine Premiere. Sicherheitsbedingt ist der Raum gerade mal mit einem Viertel der Normalkapazität belegt, die Reihen vor und hinter mir sind leer, ebenso die Plätze links und rechts von mir. Aber dann geht’s los: „Vissi d’arte – eine Liebeserklärung an die Opernbühne!“ heißt diese Produktion, die während, oder besser gesagt, unter Corona, entstanden ist. Und sie scheint dem, unter COVID 19-Bedingungen, agierenden Opernbetrieb wirklich auf den (gequälten) Leib geschrieben. „Eine Liebeserklärung“ – allerdings… und was für eine!

Schon die Auswahl der Arien, Ouvertüren und Lieder bringt so viel von allem, was Opernliebhabern am Herzen liegt. Dieser Abend bietet künstlerisch nur das Beste, sowohl hinsichtlich der gesanglichen als auch hinsichtlich der schauspielerischen Leistungen. Meine persönliche Neuentdeckung ist Heidi Elisabeth Meier, die unter anderem in den Arien der Königin der Nacht  begeistert. Minimalismus ist hier ein adäquater Kunstgriff, um Sehnsucht zu erzeugen. Ouvertüren erklingen als Klavierlieder, die das Orchester umso schmerzlicher vermissen lassen. Ein Bruchteil des Chors erscheint – mit Mundschutz – auf der Bühne und summt die berühmte Arie „Lippen schweigen“ von Franz Léhar.

Diese Produktion, die in ihrer ganz eigentümlichen Kombination aus schonungsloser Ehrlichkeit und künstlerischen Schönheit einfach berühren muss, liefert EINE Antwort – womöglich auch DIE Antwort – auf die Frage „Wie geht man (in der Kunst) mit der Pandemie um?“

Die szenische Umsetzung der erzählten Geschichte(n) ist ebenfalls brillant. Schließlich heißt es „eine Liebeserklärung an die OpernBÜHNE“. Der Orchestergraben fährt hoch und wieder herunter, zuweilen ist er mit fünf oder sechs Musikern besetzt, ein anderes Mal ist er ganz verwaist. Ein Perspektivenwechsel ermöglicht dem Publikum den Blick von der Bühne aus in den ebenfalls verwaisten Zuschauerraum. Die Bühne selbst wirkt verwahrlost: Plastik-Müll fliegt herum und auch die Sänger und Sängerinnen sind mit Plastik abgedeckt wie Lebensmittel, die es gilt, frisch zu halten. Mitten in den Höhepunkt einer Arie platzen Bühnenarbeiter und fangen mit dem Abbau an. Die verängstigte Sängerin flüchtet sich in den Orchestergraben.

Das Stück liefert auch mir eine Antwort auf meine persönliche Befürchtung, den Opernalltag anlässlich des Besuchs einer Vorführung unter Corona-Bedingungen nur umso schmerzlicher zu vermissen: Dass Leid und Schmerz Kunst schaffen können, ist nichts Neues. Auch nicht, dass sich der Charakter in der Krise beweist. Aber hier wurde ein Gesamtkunstwerk erschaffen, ein „Phoenix aus der Asche“ par excellence. So schließt die Aufführung denn auch mit dem großen Finale „Des cendres de ton coeur…on est grand par l’amour“ aus „Hoffmanns Erzählungen“. Und als die Türen zu den hell erleuchteten Foyers aufgehen, und ich denke, die Vorstellung sei nun beendet, beschert sie mir dann noch den wundervollsten Opern-Moment ever…

Ich werde die Vorstellung ganz sicher noch ein zweites Mal besuchen; schon allein, um dieses Finale noch einmal erleben zu dürfen.

Helma_Kremer

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt Düsseldorf.

Entstanden im Herzen, zum Streicheln der Seele

Michael Langenberger über die Premiere „Vissi d’arte“

Das Programmheft beschreibt VISSI D’ARTE als “Eine Liebeserklärung an die Opernbühne” – Meines Erachtens ein klarer Fall von Understatement. Für mich ist es einzigartiges, philosophisches Musiktheater. Randvoll mit anspruchsvollen Allegorien und hintergründigen Gesichtspunkten, Abwägungen und Lösungsoptionen, dabei ganz leicht in sich aufnehmbar. Schafft ständige Neugier und Freude.

VISSI D’ARTE ist ein Opernwerk, was ich zumindest so in seiner Art, noch nie zuvor als Idee für eine Oper gesehen habe. Es ist ein Musikschauspiel über die Gefühlslage der Bühnentätigen in Corona-Lockdown-Zeiten. Es philosophiert zwischen Generalpause mit Fermate (eine Pause ohne zeitliche Festlegung…) und den realen Gefühlen der Opernschaffenden. Es schreibt keine neue Musik, sondern bindet statt dessen rund 15 musikalische Highlights, zumeist bekannter Opern und Operetten, in die Momente der Leere und Einsamkeit ein und lässt so, musikalisch, Stillstand und Düsternis vergessen; weist optimistisch in die Zukunft.

Wie im Zeitraffer werden wir Zuschauer in die ganze Zerrissenheit der letzten Monate hineingezogen. Mit allen Mitteln, die Schauspiel, Bühnenbild samt manches Mal vorgeblendeter Filmszenen möglich machen, schauen wir durch die Augen des Opernbetriebs, wie es der Oper, den Künstlern, der Kultur in Zeiten der Pandemie bislang ging. Die Zuschauer werden zeitweise visuell in den Hintergrund der Bühne mit Blick auf den leeren Opernsaal transponiert. Man wird wahrhaftig, in den Schuhen der Künstler stehend, emotional in die Realität der letzten Monate geführt, um im nächsten Moment durch hervorragend intonierte Arien wieder mit dem ganzen Optimismus auf eine tolle Zukunft herausgerissen zu werden.

Bei der Entwicklung dieses wirklich einmaligen Bühnenwerks, schlägt die Stunde der Arrangeure und Dramaturgie und vor allem der Umsetzungskreativität, den Rahmen der strengen Corona-Begrenzung 100%ig einzuhalten und mit den verrücktesten Ideen, bislang Undenkbares praktisch umzusetzen und das Publikum immer wieder ins Staunen zu versetzen. Sie meinen, ich schreibe hier um des Kaisers Bart herum? Sage nicht, was Sie alles erleben werden? Stimmt, es wäre zu schade, Sie der Überraschungen zu berauben, die Sie erwarten – finde ich.

Es ist der Weckruf, sich von der Pandemie nicht unterkriegen zu lassen. Alle Kreativität und die verrücktesten Ideen auszuspielen. Sein Leben weiterhin mit aller Schönheit zu begehen. Seine Aufgaben nur eben ganz anders zu erledigen. Die notwendigen Regeln zu beachten und gleichzeitig die ganze Lebensfreude, alles Schaffen, alles Tun, die schönsten Klänge unser Herz erwärmen lassen. Indem das Opernteam so agiert, bekommt man als Zuschauer immer wieder wohlige Gänsehaut.

Und noch eins wird mit diesem Stück sehr klar, es ist wirklich keine Selbstverständlichkeit, dass Opernsänger nicht nur hervorragend singen, sondern auch derart ausdrucksstark schauspielern können. Ein wenig, fast wie eine Trance, nehmen sie uns Zuschauer mit in ihre Gefühlswelt. Wie in vielen Opern zuvor schon erlebt, ist diesbezüglich das Ensemble der Oper am Rhein optimal besetzt.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Ein wundervoller Neuanfang an der Duisburger Oper

Mila Langbehn über die Premiere „Comedian Harmonists in Concert“

Diese erste Premiere nach der Corona-Zwangspause hat mich sehr berührt. So sehr berührt wie ich es schon viele Jahre nicht mehr bei einer Vorstellung erlebt habe. Der Riesenapplaus am Ende des Abends entsprach vollkommen meiner eigenen Freude und tiefen Dankbarkeit.

Natürlich sind da diese Einschränkungen, angefangen bei den wenig eleganten Masken, unserem Abstand überall zu allen, um dann im nur halb besetzen Zuschauerraum isoliert zu klatschen bis hin zu unübersehbaren Abstandsregeln auf der Bühne … Ja, aber hier ist es, als ob alle diese Einschränkungen miteinander bewirken, dass das Wesentliche, das, worauf es wirklich ankommt in dieser schwierigen Zeit, eine umso größere Wirkung entfalten kann. Es ist der auferlegte, wie auch der bewusst gewählte Purismus, dieser Inszenierung, der genau das freizusetzen vermag, wonach unsere Seele sich sehnt.

Nein, dies ist keine Show, wie man beim Titel „Comedian Harmonists in Concert“ vielleicht vermutet. Kein Entertainment! Kein „Wir lenken Euch jetzt mal mit was Nettem von Euren Corona-Sorgen ab.“ Die Dramaturgin Heili Schwarz-Schütte hat da einen anderen Ansatz:
kein Pomp – nur ein Flügel und die Bühne, so wie sie ist
keine Lightshow – aber Erhellung
keine Stimmen aus dem Off – ein Erzähler, ausdrucksstark (Dirk Weiler)
kein Orchester – ein Pianist, der musikalische Leiter selbst (Patrick Francis Chestnut)
keine Soundtechnik – dafür echte Stimmen, echt gute Stimmen (Cornel Frey, Luis Fernando Piedra, Florian Simson, Günes Gürle und Dmitri Vargin).
Überhaupt kein Brimborium, weder bei den Kostümen, noch bei der Choreographie – überall schlichte Eleganz und feine Akzente – durchaus humorvoll!

Kein Glanz, kein Gold!?
Aber ja! Der goldene Glanz der Comedian Harmonists, das ist etwas zutiefst Menschliches, was da intensiv von der Bühne zu uns ins Publikum strahlt. Wir sehen es mit dem Herzen. Das Wesentliche, das was uns Menschen ausmacht, tief innen drin. Und wir fühlen und wir hören es mit jedem Ton dieser sehr gekonnten wie auch wundervoll ehrlichen Darbietung.
Warum der Mensch singt? Warum es die Oper gibt? An diesem Abend können Sie es intensiv erleben.

Duisburg, Opernscouts

Mila Langbehn
Landart-Künstlerin

Die selbstständige Landart-Künstlerin hat als Amateur-Tänzerin mit klassischer Ausbildung selbst öfter auf der Bühne gestanden. Heute beschäftigt sie sich mit Landschaftskunst und Kunstaustellungen. Beim Theatererlebnis fasziniert sie insbesondere das Zusammenspiel aus den verschiedenen Komponenten Musik, Kostüm, Bühnenbild und Gesang. Besuche im Theater sind für sie ein angenehmer Gegensatz zum alltäglichen Leben und aus den Vorstellungen zieht sie oft auch Inspiration und Vergleicht diese mit ihrer eigenen Arbeit.

Endlich wieder Oper! Eine bedeutende und erschütternde Parabel

Hubert Kolb über die Premiere „Der Kaiser von Atlantis“

Trotz Atemmaske und Abstandsregeln – großen Dank dafür, dass ein Opernbesuch wieder möglich gemacht wurde und das künstlerische Team mit viel Einsatz die Oper „Der Kaiser von Atlantis“ vorbereitet und eindrucksvoll präsentiert hat!

Für fast Alle und auch für mich war diese einaktige Oper unbekannt, und doch ist ein großes und bedeutsames Werk deutscher Kultur, entstanden im Vorzeige-KZ Theresienstadt in den Jahren 1943-1944. Mit großem Mut haben Peter Kein ein Libretto gedichtet und Victor Ullmann die musikalische Umsetzung besorgt. Während der damaligen Proben wurde das Stück nach und nach politisch-moralisch entschärft und kam dennoch nicht zur Uraufführung. Soweit möglich, wurde in Düsseldorf die ursprüngliche Fassung auf die Bühne gebracht.

Die Parabel ist tiefgründig und grandios, sie sollte offenbar den Mithäftlingen die innere Stärke geben, sich über ihre Lebensbedingungen und die Todgeweihtheit zu erheben. In der Parabel verliert der Kaiser nach einem Aufruf zum Kampf Aller gegen Alle (der totale Krieg) alle Macht, weil der Tod, großartig gesungen von Luke Stoker, unter diesen Bedingungen nicht mehr seine Aufgaben wahrnehmen will. Kein Mensch kann mehr sterben, der Kaiser ist machtlos. Erst als der Kaiser mit dem Tod aushandelt, mit seinem eigenen Sterben wieder die frühere Balance von Leben, Lieben und Sterben zu ermöglichen, ist die Lebensharmonie wieder erreicht.

Victor Ullmanns harte Musik mit Trommel, Fanfare und Marsch-Rhythmik weicht einem weicheren melodischen Klang, als Liebe und Tod wieder in das Leben treten. Das Publikum war still und betroffen.

Das Stück wirkte in mir länger nach. Dafür war besonders wichtig, dass Inszenierung (Ilaria Lanzino) und Bühnenbild (Emine Güner) die Parabel nicht als Nazi-Stück oder mit Bezug auf Corona inszenierten, sondern als immerwährendes Gleichnis. Eine minimalistische Bühne mit vielen gespannten Seilen als eine Art Gefängnis für die Menschen, auch für den Kaiser. Die Seile fallen zu Boden, als die Angst vor dem Kaiser schwindet. So, wie der Text eine große Zahl von „Shakespeare-artigen“ Wahrheiten präsentierte, fügte Ilaria Lanzino eine Vielzahl von symbolhaften Bildern und Handlungen ein, welche zusammen mit dem immer sehr einfühlsamen Dirigat von Axel Kober ein überzeugendes Gesamtkunstwerk ergaben.

Fazit: Danke, dass Oper wieder möglich geworden ist. Die in diesem selten gespielten Stück präsentierte Parabel war berührend und bewegend. Hierfür war entscheidend, dass die Inszenierung der Versuchung widerstand, ein historisch oder aktuell verortetes politisches Stück zu präsentieren, sondern ein zeitloses Gleichnis von Leben, Liebe und Tod zeichnete.

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Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen.

Nostalgische Stimmung auf der Bühne

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Comedian Harmonists in Concert“

Mit dem Premierenabend „Comedian Harmonists in Concert“ hat die Deutsche Oper am Rhein in Duisburg einen sehr gelungenen Wiedereinstieg in die neue Spielzeit gefunden.

Die Geschichte des legendären Männer-Vokalquintetts aus den 20er und 30er Jahren bringen fünf Solisten aus dem Ensemble der Rheinoper mitsamt Pianist auf die Bühne: Vokal mit den wohlbekannten Ohrwürmern wie „Veronika, der Lenz ist da“, „Liebling, mein Herz lässt Dich grüßen“ und natürlich dem „kleinen grünen Kaktus“ und verbal in Form der humorig erzählten wechselvollen Geschichte der Gesangscombo.

Die Zeit ab 1928: Die Gesangsmitglieder finden nach und nach zusammen, sie  proben unter widrigen Bedingungen in Berlin, haben erste zaghafte Erfolge auf kleinen Bühnen. Mit Enthusiasmus und hartnäckigem Durchhaltevermögen starten die fünf Sänger sowie Pianist ihre Karriere aus dem Nichts. Das Aufkommen der Schellackplatte hilft ihnen dabei. Ein begeistertes Publikum beschert den Herren im Frack, die ihre eigene Kunst zwar vom musikalischen Anspruch ernst nehmen, aber ihr Unterhaltungsgenre auch mit viel Augenzwinkern betrachten, eine steile Karriere und Berühmtheit weit über die Landesgrenzen hinaus.

Songs wie „Creole love call“, „Kannst Du pfeifen, Johanna?“ oder „Schöne Isabella von Kastilien“ funktionieren auch heute noch als Stimmungsmacher überall auf der Welt und waren Grundlage des anhaltenden Erfolges. Sie dürfen auch an diesem Abend nicht fehlen.

Die fünf Sänger der Deutschen Oper am Rhein machen ihre Sache gesanglich sehr gut, kleine Soli werden gerecht unter den Sängern verteilt und –trotz Singen und Agieren auf Abstand-  gelingt ihnen ein sauber intoniertes und aufeinander abgestimmtes Miteinander. Dabei ist es nicht einfach, eine „Show“ à la Comedian Harmonists zu bieten: Die Corona-Regeln befehlen beim Singen einen 3-Meter-Mindestabstand untereinander, auch einen sehr großen Abstand vom Bühnenrand, der Pianist mit Flügel bildet nicht den Mittelpunkt, sondern den Hintergrund. Räumlich also viel Distanz – stimmlich nicht – hier überzeugen die Herren sehr, wie sie so stilecht auftreten im schwarzen Frack und weißer Fliege, mit zeitgemäß pomadiger und korrekt gescheitelter Frisur. Auch mit kleinen Mini-Choreographien, humorigen Gesten, die die Liedtexte untermalen, guten Lichteffekten und passender Mimik zaubern sie eine nostalgische Stimmung auf die Bühne.

Dennoch bleibt das Gefühl von „der guten alten Zeit“ hier keineswegs ungetrübt: Die Geschichte der Unterhaltungs-Combo ist eben nicht nur die staunenswert-fröhlich-romantische eines rasanten Aufstiegs, sondern auch die tragische eines politisch erzwungenen Abbruchs durch die Nationalsozialisten, die dem Ensemble 1935 wegen der jüdischstämmigen Mitglieder ein Berufsverbot erteilten. Ein brutales und jähes Ende für die legendären Comedian Harmonists… Irgendwo zwischen der Hoffnung eines „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines Stückchen Glück, und ich träum davon in jedem Augenblick…“ und der ansteckenden Fröhlichkeit eines „Ich hab‘ für Dich ‘nen Blumentopf bestellt“ lässt man sich von den emotionalen Stimmungen gern mitreißen – die Zuhörer haben es mit enthusiastischem Applaus gedankt.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Ein musikalischer Zeitzeuge

Markus Wendel über die Premiere „Der Kaiser von Atlantis“

Die Inszenierung ist wahrlich gelungen. Die Verortung wunderbar düster und zeitlos, ganz nach meinem Geschmack. Das Ensemble singt hervorragend. Irgendwie scheint alles aus einem Guss zu sein an diesem Abend, zur Premiere von „Der Kaiser von Atlantis“. Und doch bleibt all dies zurück, tritt in den Hintergrund, erscheint mir nicht wichtig. Denn das Stück erfährt eine so untrennbar starke Verbindung zu seiner Entstehungsgeschichte, dass bereits seine pure Aufführung an sich gewürdigt werden sollte.

Ich erlebe eine emotional aufwühlende Vorstellung wie selten zuvor.

Die Handlung ist geprägt vom Tod, aber auch vom Versuch des Lebens, ja des Überlebens. Am Ende verklärt in eine vorherrschende Todessehnsucht. Dem Regime des brutalen Kaisers scheint kein Entrinnen möglich. Sogar der Tod persönlich verweigert seinen Dienst. Die wenigen Botschaften der Liebe wirken einsam und hoffnungslos. Und dennoch scheint es Hoffnung zu geben. Streckenweise ist es für mich nur schwer zu ertragen, auf welche Weise die eigentlichen Botschaften des Stücks transportiert werden sollten. Die harten Bilder der aktuellen Inszenierung verstärken diese Wirkung obendrein.

Hier und da blitzt feiner Humor durch den Text und die musikalische Untermalung. Auch der Blick durch die Brille der heutigen Zeit lässt einige Grotesken erscheinen, die mich zum Lächeln, wenn nicht sogar zum Lachen bringen möchten. Doch dies dringt nicht nach außen. Denn in allem spüre ich den Herzschlag einer unguten Zeit.

Für die aktuelle Corona-Situation ist das Werk scheinbar wie gemacht: wenige Darsteller, klein besetztes Orchester und obendrein kurz und ohne Pause. Aber wie sollte es auch anders sein bei einem Stück, welches innerhalb eines Konzentrationslagers entstand und dort zur Uraufführung geplant war. Vielleicht liegt aber genau in dieser Überschaubarkeit und Klarheit der Schlüssel zu einer solch eingängigen Wirkung.

In aller Form danke ich der Deutschen Oper am Rhein für diesen berührenden Abend, wenngleich ich mit folgendem Satz enden möchte:

Es bleibt die Faust in der Magengrube.

Markus_Wendel

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

„Es ist die Eifersucht. Die Gewalt der Liebe“

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Karolina Wais über die Premiere von „Alcina“

Es gibt ihn, es gibt tatsächlich diesen Augenblick in der Oper, der einen zu Tränen rühren kann. Ich habe ihn an diesem Abend erlebt.

Es ist der Moment am Ende des zweiten Aktes als sich die Bühne teilt.
Ein übergroßer Schatten Alcinas wird auf die Bühne projiziert. Alcina singt zerrissenen Herzens ihre jüngere und die ältere Version herbei.
Es wird mir bewusst, dass ich mich in Augenblicken voller Verzweiflung oft an meine Kindheit erinnere, um mich darauf zu besinnen, was mir in schwierigen Situationen Halt gegeben hat.
Gleichzeitig denke ich an mein zukünftiges, weiseres Ich, welches sich über die Vergänglichkeit dieser Augenblicke bewusst ist.

Dann legt sich die junge Alcina in der Embryonalstellung hin, die gegenwärtige Alcina tut es ihr nach. Sie verschmelzen förmlich in einer Umarmung. Der Körper erinnert die Psyche an die Zeit, zu welcher alle Bedürfnisse erfüllt sind, die Zeit im Bauch der Mutter.
Der Mensch ist hier geschützt, umarmt, gewogen, unbeschwert, geliebt…
So kann man sich über die Verzweiflung erheben.

Eigentlich wäre meine Rezension jetzt fertig, ich möchte aber noch erwähnen wie beeindruckend ich das Bühnenbild fand.
Es hat raffiniert, durch den perspektivischen Einsatz von mehreren Balkenelementen und Lichteffekten, eine Insel angedeutet. Ich hatte den Eindruck, hinter dem Bühnenbild fängt das Meer an.

Die Inszenierung tragen vier Frauen als Hauptrollen, sie sind hervorragend.
Maria Kataeva (Ruggiero) spielt authentisch ihre männliche Rolle.
Shira Patchornik, die Zweitbesetzung an diesem Abend singt/spielt voller Leichtigkeit und Anmut. Ich schaue und höre ihr gerne zu.
Jacquelyn Wagner (Alcina) und Wallis Giunta (Bradamante) können mithalten und sorgen für einen mich sehr berührenden Abend.
Vielen Dank dafür.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Zauber der Klänge

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Benedikt Stahl über die Premiere von „Alcina“

In Erinnerung an die wunderbare Alcina-Premiere gehe ich nochmal der Frage nach, was mich daran am meisten beeindruckt hat und lande immer wieder vor allem bei der zauberhaften Musik.

Warum, so frage ich mich, ist das Zusammenspiel von Stimmen und Instrumenten, das Erzählerische, Herzergreifende, Warme, hier so einzigartig faszinierend.
Ein Gespräch mit meinem Bruder Marcus, der sich seit Jahrzehnten als Instrumentenbauer mit dem Zauber alter Klänge beschäftigt, liefert Erhellendes. Sofort kommt er ins Schwärmen und begründet dieses Phänomen unter anderem damit, dass die alten Instrumente der menschlichen Stimme so nah seien.
Ihre breit angelegten Klangfarben, so meint er, gingen mit ihrem Leuchten bis unter die Haut, ihre Transparenz sei deutlich höher und durchscheinender als bei neuen Instrumenten und je nachdem wer diese Musik singt oder spielt, wären die darin verborgenen Emotionen so unmittelbar zu spüren, dass einem mitunter der Atem weg bleibe.

Wie wahr! Das kann ich sehr gut nachempfinden und beschreibt meine Bewegtheit an diesem Abend (und danach) sehr zutreffend.
Vor allem die vier weiblichen Hauptpersonen Jaquelyn Wagner (Alcina), Maria Kataeva (Ruggiero), Shira Patchornik (Morgana) und Wallis Giunta (Bradamante) schaffen es mit ihren Arien und im Zusammenspiel mit dem grandiosen Orchester der neuen Düsseldorfer Hofmusik unter der Leitung von Axel Kober, tiefste Empfindungen zu berühren.
Das muss man gehört und erlebt haben!

Darüber hinaus gelingt der niederländischen Regisseurin Lotte de Beer eine Inszenierung, die das Programm der Düsseldorfer Oper wirklich bereichert.
Die Ideen für Bühne, Licht und Farben fallen für mich persönlich zwar ein bisschen zu üppig und ausladend aus, schaffen es aber dennoch sehr eindrücklich, die Erzählung stimmungsreich zu pointieren.
Das Spiel mit der sich stetig verändernden räumlichen Tiefe nimmt (trotz der etwas wackligen Bühnenkonstruktion) den Zuschauer tatsächlich mit auf eine Insel der Liebe, die dort all ihre Untiefen auszubreiten vermag und am Ende ist man doch irgendwie erleichtert, dass alles nur ein Spiel war. Oder?

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Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

 

 

Alte Musik 2.0

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Markus Wendel über die Premiere von „Alcina“

Es ist schon etwas Besonderes, wenn musikalische Stücke unglaublichen Alters zur Aufführung kommen.
Ich finde, es geht mit einem besonderen Zauber einher, wenn es dunkel wird im Theatersaal und Musik erklingt wie bereits vor fast dreihundert Jahren. Und so hatte ich in den ersten Minuten der vergangenen Premiere die Augen geschlossen. Um dies zu spüren, um dies als Fenster zu nutzen in eine längst vergangene Zeit.

Die Handlung ist völlig kompliziert. Auch unter Zuhilfenahme von Programmheft, Einführung und Übertiteln habe ich das verworrene Verwechslungs-Spiel nicht verstanden.

Szenisch bietet die Bühne mit ihrer extremen Perspektive einige spannende Möglichkeiten.
Das Bild wird im Verlauf erst fragmentiert und verschoben, am Ende dekonstruiert und aufgelöst. Wirklich gut ergänzt sich die ästhetisch-dunkle Lounge-Atmosphäre der Bühne mit dem Regiekonzept.
Durch Dopplungen von Personen und Handlungssträngen wird das Verwirrspiel in Bilder gerückt, die mich auch in den Tagen nach der Premiere noch beschäftigen. Bravo!

Eine große Überraschung für mich ist die Neue Düsseldorfer Hofmusik.
Alte Musik ist wirklich nicht meins, und bei einer Spielzeit von fast drei Stunden (und das ist schon gekürzt) echt fordernd. Aber an dieser Stelle verbinden sich zwei Dinge auf ganz wunderbare Weise.
Zum einen ist da die akzentuierte Instrumentierung. Bis zum Ende treten immer neue Variationen von Instrumenten in den Vordergrund und schaffen eine Vielzahl musikalischer Stimmungen.
Zum anderen verleiht Axel Kober der Musik eine Frische und Modernität, die den Staub der Jahrhunderte mit scheinbarer Leichtigkeit hinfort zu pusten vermag.

Gesanglich möchte ich kein Urteil abgeben, dafür habe ich bislang zu wenig alte Musik gehört.
Großartig finde ich in jedem Fall die israelische Sopranistin Shira Patchornik in der Rolle der Morgana.

Am Ende ist „Alcina“ wahrscheinlich das anstrengendste Stück, dass ich an der Deutschen Oper am Rhein gesehen habe.
Dennoch empfinde ich es als Bereicherung, und allen Freunden der alten Musik möchte ich es empfehlen.

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Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“. Überrascht war er davon, dass die Ballettinszenierungen 2018/19 ihn sogar mehr faszinierten als die Operninszenierungen.

Alcina – love is all you need

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Charlotte Kaup über „Alcina“

Alcina – love is all you need
So scheint es zumindest an diesem Abend in der Oper am Rhein. In der Barockoper von Georg Friedrich Händel dreht sich alles um Liebe, Eifersucht, Liebe, Hass, Liebe, Betrug und, achso – hatte ich Liebe erwähnt?

Der etwa dreistündige Opernabend sticht in vielerlei Hinsicht positiv hervor und verzaubert durch seine wunderbaren und historisch anmutenden Klänge der Neuen Düsseldorfer Hofmusik.
Zusätzlich zu bestaunen sind vier hervorragende Sängerinnen in den Hauptrollen, allen voran Jaquelyn Wagner, welche durch ihre Stimme und auch dank ihrer Präsenz eine imposante Alcina verkörpert und Wallis Giunta als Bradamante, die mit ihrem Schauspiel große Lebendigkeit auf die Bühne bringt.
Zentral ist außerdem ein raffiniertes Bühnenbild, welches die Handlung sehr klar untermalt und gleich in der Anfangsszene mit der Musik zu verschmelzen scheint. Üppig, floral und organisch beginnend, bis hin zu einer kühlen geometrischen Dekonstruktion.

In den zweieinhalb Stunden zwischen diesen spektakulären Endpunkten spielt sich jedoch eine für mich etwas quälend elongierte Handlung ab. Getrieben von vordergründiger Liebe, falschen Schwüren und dem wiederholten Missverständnis, bleibt das Stück im anscheinend zeitlosen Sumpf zwischenmenschlicher Seichtigkeit stecken.
Wenngleich in dieser Interpretation die Frauen in der dominanten Rolle auftreten, hängt deren Erfüllung scheinbar davon ab, geliebt zu werden und Macht auszuüben.
Am Ende wird der Narzissmus, die Machtgier zu Einsamkeit und Abhängigkeit.

Positiv zu erwähnen sind in jedem Fall die Statisten, welchen in der Gruppe eine durchaus tragende Rolle als stummes Gegengewicht zu Alcina bilden.
Mal in witzigen, mal bedrückenden Passagen erweitern sie das Stück um eine starke symbolische Bildsprache.

Thematisch sind die Grenzen des Stückes wohl vor fast 300 Jahren gesetzt worden.
Der Rest ist eine sehr sehenswerte, erfrischend andere und grandios inszenierte, gespielte und vertonte Oper.

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Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Vor kurzem hat die junge Ärztin eine Stelle in Mönchen Gladbach angetreten. Vorher arbeitete sie einige Jahre als Ballettlehrerin beim Hochschulsport. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und ist sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires.
Bezüglich der Oper ist sie ein Neuling, möchte dies aber gerne ändern und freut sich deshalb auf ihre Zeit als Scout und die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern

Wer sich etwas wirklich Besonderes gönnen will…

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Michael Langenberger über die Premiere von „Alcina“

Premiere von “Alcina”. Ein großartiger, ein besonderer Abend. Besonders nicht nur weil es sich um eine Barockoper handelt, ein Genre, was nicht so oft auf dem Spielplan steht. Besonders auch wegen der vorzüglichen Besetzung aller Positionen vor, auf und hinter der Bühne.
Und großartig, weil Regisseurin Lotte de Beer, als Frau, am Ende eben auch eine denkbare Auflösung eines intriganten Machtspiels von Frauen an Männern anbietet, was man einem Mann wahrscheinlich so nicht hätte durchgehen lassen.
So schafft Lotte de Beer mit einer Oper aus dem Jahr 1735, ohne Stilbruch, eine Inszenierung, die Top modern in die heutige Zeit passt und dabei gleichzeitig sehr werktreu ist. G. F. Händel wäre begeistert gewesen! Ich war es auf jeden Fall.

Die Ouvertüre erklingt – kraftvoll, geradezu spritzig, vorgetragen von der “Neuen Düsseldorfer Hofmusik“ unter Generalmusikdirektor Axel Kober.
Klingt gar nicht alt, obwohl auf Original Barockinstrumenten gespielt. Mehr Klang, mehr Sicht auf die virtuosen Akteure für das Publikum, weil die Musiker aus einem erhöhten Orchestergraben heraus spielen. Die Musiker selbst haben so selbst auch mit Blickkontakt zur Bühne. Jeder Einsatz sitzt.
Überhaupt, das Klangvergnügen aller Sängerinnen und Sänger wirkt fragil. Im Zusammenspiel mit dem Orchester, ausbalanciert. Insgesamt eher ein Werk der leiseren Töne und trotzdem dynamisch.
Die Akteure auf der Bühne geben alles, mit ihren Stimmen und schauspielerischen Qualitäten. Mir fällt es schwer, da jemanden besonders hervorzuheben.

Einzig das Kostüm der Alcina hat man m.E. unvorteilhaft ausgesucht.
Mit bedeckten Schultern und Schuhen mit niedrigeren Absätzen, hätte Alcina noch besser ins Gesamtbild gepasst; eine unwesentliche Kleinigkeit sicherlich, doch vielleicht das “i”-Tüpfelchen.

Genial finde ich auch das Bühnenbild, aus äußerst wandlungsfähigen “Inseln” mit Pergola ähnlichen 3-D-Gestellen in Fluchtpunktperspektive, die der Bühne verschiedenste Impressionen und damit dem Schauspielerischen wertvolle Unterstützung liefert.
Im Zusammenspiel mit unglaublich wirkungsvollen Beleuchtungseffekten und zusätzlichen Bildprojektionen, entsteht ein wahrer Zauber für die Augen.

Besonders pfiffig ist, wie gesagt, Lotte de Beers Idee, durch wortlose Spielszenen der Statisten, eine psychologische Auflösung von Alcinas Irrweg dem Zuschauer als zusätzliche Handlung in der eigentlichen Story der Oper anzubieten.
Das tolle daran, dem Zuschauer erschließt sich diese eingeschlossene Handlung erst gegen Ende der Oper.

Ich fand es eine der insgesamt vollkommensten Operninszenierungen, die ich je gesehen habe.

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Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Feierlich und befremdlich

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Sassa von Roehl über die Premiere von „Alcina“

Höre ich Georg Friedrich Händels Musik, erfasst mich ein feierliches, erhabenes Gefühl. So ging es mir auch schon bei den ersten Klängen von Händels 1735 in London uraufgeführten Oper Alcina.
Besonders die weichen Töne der historischen Instrumente der Neuen Düsseldorfer Hofmusik, dirigiert von Axel Kober lösten eine wunderbare Festlichkeit in mir aus.
Die sich langsam aus anfänglichen Lichtpunkten bildende üppige Blütenpracht stimmte mich auf die an Flora und Fauna reiche Zauber-Insel der Alcina ein. Umso mehr war ich enttäuscht, als sich der Vorhang hob und ich mich der profanen Welt einer Ferienclub-Atmosphäre gegenüber sah.
Die Bar am Pool eines Urlaubsressorts passte für mich so gar nicht zur romantischen Musik Händels und den herrlichen Stimmen der Sängerinnen. Ich hätte mit einer reduzierten Bühne gerne mehr Spielraum für meine Phantasie gehabt. Als die Drinks sogar noch zu Händels aufregenden Rhythmen „geshaked“ wurden, war mir die Diskrepanz zu krass.
Später, als das Reich Alcinas unterging und alles leer und öd wurde, konnte ich mich wieder mit dem Bühnenbild versöhnen und mit der verlassenen, desillusionierten Zauberin mit verlaufender Wimperntusche richtig mitleiden.
Auch die Darstellung der gealterten Alcina am Ende der Oper fand ich grandios, die der verzauberten Liebhaber einfallsreich

Neben der herrlichen Musik beeindruckten mich vor allem die vier Sängerinnen.
Allen voran die eingesprungene Shira Patchornik als Alcinas Schwester Morgana.
Die wunderbare Arie „verdi prati“,  gesungen von Maria Kataeva brachten mich an den Rand der Tränen. Sie ist für mich der Höhepunkt der gesamten Oper. Die klangliche Exzellenz und Vielfalt trugen mich ohne Weiteres über das für mich nicht immer stimmige Bühnenbild hinweg.
So ging ich erfüllt von einem denkwürdigen Musikerlebnis und dem professionellen und mitreißenden Können der Künstlerinnen nach Hause. Ich möchte dieses Erlebnis eines aufregenden Liebesreigens zum Valentinstag 2020 nicht missen und werde mich sicherlich immer sehr positiv daran erinnern.

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Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“. Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Schluss mit den Vorurteilen!!!

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Stefanie Hüber über die Premiere von „Alcina“

Richtig gefreut hatte ich mich auf „ Alcina“ nicht, da ich mir eine barocke Oper nicht wirklich spannend vorstellen konnte.
Barocke Musik empfinde ich als langweilig, und ehrlich gesagt, wusste ich ,bevor ich mich jetzt mit diesem Thema auseinandersetzte, gar nicht dass es soooo viele Barockopern gibt, allein von Händel um die 60!!!

Um so toller war dann der Abend:
Zunächst mal dieses Superorchester. Eine interessante Besetzung, die ich so nicht kannte und deren Instrumente mir nicht alle bekannt waren.
Da gab es noch die gute alte Blockflöte als Vorstufe zu der bis dahin noch nicht erfundenen Klarinette. Insgesamt empfand ich das komplette Instrumentenspiel von der Intonation und Dynamik her als nahezu perfekt.
Die Musik war für mich unerwartet dramatisch und dynamisch und unterstützte dadurch die Handlung, damit hätte ich, wie vorher schon zugegeben, nie gerechnet.
Es gab wunderbare Arien, von allen Sängern wunderschön vorgetragen, wobei mir persönlich Alcinas Gesang (Jacqueline Wagner) am besten gefiel.
Die Bühneninstallation war großartig, sie ließ ohne große Umbauten viele unterschiedliche Varianten zu, und auch Beleuchtung und Mobiliar passten perfekt dazu.
Zeitlich empfand ich die Inszenierung als eine Mischung aus den 20er und 50er Jahren. Ein bisschen Great Gatsby-Athmo (Alkohol,Sex und sinnlos die Zeit totschlagen) kombiniert mit dem Gesellschaftsbild der 50er.
Zwar war Alcina die männerfressende Amazone, doch die anderen Frauen auf der Insel waren doch eher sehr angepasst und trugen Petticoats und Frisuren aus jener Zeit, als Frauen vorrangig hübsches Beiwerk zu sein hatten.
Super gefallen hat mir die Szene von Bradamantes Verwandlung von Mann zu Frau, wie sie ihre Mütze auszieht und die lange rothaarige Mähne schüttelt, könnte man glatt zur Shampooreklame umfungieren!!!
Zu langweilig empfand ich die Darstellung von Alcina als alte Frau.
Nachdem ich endlich geschnallt hab, wer das sein soll, hätte ich mehr erwartet, vielleicht dass sie als offensichtlich verhärmter und vielleicht auch ausgemergelter dargestellt worden wäre.

Alles in allem war es ein berauschender Opernabend, und ich bin sicher ,dass ich durch diese positive Überraschung demnächst offener für neue Erlebnisse sein werde, Schluss mit den Vorurteilen!!!

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Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Das Epizentrum der Female Power

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Sandra Christmann über die Premiere von „Alcina“

Dass ausgerechnet barocke Musik, Georg Friedrich Händel, mir den bisher süßesten Abend meiner Opernscoutära beschert, war nicht absehbar, aber umso erfreulicher. Ein wunderbarer Abend.
Die Musik, neue Düsseldorfer Hofmusik – oh mein Gott – Künstler! Und der Herr Kober ist ein absoluter Rockstar!!! Das habe ich nicht erwartet.
Man kann sich in der Musik über Stunden verlieren, würde dort nicht fesselndes Drama den Ton angeben.

Denn:
Lotte de Beer (für mich): ein Ausnahmetalent.
Was ist da los, dass sie eine solch unfassbar präzise, grandiose Inszenierung so auf die Bühne bringt, dass wir Gäste mit ungebrochener Konzentration, Dauergänsehaut, Wohlgefühl, Freude und Respekt diesen Abend als Geschenk entgegennehmen.
Ladies Power  of the very finest.

Shira Patchornik als Morgana
Wallis Giunta als Bradamante
Jacquelyn Wagner als Alcina
Maria Kataeva als Ruggiero

Wallis Giunta. Betörend für alle Sinne. Würde sie nicht auch noch so wunderbar singen, reichte es aus ihrem Spiel nur zuzusehen und sie anzustarren.
Keine der Sängerinnen steht der anderen nach, jede für sich kann sich der ungeteilten Aufmerksamkeit sicher sein.  Gesanglich war es Champagner.
Sie und Maria Kataeva in Männerrollen überzeugen kraftvoll und spielerisch, so glaubhaft, dass die Männer dieser Inszenierung verblassen.

Meines Erachtens liegt die wirklich hohe Kunst dieser Inszenierung aus allen Disziplinen das Beste vereint zu haben.
Das Bühnenbild ist absolut fantastisch – excellente Lichtregie – die Kostüme auf den Punkt. Keine Längen! Dramaturgisch eine Meisterleistung.

Nicht alles hat sich mir in der Handlung erschlossen, was nicht an der Darstellung, sondern definitiv an mir lag. Aber die Liebeswirren, die Intriganz, das Begehren, die Ohnmacht, den Kampf, die Leidenschaft habe ich gefühlt.
Das alles auf Italienisch, der Sprache der Liebe. Sono grata.

PERFETTO! MUST SEE!

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Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair Internantional GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Langweilige Barockoper? Musik- und Bühnengenuss!!

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Hubert Kolb über die Premiere von „Alcina“

Manchmal etwas anspruchsvoll und vermutlich langweilig, so hatte ich mir Opern von Händel vorgestellt. Immerhin hat er über fünfzig Opern komponiert, immer mit Blick auf kommerziellen Erfolg in London.
Welche Überraschung war dann der genussvolle Abend in der Oper am Rhein!

Drei Punkte waren hierfür verantwortlich:

  1. Als Klangkörper diente die Neue Düsseldorfer Hofmusik, welche auf alten oder nachgebauten Instrumenten im halb hochgehobenen Orchestergraben spielte. Dirigent GMD Axel Kober erreichte ein technisch und musikalisch hohes Niveau. Instrumentalmusik und Gesang waren eine bemerkenswerte Einheit, mit angenehmer Dynamik.
  2. Die Stimmen der vier weiblichen Hauptpersonen waren in der Klangfarbe gut auf einander abgestimmt, Gesang und Spiel auf der Bühne waren eindrucksvoll. Bemerkenswert war dabei die Leistung der aus Wiesbaden aus Krankheitsgründen eingesprungenen israelischen Sopranistin Shira Patchornik in der Rolle der Morgana.
    Passend zur Rolle der Inselherrscherin Alcina hatte Jacquelyn Wagner eine dominante Präsenz auf der Bühne.
    „Unsere“ Maria Kataeva spielte die Hosenrolle des Ruggiero perfekt.
    Wallis Giunta als Bradamante war ebenfalls überzeugend, mit enormer körperlicher Lebendigkeit.
    Die beiden Solisten für die „echten“ Männer waren nicht so gut gewählt.
    Und es gab so viele melancholisch-schöne Arien der Sängerinnen, mit barockgemäßer Wiederholung der unerwartet eingängigen Melodien.
    Dass an einigen Stellen gekürzt wurde, war dennoch gut.
  3. Die Inszenierung, die Bühne, die Kostüme, das Licht und die Personenregie waren eine gelungene Gesamtkomposition.
    Das Geschehen um die Zauberin Alcina, welche Männer zu ihrem Eigengenuss verhext und später durch deren Verwandlung in Tiere oder Steine loswird, wurde in die heutige Zeit transponiert, etwas „me too“ anders herum.
    Die Bühne wirkte wie ein Wellness-Resort auf einer Insel.
    Nach dem Bruch des Zaubers und dem Happy-End für Alcinas Opfer (aber nicht für sie selbst), verwandelte sich alles in eine kahle Umwelt.
    Der Paradiesgarten, die Kostüme und das schöne Licht waren nur Genuss-orientierte Zauberei.

Fazit: Die Inszenierung von Lotte de Beer und die musikalische Interpretation durch Axel Kober gaben dieser Oper etwas schwungvoll Modernes. Dazu kam der Genuss herrlicher barocker Arien im großartigen Zusammenspiel mit dem Barockorchester. Langer Beifall, der in Standing Ovations mündete.

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Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt.

Hiphopmäßig?

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„Sag mal, hast Du Lust mit mir in die Oper zu gehen?“
„Mmmh.“
„Heißt?“
„Was gibt’s denn?“
„Die Fledermaus.“
„Mmmh.“
„Heißt?“
„Worum gehts denn da?“
„Weiß ich ehrlich gesagt auch nicht mehr so genau und ist, glaube ich, auch gar nicht so wichtig. Verdrehtes Zeug. Irgendwas mit Sex and Drugs and Rock´n Roll.“
„Echt? Klingt ja fast hiphopmäßig.“
„Ja, ist vielleicht gar nicht so weit davon weg. Vielleicht ein etwas anderes Publikum, aber wenn ich mir das genau überlege, auch nicht so ganz viel anders. Außerdem ists viel wienerischer, eher sowas wie: Erotik, an Schnapserl und Walzer“
„Mmmh.“
„Heißt?“
„Okay, warum eigentlich nicht.“

So in etwa hat es sich zugetragen, als ich meinen 19-jährigen Sohn gefragt habe, ob er mit mir in die Freundeskreis-Vorstellung gehen will und ich muss gestehen: wir hatten unseren Spaß!
Das goldgerahmte Bühnenbild ist voll cool. Erst recht, wenn man oben im Rang und damit auf Augenhöhe der Bildmitte sitzt.
Glitzer, Glamour, Übertreibungen, Kitsch, schräge Farb- und Materialkompositionen: nix passt zueinander und damit passt alles.
Die lebendige Musik nimmt einen mit, die Sängerinnen und Sänger singen fantastisch (Anke Krabbe als Rosalinde ist wunderbar!), Chor und Orchester sind einfach klasse!

Die beiden Akte vor der Pause geraten zwar ein bisschen lang aber danach wird’s mit dem super von Wolfgang Reinbacher gespielten Frosch wunderbar quatschig und amüsant und im Nu ist der ganze Spaß vorbei.

Unser Rezept für den Besuch: Allen Ernst zuhause lassen, auf Durchzug schalten und einfach nur die üppig bunten Bilder mit Wiener Musik genießen! Dann wird’s ein schöner lustvoller Abend.
Irgendwie hiphopmäßig eben.

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Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

Vergnügliches und nachdenkliches Wiedererkennen

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Sassa von Roehl über die Premiere von „Die Fledermaus“

Auch ich nährte mich dem Genre Operette mit einer großen Portion Vorurteilen.
Hätte ich nicht die Ehre Opernscout sein zu dürfen, wäre mir bestimmt nicht eingefallen Karten für eine Aufführung der „Fledermaus“ zu besorgen.
Zu oberflächlich, zu kitschig und zu gestrig waren meine Erwartungen.

Doch es kam anders: gleich die ersten Töne klangen wohlig vertraut in meinen Ohren und nach kurzer Zeit sah ich mich als Fünfjährige vor dem für mich äußerst aufregenden Musikschrank meiner Oma sitzen, erwartungsvoll  die leicht quietschenden Schiebetüren öffnen und in den ordentlich nach Nummern einsortierten Schallplatten kramen.
Anneliese Rothenberger und Rudolf Schock hießen damals Omas Lieblingsinterpreten und oft legte sie die „Fledermaus“ auf. So ließ ich mich versöhnt ein in den knallbunten, ironischen Spaß einer modernen Inszenierung und fühlte mich in weiten Teilen gut und mit einem Augenzwinkern unterhalten.
Die Texte schrammten zwar vor allem im dritten Akt haarscharf an Kalauern und Plattitüden vorbei und trafen nicht immer meinen Geschmack, aber Bühnenbild und Musik entführten mich in die Welt der Illusion mit der Botschaft nicht alles so ernst zu nehmen.
Bei der Ausstattung und den Kostümen fiel mir vor allem die Liebe zum Detail positiv auf, wie zum Beispiel die roten Perücken, Glitzerstiefelchen und pink-silbernen Weltraumrucksäcke der Tänzerinnen.
Die verschieden großen Rahmen, in der die Handlung stattfand lösten den Gedanken aus, dass wir wohl alle eine eigene, kleinere oder größere Bühne brauchen, um uns bei unseren Mitmenschen sichtbar zu machen.

So ging ich leicht beschwingt nach Hause und verstand  zum ersten Mal, warum diese Operette mit dem berühmten zentralen Satz „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“ zu den Lieblingsstücken meiner unter härtesten Bedingungen aus dem Osten geflohenen Oma zählte: Ich erlebte sie als Kind stets als heitere Frau, die immer zu lustigen Späßen mit mir aufgelegt war.
Und für diese unverhoffte Erkenntnis bin ich richtig dankbar, diese Operette erlebt zu haben.

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Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“. Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Abgespaced

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Stefanie Hüber über die Premiere von „Die Fledermaus“

Auch ich bin mit Vorbehalten zu dieser Vorstellung gegangen, da Operettenmusik eigentlich so gar nicht meinem Geschmack entspricht.

Die Fledermaus hatte ich vor vielen Jahren schon mal gehört und gesehen.
Mag es daran gelegen haben oder auch einfach an der Bekanntheit der Melodien, ich glaube, ich kannte sie alle!!!
Obwohl ich auch diesmal die Musik als relativ nichtssagend empfand, so gab es doch ein paar ganz ansprechende Melodien.
Hübsch fand ich das Duett  des Ehepaars Eisenstein im 1. Akt und sehr gut gefiel mir auch die Arie „Brüderlein und Schwesterlein“, gesungen von Dr. Frank bzw. der dazu ausgeführte Zeitlupentanz.

Lavinia Dames Gesang (Adele) hörte ich anfangs mit gemischten Gefühlen zu, da sie im 1. Akt nach meinem Empfinden nicht immer sauber gesungen hat, doch später war ich ganz begeistert von ihrem hellen Sopran.
Die Inszenierung fand ich größtenteils sehr gelungen, super das spacige Bühnenbild im 2. Akt mit all seinem Glamour und Glitter.
Der 3. Akt war äußerst langatmig, so dass ich erleichtert war, als er endete.

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Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Amüsant, voller Glanz und Glamour

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Karolina Wais über die Premiere von „Die Fledermaus“

Wenn man im Internet das Stichwort „Operette“ eintippt, erfährt man, dass es sich dabei um ein musikalisches Bühnenwerk mit gesprochenen Dialogen, heiterer Handlung und leichter, eingehender Musik handelt.
Die Musik „Der Fledermaus“ kennt jeder, denn es ist ein Walzer voller Leichtigkeit, der zum Tanzen regelrecht verlockt.

So entstehen schon ein paar Erwartungen an diesen Premierenabend. Als großer Theaterfan freue ich mich zudem sehr auf Wolfgang Reinbacher, der einen Teil der gesprochenen Dialoge übernimmt.

Diese Inszenierung „Der Fledermaus“ ist eine moderne, das erfährt der Zuschauer ziemlich schnell, als der Vorhang eine Szenerie an einer Straßenlaterne mit Prostituierten lüftet.
Der Ort des Geschehens wird sogar komplett nach Düsseldorf geholt und zwar dann in ein grell schreiendes und luxuriöses Wohnzimmer.

Die Opernsäger*innen meistern Sprechpartien hervorragend und glänzen mit schauspielerischer Leistung. Anke Krabbe (Rosalinde) und Lavinia Dames (Adele) begeistern mich auch gesanglich von Anfang an.

Die Party ist Schauplatz der Intrige und findet in einer glamourösen mit tausend Lichtern ausgekleideten Atmosphäre statt. Die Kostüme sind wunderbar glamourös. Das glitzernde, grüne Kleid von Rosalinde sticht hervor und lässt Anke Krabbe dank der Beleuchtung noch mehr erstrahlen.

Die knappen Outfits der Tänzerinnen passen meiner Meinung nach so gar nicht zu der Abendgarderobe der Gäste. Diese, fast in Bikinis um eine phallusartige Rakete tanzend, werten die festliche Stimmung auf der Bühne ab und hinterlassen einen billigen Nachgeschmack.
Ich denke an diesem Punkt wurde es schlichtweg verpasst, die Inszenierung tatsächlich in das heutige moderne Düsseldorf zu holen, es vielleicht sogar politisch werden zu lassen.  Zumindest hätte ich mir mehr Gleichberechtigung gewünscht: Warum treten nur halbnackte Tänzerinnen, aber keine Tänzer auf?“

Die, förmlich aus dem Rahmen gefallene, letzte Szene ist der große Auftritt von Herrn Frosch, gespielt von Wolfgang Reinbacher. Er ist nicht nur ein hervorragender Schauspieler, sondern auch ein hervorragender Komiker, trotz der meiner Meinung nach teilweise flachen Witzen.

Wer das Genre der Operette mag und einen bunten, heiteren Abend mit Witz und Humor erleben will, wird von der Inszenierung von Axel Köhler nicht enttäuscht.

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Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Amüsant und unterhaltsam

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Helma Kremer über die Premiere von „Die Fledermaus“

Wie meine geschätzten Kolleg/ -innen, die anderen Düsseldorfer Opern- und Ballettscouts, bin auch ich weit davon entfernt, ein Operetten-Fan zu sein.
Obwohl es viele Operetten-Arien gibt, die ich wunderschön finde: „Dein ist mein ganzes Herz“ aus dem „Land des Lächelns“ von Franz Léhar, „Komm in die Gondel“ aus „Eine Nacht in Venedig“ von Johann Strauss (Sohn) und allen voran „La Barcarolle“ aus „Les Contes d’Hoffmann“, eine Arie, die mir  – an besonders plümeranten Tagen – die Tränen in die Augen treibt.
Aber eigentlich ist „Les Contes d’Hoffmann“ eine Phantastische Oper. Das zählt dann wohl nicht… Wie auch immer, eine Operetten-Arie hier und da: Immer gerne – aber so eine ganze Operette am Stück, das wird hart, denke ich mir.

Zunächst bin ich angenehm überrascht. Das schillernde Bühnenbild im 1. Akt gefällt mir. Ziemlich overloaded, aber für einen Abend – oder eine Nacht – geht das schon. Erinnert mich ein wenig an die Zimmer des „Sir & Lady Astor“-Hotels, welches internationale Kulturjournalisten, die wir dort zuweilen, im Rahmen von Pressereisen zum Thema „Kunst in Düsseldorf“ unterbringen, sehr schätzen.

Auch die Besetzung finde ich großartig, besonders Lavinia Dames als Adele, deren Stimme und Gesang mir am besten von allen gefallen, und Anke Krabbe als Rosalinde.
Christoph Filler als Dr. Falk könnte der Sohn von Peter Alexander sein und ist das ideale Schlitzohr.
Nicht zu toppen ist Norbert Ernst als schmieriger Eisenstein.
Die Verpflanzung der Story in die Düsseldorfer Schicki-Micki-Szene ist etwas platt und passt auch einfach nicht zu den schönen Walzer-Klängen.
Die gefallen mir übrigens noch besser als erwartet und lassen auch bei mir Stimmung aufkommen. Vor allem habe ich sie alle irgendwann schon einmal gehört.

Was wiederum gut passt, ist der Bezug zum rheinischen Karneval, der im 2. Akt durch ein Bühnenbild mit noch mehr Glitzer, Flimmer und Bling Bling  im gleich doppelt barocken Bilderrahmen seine Vollendung findet.
Auch die „Kostüme“ halten mit: Die Tänzerinnen sind fast nackt und drängen sich um eine riesige Rakete, frivoler geht es nicht, eine Prise brasilianischer Karneval und Moulin Rouge inklusive.

Im 3. Akt ist dann leider meine Geduld zu Ende, und zwar lange vor Schluss.
Die Handlung spielt im Gefängnis: Das Bühnenbild gleicht als Schauplatz der Kulisse einer abgerockten Party, das wiederum gefällt mir.
Aber sie zieht sich wie Kaugummi, die Handlung. Ich werde wibbelig. Obwohl ich mich wirklich über Wolfgang Reinbacher als Frosch freue, weil ich ihn in früheren Jahren oft im Düsseldorfer Schauspielhaus bewundert habe.
Und flache Witze mag ich auch, in Maßen.

Fazit: Amüsant und unterhaltsam, und ja: irgendwie auch ein Feuerwerk für die Sinne – aber eine solche Art der Unterhaltung löst bei mir, spätestens nach zweieinhalb Stunden, ein Gefühl der Leere aus.
Meine letzte Operette? Nein: Gerade heute habe ich einen heißen Tipp bekommen. Ein echter Opern-Insider empfiehlt mir die Berliner Operette. Zum Beispiel „Der Vetter aus Dingsda“. Viel rustikaler, der Witz intelligenter.
Nun denn, einen Versuch werde ich noch wagen.

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Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem. Voluntariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Durch ihre Großeltern kam sie bereits als Kind mit der Oper in Kontakt, ihre erste Aufführung im Opernhaus war „Hänsel und Gretel“. Dennoch interessiert sie sich eigentlich eher fürs Ballett, als für die Oper. Sie freut sich in ihrer ersten Spielzeit als Opern- und Ballettscout auf die regelmäßigen Theaterbesuche