Jan van de Weyer über b.30

Virtuose Bewegungswelten

Der Ballettabend b.30 an der Deutschen Oper am Rhein startet mit einer Uraufführung von Remus Şucheană und dem „Concerto Grosso Nr.1“. Die facettenreiche und moderne Musik von Alfred Schnittke wird kraftvoll und harmonisch von den Tänzern der Deutschen Oper am Rhein verkörpert.
Beeindruckend das Bühnenbild, wo sich mobile Korridore von der Bühnenseite, wie Arme Richtung Bühnenmitte erstrecken. Diese vermitteln das Gefühl einer grenzenlosen Verbindung und des Übergangs. Wunderbar das Pas de deux von Yuko Kato und Rashaen Arts – ganz in rot!Mit „Lonesome George“ führt Marco Goecke den Zuschauer mit der Musik von Dmitri Schostakowitschs Streichquartett op.110 in eine einzigartige und virtuose Bewegungswelt.
Durch die unverwechselbare Bewegungssprache mit seinen schnellen propellerhaften Bewegungen, die streckenweise an einen Veitstanz erinnern, schafft Goecke einen spannungsgeladenen und mystischen Kosmos.
Es werden Emotionen wie Trauer, Schmerz aber auch Humor spürbar. Das Stück wirkt hoch konzentriert und es entsteht der Eindruck, dass sich die Tänzer zeitweise vom Boden lösen.
Diese Impressionen werden durch eine ausgefeilte Lichttechnik unterstrichen. Transportiert wird ein geschlechtsloses Bild von Mann und Frau, die sich in Ihrer Körperlichkeit aufzulösen scheinen.
Mein erster Gedanke beim letzten Stück- „Staircase to Heaven“als sich die Bühne vor mir zeigt. Natalia Horcena zeigt mit „Wounded Angel“ ein eigenständiges, humorvolles, zeitweise groteskes Gesamtpaket, das mit ganz viel Herz in die Tiefen der menschlichen Seele hinabtaucht.

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Jan van de Weyer
Bildhauer
„Was Martin Schläpfer hier bewirkt, ist ein Traum“, sagt Jan van de Weyer, der als kleiner Junge selbst Ballett getanzt hat und heute mit einer Tänzerin der Compagnie liiert ist. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte, arbeitete viele Jahre als Physiotherapeut und ist heute als Bildhauer mit eigenem Atelier in Düsseldorf tätig. Die Beschäftigung mit der Oper hat ihn in seiner ersten Spielzeit als Scout dazu inspiriert, Musiktheater in einem größeren Kontext zu betrachten – gern auch im Austausch mit Freunden und Bekannten.

Gisela Miller-Kipp über b.30

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Eine faszinierende Ballett-Trilogie

Eine faszinierende, ganz auf moderne Körpersprache und Bewegungsmuster und ihnen angemessener Musik konzentrierte Ballett-Trilogie. Zur Konzentration zwingt schon die Bühne: getanzt wird durchweg im dunklen Bühnenraum, nur der Boden leuchtet schwach, die Tänzer und Tanzgruppen werden von Spotlights ausgeleuchtet, gelegentlich gibt es großformatige Raumelemente. So ragen im ersten Stück fünf erleuchtete Fenster weit von rechts in die Bühne hinein und bewegen sich ab und an im Raum – fand ich geheimnisvoll; im zweiten Stück wabert mächtiger Nebel in die Höhe, und silberne Regenfäden schnüren herunter – auch schön anzusehen; im dritten Stück nimmt eine riesige weiße Stufenleiter – wohl als Himmelsleiter – die Bühnenmitte ein, dazu schwebt einmal ein großes Mobile mit „himmlischen“ Elementen (Stern, Wolke Mond, Herz) herab, und einmal fährt ein weißer Bagger auf die  Bühne und kippt weiße Elemente (Gefühlsmüll?) aus – sinnfällige Symbolik.
Das erste Stück: „Concerto grosso Nr. 1“ von Alfred Schnittke, choreographiert von Remus Şucheâna, dem neuen Direktor des Balletts am Rhein neben Martin Schläpfer und choreographisch unverkennbar dessen Schüler, ist eine Ballett-Studie über Ein- und Ausgrenzung, getragen von drei Ballerinen (Ann-Katrin Adam, Yuko Kato, Marlúcia do Amaral). Es hat mir als kongeniale Einheit von Tanz, Musik und Bühne sehr gut gefallen, wobei mich zwei Passagen besonders entzückten: ein Tango und das Zitat – Schnittkes Komposition ist voller Zitate – von Arthur Honeggers „Pacific 231“, eine vorwärts stampfende musikalische Hommage an diese berühmte Dampflok. – Schön auch die einsamen Abgänge der drei Ballerinen unter lang flirrendem Geigenton – ein „Bravo“ an dieser Stelle den beiden Violinen (Franziska Früh und Dragos Manza), wie überhaupt die Kammermusikanten aus den Düsys unter der Leitung von Jean-Michael Lavoie bestens aufspielten. – Ein Eindruck noch von den Ballerinen: am besten gefiel mir Yuko Kato mit ihren harmonisch fließenden Bewegungen. Dagegen tanzte Marlúcia do Amaral wie gewohnt überpräzis, mit jeder Muskelfaser beherrscht bis in die Finger- und Fußspitzen; ich fand es geradezu menschlich, dass sie sich hier (an diesem Abend) auch einmal verstolperte.
Nun aber das zweite Stück: „Lonesome George“, eine Choreographie von Marco Goecke auf das 8. Streichquartett von Dimitri Schostakowitsch – eine ungemein beeindruckende Aufführung! Zur rhythmisch rasant treibenden Musik wird hier die Maschinensprache des Körpers vorgeführt, ja zelebriert und auch neu erfunden. Natürlich gibt es maschinelle Ballettsprache schon, am bekanntesten davon wohl die Figur der Coppelia, der schönen lebensgroßen Aufziehpuppe des Zaubermeisters Coppelius. „Lonesome George“ ist aber eine komplette Aufführung in solcher Maschinensprache und war damit für mich eine neue Bewegungswelt. Nicht nur der ganze Körper tanzt solo oder in Gruppenformationen ausschließlich eckig und stakkato, auch alle Glieder des Körpers einzeln tanzen so: die Hände, die Unterarme, die Oberarme, die Füße, die Unterschenkel, die Oberschenkel – ein jedes für sich, also nicht nur als Extremität des Körpers. Superstark! – Mit dem Titel des Stückes kann ich freilich nichts anfangen. „Lonesome George“ zitiert jene pressebekannte alte einsame Riesenschildkröte, vermeintlich die letzte ihrer Art (sie ist es nicht, aber inzwischen gestorben) – was soll’s? Denken kann ich allenfalls an die Harmonie der Welt bzw. die Harmonie von Welt und Mensch, für die im ostasiatischen Religionsraum die Schildkröte steht, die den Erdball trägt; diese Harmonie löst sich hier in schneidende Dissonanz auf. Man muss beim Ballett aber auch nicht tiefsinnig werden; es ist eine Veranstaltung für die Sinne, für Auge, Ohr und Bauch, nicht für den Kopf, wenigstens nicht in erster Linie. So ist dieses Stück für mich ein sinnlicher Aufreger der Extra-Klasse.
Auf das letzte Stück hätte ich danach verzichten können. „Wounded Angel“, eine Uraufführung von Natalia Horecna nach ausgesuchten Musikstücken der Moderne, ist getanzte Gefühlsmetaphysik – halb teuflischer, halb alberner Schabernack, halb Erlösungsmärchen; nun ja. Es treten auf und streiten miteinander böse bzw. schlechte gegen gute Gefühle und Werte als da sind: Self-Love, Insecurity, The Ego, Poor Me, Success, Believe, Fear, Jealousy, Wealth. Sie tanzen und tollen als Teufelchen (Hornkäppchen, Entenschwänzchen), als Versöhner- und Verführerinnen (rote Kleidchen mit schön gebauschten Filzröckchen) herum, ab und an geradezu kindisch (Teufelchen schnüffeln sich an den Füßen, auch einmal am Pöter, das Ego bläst sich dickbäuchig auf usw.). Gekennzeichnet werden die aufgeführten Verkörperungen wörtlich durch große Beschriftung auf den Kostümen – für mich, wie die überdeutliche Pointierung dieser Inszenierung insgesamt, eine Misstrauenserklärung an die Körpersprache!
Als Hauptpersonen sind dabei: die reine Liebe/das Herz (nur Herzsymbol auf dem Kostüm), der gemeine Mann (Tänzer im Anzug) und eben der „verwundete“ Engel (in weiß mit großen gefederten Flügeln). Der Engel schlappt mehr oder weniger bedeutungsvoll über die Bühne, der gemeine Mann macht hingegen Metamorphosen durch: Er wird zum nackten Adam, als er im Laufe der Vorführung seines grauen Anzugs, des Kostüms der Zivilisation, urplötzlich verlustig geht und in einem Hauch von Strumpfhose weiter tanzt, sich dabei auch in die ausführliche Pose des „Lichtgebets“ von Fidus (eine Ikone der deutschen Jugendbewegung!) versteigt und zuletzt im weißen Anzug irgendwie unschuldig hinter der Himmelsleiter hervortritt. – Wie auch immer, und wie man sich denken kann: das Tanzgeschehen dreht sich letztlich um Verführung und Erlösung von Mann/Adam und Frau/Liebe. Die beiden unterliegen/sterben auf offener Bühne, dort gibt es dazu Teufelstöne von Violine und Gitarre (Duo Probosci). Doch verebben diese in süßen Klängen, der Engel legt sich tröstend über das hingestorbene Paar, es gibt Wiederauferstehung, und zum guten Schluss steigen das Herz/die Liebe und der Engel langsam, mühsam ein paar Stufen der Himmelsleiter empor. Schluss. – Man kann dieses konventionelle Stück sehr vergnüglich finden; nach „Lonesome George“ fand ich es aber banal. – Doch insgesamt: ein faszinierender, ein bereichernder Ballettabend.

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Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

Georg Hess über b.30

 

b30_concerto_grosso_nr_1_01_foto_gert_weigeltBallett in Düsseldorf – eine Wundertüte!

Besucht man Oper oder Operette, so findet man eine einzige abendfüllende Inszenierung vor, die einen entweder gut unterhält oder eher uninspiriert zurücklässt. Das besondere an einem Ballettabend des Balletts am Rhein ist jedoch, dass der Zuschauer meist in drei verschiedenen, voneinander unabhängigen Akten die Chance erhält, sich zumindest von einer Aufführung fangen zu lassen.
Schon von der ersten Darbietung, dem „ Concerto Grosso Nr. 1“, getragen von zwei Sologeigen, einem Cembalo und einem Klavier, inszeniert von dem Ballettdirektor Remus Şucheană, bin ich fasziniert. Zu düsteren und dramatischen, aber nie lauten, eher feinen Klängen, werden die Gefühlswelten von drei Frauen tänzerisch dargeboten, die sich aus der Familie, einer Partnerschaft oder aus einer Menschengruppe isolieren (oder isoliert werden). Die unaufdringlichen, ästhetischen Kleider der Darsteller, die harmonischen Bewegungsabläufe und das auf Schwarz und Weiß reduzierte Bühnenbild treffen genau meinen Nerv. Schon jetzt habe ich meinen Favoriten des Abends gekürt.
Doch dann der zweite Akt. Auch in „Lonesome George“ überwiegen Schwarz und Weiß und der Bühnenhorizont ähnelt einer Regenfront mit Nebelschwaden. Tänzer und Tänzerinnen, stellen mit extrem hastigen, aber synchronen, glatten und geschmeidigen Bewegungsabläufen hauptsächlich ihrer Oberkörper eine atemberaubende Choreografie dar, die mich zunächst an die Motorik heranwachsender Vögel erinnert, die verzweifelt versuchen, sich in der bedrohlichen Welt zurechtzufinden. Da es sich bei dem titelgebenden „Lonesome George“ jedoch um eine der letzten Riesenschildkröten auf den Galapagos-Inseln handelt, könnten die Darstellungen aber auch Bewegungen von Schildkröten ähneln auf der verzweifelten Suche nach Artgenossen? Aber egal: Bei dieser Aufführung brauche ich keine sinnbringenden Handlungstheorien zu ergründen um gefesselt zu sein. Die unglaubliche permanente Schnelligkeit und Schönheit der flatternden, ungewöhnlichen Bewegungen der dunkelblau und schwarz gekleideten Tänzer und Tänzerinnen, die zu keiner Zeit den Eindruck vermitteln nicht einer bestimmten Komposition zu unterliegen, packt mich, ebenso die musikalische Begleitung. Und nicht nur ich bin begeistert. Das Publikum zeigt durch langanhaltenden und sehr starken Beifall mit Rufeinlagen, dass diese Inszenierung von Marco Goecke den Zeitgeist getroffen hat.
Aus dem dritten Stück des Abends mit dem vielversprechenden Titel „Wounded Angel“, choreografiert von Natalia Horecna, verabschiede ich mich dann kopfmäßig schon frühzeitg. Sowohl die tänzerische Darbietung als auch die Art der Kostümgestaltung, die helle Beleuchtung, die Zwischenrufe der Darsteller erreichen mich nicht mehr. Diese Aufführung ist für meinen Geschmack zu nah am amüsanten und komödiantischen Tanztheater orientiert. Das passt bei mir dann nicht mehr in die durch die beiden vorherigen Stücke erzeugte Grundstimmung. Möglicherweise wäre ich für das Stück offener gewesen, wäre es an diesem Abend als Erstes gestartet.
Auch wenn mich das letzte Stück nicht begeistert hat: Ein sehr ansprechender Ballettabend. Vielen Dank für b.30 an Martin Schläpfer!

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Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

Uwe Schwäch über „Der Graf von Luxemburg“

Musikalische Interpretation mit großer Strahlkraft

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Die lange Zeit als verstaubt angesehenen Operettenkomödien erleben auf deutschen Opernbühnen eine Renaissance und so gelangen wir auch in dieser Spielzeit an der Deutschen Oper am Rhein mit Franz Lehárs „Der Graf von Luxemburg“ in den Genuss einer der bekanntesten deutschsprachigen Operetten.
Gleich zu Beginn eröffnet sich eine wilde und exzessive Ölfarbenschlacht zwischen Juliette und Armand. Dabei wird schnell spürbar, dass sich dieser Operettenabend in eine frische, freche und stimmungsvolle Richtung entwickeln wird. Wir treffen immer wieder auf Situationskomik, die den Rand des gesellschaftlichen Klamauks streift. Glücklicherweise verleiht die musikalische Interpretation dieser Operette spürbare Stabilität. Allen voran Bo Skovhus, der den Grafen von Luxemburg wunderbar kraftvoll in Szene setzt, sowie Juliane Banse (Angèle), Cornel Frey und Lavinia Dames, die als Armand und Juliette den Operettenschlager „Mädel klein, Mädel fein“ herzerfrischend und mit strahlenden Stimmen zum Besten geben.
Die Inszenierung von Jens-Daniel Herzog ist mit reichlich Witz und Ironie angelegt und dabei mit gesellschaftlichen als auch politischen Petitessen ausgestattet. Die künstlerische Umsetzung polarisiert und als Zuschauer verarbeitet man die Vielzahl unterschiedlicher Eindrücke mit gemischten Gefühlen. So bietet das schlicht gehaltene Bühnenumfeld wenig Glanz im Bohème-Milieu, wogegen dank turbulenter Drehbühnentechnik heitere und abwechslungsreiche Momentaufnahmen der komödiantischen Handlung vermittelt werden.
Herzog hat viele kleine Details eingebaut – mal feinsinnig mal grobkantig, mal kreativ, mal übertrieben. Es ist viel zu sehen und so wird es in dem schnell durchschaubaren unmoralischen Handlungsstrang nie langweilig.
Die Strahlkraft der rhythmischen Melodien und rauschenden Bögen wird durch ein feuriges Orchester eher überhöht als fein illustriert – aber auch das passt zu diesem Operettenabend.
Am Ende schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Berauscht von hervorragend gesungenen Operettenschlagern – zweifelhaft belustigt durch eine am Rande des Klamauks geführte Inszenierung.

Mehr zur Operette „Der Graf von Luxemburg

Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

 

Marion Hörsken über „Otello“

Diese Inszenierung ging unter die Hautotello_08_foto_hansjoergmichel

Wie sich Otello vom gefeierten Helden, geachteten General der Republik Venedig und liebenden Ehemann zum von Eifersucht tobenden gewalttätigen Mörder aus Rache entwickelt, hätte Ian Storey sicherlich in noch beeindruckenderer Art und Weise gezeigt, wenn er gesundheitlich auf der Höhe gewesen wäre.  Bis hin zum Mord an Desdemona im 4. Akt konnten die Zuschauer diese Wandlung von Otello hin zum Wahnsinnigen erleben, für den ich nicht den Hauch von Mitleid empfand.
Das Bühnenbild ist schwarz, die Kostüme sind schwarz, das Zusammenspiel von Licht, Schatten, Dunkelheit tragen dazu bei, diese böse Welt erlebbar zu machen. Ganz vorne dabei Jago: intrigant, perfide, subtil hinterlistig –  für mich in Perfektion verkörpert von Boris Statsenko. Mit jeder Arie, jeder Bewegung, jeder Mimik löst er Angst, Bedrohung und Verachtung aus. Ich war erschüttert, wie weit er sein böses Spiel getrieben hat. Wirklich beängstigend, nichtsdestotrotz grandios.
Sehr berührt war ich von Jacquelyn Wagner in der Rolle der Desdemona. Stark, liebevoll zu ihrem Mann, dennoch nach und nach voller Vorahnung, dass ihr der Tod bevorsteht. Wundervoll traurig ihr Gebet vor der Nachtruhe und ihr wehmütiges „Weidenlied“ aus ihrer unbeschwerten Jugendzeit im vierten Akt kurz vor ihrem Tod. Otello, blind vor Eifersucht, glaubt nicht an ihre Unschuld und erwürgt sie, Desdemona hält ihr weißes Hochzeitskleid fest an ihrem Körper.
Diese Inszenierung von Otello ging unter die Haut und ließ mich sehr nachdenklich den Heimweg antreten.

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Marion Hörsken
IHK Düsseldorf

Als Geschäftsführerin der Abteilung Industrie, Innovation und Umwelt bei der IHK Düsseldorf will Marion Hörsken dazu beitragen, dass Düsseldorf und die Region ein attraktiver Wirtschafts- und Industriestandort bleibt. Mit der „Langen Nacht der Industrie“ brachte sie – damals als Geschäftsführerin der Gesellschafts­initiative Zukunft durch Industrie e. V. – ein Leuchtturmprojekt in Sachen Industrieakzeptanz auf den Weg. Jetzt wird die Industrie- auch zur Kultur-Botschafterin und startet mit großem Ballett-Interesse und Neugier auf die Oper in unser Projekt.

 

Uwe Schwäch über „Otello“

Ein fesselndes Musikdrama

otello_12_foto_hansjoergmichelUnvermittelt – Verdi verzichtet bei dieser Oper auf eine Ouvertüre – eröffnet sich dem Zuschauer eine tiefschwarze Bühne, auf welcher der siegreiche Venezianer Otello nach Zypern zurückkehrt. Ohne den Einsatz von Requisiten beginnt ein dramaturgisch ausgereiftes Kammerspiel – Shakespeare lässt trefflich grüßen.
Auch die Musik weiß von Anfang an zu überzeugen. Der Chor mit „Flamme des Feuers“ nähert sich spannungs- und bewegungsreich dem Publikum und erzeugt einen ersten Gänsehauteffekt. Wenig später schwelgen wir in dem wunderbar vorgetragenen Liebesduett zwischen Otello und Desdemona – kraftvoll und zärtlich zugleich.
Vieles in dieser Inszenierung begeistert: Das einfallsreiche Spiel von Licht und Schatten, wie ein auf die Bühne Weiß projiziertes Kreuz als Symbol für den tief verankerten Glauben der Venezianer. Oder die Wandlung Otellos vom mächtigen Staats- und liebenden Ehemann zum rächenden Mörder, dessen Wahn im 4. Akt den Zuschauer durch ein bewegendes Schattenspiel ergreift.
Michael Thalheimer schafft eine psychologische Enge und Bedrängtheit, in der sich die Protogonisten in einer schwarzen, bösen Welt bewegen. Allen voran die Figur des Jago, der seinem Herrn intrigant zugewandt ist und das Böse beängstigend verkörpert. Boris Statsenko taucht so tief in diese Rolle ein, dass jede Arie, jeder Ton, jede Gestik und Mimik Angst und Erschütterung auslöst. Ebenso herausragend singt Jacquelyn Wagner die Rolle der Desdemona. Sie brilliert mit einem klaren und feinfühligen Sopran und ihre beiden Arien im 4. Akt kündigen voller Melancholie ihren nahenden Tod an. Die musikalische Dramatik der als Decrescendo verlaufenden Oper wird am deutlichsten in der Titelrolle erlebbar. Otello verfällt zunehmend seinem von Jago provozierten Wahn. Von ihm wie auch von den anderen Akteuren wird nicht nur eine gesangliche, sondern auch eine schauspielerische Höchstleistung abverlangt.
Höchstleistungen erbringen auch der Chor und das von Axel Kober geleitete Orchester. Der optisch herausragende Moment gelingt mit der Chorversammlung auf einer Treppe, die wie ein Bild meisterhaft in die schwarze Bühne integriert wird. Die Instrumentierung erfolgt pointiert von kraftvoll bis höchst einfühlsam. Wir hören und spüren diese Feinfühligkeit beispielsweise im letzten Akt, wenn Englischhorn und Bläser den strophischen Gesang der Desdemona begleiten und tiefe Kontrabässe im Anschluss ihr mörderisches Ende ankündigen.
Bei diesem Otello steht das Böse im Vordergrund. Was wir dabei sehen und hören ist gleichberechtigt. Ein fesselndes Musikdrama, das man so schnell nicht vergessen wird. Schon jetzt ein Highlight dieser noch jungen Opernsaison.

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 Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

 

Roland Schüren über „Otello“

Ein Megadrama in Otellos Hirn

otello_14_foto_hansjoergmichel„Hirndrama“ ist das Schlagwort, das mir aus der Einführung eine halbe Stunde vor Aufführungsbeginn wohl immer in Erinnerung gerufen werden wird, wenn ich zukünftig an „Otello“ und damit an meinen ersten Opernbesuch seit 25 Jahren erinnert werde.
In Otellos Hirn spielt sich drei Stunden lang ein Megadrama ab. Und ich sitze quasi mittendrin, im schwarzen Kasten seiner inneren Schädeldecke. Kann mit allen durch die Oper erreichbaren Sinnen seine detaillierten Gedankengänge verfolgen. Der schwarze Kasten des Bühnenbildes mit den passend gekleideten und beleuchteten Kostümen der Darsteller ist ganz großes Kopfkino für mich. Und das auch noch alles vollkommen analog und richtig live im Klassik-Suround-Sound. Das ist ja so was von un-digital unglaublich. – Macht mich diese Otello-Inszenierung jetzt auf einen Schlag zum Opernfan?
Könnte sein. Ab Mitte des dritten Aktes ertappte ich mich erstmals dabei, „im Flow“ der Oper zu sein. Ich merke ab und an, wie sich Analogie-Gedanken an das echte Leben, an das Hier und Jetzt, in meine Überlegungen schleichen. Spätestens im vierten Akt hat mich Desdemona in ihrem langen Solo mit Hochzeitskleid dahinschmelzen lassen. Dabei merkte ich, dass ich gar nicht mehr den Übertiteln folgte, sondern vollkommen in dem Stück versunken war. Die debütierende Jacquelyn Wagner als Desdemona – hervorragend. Und Boris Statsenko als Jago? War der zuvor bei Jack Nicholson zum Mimiktraining? – Ein Hammerkerl! Diese beiden Darsteller haben mich wirklich stark beeindruckt.
Ich gehe mit Fragen aus der Vorführung. Denke darüber nach, wie man Eifersucht sinnvoll bekämpfen kann. Wie der Glaube dabei behilflich sein kann und wie man echte fiese Typen und ihre Machenschaften frühzeitig durchschauen und entmachten kann. – Und auch mal ganz kurz an Donald Trump. – Danke Otello!

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Roland Schüren
Inhaber der Bäckerei „Ihr Bäcker Schüren“
Bereits in vierter Generation führt Roland Schüren den Familienbetrieb „Ihr Bäcker Schüren“ mit Hauptsitz in Hilden. Mit seinem Anspruch an Qualität, Produktvielfalt und Nachhaltigkeit gilt er als einer der besten und innovativsten Handwerksbäcker in Düsseldorf und der Region. Ihm und seinen Bäckern macht es Spaß, alles selbst herzustellen – ohne Fertigmischungen und Massenproduktion, dafür mit viel Zeit und handwerklichem Können. Da gibt es doch Parallelen zu unseren Opern- und Ballettproduktionen …