Isabell Boyer über „Don Pasquale“

Genial, schrill, außergewöhnlich

Wenn ich ehrlich bin, ist es mir kaum möglich, die wundervolle Inszenierung des Stücks „Don Pasquale“ an der Oper am Rhein in Worte zu fassen. Von den sympathischen, gar abgedrehten Protagonisten zu den zahlreichen Kunst- und Modeeinflüssen, die ich innerhalb des Stücks überrascht und angetan registriert – und später notiert – habe, bis zur eingängigen, lebensfrohen Musik und der Luftakrobatik, die mit Comedy-Elementen den Meisterdieb durch die Szenen schickte, waren alle Ebenen der Unterhaltung abgedeckt. Ich habe mich köstlich über Norina (Elena Sancho Pereg) amüsiert, die ihrem Ernesto zuliebe die brave Ex-Nonne mimt, um dann als Furie über ihren Angetrauten Pasquale herzufallen. Ihre Beschwingtheit und freche Art blieben mir ebenso im Gedächtnis wie ihre Holly-Golightly-Posen und der Beinüberschlag aus der Befragung in Basic Instinct. Ich frage mich bis heute, ob das genau so inszeniert worden ist; wenn ja: Chapeau. Ganz großes Kino.
Don Pasquale selbst, gespielt von Lucio Gallo, und sein Arzt des Vertrauens, gespielt von Dmitri Vargin, bildeten ein geniales Gespann. Lustig, charmant und gesanglich unglaublich beeindruckend nahmen sie die Bühne für sich ein. Das Publikum fühlte sich von den beiden sofort in den Bann gezogen. Ernesto (Ioan Hotea) und Kunsträuberin Susanne Preissler runden die Gruppe mit ihren erstklassigen Fähigkeiten ab und überzeugen mit ihrem tollen Ausdruck.

Zuletzt noch ein Wort zu den Kostümen und der Kulisse: Ich war noch nie so glücklich, Kunst als Schwerpunkt im Abitur gehabt zu haben. So hat es nämlich nochmal umso mehr Spaß gemacht. Von Kleidungsstücken aus den 20er, 60er und 70er Jahren bis hin zu Kunstwerken, die an Andy Warhol und Keith Harings Werke oder die „Venus von Milo“, den „Sonnenkönig“, „Nighthawks“, oder Delacroix‘ „La Liberté guidant le peuple“ erinnern, war alles zu sehen und ließ mich auch neben der Haupthandlung eine Menge neuer Dinge entdecken.
Leider kann dieser Text, gerade auch aufgrund seiner Kürze, diesem Stück nicht gerecht werden. Dass eine weitere Oper sich zu einer meiner Lieblingsstücke entwickelten könnte, hatte ich längere Zeit bezweifelt, doch „Don Pasquale“ hat mich eines Besseren belehrt. Vielen Dank für dieses erfrischende Meisterwerk.

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Isabell Boyer
Studentin
Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.

Gisela Miller-Kipp über „Don Pasquale“

Ein großes Opernvergnügen

Der Spaß beginnt schon vor der Vorstellung: Aus schwarzem Proszenium schaut Donizettis Portrait im Goldrahmen versonnen auf sein Publikum, und wir schauen zurück und denken uns was, etwa: was der Säulenstumpf links vor der Bühne wohl soll? Zur Ouvertüre wird dann eine Kunstausstellung bestückt, läuft eine Zicke von Galeristin über das Proszenium und notiert (Preise), und als der Vorhang sich hebt, dämmert mir: Hier wird Kunst, werden Kunstbetrieb und Kunstszene verulkt. Auf dem Säulenstumpf steht nunmehr eine kleine Kopie der Venus von Milo; im Laufe des Geschehens – Handlungsmuster: steinreicher alter Hagestolz freit junges Blut, das geht in den seltensten Fällen gut (hier aber nach einer verwirrten Intrige doch, das Happy-End kommt freilich recht abrupt) – wird sie je nach Temperament und Stimmungslage der Akteure zerdeppert (Norina), mühsam wieder zusammengeklebt, auch umarmt (Don Pasquale), am Ende in zwei Teilen dem Kunstdieb geschenkt, und zwar von Don Pasquale selbst, da sich dieser Dieb zu guter Letzt als junge Blondine und neue Braut für ihn entpuppt – das im Übrigen im Wortsinne: Der vormals Dieb hängt in weißen Jonglagebändern vom Bühnenhimmel wie eine Schmetterlingspuppe. – Diesem Ansatz also: der Platzierung der Oper im Kunstmilieu, dabei in zwei grundverschiedenen, aber hochberühmten Kunstwelten, entspringen der Spielwitz und die Komik der mit viel Voraus-Presse angekündigten Inszenierung von Don Pasquale durch Rolando Villazón. Sie ist voller origineller und auch einiger verstaubter Einfälle – so plagt den alten Freier der Ischias, natürlich! –, die mich nahezu pausenlos amüsierten: als running-gag etwa der besagte Kunstdieb im schwarzen Catsuit, der in den Posen vieler filmberühmter Juwelenräuber einschließlich Abseilakrobatik durch die Szenen huscht; oder das notorisch unpassend mit Staubwedel oder Sekttablett auftretende Hausmädchen; oder das Völkchen, bei dem die junge Norina als Muse zu Hause ist: die Kunstszene der 60iger Jahre, New York – der Times Square (?) blinkt im Bühnenhintergrund. Dort tummelt und lümmelt sich in einer puristisch neon-grünlichen Wohnzimmerbar – Edward Hoppers „Nighthawks“ lassen grüßen – das abgedrehte Personal der Pop-Art und des (Folk)Pop-Rock: Kiffer und Hare-Krishna-Jünger (die säuseln auch noch vor sich hin), Andy Warhol, Gilbert & George, später dazu: Jimi Hendrix, John Lennon & Yoko Ono, Pete Townsend (? mit Gitarre) – die Bedienung kommt auf Rollschuhen daher, und alle Personifizierungen wandern nach und nach in den Chor ein, der Schlusschor besteht dann nur noch aus imitierten Warhols und Mona Lisas, fand ich sehr vergnüglich.

Ebenso amüsant die Bestückung des herrschaftlichen Kunstsalons von Don Pasquale, hier eben ein steinreicher alter Kunstsammler zu Paris – zur Orientierung schimmern durch die raumhohen Fenster Sacré Cœur und der Eiffelturm –, nachdem er durch die schnelle und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zustande gekommene Heirat unter Norinas Fuchtel geraten ist. Standen und hingen dort zuvor mit besagter Venus geschätzt ein Dutzend der berühmtesten und schönsten Gemälde aus dem Kanon der klassischen Malerei: Odalisken von Ingres, „Die Badenden“ von Fragonard – klarer Fall! –, dazu die „Mona Lisa“, das Herrschaftsporträt Ludwig des XIV. von Rigaud, „Die Freiheit führt das Volk“, „Das Floß der Medusa“ und, und, und, und tritt Norina dort zunächst kostümiert als Audrey Hepburn auf, also als kapriziöses Reh, so agiert sie bald als zänkische, aber auch verführerische Tyrannin und krempelt den Salon gründlich um. Es hängen und stehen dort dann die Ikonen der Pop-Art von Warhol, Haring, Lichtenstein & Co., dabei von Niki St. Phalle eine schwarze (!) „Nana“. Sie wird übrigens vom Kunstdieb erfolgreich entführt, woraufhin Don Paquale, im Anzug und in der Manier von Sherlock Holmes/Nick Knatterton, sie mit der Lupe sucht bzw. eine an ihrer Stelle posierende Figur beäugt. – Das sind nur einige der komischen szenischen Einfälle und bildhaften Anspielungen dieser Inszenierung; um deren ganze Fülle zu genießen, muss man in die Aufführung gehen. Und das nicht zuletzt auch darum, weil Klassiker wie Pop-Art, in einer Szene auch eine Graffitti-Mauer, fabelhaft und mit eigenem Witz und versteckter Bildkomik reproduziert bzw. imitiert sind. Dafür gehört der Malerwerkstatt der Deutschen Oper am Rhein ein außerordentliches Kompliment, wie überhaupt der so bildreich eingerichteten Bühne (Johannes Leiacker). Am witzigsten fand ich, dass auf einem der berühmten Suppendosensiebdrucke von Warhol hier nicht „Campbells Tomato Soup“, sondern „Malatesta’s Matoto suop“ (sic!) geschrieben steht – Malatesta, der Name verrät es, heißt der intrigante Advokat im Spiel.

Die Hauptpartien wurden prima gesungen und gespielt, im Parlando allen voran Lucio Gallo als Don Pasquale, im kokettem Charme Elena Sancho-Pereg als Norina; Mario Cassi war als Doktor Malatesta bestens aufgelegt, er sprang ganz kurzfristig für den erkrankten Dmitri Vargin ein; angestrengt in der Stimme wirkte auf mich nur Ioan Hotea als Ernesto – armer Graffitti-Maler und Neffe von Don Pasquale, der mit Norina das heimliche Liebespaar abgibt. Sein hochromantisches Ständchen für die Angebetete, ein veritabler Ohrwurm, singt er in hochromantischer Kulisse: der Silhouette eines Schlossparks in nächtlicher Dämmerung. Diese Szenerie steht im heftigen Kontrast zu den vorangehenden Bühnenbildern, und damit wird auch die romantische Welt ins Komische gezogen – was soll’s, es tut der Melodienseligkeit dieser Oper keinen Abbruch. Unter Nikolas Carter spielten die Düsys mit frischem Schwung und süßem Klang, und zum Schluss schaut wieder Donizetti auf sein Publikum, diesmal jedoch als Siebdruckporträt in vierfacher Farbvariation à la Warhol – noch eine schöne Bilderfindung. Standing Ovation – ein großes Opernvergnügen!

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Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

 

Uwe Schwäch über „Don Pasquale“

Feingefühl für Humor und Leichtigkeit

„Don Pasquale“ von Gaetano Donizetti ist eine Opera buffa und somit als Komödie unter den Opern einzuordnen. Wie viele Komödien lebt auch „Don Pasquale“ von einer schematischen Handlung, die durch die Vermittlung echter romantischer Gefühle eine Besonderheit erfährt.
Die Wahl von Rolando Villazón zur Inszenierung dieser Oper kann als Glücksgriff bezeichnet werden, denn es gelingt ihm das komödiantische dieser Oper einfallsreich und mit viel Esprit umzusetzen. Die kreative Leitidee handelt von der bildlichen Kunst, die in die musikalische Kunst eingebettet ist. Die Geschichte um den alternden, konservativen, reichen aber geizigen Don Pasquale wird im zeitgeschichtlichen Rundgang von klassischer Malerei bis hin zu Pop Art aufgezeigt. Das führt zu wandelnden Bühnenbildern, die einen Teilbeitrag zur lebendigen und abwechslungsreichen Inszenierung leisten. Edward Hoppers „Nighthawks“ beispielsweise wird durch Statisten in ein lebendiges Kunstwerk gewandelt und hebt das zuvor klassisch geprägte Bühnenbild in die Moderne des 20. Jahrhunderts. Dieses Stilmittel wird auch auf die Charaktere der Protagonisten übertragen. Die von Doktor Malatesta, Norina und Ernesto geschmiedete Intrige wird mit großem schauspielerischen Talent vorgetragen. Mimik und Gestik der Protagonisten finden Ausdruck in erlebbarer Leidenschaft. Dies ist besonders bei Mario Cassi als Doktor Malatesta erstaunlich, der als kurzfristiger Ersatz eingesprungen ist und nur einen Tag Zeit für die Probe hatte. Villazón profitiert genau von diesen vier herausragenden Sängern. Elena Sancho Pereg glänzt als Norina gleich zu Beginn mit einer wunderbar romantisch vorgetragenen Arie („Quel guardo in viso“…“Welche Glut in Blicken“), überrascht optisch mit verführerischen Outfits und singt auch zum Ende der Oper in einem letzten Duett („Tornami a dir che m’ami“…“Laß’ ach laß’ es mich hören“) klar und leuchtend wie ein Sternenhimmel. Ernesto wird von dem jungen rumänischen Tenor Ioan Hotea leicht und feinfühlig gesungen, der Italiener Mario Cassi überzeugt als Bariton in stets ausgereifter Stimmlage und Lucio Gallo singt die Titelpartie selbstbewusst und souverän. Die Oper glänzt durchweg mit vielstimmigen Arien, in denen alle vier Hauptrollen ein gefühlvolles, harmonisches Musikerlebnis vermitteln. Über den intriganten Umgang des bemitleidenswerten Don Pasquale hinaus lebt diese Inszenierung von humorvollen Nebengeschichten, die den schnell erzählten Opernstoff facettenreich erweitern. Die bedeutenden Kunstwerke verschiedener Stilepochen sind Objekt der Begierde eines artistischen Kunsträubers, dessen Erscheinen parodistischen Szenenhumor auslöst. Auch das äußerst neugierige Dienstmädchen evoziert bei jedem ihrer Auftritte stumm gespielte Heiterkeit. Grenzwertig dagegen erscheint der kiffende Notar als Vertreter der Hare-Krishna-Bewegung, der die bisweilen bunte Inszenierung an den Rand des Klamauks drängt. Die musikalische Leichtigkeit der Oper wird durch den jungen und eloquenten australischen Dirigenten Nicholas Carter eindrucksvoll interpretiert. Er dirigiert die Düsseldorfer Symphoniker lebendig und schwungvoll. Die Klangkörper der Instrumente werden besonders mit dem Einsatz von Bläsern, Pauke und Schlagzeug authentisch interpretiert und unterstreichen den musikalisch rasanten Opernstil.
Sicherlich ist „Don Pasquale“ eines der Highlights in dieser Opernsaison und daher sehens- und hörenswert.

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Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

Jan van de Weyer über b.31

Entschleunigung

Der Abend beginnt mit einer atemberaubenden Wiederaufnahme von Martin Schläpfers „Obelisco“, das er 2007 für das Ballett Mainz kreierte. Tänzerisch und musikalisch ist es ein Stück voller  Diversität und Überraschungen. So reicht die Musik von Mozart, Scarlatti, Heuberger, Schubert, Sciarrino bis zu Marla Glenn und bringt auf wunderbare Weise die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Tänzer zum Ausdruck. Schläpfer zeichnet seinen einzigartigen Kosmos, sowohl aus einer beeindruckenden Physikalität, also auch mit einer Leichtigkeit, die er durch seine ungeheure Abstraktionsfähigkeit generiert. So besteht „Obelisco“ wie ein monumentales Relikt aus vergangenen Zeiten fest verwurzelt in der Erde, vertikal aufstrebend als Maß der Weltordnung. Doch genau dieses Moment wird gebrochen durch die zahlreichen fallenden Momente, die überzeugend durch die Tänzer des Ballett am Rhein verkörpert werden, und bricht auf diese Weise mit dem Monumentalem. Nachhaltig bewegend sowohl das grandiose Solo des jungen Amerikaners Marcus Pei, der durch seine technische Brillianz und Authentizität heraussticht, also auch die Leistung von Friedrich Pohl mit Yuko Kato auf schwarzen Lackstilettos.
Dicht gefolgt von Martin Schläpfer- Hans van Manen mit „Adagio Hammerklavier“ aus Beethovens Spätwerk, das seine Uraufführung 1973 in Amsterdam erlebte. Auf der Bühne begegnen sich drei Paare, wobei die Männer mit Ihren nackten Oberkörpern selbstbewusst und dominant wirken, zeigen sich die Frauen in Ihren zarten weißen Kleidern eher fragil und verletzlich. Die Kulisse beschreibt ein wehender Seidenvorhang im Hintergrund der Bühne. Von der Tanzsprache und Bewegungswelt sind es klassische Bewegungen und Gesten. Thematisch kreist es um Themen wie Partnerschaft, Kommunikation und unsere Sehnsüchte. Ein wunderbares Stück, das zur Entschleunigung in unserem schnelllebigem Zeitalter einlädt. Den Abschluss von diesem abwechslungsreichen Ballettabend gestalten die Spanierin Sol León aus Cordoba und der Brite Paul Lightfoot mit „SH- BOOM!“ nach der Musik von der Band „The Chords“ aus dem Jahr 1954.
So schallt es “Life could be a dream..“ in den Zuschauersaal und die Tänzer verkörpern auf eine leidenschaftliche und spielerische Weise die unterschiedlichen Kulturen und Momente, die auf der Bühne zu erleben sind. Überzeugend bei diesem Werk zum einen die schauspielerische Leistung der Tänzer, sowie die Idee der Wandlungsfähigkeit eines Stücks, da es sich seit 1994 kontinuierlich in einem Status des ‚work in progress‘ befindet.

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Jan van de Weyer
Bildhauer
„Was Martin Schläpfer hier bewirkt, ist ein Traum“, sagt Jan van de Weyer, der als kleiner Junge selbst Ballett getanzt hat und heute mit einer Tänzerin der Compagnie liiert ist. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte, arbeitete viele Jahre als Physiotherapeut und ist heute als Bildhauer mit eigenem Atelier in Düsseldorf tätig. Die Beschäftigung mit der Oper hat ihn in seiner ersten Spielzeit als Scout dazu inspiriert, Musiktheater in einem größeren Kontext zu betrachten – gern auch im Austausch mit Freunden und Bekannten.

Uwe Schwäch über b.31

Träume und Sehnsüchte

In „Obelisco“ bringt Martin Schläpfer das Publikum mit Miniaturtänzen zum Schwelgen und Staunen. Gleich zu Anfang eröffnet ein Tanz im Freestyle den Reigen schnell wechselnder Tanzsequenzen, von denen es insgesamt sieben zu sehen gibt. Alle weisen heterogene Tanzcharaktere auf und werden von Musik verschiedener Stilrichtungen und Epochen begleitet – von Mozart bis Marla Glen. Das ist nicht nur vielseitig und spannend, es vereinnahmt den Zuschauer mit einzigartigen Feinheiten virtuoser Bewegungskunst. Eingerahmt in ein puristisches Bühnenbild, das als Kulisse lediglich schwach illuminierte Hängefäden zeigt, liegt der Fokus bei den herausragenden Protagonisten, die sich mit Leidenschaft ihrem Tanz hingeben. Bestechend sind auch die verschiedenen phantasievollen Kostüme, die keck aber niemals übertrieben wirken. Und wer schon immer mal einen Balletttänzer auf High Heels sehen wollte, der wird nicht nur davon begeistert sein.
Adagio Hammerklavier in einer besonders langsam gespielten Beethoven-Interpretation von Christoph Eschenbach glänzt mit stilvoller klassischer Moderne. Drei Tanzpaare bewegen sich in diesem Ballett von Hans van Manen mit ausgesprochener Eleganz, Anmut und Stolz. Die Frauen wirken zart und unschuldig, die Männer kraftvoll und fordernd. Ihr Tanz in der Gruppe lässt Zuschaueraugen strahlen, denn jeder Schritt und jede Bewegung sind von perfekter Synchronität geprägt. Jedes einzelne Paar tanzt einen Pas de deux und wir erleben unterschiedliche Charaktere, denen es jeweils gelingt, den Bewegungszauber in Träume zu verwandeln. Auch hier der Blick auf eine pur gestaltete Bühne mit einem wehenden bläulichen Tuch, vor dem sich die Tänzerinnen in knielangen Tüllkleidern und die Tänzer in engen Hosen und nacktem Oberkörper mit schwebender Leichtigkeit sehnsuchtsvoll bewegen.
„SH-Boom!“ von Sol León & Paul Lightfoot begeistert mit Wohlfühltanz auf einer musikalischen Zeitreise. Der Zuschauer erlebt episodische Tanzeinlagen mit Revue-Charakter, die von stimmungsvoller amerikanischer Musik der 20er bis 50er Jahre begleitet werden. Die oftmals dunkle Bühne wird von Lichtkegeln erhellt und macht Raum für ein ungemein charmantes und humorvolles Tanzstück. Die Tänzerinnen in schwarzen Kleidern und hochgesteckter Dutt Frisur, die Männer in weißer Feinripp-Unterwäsche mit Kniestrümpfen. Dieser Kontrast spiegelt sich oberflächlich auch im Tanz wieder: Die Frauen eher streng und überlegen, die Männer eher belustigend und komisch. Doch der Schein trügt: Dahinter verbirgt sich mehr und am Ende überlegt sich jeder Zuschauer selbst, inwieweit diese stereotype Fassade aufrechterhalten werden kann. Beste Unterhaltung und Spannung sind dabei garantiert.

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Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

Georg Hess über b.31

Herausragendes Ballett

Samstag Abend, 19.30 Uhr, Premiere von b.31 in der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. Es wird dunkel, Stille tritt ein. Der Vorhang hebt sich und ich lasse mich von „Obelisco“, choreographiert von Martin Schläpfer, einfangen.
„Obelisco“ ist an diesem Abend die erste von drei Aufführungen, welche wiederum in sieben sehr unterschiedliche Teile angeordnet ist. So trifft ein impulsiver Popsong von Marla Glen auf klassische Musik von Schubert und Mozart und sogar auf einen langsamen Walzer. Auch die Stimmungen und Bewegungen der Tänzer wechseln über ungezwungen und angriffslustig zu ruhig und zeitlupenhaft bis zu aufreizend mit Travestieelementen. Der Wechsel der glitzernden (aber nie kitschigen) Kostüme sowie des Schuhwerks von Plateaustiefeletten über Ballettschuhe zu High Heels markieren die Übergänge. Es ist die Gesamtästhetik aus reduzierter Bühnen- und Lichtausstattung, den Kostümen und den Bewegungen der exzellenten Tänzer und Tänzerinnen, die mich begeistert.
Nach der Pause folgt „Adagio Hammerklavier“ der Choreographen-Ikone Hans van Manen. Zur Klaviermusik von Beethoven tanzen drei Paare vor einem großen und hellen, sich im Wind wellenartig bewegenden Tuch in weißen Kostümen das bereits vor über vierzig Jahren komponierte Werk dieses Altmeisters, welches voller kleiner Details ist. Ein melancholisches Stück absoluter Schönheit. Auch dieses eher klassische Stück spricht mich sehr an, wenngleich es meinen Geschmack weniger trifft als die junge und moderne Inszenierung von „Obelisco“.
Zum Abschluss wird Sh-Boom! des Choreographen-Duos Sol León und Paul Lightfoot dargeboten: ein in mehrere Sequenzen aufgeteiltes, revueähnliches Stück, welches humorvoll den Ernst des Lebens überzeichnet. Dadurch, dass diese Aufführung in weiten Teilen durch ein sehr hohes Tempo mit enorm anspruchsvollen Schrittfolgen geprägt ist, wirkt sie nie albern, vielmehr  lässt sie mich und das übrige Publikum mit fröhlicher Bewunderung und einem großen Applaus zurück.
Alle drei Stücke haben mich absolut überzeugt! Es war ein großartiger Ballettabend, den Martin Schläpfer als Chefchoreograph (wieder) zusammengestellt hat. Wer sich nur ansatzweise für Ballett interessiert, darf b.31 nicht verpassen.

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Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

Isabell Boyer über „Turandot“

Wie man einer Oper die Krone aufsetzt

Als ich am Donnerstag das Opernhaus betrat und mich mit hohen Erwartungen in den Saal setzte, hätte ich so gut wie alles erwartet, außer Bilder des Regenschirm-Protests von Hongkong. Für einen Moment war ich gefesselt von den Schwarz-Weiß-Aufnahmen, genoss den modernen Touch und das Unwetter, das daraufhin auftrat. Die Regenschirme, die die Sänger der Chöre mit sich trugen, unterstützten diese Atmosphäre ebenso wie die Polizei-Streitkräfte im Hintergrund mit ihren Schlagstöcken. Allerdings änderte sich dieses Bild sehr schnell, als die Antlitze der Masse sich unter den Schirmen offenbarten: Verzerrte Masken, zahlreiche, verschiedenste Kostüme und pechschwarzes, langes Haar.
Mir fiel es schwer, Moderne und Altertum in diesem Stück direkt zusammenzubringen; ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich den modernen Strang als erstrebenswerter gefunden hätte oder ob gerade die Mischung die Inszenierung interessant machte. Auf jeden Fall gefiel mir die optische Ausarbeitung des Stücks, die sowohl mit massiven Kulissen, als auch mit Projektionen auf Leinwänden arbeitete, um die Atmosphäre zu erschaffen, die für die Geschichte angemessen war.
Wie nun schon häufiger fühlte ich in „Turandot“ eher mit den Nebencharakteren, als den Protagonisten. Liù und ihr Meister erwärmten mein Herz schon zu Beginn, besonders durch ihre liebevolle Art zueinander, auch wenn Liùs Loyalität nicht nur Timur, sondern auch (gerade) Kalaf galt, wie sich auch im Finale noch einmal bestätigte. Kalafs Liebe zu Turandot, oder eher sein plötzlicher Sinneswechsel aufgrund ihrer Schönheit, erschien mir ein wenig zu schnell, aber ich konnte verstehen, dass dies der Geschichte nur zuträglich war.
Während die ersten beiden Akte für mich nicht den gewünschten „Wow“-Effekt hatten, riss mich der dritte Akt sofort mit. Nachdem Turandots Rätsel gelöst worden waren, stellte Kalaf seines und eröffnete mit „Nessun Dorma“ das letzte Drittel dieser Oper. Mit meinen Sitznachbarn fieberte ich dem Höhepunkt des Liedes entgegen und merkte, wie zufrieden und glücklich ich mit dem Fortlauf des Stücks war, sobald das Lied sein Ende gefunden hatte. Liùs Tod sorgte anschließend nicht nur bei mir für feuchte Augen. Timur und sie waren herzzerreißend und ich muss Brigitta Kele als Liù und Günes Gürle als Timur hierfür ein großes Kompliment aussprechen. Sie haben das Publikum mit ihrer Vorstellung bezaubert. Musikalisch und gesanglich war es – wie immer – hervorragend. Ich freue mich schon jetzt auf die nächste Oper und bin gespannt, ob das Kommende an den Zauber dieses Finales anknüpfen kann.

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Isabell Boyer
Studentin
Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.