Ralf Kreiten über „Die lustigen Weiber von Windsor“

Ein entspannter, aber auch langer Opernabend

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Endlich mal wieder eine Oper, bei der ich nicht ständig darüber nachdenken musste „Was soll mir das ganze eigentlich sagen?“. Es gibt sicher Kritiker, die in der Geschichte der „Lustigen Weiber von Windsor“ eine verstaubte und langweilige Biedermeieroper sehen;  mir hat die komisch-fantastische Oper von Otto Nicolai aber doch sehr gefallen. Bereits bei der Ouvertüre spricht mich die sehr melodische Musik in Verbindung mit dem fantasie- und effektvollen Bühnenbild von Dieter Richter an. Nur die Darstellung der Hängung des Jägers Herne überrascht mich, da ich für diesen Abend kein düsteres Grusel-Spektakel sondern eine Opera buffa erwartet habe. Die kommt dann aber doch mit der Geschichte über den verarmten und verfressenen Sir John Falstaff,  der zwei Nachbarinnen, Frau Fluth und Frau Reich, den gleichen Liebesbrief schreibt. Die beiden nutzen dies nicht nur, um dem Dicken eine Lehre zu erteilen, sie führen auch den eifersüchtigen Ehemann von Frau Fluth vor, denn beide sind in ihren Ehen auch nur mäßig glücklich. Komplettiert wird die Geschichte mit der geplanten  Vermählung  von Tochter Anna Reich mit einem der beiden Favoriten der Eltern, Dr. Cajus, (Günes Gürle -herrlich komisch mit französischem Akzent) oder Junker Spärlich, dabei liebt Anna doch den armen Schlucker Fenton. Dietrich W. Hilsdorfs Inszenierung ist bildgewaltig und zeigt uns die Schwächen, gar Abgründe,  des biedermeierlichen Bürgertums sehr genau.  Aber es muss eben nicht das größte Stück sein, um einen großen Abend erleben zu dürfen. Biedermeier eben, im Bild, in den Kostümen und in einer verspielten, aber treffsicheren Inszenierung. Die musikalische Seite gelingt dazu noch außerordentlich gut. Dass Generalmusikdirektor Axel Kober von der Musik schwärmt, merkt man daran, wie er die Duisburger Philharmoniker sowohl bei den heiteren als auch bei den dunkleren Momenten der Oper gekonnt führt. Ein Glücksgriff ist Thorsten Grümbel mit seinem starken Bass, der zwar nicht die Figur des Fallstaff besitzt (und dafür in einen Fatsuit schlüpfen muss), dank dem der Zuschauer dem kauzigen Schürzenjäger trotz seiner vielen Fehler aber auch Sympathie abgewinnen kann. Ideal besetzt auch die beiden Weiber, Heidi Elisabeth Meier als Frau Fluth und Katarzyna Kunico als Frau Reich. Komödiantisches Spiel und, im Duett singend, wunderbar stimmlich zueinander passend. Auch die weiteren Sängerinnen  und Sänger haben zu dem sehr angenehmen Abend beigetragen; besonders hervorzuheben noch die hervorragende Anna Princeva als Jungfer Anna Reich und Tenor Jussi Myllis als Fenton. Der Chor hat berückend schöne Momente . Ein langer Opernabend bietet viel Zeit für viele schöne Erlebnisse und die hat man bei dieser Oper dann auch.  Deshalb sollte man, auch als Opernlaie, unbedingt hingehen.

Weitere Informationen zu „Die lustigen Weiber von Windsor“

Opernscout Ralf Kreiten-1Ralf Kreiten
Abteilungsleiter Sparkasse Krefeld
Schon vor 30 Jahren hat Ralf Kreiten über ein Theaterabo seine Liebe für die klassische Musik, besonders für die Oper, entdeckt. Seit 4 Jahren Duisburger, genießt er jetzt das kulturelle Angebot der Stadt, insbesondere die Aufführungen der Deutschen Oper am Rhein. Über seine Tätigkeit als Opernscout bekommt er jetzt auch einen Zugang zum Ballett, oft ist er sogar sehr begeistert. Diese Erfahrung gibt er gerne an andere Duisburger weiter, um vielleicht auch deren Interesse zu wecken Neues zu entdecken.

Astrid Klooth über „Die lustigen Weiber von Windsor“

 Die Liebe in Zeiten des Biedermeier

lustigeweiber_12_foto_hansjoergmichelOtto Nicolais komisch-fantastische Oper in drei Akten, komponiert 1845/ 46, nimmt das Thema des gleichnamigen Lustspiels von Shakespeare auf, noch vor Verdis Oper „Falstaff“, die ebenfalls auf dem Shakespeareschen Drama beruht. Zwar ist Nicolai weniger bekannt als der italienische Nachfolger,  dennoch macht gerade die Umsetzung des Shakespeare-Stoffes in das Zeitalter des Biedermeier seinen ganz eigenen Reiz aus.
Die Handlung ist schnell erzählt:  Der verarmte, verfressene und dem Alkohol zugeneigte Falstaff schreibt den Damen Reich und Fluth jeweils einen identischen Liebesbrief. Als diese  davon Wind bekommen, beschließen sie, gekränkt in ihrer Eitelkeit und Ehre,  sich an Falstaff zu rächen.  Nach allerhand turbulenten Irrungen und Wirrungen wird im Verlauf Handlung nicht nur Falstaff von der Dorfgemeinschaft abgestraft, auch das holde Töchterlein der Familie Reich hält sich letztendlich ihre beiden unmöglichen Verehrer vom Hals und landet in den Armen ihres  geliebten, aber mittellosen Fenton.
Das eigentlich Interessante an dieser Oper ist, und das wird auch in der Inszenierung von Hilsdorf geschickt herausgearbeitet, ihre musikalische und inhaltliche  Doppelbödigkeit: So finden sich typische opera buffa Elemente, z. B. in der Darstellung der Verehrer Spärlich und Cajus sowie in den überzogenen Koloraturen, wenn Frau Fluth vorgibt, dem Werben von Falstaff anheimgefallen zu sein.
Andererseits ist Nicolai ein Kind des Vormärz und der Romantik: Inbrunst und mystische Naturverbundenheit der deutschen Romantik finden sich  entsprechend als ständige Reminiszenzen à la Caspar David Friedrich (Bäume, Mond, gotische Ruinen) im  Bühnenbild.
Das romantische Ideal der Liebesheirat, welches im 19. Jahrhundert im Bürgertum zunehmend favorisiert wird, wird verkörpert in den Figuren von Anna und Fenton. Allerdings wird schnell deutlich, dass im politisch entmachteten und um seine Existenz fürchtenden Bürgertum merkantile Interessen überwiegen, veranschaulicht durch die Ablehnung des ehrlich liebenden, aber mittellosen Fenton.
In der Inszenierung wird die repressive Atmosphäre des Vormärz, sowohl in sexueller als auch in politischer Hinsicht, geschickt und nicht allzu  aufdringlich aufgezeigt: So finden sich die gotischen Mensch-Natur Elemente verfremdet in holzvertäfeltem Biedermeier Interieur wieder. In einer Szene reißt die  junge Anna, die  unter dem Verheiratungsdruck ihrer Elternleidet, das Fenster, natürlich  auch in gotischer Ornamentik gehalten, weit auf, um nicht am biedermeierlichen Mief ersticken zu müssen.
Noch deutlicher wird die Inszenierung, als der Beichtstuhl im zweiten Akt zum Huren- und Freiertreffpunkt verkommt – ein wenig dezenter Hinweis auf die Scheinheiligkeit und Verderbtheit  des arrivierten Bürgertums.
Einzig Falstaff lässt sich nicht verbiegen, versteckt seine Lust und Gelüste nicht in höfischer Nachahmungsmanier und zieht sich so Spott und Hass des bigotten, moralisch und finanziell zutiefst verunsicherten Bürgertums zu: Er wird am Ende fast zum Opfer eines Lynch-Mobs, doch auch diese Szene wird doppelbödig aufgelöst zu einem heiteren, fast schon komischen Opernende.
Die Sänger waren allesamt mit großer Lust am Spiel dabei, musikalisch überzeugten mich besonders Thorsten Grümbel als Sir John Falstaff, Heidi Elisabeth Meier als Frau Fluth und Anna Princeva als Anna sowie Jussi Myllys als Fenton.

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Astrid Klooth
Oberstudienrätin im Hochschuldienst
Durch ihre Mitgliedschaften im Philharmonischen Chor und im Theaterring Duisburg ist Astrid Klooth Orchester und Theater seit vielen Jahren verbunden. Als Uni-Dozentin hat sie fast täglich mit jungen Menschen zu tun und hofft, durch ihre Beiträge ihr Interesse am Musiktheater noch mehr Menschen zugänglich machen zu können.

 

Stephanie Küthe über „Die lustigen Weiber von Windsor“

Ein Abend, der gute Laune macht

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Es ist ein komisch-fantastischer Abend, der den Zuschauer erwartet. Otto Nicolai spannt mit seiner heiteren Spieloper musikalisch den Bogen vom leichten Stil eines Rossini bis hin zur Jagd-Romantik eines „Freischütz“. Diesen Bogen greift Dietrich Hilsdorf in einer durchweg unterhaltsamen Inszenierung auf. Er nimmt uns mit in die Entstehungszeit seines Werkes und setzt die heitere Spieloper in pompöse romantische Schauplätze. Die Transformation in die Zeit des Biedermeier geht voll und ganz auf. Die lustigen Weiber genießen es in vollen Zügen, aus ihrem spießbürgerlichen Leben auszubrechen und sonnen sich selbstzufrieden und ausgelassen in ihren Späßen, wenn auch auf Kosten des dicken Sündenbocks Falstaff. Man versteckt sich hinter vermeintlicher Familienidylle und zeigt auf den Anderen, um die eigenen Laster zu verbergen. Die Wollust und Trinksucht, die man ihm vorwirft, wird vom gesamten Bürgertum selbst gelebt. Hier ist Hilsdorf in seinem Element, inszeniert selbst die großen Massenszenen bis ins kleinste Detail, mit dem unverfroren schamlosen Humor, den man von ihm kennt. Im ersten Teil steht der Alkohol im wahrsten Sinne des Wortes im Vordergrund, es wird fröhlich gebechert und großzügig nachgeschenkt, obwohl Frau Fluth am Anfang völlig selbstüberzeugt klarstellt „Ich trinke nie!“. Nicht nur der Spaß der Weiber über ihre intriganten Pläne steckt an, zu gerne möchte man mit ihnen darauf anstoßen. Der zweite Teil wird von Hilsdorf kurzerhand vom Gasthof in eine Kapelle mitsamt Beichtstuhl verlegt. Wer ihn kennt, weiß gleich zu Beginn der Szene, dass es hier alles andere als frömmelnd zugehen wird – eigentlich schade, hier hätte ich mir mehr erwartet als nur den Rückgriff auf alte Inszenierungsideen. Trotzdem überzeugt die Umsetzung. Das Trinkgelage, eine weitere Intrige gegen Falstaff und das Aufeinandertreffen der Jungfer Anna mit gleich dreien Ihrer Verehrer wirken in dem krassen Kontrast zur „heiligen“ Umgebung noch komischer. Hier zeigt Hilsdorf anschaulich und provokativ, wie es um die moralischen Werte des Bürgertums wirklich bestellt ist. Der dritte Teil ufert schließlich in dem kollektiven Verhöhnen des Sündenbocks Falstaff aus. Ort des Geschehens ist eine düstere Burgruine im Wald, die fantastisch zu dem Jagdthema in Nicolais Musik und der Ballade vom schauerlichen Jäger Herne passt, die hier zitiert wird. Die Art und Weise wie Falstaff in dieser Kulisse von einer eindrucksvollen Masse aus Chor, Solisten und Statisterie in gruseligen Kostümen attackiert wird, wirkt außerordentlich bedrohlich. Am Ende wird Falstaff zwar verschont, seine Aussage bleibt aber als Botschaft zum Nachdenken stehen: „Ich bin am Boden; die Ignoranz in Person setzt sich als Maßstab über mich.“ Bei aller oberflächlichen Unterhaltsamkeit dieser Spieloper eine starke Aussage, die durchaus Aktualität besitzt. Die musikalische Umsetzung beeindruckt von vorne bis hinten, Axel Kober verleiht dem Abend die gewünschte klangliche Spritzigkeit. Aus der Reihe der Solisten sticht vor allem Heidi Elisabeth Meier mit Ihrem brillanten Sopran heraus. Aber auch der in Wirklichkeit gertenschlanke Thorsten Grümbel füllt mit seiner Stimme den massigen Schaumstoffkörper des Falstaff beeindruckend überzeugend aus. Schauspielerisch und gesanglich herausragend ist auch mal wieder der Chor der Deutschen Oper am Rhein. Gewohnt zuverlässig zeigen sich auch die Duisburger Philharmoniker.

Weitere Informationen zu „Die lustigen Weiber von Windsor“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.Stephanie Küthe
Event-Managerin
Seit ihrer Kindheit sei sie von der Oper fasziniert, sagt Stephanie Küthe, die keine Inszenierung der Deutschen Oper am Rhein verpasst. Ihre Leidenschaft fürs Musiktheater führte sie bereits zu Jobs in der Dramaturgie, beim Bonner Opernmagazin und, nach einem Studium der Musikwissenschaften, in die Musicalbranche. Nun singt sie mit Begeisterung im Chor und freut sich darauf, als Opern- und Ballettscout noch tiefer in die Welt der Oper einzutauchen.

Sabine Josten über „Die lustigen Weiber von Windsor“

„Desperate Housewifes“ zu Gast bei „Sex and the City“

lustigeweiber_03_foto_hansjoergmichelPassend am 11.11.2016 zu Beginn der närrischen Jahreszeit hatte die Opernkomödie „Die lustigen Weiber von Windsor“ nach Shakespeares Lustspiel in der Fassung von Otto Nicolai Premiere auf der Bühne der Deutschen Oper am Rhein in Duisburg.
Ich möchte hier nicht auf die komplette Handlung eingehen, da sich Interessierte sicherlich selbst auf den Besuch der Oper entsprechend vorbereiten und diese somit bekannt ist.
Aber kurz gesagt, die Komödie handelt von Eifersucht, Komplotte schmieden, Trinklaster, Trinkgelage, Liebe und Sex. Provokativ waren das Saufgelage und die Darstellung einer aus dem Beichtstuhl herauskommenden barbusigen Dame in einer Kapelle.
Zunächst war ich überrascht von der Hinrichtung in einem düsteren Wald zu Beginn, was so nicht zu einer Komödie gehört, jedoch zur Geschichte.
Als dann die Damen Fluth (Heidi Elisabeth Meier) und Reich (Katarzyna Kuncio) mit dem Gesang vor einer wunderschönen Kulisse begannen war man von Anfang an gefangen in der Geschichte. Die Stimmen der beiden Darstellerinnen harmonierten wundervoll miteinander.
Die Damen haben bekanntlich einen gleichlautenden Liebesbrief von Sir John Falstaff erhalten und schmiedeten daraufhin einen Denkzettel der besonderen Art. Falstaff, selbstverliebt und sich als unwiderstehlich haltend, wurde wunderbar gespielt von dem sehr schlanken Thorsten Grümbel. Er wurde dank der guten Arbeit der Maskenbildner und Kostümmitarbeiter zu einer Figur mit einem sichtlich dreifachen Gewicht.
Eingebettet war natürlich auch eine gefühlstriefende Liebesgeschichte von Anna Reich, die von den Eltern eigentlich mit einem wohlhabenden Mann vermählt werden sollte, die Liebe aber gesiegt hat und sie am Ende ihren Fenton heiratet. Anna Reich wurde gespielt von der stimmüberragenden Anna Princeva.
Die Redensart „jemanden die Hörner aufsetzen“ kommt am Ende auch eindrucksvoll zum Ausdruck.
Insgesamt bot sich eine sehr schöne kurzweilige Oper, wobei man von einer Komödie natürlich keinen Tiefgang erwarten kann. Die Besetzung wurde hervorragend gewählt. Die Arbeit der gesamten Mitarbeiterschaft des Theaters vom Bühnenbild über die Kostüme bis zur Maske war sehr gut.
Ich empfehle diese Oper Opernneulingen, die sich so an diesen Musikstil herantasten können. Aber auch für Liebhaber von Klassikern ist ein Besuch natürlich ein Muss. Man sollte aber berücksichtigen, dass trotz zweier Pausen man nach über drei Stunden doch sehr erschöpft ist.

Weitere Informationen zu „Die lustigen Weiber von Windsor“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.Sabine Josten
Immobilienökonomin
Als engagierte Bürgerin setzt sich Sabine Josten für die Zukunft Duisburgs ein. Unter anderem ist sie Mitglied der Zeitzeugenbörse Duisburg e.V. und verfasst ab und an einen Artikel für den „Lokalkompass“. Sie stand fünf Jahre lang als Statistin bei der Deutschen Oper am Rhein auf der Bühne und ist nach wie vor begeistert vom Kulturgut Oper.  Gerne möchte sie auch andere Menschen dafür begeistern.

Jessica Gerhold über „Die lustigen Weiber von Windsor“

Harmloses Lustspiel als gelungener Spielzeitstart

lustigeweiber_04_foto_hansjoergmichelNach einer langen Sommerpause freute ich mich auf meine erste Opernpremiere in der neuen Spielsaison und wurde von Otto Nicolais komisch-fantastischer Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“,  adaptiert nach Shakespeares gleichnamiger Komödie, wunderbar begrüßt. Schon die erste Szene zog mich mit ihrem mystisch gestalteten Bühnenbild und der leicht untermalenden Musik in ihren Bann. Überhaupt möchte ich einmal feststellen, dass meine größte Erwartung eigentlich jedes Mal dem Bühnenbild gilt, da ich bis auf „Turandot“ noch nie enttäuscht wurde, sondern jedes Mal fasziniert, ob des Ideenreichtums oder der Umsetzung, bin. Bezogen auf das Stück fand ich es eine interessante Idee die Aufführung in die Zeit des Biedermeiers,  Nicolais Schaffenszeit, zu setzen. Leider muss ich aber sagen, dass, auch wenn ich die Inszenierung mit Interesse verfolgte, ich die musikalische Gestaltung für eine Shakespeare-Adaption viel zu harmlos und im wahrsten Sinne zu bieder, langweilig und ohne emotionale Spitzen empfand. Sie wurde meiner Meinung nach, nicht den derben Sprüchen, sexuellen Anspielungen und intelligenten Frauen und Wortwitzen des Originals gerecht. Aber Nicolai ist eben auch nur ein Kind seiner Zeit. In die heutige Zeit passt diese Inszenierung nicht mehr. Das Original bietet einfach so viel mehr Potential, das hier nicht ausgeschöpft wurde. Alle Künstler präsentierten ihre Rollen authentisch und mit wahnsinnig viel Energie. Mit besonderer Bewunderung verfolgte ich Frau Fluths Darstellung und starkem Gesang, sowie Sir John Falstaffs überzeugender fülliger Umsetzung. Schlussendlich empfehle ich die Oper aber dringend weiter, da ich sie trotz der langen Spielzeit als kurzweilig empfand, man viel über die Biedermeierzeit lernt, ein fantastisches Orchester, Bühnenbild und großartig sympathische Künstler auf der Bühne sieht. All diese Komponenten verhalfen mir, dass aus diesem harmlosen Lustspiel insgesamt ein gelungener Start in die neue Spielzeit wurde.

Weitere Informationen zu „Die lustigen Weiber von Windsor“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Jessica Gerhold
Gymnasiallehrerin
Jessica Gerhold ist gebürtige Duisburgerin und arbeitet als Gymnasiallehrerin. Von jeher hat sie sich für das Theater interessiert.  Bei ihrer Berufung zum Opernscout war sie eher skeptisch, ob sich ihre bisher eher distanzierte Haltung zu Oper und Ballett verändern würde. Nach ihrer ersten Spielzeit sind die Zweifel verflogen. Sie ist stolz auf das, was in ihrer Heimatstadt geleistet wird und hofft, dass sich zukünftig viel mehr Menschen von der Leistung der Künstler live faszinieren lassen.

Christoph Grätz über „Die lustigen Weiber von Windsor“

Ohne Risiken und Nebenwirkungen

oder: Drei Stunden können ganz schön lang sein

lustigeweiber_05_foto_hansjoergmichelDas Vorspiel zu Otto Nicolais Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ war vielleicht das Tiefgründigste, was dieser Abend zu bieten hatte und überraschend für eine komische Oper das eröffnende Bühnenbild: Eine Hinrichtungsszene im dunklen Wald von Windsor vor düsterer Kirchenruine. Der hier vor hunderten Jahren Gerichtete war der Jägersmann Herne, dessen Geist seitdem durch die grafschaftlichen Wälder spukte und Schrecken verbreitete – ein gespenstisches Szenario das sich zwei zutiefst gekränkte Damen zur Verwirklichung Ihres Rachefeldzuges noch zunutze machen würden. So der vielversprechende Anfang der Oper, die dann jedoch rasch ins Belanglose abglitt, wenn auch professionell vorgetragen und mit durchaus witzigen Momenten versehen. Besonders schön war hier, wie perfide die zwei Nachbarinnen, Frau Reich und Frau Fluth ihren Plan ausheckten, dem lästigen Ritter Falstaff eins auszuwischen. Dieser eitle, tumbe, geile und versoffene Lurch hat es aber auch nicht besser verdient, stellt er doch gleich beiden Frauen mit wortgleichem Schmachtbrief nach um ein Rendezvous zu ergaunern. Kein Wunder, dass diese beiden lustigen – oder besser listigen – Weiber ihm eine Lektion in weiblicher Durchtriebenheit erteilen. Rache, ein Gericht das kalt genossen werden sollte – hier aber dann doch eher lauwarm geriet. Falstaff, der so gestrafte Ritter und unwiderstehliche Frauenheld – jedenfalls in der eigenen Wahrnehmung – war hier wirklich großartig gespielt und gesungen vom Bass Torsten Grümbel, der sich für die Rolle des übergewichtigen Trunkenboldes ein Fatsuit anlegen musste. Hier gefielen mir vor allem die Gelageszenen der Zecher, Huren und Ganoven und das Geigensolo von Siegfried Rivinius, der auf der Bühne sich selbst spielte. Die Stimmen der lustigen Weiber Frau Fluth und Frau Reich waren hier mit Heidi Elisabeth Meier und Katarzyna Kuncio hervorragend besetzt, zumal gerade diese beiden Frauenstimmen in den Duettpassagen glänzend harmonierten. Auch die Ehemänner der beiden bürgerlichen Frauen waren gut besetzt mit Stefan Heidemann als Frank Fluth und Sami Luttinen als Georg Reich. Aber was nutzt die beste Besetzung, wenn die Geschichte nicht genug hergibt. Ich habe emotionale Momente der Zerrissenheit, Trauer, Wut, Leidenschaft ebenso vermisst wie Gesellschaftskritisches. Das Stück hätte durchaus das Potential: bürgerliche Fassade, mehr Schein als Sein, gesellschaftliche Erwartungen, Rollenkonflikte zwischen Männern und Frauen. War hier die Vorlage zu schwach oder doch die Inszenierung? Ich mag das nicht abschließend beurteilen, mir jedenfalls mangelte es an emotionaler Fallhöhe. Die Aufführung hat mich nicht gefesselt, auch musikalisch nicht, von einigen Momenten abgesehen. Die Musik war mir zu sehr Promenaden-Platzkonzert, die Komik der Figuren zum Teil bis zur Klamotte überzeichnet. Die Liebesgeschichte von Fenton und Anna, hervorragend gesungen von Jussi Myllys und Anna Princeva, war zu vorhersehbar. Auch hier hätte der Konflikt in der Familie Reich mehr Tiefgang verdient. Beklemmend habe ich allerdings die Szene empfunden, als alle Bewohner der Grafschaft wie auf eine Jagd loszogen, um den geschmähten Ritter im Wald aufzuspüren. Ich war doch froh, dass diese Szene versöhnlich endete, als die bürgerliche Gesellschaft dem „Sünder“ Falstaff dann doch die Hände reichte. Eine Geste, die zeigte: „Du hast zwar Mist gebaut, gehörst aber trotzdem zu uns.“ Wäre doch derart Versöhnliches im richtigen Leben auch häufiger der Fall. Ich war, trotz zweier Pausen, nach den gut drei Stunden Vorstellung mit zu wenig Tiefgang und zu viel Seichtigkeit wirklich erschöpft. Auch wenn die Sprechoper auf hohem stimmlichen und schauspielerischen Niveau vorgetragen war, bot diese Inszenierung mir dann doch zu wenig für Kopf und Gefühl. Ein Abend, zwar ohne Risiken aber leider auch ohne erwünschte Nebenwirkungen.

Weitere Informationen zu „Die lustigen Weiber von Windsor“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.Christoph Grätz
arbeitet für die Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik. Als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er in seiner Arbeit zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Als Scout entdeckt er nun Oper und Ballett und freut sich, etwas davon mitteilen zu dürfen.

Christina Irrgang über „Die lustigen Weiber von Windsor“

Die Komik vergeht

LustigeWeiber_10_FOTO_HansJoergMichelDer Abend beginnt romantisch und mit etwas Spuk: Vor dem Hintergrund einer Abtei-Ruine im dämmernden knöchernen Wald – ein Bild im Stile Caspar David Friedrichs – zeichnet sich durch phantastische Überblendung die Sage vom Jäger Herne ab, der einstmals Förster im Wald von Windsor war und nun in eben diesem Walde zu Mitternacht sein Unwesen treibt. Dieser Prolog zu Otto Nicolais Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“, die 1849 im Königlichen Opernhaus Berlin uraufgeführt wurde, soll ein weiteres Mal am Ende des Stückes tragend werden. Was nun folgt, ist die Falstaff-Erzählung nach William Shakespeare, hier jedoch aus dem 16. Jahrhundert hinein in die Zeit des Biedermeier transferiert. Es geht um erhoffte, erschlichene, ermüdete, um falsche, geprellte, erpresste und um wahre Liebe – erzählt in einem humoristischen Ton.

Die Oper ist mit ihrer Verve äußerst kurzweilig, die von den Düsseldorfer Symphonikern großartig umgesetzte Musik trägt dabei mitreißend von Akt zu Akt, wobei die Arien von Luiza Fatyol in der Rolle der Anna Reich und Ovidiu Purcel als Annas Geliebter Sir Richard Fenton gesangliche Glanzmomente bieten, so auch Anke Krabbe als Alice Fluth und Hans-Peter König als der sie umgarnende Sir John Falstaff. Das unter Dietrich W. Hilsdorf inszenierten Stück ist bis kurz vor Schluss zweifelsohne sehr überzeugend dargeboten, ein Schwelgen im Medium Oper. Doch mit dem erneuten Eintreten in den nächtlichen Wald von Windsor, in dem der als Herne verkleidete Falstaff von den maskierten Bewohnern des Ortes mit Messern und Gabeln gefoltert wird, kippt die zuvor noch mitreißende Dramaturgie (Bernhard F. Loges) und der Moment der szenischen Illusion erhält ein hässliches Gesicht: Ein ethisch sensibler Moment der Realität bricht ein, und führt die Glaubhaftigkeit der künstlerischen Umsetzung des Stückes durch ein großes Fragezeichen über diese Szenerie (die nach der Folter wieder vergeblich zur Komik zu wechseln sucht) hin zu empfundener Fassungslosigkeit. So schließt hier ein Kritikmoment über die Gestaltung dieser Folter-Szene an, wie auch ein weiterer im Nachklang bezüglich der Ausrichtung des Programmheftes.

Die Folter-Szene der Inszenierung: Wie kann man nach dem Abu-Ghraib-Folterskandal, dessen Bilder erstmals 2004 die Öffentlichkeit erreichten, die Maskierung der Gefolterten als Kostümierung der Folternden aufgreifen, welche in Kutten, Masken und Besteck über Falstaff herfallen? Können diese Bilder aus Abu Ghraib in unserer Erinnerung so einfach überspielt werden, können sie einen Ausnahmezustand zwischen historischer Folterkutte, Ku-Klux-Klan und dramaturgisch visueller Interpretation auf der Bühne bilden? Können diese Bilder ihrer Bedeutung enthoben werden? Diese Kostüme von Renate Schmitzer haben mich in ihrer szenischen Darstellung schockiert. Ein Aufsatz, der mich 2014 wie kein anderer berührt hat, ist „Folter und die Ethik der Fotografie“ von Judith Butler (in: Bilderpolitik, hrsg. von Linda Hentschel, Berlin 2008, S. 205-228). Die Rahmung der Folter, die Butler in ihrem Aufsatz durch die Setzung von Fotografien (also von Bildmomenten) kritisch diskutiert, legte sich auf erschreckende Weise hier auf der Bühne wie ein Bildkader um die Gruppe, die Falstaff foltert. Statt der Ethik der Fotografie, stellt sich nun die Frage nach der Ethik der Inszenierung auf der Bühne.

Geschlechter-Perspektiven im Programmheft: Für den Dramaturgen Bernhard F. Loges ist Falstaff „ein Synonym für anarchistische Freiheit“, ja „ein Gespenst der Freiheit“, wie er im Programmheft (S. 9) schreibt. Ein Gespenst, für das sich Loges, der in dieser Opern-Produktion auch als Redakteur des Programmheftes agiert, in gewisser Weise stark macht. Die recht homogenen Beiträge sind nicht nur ausschließlich von männlichen Autoren verfasst, sondern auch in ihren Inhalten vorwiegend maskulin geprägt – während die Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ in ihrem Narrativ doch aus der Perspektive zweier Frauen heraus formuliert, den aneignenden Blick von Männern auf Frauen kritisierend. Und geht es hier nicht viel mehr um die Freiheit der Frauen von Windsor, die sich gegen ein Benutzen ihrer Weiblichkeit – zwischen freier Liebe und Ehe – auflehnen, eben weil sie sich als unabhängige Akteurinnen behaupten? Alice Fluth und Margarete Reich schließen ein Bündnis gegen die Ermächtigung ihrer Personen durch Falstaff, der mit beiden Frauen parallel Verabredungen beschließt. Fluth droht – auf zweiter Ebene ihre Autonomie behauptend – ihrem eifersüchtigen Gatten mit der Scheidung, und Anna, die Tochter von Frau Reich, entscheidet selbst, wen sie heiratet – für die Liebe, entgegen dem Werturteil ihrer Eltern. Das Stück wird von weiblicher Emanzipation getragen, die durch ihre je eigene Schlagfertigkeit weiß, sich selbst zu behaupten. Während die singenden Stimmen in der Oper so klar umrissene Standpunkte einnehmen und emphatisch verkörpern, wirken die Texte im Programmheft diesbezüglich leider kontraproduktiv.

Diese beiden Momente hinterlassen ein fahles Gefühl.

Weitere Informationen zu „Die lustigen Weiber von Windsor“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/die-lustigen-weiber-von-windsor.1047802

OpernscoutsChristina Irrgang
Freie Autorin

Christina Irrgang lebt und arbeitet als freie Autorin in Düsseldorf. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der sie aktuell über den Fotografen Heinrich Hoffmann im Kontext politischer Bildstrategien promoviert. Parallel zum Schreiben verfolgt sie im künstlerischen Bereich ihr Musik-Projekt BAR, das sie 2013 mit Lucas Croon gegründet hat. Sie ist außerdem Stipendiatin 2016 der Kunststiftung Baden-Württemberg in der Sparte Kunstkritik. In der Spielzeit 2015/16 ist sie zum zweiten Mal begeisterter Opern-und Ballett-Scout!